25.5.25

Die Vorkosterinnen

 

Kurz nachdem die junge Rosa Sauer (Elisa Schlott) im November 1943 aus dem zerbombten Berlin bei ihren Schwiegereltern in Ostpreußen angekommen ist, wird sie zusammen mit anderen hungernden Frauen ahnungslos von der SS verschleppt. In einem hochgesicherten Komplex können sie sich an einem gut gedeckten Tisch satt essen. Doch die Freude schlägt schnell in Entsetzen um, als sie erfahren, dass sie Vorkosterinnen für Hitler in seinem Versteck „Führerhauptquartier Wolfsschanze“ sind. Zunächst wird Rosa von ihren Leidensgenossinnen als feine Berlinerin verspottet. Doch als auch ihr Mann an der Ostfront vermisst wird, entstehen Freundschaften und Geheimnisse werden geteilt. Rosa selbst hat eine Affäre mit dem gefürchteten SS-Obersturmführer Albert Ziegler (Max Riemelt).

 

Das Historiendrama „Die Vorkosterinnen“ wurde vom italienischen Regisseur Silvio Soldini („Brot und Tulpen“) mit deutschsprachiger Besetzung gedreht. Es basiert auf dem italienischen Roman „Le Assaggiatrici“ von Rosella Postorino (bisher nicht auf Deutsch erschienen). Die Autorin ließ sich von der Biografie der Margot Woelk (1917 - 2014) inspirieren, die erst im Alter von 95 Jahren enthüllte, dass sie zur Gruppe der Vorkosterinnen gehörte, die ab 1942 Hitlers Essen vorkosteten.

 

Die vielen Themen - von Terrorherrschaft über Abtreibung und Verführung durch grausame Machtmenschen bis zur Judenverfolgung - bleiben in der interessanten Geschichte trotz guten Spiels vor allem von Elisa Schlott („Das Boot“) oberflächlich. Zudem raubt ein unglücklicher Schnitt mit Schwarzblenden der Dramaturgie Intensität. Ein generelles Unbehagen an Stoffen, die sich Terrorherrschaften über scheinbar unschuldige Nebenfiguren nähern, beschwört auch diese subjektive Erzählung herauf. Eine ähnliche Perspektive wie die von Hitlers Sekretärin in „Der Untergang“ bleibt weit hinter einem heutigen Verständnis wie in „The Zone of Interest“ (über das Privatleben des Auschwitz-Kommandanten Höß) zurück.

 

„Die Vorkosterinnen“

(Italien, Belgien, Schweiz 2025) Regie: Silvio Soldini, mit Elisa Schlott, Max Riemelt, Alma Hasun, 123 Min., FSK: ab 12.

10.5.25

Caught by the Tides

Der international gefeierte chinesische Regisseur Jia Zhang-Ke kehrt vier Jahre nach seinem letzten Spielfilm mit einem Remix von zum Teil 20 Jahre altem Filmmaterial ins Kino zurück. Die lose Handlung um seine Lieblingsschauspielerin und Ehefrau Zhao Tao zeigt vor allem dokumentarisch den rasanten Wandel Chinas.

Bereits Jia Zhang-Kes Debütfilm „Pickpocket" wurde mehrfach ausgezeichnet, 2006 gewann „Still Life" den Goldenen Löwen in Venedig und 2013 wurde „A Touch of Sin" in Cannes für das beste Drehbuch prämiert. „Caught by the Tides" zeigt nun Zhao Tao als Qiao mit „Resten" aus den letzten beiden Filmen als Sängerin in ihrem Heimatdorf, bei der Begegnung mit Bin (Zhubin Li) und auf der Suche nach ihm rund um die Arbeiten am Drei-Schluchten-Damm, dem größten Stausee der Welt. Im dritten, neu gedrehten und deutlich von Corona beeinflussten Teil kehrt Bin zurück.

Diese fragmentarische Handlung bleibt schon deshalb nebensächlich, weil Qiao nie ein Wort spricht. Auffälliger sind die Musiknummern aus chinesischem Rock, traditionellen Liedern und Popsongs verschiedener Epochen, darunter eine Coverversion von „Dschingis Khan". Der Drei-Schluchten-Damm oder Feiern rund um die Vergabe der Olympischen Spiele an Beijing stellen historische Eckpunkte dieser zwei Jahrzehnte dar. Die Entwicklung wird in poetischen Momenten verdichtet, wie die lange Zeitlupenfahrt von der Rikscha zum modernen Auto.

„Caught by the Tides" ist eines jener filmischen Langzeitprojekte, die trotz fiktionalen Kerns immer stark dokumentarisch sind. Vergleichbar mit Richard Linklaters „Before..."-Trilogie oder seinem „Boyhood", der seinen Protagonisten 12 Jahre lang begleitet. Faszinierend, weil man der Zeit bei der Arbeit in den Gesichtern zusieht. Stückwerk ist Jia Zhang-kes Remix aus altem Spielfilmmaterial und dokumentarischen Szenen für Fans seiner Filme reizvoll und in der realen Alterung der Darsteller sogar anrührend, interessant als Dokument eines rasanten Wandels in China, aber nur bruchstückhaft als Geschichte einer resilienten Frau im Strom der Zeit.

„Caught by the Tides" (China 2024) Regie: Jia Zhang-Ke, mit Zhao Tao, Zhubin Li, Pan Jianlin, 111 Min., FSK: ab 12.

7.5.25

Kein Tier. So wild.

„Ein Königreich für meinen Jaguar"

Fünf Jahre nach seiner furiosen Adaption von „Berlin Alexanderplatz" begeistert der Berliner Regisseur Burhan Qurbani erneut. Jetzt mit seiner Version von William Shakespeares Königsdrama „Richard III" um kriminelle Clans in der Hauptstadt und die eiskalte, gnadenlose Rashida York als Hauptfigur. Die Inszenierung ist ein filmisches Erdbeben, das grandiose Spiel von Kenda Hmeidan als Rashida eine atemberaubende Entdeckung.

„Und so schaff' ich die Hölle, die eure Welt mir ohnehin schon ist"

Mit dem Ruf „Freiheit" beginnt vor Gericht die Handlung um die Anwältin Rashida York (Kenda Hmeidan). Die jüngste Tochter der Familie verteidigt ihren Bruder Imad York (Mehdi Nebbou) gegen den Lancaster-Clan. Dann beobachtet sie lächelnd von einem Balkon aus, wie ihre in schwarze Gewänder gehüllte Frauenbande die beiden Anführer der Lancasters ersticht. Das ist der Sieg nach jahrelangem Kampf, aber diese Frau will mehr, gegen alle Regeln. „Betrogen durch Geburt um jeden Vorteil, verformt, unfertig", bespuckt sie sich im Spiegel, während sie ihre Brüste befühlt. Nicht die Missgestalt von Richards Körper ist hier die Behinderung als Grundlage von Wut und Hass, es ist der weibliche Körper an sich. Eine Frau zu sein, sei in dieser Gesellschaft wie eine Behinderung. Im Aufbegehren dagegen beginnt Rashida ihre Mordserie: Erst stirbt der naive junge Bruder Ghazi (Camill Jammal), dann der Clanchef Imad. Im Kampf mit dessen Frau Elisabet Müller-York (Verena Altenberger) müssen die beiden Neffen dran glauben. Rashida, die als Kind mit ansehen musste, wie ihr Dorf von Kampffliegern bombardiert wurde, lässt der Kindermord kalt. Sie wird zur oft zitierten „Sonne Yorks", nur eine der vielen reizvollen Reibungen mit Shakespeares Vorlage.

Es sind immer noch die Familien York und Lancaster, wie schon im 16. Jahrhundert beim Königsdrama „Richard III", das auf dem historischen „Rosenkrieg" (1455 bis 1485) in England basiert. Allerdings wird der Schauplatz durch Off-Kommentare aus dem Fernsehen nach Berlin verlegt: Auf der Baustelle einer Moschee verhandelt der Clan Rashidas ungewollte Heirat mit Ali Lancaster. Später wird der Hintergrund immer abstrakter, zu einer Seelenlandschaft: vom Feldlager in einem riesigen Zelt auf Sandboden bis zu nebligen Traumlandschaften wie beim Hexensabbat in Roman Polanskis Film „Macbeth" (1971). Doch das sagenhafte Schauspiel zieht einen immer wieder in seinen Bann. Der sensationelle Film kommt ohne ausufernde Schießereien, Verfolgungsjagden und dergleichen aus, allein die Kraft der Worte und des Ausdrucks machen „Kein Tier. So wild" allein hochspannend. Das Drehbuch nach Shakespeares Vorlage haben Enis Maci und Qubani eng am Originaltext und dennoch zeitgemäß deftig geschrieben. Neben Kenda Hmeidan, die in der Hauptrolle fast schon tyrannisch dominiert, begeistert Weltstar Hiam Abbass („Die syrische Braut") als Rashidas treuergebene Ziehmutter und mit Rasierklinge die mörderischste Gefährtin.

