5.11.17

Simpel

BRD 2017 Regie: Markus Goller mit David Kross, Frederick Lau, Emilia Schüle, Devid Striesow 113 Min. FSK: ab 6

Simpel gesagt ist „Simpel" eine extrem aufdringliche Heulsuse. Also der Film „Simpel", nicht die geistig behinderte Hauptfigur namens Simpel, die mit dem fürsorglichen Bruder für schön fotografierte Rührung von der Stange sorgt.

Ein Sirtaki im Watt, aus dem Ben (Frederick Lau) seinen geistig behinderten Bruder Simpel (David Kross) immer retten muss, zum Auftakt. Dann stirbt die krebskranke Mutter und der schon seit Jahren verschwundene Vater will sich nicht um das nur körperlich erwachsene Problemkind Simpel kümmern. Ben bringt es nicht übers Herz, den Bruder in einem Heim zu sehen und deswegen hauen sie gemeinsam ab. Direkt mit dem Polizei-Bulli, aus dem der Beamte der Fürsorge während der Fahrt geschmissen wird. Eine Odyssee zum Vater nach München beginnt. Der Autoverkäufer (Devid Striesow) freut sich, den gesunden Sohn wiederzusehen, will mit Simpel aber nichts zu tun haben.

Selbstverständlich stolpert der überforderte Ben von einer unmöglichen Situation ins nächste Problem. Und trifft auf die Ärztin Aria (Emilia Schüle), die sehr lässig aushilft. Hier finden sich zwei, deren Lebensweisen komplett gegensätzlich sind. Die nur berufliche, einsame, gänzlich unabhängige Heilerin und der selber sozial zurückgebliebene Ben, der sich sein ganzes Leben lang um seinen Bruder gekümmert hat.

„Simpel", Verfilmung von Marie-Aude Murails gleichnamigem Roman und Remake eines französischen TV-Films, ist der perfekte deutsche Film, mit dem man und frau sich die Tränenkanäle durchspülen kann. Da er die Tragik ausgespielt, bis die letzte Tränendrüse überläuft wird, kann er zudem den Blutdruck hochtreiben mit viel Ärger über die simple Ausnutzung der emotionalen Klaviatur. Nie scheinen die Figuren ihren inneren Antrieben zu folgen, immer allein einem abgedroschenen Drehbuch-Standard. Bis zu extrem unfähigen Polizisten dient alles dem Drama. Mit Inbrunst geklampfte Popsongs und Weichspül-Gedudel wie Ben Howards „Keep your head up" halten die Stimmung auf hohem sentimentalen Niveau. Das ist dann doch arg simpel - aber auf jeden Fall rührend.

Allerdings auch richtig gut gespielt: David Kross („Die Vermessung der Welt", „Der Vorleser") ist als Simpel kaum wiederzuerkennen. Jungstar Frederick Lau („Victoria", „Traumfrauen") zeigt seine ganz weiche Seite. Emilia Schüle („High Society", „Mann tut was Mann kann") erfüllt als schöne Aria alle Erwartungen an ihr Können, überrascht jedoch nicht. Den Vater David gibt Devid Striesow („Ich bin dann mal weg") gekonnt widerlich. In seinen besten Momenten zeigt das wohl kalkulierte Rührstück, dass die Situation von Ben komplexer ist, als es im Film weitergeht.

Bad Moms 2

USA 2017 (A Bad Moms' Christmas) Regie: Jon Lucas, Scott Moore mit Mila Kunis, Kristen Bell, Kathryn Hahn, Christine Baranski, Cheryl Hines, Susan Sarandon 104 Min.

Naaa? Schon alle Weihnachtsgeschenke zusammen? Und auch die neue, aufwändige Deko eingekauft? Dieses schlechte Gewissen garantiert in voller Ladung und verlogen „Bad Moms 2", der erste Weihnachtshasser–Film des Jahres.

Amy, Kiki und Carla (Mila Kunis, Kristen Bell, Kathryn Hahn) sind schon einige Tage vor Weihnachten fix und fertig. Vorbereitungen für ein perfektes Weihnachtsfest fordern vor allem Mütter, auch wenn Carla die Geschenke für ihren debilen Sohn nur aus dessen Zimmer raussucht und noch mal verpackt. Doch nachdem die „Bad Moms" in ihrer ersten, dreckigen Komödie vor einem Jahr radikal die Verhaltens-Regeln für (Schul-) Mütter auf den Kopf stellten, sind diesmal die Mütter der Mütter die „Bad Moms Nummer 2". Erst als sie perfektionistisch (Christine Baranski) bei Amy, besoffen und bekifft (klasse: Susan Sarandon!) bei Carla beziehungsweise psychotisch anhänglich (Cheryl Hines) bei Kiki einfallen, werden die Feiertage zur wahren Hölle.

Da hilft nur wieder einmal kräftig saufen, am besten schon früh am Morgen. Die Frauen in Doppelrolle als Mütter und Töchter beschließen, diesen Wahnsinn nicht mehr mit zu machen. Stattdessen rennen sie wie besoffene Stripperinnen im Kaufhaus rum. Wenn die drei Frauen und der Humor wirklich mal ausbrechen, wird es grob aber auch lustig. Dann erfahren wir interessante Details der amerikanischen Weihnacht, dass zum Beispiel vor den Feiertagen ein großer Andrang beim Intimbereich-Waxing herrscht. Doch „Bad Moms 2" ist leider hauptsächlich Küchen-Psychologie. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da wird um zu wenige Wut- und sonstige Ausbrüche herum das Mutter-Tochter-Verhältnis aufgearbeitet. Und im Gegensatz zum Humor ist es dabei ärgerlich, dass alles grob gestrickt wie ein billiger Weihnachtspullover daherkommt.

Die Moral der typisch us-amerikanischen Geschichte ärgert schließlich besonders: Selbstverständlich müssen sich Mütter zu Weihnachten völlig aufopfern und fertig machen, damit eine repräsentative Weihnacht verkauft werden kann. Aber wir haben wenigstens probiert, so zu tun, als wäre die Menschheit entwicklungsfähig.

28.10.17

Good Time

USA 2017 Regie: Ben Safdie, Joshua Safdie mit Robert Pattinson, Ben Safdie, Jennifer Jason Leigh 101 Min. FSK: ab 12

Bei einem dämlich ausgeführten Banküberfall ließ Constantine (Robert Pattinson) seinen geistig behinderten Bruder zurück. Nun will er ihn aus dem Gefängnis rausbekommen, bekommt aber die Kaution nicht zusammen. Doch die Flucht aus dem Krankenhaus klappt, was nur der Beginn einer nächtlichen Odyssee ist. Twighlight-Star Pattinson ist mittlerweile beim kleinen, dreckigen Film angekommen. Aber noch nicht bei den guten kleinen, dreckigen Filmen: Die Brüder Safdie schicken ihn auf einen chaotischen Trip, bei dem die Neon-Farben ebenso rau sind, wie die sozialen Verhältnisse. Garniert wird der Independent-Film von einem Synthie-Soundtrack wie aus den 80ern liegengeblieben.

The Secret Man

USA 2017 (Mark Felt: The Man who brought down the White House) Regie: Peter Landesman mit Liam Neeson, Diane Lane, Marton Csokas 103 Min. FSK: ab 0

Der Mann, der Nixon stürzte

Ein Amtsenthebungsverfahren erscheint gerade die einzige Hoffnung, wie man die Welt von der Geißel Trump befreit. Der ungemein spannende und hochpolitisch aktuelle Film „The Secret Man", über den Mann, der laut Original-Titel „das Weiße Haus stürzte", zeigt wie das geht, beziehungsweise wie der unmoralische und kriminelle Präsident Nixon überführt wurde. Die Hauptfigur Mark Felt legt zwar definitiv zu Anfang einen Colt an, der wird jedoch im ganzen Geschehen nicht ein einziges Mal mehr angepackt. Denn Spannung geht auch ohne Schießerei.

1972 bestimmen Proteste gegen den Vietnamkrieg und Wahlkampf die USA. Dann lässt Noch-Präsident Nixon kriminelle Typen in die Zentrale der Demokratischen Partei einbrechen. Die Aktion im Watergate-Hotel verhindert allerdings nicht Nixons Wiederwahl. Nur das FBI ahnt, was wirklich passiert ist. Doch nach dem Tod des legendären Schnüfflers Edgar Hoover setzt das Weiße Haus seinen Mann an die Spitze des Geheimdienstes und steuert das FBI - völlig im Widerspruch zur Verfassung. Ein Affront für einen Mann, der seit 30 Jahren mit Überzeugung unter Hoover gedient hat: Mark Felt (Liam Neeson), ist Vize-Chef des FBI und wurde bei der Nachfolge grob übergangen. Doch noch unerträglicher ist, dass Informationen des FBI beim Präsidenten-Team landen und dass er nicht mehr in Sachen Watergate ermitteln soll. Mark Felt entscheidet sich zu einer Tat, die ihn an ein schreckliches Kindheits-Erlebnis erinnert: Sein Vater zwang Mark, das eigene, kranke Pferd zu erschießen!

Watergate, saubere Trennung der Institutionen im Staat, Amtsmissbrauch ... klingt nach Politik-Seminar, ist aber in der Inszenierung von „The Secret Man" mit einem sensationellen Liam Nesson der spannendste Film im aktuellen Kino. Schon Alan J. Pakulas Kinoklassiker „Die Unbestechlichen" von 1976 behandelte die Watergate-Affäre, die eigentlich Nixon-Affäre heißen müsste. Damals spielten Dustin Hoffman und Robert Redford die Journalisten der Washington Post, Carl Bernstein und Bob Woodward, die ihren mysteriösen Informanten „Deep Throat" in einer Tiefgarage trafen. Nun erzählt „The Secret Man" die Perspektive dieses berühmten Whistleblowers.

Und tatsächlich beruht der Film auf der Autobiographie „Felt: The Man Who Brought Down the White House". So beeindrucken zwar Standfestigkeit, mit der Mark Felt Grundprinzipien moderner Demokratien verteidigt, und die persönlichen Opfer, die er dafür bringt, aber der Vize-Chef des FBI wird kaum immer ein so ehrenwerter Kerl gewesen sein, als der er sich hier selbst darstellt.

Liam Neeson zeigt sich ohne Action aber trotzdem sensationell eindrucksvoll. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der ungemein körperlich auftretende Schauspieler Liam Neeson diesen extrem standhaften Mann spielt. Eine lang unbewegte, fast versteinerte Miene, die Stimme tief wie bei Clint Eastwood. Das Drehbuch von Regisseur Peter Landesman gibt dieser eindrucksvollen Persönlichkeit durch eine Tochter, die seit mehr als einem Jahr in der linken Subkultur verschwunden ist, zusätzliche Schattierungen. Unglaublich gute Kamera und Musik komplettieren diesen sehr wichtigen und spannenden Film.

Thor: Tag der Entscheidung

USA 2017 (Thor: Ragnarok) Regie: Taika Waititi mit Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Cate Blanchett, Idris Elba, Jeff Goldblum 131 Min. FSK: ab 12

Fantasy, Science Fiction, Trash, Kinderkram und ganz große Witznummer - der neue „Thor" müsste sich eigentlich entscheiden, was für ein Film er sein will. So unterhält das kurzweilige Durcheinander mit Chris Hemsworth und Cate Blanchett, bleibt aber nur noch ein Superhelden-Filmchen einer schon jetzt unübersichtlichen Sammlung.

„Thor: Ragnarok" heißt es im Original und dieses Ragnarok aus den nordischen Mythen ist wie die inflationäre Apokalypse der Christen - so richtig endgültig das Ende. Göttersohn Thor (Chris Hemsworth) spielt noch voller Muskeln und Ironie den Superhelden und trauert etwas um den irgendwie und doch nicht ganz verstorbenen Vater Odin. Doch das wirkliche Problem liegt wie so oft in der eigenen Familie: Die ältere Schwester Hela kehrt aus der Vergessenheit zurück und hat als mächtige Göttin des Todes alle Waffen für eine ganz große Racheaktion. Nun erzählt der Film mit einer grandios düsteren Cate Blanchett mit pieksigem Hirschgeweih und scharfem Lederklamotten eine durchaus tiefgründige Familiengeschichte um die zu unrecht verstoßene Tochter. Und schickt den entmachteten Thor auf eine alberne und mehr als holperige Abenteuer-Reise samt Werbeeinblendungen für andere Marvel-Konzernabteilungen.

„Thor" liefert Kindergarten-Dialoge, bevor lächerliche Kloppereien auf gleichem Niveau losgehen. Statt Thors mythischem Hammer Mjölnir sorgt Led Zeppelins fast noch 60er Wikinger-Rock „Immigrant Song" für Schwung. Allerdings hat alles, was aus den nordischen Mythen geklaut wurde, Hand und Fuß, fasziniert und lässt nachdenken. So wie Neil Gaimans Roman „American Gods" und deren grandiose Verfilmung ja auch nur eine ganz große Ragnarok-Geschichte ist. Wenn jedoch der Verräter der Götterheimat Asgard seine „Maschinengewehre aus Texas" mit „Des" und „-troy" benennt, ist das echt der Comic, der „Thor" einst war.

Ein Comic, aufgewertet mit erstaunlichen Schauspiel-Einlagen. Damit ist jetzt nicht die Lach-Nummer von Matt Damon gemeint, der in einer Theater im Film-Einlage einen heldenhaften Loki gewollt schlecht spielt. Während sich dieser hinterlistige Halbbruder Thors wieder einmal als Odin ausgibt und die ganze Maskerade im Shakespeare-Stil inszeniert. Die wenigen, kurzen Szenen, die Anthony Hopkins als Odin noch hinlegt, haben alle Gänsehaut-Potential. Und dann Cate Blanchett (demnächst völlig wandlungsfähig in „Manifesto"), die das Böse so gut wie noch nie aussehen lässt! Unter all den Effekten und Tricksereien ist es wieder mal echte Schauspiel-Superkraft, die einen hammermäßig umhaut.

