Wir sind Piazza! So würde die Zeitung mit den großen Buchstaben titeln. Denn mit dem NRW-WDR-Film „Der Staat gegen Fritz Bauer" hat nach „Das Leben der anderen", „Das Wunder von Bern" und „Die syrische Braut" wieder eine deutsche Produktion den Publikumspreis in Locarno ergattert. Das ist immerhin hinter Cannes, Venedig und Berlin das viertwichtigste Festival. Außerdem sind 8000 Zuschauer, die jeden Abend auf der Piazza Grande abstimmen, ein ernstzunehmendes Publikum. Ein Grund zum Feiern für den Regisseur Lars Kraume, für die exzellenten Darsteller Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld sowie die Film- und Medienstiftung NRW.
Doch können „wir" jetzt stolz sein? Der zurückgekehrte Exilant, der Freiheitskämpfer Fritz Bauer meint selbst im Film: Für Goethe und Schiller, für unsere Berge und Wälder, da können wir doch nichts. Aber wir können Tag für Tag für diese Demokratie kämpfen. Deshalb ein Preis, der auch dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gefallen hätte: Als Sieg der Sache über das Gefühl. Denn auch nach der zweiten Sichtung kann der Film über den Kampf um die ersten Holocaust-Prozesse in der BRD zum Ende der 50er Jahre nicht überzeugen, zu viel bleibt behauptet. Und mindestens drei Piazza-Filme waren besser gemacht: Das lesbische Liebesdrama „La Belle Saison" mit der großartigen Cecile de France. Die humorvolle und tief berührende Demenz-Geschichte „Floride" mit einem wunderbaren Jean Rochefort. Oder die umwerfend komische kanadische Polit-Satire „Guibord s'en va-t-en guerre". Alles runder, stimmiger, bewegender und begeisternder. Aber scheinbar stimmten die Zuschauer in Locarno gegen Vergessen und Verdrängen. Die Piazza als politischer Platz. Anders als auf dem Maidan in Kiew, auf dem Taksim in Istanbul oder dem Tahrir in Kairo, friedlich. Es ist ja „nur Kultur", aber immerhin: Ein deutlicher Standpunkt.
17.8.15
10.8.15
Locarno 2015 Ein- und Ansichten von Amy Schumer
Bei der Europa-Premiere von „Dating Queen" in Locarno bewies die Komikerin Amy Schumer, dass sie ihre scheinbar harmlosen, aber ziemlich treffenden Bemerkungen auch locker aus der Hüfte schießen kann. Der Star der TV-Serie „Inside Amy Schumer" verriet, dass es beim Film- im Gegensatz zum TV-Dreh entspannter war, immer nur bei einen Charakter zu bleiben. Das war es dann aber auch schon mit dem üblichen Presse-Nichtigkeiten. Mit ihrem überaus freundlichen Lächeln schoss sie gegen alle, die sie „female comedian" nennen, niemand würde „männlicher Komiker" sagen. Und auch die Waffenlobby bekam etwas ab: "Was im (US-) Kongress passiert, ist sehr frustrierend - nur das Geld verhindert, dass wir eine bessere Waffenkontrolle bekommen." Ganz unabhängig vom Erfolg ihres aktuellen Kinofilms arbeitet die gewitzte Entertainerin schon an einem neuen Projekt, einer Mutter-Tochter-Komödie, die sie wieder selbst schreibt. (ghj)
Coconut Hero
BRD, Kanada 2015 Regie: Florian Cossen mit Alex Ozerov, Bea Santos, Krista Bridges, Sebastian Schipper 101 Min. FSK: ab 12
Mike Tyson - „nicht der Boxer, sondern ein anderer Mike" - also der sechzehnjährige Mike Tyson legt sich schon mal den Gewehrlauf an die Stirn, gibt seine eigene Traueranzeige auf und ... feuert eine Platzpatrone ab! Doch „zum Glück" entdeckt man im Krankenhaus einen Hirntumor, den Mike (Alex Ozerov) selbstverständlich nicht entfernen lassen will. Denn Mike will sterben, anfangs erzählt mit schwarzem Humor im Stile von „Harold und Maude".