Dazu starke Bilder, wie ein See aus Blut um Rashida, die einem den Atem rauben. „Kein Tier. So wild." ist eine Mischung aus den realistischen Gesellschaftsdramen eines Rainer Werner Fassbinder und den Historienepen eines Pier Paolo Pasolini. Das Können von Regisseur und Co-Autor Burhan Qurbani ist tatsächlich so groß, dass man ihn neben solche Namen stellen kann. Der Ausruf „Wir sind hier keine Bittsteller mehr" bringt die durchgehend klare Aussage zum Stand der Integration in Deutschland auf den Punkt. Wobei Burhan Qurbani dies über den gesamten Film hinweg differenziert darstellt. Sonst könnte man sich ohne „Kein Tier. So wild." gesehen zu haben, fälschlicherweise darüber aufregen, dass nur arabische Clanmitglieder zu sehen sind. Mit dem herrlichen Witz, dass auch die „Kartoffeln" namens Müller zum Clan gehören: Elisabet Müller-York.

Die gebrochene Figur des Richard hat schon immer fasziniert, auch das Kino: 1955 spielte ihn die britische Theater- und Filmlegende Laurence Olivier in seiner eigenen Inszenierung. Unvergessen ist auch Ian McKellens Interpretation von 1995 unter der Regie von Richard Loncraine. Dieser verlegte das Drama in ein England der 1930er Jahre voller Neonazis. 1996 drehte Al Pacino den Dokumentar- und Erklärfilm „Looking for Richard" über Shakespeares Hit. Und natürlich ist er auch auf deutschen Bühnen ein Dauerbrenner, man denke nur an Thomas Ostermeiers Version an der Berliner Schaubühne mit Lars Eidinger in der Titelrolle.

Nun also Burhan Qurbani, der bereits 2013 mit dem packenden und aufrüttelnden Spielfilm Wir sind jung. Wir sind stark." begeisterte. In einer grandiosen Inszenierung rekonstruierte er die dramatischen Tage von Rostock-Lichtenhagen, als 1992 ein rechter Mob ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter belagerte. Ein historischer Sündenfall der neuen, wiedervereinigten Bundesrepublik. In „Berlin Alexanderplatz" zeigte Qurbani 2020 den „Untergang eines Mannes, der gut sein wollte", also die Geschichte von Döblins Franz Biberkopf, der jetzt Francis B. heißt und Bootsflüchtling aus Afrika ist. Der Regisseur machte aus Döblins innovativem Roman der 20er Jahre (1929) ein zeitgemäßes, kraftvolles Drama mit eigener Bildsprache. „Berlin Alexanderplatz" war beim Deutschen Filmpreis 2020 für 11 Lolas nominiert und gewann fünf davon. Burhan lebt und arbeitet in Berlin, dem Drehort von „Kein Tier. So wild."

„Kein Tier. So wild." (Deutschland/Frankreich/Polen 2024), Regie: Kenda Hmeidan, Verena Altenberger, Hiam Abbass 142 Min., FSK: ab 16.

14.4.25

Ice Aged



„Ice Aged" von Alexandra Sells zeigt sechs Frauen und Männer über 60, deren Leben von der Leidenschaft für den Eiskunstlauf geprägt ist. Der berührende Dokumentarfilm lässt erleben, dass es nie zu spät ist, seine Träume zu verwirklichen. Mit liebevollen Details und humorvollen Anekdoten werden die Helden von „Ice Aged" vorgestellt: Da ist die erfolgreiche Ingenieurin Elena, deren Spitzname „Kernkraftwerk" ironisch ihre energische Wandlung zur Eisprinzessin untermalt. Sie marschiert anfangs im kindlichen Kostüm von Minnie Maus in die Eishalle, später hören wir, dass sie manchmal Jahre an einem Paillettenkleid näht. Oder die Niederländerin Toos, die mit Holzschuhen durchs Wohnzimmer tanzt und die Geschichte ihres Teppichs erzählt, den sie aus unglücklicher Liebe geknüpft hat. Oder das britische Tanztrio aus einer Polizistin, einer krebskranken Ex-Olympionikin und ihrem ehemaligen Teenie-Fan. Und der US-Boy Roland Sukale, der immer noch aussieht wie der junge Eiskunstläufer, der von seinen Eltern nie beachtet wurde. Nur die Sprünge sind nicht mehr so hoch wie damals. Dann Lissi, die Preisrichterin von fünf Olympischen Spielen, die sich aus Altersgründen auf den Freizeitsport konzentrieren muss. Die Schwierigkeiten, sich in die engen Kostüme zu zwängen, oder die Trockenübungen in den Bergen unter den neugierigen Blicken der Hühner verleihen dem Film eine charmante menschliche Note.

Die Protagonisten schenken der Doku vieles, sogar das klassische Drama vor dem Finale. „Manchmal sind Träume größer, als das Leben erlaubt", heißt es dann nüchtern. „Ice Aged" entzieht sich den Konventionen von Sportdokumentationen, keine Kür wird in voller Länge gezeigt. Seine Stärke liegt vielmehr in der Konzentration auf die Persönlichkeiten, ihre täglichen Herausforderungen und ihre Leidenschaft. Das Besondere ist der von Regisseurin Alexandra Sells gesprochene Kommentar, der mit viel Humor und im Ton einer Alexander-Kluge-Chronik das Leben dieser Menschen reflektiert und ihr Streben nach Glück in eine universelle, märchenhafte Parabel verwandelt.

„Ice Aged" (Deutschland 2024), Regie: Alexandra Sell, mit Elena Rickmann, Toos van Urk, Roland Suckale 114 Min., FSK: ab 0.

11.3.25

Bird

Das Leben der 12-jährigen Bailey scheint wie geschaffen für hartes englisches Sozialdrama: Getrennt von der Mutter, die vier Kinder von vier verschiedenen Männern hat. Ein viel zu junger, verantwortungslos verrückt lebender Vater. Und das alles in prekären Wohnverhältnissen. Doch die renommierte Autorenfilmerin Andrea Arnold macht daraus in „Bird" ein poetisches, wunderbares und überraschend junges Werk. Der deutsche Ausnahmeschauspieler Franz Rogowski („Transit", „Große Freiheit") spielt eine berührende Nebenrolle.

Die burschikose Bailey lebt mit ihrem heftig tätowierten Vater Bug (Barry Keoghan) in einem besetzten Haus in Kent. Zwischen Rebellion und Träumereien trifft sie in den Wiesen vor der heruntergekommenen Siedlung auf einen ungewöhnlich freundlichen Mann mit Rock. Bailey ist fasziniert von Bird (Franz Rogowski) und begleitet ihn auf der Suche nach seinem Vater. Währenddessen werden Baileys Geschwister und ihre Mutter von deren neuem, gewalttätigen Liebhaber bedroht.

Die 1961 geborene Andrea Arnold wurde nach einer Karriere als Schauspielerin 2006 in Cannes mit „Red Road" als Regisseurin international bekannt und gewann dort dreimal den Jury-Preis („Red Road", „Fish Tank" 2009, „American Honey" 2016), eine Besonderheit. Auch „Bird" feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb von Cannes. Arnolds Filme zeichnen sich oft durch einen realistischen, sozialkritischen Stil und starke weibliche Charaktere aus.

„Bird" zeigt heruntergekommene Wohnsiedlungen und Momente seltsamer Schönheit darin. Bailey, grandios gespielt von der Newcomerin Nykiya Adams, erlebt herzzerreißende Lebenssituationen für Kinder, Gewalt und Armut, verliert aber nie Optimismus und Mut. Immer begleiten sie Tiere im Bild. Erst eine Möwe, dann, wenn sie sich die Augen schwarz schminkt, ein Rabe, der auf märchenhafte Weise hilfreich wird. Fantastisch, wunderbar und einzigartig schließlich das traumhafte Finale. Eine stimmige und bezaubernd schöne Tiermetaphorik begleitet Baileys Erwachsenwerden. Andrea Arnold, die selbst aus Kent stammt, beweist mit dem teilweise autobiografischen „Bird" ein großes Herz für Menschen und Filmkunst.