Jeff Goldblum hat als alberner Grandmaster einen großen Auftritt auf einem Gladiatorkampf-Planeten, von dem man durch des „Teufels Anus" fliehen muss! Benedict Cumberbatch tritt als Dr. Strange dramaturgisch völlig unnötig auf. Wie auch die trampelhafte Einlage von Hulk und Bruce Banner nur Werbung für das Superhelden-Arsenal von Marvel darstellt.

Aber letztlich passt dies zu einem Film, in dem nichts zueinander passt: Science Fiction fliegt durchs All, politische Dystopie blitzt auf, wenn eine Weltraum-Müllhalde auf Blade Runner-Kopie macht. Haufenweise Auftritte, Welten, Stile und Gast-Einlagen purzeln durcheinander, auch die Musik findet keine Linie. Aber wenigstens vergeht bei diesem holperigen Walküren-Ritt - ja, auch die gibt es - die Zeit mit Lichtgeschwindigkeit.

27.10.17

Lady Macbeth

Großbritannien 2016 Regie: William Oldroyd mit Florence Pugh, Cosmo Jarvis, Paul Hilton 89 Min. FSK: ab 12

Für den Preis eines Stückchens Land wurde sie verkauft. Wir sind in England, zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Nun ist Katherine (Florence Pugh) Ehefrau von Alexander Lester (Paul Hilton), der sie abends im Schlafzimmer nicht anfasst, sondern sie nur nackt anschaut. Auch der Film sperrt Katherine ein - in einen Rahmen der Räumlichkeiten. Selten sorgt ein Sonnenstrahl oder ein Ausflug für Aufhellung. Doch als sowohl Alexander als auch der dominante Schwiegervater Boris Lester (Christopher Fairbank) ohne Ankündigung vom Anwesen abreisen, beginnt die geknechtete Hausherrin ein leidenschaftliches Verhältnis mit einem ungehobelten Arbeiter. Diese, auch sexuelle Befreiung führt zu einer Selbst-Ermächtigung gegen den schlagenden Schwiegervater. Auch der gemeinsame Mord des Paares am nach langer Zeit zurückkehrenden Ehemann zeigt eine schockierende Gewalt und Entschlossenheit. Das schwarze Hausmädchen Anna verstummt vor Schock und Schuld, doch die wahre „Lady Macbeth" ist noch nicht am Ziel.

Anders als in Nikolai Leskows Vorlage, dem Roman „Lady Macbeth von Mzensk" aus dem Jahr 1865, und der gleichnamigen Oper von Dmitri Schostakowitsch und Alexander Preis wird sich das Ende des Dramas gestalten. Mit der Verlagerung ins England des 19. Jahrhunderts kommen in der äußerst packenden Verfilmung zum Schlachtfeld Geschlecht auch das von Klasse und Ethnie hinzu. Ein in dichter Inszenierung und exzellenter Kamera (Ari Wegner) sehr eindrucksvolles Kinodebüt von William Oldroyd. Bei einer fesselnden und schockierenden Geschichte vor allem auch die Entdeckung der Hauptdarstellerin: Die bislang unbekannte Florence Pugh spielt Katherine in allen Gefühlslagen und Macht-Positionen geradezu atemberaubend intensiv. So blickt die Kamera nach Katherines dritten Mord eine gefühlte Nacht nur auf ihr Gesicht, das die Tat im Wandel verarbeitet. Ein unvergesslicher Kinomoment!

24.10.17

Die Unsichtbaren - Wir wollen leben

BRD 2017 Regie: Claus Räfle mit Max Mauff, Alice Dwyer, Ruby O. Fee, Aaron Altaras, Victoria Schulz, Florian Lukas, Andreas Schmidt 110 Min. FSK: ab 12

Das bewegende Doku-Drama re-inszeniert vier Geschichten von jungen Berliner Juden, die vor den tödlichen Transporten der Nazis untertauchten: Cioma Schönhaus gibt kurz vor dem Abtransport vor, dass er in einem kriegswichtigen Betrieb unabkömmlich sei. Mit weiteren Tricks wechselt er als angeblicher Soldat auf Heimaturlaub die Wohnungen. Dabei fälscht er nicht nur seinen eigenen, sondern auch viele andere Pässe. Aus Hanni Lévy wird mit blonden Haaren Hannelore Winkler. Eugen Friede verteilt nachts im Widerstand Flugblätter. Tagsüber versteckt er sich in der Uniform der Hitlerjugend und im Schoße einer deutschen Familie. Und schließlich ist da noch Ruth Gumpel, die als Kriegswitwe getarnt, NS-Offizieren Schwarzmarkt-Delikatessen serviert.

Regisseur Claus Räfle und seine Ko-Autorin Alejandra López haben die vier Überlebenden schon 2009 für einen anderen Film interviewt. Nun erzählen sie vor der Kamera, während Schauspieler die Erinnerungen nachspielen. So ist „Die Unsichtbaren - Wir wollen leben" in den Spielszenen ein spannend gestalteter Historienfilm, der seine Glaubwürdigkeit von den Gesichtern und den Stimmen der Überlebenden erhält. Das ist auch mit ein paar historischen Aufnahmen so gelungen, dass es in die Zeit hineinzieht. Dabei passt die Wahl der Schauspieler gut, vor allem der gewitzte Fälscher Cioma Schönhaus scheint als alter Mann und von Max Mauff als Untergetauchter dargestellt eine Person zu werden. Vor allem vermittelt das im Kino seltene Format des Doku-Dramas unter Ausblendung des wirklichen Horror des Holocaust, der nur eine Ahnung bleibt, die allgegenwärtigen Ängste, die dauernden Lügen und Verstellungen der „Unsichtbaren".

Maudie

Kanada, Irland 2016 Regie: Aisling Walsh mit Ethan Hawke, Sally Hawkins, Kari Matchett 116 Min. FSK: ab 12

„Maudie" ist Künstlerporträt, ist Biopic und lässt doch alle Klischees der Gattung weit hinter sich: Die Geschichte der kanadischen „Folk-Art-Künstlerin" Maud Lewis (1903-1970) beginnt trist im Haus ihrer Tante, wo die junge Frau „abgestellt" wurde. Als Kind an rheumatischer Arthritis erkrankt, wirkt sie zerbrechlich, humpelt und ihre Hände sind verkrüppelt. Man traut ihr nichts zu und so nutzt Maud (Sally Hawkins) die erste Gelegenheit, von ihrer grausamen Familie wegzukommen. Die Gelegenheit bietet sich in Form des polternden, groben Klotzes Everett Lewis (Ethan Hawke), der für seine schäbige Hüte eine Haushälterin sucht. Nun ist Maud überhaupt nicht als Haushaltshilfe geeignet, aber Everett gleichermaßen nicht fürs Zusammenleben. Trotzdem zieht sie bei ihm ein, schleppt den schweren Kochtopf mit krummen Händen und geht mit ihren krüppeligen Füßen den weiten Weg aus der Einöde zum kleinen Laden des Kaffs.

Es wäre untertrieben, Everett als sehr einfach gestrickten Mann zu beschreiben, der viel Mühe hat, mit ausgerechnet dieser Frau zurecht zu kommen. Aber in besonders schwierigen Momenten beginnt Maud zu malen: Auf der Wand, den Möbeln und auf kleinen Zetteln. Sie bringt auch seinen kleinen Fischhandel in Ordnung. Dabei bekommt sie allerdings bald mehr Aufmerksamkeit und Geld für die selbst gemalten Karten, die als Quittung herhalten. Sie beginnen, die Bilder zuhause auszustellen und zu verkaufen. Die bunten Zeichnungen aus Tier- und Pflanzenwelt werden ein großer Erfolg, sogar Präsident Nixon will eine, bekommt sie aber nur, wenn er zahlt. Da sind sich die beiden Käuze einig!

Heute ist Maud Lewis als Folk Art Künstlerin anerkannt, ihre Gemälde hängen in zahlreichen Kunstsammlungen. Doch in „Maudie" bleibt diese Erfolgsgeschichte beiläufig. Dies ist ein wunderbarer Liebesfilm der besonderen Art. Vor allem Everett ist verschroben in einer Weise, die richtig komisch wäre, wenn man nicht mit ihm leben müsste. Wie er allerdings betont, dass sie rausfliegt, wenn sie ihren Haushaltsjob nicht mehr macht, und dann selbst zum Besen greift, damit sie mehr Zeit zum Malen ihrer einträglichen Bilder hat, ist schon fast liebevoll. Er bleibt ein sehr grober Idiot und sie liebt ihn weiterhin. So kommt es auch in einer Mischung aus Pragmatismus und spröder Zuneigung sogar zur Hochzeit.

„Maudie" zeigt dieses Glück sehr schön, spielt zwischendurch die passend raue Landschaft und das Wetter an Kanadas Ostküste aus. Dazu gibt es sehr schön passende Folk-Musik. Aber der Film gewinnt einen vor allem über die Darstellung Mauds durch Sally Hawkins, die fast wieder ihren unerschütterlichen Poppy-Charakter aus „Happy-Go-Lucky" (2007) aufnimmt. Ein reiner Sonnenschein - so wie bei ihren Bildern ist die einfache Fröhlichkeit keineswegs naiv, sie kommt aus tiefem Herzen. Was einen kleinen Glücks-Film mit viel leisem Humor ergibt. Ethan Hawke ist in der assistierenden Hauptrolle so groß, dass er einige Filmpreise erhalten sollte. Da wird am Ende jeder tief gerührt in den Kinosesseln versunken sein, trotzdem der Hinweis, es gibt im Abspann noch ein paar wunderbare Originalbilder.

23.10.17

Django

Frankreich 2017 Regie: Etienne Comar mit Reda Kateb, Cécile de France, Beata Palya 117 Min. FSK: ab 12

Die Finger fliegen so rasant und ungewöhnlich über die Saiten wie bei Sean Penn in Woody Allens Biografie „Sweet and Lowdown". Doch dieser Django Reinhardt ist ein anderer, die Zeit ist brutal in ihrem Rassenhass: „Django" erzählt eine Episode im Leben des Belgiers Jean „Django" Reinhardt (1910-1953). Es ist die erfolglose Flucht vor den deutschen Besetzern in Paris in die Schweiz im Jahr 1943. Das Regie-Debüt des französischen Produzenten Etienne Comar („Von Männern und Göttern", „Mein Ein, mein Alles") zeigt den Wandel des unpolitischen Bohemiens und Genies des Gypsy-Swing zum Komponisten einer ergreifenden „Zigeunermesse" für die verfolgten und ermordeten Roma. Deren Partitur ging zwar verloren, der erhaltene Teil bildet aber den Schlussakkord des Films.

Bis zu diesem tieftraurigen Moment erlebt Django (großartig gespielt von Reda Kateb), der ersten Warnungen von Transporten nicht glaubt und von Angeboten der deutschen Führung lebt, wie immer mehr Menschen verhaftet werden und verschwinden. In einer schockierenden Szene werden die Wagen einer befreundeten Sippe im Flammenwerfern abgefackelt. Die absurden Forderungen der Kultur-Nazis, Django dürfte nicht improvisieren, keine „Negermusik" spielen und nicht mit dem Fuß wippen, sind noch der amüsante Teil eines schon verlorenen Kampfes um die Freiheit der Musik und damit der Kultur. Die andere Belgierin des Films, Cécile de France, verkörpert in der tragischen Figur der gefolterten und gebrochenen musikalischen „Königin von Montparnasse" dieses Ende der Freiheit. „Django", der Eröffnungsfilm der letzten Berlinale, gemahnt auf ergreifende Weise, zu was Rechte an Macht fähig sind.

Sommerhäuser

BRD 2017 Regie: Sonja Maria Kröner mit Thomas Loibl, Laura Tonke, Ursula Werner, Günther Maria Halmer, Mavie Hörbiger 97 Min. FSK: ab 12

Im besonders heißen Sommer des Jahres 1976 wurde in Entebbe eine Flugzeugentführung beendet, bei den olympischen Sommerspielen in Montréal kämpften noch BRD gegen DDR und Ulrike Meinhof starb unter umstrittenen Umständen in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Diese Ereignisse dringen kaum bis in den sommerlichen Garten einer großen Familie. Den alten Baum fällte symbolträchtig der Blitz, das Haus der gerade verstorbenen Oma ist fast abgebrannt. Jetzt kommen die Münchener zu den Verwandten auf dem Land. Der Sommer im Garten besteht aus Wespen töten und Baumhäuser bauen. Der aus Kinderperspektive unheimliche Nachbar im Wald hinterm Zaun hat einen Puppenfriedhof, in den Zeitungen wird ein Kind vermisst. Die Erwachsenen hegen Hoffnungen auf das Erbe, das Häuschen und das Grundstück. Die Spannungen zwischen den eifersüchtigen Schwestern setzen sich bei ihren Kindern fort. Gitti protzt mit teuren Klamotten von ihren wechselnden reichenden Männern, der Vater ihrer Tochter kommt allerdings nie zu deren Geburtstagen. Ihr Schwester Eva stichelt und betont der Wert ihrer kompletten Familie.

Das wird mit guten Darstellern schön charakterisiert. Drumherum sorgt eine Ausstattungsorgie mit furchtbaren Schlaghosen, gelben Telefonzellen, Kaugummi-Automaten, Mofas und Nachrichten, die man auf Papier schrieb, für die glaubhafte Zeitstimmung. In der sehr ruhigen Entwicklung klingt ein wenig Kirschgarten mit dem Verlust der alten Familien-Gemeinschaft an. Sehr gewitzt und „natürlich" steigt die Spannung. Der Kampf mit den Wespen artet in einer Szene a la Hitchcocks „Die Vögel" aus. Während einer stürmischen Gewitternacht mündet das Sommer-Drama in einer ungewöhnlich stillen und damit sehr berührenden Katastrophe. All dies und mehr gelang Sonja Maria Kröner in ihrem Langfilm-Debüt äußerst stimmig.

