28.4.22

Downton Abbey: Eine neue Ära


USA 2022 (Downton Abbey: A new Era) Regie: Simon Curtis, mit Hugh Bonneville, Laura Carmichael, Jim Carter, Brendan Coyle, 126 Min., FSK: ab 0

Downton-Fans sollten unbedingt eine Anwesenheitsliste im Kopf bereithalten: Es geht bei solchen Filmen nach solchen Serien immer um das erfreuliche Wiedersehen. Bei „Downton Abbey: Eine neue Ära" erschreckend überdeutlich, wenn zu Anfang und Ende alle Figuren aufgereiht Spalier stehen. Wer ist noch dabei, wen haben wir vergessen? Am Ende wird eine fehlen, was allerdings niemanden überrascht.

Viel zu lang fällt das Auslaufmodell Adel schon dem Nachfolger Demokratie lästig. (Einige dieser Dinosaurier wollen in Deutschland sogar dafür entschädigt werden, dass sie mit den Nazis aufs falsche Pferd gesetzt haben.) Viel zu lang ist auch die harmonietriefende, handlungsarme Fortsetzung des ersten Kinofilms, der die Serie fortsetzte, die sich von 2010 bis 2015 in 52 Folgen über sechs Staffeln ausbreitete. Zusammengefasst musste die ach so bedauernswerte Adelsfamilie Grantham mit ihrem Personal am Anfang des 20. Jahrhunderts furchtbare und skandalöse Dinge erleben: Vom Untergang der Titanic bis zur Einführung des Frauenwahlrechts. Von Handlung kann man jedoch kaum sprechen - alles ist extrem statisch mit einer Teetasse in der Hand gesprochen. Und wird mindestens dreifach wiederholt!

Zum Glück gibt es wenigstens zwei Handlungsstränge, welche die edle und angeblich detailgetreue Langeweile etwas auflockern: Zuhause macht ein Filmteam die verstaubten Gemäuer des Anwesens Downton Abbey unsicher und Strohwitwe Lady Mary (Michelle Dockery) entdeckt mit enger Unterstützung des verliebten Regisseurs Jack Barber (Hugh Dancy) ihr Talent als Synchronsprecherin. Ein Großteil von Herr- und Dienerschaft reist derweil an die Côte d'Azur, wo die spitzzüngige Patriarchin Violet Crawley (Maggie Smith) ein Anwesen geerbt hat. Mit dabei auf dem Trip, bei dem Bewegung weitgehend ausgeblendet wird, sind Verstrickungen um eine uralte Liebschaft, die Violets Sohn Robert Crawley (Hugh Bonneville) unsicher machen, wer wirklich sein Vater ist.

Dass selbst der obligatorische Todesfall (die Hochzeit gibt es auch) am Ende angeklatscht wirkt, ist für Fans egal. Hauptsache Wiedersehen! Das ist bei „Downton Abbey" nicht anders als bei den „Simpsons". Der Unterschied liegt allein darin, wie viel Realität oder Geigengedudel man erträgt. Ganz unabhängig von solchen Präferenzen ist „Downton 2" ungeheuer lahm und selbst für ein Wohlfühlfilm extrem konfliktfrei. Alles glatt wie endlos poliertes Tafelsilber. Während draußen die Drohne Überstunden macht, um das Gebäude in jeder Lichtstimmung abzufliegen, und auch die Geiger nie Ruhe geben.

Wobei der Film ein Balsam für unsere Zeiten ist. Alle gehen rücksichtsvoll und formvollendet miteinander um. „Höflich" halt. Wer das nicht tut, wie die barbarischen Filmschauspieler, wird höchstens liebevoll zurechtgewiesen und schließlich umerzogen. In Zeiten von Shitstorms und Beleidigtseins überall, ist dies ein großes Glück. Selbst Intrigen werden höflich und ohne Bösartigkeit durchgeführt. Aber sie gibt es ja in diesem Film überhaupt nicht, ebenso wenig Negatives von außen.

Interessant allein das Spiel mit dem Film im Film, die Widerspiegelung vom Reiz abgefilmten Glanzes vergangener Zeit. Das Filmteam will die Pracht des Anwesens für eine simple Handlung um die Romanze zwischen einem Spieler und einer Adeligen ausnutzen. Die Begeisterung über die großen Stars, die im Schloss auflaufen, und die Ernüchterung über ihre menschlichen Seiten werden vom drohenden Ende des Drehs gestört. Der Umbruch von Stumm- auf Ton-Film sorgt exakt für die gleichen Aufregungen wie in „Singin' in the Rain". Dabei wirkt „Downton Abbey" selbst wie Film einer überkommenen Epoche.