„Bird" (Großbritannien/Frankreich/Deutschland/USA 2024), Regie: Andrea Arnold, mit Nykiya Adams, Barry Keoghan, Franz Rogowski 119 Min., FSK: ab 16.

September & July

Das atmosphärische Drama „September & July" entführt die Zuschauer in die außergewöhnliche Beziehung der Schwestern September und July. September (Pascale Kann) ist die Ältere, die July (Rakhee Thakrar) vor dem Mobbing der Mitschüler schützen will. Die beiden verständigen sich mit einer eigenen Pfeifsprache, manchmal verscheucht September Missliebige durch ihr Knurren. Mit blauen Regenmänteln sind sie unübersehbar, Septembers Abneigung gegen rotes Fleisch und rote Weingummis setzt sie gegen die Mutter Sheela (Rakhee Thakrar) durch. Das Familienleben ist ein ungewöhnliches mit den kreativen Fotoinstallationen der Künstlerin Sheela, welche immer nur die Schwestern zeigen. Ihr Motto: "Nur langweilige Menschen langweilen sich! Aber das Verhältnis erweist sich auch als besonders innig, wenn sich die drei ein Zelt im Wohnzimmer bauen und Schwüre der Verbundenheit austauschen.

Bestimmend - und der Originaltitel - ist das immer wieder mal sadistische Spiel „September Says": Die große Schwester September sagt etwas und July muss es tun. Das ist mal ein bizarrer Tanz, mal ein Messerschnitt am Hals. Der witzige und skurrile Ton dieses ungewöhnlichen Psychodramas ändert sich im letzten Teil: Die Handlung gewinnt an Intensität, als July ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht und sich heftig von ihrer dominanten Schwester löst. Nicht jede Szene bis dahin war zwingend, doch die finale Überraschung für Nicht-Leser der Vorlage gibt dem intensiven Drama zusätzliches Gewicht.

Das Regiedebüt der französisch-griechischen Schauspielerin Ariane Labed („Attenberg", „The Lobster", „Assassin's Creed") basiert auf dem Roman „Die Schwestern" von Daisy Johnson. Typisch für Labed seit ihren ersten Filmen sind körperlich sehr expressive Einlagen, die sie nun an ihre jungen Figuren weitergibt. Der Stil erinnert mit unkonventionellen Erzähltechniken und surrealen Elementen an die griechische New Wave. Diese wurde auch von Labeds heutigem Ehemann Giorgos Lanthimos („The Lobster", „Poor Things") geprägt. In der Gleichzeitigkeit von Figuren wie Themen in fremden und eigenen Filmen ähnelt Labed der angesagten Starregisseurin Greta Gerwig („Barbie").

„September Says" (USA 2024), Regie: Ariane Labed, mit Pascale Kann, Mia Tharia, Rakhee Thakrar 100 Min., FSK: ab 16.

10.2.25

Hundreds of Beavers

 

Flauschig schräger Humor

Ein besoffenes Musicalstück zu Beginn zeigt Jean Kayak im Mittleren Westen der USA inmitten einer animierten Werbung für Apfelschnaps. Bis unserer Hauptfigur seine Cidre-Brennerei und der ganze Apfelhain wegen Biber-Knabbereien abbrennt. In den verschneiten Trümmern seines vergangenen Glücks beginnt ein Kampf mit den Elementen. Kayak erleidet fast alles, was das Slapstick-Archiv der Filmgeschichte hergibt: umstürzende Bäume, lebensgefährliche Eiszapfen oder Fallen, die den Erbauer selbst überlisten. 

Der „fur trapping fotoplan“ „Hundreds of Beavers“ bietet etwas Einzigartiges: Regisseur Mike Cheslik lässt seine Figuren vor animierten Hintergründen agieren und mit Hunderten von Statisten in mannshohen Plüschkostümen von Hasen, Bibern, Waschbären und Stinktieren interagieren - auf ihren Hinterbeinen. Das schlichte Spektakel im Stil alter Stummfilme mit Schwarzweiß, Lochblenden und Schrifttafeln soll nur 150.000 Dollar gekostet haben. Doch es ist kein stummer, sondern ein wortloser, aber manchmal recht lauter Film. Dabei ist die lässige Haltung der Schauspieler im Hasenplüsch ebenso komisch wie die riesigen Zähne der Biber oder die schwarzen Kreuze auf den Knopfaugen der toten Tiere.

Weil Kayak Nahrung braucht, macht er Jagd auf (Riesen-) Hasen und scheitert dabei ebenso beharrlich wie der Trapper Elmer Fudd an Bugs Bunny in der Zeichentrickserie „Looney Tunes“. Doch Kayaks eigentlicher Endgegner ist der Biber, was zu vielen weiteren peinlichen Niederlagen führt. Weil ständiges Scheitern über eine Stunde lang nicht mehr lustig wäre, kommt noch eine Liebesgeschichte mit der Tochter eines Pelzhändlers hinzu. Deren eifersüchtiger Vater ausgerechnet die titelgebenden hundert Biber als Brautgabe fordert.

Mike Chesliks Nobudget-Spaß ist eine schwarz-weiße Stummfilm-Slapstick-Komödie im Stil von Buster Keaton und Charlie Chaplin, im Geiste der Regisseure David Lynch („Eraserhead“) und Guy Maddin („Careful“), mit dem Humor von Monty Pythons Trickfilmgenie Terry Gilliam oder Studio Ghiblis verrückt-wilden Marderhunden (Tanuki) in „Pom Poko“. „Hundreds of Beavers“ steckt voller verrückter, bescheuerter und auch genialer Ideen, aber zeitweise geriet die Handlung doch dünn, wenn lange Strecken vor dem surrealen Aktion-Finale mit der großen Biberverschwörung wie ein Computerspiel namens Biberfang ablaufen. Das ist mehr Kunst als Kino, mehr Quatsch als Comedy, lässt einen aber auf jeden Fall schmunzelnd zurück.

In der Hauptrolle brilliert Ryland Brickson Cole Tews, der gemeinsam mit Regisseur Mike Cheslik auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet.

„Hundreds of Beavers“ (USA 2022), Regie: Mike Cheslik, mit Ryland Brickson Cole Tews, Olivia Graves, Doug Mancheski 108 Min., FSK: ab 12.

4.2.25

Könige des Sommers

Die Reifeprüfung

Der schlaksige Totone (Clément Faveau) ist 18, wirkt aber mit seinem unschuldigen Gesicht und den strubbligen blonden Haaren wesentlich jünger. Er ist ein typischer Junge mit Faszination für alles laut Übermotorisierte; wie die anderen Menschen aus dem Dorf eher wortkarg. Auf dem Dorffest feiert und säuft er wie sein Vater, tanzt dann nackt auf dem Tisch. Übermütig legt er sich wegen eines Mädchens mit größeren und deutlich kräftigeren Jungs aus der Nachbarschaft an. Am nächsten Morgen will er seine siebenjährige Schwester Claire (Luna Garret) nicht zur Schule bringen. Doch ganz plötzlich muss er es, weil sein alleinerziehender Vater - wieder mal besoffen - mit dem Auto gegen einen Baum fuhr.

Schnell wird der Besitz des kleinen Hofs verkauft, Vollwaise Totone hat keine Zeit mehr, wie die anderen Jugendlichen zu reifen. Nun muss die Schwester ihn wecken, da er abends getrunken hat. Mit dem Moped rasen sie zur Schule, bevor er einen Job in der großen Käserei beginnt. Den verliert er aber wieder, weil die Söhne des Chefs ausgerechnet die Dumpfschädel sind, mit denen er sich beim Dorffest geprügelt hat. Doch durch sie kommt ihm die Idee, dass man mit gutem regionalem Käse in einem Wettbewerb 30.000 Euro Preisgeld verdienen kann.

Mit seinen zwei Freunden holt er aus einer verlassenen Scheune einen alten Kupferkessel, um die beliebte Spezialität Compté zu produzieren. Der eine tauscht für das Projekt seinen selbst aufgebauten Stockcar-Wagen gegen den alten Traktor von Totones Vater ein. Der Junge verführt Marie-Lise (Maïwene Barthelemy), das sympathische Mädchen vom großen Hof, um bei ihr Milch zu klauen. Ausgerechnet die Schwester seiner Dauerfeinde!