Fack ju Göhte 3

BRD 2017 Regie: Bora Dagtekin mit Elyas M'Barek, Jella Haase, Sandra Hüller, Katja Riemann, Max von der Groeben 118. Min

Für dumm verkauft

Ein dummes Blödelfilmchen, das zum Kinoerfolg wurde, kassiert im dritten Teil noch mal ab und gibt sich nicht im Geringsten Mühe, endlich auch mal einen guten Film abzuliefern. Das Beste an „Fack ju Göhte 3" ist, dass er nicht nur das, sondern auch der Letzte (seiner Serie) sein soll. Wer's glaubt, hat allerdings zu viel von solchem Mist gesehen.

Dramaturgisch geht es super originell wieder mal um die Schulschließung, dazu gibt es wie üblich einen Wettbewerb und Schul-Einbrecher Zeki Müller (Elyas M'Barek) muss erneut das Vertrauen seiner Problem-Schüler gewinnen. Chantal (Jella Haase), Danger (Max von der Groeben) und Zeynep (Gizem Emre) sind weiter, sehr, sehr dämlich. Andere Filme stellen sich gerne auf die Seite der Chancelosen und zeigen glaubhaft, was in ihnen steckt. Hier bleiben sie doof und bekommen trotzdem ihr Abi.

Die mittlerweile legendäre „Arschloch-Klasse" kann nichts und muss in der einfallslosen 08/15-Dramaturgie unweigerlich Erfolg haben. Dazu tragen die Mädels „FOT" und „ZE" auf ihren T-Shirts. Das soll jetzt provokativ sein, ist allerdings auch fast zwanzig Jahre nach „American Pie" nur verklemmt. Lächerlich machen und gleichzeitig Respekt sowie eine Chance für die Witzfiguren einfordern, das ist tatsächlich respektlos vom Film. Aber hier muss auch der Minderbemitteltste im Kino noch jemand blöderen auf der Leinwand sehen, über den er lachen kann.

Die Scherze bleiben mäßig und nicht überkomplex. Müllers Erstaunen darüber, dass es von Faust einen zweiten Teil gibt, mag umwerfend witzig erscheinen, war es aber schon vor 100 Jahren nicht. Selbst Cybersex bleibt hier Kinderkram, unappetitlicher zudem, weil die immer noch lebende Legende für skurille Rollen, Irm Hermann, dazu Kekse serviert. Dass „Influencer" kein Beruf ist, wurde schnell noch für die Intellektuellen ins Buch geschrieben. Dabei fällt alles grob aus: Die Riesenwarze der Pflegerin im Berufswahl-Video, das Riesenzäpfchen, dass erst rektal und dann oral in den Müller muss. Als versöhnlichen Ausgleich gibt es dann den M'Barek nackt unter der Dusche.

So quält man sich gelangweilt durch einen gerade noch so mittelmäßigen Film und sucht in dieser sich schrill gebenden Spießer-Ödnis irgendwas Substanzielles, etwas, was hängenbleibt. Und tatsächlich: Nach über einer Stunde sorgt das Bekenntnis von Müller als ehemaliges Mobbing-Opfer in einem rührend einfachen Anti-Mobbing-Seminiar beim Zielpublikum vielleicht für etwas Gesinnungswandel.

Erstaunlich nur die Präsenz respektabler Schauspieler wie Corinna Harfouch oder Uschi Glas, die ernsthaft Worthülsen absondern. Viele wollen auf diesen Erfolgszugs aufspringen und lassen sich auch für doof verkaufen. Außerdem ist die Marktmacht vom Produzenten Constantin Film groß, da hält man lieber den Mund. Einzig Sandra Hüller nutzt ihre Rolle als Party-Maus im Kollegium gekonnt zum Image-Wechsel.

So schließt die „Trilologie" mit vielen, vielen Misstönen. Zum Ende wird rührselig und langatmig noch die ganze überraschende Erfolgs-Serie abgefeiert. Für Filmliebhaber eine nicht endende Qual.

18.10.17

Wenn Gott schläft

BRD, USA 2017 (When god sleeps) Regie: Till Schauder mit Shahin Najafi, Leili Bazargan, Shariyar Ahadi, Majid Kazemi, Günter Wallraff 88 Min.

Shahin Najafi ist ein iranischer Musiker, der 2012 in einem satirischen Song einen schiitischen Führer kritisierte. Das führte zu einer Todes-Fatwa gegen ihn, ein Kopfgeld von 100.000 Dollar wurde ausgesetzt. Ein weiterer religiöser Wahnsinn, der weltweit für Aussehen sorgte. Seit 2005 lebt Shahin im Exil und in Köln. Günter Wallraff empfahl ihm, regelmäßig sein Äußeres zu ändern. Der Flüchtling schläft mit einem großen Schlachter-Messer neben dem Bett, hat immer ein Spray und ein Messer dabei, wenn er rausgeht. Als es endlich Polizeischutz für ihn gibt, ist das ein großes Fest. Denn der lebenslustige Sänger will seine Musik weiter veröffentlichen und auch auftreten. Dabei erweist es sich als Problem, Musiker zu finden, die mutig genug sind, mit einem „Gebannten" zu spielen. Auch Shahins leidenschaftliche Fernbeziehung leidet unter Angst und Einschränkungen.

Der persönliche Dokumentarfilm erzählt viel über die restriktiven Verhältnisse für Künstler im Iran und genau so Interessantes über das Leben eines iranischen Flüchtlings in Deutschland, über Vorurteile gegenüber einem bärtigen Mann. Parallel zum Alltag und der Arbeit des vielseitigen Musikers werden Ereignisse wie das Attentat auf Charlie Hebdo eingespielt. Die Situation für Ausländer in Deutschland verändert sich. Was Shahin anscheinend nur noch trotziger macht. So kommt nicht nur die begeisterte Gemeinschaft der iranischen Exilanten in den Genuss seiner kraftvollen Musik, auch der Film fügt seinen vielen Facetten so einige kunstvolle und auch poetische Momente hinzu.

16.10.17

The Square

Schweden, BRD, Frankreich, Dänemark 2017 Regie: Ruben Östlund mit Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West, Terry Notary 151 Min. FSK: ab 12

Der Cannes-Sieger 2017, Ruben Östlunds „The Square", stellt den etablierten Kulturbetrieb mit viel feinem Humor auf den Kopf und stellt gleichzeitig im Minutentakt Fragen an die eigene Moral und Weltvorstellung.

Der charismatische dänische Kurator eines großen schwedischen Museums wird moralisch auf die Probe gestellt: Eben noch Teil der üblichen Masse in einer Fußgängerzone, Augen, Kopf und Geist ins Smartphone versenkt, schreckt ein Hilfeschrei auf. Nach einiger Konfusion wehrt Christian (Claes Bang) mit einem anderen Passanten einen aggressiven Schläger ab und rettet wohl eine hilfesuchende Frau. Was sich ein paar Schritte weiter als Farce erweist, denn Christian sind Portmonee und Smartphone durch diese Aktion geklaut worden. Ja, Christian, dieser smarte, sehr gut aussehende und selbstbewusste Kultur-Mensch, wird noch einige Male eine Achterbahn der Wertvorstellungen und Selbsteinschätzung erleben müssen. Und wir mit ihm - denn der immer wieder überraschende „The Square" macht es nicht einfach, die Guten und die Schlechten in passende Schubladen zu stecken.

Immer wieder trifft der idealistische Christian auf Bettler. Die allerdings nicht nett Danke sagen, sondern richtig unverschämt Extras einfordern. Und immer wieder wird um Hilfe gerufen in diesem Film. Christians neuestes Kunstprojekt, das titelgebende „The Square", soll mit einem leuchtenden Quadrat im Großstadt-Pflaster exakt einen Schutzraum für Hilfesuchende bieten. Ein utopischer sozialer Raum, den der Kurator selbst nicht immer beachtet. Meist hat er kein Geld für Bettler. Und schließlich, nach einer Verkettung von ungewöhnlichen Ereignissen, wimmert im Treppenhaus der unverschämte Einwanderer-Junge, den Christian selbst die Treppe herunter gestürzt hat, hörbar eine Nacht lang. Ohne dass der engagierte Mensch einschreitet.

Das Eindringliche dieser Schlüsselszene wird nur noch übertroffen durch ein großes, surreales Galadiner des Museums, das dem Film in einer erschütternden Komprimierung gesellschaftlicher Dystopie wohl die Goldene Palme einbrachte: Die feinen Herrschaften und Kultur-Sponsoren sollen als Vorspeise noch etwas Provozierendes genießen. Ein sehr muskulärer Mann verhält sich zwischen den edel gedeckten Tischen wie ein Affe, er würde die Ängstlichen aufspüren, die anderen sollen den Kopf senken und sich in der Herde verstecken. Die Begegnung zwischen Kultur und Natur läuft völlig aus dem Ruder, niemand stoppt den Schauspieler in seiner Menschenaffen-Rolle, auch nicht als er eine Frau vergewaltigen will.

Rund um diesen beklemmenden Moment demaskiert der Schwede Ruben Östlund mit Witz und genauer Beobachtung. Wie in seinem Vorgänger „Höhere Gewalt" (2014), in dem ein Familienvater angesichts einer heranrauschenden Lawine überraschende Präferenzen zeigte. Allerdings scheint die Welt der Kulturschaffenden und -Vermittler in „The Square" der ideale Nährboden für diese Methode der Demaskierung zu sein. Trefflich wird das Geschwätz von Social Media-Heinis und Kunst-Interpreten aufs Korn genommen, etwas Tourette im Publikum ist dabei sehr hilfreich. Wobei ganz großartig die Kunst selbst dies im Hintergrund erneut kommentiert. „Umwerfend" komisch das höchst peinliche Gespräch von Christian mit der Frau aus seinem letzten One Night-Stand während der große Stapel Stühle der Installation im Hintergrund akustisch immer wieder laut zusammenbricht. Auch hier erweist sich Claes Bang nach Auftritten in „Borgen" und auch deutschen TV-Folgen als ideale Besetzung. Äußerlich glänzend wie ein junger Pierce Brosnan, kracht die innerliche Selbstkonstruktion eines kulturell gebildeten, sozial engagierten guten Menschen alle paar Minuten zusammen. Ein Film, der wunderbar viele Fragen stellt und offen lässt.

Borg/McEnroe

Schweden, Dänemark, Finnland 2017 Regie: Janus Metz mit Sverrir Gudnason, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgård, Tuva Novotny 103 Min. FSK: ab 0

Das Wimbledon-Finale von 1980, bei dem sich Björn Borg und John McEnroe ein sehr umkämpftes Fünfsatz-Duell lieferten, zählt man zu den Höhepunkten der Sport-Geschichte. Der angeblich eiskalte Schwede hatte die Gelegenheit, zum fünften Male Wimbledon zu gewinnen. Sein Gegner, der cholerische „Bad Boy" McEnroe, scheint als Aufsteiger ein ganz anderer Typ zu sein. „Borg/McEnroe" geht als reizvolle Doppelbiographie zurück in die Jugend der Tennis-Legenden.

Der 24-jährige Borg ist ausgebrannt, die Unsicherheiten, die ihm sein Trainer Lennart Bergelin (Stellan Skarsgård) austrieb und ihm damit die Eisberg-Mentalität verpasste, melden sich immer wieder. Die ersten Spiele übersteht der Favorit keineswegs souverän. Verzweifelt hält sich der verschlossene Athlet an seinen Spleens fest: Es muss immer wieder exakt der gleiche Volvo sein, der ihn abholt. Jeden Abend wird im Hotelzimmer des Trainers aus zig identischen Schlägern aufwendig der am besten bespannte ausgetestet.

John McEnroe (Shia LaBeouf) dagegen macht Party, beleidigt weiterhin Schiedsrichter und Publikum. Borg verfolgt fasziniert seine Spiele im Fernsehen. Denn als Kind war der Schwede auch so ein Choleriker. Der snobistische Tennisverband wollte ihn schon rauszuschmeißen, den talentierten Jungen aus einer Arbeiterfamilie. Bis Bereglin ihm unmenschliche Selbstdisziplin eintrichterte. Eigentlich ist Borg das gestresste Ekel, zweifelt an sich, meckert rum, entlässt den langjährigen Trainer. Aber auch der Amerikaner McEnroe kommt mit einem Rucksack voller Deformationen auf den Platz. Das hochintelligente Wunderkind aus sehr guten Verhältnissen konnte es seinen Eltern nie gut genug machen.

Bad Boy Shia LaBeouf spielt seinen Geistesverwandten vom Tennisplatz gefährlich nahe an der Grenze zur Lachnummer. Aber letztlich helfen die bekannten Markenklamotten aus der Ausstattungsabteilung der Glaubwürdigkeit kräftig aus. Sverrir Gudnason jedoch gewinnt mit seinem Borg letztendlich nicht nur das legendäre Match, er dominiert auch den Film: Das verschlossene Gesicht, in dem eine scheue Angst und ein enormes Maß an Selbstqual nicht zu verstecken sind, trägt die innere Geschichte dieses Sport-Dramas. Die Anfangs-Szene, in der Borg versucht, von seinem Heimat-Club in Monaco unerkannt zu Fuß nach Hause zu kommen, verströmt eine Panik, die überhaupt nicht zum Eisberg Borg passt.

