11.9.21

Dune (2021)



USA 2020 Regie: Denis Villeneuve, mit Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac, Josh Brolin, Stellan Skarsgård, 155 Min. FSK ab 12
 
Was lange währt, wird endlich ... sensationell: Denis Villeneuve („Arrival", „Blade Runner 2049") hat nach jahrzehntelangem Scheitern von Lynch und Jodorowsky den epochalen SciFi-Klassiker von Frank Herbert in einer begeisternden und zeitgemäßen Fassung verfilmt. Wie seine zentrale Droge, wie das Spice vom Wüstenplanet berauschen Bilder, Figuren und Musik.

„Dies ist erst der Anfang", heißt es am Ende. Denn der ursprüngliche Wüstenplanet-Zyklus von Frank Herbert umfasst sechs Romane, die zwischen 1965 und 1985 erschienen sind. Deshalb erzählt Villeneuve in seinem ersten Teil die Geschichte zügig: In einem vom „Imperium" kontrollierten Universum wird dem mächtigen Haus Atreides der gefährliche und unwirtliche Wüstenplanet Dune zugeteilt. Extreme Hitze und riesige Sandwürmer machen das Überleben für Fremde fast unmöglich. Zuvor beuteten die Harkonnen als Kolonisatoren die Spice-Vorräte aus und unterdrückten die einheimische Bevölkerung der Fremen. Nun will der Atreides-Anführer Herzog Leto (Oscar Isaac) mit dem misstrauischen Fremen Stilgar (Javier Bardem) zusammenarbeiten. Vorher fallen jedoch alle Atreiden einem Überfall der Harkonnen zum Opfer. Nur Letos Sohn Paul (Timothée Chalamet) und seine Mutter Lady Jessica (Rebecca Ferguson) können zu den Fremen fliehen. Dabei sehen die Einheimischen Paul als „Mahdi" an, als Messias, der sie in einem „Heiligen Krieg" befreien wird. Auch für die Schwesternschaft der Bene Gesserit ist er der Auserwählte. „Schade, dass er ein Mann ist", befindet dieser feministische Geheimzirkel von Gaius Helen Mohiam (Charlotte Rampling), der das Imperium politisch „aus dem Schatten" steuert. Mit diesem Spruch sammelt „Dune" auf jeden Fall genug Diversitäts-Punkte für eine Oscar-Qualifikation. 

Endlich sind wir auf „Dune" angekommen, darf man nach diesem genialen Weltraum-Trip sagen. Vor David Lynchs legendärer, unfertig wirkender Pleite mit „Der Wüstenplanet" (Originaltitel: Dune) aus dem Jahr 1984 mit Kyle MacLachlan als Paul und Sting als Harkonnen versuchte sich schon der visionäre Alejandro Jodorowsky („Montana Sacra – Der heilige Berg") – vergebens. Immerhin blieb uns eine tolle Doku über das Scheitern: „Jodorowskys Dune".

Der neueste Wüstenplanet begeistert in jeder Hinsicht: Die unterschiedlichen Welten der Atreiden, Harkonnen und Fremen, deren riesige Entfernung nur mit Spice gefütterten Navigatoren überwunden werden können, saugen das Publikum mit grandiosen Kostümen, Kulissen und Produktions-Design auf. Dann vor allem die durchgehend mehr als interessanten Gesichter mit gebrochener Mimik. Die Blicke sind nie eindeutig, sondern rätselhaft und nachdenklich, wie es sich für die Verfilmung eines intellektuellen und mythischen Romans gehört. Mit laszivem und melancholischem Gesichtsausdruck beherrscht der als Elio aus dem schwulen Coming Out „Call Me by Your Name" bekannte Timothée Chalamet geheimnisvoll seine Szenen. Auch die fantastischen Momente funktionieren:  Stellan Skarsgård legt, da wo es bei Lynch lächerlich wurde, als Baron Vladimir Harkonnen eine Marlon Brando-Gedächtnisszene hin, wenn er fett aus dem Nebel seines Bades auftaucht. Das Sound Design sorgt kräftig für Gänsehaut: Eigentlich steigt nur ganz banal ein großer Metallkasten aus dem Wasser auf, aber die Szene vom Aufbruch zum Wüstenplanet ist höchst eindrucksvoll! „Dune" erfreut selbstverständlich mit Science Fiction-Gimmicks wie dem Ornithocopter, ein Hubschrauber mit Libellen-Flügeln, an dem man sich nicht satt sehen kann.

Dass die neue Welt in Schrift und Habitus arabisch geprägt erscheint, dass Stichworte wie „Heiliger Krieg" deutlich in Richtung Islam verweisen, ist nicht für heute hereininterpretiert, sondern vom nicht gerade für Werktreue bekannten Villeneuve – siehe „Blade Runner" – herausgearbeitet. Die Verwandtschaft vom Spice zum Erdöl, ein Wiedererwachen Arabiens und Kolonialismus waren für Herbert in den 60ern selbstverständlich schon Themen. Das Kunststück von Villeneuves „Dune" liegt darin, jede Minute zu faszinieren, ohne diese spannenden Themen zu banalisieren.