Der bislang nicht besonders fröhliche Mike kommentiert sein winziges kanadisches Kaff Faintville. Dort wird er auch im neuen Schuljahr wegen seines Namens und jetzt noch wegen der falschen Todesanzeige gehänselt. Klar, dass er mit Jesus redet und ihn bittet, beim nächsten Mal wirklich sterben zu können. Also diesmal ohne Wiederauferstehung. Die Sache mit dem Hirntumor kommt seinem Wunsch schon recht nahe. Und deshalb ist das ganze Holzfällerstädtchen plötzlich von opernhafter Freude erfüllt - große Ballett-Kino wie in einem Baz Luhrman-Film! Mit dem Knockout seiner bisherigen Bullies als grandioses Finale zu Rossini.
Mike ist ein sympathisch selbstbewusster Teenager. Muss er wahrscheinlich auch sein, bei dieser schillernd pädagogisch unfähigen Mutter Cynthia (Krista Bridges). Beim Treffen mit dem Vater, den er bislang nie gesehen hatte, wird alles mal kurz gewöhnlich, doch ein therapeutischer Tanzkurs sorgt nicht nur „für neuen Lebensmut". Die Begegnung mit der schön verrückten Tanz-Therapeutin Miranda (Bea Santos) gibt Mikes Leben und dem Film eine ganz neue Richtung.
„Coconut Hero" stemmt mit viel Humor und Leichtigkeit ganz schön gewichtige Themen. Vor allem das in vielen Stimmungen reizvolle und mitreißende Spiel von Hauptdarsteller Alex Ozerov bereitet dabei viel Vergnügen bei diesem anderen und doch netten Film. Udo Kier hat einen kleinen, feinen Auftritt als desinteressierter Therapeut. Der „Victoria"-Regisseur Sebastian Schipper ist nach seiner Rolle als Ehemann von Kim Basinger in „Ich bin hier" erneut als Schauspieler zu sehen.
Regisseur Florian Cossen fiel bereits mit der Vergangenheitsbewältigung „Das Lied in mir" (mit Jessica Schwarz in der Hauptrolle) auf. Nun überzeugt er mit guter Schauspielführung und sehr origineller Bildgestaltung, die durchgehend viel Spaß macht. Angefangen mit den Filmtiteln, die in Aufnahmen der Kleinstadt verstreut werden, bis zu Mikes Versuch, ein paar lange Bretter für seinen Sarg auf sein Fahrrad zu bekommen, während im Hintergrund ein riesiger Bagger gleich mehrere Baumstämme in die Luft hebt. Die Musik kommentiert die herrlich komische Handlung, dazu gibt es trockene One-Liner wie vom Sargverkäufer über sein Billig-Modell: „Es lohnt sich kaum, dafür zu sterben!" Für solche Filme lohnt es sich allerdings - unter anderem - zu leben.
Mike Tyson - „nicht der Boxer, sondern ein anderer Mike" - also der sechzehnjährige Mike Tyson legt sich schon mal den Gewehrlauf an die Stirn, gibt seine eigene Traueranzeige auf und ... feuert eine Platzpatrone ab! Doch „zum Glück" entdeckt man im Krankenhaus einen Hirntumor, den Mike (Alex Ozerov) selbstverständlich nicht entfernen lassen will. Denn Mike will sterben, anfangs erzählt mit schwarzem Humor im Stile von „Harold und Maude".
Der bislang nicht besonders fröhliche Mike kommentiert sein winziges kanadisches Kaff Faintville. Dort wird er auch im neuen Schuljahr wegen seines Namens und jetzt noch wegen der falschen Todesanzeige gehänselt. Klar, dass er mit Jesus redet und ihn bittet, beim nächsten Mal wirklich sterben zu können. Also diesmal ohne Wiederauferstehung. Die Sache mit dem Hirntumor kommt seinem Wunsch schon recht nahe. Und deshalb ist das ganze Holzfällerstädtchen plötzlich von opernhafter Freude erfüllt - große Ballett-Kino wie in einem Baz Luhrman-Film! Mit dem Knockout seiner bisherigen Bullies als grandioses Finale zu Rossini.