Die Freunde lernen mit vielen Rückschlägen eine Menge über das Käsemachen und das Leben. Mühsam finden sie die richtige Temperatur für die Milch, vergessen aber, das Lab hineinzugeben. Dann verbrennen sie sich die Arme beim Versuch, den Käse aus dem Kessel zu holen. Und noch einmal muss in der Nacht Milch stibitzt werden. Letztlich studieren sie mit den Touristen bei einer Käserin die Geheimnisse des Handwerks. Doch um als ausgezeichnete und kontrollierte regionale Spezialität das französische Schutzsiegel AOP-Siegel (Appellation d'Origine Protegée) zu bekommen, müssten Futter und Milch zertifiziert sein. Wenn zum Abschluss die ununterbrochene Plansequenz des Anfangs mit einem langen Gang übers Festgelände wiederholt wird, hat Totone seine Reifeprüfung erfolgreich abgeschlossen.

Die schöne und einfühlsame Komödie „Könige des Sommers" ist mit ihren jungen Helden mehr als ein üblicher Coming of Age-Film. Es geht ums zwar ums „Erwachsenwerden", wie der Genrename übersetzt wird – Totone lernt schließlich, Verantwortung zu übernehmen. Der Debütfilm von Louise Courvoisier, geboren 1994, ist auch ein stimmiges Porträt der Jura-Region, in der sie aufwuchs, bevor sie an der Cinéfabrique in Lyon Film studierte. In jeder Faser frisch und lebendig, erinnert „Könige des Sommers" gleichzeitig an die Lausbuben-Geschichten von François Truffauts Figur Antoine Doinel („Sie küssten und sie schlugen ihn", 1959) und an die japanischen Sozialdramen um entwurzelte Kinder von Hirokazu Koreeda („Shoplifters – Familienbande", 2018). Auch Totone und seine Schwester holen sich Lebensmittel aus den Containern von Supermärkten.

Gemeinsam ist diesen Filmen, dass sie die jungen Menschen ernst nehmen. So betrachtet die Regisseurin Louise Courvoisier ihre Helden mit großer Zärtlichkeit und Zuneigung, auch wenn Totone einige Schwächen hat. Eine Besonderheit liegt in der authentischen Verwurzelung des Films: Für Charaktere und die Geschichte, hat sich Courvoisier „von den Menschen inspirieren lassen, die mich umgeben und die ich seit meiner Kindheit beobachte. Totone und seine Freunde sind ein bisschen wie die Jugendlichen in meinem Heimatdorf. Viele von ihnen haben ihre Ausbildung früh abgebrochen, um mit ihren Eltern in deren landwirtschaftlichen Betrieben zu arbeiten. Viele kennen schwierige familiäre Situationen. Ich wollte diese Jugendlichen, die im Kino nur selten auf der Leinwand zu sehen sind und mit weniger Chancen ins Leben starten als viele andere, in einem positiven und differenzierten Porträt zeigen." Sie wollte ihre „Figuren in ihrer Rauheit zeigen, die aber nicht ausschließt, dass sie sehr sensibel sind und gewisse Schwächen haben. Aber ohne sie auf eine pathetische Art und Weise darzustellen, die nicht zu ihnen passt."

Die einfühlsame Filmmusik stammt vom Bruder und der Mutter der Regisseurin, Charlie und Linda Courvoisier. Sie haben nach schlichter und ausdruckstarker Musik gesucht, die für einen Western typisch ist. Aus der Region kommen auch viele LaiendarstellerInnen. So lebt die Darstellerin der Käserin im Dorf der Regisseurin und ist im wirklichen Leben Gefängniswärterin. Die authentische Umgebung des Jura wurde mit großartigen Bildern im Cinemascope-Format des Westerns inszeniert. Kameramann Elio Balézeaux gelang eine tolle Fotografie des Landlebens mit schönen Farbakzenten auf Hof und Scholle. Wir sehen fasziniert ein Kalb in einem stillgelegten Auto und Stillleben mit Traktor.

Das Filmdebüt von Regisseurin Louise Courvoisier verzichtet auf das große Drama und schenkt uns dafür eine beglückende, leichte Erzählung mit genauem Blick auf kleine Gesten. Sie begeisterte beim Filmfestival in Cannes, gewann den „Prix de la Jeunesse" in der Reihe „Un Certain Regard". Bei den französischen „Lumiere Awards" gab es den Preis des besten Nachwuchs-Schauspielers für Clément Faveau, den Darsteller des Totone, und den Preis für das beste Debüt. Auch die Herzen des französischen Kinopublikums eroberte der moderne Heimatfilm. Dieser ist nicht spektakulär, zeigt dafür echtes Leben und nahe Gefühle.

(Der französische Originaltitel „Vingt Dieux" ist ein Ausdruck des Erstaunens von Totone und bedeutet wortwörtlich übersetzt „Zwanzig Götter".)

(Aachen: Apollo) 4 von 5 Sternen
„Könige des Sommers" (Frankreich 2024), Regie: Louise Courvoisier, mit Clément Faveau, Luna Garret, Mathis Bernard 90 Min., FSK: ab 12.

28.1.25

Star Trek: Section 31

Star Dreck

Wer nicht hören will ... muss sich so was anschauen ...

Ich wollte den negativen Ankündigungen zu „Star Trek: Section 31" ja nicht glauben, weil doch alles, was zuletzt im Star Trek-Universum rundflog, so gut war … Vor allem „Star Trek: Discovery" mit schwindelerregender Science Fiction, Dualität in fast jeder Figur und toller Frauen-Power. (Und mit „Star Trek: Picard" als melancholisches Alterswerk der Truppe.)

Nun habe ich „Star Trek: Section 31" tatsächlich gesehen, sogar bis zum Ende und das sehr bereut: Diese Anbiederung an „Guardians of the Galaxy" mit nicht nur humanoiden Figuren, simpelster Handlung und sehr schlechten Witzchen erzählt zwar etwas von der Herkunft der extrem bösartigen Tyrannin Philippa Georgiou (hier lächerlich harmlos als galaktische Barbesitzerin), hat aber überhaupt nichts vom hoffnungsvollen und humanistischen Geist des ganzen Star Trek-Universums. Die Handlung beschränkt sich darauf, dass die titelgebende geheime Abteilung „Section 31" der Sternenflotte Georgiou anheuert, um die übliche Maschine zu finden, welche die ganze Welt zerstört. Oder zumindest einen Teil eines Parallel-Universums.

„Star Trek: Section 31" gehört dabei eindeutig ins Universums des Weltraumschrotts. Ein Trauerspiel vor allem auch für die unterforderte und nur für etwas Action-Gehaue eingesetzte Hauptdarstellerin Michelle Yeoh („Tiger and Dragon"), die noch Jamie Lee Curtis aus ihrem Oscarfilm „Everything Everywhere All at Once" mitbrachte.

Das Debakel sollte unübersehbar eine Serie werden - nach diesem Fehlstart hoffentlich nicht mehr!

Seit dem 24. Januar 2025 bei Paramount+ als Video-on-Demand verfügbar.

23.1.25

Kneecap

Diese teils fiktive Biografie der realen und lauten irischen Hip-Hop-Band Kneecap kommt filmisch wie musikalisch wild und frech daher. Als irisches „Trainspotting" machen die Gefechte um Erfolg und die irische Sprache enorm Spaß. Neben bunten Drogenkicks gibt es viel Hintergrund zu den Problemen Nordirlands Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg.

In einer Verhörzelle in West-Belfast begegnen sich im Jahr 2019 der Irischlehrer JJ Ó Dochartaigh und der junge Liam Óg, der sich nach einer exzessiven Partynacht weigert, Englisch zu sprechen. JJ soll übersetzen, wendet aber ein paar juristische Kniffe an, die den unangepassten Drogendealer vor größerem Ärger bewahren. Nachdem der unfreiwillige Übersetzer ein Notizbuch voller LSD-Sticker aus der Polizeistation herausschmuggelt, entdeckt er darin noch mehr Berauschendes: Die Texte von Liam Óg und seinem Kumpel Naoise über Drogen, Sex und den Widerstand gegen das britische Establishment lassen im frustrierten Irischlehrer seine Musiker-Vergangenheit aufleben. In der Garage mixt er ein paar Beats dazu und ist hellauf begeistert.

