12.2.17

Elle

Frankreich, BRD, Belgien, 2016 Regie: Paul Verhoeven mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Charles Berling 126 Min. FSK: ab 16

Die Klavierspielerin 2

Elle ist Michèle (Isabelle Huppert), entschlossene, selbstbewusste Frau und Chefin großen, erfolgreichen Firma für Videospiele. Dass wir sie gleich in der ersten Szene als Opfer einer Vergewaltigung kennengelernt haben, bestimmt so gar nicht das Bild der recht gefühllosen Egoistin, die Mutter und Sohn versorgt und sexuell sehr aktiv lebt. Das Blut im Schaubad nach der Vergewaltigung ist noch ein deutliches Zeichen, danach meint sie bei einer Besprechung, die heftige Gewalt im neuen Computer-Spiel sei noch zu steigern.

Der anfängliche Schockmoment, der später detaillierter wiederholt wird, wandelt sich der Erinnerung in eine Gewaltfantasie mit zermatschtem Vergewaltiger. Aber eigentlich ist „Elle" in seiner sehr ruhigen Entwicklung mehr Psycho als Thriller, auch wenn zu anonymen SMS vom Täter bald auch noch ein expliziter Film mit Michèles einkopiertem Gesicht auftaucht. Überraschend und für voreilige Feministinnen sicher provokativ spitzt sich der Thriller nicht zu sondern biegt ab zu persönlicher Erfüllung für Michèle in von ihr eingeleiteten Sadomaso-Quickies.

Neben dem Rätsel und Reiz um den Täter spielt die alte Familiengeschichte Michèles eine spannende Rolle. Hat doch ihr inhaftierter Vater vor 39 Jahren 27 Menschen, „dazu noch einige Tiere", wie sie amüsiert erzählt, umgebracht. Was von damals blieb, ist ein Foto von ihr in Unterwäsche vor einem Feuer, das Bild einer Psychopathin, wie ein Poster für „Carrie".

„Elle" platzt auch mit dem mehrfach offenen Ende als Thriller wie eine Seifenblase. Als Porträt einer außergewöhnlichen Frau ist er ungemein spannend. Regisseur Paul Verhoeven, selbst mit einer sehr wechselhaften Karriere gesegnet, legt hier nebenbei die Verbindung zu Hupperts „Die Klavierspielerin" (Regie: Michael Haneke, Buch: Elfriede Jelinek). Schon damals gelang eine irritierende bis fesselnde Verbindung von kindlichem Trauma und sadomasochistischen Sexpraktiken. Nun spielt zwar familiäres Chaos eine größere Rolle als der gar nicht erotische Thriller. Der Sohn ist ein Depp, die Schwiegertochter eine unverschämte Zicke, die ihm das farbige Kind eines anderen unterjubelt. Aber das ruhelose Rollen-Spiel um eine starke Frau führt trotz sehr simpler Game-Metapher zu einer faszinierend komplexen Persönlichkeit.

Isabelle Huppert kann selbstverständlich so eine kapriziöse Frau exzellent spielen, ihre Michèle lässt herrliche Gemeinheiten gegenüber dem sehr jungen Verlobten der Mutter ab. „Die Männer sind sinkenden Sterne", wie Isabelle Huppert in einem Interview sagte. Christian Berkel (nach englischen Produktionen auch im Französischen gut im Spiel) darf den einfach gestrickten Liebhaber geben. Der Ex (Charles Berling) bekommt komödiantisch viel ab.

Das Drehbuch entstand nach langem Hin und Her auf der Basis von Philippe Djians („Betty Blue") Roman „Oh...". Doch was sagte die Huppert zu den Männern? „Elle" ist ebenso wenig ein „Betty Blue"- Nachfolger wie ein „Basic Instinct"-Imitat, es ist vor allem ein exzellenter Isabelle Huppert-Film.

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