21.2.17

Neruda (2016)

Chile, Argentinien, Frankreich, Spanien, USA, 2016 Regie: Pablo Larraín mit Gael García Bernal, Luis Gnecco, Alfredo Castro 107 Min.

Lang erwartet und wieder exzellent folgt kurz nach dem Kennedy-Porträt „Jackie" von Pablo Larraín („El Club", „No!") die Poeten-Geschichte „Neruda": Der chilenische Dichter und Politiker Pablo Neruda (1904 - 1973), war bereits in den Dreißiger Jahren als Konsul in Europa und musste 1936 vor den Putschisten Francos aus Madrid fliehen. Als er 1946 den frisch gewählten Präsidenten González Videla heftig angriff, ließ der Neruda und tausende andere Kommunisten verfolgen. Der Dichter konnte in letzter Minute sein Haus verlassen und wechselte anderthalb Jahre lang auf der Flucht fast täglich die Wohnung, bevor er die Grenze nach Argentinien überqueren konnte.

Regisseur Pablo Larraín macht aus dieser Flucht-Periode mit viel dichterischer Freiheit ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem der Dichter Neruda (Luis Gnecco) selbst die Spuren legt. Noch in seiner Wohnung hinterlässt er ein Buch mit Widmung für den Spürhund Óscar Peluchonneau (Gael García Bernal), den unehelichen Sohn des größten Polizisten des Landes. Mit besonders heldenhaftem Ernst geht dieser Polizist vor, denn die schöne Geschichte wird ja auch von ihm selbst erzählt, der eine heimliche Ader für die Poesie hat. Neruda liest derweil Krimis, „sie helfen mir, zu vergessen, dass die Polizei hinter mir her ist."

Daraus ergeben sich fantastische Szenen, im doppelten Sinne. Die Gespräche springen mitten im Dialog von einem Ort zum nächsten, zum verlassenen Parlament und zurück in den pompösen Palast des Präsidenten, den Neruda öffentlich als Verräter bloßstellte. Der Rede von Pablo Picasso zur Verteidigung seines Freundes folgt einer der Bordell-Besuche Nerudas, wo er sich bei einer schönen Travestie vor den Verfolgern als Frau verkleidet. Überall findet der allseits geliebte Dichter und „Senator" die Unterstützung der Bevölkerung. Eine besoffene Verehrerin fragt ihn, „wenn unter dem Kommunismus alle gleich sind, werden alle wie er, der Dichter, oder wie ich, die den „Bourgeoisen die Scheiße wegputzt?". Die Gespräche selbst bewegen sich mit einem Übermaß an Ernsthaftigkeit und der gleichen Überbetonung im Bild (Kamera: Sergio Armstrong) scharf am Rand des Absurden.

Larraín, der zuletzt den schönen Berlinale-Wettbewerber „Una Mujer Fantástica" produziert hat, wollte „einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest." Tatsächlich ist ja auch der Zeitpunkt des Todes Nerudas am 23. September 1973 symbolträchtig wie in einem Roman, zwölf Tage nach dem Putsch Pinochets. „Neruda" ist nicht nur in diesem Sinne gelungen, er ist tatsächlich ein formal ungemein spannendes Duell zwischen Neruda und „seinem Polizisten", der schließlich verwinden muss, selbst nur eine Fiktion Nerudas zu sein, gar eine Nebenfigur. Da, bei der entscheidenden Begegnung ist die Flucht für Neruda längst eine traumhafte und melancholische Reise durch die Landschaften Chiles geworden - da erinnert man sich nicht nur wegen Gael García Bernal an „Die Reise des jungen Che". Larraín zeigt allerdings auch die Lager, in denen das Militär willkürlich vermeintlichen Gegner einkerkert.

So verfestigt Larraín nach dem oscar-prämierten „Il Postino" und dem besseren Porträt „Mit brennender Geduld" (1983) von Autor Antonio Skármeta selbst nicht nur das Bild des Dichters Neruda als Filmstar. Er zeigt sich selbst vor allem mit dieser faszinierend fantastischen biographischen Episode als innovativer Meisterregisseur von poetischen Geschichten und politischer Geschichte.

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