Die nächste Begegnung der beiden ist eine jener herrlich wilden und mitreißenden Film-Szenen, die „Kneecap" zu einem irischen „Trainspotting" machen: Liam provoziert eine der typischen orangefarbenen Marschkapellen der britischen Unionisten und flieht zu harten Techno-Beats von The Prodigys „Firestarter". Die Bilder zeigen abwechselnd eine slapstickartige Verfolgungsjagd und große Panoramen eines absurden Konflikts. JJ rettet ihn mit seinem Auto vor den Verfolgern und überredet die beiden etwas einfältigen Jungs in ihren hässlich poppigen Trainingsjacken, die irischen Verse einzusingen, bis sie völlig eingeräuchert und mit Koks bepudert aus dem Amateur-Studio in der Garage taumeln.

Der Rest ist teils erfundene Erfolgs- und Musikgeschichte, welche die drei Musiker von Kneecap zusammen mit dem Regisseur Rich Peppiatt geschrieben haben. Nach peinlichen Auftritten in leeren Pubs vor alten Männern verbreitet sich die Neuigkeit vom gälischen Rap wie ein Lauffeuer. Das überrascht sogar den bislang braven Lehrer JJ Ó Dochartaigh, der fortan anonym als DJ Próvaí mit einer Skimütze in irischen Nationalfarben auftritt.

Laut singend und wütend zeigen die drei Männer auf der Bühne auch schon mal ihre nackten Hintern mit den Worten „Brits out" drauf. Nicht nur deshalb geraten sie zwischen alle Fronten: Liams neue Freundin Georgia ist Unionistin und ihre Tante ausgerechnet die verhasste Polizeichefin. Eher ernst geht es in dem Drama um Naoises Vater Arló (Michael Fassbender) und die durch seinen Widerstandskampf zerrüttete Familie zu, in der sich die vermeintliche Witwe Dolores (Simon Kirby) nicht mehr aus dem Haus traut. Eheprobleme gibt es auch beim Lehrer, dessen aktivistische Frau den heimlichen Erfolg ihres Mannes mit der Band nicht als Unterstützung für die Sache der irischen Sprache sieht. Die Frage, ob eine lebendige Sprache auch deftig fluchen darf, entzweit unterschiedliche Befürworter des Irischen im Moment als Sinn Féin, der politische Arm der IRA, den „Irish Language Act" vorschlägt: Irisch soll offiziell den gleichen Rang bekommen wie Englisch. Damit es mit nur noch 80.000 SprecherInnen nicht bald zur toten Sprache wird. In diesem Film ist Irisch auf jeden Fall quicklebendig und präsent: In der Originalfassung sind die irischen Passagen untertitelt.

Wie die Band ist auch der Film inzwischen ein Riesenerfolg: Peppiatts teilweise irischsprachiges Werk, wurde sechs Mal für den britischen Filmpreis BAFTA nominiert, darunter als bester britischer Film und bestes Drehbuch. Schon zur Weltpremiere beim letztjährigen Sundance Film Festival gewann „Kneecap" den Publikumspreis. Er wurde von Irland als Beitrag für die Oscarverleihung 2025 als Bester Internationaler Film eingereicht.

Wenn Liam und Naoise als junge Messdiener Marihuana statt Weihrauch in der Kirche verräuchern und damit die Zahl der Gottesdienstbesucher verdoppeln oder Liam auf der Flucht vor der Polizei vollgepumpt mit Drogen in einen Bus einsteigt und alle Passagiere das Muster eines dieser unfassbar bunten Sitzbezüge tragen, dann ist „Kneecap" herrlich wild und verrückt, macht mit viel Mittelfinger und Fluchen Spaß. Halt „Trainspotting" nur auf irisch statt auf schottisch.

Gleichzeitig ist die Band-Biografie eindeutig politisch: So verweist der Titel von Band und Film auf das „Kneecaping", das „Schießen ins Knie", als brutale „Bestrafung" von Drogendealern durch die brutalen, selbsternannten „Freiheitskämpfer" während des Bürgerkriegs. Im Film gibt es auch eine lächerliche republikanische Splittergruppe gegen Drogen. Der wichtigste Satz im Film lautet: „Jedes irisch gesprochene Wort ist eine Kugel für die irische Freiheit."

Michael Fassbender hat eine großartige, überlebensgroße Rolle, die eine kleine Hommage an seinen Durchbruch in „Hunger" (2008) als inhaftierter irischer Widerstandskämpfer Bobby Sands ist. Der zweifache Oscar-Preisträger spielt Naoises Vater, der sich für eine Serie spektakulärer Bombenattentate von der Familie verabschiedete und für immer verschwand - zumindest offiziell. Tatsächlich lebt er seit zehn Jahren unerkannt als Yoga-Lehrer am Strand.

„Kneecap" (Irland/Großbritannien 2024), Regie: Payal Kapadia, mit Liam Óg, Naoise Ó Cairealláin, JJ Ó Dochartaigh, Michael Fassbender 105 Min., FSK: ab 16.

20.12.24

Serien 2024

Der Jahresrückblick vom Film-Dienst deckt sich erstaunlich oft mit meinen Seh-Erlebnissen in diesem Jahr. Mit einigen Ausreißern - nicht unbedingt in Richtung gut oder schlecht, auch in Richtung „Seltsam anders". So ist die erstaunlichste Erfahrung, dass viele Serien sehr schnell aus dem Gedächtnis verschwanden. Völlig verschwanden. Obwohl sie gar nicht besonders schlecht waren. Das ist doch ein großer Unterschied zum Erinnern von Filmen, die eindeutig auf der großen Leinwand tiefer gehen.
Zu den anderen Ausreißern gehören die erste deutsche Serie auf Apple+ „Where's Wanda", den ich sehr, sehr gut fand. Witzig, überraschend und immer wieder originell. Seltsam auch, dass ich eines der Highlights, nämlich „Ridley", immer noch nicht zu Ende gesehen habe. Obwohl es ein derartiger Genuss ist, diese wunderbaren schwarz-weiß Aufnahmen der Highsmith-Verfilmung in Italien zu sehen. „Disclaimer" von Alfonso Cuaròn hatte ich auch noch nicht zu Ende gesehen, obwohl er ungemein intensiv ist. Vielleicht war mir das gerade etwas zu heftig, als ich angefangen habe, es zu sehen. Das wird aber jetzt schnell zu Ende geguckt, auch um das gehässige Rachegesicht von Kevin Kline zu geniessen.
Natürlich gehört in die Reihe der Besten, auch wenn es eine Fortsetzung ist, die vierte Staffel von „Slow Horses" mit Gary Oldman. Absolut das Beste, was es zu sehen gibt. In die Reihe gehört auch das geniale Rassismus-Drama „Lady in the Lake" von Alma Har'el mit Natalie Portman und der ebenso guten Moses Ingram. Genau wie die vierte Auflage von „True Detective" mit Jodie Foster und Kali Reis in krimineller und skurriler Polarnacht. Auch bei Paul Rutmans Londoner Polizei-Serie „Criminal Record" (Apple+) kann ich die Fortsetzung kaum erwarten. Genial und super-spannend dieser Kampf um moralische Bodenhaftung mit Dr. Who Peter Capaldi und Cush Jumbo. Extrem spannend auch „H/Hack" mit Idris Elba als vermeintlichem Sky Marshall und raffiniertem Problemlöser bei einer brutalen Flugzeugentführung.
„Dune" ist als Serie dagegen nur so ein nettes Bilderrauschen: Allein das Schauspiel von Emily Watson und Travis Fimmel als Gegenspieler machen die unübersichtlichen Familienverwicklungen rund um die intrigante Schwesternschaft sehenswert.
Die deutsche Erfolgs-Serie „Discounter" hingegen finde ich mächtig überschätzt. Kann man mal schnell wegkucken und ab und zu lachen, aber das ist nichts Besonderes oder gar Sensationelles. Interessant hier, dass ich als halber Niederländer mit dem niederländischen Original so gar nichts anfangen kann.
Ebenso wie mit den neuen „Time Bandits", obwohl die Serie von Regie-Superstar Taika Waititi („Star Wars") stammt, aber leider nur ganz entfernt an die rebellische Fantasie von Terry Gilliams Original heranreicht.

