11.8.17

Locarno 2017 - Bergfilme am See

Ötzi schießt den Vogel ab

Locarno. Nein, Ötzi ist echt kein Glückspilz: Da musste er fast 5300 Jahre warten, bis es einem Spielfilm über sein Leben gibt, weil das Projekt lange auf Eis gelegt wurde. Und dann ist die Premiere so verregnet wie anscheinend das Leben der zu spätem Ruhm gelangten Gletschermumie. „Der Mann aus dem Eis" feierte gestern als „Piazza Grande"-Film mit Jürgen Vogel und André M. Hennicke seine Weltpremiere.

Die Berge sind naheliegend im Schweizer Kanton Tessin, aber so viel Gestein war selten auf der Piazza Grande wie dieses Jahr beim Filmfestival von Locarno (2.-12.8.): Die deutsch-italienische Koproduktion „Drei Zinnen" (Regie: Jan Zabeil) hatte am Wochenende gleich drei Gipfel schon im Titel und erzählte, wie sich ein Ausflug in die Berge, der ein Neubeginn markieren soll, in einen Kampf wandelt. Hoch oben in der Drei-Zinnen-Region der italienischen Dolomiten sind Aaron und Tristan mit ihrer ambivalenten Liebe zueinander und mit ihren Ängsten umeinander konfrontiert, derweil Lea dabeisteht und versucht, ihren Platz in diesem Dreieck zu finden.

Und dann gestern das große Grunzen und Schreien zur 1991 im Südtiroler Schnalstal entdeckten Gletschermumie Ötzi: „Der Mann aus dem Eis" denkt sich eine Rache- und Action-Handlung zur geheimnisvollen Leiche aus, die mit einer Sperrspitze in der Schulter gefunden wurde. Jürgen Vogel spielt dabei Ötzi als Schamanen und Jäger, dem seine ganze Klein-Sippe brutalst vergewaltigt und umgebracht wurde. Nur ein Baby überlebte. Nun verfolgt dieser Kelab die drei Mörder unter Anführung von Krant (André M. Hennicke). Im Gepäck hat er nicht nur den Säugling, sondern auch eine Ziege als vierbeinigen Milchvorrat, denn die Alpen hatten da noch nicht Nestles Babypulver hervorgebracht. Auch das Schweizer Messer war noch unbekannt, aber Religion, Patchwork-Familie und Neue Männer kommen in dieser Handlung aus dem Jahr 3300 vor unserer Zeitrechnung durchaus vor. Da liegt der spöttelnde Gedanke nicht fern, dass Ötzi mit der Erfindung des Eispickels auch Filmgeschichte geschrieben hat und Tantiemen von „Basic Instinct" erhalten müsste.

Nein, die lange Entstehungszeit dieser historischen Geschichte hat ihr nicht gut getan. „Der Mann aus dem Eis" ist tatsächlich ein Rachefilmchen im Ziegenfell und vor aufwendig rekonstruierten Kulissen. Jürgen Vogel fällt einem als erste Wahl für diese archaische Grunz-Rolle ein, aber Ötzi ist keineswegs der beste Jürgen Vogel. Weil sich Regisseur Felix Radau entschied, die Figuren einen möglichen rhätischen Dialekt sprechen zu lassen, wirkt die ganze Sache mit den alten Pelzträgern genau so verschroben wie diese lustigen Leute, die Mittelalter-Musik machen. Selbstverständlich hält sich „Der Mann aus dem Eis" nicht exakt an das, was Archäologen erforscht haben. Ötzis Durchfall auf Grund von Darmparasiten wird wahrscheinlich erst in einem Hollywood-Remake (mit Mark Wahlberg?) eine große Rolle spielen. „Der Mann aus dem Eis", der im November auch in den deutschen Kinos zu sehen sein soll, wird eine Kuriosität der Festivalgeschichte bleiben.

Zum Abschluss am Samstag wird nach der Preisvergabe „Gotthard" zu sehen sein. Anders als der Titel vermuten lässt, kein Berg- oder Felsfilm, sondern einer über Rock. Schweizer Rock der ansonsten nicht so bekannten Band namens Gotthard.

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