Dem dänischen Regisseur Janus Metz gelingen vor allem solche kleinen Momente. Besonders stark ist auch die Rolle von Stellan Skarsgård als väterlicher Mentor und Trainer Lennart Bergelin. Am vermeintlichen Höhe- und Wendepunkt zweier Lebensgeschichten sucht er eine eigene Ästhetik für ein mit fünf Stunden Länge nicht besonders „fotogenes" Finale und macht dabei nur wenige Punkte. Die übliche Sport-Dramaturgie fällt seltsam uninspiriert aus. Was nicht das Schlechteste ist: Dass die beiden extremen Charaktere sich ineinander finden und aus dem bemerkenswerten Duell eine Freundschaft entsteht, ist weitaus besser anzusehen als die gewöhnliche Zerstörung des anderen.

11.10.17

Captain Underpants - Der supertolle erste Film

USA 2017 Regie: David Soren 89 Min. FSK: ab 0

Es gibt ja den Tipp fürs Selbstbewusstsein, sich die unfreundliche Autoritätsperson vor einem in Unterwäsche vorzustellen. Die kleinen Scherzkekse George und Harold machen aus ihrem grimmigen Schuldirektor mittels Hypnose direkt den albernen Superhelden „Käpt'n Superslip". Logisch: Während die meisten Superhelden nur aussehen, als ob sie in Unterhosen herumfliegen, macht es ihre Erfindung tatsächlich. So frech wie die beiden Helden dieser sehr netten Animation sind auch einige ihrer Streiche, mit denen sie für Leben und Spaß im tristen Schulalltag sorgen. Als seine Sidekicks können George und Harold Captain Underpants nach Belieben kontrollieren und manipulieren. Bis zum klassischen Schulkonzert mit Pupskissen. Aber auch die Wiedereröffnung der Kunst- und Musik-Klassen macht allen Freude. Dann entpuppt sich der neue Physik-Lehrer als sehr wahnsinniger Wissenschaftler (mit deutschem Akzent im Original), der das Lachen auslöschen will. Mit seiner „Turbo-Toilette 2000", angetrieben von hoch toxischen Essensresten, sorgt er für einen aberwitzigen Action-Spaß.

Durchgedrehte Ideen, sehr wilder Klamauk - der aber zum Glück für erwachsene Begleiter keineswegs nur infantil ist - und subversive Einsprengsel machen „Captain Underpants" zum Überflieger im Kinderkino. Nicht überraschend, weil Autor Nicholas Stoller schon die deftigen Erwachsenen-Komödien „Bad Neighbors" und „Zoolander 2" sowie den Puppen-Spaß „Die Muppets" geschrieben hat. Wie Comic-Kinder auf Zucker-Kick dreht auch der Film nach Dav Pilkeys gleichnamiger Kinderbuch-Reihe zeitweise durch, er entwickelt aber auch Mitleid für den einsamen Schulleiter und erwähnt die mageren Gehälter des Lehrpersonals. Tatsächlich ein Spaß für die ganze Klasse.

10.10.17

American Assassin

USA 2017 Regie: Michael Cuesta mit Dylan O'Brien, Michael Keaton, Sanaa Lathan 112 Min. FSK: ab 18

Weil irgendwelche arabische Attentäter die Verlobte von Mitch Rapp (Dylan O'Brien) auf Ibiza umbrachten, wird er zum Ein-Mann-Rachekommando. Bis ihn das CIA einfängt und vom Kriegs-Veteranen Stan Hurley (Michael Keaton) zum noch effektiveren Mörder ausbilden lässt. Dann wird geklautes Plutonium aus dem Hut gezaubert und wieder mal als große Gefahr an die Wand geklatscht - während doch eigentlich die Kernkraftwerke vor unserer Haustür in die Luft fliegen oder auseinanderfallen.

Aber hirnlos sind auch die unübersichtlichen internationalen Verwicklungen, die nie anstreben, irgendein Bild der politischen Welt zu vermitteln. Hauptsache, man kann in den nächsten Minuten wieder jemanden verprügeln, erschießen oder sonst wie ermorden. Folter gehört selbstverständlich auch zum Programm.

Angefangen mit der hemmungslosen Attentats-Darstellung ist „American Assassin" ein primitiver Rache-Film mit mittel-großem Trara und einem deplatzierten Michael Keaton. Ein besonders gnadenloser Killer ohne moralisches Vermögen, gefährlicher als hochexplosive Blindgänger, mordet sich losgelöst von jeglichem Verstand durch Weltpolitik auf Twitter-Niveau. „Ein paar böse Menschen planen böse Dinge, und wir müssen sie stoppen!" Das dumme und nicht besonders ansprechend umgesetzte Machwerk basiert auf Vince Flynns gleichnamigem Roman. Da ist wirklich nur die finale Atombomben-Explosion eindrucksvoll: Mit großem Trickaufwand wird dem unverantwortlichen Bomben-Gerede demokratischer Präsidenten ein erschreckendes Bild entgegen gestellt.

Vorwärts immer!

BRD 2017 Regie: Franziska Meletzky mit Jörg Schüttauf, Josefine Preuß, Jacob Matschenz, Devid Striesow 98 Min. FSK: ab 12

Wie war das eigentlich mit dem so wunderbar friedlich verlaufenden Ende der DDR im Oktober 1989? Trotz Panzer, die in Richtung der Leipziger Montagsdemonstrationen rollten, wohl das vor allem komisch, wie die Klamotte „Vorwärts immer!" erzählt:

Alles ging gut, weil im Leben von Anne (Josefine Preuß) einiges schief lief. Die Schauspielschülerin lebt mit ihrem Vater, dem angesehenen DDR-Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) allein in Ost-Berlin, nachdem ihre Mutter in den Westen „rübergemacht" hatte. Doch Mama schickte schon Geld für einen West-Pass und jetzt ist Anne auch noch schwanger. Ausgerechnet von Matti (Marc Benjamin), dem Sohn von Ottos ärgstem Feind und Schauspielerkollegen Harry Stein (Devid Striesow). Wie Papa Otto verständnislos den wertvollen West-Pass zerreißt und Anne darauf für einen neuen nach Leipzig abhaut, ist vor allem wegen der Stasi-Leute komisch, die alles mit Kamera beobachten. Denn Otto probt gerade ein riskantes neues Stück, in dem er Erich Honecker spielt. So täuschend echt, dass die Überwacher tatsächlich glauben, was sie sehen.

Die DDR ist im Aufruhr, es gibt Demonstrationen und Ratlosigkeit im Staatsrat. Dank eines Doppelspitzels in Ottos Theatertruppe bestätigt sich das Gerücht, dass die Führung in Leipzig auf ihr Volk schießen lassen will. Die chinesische Lösung - siehe Tiananmen-Platz. Damit nicht auch auf Anne geschossen wird, muss Otto seine Honecker-Rolle nun im Politbüro aufführen: Nur dort steht ein Telefon, mit dem er den Schießbefehl rückgängig machen könnte. Der echte Honecker ist auf einem Jagdausflug in sicherer Entfernung. Dabei gilt vor allem: Nur nicht Margot begegnen!

Klar, das Vorbild dieser laschen Polit-Klamotte ist Ernst Lubitschs unerreichtes Meisterwerk „Sein oder Nichtsein" aus dem Jahre 1942, in dem polnische Schauspieler die Rollen ihres Lebens spielen, um der SS zu entgehen. „Einen Lacher soll man nie verachten", hieß es damals rechtschaffen und genial. Nun eignet sich der nuschelnde Erich Honecker ebenso für Satire.

Er ist ein enormer Trottel, der unter der Fuchtel von Margot steht. Überhaupt besteht das ganze realitätsferne Politbüro aus Witzfiguren, was es einfach und nie spannend macht, die Macht an der Nase herum zu führen. Nein, die „Stromberg"-Regisseurin Franziska Meletzky ließ keinen Lacher liegen, egal ob platt oder auch mal treffend. Die Chance, einen durchgehend guten Film zu machen, ließ sie allerdings links - oder rechts - liegen. Echte Menschen blitzen hinter dem Boulevard-Personal nie auf. Dass Anne und ihre Freunde von der Stasi gejagt auf Widerstand machen, ist nur schleppende Parallelhandlung. Zu sehr verlässt sich „Vorwärts immer!" auf sehr gute Schauspieler, die Schauspieler spielen, die Politdarsteller doubeln. Neben Jörg Schüttauf, der vor allem im Aufeinandertreffen von Otto und Erich brilliert, hat Hedi Kriegeskotte als Margot Honecker die mit Abstand beste Rolle. Wie sie am Fernseher dem ausgewiesenen Biermann hinterher weint und gleichzeitig mit harter Hand die Witzfiguren der Führung kommandiert, mehr davon würde eine richtig gute Polit-Komödie machen.

9.10.17

Happy End (2017)

Frankreich, Österreich, BRD 2017 Regie: Michael Haneke mit Isabelle Huppert (Anne Laurent), Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Franz Rogowski 108 Min. FSK: ab 12

„Happy End", der neue Film vom zweifachen Cannes-Sieger Michael Haneke, beginnt irritierend vertraut: Wieder sehen wir eine heimliche Beobachtung durch eine vorerst unbekannte Person. Das Haneke verwandte schon 2004 als Spannungselement im kühlen Thriller Caché. Eine Figur von damals hieß wie jetzt George Laurent, beide haben einen fiesen Moment mit Rasiermesser. Auch zum Frühwerk Hanekes gibt es überdeutliche Referenzen - „Benny's Video" (1992) ist jetzt eine Handy-Aufnahme. Und als Konstante spielt eine dysfunktionale Familie die Hauptrolle.

Der abgefilmte Tod eines Hamsters infolge eines Medikamenten-Experiments ist nur die Vorstufe zur familiären Grausamkeit, dass die eigene, meckernde Mutter mit den gleichen Pillen final ruhiggestellt wird. Die Eiseskälte des Kommentars dazu ist typisch Haneke. Wie ein Vater danach seine teil-verwaiste Tochter niemals herzlich aufnimmt, fügt die übliche grausame Distanz in solchen Familienaufstellungen hinzu. Dabei wirkt die zwölfjährige Eve (Fantine Harduin) in der neuen Umgebung noch recht normal.

Es ist das Stadtdomizil der reichen Familie Laurent mit ihren nordafrikanischen Bediensteten in der Flüchtlings-Hochburg Calais. Die Tabletten-Überdosis einer ehemals Angeheirateten und ein schwerer Unfall auf einer Baustelle erschüttern den Clan. Der gereizte Sohn Pierre (Franz Rogowski) wird der meckernden Mutter Anne (Isabelle Huppert) runtergemacht. Der vergessliche und gebrechliche Patriarch Georges Laurent (Jean-Louis Trintignant) gebietet Stille, will sich aber am liebsten per Selbstmord davonmachen.

Bei den Laurents sind fast alle äußerlich oder innerlich verletzt, viel dreht sich ums Krankenhaus, Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) ist angesehener Arzt. Er bekommt von der frisch angenommenen Tochter Eve, die schnell seine Affäre entdeckt, eine knallharte Analyse vorgesetzt: „Ich weiß, dass du niemanden liebst. Das ist nicht weiter schlimm, ich will nur dass du mich (diesmal) mitnimmst, wenn du deine Frau verlässt." Diese verschlossen und streng gegen sich selbst auftretende Eve entpuppt sich als kleines Monster und die Anwesenheit ihres kleinen Baby-Bruders ergibt im Bild der bekannten Handy-Kamera gefährliche Ahnungen.

Lange hält der Film die Konstellation mit nicht direkt einzuordnenden Ebenen und Perspektiven spannend. Und auch wenn „Happy End" selbstverständlich sein Titel-Versprechen zum Trug-Schluss macht, verläuft die Handlung nicht stringent auf das irre Schlussbild zu. Formal und inhaltlich hält hier keiner Plakate vor die Kamera. Es sind kleine Irritationen, die sich im gefühlten Unwohlsein der feinen, weißen Gesellschaft einhaken: Der Familien-Hund beißt die Tochter der Haushälterin und niemand unternimmt etwas gegen den unkontrollierbaren Schäferhund.

Der unkontrollierbare Pierre bringt zur weißen Hochzeit der Mutter ein paar Flüchtlinge vom Dschungel genannten Lager am Kanal-Tunnel mit. Der mit Hasenscharte gezeichnete und verzweifelt Verletzte ist in dieser Familie noch am Menschlichsten. Franz Rogowski („Tiger Girl", „Victoria") verkörpert ihn eindrucksvoll, unter anderem mit einer atemberaubenden Karaoke-Version von Sias „Chandelier". Ein stark gealterter Jean-Louis Trintignant wiederholt seine Rolle aus Hanekes „L'amour". In einer Doublette hat auch George in diesem Film seine gelähmte Frau erstickt. Das höchst interessante Werk Hanekes wurde allerdings extrem schlecht synchronisiert. Diese Unverschämtheit schafft es sogar, das Charisma von Isabelle Huppert auszulöschen, die nach „Die Klavierspielerin" wieder in eiskalter Verachtung glänzt. Große intensive Momente des Schauspiels lenken allerdings nur raffiniert im Sinne des Films vom kaum sichtbaren Eigentlichen ab: „Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind" - so beschrieb Haneke seinen Film.

What happened to Monday?

Großbritannien, Frankreich, Belgien, USA 2017 (Seven Sisters) Regie: Tommy Wirkola mit Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe 124 Min. FSK: ab 16

In der europäischen Diktatur des Jahres 2073 gilt die Ein-Kind-Politik, um Überbevölkerung und Hunger zu verhindern. Erzeugten doch ausgerechnet Genveränderungen an Pflanzen eine Welle von Mehrlingsgeburten. „Überflüssige" Geschwister werden in Hoffnung auf bessere Zeiten für einen Tiefschlaf eingefroren. Terrence Settman (Willem Dafoe) schaffte es allerdings, die Geburt seiner sieben Enkeltöchter, bei der die Mutter starb, geheim zuhalten. Er erzog die Mädchen in Survival-Techniken und seit dem Schulalter wechseln sich die nach den Wochentagen Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday und Sunday Genannten (alle: Noomi Rapace) mit dem Ausgang an „ihrem" Tag ab. Alle zusammen bilden die öffentliche Person Karen Settman. Die abwechselnde Teilhabe am Leben funktioniert dank ausführlicher Abenderzählung der täglichen Erlebnisse im Familienversteck. Bis eines Montags Monday nicht nach Hause kommt. Tuesday versucht am nächsten Tag auf der Arbeit Spuren zu entdecken, wird aber von der Ein-Kind-Polizei verhaftet. Im Versteck der Settman-Schwestern bricht Panik aus.