Black doves (Netflix)

Wer den beliebtesten Weihnachtsfilm „Love actually" mit anderen Werken der vielen Darsteller erweitern will, muss nicht unbedingt „Die Hard" oder „Harry Potter" wegen Alan Rickman sehen. Es ginge auch „Where's Wanda" wegen Heike Makatsch! Oder jetzt „Black Doves" mit Keira Knightley wieder ganz weihnachtlich, dazu später mehr.

Erst einmal startet die Netflix-Serie extrem unglaubwürdig wie die Politiker-Gattin Helen Haushalt, Kinder und intensive Spionage-Tätigkeit in den höchsten britischen Regierungskreisen völlig entspannt unter einen Hut und perfekt gestylten Haarschopf bekommt. (Obwohl - wenn man die neuesten Nachrichten vom einflussreichen chinesischen Spion im Bekanntenkreis von Ekel-Prince Andrew liest, wirkt das alles gar nicht mehr so unwahrscheinlich…) Als Helen, Agentin einer mysteriösen Organisation mit selbst noch dunkler Herkunft, dann noch eine Affäre anfängt und ihr Liebhaber einem Attentat zum Opfer fällt, wird es kompliziert. Helen will seinen Tod rächen und weil auch der chinesische Botschafter umgebracht wurde, sind einige Parteien, angefangen bei MI6 und CIA auf der gleichen Spur…

Auf jeden Fall wird „Black Doves" von John Barton ab Folge 3 vor allem so abgründig und spannend, dass alle Unwahrscheinlichkeiten vergessen sind. Es bleibt das Grübeln darüber, was diese durchaus sehenswerte Serie eigentlich sein will: Irgendwo - um in der Tierwelt zu bleiben - zwischen dem realistisch dreckigen und schwarzen „Slow Horses" und den zynischen wie brutalen „Reservoir Dogs". Als dann noch der Wahnsinn einiger psychopathischer Killerinnen reingemischt wird, bleibt Guy Richie als naheste Referenz.

Doch im Gegensatz zu den eiskalten Engeln aus anderen Filmen gibt es in „Black Doves" ziemlich viele intensive Beziehungen und einige der stärksten Szenen bauen auf lebendige Gefühle anstatt stilvollem Töten.

Die größte Attraktion dabei ist nicht der angenehm alternde Romantik-Star Keira Knightley, sondern vor allem und eigentlich nur Ben Whishaw! So viele Lagen zwischen Sensibelchen und gnadenlosen Vollstrecker!
Und immer kommen noch ein paar dazu, Dank dafür ans Drehbuch!

Die ziemlich verwickelte Angelegenheit trumpft mit ein paar genialen Popmusikeinsätzen auf. Am Ende gewinnen Liebesgeschichten … und zu Weihnachts-Gesäusel einige sehr offene Handlungsfäden.

14.12.24

All we imagine as light

Aus dem dokumentarisch eingefangenen Menschen-Meer der Mega-Metropole Mumbai kristallisieren sich drei Frauen mit ihren Geschichten heraus. Die Krankenschwestern Prabha (Kani Kusruti) und Anu (Divya Prabha) stammen aus dem südlichen Bundesstaat Kerala, sie arbeiten und wohnen zusammen. Während die ältere Prabha zurückgezogen unter der Abwesenheit ihres Ehemannes leidet, der sich aus Deutschland nicht mehr meldet, hat die lebenslustige Anu eine Beziehung mit dem Muslim Shiaz (Hrdhu Haroon), was gesellschaftlich verpönt ist. Die Liebenden ziehen ohne eigenes Zimmer durch die Nacht, derweil Anus Eltern unermüdlich versuchen, sie mit einem Hindu zu verkuppeln. Die ältere, verwitwete Köchin Parvaty (Chhaya Kadam) droht ihre Wohnung zu verlieren und wird von Prabha unterstützt.

Im ersten Teil ist die pulsierende Metropole Mumbai, die Heimatstadt der 38-jährigen Regisseurin Payal Kapadia, eine weitere Hauptfigur. Faszinierend die authentischen Nachtaufnahmen - Kapadias erster Film „A Night of Knowing Nothing" war ein Dokumentarfilm. Auf der Tonspur hören wir Gedanken über das Leben im Moloch: „Manche nennen sie Stadt der Träume", aber das sei sie nicht, sondern „die Stadt der Illusionen". Wie die Frauen von ihren Illusionen Abschied nehmen, erzählen intime, bewegende Geschichten ohne aufgesetzte Dramatik. Immer wieder fließen ihre Gefühle über in Nachtaufnahmen der ruhelosen Stadt.

Im zweiten, ganz anderen Teil sehen wir die Frauen befreit am Meer im alten Haus Parvatys, zu dem sie Prabha und Anu begleiten. Die jungen Liebenden entdecken eine märchenhafte Grotte mit alten Steinfiguren, Prabha erlebt eine traumhafte Aussprache mit ihrem verschwundenen Mann.

„All we imagine as light" erzählt fesselnd mit wunderschön ruhigem Atem, berührt mit stiller weiblicher Solidarität. Dazu fantastische Jazz-Einlagen der legendären Komponistin Emahoy Tsegué-Maryam Guèbrou (1923 - 2023). Das beglückende Meisterwerk begeisterte in Cannes, wo die Regisseurin als erste indische Regisseurin überhaupt im Wettbewerb vertreten war und direkt mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

(Aachen: Apollo) 5 von 5 Sternen

„All we imagine as light" (Frankreich/Indien/Luxemburg/Niederlande 2024), Regie: Payal Kapadia, mit Kani Kusruti, Divya Prabha, Chhaya Kadam, 115 Min., FSK: ab 12.

7.12.24

Der Mann aus Rom (2023)

Region und Religion / Glaubens-Drama in Grenzregion gedreht und thematisch verankert

Als der mit viel Hightech, aber schwachem Glauben ausgestattete Vatikan-Priester Filippo in einem limburgischen Dorf ankommt, um eine angeblich weinende Marienstatue zu untersuchen, wird sein Selbstverständnis erschüttert. Gewöhnlich ist die Front der besonders (Aber-) Gläubigen, die ihn mit sanfter und dann handfester Gewalt zu einer positiven Beurteilung des Wunders drängen wollen. Irritierend ist jedoch die 19-jährige Térèse, die nach einem Amoklauf an der Schule verstummte und in deren Zimmer die Figur zu weinen begann.

Filippo trifft in einfachen Häusern auf einfache Menschen, wie die herrische und grobschlächtige Hüterin der Wunderstatue, den stillen Gärtner und Pfarrer Henri, aber vor allem das stumme Mädchen Térèse. Die deutsche Emma Bading („Meine teuflisch gute Freundin") spielt diese im Leid starke Figur viel eindrucksvoller als der italienische Serien-Darsteller Michele Riondino ("Die Löwen von Sizilien") den zweifelnden Priester. Als in der Schlüsselszene klar wird, was die Marienfigur mitansehen musste, kann man verstehen, dass ihr die Tränen kommen. Angesichts einer tief verstörten Dorfgemeinschaft wird Hoffnung wichtiger als Wahrheit oder gar orthodoxe Glaubensfragen.

Der besonders skeptische Spezialist vom Vatikan, der vor allem an sich selber zweifelt, markiert schon fast ein eigenes Sub-Genre. Doch anders als beispielsweise in „Die Erscheinung" von Xavier Giannoli (2018) kommt bei „Der Mann aus Rom" das Thema eines Amoklaufs an einer Schule hinzu. Es gibt den eigentlich unnötigen Hinweis „Die Leute wollen betrogen werden", trotzdem beneidet Filippo diese Menschen um ihre kindliche Unschuld.

Jaap van Heusdens Film basiert nicht auf einer wahren Begebenheit, sondern wurde nach eigenen Angaben der Filmemacher vor allem vom französischen Wallfahrtsort Lourdes inspiriert. Doch wie schon Remy van Heugtens großer niederländischer Erfolg „Glückauf" über einen Bergmannssohn aus Heerlen, gibt die Geschichte ein gutes Mentalitätsbild der Region wieder. Tatsächlich gibt es hier Fälle von extremem Aberglauben, weinende Madonnen und gleich hinter der Grenze mit dem „Museum Vaals" am Eschberg ein ganzes Haus voller Heiligenfiguren.
Idealerweise wurde die niederländisch-deutsche Produktion zu großen Teilen in Südlimburg, in Simpelveld und Sittard aufgenommen. (Insgesamt 29 Drehtage in Limburg und NRW während der Corona-Zeit 2022.) Die einfachen Ziegelhäuser sind unverkennbar, und bei des Priesters Ankunft wird ein Förderturm an den Horizont bei Eys kopiert, um auch die Bergarbeiter-Vergangenheit nicht zu vergessen. „Der Mann aus Rom" ist thematisch und in seinem Hintergrund ein interessanter authentischer Film aus der und über die Region, der es sich keineswegs leicht macht und den Aberglauben der Katholiken nicht veralbert. Typisch für den früheren freien Geist der Niederlande ist, dass der sehr katholische „Mann aus Rom" witzigerweise vom evangelischen Sender EO koproduziert und ausgesendet wurde.