Mike ist ein sympathisch selbstbewusster Teenager. Muss er wahrscheinlich auch sein, bei dieser schillernd pädagogisch unfähigen Mutter Cynthia (Krista Bridges). Beim Treffen mit dem Vater, den er bislang nie gesehen hatte, wird alles mal kurz gewöhnlich, doch ein therapeutischer Tanzkurs sorgt nicht nur „für neuen Lebensmut". Die Begegnung mit der schön verrückten Tanz-Therapeutin Miranda (Bea Santos) gibt Mikes Leben und dem Film eine ganz neue Richtung.
„Coconut Hero" stemmt mit viel Humor und Leichtigkeit ganz schön gewichtige Themen. Vor allem das in vielen Stimmungen reizvolle und mitreißende Spiel von Hauptdarsteller Alex Ozerov bereitet dabei viel Vergnügen bei diesem anderen und doch netten Film. Udo Kier hat einen kleinen, feinen Auftritt als desinteressierter Therapeut. Der „Victoria"-Regisseur Sebastian Schipper ist nach seiner Rolle als Ehemann von Kim Basinger in „Ich bin hier" erneut als Schauspieler zu sehen.
Regisseur Florian Cossen fiel bereits mit der Vergangenheitsbewältigung „Das Lied in mir" (mit Jessica Schwarz in der Hauptrolle) auf. Nun überzeugt er mit guter Schauspielführung und sehr origineller Bildgestaltung, die durchgehend viel Spaß macht. Angefangen mit den Filmtiteln, die in Aufnahmen der Kleinstadt verstreut werden, bis zu Mikes Versuch, ein paar lange Bretter für seinen Sarg auf sein Fahrrad zu bekommen, während im Hintergrund ein riesiger Bagger gleich mehrere Baumstämme in die Luft hebt. Die Musik kommentiert die herrlich komische Handlung, dazu gibt es trockene One-Liner wie vom Sargverkäufer über sein Billig-Modell: „Es lohnt sich kaum, dafür zu sterben!" Für solche Filme lohnt es sich allerdings - unter anderem - zu leben.
Fantastic Four (2015)
USA 2015 Regie: Josh Trank mit Kate Mara, Michael B. Jordan, Miles Teller, Jamie Bell 90 Min.
Die Idee war gut: Weshalb nicht mit dem jungen Regisseur Josh Trank, der mit dem sensationellen Science Fiction „Chronicle" über eine Gruppe von Jungs, die zu Superhelden werden, reüssierte, die Anfänge der „Fantastic Four", einer Gruppe von Jungs und einer jungen Frau, die zu Superhelden werden, verfilmen? Die Ähnlichkeiten in der Substanz, die alles verändert sind frappierend. Die Unterschiede zwischen einer echten Alltagswelt („Chronicle") und der typischen Marvel-Kulisse allerdings auch. Doch vor allem sollen Unstimmigkeiten beim Dreh dem Ergebnis geschadet haben, so dass ausgerechnet das besonders beliebte Comic-Team der „Fantastic Four" mal wieder keinen anständigen Kinofilm hinbekommt.
Die Handlung beginnt im Jahr 2007, im Kino konnte man da „Rise of the Silver Surfer" sehen, den letzten, nicht so fantastischen Versuch, diesen Comic zu Kino zu machen. Die Geschichte der Anfänge geht mit dem nerdigen Erfinder Reed Richards (Miles Teller) los, dessen zusammen mit dem Freund Ben Grimm (Jamie Bell) aus Schrottteilen gebastelte Teleportations-Maschine tatsächlich Gegenstände verschwinden lässt und auch wieder zurück holt. Nur wo es dabei hingeht, wissen sie nicht. Erst der Forscher Dr. Franklin Storm (Reg E. Cathey) engagiert und klärt sie auf: Die Reise geht in eine andere Dimension und als Reed, Ben, die Kinder Storms sowie sein Assistent Victor van Doom (Toby Kebbell) heimlich als erste den Trip antreten, verändert sie die andere Welt für immer.