Noomi Rapace bewirbt sich mit dieser Siebenfach-Rolle für die Rekordbücher. Sie steht sich oft selbst gegenüber und letztlich sogar selber im Weg: Ihre Karen Settman setzt sich aus sieben Frauen zusammen, die alle gleich aussehen, aber verschiedene Charaktere und Qualitäten haben. Es gibt die Intelligente, die Hedonistische, die Romantische, die Ängstliche oder die Kämpferische. Damit hört die Charakterzeichnung auch schon auf, die schematische Actionhandlung, bei der eine nach der anderen durch die „CAB"-Miliz umgebracht werden, fordert ihren zeitlichen Tribut. So rührt es denn auch kaum, wenn wieder um eine der Schwestern getrauert wird. Das Design und ein paar nette Hightech-Spielereien sehen gut aus. Dem norwegischen Regisseur Tommy Wirkola („Dead Snow", „Hänsel und Gretel: Hexenjäger"), der mit einigen blutigen Grobheiten weiterhin zum Horrorfilm tendiert, fällt im Science Fiction-Genre viel zu wenig Interessantes ein. Die reizvolle Grundidee geriet zum Klon anderer Action-Vehikel.

4.10.17

Blade Runner 2049

Blade Runner 2049

USA, Großbritannien, Kanada 2017 Regie: Denis Villeneuve mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Jared Leto 163 Min.

„Blade Runner 2049" ist nicht nur einer der meist erwarteten Filme des Jahres weil das Original aus dem Jahr 1982 mit Harrison Ford als Blade Runner Rick Deckard der prägende Science Fiction-Film einer ganzen Epoche war. Aus einer Geschichte des genialen und legendären Zukunfts-Autoren Philip K. Dick („Total Recall", „Next", „Paycheck", „Minority Report") machte Regisseur Ridley Scott eine Ikone des Genres. Nun inszeniert der geniale Denis Villeneuve („Sicario", „Enemy", „Die Frau, die singt", „Ein 32. August auf Erden") eine Fortsetzung, die 30 Jahre später spielt. Und mit dem Kanadier kommt eine ganz andere Fan-Gruppe ins Kino, Hardcore Science Fiction-Aficionados, die teilweise von Villeneuves letztem Meisterwerk „Arrival" geschockt, weil überfordert waren. Und dann trifft auch noch Schönling Ryan Gosling als Nachfolger auf Legende Harrison Ford...

Denn 30 Jahre später entdeckt ein neuer Blade Runner, der LAPD Polizeibeamte K (Ryan Gosling), dass sich die Replikanten nun vermehren, was die alte Ordnung zu zerstören droht. Die Trennung zwischen den Replikanten und den Geborenen, die vielleicht eine Seele haben. Vor allem die Musik klingt vertraut bis Hans Zimmer die Vangelis-Atmosphäre übernimmt. Doch „Blade Runner 2049" ist alles andere als eine einfache Fortsetzung: Organisch mit der ursprünglichen Geschichte verwoben und kongenial übertragen auf eine höhere beziehungsweise tiefere Ebene. Dabei in Inszenierung und Kamera der Roger Deakins das Beste, was Film zur Zeit zeigen kann. Im Kern der nur oberflächlich ähnlich verlaufenden Handlung steckt immer noch eine Detektivgeschichte und die ist wieder sehr gut, wie sie den Suchenden K letztlich zu sich selber führt. Zurück in die eigene Kindheit, die vielleicht doch kein Gedächtnis-Implantat ist

Der ursprüngliche „Blade Runner" zeigte ja nicht nur sagenhafte Visionen, dank der raffinierten Geschichte von Philip K. Dick wurde auch Jahrzehnte lang diskutiert, ob Rick Deckard nicht selbst einer der Replikanten ist, die er jagen soll. Der nachträglich veröffentlichte „Final Cut" von Scott verstärkte diese Interpretation, die bei der Erzählung von Dick schon im Titel steckt: „Do Androids Dream of Electric Sheep?" Träumen Androide, also Replikanten, von elektrischen Schafen? Denn zum faszinierenden Arsenal dieser unwirtlichen Zukunft gehören künstliche Haustiere ebenso wie fabrizierte Erinnerungen und Träume für die Mensch-Maschinen.

Die Fabrikation von Erinnerungen durch eine geheimnisvolle Frau gehört zu den unglaublichen Szenen, des neuen „Blade Runner" die sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingraben werden. Das neue L.A. erscheint weniger glänzend, noch dreckiger, noch größer. Ryan Gosling spielt so gut wie noch nie, wir erleben quasi seine Menschwerdung. Und Menschsein ist das große Stichwort: In vielen Variationen lässt der unfassbar vielschichtige Film erfühlen, wie es ist, dazu zu gehören oder Außenseiter zu sein. So wie Villeneuve erneut die Konventionen des Genres sprengt, verliert man bei vielen atemberaubenden Wendungen die Übersicht, wer Mensch und wer Maschine ist. Dabei gibt es viele gemeine Feinheiten, etwa dass die israelisch-arabische Schauspielerin Hiam Abbass die Anführerin der rebellierenden Replikanten spielt. Ob man in 35 Jahren noch über „Blade Runner 2049" spricht, ist schwer zu sagen, doch dass man noch lange, auch über die Oscars hinaus, über den neuen unfassbaren Denis Villeneuve reden wird, ist sicher.

3.10.17

Die Nile Hilton Affäre

Schweden, BRD, Dänemark, Frankreich 2017 (The Nile Hilton Incident) Regie: Tarik Saleh mit Fares Fares, Mari Malek, Yaser Aly Maher, Hania Amar 111 Min. FSK: ab 12

Noredin (Fares Fares) ist ein gewöhnlicher Polizist im Kairo des Jahres 2011. Der Chef des Reviers ist sein Onkel - Sicherheit als Familienunternehmen. Husni Mubarak regiert noch in Ägypten, Fußball ist ein wichtigeres Thema als die Unruhen und Massen-Verhaftungen auf den Straßen, die Folter in den Gefängnissen. Als in einer Luxussuite des Nile Hilton Hotels eine berühmte Sängerin tot aufgefunden wird, soll Noredin erstmals ermitteln und seine Untersuchung führen direkt in einen politischen Skandal.

Der von schwedischen Krimis und Komödien bekannte Fares Fares spielt intensiv eine sehr ambivalente Figur: Noredin kassiert gnadenlos Schutzgelder im Viertel und pflegt seinen Vater. Ein Rest an Anstand hat allerdings keine Chance in dem mächtigen und allgegenwärtigen Korruptions-Apparat. Noredin steht als Protagonist in der Handlung zentral, wir teilen seine Perspektive, doch letztlich ist er nur eine kleine, machtlose Figur. Wie dem Zimmermädchen aus dem Sudan, das zufällig Zeugin wurde, bleibt ihm nur, sein Leben zu retten.

„Alles ist gut, er hat sehr viel bezahlt." Solche Weisheiten aus dem Munde des Onkels, einem scheinbar naiven Opportunisten, erweisen sich als prophetisch - tatsächlich wird alles wie bisher weiter gehen. „Die Nile Hilton Affäre" ist ein Krimi, der in eigentlich skandinavischer Tradition sehr viel sozialen und politischen Hintergrund transportieren will.

Die klassische Detektiv-Geschichte - Nordedin ermittelt trotz anderslautender Befehle weiter - ist angereichert mit einer ganzen Reihe von politischen Stichworten in Dialog und Bild. Der kaputte Fernseher des Polizisten sorgt dafür, dass die Politiker-Kaste als schräges Zerrbild dargestellt wird. Ohne nähere Kenntnis der historischen Verhältnisse entsteht allerdings nur eine Ahnung. Der Film führt zu einem ganz anderen Blickwinkel auf die Demonstrationen vom Tahir-Platz, die durch stattliche Gewalt zu einem Massaker wurden. Im Vergleich zu den skandinavischen Sozial-Krimis wirkt er weniger dicht inszeniert und hat weniger geballte Schauspielkunst bis in die Nebenrollen - zumindest wirkt es in der Syncho-Version so. So ist der Mix aus Krimi und Politthriller interessant und engagiert, aber nicht durchweg gelungen.

Blind & Hässlich

BRD 2017 Regie: Tom Lass mit Naomi Achternbusch, Tom Lass, Clara Schramm 105 Min. FSK: ab 12

Während in dieser Kinowoche alles vor „Blade Runner 2049" in Deckung geht, traut sich der sensationelle deutsche Film „Blind & Hässlich" einiges: Hollywood verkauft meist „Bigger than life", die wunderbar leichte, echte und ehrliche Tragikomödie ist dagegen „Lifer than life". Hier steckt mehr Leben drin, als in den viel teureren Produktionen, deren Werbeetat allein so ein kleines Wunder wie „Blind & Hässlich" unterbuttern will.

Regisseur Tom Lass spielt selbst den extrem scheuen und seltsamen Ferdi, der meist im Wald haust. Ab und zu kommt er aus dem und auch aus sich raus, um eine Frau, die ihm gefällt, als erstes zu fragen, ob sie seine Freundin sein will. Wenn er nicht dafür festgenommen und zur Therapie in eine Psychiatrie eingewiesen wird, dann für die Mundraube auf Bauernhöfen, wo er aus Schweinetrögen isst und dafür von Bauern blutig zusammengeschlagen wird. Zwischen seinen Therapie-Sitzungen, in denen Ferdi mit einer eigenen Logik überzeugt, trifft er auf Jona (Naomi Achternbusch), die gerade einen „kaputten" Blindenhund zurück bringt. Da die Schulabbrecherin gerade mal blind ist, um in Berlin in einem Blindenheim ein Zimmer zu bekommen, kann der unsichere Ferdi sie an sich ran lassen. Eine wunderschöne Liebesgeschichte beginnt. Mit der süßesten Sexszene seit langem ist das Filmvergnügen allerdings noch lange nicht zu Ende.

Wie frech und raffiniert berechnend die junge Jona bei ihrer Mutter abhaut, Schmuck und das Protzer-Auto klaut, dann den Hausmeister des Blindenheims (Peter Marty) um den Finger wickelt, ist witzig, eindrucksvoll und geht eigentlich gar nicht. Doch um „eigentlich" scheren sich weder Jona noch der Film. So wie im Film verhalten sich echte Polizisten niemals, was schade ist. Und auch Therapeuten werden selbstverständlich nicht authentisch repräsentiert, was nicht verhindert, dass eine Menge Wahrheit und echtes Leben aus diesen echt guten und witzigen Szenen hervorsprudelt. Wenn das die Coen-Brüder machen würden, wäre die Welt in begeistertem Aufruhr.

Bei teilweise frappanter Klarheit der Bilder wird wild geschnitten und enorm kraftvoll erzählt. Hier muss nicht für den letzten begriffsstutzigen Popcorn-Esser alles erklärt werden, es gibt kein unnötiges Gerede. Psychologisieren darf nur des Hausmeisters Fingerpuppe Freud.

Naomi Achternbusch, Tochter des Filmemacher-Unikats Herbert Achternbusch („Das Gespenst"), zeugt in der Hauptrolle von der Wertschätzung, die Regisseur Tom Lass mittlerweile genießt. Mitgemacht hat auch der bekannte Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann („Kreuzweg", „Renn, wenn du kannst") in einer kurzen Szene als Tom Lass, und Toms Bruder Jakob Lass (Regisseur von „Tiger Girl" und „Love Steaks") war hinter den Kulissen dabei. Man darf die beiden Anfang der 80er-Jahre Geborenen, die auch als „Lass Bros" firmieren, durchaus als die bemerkenswerteste junge Bewegung im deutschen Film herausleuchten. Mit hauptsächlich improvisierten Szenen erschaffen sie ein einzigartige Frische und Lebendigkeit, die sowohl Film-Märchen als auch echtes Melodram sehenswert beleben. Mittlerweile hebt die Senderbeteiligung von ZDF/Das kleine Fernsehspiel den neuen Lass aus dem bisherigen Bereich des No- und Low-Budget hervor. Das passt zu der Beteiligung des fetten, etablierten Produzenten Constantin Film am genialen „Tiger Girl" seines Bruders Jakob Lass. Doch keine Sorge, auch das zeichnet die tollen Figuren der Lass Bros aus - sie lassen sich von großen Autoritäten nicht unterkriegen und folgen trotzig ihrem herrlich eigenwilligen Weg.

25.9.17

Es (2017)

USA 2017 (It) Regie: Andrés Muschietti mit ill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis 135 Min. FSK: ab 16

Das Comeback der Horror-Clowns ist für Halloween gesichert: 27 Jahre nach der ersten Verfilmung kommt Stephen Kings Roman „Es" wieder auf die Leinwand. King ist Vielschreiber und viel verfilmter Meister der Spannung, der immer noch nicht überall als exzellenter Schriftsteller anerkannt ist.

„Es" ist eine Hardcore-Version von Kings „Stand by me", beide zeigen den Prozess des Erwachsen-Werdens. In den typischen us-amerikanischen Sommerferien ziehen sieben Jugendliche mit ihren Fahrrädern los ... Müssen sich aber vorher finden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus verschiedenen Gründen gemobbt, gequält, geschlagen werden. Im Städtchen Derry in Maine verschwinden aber auch immer wieder Kinder und jeder der baldigen Freunde überlebt nur knapp eine horrende Begegnung. Bald gibt es Blut überall und Zeichen an der Wand, die nur die Jugendlichen sehen können. Der kleine, dicke Bücherwurm findet heraus, dass alle 27 Jahre das Böse in der Stadt Einzug hält und sich die Kinder schnappt. Nun wehren sich die zaghaft tapferen Sieben zuerst gegen die älteren Quälgeister und dann gegen die richtigen Gespenster.