„Der Mann aus Rom" („De Man uit Rome", Niederlande/Deutschland 2023), Regie: Jaap van Heusden, mit Michele Riondino, Emma Bading, 107 Min., FSK: ohne Angabe

5.9.23

Daliland


(USA, Frankreich, Großbritannien 2023) Regie: Mary Harron, mit Ben Kingsley, Barbara Sukowa, Christopher Briney, 97 Min., FSK: ab 12

Ein Dalí-Film ohne einen einzigen originalen Dalí! Nur Ben Kingsley, der die Rolle als alter skurriler Kauz gibt! So misslingt die Künstler-Biografie in der Hand der erfahrenen Regisseurin Mary Harron („American Psycho", „I shot Andy Warhol").

„Was bin ich?", fragt sich Dalí (Ben Kingsley) 1974 in New York. Seit 20 Jahren verbringt er den Winter dort. Mittlerweile ist der 70-jährige spanische Surrealist über den Höhepunkt seines Schaffens hinaus. Sein Ziel für die letzten Lebensjahre lautet, sich mit Schönheit zu umgeben. Mit vielen Partys sowie jungen Frauen und Männern hält er im St. Regis Hotel Hof und versorgt gierige Galeristen mühsam mit neuem Material.

Um Dalís Finanzen kümmert sich seine Frau und Muse Gala (Barbara Sukowa), während sie gleichzeitig eine Affäre mit dem jungen Hauptdarsteller des Broadway-Musicals „Jesus Christ Superstar" hat. Der unerfahrene James (Christopher Briney) gerät als gescheiterter Maler und Dalí-Fan in diese Welt namens Daliland, als ihm sein Chef, der Galerist Christoffe (Alexander Beyer), an den Künstler ausleiht, um die Produktion für die nächste Ausstellung in wenigen Wochen zu überwachen. Dalí selbst, dessen rechte Hand mittlerweile zittert, taucht auf seinen Partys in irren Kostümen auf. Es gibt viel Koks und Sex. Seine aktuelle Begleiterin ist eine noch unbekannte Amanda Lear mit tiefer Stimme und Gerüchten um ihre Transsexualität. Der junge Alice Cooper trinkt eine Dose Bier und redet über Hologramme.

Spät kommen einige Entdeckungen um illegale Kunstgeschäfte wie das Signieren weißer Blätter auf - was dann wieder stimmig ist: So wie limitierte Serien inflationär auf dem Markt auftauchten, so benutzte Dalí die gleichen Namen wie San Sebastián oder Lucy in Serie für immer neue junge Männer und Frauen.

Wie in „Almost Famous - Fast berühmt" von Cameron Crowe taucht ein junger Mensch staunend in die Szene seiner Idole ein, verliert und verliebt sich, entdeckt die Schattenseiten und lernt fürs Leben. Nur das dies in Crowes Meisterwerk von 2000 rund um die Musikszene viel lebendiger passierte. Christopher Briney ist als Dalís Assistent James fast eine Nullnummer. Kingsley („Schindler's List", „Gandhi") spielt meist wieder Kingsley und auch Barbara Sukowa („Gloria Bell", „Hannah Arendt") wirkt mehr wie eine verkleidete Schauspielerin als eine legendäre Muse. Kurze Erinnerungen an die Zeit des Kennenlernens des berühmten Paares wirken geradezu albern. Am stärksten ist noch der Versuch, des alten Dalís Schaffenskraft aus der unzerstörbaren Liebe und der kompensierten Eifersucht zu erklären. 

Es geht in „Daliland" erschreckend wenig um Dalís Kunst. Keines seiner Werke ist zu sehen, höchstens mal eine kurze Animation der berühmten zerfließenden Uhr. Erst am Ende zeigt Regisseurin Mary Harron etwas visionäre Filmkunst, wenn sich die alten und jungen Figuren in mehreren Szenen begegnen. Es ist schade, dass gerade der Surrealist Dalí mit so einer konventionellen Biografie porträtiert werden soll.


7.8.23

Hypnotic

(USA 2023) Regie: Robert Rodriguez, mit Ben Affleck, Alice Braga, William Fichtner, 94 Min., FSK: ab 16

Der anerkannte Regie-Rowdy Roberto Rodriguez („El Mariachi", „From Dusk Till Dawn") wandelt auf den Pfaden von Christopher Nolan: „Hypnotic" ist hochspannende „Inception"-Täuschung mit Ben Affleck anstelle von Leo DiCaprio.

Es beginnt klassisch wie bei anderen Psycho-Spielchen – ein Auge öffnet sich in Großaufnahme, der Held wacht aus einer Träumerei auf. Polizist Danny Rourke (Ben Affleck) erinnert sich während einer Therapiesitzung daran, wie seine kleine Tochter rätselhafterweise vom Spielplatz verschwand. Bevor er sich zu sehr damit beschäftigen kann, was dieses Trauma mit ihm gemacht hat, ruft der nächste Einsatz - der Film wird sehr schnell sehr spannend und geheimnisvoll. Eine Bank soll überfallen werden und so knallig wie die Explosionen sind die sonderbaren Ereignisse. Eine Frau beginnt mitten auf der Straße, sich auszuziehen. Danny findet im begehrten Schließfach ein Polaroid seiner Tochter. Und durchs Zentrum des Chaos wandelt völlig ruhig der vermeintliche Bankräuber (William Fichtner), der mit nur ein paar Worten Menschen sogar dazu bringt, sich gegenseitig zu erschießen.

Auf der Suche nach Antworten trifft Danny die Wahrsagerin und Hypnotiseurin Diana Cruz (Alice Braga). Noch sind wir allerdings auf der ersten Ebene dieses vielschichtigen Thrillers. Wenn der Polizist auf der Flucht zwischen langen Güterzügen plötzlich sieht, wie sich der Horizont krümmt und der Bahnhof über seinem Kopf weitergeht, ist der Hinweis auf Christopher Nolans „Inception" mit seinen frei konstruierten fantastischen Räumen unübersehbar.

„‚Hypnotic' war schon immer meine Lieblingsgeschichte", sagte Autor und Regisseur Robert Rodriguez („El Mariachi", „From Dusk Till Dawn"), „weil sie genau das tut, was wir als Filmemacher zu tun versuchen. Man bringt ein Publikum in einen dunklen Raum und versucht, es glauben zu lassen, dass das, was es sieht, absolut real ist – zumindest real genug, um emotional involviert zu sein. Man erschafft ein hypnotisches Konstrukt aus Bildern, Ton und Musik, um sie glauben zu lassen, dass sie etwas Bestimmtes fühlen."

So ist „Hypnotic" ein im Action-Thriller versteckter Autorenfilm um Manipulation und Täuschung, gleichzeitig Rodriguez' Hitchcock-Hommage zu „Der Mann, der zuviel wusste". Wobei Ben Afflecks Danny gar nicht weiß, was er einst wusste und vergessen hat. Und um an diesen mehrfach verschlossenen Tresor im Inneren seines Kopfes – siehe „Inception" – zu gelangen, hilft selbst die mächtigste Hypnose nicht.

Raffiniert wie die verschachtelte Handlung ist auch die Besetzung von „Hypnotic": Die Action mit doppeltem Boden ist eine typische Geschichte für Ben Affleck, der schon in John Woos Science-Fiction „Paycheck - Die Abrechnung" (2003) – nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick seinen eigenen vergessenen Hinweisen hinterherjagte. Selbstverständlich ist der neue Rodriguez auch verwandt mit Paul Verhoevens trashiger Philip K. Dick-Verfilmung „Total Recall" mit Arnold Schwarzenegger. Sehr eindrucksvoll in der Nebenrolle des mysteriösen Gegenspielers ist William Fichtner („The Dark Knight", „Elysium"). Diesem Gesicht traut man sofort besondere mentale Macht zu und besonders wahnsinnige Gedanken. Auch er macht „Hypnotic" sehenswert – samt Nachklatsch im Abspann, der auf einen zweiten Teil neugierig macht.