Der Rest ist Comic-Geschichte, aber für diesen Epilog zu einem bereits geplanten Film so viel Zeit zu verheizen, ist ökologisch untragbar und auch noch langweilig. Weder die Effekten des wabernden anderen Planeten oder Dooms gefährliches grünes Leuchten, noch die Charakterisierung der Superhelden vor ihrem Superhelden-Sein können begeistern. Ganz im Gegensatz zum „Star Trek"- oder dem „Batman"-Prequel. Umso erstaunlicher, dass zumindest mit Miles Teller („Whiplash") und mit Jamie Bell („Billy Elliot") zwei gute Schauspieler dabei sind. Der Neustart von „Fantastic Four" geriet für ein Comic-Spektakel sehr übersichtlich - um es freundlich zu sagen.
Die Idee war gut: Weshalb nicht mit dem jungen Regisseur Josh Trank, der mit dem sensationellen Science Fiction „Chronicle" über eine Gruppe von Jungs, die zu Superhelden werden, reüssierte, die Anfänge der „Fantastic Four", einer Gruppe von Jungs und einer jungen Frau, die zu Superhelden werden, verfilmen? Die Ähnlichkeiten in der Substanz, die alles verändert sind frappierend. Die Unterschiede zwischen einer echten Alltagswelt („Chronicle") und der typischen Marvel-Kulisse allerdings auch. Doch vor allem sollen Unstimmigkeiten beim Dreh dem Ergebnis geschadet haben, so dass ausgerechnet das besonders beliebte Comic-Team der „Fantastic Four" mal wieder keinen anständigen Kinofilm hinbekommt.
Die Handlung beginnt im Jahr 2007, im Kino konnte man da „Rise of the Silver Surfer" sehen, den letzten, nicht so fantastischen Versuch, diesen Comic zu Kino zu machen. Die Geschichte der Anfänge geht mit dem nerdigen Erfinder Reed Richards (Miles Teller) los, dessen zusammen mit dem Freund Ben Grimm (Jamie Bell) aus Schrottteilen gebastelte Teleportations-Maschine tatsächlich Gegenstände verschwinden lässt und auch wieder zurück holt. Nur wo es dabei hingeht, wissen sie nicht. Erst der Forscher Dr. Franklin Storm (Reg E. Cathey) engagiert und klärt sie auf: Die Reise geht in eine andere Dimension und als Reed, Ben, die Kinder Storms sowie sein Assistent Victor van Doom (Toby Kebbell) heimlich als erste den Trip antreten, verändert sie die andere Welt für immer.
Der Rest ist Comic-Geschichte, aber für diesen Epilog zu einem bereits geplanten Film so viel Zeit zu verheizen, ist ökologisch untragbar und auch noch langweilig. Weder die Effekten des wabernden anderen Planeten oder Dooms gefährliches grünes Leuchten, noch die Charakterisierung der Superhelden vor ihrem Superhelden-Sein können begeistern. Ganz im Gegensatz zum „Star Trek"- oder dem „Batman"-Prequel. Umso erstaunlicher, dass zumindest mit Miles Teller („Whiplash") und mit Jamie Bell („Billy Elliot") zwei gute Schauspieler dabei sind. Der Neustart von „Fantastic Four" geriet für ein Comic-Spektakel sehr übersichtlich - um es freundlich zu sagen.
Dating Queen
USA 2015 (Trainwreck) Regie: Judd Apatow mit Amy Schumer, Bill Hader, Tilda Swinton, LeBron James 130 Min. FSK: ab 12
Grandios, wie der Vater seinen Töchtern erzählt, dass es doch blöd sei, nur mit einer Puppe spielen zu dürfen. Und nicht mit der neuen Puppe oder der Freundin der Puppe... Kurz: Monogamie ist Mist. 23 Jahre später lebt Amy (Amy Schumer) diese Mantra lustvoll und perfektioniert: Den stetig wechselnden Typen für einen Nacht macht sie vor, dass sie die Größten ... seinen und sie selbst soooo unerfahren. Nach ihrem Orgasmus schläft Amy direkt ein und schmeißt dann den Kerl schnell raus.
Als der Sport-Arzt Aaron Conners (Bill Hader), den die Sport-Hasserin für ihre dämliche Männerzeitschrift porträtieren soll, sie ein zweites Mal sehen will, bricht heftige Panik aus. Eine Allergie gegen Löffeln und sein Atem in ihrem Nacken lassen sich mit Abstand im Bett noch ertragen, doch eine ernsthafte Beziehung? Aber selbst der ruppige Papa, gerade im Pflegeheim gelandet, findet Doktor Aaron nett. Nicht nur, weil der haufenweise berühmte Sportler behandelt und kennt.