Spannung ist bei Vorlagen von King kein Problem. Eher die Dosierung. Die Produzenten entschieden sich dafür, es härter als beim Vorgänger zu machen. Das „Es" aus 2017 ist erst ab 16 freigegeben. Und „entwickelt" hat sich auch des Kinos Verhältnis zur Gewaltdarstellung: So ist schon das Verschwinden von Bills kleinem Bruder George unnötig drastisch dargestellt. Die fiesen Zähne von Pennywise zeigen ihre Wirkung.

Selbstverständlich droht auch bei „Es" die bei modernen Filmen beliebte Zurschaustellung von Schreck- und Horror-Effekten. Mit schön schreckliche Figuren und Begegnungen. Dazu viel Rennen und Schreien, allerdings mit eindrucksvollen, einnehmenden Bildern und Gestaltungsideen. Allerdings stimmen auch die persönlichen Umfelder der Kinder. Mit ihren eigenen Problemen und Dämonen, die ja letztendlich durch den Horror-Clown Pennywise und all die anderen Monster-Formen verkörpert werden. So gewinnt Beverly im Kampf gegen Pennywise den Mut, sich gegen den Vater zu wehren, der sie vergewaltigt. Zwischendurch kann die Gemeinschaft auch noch gegen die andere reale Gefahr der drei Bullies auftrumpfen, die allerdings selbst auch wieder von Angst getrieben sind. Im Hintergrund sind derweil deutlich nationale und patriotische Symbole zu sehen, doch weder der riesige Holzfäller noch die vielen Polizisten können den Kindern helfen.

Wie gesagt, Stephen King ist mehr als ein paar Hundert Seiten mit „Buh" zu erschrecken. Im Gegensatz zum Roman und zur ersten (TV-) Verfilmung von 1990 bricht diese Version allerdings die raffinierte Erzählstruktur Stephen Kings auf: Das Miteinander der gleichen Figuren als Kinder und Erwachsene, die im Abstand von 27 Jahren dem Bösen entgegentreten, wird nun hintereinander gehängt. So kann man einen zweiten Teil im Kino verkaufen! Die nächste Wiederkehr des Bösen lässt diesmal keine 27 Jahre auf sich warten.

Cars 3

USA 2017 Regie: Brian Fee 102 Min. FSK: ab 0

Der große, sympathische Trickfilm „Cars" wurde 2006 mit viel quasselnden Autos zu einem enormen Erfolg. Teil 2 war 2011 nur noch Abziehbild und nun kommt doch noch Teil 3 ins Kino. Solche Wiederholungen drohen, bald nur noch als DVD oder TV-Serie zu laufen. Nach EU-Richtlinie dürfen sowieso ab 2020 keine Verbrennungsmotoren mehr im Film rumstinken.

Lightning McQueen, der sympathische Umweltverschmutzer aus einem Hinterwäldler-Kaff, wird bei Rennen von neuen Autos abgehängt. Der Held der „Cars"-Serie der einst innovativen Pixar-Produktion ist - wie diese - bereits Legende mit eigenem Museum. Das gehört seinem neuen Sponsor, ebenso wie ein Trainings-Center. Da sich Lightning für die neuen Methoden allerdings überhaupt nicht eignet, geht es wieder in einem entscheidenden Rennen um Alles oder Nichts.

Tatsächlich zeigt „Cars 3" nur noch, wie glänzend die digitale Tricktechnik mittlerweile ist, wenn die Bilder fast fotorealistisch geraten. In Sachen Handlung fällt den Machern nichts mehr ein - kein Wunder, dass Modernisierung ein Thema ist. Die Abfolge von Erfolg, traumatischer Niederlage und Comeback von ganz unten ist es allerdings nicht - das ist weiterhin „Rocky" auf Rädern.

Die Penetranz, mit der das uralte Sport-Programm mit Fitness und Motivation durchgezogen wird, langweilt nicht nur, sie nervt geradezu. Auch gewinnt die Rennerei derart an Übergewicht, dass die charakterliche Entwicklung Lightnings die Rücklichter zu sehen bekommt. Auch die ewige Erinnerung an seinen alten Meister ist verfilmte Gähn-Vorlage. Dabei gibt es mit Motivations-Trainerin Cruz wenigstens eine interessante neue Figur, die als Renn-Frau sexistische Hindernisse überwindet.

Manchmal sind die Nebenfiguren noch nett und witzig, die Musik dagegen furchtbar US - von und für Rock-Hinterwäldler. Das verfehlt das Zielpublikum um einige Kontinente und Generationen.

Victoria & Abdul

Großbritannien, USA 2017 (Victoria and Abdul) Regie: Stephen Frears mit Judi Dench, Ali Fazal, Adeel Akhtar, Simon Callow, Michael Gambon, Eddie Izzard 106 Min.

Nach „The Queen" lässt Frears nun „Queen Victoria" menscheln und zeigt Judi Dench als schnarchende, schlürfende, keifende und einsame Königin, die beim Bankett mit hunderten Gästen vor dem Nachtisch einschläft. Die enge Beziehung mit dem naiven indischen Diener Abdul in den letzten Jahren vor ihrem Tod basiert auf einer wahren Geschichte, welche die Nachwelt nicht ganz auslöschen konnte.

Im frei erfundenen Ethno-Kostüm soll 1887 ein junger, aus Indien importierter Beamter der Thron-Jubilarin Victoria (Judi Dench) irgendeine Münze überreichen. Es kommt doch zu einem streng verbotenen Augenkontakt und die bislang völlig abwesende Monarchin empfindet den Fan aus Indien sehr gutaussehend. Bald ist Abdul Karim (Ali Fazal) ihr persönlicher Kammerdiener. Die Herrscherin, die schon über 50 Jahre auf dem Thron sitzt lebt auf, lernt begeistert seine Sprache und erfährt viel über Indien: Romantisches über das prächtige Mausoleum Taj Mahal, aber auch einiges über die Räubereien der britischen Soldaten in Indien. Die müde, alte Königin, die den Sinn ihres Handelns aus den Augen verloren hatte, wird vom Schreiber, Diener, Poeten und schließlich „Munshi" Abdul, einem muslimischem Lehrmeister, neu belebt.

Diese besondere Beziehung wird vom Hofstaat beunruhigt beobachtet und belauscht. Vor allen von den eifersüchtigen Kammerdamen und -Herren, die Abdul den „braunen John Brown" nennen. Denn nach dem Tod ihres Mannes wurde Victoria vom Schotten John Brown aufgemuntert. Doch die Intrigen schützen Abdul letztlich, weil sie auf die Hofschranzen zurückfallen, die herrlich ihre Contenance verlieren.

Ja, während Victoria und Abdul sehr menschlich werden aber immer würdevoll bleiben, erlaubt sich der Film auch viel Spaß. Beim Treffen mit Puccini, der nicht singen kann, revanchiert sich die Königin mit einem schiefen Liedchen von Gilbert und Sullivan. Kronprinz „Bertie" muss dazu Piano spielen. Flott und leicht erzählt, spielen die Verdauungsprobleme der „Herrscherin über fast eine Milliarde Menschen" eine wichtige Nebenrolle. Nur der Bericht des Premierministers über Unruhen in Suez, Problemen mit den Buren und die Annexion von Zululand erwähnt, was draußen in der Welt und im Namen Victorias passiert.

„Victoria & Abdul" geht durchgehend spöttisch mit Pomp und erstarten Konventionen um, aber auch rücksichtsvoll mit den Menschen. Dabei bilden der naiv begeisterte Abdul und sein kritischer Begleiter Mohammed, der nicht nur wegen der Kälte möglichst schnell nach Hause will, ein tragisch-komisches Paar. Mit der überwiegenden Aufmerksamkeit für Abdul, für den das Leben ein großes Abenteuer ist. Bei meisterlicher Inszenierung, bei üppiger Ausstattung und einer historisch guten Besetzung bildet das Zusammen-Spiel von Judi Dench und Ali Fazal das Herz des Films. Zudem ist reizvoll, dass Dench bereits vor zwanzig Jahren als „Ihre Majestät Mrs. Brown" (von John Madden) zu sehen war, in einer Episode Victorias, die sich sehr ähnlich mehr als dreißig Jahre vor diesen Ereignissen abspielte. Dass Frears, davon inspiriert, seine Königin Dench nun zum dritten Male, nach „Lady Henderson präsentiert" (2005) und „Philomena" (2013), zu großen Kamera-Momenten führte, erfreut uns bei einem anrührenden Kinogenuss.

24.9.17

Rock My Heart

BRD 2017 Regie: Hanno Olderdissen mit Lena Klenke, Dieter Hallervorden, Emilio Sakraya, Annette Frier 110 Min. FSK: ab 6

Eine Herzklinik ist von der Pleite bedroht und die Mädels vom Reiterhof verkaufen ihre Lieblinge zur Finanzierung. Das wäre mal was anderes - doch auch im Mädchen- und Pferde-Film „Rock My Heart" hat der Pferdehof Schwierigkeiten und eine besondere Freundschaft zum Vierbeiner könnte Jana bei ihren Herzproblemen helfen. Auch voll hipp - oder hopp - ist das Thema Galopprennen, das nächste Ding nach Snapchat und Binge-Watching. Aber Pferde gehen ja immer bei Mädchenfilmen und Krankengeschichten werden immer jünger.

Die 17-jährige Jana (Lena Klenke) lebt mit einem angeborenen Herzfehler. Oder eigentlich lebt sie gegen ihr Herzproblem: Sie riskiert immer wieder Kopf und Kragen, will jeden Augenblick auskosten. Und sich auf keinen Fall durch die Betablocker einlullen lassen, die ihre kontroll-süchtige Helikopter-Mutter verfüttern will. Auch gegen eine riskante Operation wehrt sich Jana. Als sie dem Vollbluthengst Rock My Heart begegnet, kommen die beiden störrischen Wesen erstaunlicherweise gut miteinander zurecht. Rocks schon lange erfolgloser Trainer Paul Brenner (Dieter Hallervorden) überredet Jana zu einer Kurzausbildung zum Jockey, um ein wichtiges Galopprennen zu gewinnen. Das Preisgeld soll die Schulden abzubezahlen.

Für diese in Serie produzierten Filme ist es ein Muss, dass der Reiterhof finanziell vor dem Abgrund steht. Das steht in den Förderbedingungen deutschen Filmschaffens. Und wie bei vielen anderen Kinderfilmen stehen Stars Schlange, für die sich Eltern oder Großeltern des Zielpublikums begeistert hätten. Hallervorden als zwiespältiger, weil verzweifelter und rücksichtsloser und ungeeigneter Trainer. Milan Peschel als gestürzter Jockey im Rollstuhl und Annette Frier als unerträgliche Mutter. Dazu kommen viele atmosphärische Schönbilder aus dem Katalog der Mädchen- und Pferdefilme. Aus dem Hit-Katalog leistete sich die Produktion ein paar bekannte Liedchen.

Doch eigentlich geht es ja um die Krankheit, nach dem Südtirol-Langeweiler „Amelie rennt" mit Asthma als Thema, jetzt der Herzfehler. Eine Entwicklung in der Frage „Operation oder nicht" wird lange aufgeschoben. Und als dann die Mutter eine Einwilligung für Jana unterschreibt, kommt das sehr unglaubwürdig daher. Das Rennen, das ja Spannungshöhepunkt sein soll, beleidigt jeden Verstand mit einem völlig unrealistischen Ablauf. Aber letztlich ist das ermüdende Schema des Sportfilms durch gutes Schauspiel halbwegs erträglich. Auch wenn eine kleine Liebesgeschichte ebenso unter die Hufe kommt, wie die Geschichte um Brenners Tochter Sabine, die er lieber verschweigt.

20.9.17

Kingsman - The Golden Circle

Großbritannien, USA 2017 Regie: Matthew Vaughn mit Taron Egerton, Colin Firth, Julianne Moore, Mark Strong, Halle Berry, Channing Tatum, Jeff Bridges 140 Min.

Wieder erklingt John Denvers „Country Road", wieder ist Channing Tatum dabei. Doch im Vergleich zu Soderberghs „Lucky Logan" ist „Kingsman 2" eindeutig der schlechtere Film. Auch im Vergleich zum sensationell unterhaltsamen ersten „Kingsman". Der Fluch des zweiten Teils brennt sich wieder ins Gedächtnis.

Ein brutaler Anschlag auf die Kingsman-Organisation, die sich als besonders geheimer britischer Geheimdienst-Orden mit ihrem ersten Film bestens eingefügt haben: Große Explosionen, viele Trümmer. was übrig bleibt sind nur Fragmente... tolle Ideen, aber kein toller film. Zuviel funktioniert nicht ins dieser sehr misslungenen Fortsetzung eines tollen Films.

Es beginnt mit Vollgas–Aktion, gleich drei Einführungs-Szenen machen rasant umständlich klar, worum es letztendlich geht: Wieder mal die Welt retten! Obwohl, ein paar Leute, unter ihnen der US-Präsident, würden sagen, es geht nur um ein paar überflüssige Junkies. Denn die schrille Drogenbaronin Miss Poppy (Julianne Moore) hat ihre Waren mit einem gemeinen Gift vermischt und so einen Großteil der Weltbevölkerung tödlich infiziert. Der US-Präsident soll nun auch die illegalen Drogen wie die legalen Alkohol, Zigaretten und Konsum legalisieren, und schon wird das Gegengift zur Verfügung gestellt. Doch dieser skrupellose Vollidiot meint, mit dem Massenmord hätte er den hirnrissigen „Kampf gegen die Drogen" gewonnen.