18.7.23

Barbie

USA 2023, Regie: Greta Gerwig, mit Margot Robbie & Ryan Gosling, America Ferrera, Kate McKinnon, Michael Cera, Ariana Greenblatt, Issa Rae, Rhea Perlman und Will Ferrell, 115 Min., FSK: ab 6

Barbie wird Greta

Das unübersehbar beworbene Mattel-Marketing für das Produkt Barbie-Puppe erweist sich erfreulicherweise als geniale Mogelpackung von Regisseurin Greta Gerwig („Little Women", „Lady Bird") und Autor Noah Baumbach („Marriage Story", „Der Tintenfisch und der Wal"): Anfangen mit einem herrlichen „2001"-Zitat, bei dem die Erscheinung Barbie die triste Kindersteinzeit nur mit Baby-Puppen beendet. Die heile Barbie-Welt im Barbie-Haus mit den Barbie-Klamotten dauert drei Szenen und zwei Songs, bevor Barbie (Margot Robbie) düstere Gedanken, Selbstzweifel, Zellulitis und - als Höhepunkt des Schreckens – flache Füße bekommt. Um diese Makel auszumerzen, muss sie von Barbie-Land in die Reale Welt reisen und die Barbie-Mutter finden, die gerade mit ihr spielt. Was bei Disney ein kitschiges und mit Harmonie zugekleistertes Märchen geworden wäre, ist bei der großen Greta Gerwig eine zeitweise ziemlich verrückte Bespiegelung von Feminismus und Matriarchat, von Geschlechterrollen und der Produktionsgeschichte von Barbie – samt gecancelter Modelle wie schwangerer Barbie und der mit wachsenden Brüsten. Da gibt es schrägste Tanznummern, D-Day am Malibu-Beach mit Tennis-Schlägern und Frisbee-Scheiben sowie unzählige Details, die ebenso clever wie bescheuert sind. Mattel nimmt sich mit den Firmenregeln und Will Ferrell als Chef selbst auf den Arm. Ken (Ryan Gosling) bleibt trotz einiger Tränchen eine Witzfigur am Rande, nachdem sein Versuch scheitert, das Patriarchat im Barbie-Land einzuführen. Wessen Familie bereits mit dem pinken Virus infiziert ist, muss nun ganz stark sein: Kleine Kinder können mit dieser Satire so gut wie nichts anfangen. Höchstens Wörter aufschnappen, die später schwieriger Erklärungen bedürfen.

Running against the Wind

(Äthiopien, Deutschland 2019) Regie: Jan Philipp Weyl, mit Ashenafi Nigusu, Mikiyas Wolde, Joseph Reta Belay, 120 Min., FSK: ab 12

Abdi und Solomon wachsen in einem abgelegenen Dorf Äthiopiens auf. Als die Zwölfjährigen auf einen weißen Entwicklungshelfer treffen, finden sie ihren Traum: Abdi will ein berühmter Läufer werden - wie das Idol des Landes Haile Gebrselassie. Solomon klaut eine Kamera und haut nach Addis Abeba ab. Als junger Mann kommt auch Abdi (Ashenafi Nigusu) in die große Stadt und findet den alten Freund wieder. Solomon (Mikias Wolde) wird zwar noch „Photo" genannt, arbeitet aber als Müllsammler, um seine kleine Familie im Slum zu ernähren. Sein Fotoapparat hat mittlerweile einen Riss in der Linse. Zudem wird er immer wieder von der Gang des Kriminellen Blondie bedrängt. Auch als er durch Vermittlung zum Fotografen für die äthiopische Laufnationalmannschaft wird.

„Running against the Wind" war Äthiopiens Oscar-Beitrag 2020 in der Kategorie „Bester Internationaler Film" und folgt dem Traum vieler junger Menschen in diesem Land, durch Sport aufzusteigen. Aber das bildstarke Drama ist nicht nur Sportfilm oder Geschichte vom Aufstieg eines Benachteiligten, es geht vor allem um Freundschaft und die Kraft des authentischen Blicks. Solomon wird mit seinen ehrlichen Fotos über die Menschen im Slum Erfolg haben. Regisseur und Koautor Jan Philipp Weyl spielt sich in seinem Debütfilm selbst als weißer Fotograf und Mentor, der lange in Äthiopien lebt. Weyl selbst war drei Jahre im Land. Das Ergebnis ist eine klassische Geschichte, die immer wieder eindrucksvoll nur mit Bildern (Kamera: Mateusz Smolka) erzählt wird. Das beginnt mit dem Weg eines Jungen durch faszinierende Landschaften und setzt sich fort in den kraftvollen Porträts ausdrucksstarker Gesichter. Auch die guten Darsteller der Kinder- und jugendlichen Figuren machen „Running against the Wind" (Gegen den Wind rennen) sehenswert. Gedreht wurde an Originalschauplätzen sowie mit einem Gastauftritt von Olympia-Legende Haile Gebrselassie.

6.6.23

Nostalgia

Italien 2022, Regie: Mario Martone, mit Pierfrancesco Favino, Tommaso Ragno, Francesco Di Leva, 118 Min., FSK: ab 12

Vierzig Jahre ist es her, seit Felice Lasco (Pierfrancesco Favino) als Teenager seine Heimatstadt Neapel verlassen musste. In Kairo wurde er erfolgreicher Bauunternehmer und lebt glücklich verheiratet. Nun kehrt er erstmals zurück, um seine gebrechliche Mutter zu pflegen. Fürsorglich hebt er sie nackt ins Bad, nachdem er ihr vorher erklärte, dass er immer noch ihr kleiner Junge sei. Dann besorgt er eine bessere Wohnung mit mehr Licht, während er allabendlich durch die Stadt streift. Auch als die Mutter gestorben ist, verliert sich der Heimkehrer mit schwer nachvollziehbarer und gefährlicher Nostalgie im verwinkelten Stadtteil Sanità. Abends verunsichern dort schießende Gangs auf Motorrädern die Gassen, durch die auch er einst mit seinem Jugendfreund Oreste fuhr. Dies zeigen nostalgisch verfärbte Erinnerungs-Filme im quadratischen Bildformat.

Jetzt versucht Felice seinen alten Freund (Tommaso Ragno) wiederzusehen, der mittlerweile zum gefürchtetsten Camorra-Boss aufgestiegen ist. Die Leute werden still, wenn sein Name erwähnt wird. Bei einem umständlich arrangierten Treffen, wie man es von (Film-) Gangstern kennt, ergibt sich eine höchst spannende Aussprache über zwei unterschiedliche Lebenswege und eine alte Schuld. Während der Suche lernt Felice auch Don Luigi Rega (Francesco Di Leva) kennen, einen gegen die Camorra aufbegehrenden Priester. Er verkörpert die Hoffnung, indem er sich um Jugendliche und Immigranten kümmert. Und ihm öffnet sich der mittlerweile zum Islam Konvertierte in einer Art Beichte, bevor viel Wut aus ihm hochkommt: Als der Priester ihm einen Sandsack anbietet und schlägt er wild darauf los.

Regisseur Mario Martone macht aus der gleichnamigen Buchvorlage von Ermanno Rea ein Doppel-Porträt aus Stadt und Flaneur. Immer wieder sieht man Felice bei seinen langen Spaziergängen vor dem Panorama aus Stadt, Gassen und Häuser. Der populäre und auch international bekannte Pierfrancesco Favino („Auf alles, was uns glücklich macht", „Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra", „Illuminati") ist der ideale Darsteller für diese stille und sensible Hauptfigur. Der verlorene Sohn lernt in Begleitung des Priesters unterschiedliche Menschen in verschiedensten Situationen kennen. Da ist die Familie, in der jeder dealt und der Sohn nicht mehr zum kirchlichen Geigenspielen darf. Und der alte Schneider, der einst seine Mutter liebte und ihn davor warnt, hierzubleiben. „Nostalgia" - nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls in Italien spielende Klassiker „Nostalghia" von Tarkowski aus dem Jahre 1983 – war der italienische Beitrag für den Oscar 2023 und lief im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes. Er nimmt im ruhigen Rhythmus mit in ein faszinierendes und abgründiges Labyrinth aus Sehnsucht und Erinnerung.