Nachdem sein Kingsman-Mentor Harry Hart (Colin Firth) im ersten Teil per Kopfschuss ausstieg, muss nun der zum Edel-Agenten umerzogenen Gossenjunge Gary „Eggsy" Unwin (Taron Egerton) die Sache regeln. In den USA trifft der britische Ritter auf artverwandte Agenten, deren Nomenklatur nicht aus Artus- sondern aus Alk-Namen besteht. Diese hochprominente Mischung kreiert allerdings nicht mal den üblichen Witz der freundschaftlich verfeindeten Kulturen. Als Eggsys Gimmick- und Technik-Ausstatter „Q" ist wieder „Merlin" (Mark Strong) dabei, und tatsächlich lebt Eggsy mit der schwedischen Prinzessin zusammen, die er bei seiner letzten Weltenrettung befreite.

Diese schon unverschämt rein dekorative Nebenfigur steht am Anfang einer ganzen Reihe von unvollendeten Dreingaben: Der Arm-Ageddon-Metallarm des schlagkräftigen Gegenspielers und gefallenen Agenten-Engels Charlie (Edward Holcroft) ist eine von mehreren Terminator-Anleihen. Julianne Moore trumpft als knallbunt durchgeknallte Miss Poppy und Chefin vom Golden Circle karikaturistisch gut auf, um dann ohne Tiefe zu versanden. Hier und bei den vielen Gimmicks sowie Science Fiction-Einlagen ist bei der zu oft lahmen Inszenierung noch am ehesten die Herkunft vom Comic „The Secret Service" der Herren Mark Millar und Dave Gibbons zu erkennen.

Bei aller Enttäuschung über „Kingsman 2" ärgert vor allem das Durcheinander: Besonders stilvolle Agenten, heftige Fleischwolf-Szenen und Anschläge auf die Geschmacksnerven mit Kloake und Kannibalismus. Insgesamt ein totaler Flop bis zum Auftreten von Colin Firth, das ja schon im Trailer verraten wird. Da Channing Tatum als amerikanischer Kingsman-Verwandter schnell auf Eis gelegt wird, sind nur Firth und Elton John als von Miss Poppy gekidnappter Elton John richtig gut. Der Paradiesvogel ist sogar sagenhaft, wenn er sich selbst auf den Arm nimmt und auf Action macht. Reicht für einen YouTube-Clip, aber nicht für über zwei Stunden lang Film.

The Book of Henry

USA 2017 Regie: Colin Trevorrow mit Naomi Watts, Jaeden Lieberher, Jacob Tremblay, Sarah Silverman 105 Min.

Die typisch us-amerikanische Schulvortrags-Frage „Was wollen wir hinterlassen?" wird für den 12-jährigen, hoch-intelligenten Henry (Jaeden Lieberher) ganz schnell konkret. Er musste sich schon immer um seinen kleinen Bruder und seine wilde, unkonventionelle Mutter Susan (Naomi Watts) kümmern. Sie ist Videospiel-Junkie, spielt allerdings den Kindern auch Gutenacht-Lieder mit dem Banjo vor. Susan lebt selbstverständlich alleine, denn „so erwachsen wie Henry kann kein anderer Mann sein". Er erfindet auch tolle Maschinen und inszeniert herrlich spaßige Szenen für den kleinen Bruder, der wieder gemobbt wurde. An der Börse macht er so viel Geld, dass seine Mutter eigentlich nicht mehr im Café zu arbeiten bräuchte und auch ein neues Auto kaufen könnte.

Als sich das Pfeifen im Kopf zur Ohnmacht steigert, erklärt Henry dem Arzt auch die Diagnose seines Hirntumors selbst. Und den anderen Erwachsenen ihre Gefühle. Dann regelt er seinen Nachlass, zuerst die finanziellen Dinge und die letzten Einträge in sein Notizbuch. Der Plan, den ekligen Nachbarn zu überführen, wird für seine Mutter zum Lebenssinn.

Denn Henry weißt, dass seine Mitschülerin Christina (Maddie Ziegler) von ihrem Stiefvater Glenn (Dean Norris) sexuell misshandelt wird. Da die Schul-Direktorin nicht auf seine Hinweise gegenüber dem respektablen Polizeichef reagiert, entwickelt der Junge auf Basis seiner wachen Beobachtungsgabe und eines enormen Gerechtigkeitssinn seinen eigenen Mord-Plan, den er für seine Mutter auf witzige Weise zur Ausführung notiert.

Der sehr emotionale, schöne Film über Trauer und Weiterleben führt zur großen Frage: Was muss, was kann man tun, wenn man Unrecht miterlebt? Das betrifft das Nachbarhaus und die Weltpolitik. Die gelungene Inszenierung kann sich auf gutes Schauspiel bei Stars (Sarah Silvermann als alkoholkranke Kollegin) und Nachwuchs verlassen. Allerdings dreht der Film am Ende zu einem Thriller ab, bevor das märchenhafte Happy End alles wieder gut macht.

Amelie rennt

BRD, Italien 2017 Regie: Tobias Wiemann mit Mia Kasalo, Samuel Girardi, Susanne Bormann, Denis Moschitto 97 Min. FSK: ab 6

In einem Atemzug stur, trotzig, unverschämt - so sollte man die 13-jährige Amelie (Mia Kasalo) aus Berlin beschreiben. Wenn die Sache mit dem Atem nicht so schwierige wäre, denn Amelie hat schweres Asthma. Was sie keinem zeigen und auch sich selbst nicht eingestehen will. Bis sie wieder einmal fast an Atemnot stirbt und von ihren getrennt lebenden Eltern in eine Südtiroler Spezialklinik gefahren wird. Doch auch da bockt das Mädchen, verachtet Atemübungen und haut bald ab. Selbstverständlich nicht zum Bahnhof oder zur Autobahn, sondern in die andere Richtung, da wo die hohen Gipfel unerreichbar scheinen - vor allem mit Atemnot.

Der aufwendig mit Alpenlandschaft unterlegte Jugendfilm soll den Umgang mit Asthma thematisieren, macht es sich aber dabei und auch sonst im Drehbuch recht einfach. Die Begegnung mit dem geerdeten Berg-Buben, der auch eine flotte Tanzeinlage in den computergesteuerten Kuhstall legt, also das Prinzip „Zurück zur Natur" besänftigt den widerspenstigen Teenager über recht viele Stationen mit der die dramatischen Wucht einer TV-Serienfolge am Nachmittag. Das ist nicht sehr abenteuerlich oder spannend. Auch die naive Gläubigkeit des Ziegen-Peters, der hier ein Milchkuh-Bart (Samuel Girardi) ist, sollte eine echte Reibungsfläche bieten, verbindet sich aber auf bedenkliche Weise mit Amelies Interesse an okkultem Aberglauben. Eine ideologisch verbrämte, kleine Geschichte in großer Landschaft Südtirols, die nicht nur in diesem Film gut vermarktet wird.

19.9.17

Norman

USA 2016 (Norman: The moderate rise and tragic fall of a New York Fixer) Regie: Joseph Cedar mit Richard Gere, Lior Ashkenazi, Michael Sheen, Steve Buscemi, Charlotte Gainsbourg 119 Min. FSK: ab 12

Norman Oppenheimer (Richard Gere) ist ein ganz kleiner Fisch in der New Yorker Finanzwelt. Fortwährend jongliert er mit Namen von angeblich befreundeten Menschen, die ihn alle nicht kennen, verspricht Begegnungen und Kontakte mit Leuten, die ihn nicht mehr sehen wollen. Er hat kein Büro, kein Zuhause, zieht wie ein Obdachloser durch die kalten Straßen New Yorks. Gepflegt, freundlich, aber unübersehbar verzweifelt, „wie ein Ertrinkender, der einem Ozeandampfer winkt". Man hat keine Ahnung, worum es geht, aber man ist sofort gefesselt. Vom Spiel Richard Geres und von der peinlichen bis faszinierenden Weise, wie sich Norman an „wichtige" Menschen ranmacht.

Dann kauft Norman bei einer dieser unangenehmen Begegnungen dem aufstrebenden israelischen Politiker Micha Eshel (Lior Ashkenazi) ein Paar Schuhe für über 1000 Dollar. Der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft zahlt sich drei Jahre später in einer Welle des Erfolges aus, als Eshel Premierminister wird. Dieser legt eine faszinierende Position im Nahost-Konflikt hin, doch die fantastischen und fantasierten Beziehungen, die Norman ihm einst anbot, drohen ihn politisch zu stürzen.

Staunend, bangend, voller Mitgefühl folgt man diesem Porträt einer tragischen Figur. In einer der vielen faszinierenden Szenen durchschaut ihn Alex Green (Charlotte Gainsbourg) in einem furchtbar traurigen Moment, in dem sich das Tragische Normans kristallisiert. Großartig auch die fast surreale Begegnung mit einer heruntergekommenen Kopie seiner selbst. Die raffinierte Inszenierung macht den Stress körperlich, in denn der nun bekannt gewordene Norman durch eine Flut von Anfragen gerät. Ein Rabbi will Millionen für den Erhalt der Gemeinde, ein Neffe den Segen des Rabbi, ein reicher Investor Infos aus Israel. Immer wieder spielen die Schuhe eine besondere Rolle, treten letztlich sogar die Regierungskrise los. Trotz allem macht Norman im letzten Akt den Match seines Lebens.

Mr. Long

Japan, BRD 2017 Regie: SABU mit Chang Chen, Runyin Bai, Yiti Yao 128 Min. FSK: ab 16

Er ist ein cooler, ein guter, ein effektiver Auftragskiller (Chen Chang). Doch dann geht ein Mord in einer überfüllten Disco schief und der Taiwanese strandet in einer ärmlichen japanischen Siedlung aus lauter Bruchbuden. Ganz auf sich selbst gestellt hat er im Nirgendwo nun fünf Tage Zeit, um Geld für die Rückreise aufzutreiben. Und es zeigt sich, dass der Killer auch im Urwald oder auf einer einsamen Insel überleben könnte. Aus den Abfallhaufen besorgt er sich einen Topf und kocht erst einmal eine leckere Suppe. Dabei trifft er auf den kleinen Jun (Runyin Bai), der fortan nicht von seiner Seite weicht. Jun kümmert sich um seine drogenabhängige Mutter (Yiti Yao). Bald räumt „Mr. Long" auf ganz andere Weise im Viertel auf, zieht den Entzug der Abhängigen durch, und nette Anwohner, die von seinen Kochkünsten begeistert sind, organisieren ihm eine fahrbare Garküche. Mr. Long scheint seine wahre Bestimmung gefunden zu haben.

Grausam gut, so muss man den neuen Film von Sabu („D.A.N.G.A.N. Runner", „Monday"), dem japanischen Autoren-Regisseur vieler Gewalt-Filme, bezeichnen! Manipulativ und gelungen verspritzt ein Killer in der Eröffnung Gewalt und Blut, um dann im wunderschönen glücklichen Momenten als taiwanesischer Koch in einer kleinen japanischen Gemeinde aufzuleben. Selbstverständlich gehört die Liebe zu einer ehemaligen Zwangs-Prostituierten und Heroin-Anhängigen dazu. Und auch ein kleiner, herzerweichender Junge, der gerettet werden muss. Dies alles ist so großartig, erinnert an „Kikujiros Sommer", die Gangster-Kind-Geschichte vom älteren Japaner Takeshi Kitano. Aber Sabu bleibt letztlich ein Gewalt-Filmer. So wirkt das Ende, das den ganzen Film mit seiner Drohung spannend machte, überflüssig, einfallslos und platt.

18.9.17

Körper und Seele

Ungarn 2017 (Testről és lélekről / On Body and Soul) Regie: Ildikó Enyedi mit Alexandra Borbély, Géza Morcsányi, Réka Tenki, Zoltán Schneider, Ervin Nagy 116 Min.

Der Gewinner des Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale, die traumhafte Liebesgeschichte „Körper und Seele", märchenhaft auf einem Schlachthof erzählt, prägte das Festival mit einer besonders faszinierenden Szene: Flirtende Hirsche im Winterwald scheinen ihre ganz eigene Romanze zu erzählen, die Kamera ist nah dabei, ohne dass die Idylle gestört wird. Aber alles ist nur ein Traum von Endre (Géza Morcsányi), einem älteren Mann mit Lähmung in einem Arm, der ... tatsächlich als Chef eines Schlachthofes in Budapest arbeitet. Hier öffnet sich bereits eine reizvolle Dialektik des Fleisches, welche die nicht nur wunderschöne Romanze auf eine andere Ebene hebt.

Endre ist fasziniert von der neuen Qualitätsprüferin, versucht sich ihr in der Kantine zu nähern, doch Mária (Alexandra Borbély) erweist sich als ein extrem scheues Reh und wirkt sehr spröde im Sozialverhalten. Die nüchterne Kontrolle von Zahlen, Daten, Gewicht und Fettgehalt ist so ihr passendes Habitat, selbst wenn es das zarte Wesen dafür in eine Schlachterei verschlägt. Bis ein routinemäßiger Psychotest der Firma etwas Unglaubliches zeigt: Mária und Endre haben den gleichen Traum, sie träumen tatsächlich Nacht für Nacht die Begegnung des Hirschen und der Hirschkuh im Winterwald!

Geboren 1955 in Budapest, begann Ildikó Enyedi ihre Karriere als Konzept- und Medienkünstlerin und wandte sich später als Regisseurin und Drehbuchautorin sowohl dem Kurz- als auch dem Spielfilm zu. Für ihre Arbeiten gewann sie über 40 internationale Preise. Ihr Film „My 20th Century" (1989) wurde unter die besten ungarischen Filme aller Zeiten gewählt und machte international Furore. Auch „Magic Hunter" (1997), eine moderne Freischütz-Adaption, lief in Cannes. Nachdem fast zwanzig Jahre kein Film von Enyedi mehr bekannt wurde und sie in den letzten Jahren eine TV-Serie drehte, gleicht ihr Comeback auf internationaler Bühne nun einem sanften, subkutanen Donnerschlag: „Körper und Seele" erhielt bei der Berlinale 2017 nicht nur den Goldenen Bären, auch der Preis der ökumenischen Jury und der renommierte FIPRESCI-Preis gingen an der Meisterwerk.

In gleich zweifach ungewöhnlicher Umgebung entwickelt sich eine sehr zarte Liebesgeschichte zwischen einem angeschlagenen Mann und einer Frau, die sich langsam ins Leben zurück traut. Dabei sind sowohl Márias Besuche bei ihrem Psychologen wie auch die eifersüchtigen Einlagen des kultivierten Machos Endre humorvoll und feinfühlig inszeniert. Wie die schöne schüchterne Maria, pedantisch genau mit einigen Ticks durch den Alltag kommt, amüsiert und berührt gleichzeitig tief. Wie die Geschichte beglücken die nüchtern schönen Bilder von Máté Herbai. Es ist vieles widersprüchlich, gegensätzlich und ungewöhnlich, bis zu einem Happy End, das woanders als Tragödie verlaufen wäre. Der Mut zu kleinen Schritten der Veränderungen wird mit einem großen Glücksgefühl belohnt - im Film und im Kino.

Kingsman - The Golden Circle

… sollte hier besprochen werden …

Aber der deutscher Verleiher will nicht, dass Meinungen vor dem Start veröffentlicht werden!

Meist ein Zeichen, dass der Film nicht so prickelnd ist und die Erwartungen enttäuscht.

Und nebenbei eine Unverschämtheit der Freien Presse gegenüber.

13.9.17

mother!

mother!

USA 2017 Regie: Darren Aronofsky mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson, Kristen Wiig 122 Min. FSK: ab 16

Da gab es wohl letztens Ärger im Hause Aronofsky... Ob der Erfolgsregisseur von „Black Swan" vielleicht seine häuslichen Pflichten vernachlässigt hat? Jedenfalls wird in „mother!" eine selbstzerfleischende Künstler-Beziehung auf drastische Weise dargestellt, der Kampf ums Privateste als Kammerspiel und als Splatter-Horror. Das Duell zwischen künstlerischer Produktion und menschlicher Reproduktion wurde ganz frisch in Venedig ausgebuht und startet jetzt ironischerweise im Mainstream-Kino. Die einzig schlechte Entscheidung, die bei diesem gewaltigen und teilweise wahnsinnigen Film getroffen wurde.

Die Superlative eilten dem Film voraus: Das Schlimmste, Extremste, Bizarrste - selbst für einen Regisseur wie Darren Aronofsky, der einiges auf dem filmischen Kerbholz hat: Die Biographie „Jackie" (2016), das Sportlerdrama „The Wrestler" (2008), der Fantasyfilm „The Fountain" (2006), der Drogen-Strudel „Requiem for a Dream" (2000) oder das wahnsinnige Debüt „Pi" (1997) - Darren Aronofsky inszeniert exzellent in vielen Formen und Genres. Nach „Black Swan" (2010) erschuf Darren Aronofsky mit „mother!" nun wieder einen Psychothriller.

„Er" (Javier Bardem) und „Mutter" (Jennifer Lawrence) leben in ihrem einst niedergebrannten Haus, das sie liebevoll wieder aufbaut. Er ist ein ehemals erfolgreicher und jetzt blockierter Schriftsteller. Sie federführend bei der Restaurierung des Hauses, das scheinbar weit weg von anderer Besiedlung liegt. Daher überrascht das Klopfen von „Mann" (Ed Harris), gefolgt einen Tag später durch „Frau" (Michelle Pfeiffer). Es folgen zu persönliche Fragen, unverschämtes Eindringen in die Privatsphäre und in dreiste Schlafzimmer-Fragen. Dazu ein bedrohlicher Ofen, ein seltsames Ding in der Toilette und eine typische Horror-Kamera, immer nah an den Figuren, auf der Schulter oder direkt vor dem Gesicht von Jennifer Lawrence. Auch überall andauernd Blut, und weil das Haus gerade umgebaut wird, knarren nicht nur die Dielen.

Man erwartet „Rosemaries Baby" bei den schwarz gekleideten, einnehmenden Gästen. Man amüsiert sich über den weinerlichen, selbstverliebten Dichter, der angesichts einer Schwangerschaft wieder wie wild zu schreiben beginnt. Während „mother!" in der ersten Hälfte dicht und atemlos erzählt wird, steigert sich dann alles in einen surrealen Wahnsinn. Ein überbordender Trip mit Revolutions-, Kriegs- und Sklavenszenen - allein auf der ersten Etage des Hauses - liefert ein reichlich überstrapaziertes Bild, dass alles Private bei kreativen Stars ausgeweidet wird.

Es geht um Geschlechterrollen, um den Unterschied zwischen literarischer und wortwörtlicher Schöpfung. Hier wird oberflächlich das private Zuhause für öffentlichen Ruhm oder auch nur ein paar Schmeicheleien aufs Spiel gesetzt. bilden einen Widerspruch in sich. Das ist vor allem nicht der Realismus, den man im Mainstream erwartet, wo selbst das Horror-Genre ähnlich fantasielos gewöhnlich daherkommt wie Fantasy oder der Science Fiction. Das ist tatsächlich abgründig, vielschichtig und visuell überwältigend. Einmalig, gut und gar nicht so schockierend wie es aus Venedig lautete.

12.9.17

Barfuß in Paris

Frankreich, Belgien 2016 (Paris pied nus) Regie: Dominique Abel, Fiona Gordon mit Dominique Abel, Fiona Gordon, Emmanuelle Riva, Pierre Richard 83 Min.

Die Bibliothekarin Fiona (Fiona Gordon) reist aus Kanada nach Paris, um ihrer alten, bedürftigen Tante (Emmanuelle Riva) zu helfen, die ins Altersheim soll. Doch direkt fällt die orientierungslose Fiona in die Seine, verliert ihren knallroten Rucksack mit der Kanada-Fahne und sitzt triefnass im Konsulat. Der obdachlose Dominique Abel hingegen, findet das Treibgut, zieht sich damit neu an und geht erstmal gut essen. Denn er hat Geschmack und schaute sich immer die Speisekarte an, bevor er im Müll des Restaurantschiffes wühlte. Dass Fiona nun auch auf der Seine zu Abend isst, die beiden einen flotten Gotan-Tango hinlegen und man dabei selbst im siebten Kinoseher-Himmel ist, stellt erst den Anfang einer Kette aberwitziger Zufälle dar.

Dominique Abel und Fiona Gordon inszenieren sich selbst, wie in vielen circensischen Theaterauftritten eingeübt, als Dom und Fiona, als Charlie Chaplin im Restaurant, als Jacques Tati in Paris unter der (kleinen) Freiheitsstatue, als Harold Lloyd auf dem Eiffelturm. Das ist Slapstick, herzerwärmend und angesichts eines Tricktechnik-Overkills ungemein erfrischend. „Barfuß in Paris" könnte ein Stummfilm sein, ein kunterbunter in der comic-haften Raumgestaltung von Wes Anderson. Könnte auch ein Kaurismäki sein im leichten, trockenen Humor, aber vor allem ein Tati im warmen Blick auf das oft skurrile Menschliche. Und das alles machen mit Abel und Gordon mit viel Können sowie den Senior-Stars Emmanuelle Riva und Pierre Richard. Ein bis zum akrobatischen Finale äußerst charmanter Film mit Garantie für anhaltend gute Laune.

Porto

Portugal, USA, Frankreich, Polen 2016 Regie: Gabe Klinger mit Anton Yelchin, Lucie Lucas, Paulo Calatré 74 Min. FSK: ab 6

Jake (Anton Yelchin) jobbt in Porto. Zwischen seine mehr oder weniger kläglichen Versuche, Frauen anzumachen, setzt sich ein längeres Gespräch mit Mati (Lucie Lucas), mit der er schließlich eine sehr leidenschaftliche Nacht verbringen wird. „Porto" zeigt in drei Kapiteln, wie Jake und Mati zusammenkommen, sind und sich wieder verlieren. Allerdings nicht linear, sondern mit in der Zeit verstreuten Häppchen, was zum spielerischen Charakter dieses Liebesfilms beiträgt. Nicht nur das zwischendurch altmodisch schmale Format (aufgrund von verschiedenen Filmmaterialien für unterschiedliche Zeiten) sieht nach altem Film aus. „Porto" atmet insgesamt eine stimmungsvolle Verspieltheit wie bei Truffaut oder bei Woody Allens Filmanfängen. Was nicht verwundert, bei einem Regisseur, der am Columbia College in Chicago Film lehrt. Emotional wird die in ihrer Retrospektive schon wieder moderne Form vom Spiel Anton Yelchins getragen, der bei einem Autounfall ums Leben gekommenen und in „Porto" in einer seiner letzten Rollen zu sehen ist.

Das Löwenmädchen

Norwegen, BRD 2016 (Løvekvinnen) Regie: Vibeke Idsøe mit Ida Ursin-Holm, Mathilde Thomine Storm, Aurora Lindseth-Løkka, Rolf Lassgård 118 Min. FSK: ab 12

Unter sehr dramatischen Umständen wird im Winter 1912 in einer kleinen norwegischen Stadt ein Mädchen geboren, während die Mutter stirbt. Nur langsam gewährt der Film einen Blick auf das haarige Baby. Das Entsetzen in den Gesichtern der Menschen deutet etwas an. Ebenso das Widerstreben des Vaters, das Kind anzunehmen. Denn Eva Arctander trägt dichtes Fell am ganzen Körper und auch im Gesicht. Doch der sehr großherzige Stationsmeister Gustav Arctander (Rolf Lassgård) findet eine Amme, die bei ihm einzieht, und lässt Eva mehr als behütet aufwachsen. Denn sehr wohl bewusst von der Aufmerksamkeit, die ein „Löwenmädchen" nicht nur in der Provinz erregt, darf Eva nicht aus dem Haus und sich nicht am Fenster sehen lassen. Ein erster Versuch, mit dem Kind in die Öffentlichkeit zu gehen, kippt nach vielversprechendem Beginn. Allerdings blitzt hier auch zum ersten Mal der unbeugsame Charakter des Mädchens auf.

Nach Erik Fosnes Hansen gleichnamigem Roman erzählt „Das Löwenmädchen" zuerst von den Gefühlslagen des liebevollen Stationsvorstehers. Die runde Inszenierung schafft es tatsächlich, im Detail diese extreme Situation des isolierten Aufwachsens zu vermitteln. Das ist rührend und bedrückend, die Musik verstärkt diese Stimmungen im grenzwertigen Maße. Dass Eva letztlich doch in einem Zirkus landet, der „Gesellschaft der Außergewöhnlichen" von Direktor Johannes Joachim (Burghart Klaußner), und mit anderen besonderen Menschen zur Schau gestellt wird, wäre ein trauriges Ende gewesen. Freundlicherweise zaubert die Geschichte noch ein Happy End aus dem Hut.

Eva erlebt viel: Den Gewalttaten grausamer Kinder folgen die Perversionen skrupelloser Wissenschaft, bei der Eva wirklich zum Ausstellungsobjekt wird. Allerdings bleibt das Innere der Hauptfigur seltsam bedeckt. „Das Löwenmädchen" erreicht selbstverständlich nicht die menschlichen Tiefen und den emotionalen Einschlag von David Lynchs „Elefantenmensch". Es bleibt eine bei allem Kampf und aller Ausgrenzung immer nur mäßig temperierte Geschichte.

Wie die Mutter, so die Tochter

Frankreich 2016 (Telle Mère, Telle Fille) Regie: Noémie Saglio mit Juliette Binoche, Camille Cottin, Lambert Wilson, Michaël Dichter 94 Min. FSK: ab 0

Das Zimmer der Mutter aufräumen - das ist mal was anderes! Und erst mal lustig, vor allem, wenn es Juliette Binoche ist, die als arbeitslose, 47-jährige Mado (Juliette Binoche) im Jugendwahn bei ihrer Tochter haust. Kippen, Alkoholfahne und erst früh morgens zuhause sein. Das nervt das brave Pärchen aus Tochter Avril (Camille Cottin) und deren langweiligem Freund, dem ewigen Studenten Louis (Michaël Dichter). Als Avril dann schwanger ist, wird die enge Lebens-Situation unerträglich ... komisch, dachten sich die Filmemacher in noch einer Variante französischer Familienkomödien. Dass die rotzfreche Lebefrau Mado noch selbst mit einer eigenen Schwangerschaft kontert, wobei der Vater ausgerechnet der schon lange getrennte Ex-Mann Marc Daursault (Lambert Wilson) ist, setzt dem ganzen Ulk die Krone auf.

Die beiden Stars Juliette Binoche und Lambert Wilson spielen gut überdreht in einer oberflächlich originellen aber letztlich nicht mehr als bemühten Komödie. Ein paar freche Scherze zünden, auch wie die hedonistischen sowie sehr unkonventionellen Alten die Fassade eines funktionierenden Paares übertreiben, ist deftiger Klamauk. Der Clash aus wilden Eltern und spießigen, langweiligen Kindern verhalt allerdings und irgendwann ist der Film auch so langweilig wie diese spaßfreie Generation. Der Scherz wiederholt sich nur noch wie das unendlich variierte Leitmotiv, der eigentlich schöne Chanson „Boum" von Charles Trenet. Und tatsächlich, da können die beiden dicken Bäuche nicht drüber hinweg täuschen, spielt Juliette Binoche als unreife (Groß-) Mutter die Alterstausch-Rolle vieler Hollywood-Vorlagen nach. Eine große Banalität, die sich, wenn alle Scherze verbraucht sind, von alleine in Wohlgefallen auflöst.