Amy Schumer schrieb sich mit „Dating Queen" ihren ersten großen Kinofilm selbst. Sie ist spätestens seit ihrer TV-Show „Inside Amy Schumer" auf Comedy Central eine neue Comedy-Sensation, die in Deutschland noch zu entdeckt ist. Wie in „Dating Queen" steckt hinter dem süßen Gesicht eine Menge Zündstoff. Schumer entspricht nicht dem Hollywood-Standard für Frauen, kann dafür süß wirken und bissig sein. In ihren Sketchen nimmt sie ganz alltäglichen Sexismus aufs Korn, spricht aber auch ernsthaft komisch Vergewaltigung an. Beispielsweise im legendären Clip, in dem ein Football-Trainer seinen Stars Gewalt gegen Frauen abgewöhnen will. Frech, selbstbestimmt und rücksichtslos legt Schumer auch ihre Figur Amy an. Promiskuitiv, saufend und ungebunden rumpelt die Redakteurin durchs Leben - es macht Spaß, ihr zuzusehen.
Leider wird auch Schumer für das große Publikum gebremst: Sie veralbert anfangs noch die romantische Montage-Sequenz in Anlehnung an Woody Allens „Manhattan", dann folgt die Handlung immer mehr den Spuren des Liebesfilms - erfolgreich. Mit einer offenen Knie-Operation zu Billy Joels „Uptown Girl", mit herrlichen Auftritten von Basketballstar LeBron James und Tilda Swinton als zynische und zickige Chef-Redakteurin eines Männermagazins für die ganz einfachen Ansprüche. Und dann ist da noch der herrliche Film-im-Film mit Daniel Radcliffe als Hundeführer und Marisa Tomei als sehr anzügliche Hundebesitzerin.
Der alte Trick, Beziehung und Liebe zu negieren, um sie später glaubhaft zu feiern, funktioniert in dieser endlich mal anständigen Komödie von Judd Apatow („Jungfrau (40), männlich, sucht" und „Beim ersten Mal"). Das Kunststück, heftige Attacken gegen verlogenen Kitsch abzulassen und dann selbst ein nettes romantisches Finale hinzulegen, ist gelungen. „Dating Queen" schafft es tatsächlich, zwischen vielen groben Scherzen und schrägen Situationen zu berühren.
Grandios, wie der Vater seinen Töchtern erzählt, dass es doch blöd sei, nur mit einer Puppe spielen zu dürfen. Und nicht mit der neuen Puppe oder der Freundin der Puppe... Kurz: Monogamie ist Mist. 23 Jahre später lebt Amy (Amy Schumer) diese Mantra lustvoll und perfektioniert: Den stetig wechselnden Typen für einen Nacht macht sie vor, dass sie die Größten ... seinen und sie selbst soooo unerfahren. Nach ihrem Orgasmus schläft Amy direkt ein und schmeißt dann den Kerl schnell raus.
Als der Sport-Arzt Aaron Conners (Bill Hader), den die Sport-Hasserin für ihre dämliche Männerzeitschrift porträtieren soll, sie ein zweites Mal sehen will, bricht heftige Panik aus. Eine Allergie gegen Löffeln und sein Atem in ihrem Nacken lassen sich mit Abstand im Bett noch ertragen, doch eine ernsthafte Beziehung? Aber selbst der ruppige Papa, gerade im Pflegeheim gelandet, findet Doktor Aaron nett. Nicht nur, weil der haufenweise berühmte Sportler behandelt und kennt.
Amy Schumer schrieb sich mit „Dating Queen" ihren ersten großen Kinofilm selbst. Sie ist spätestens seit ihrer TV-Show „Inside Amy Schumer" auf Comedy Central eine neue Comedy-Sensation, die in Deutschland noch zu entdeckt ist. Wie in „Dating Queen" steckt hinter dem süßen Gesicht eine Menge Zündstoff. Schumer entspricht nicht dem Hollywood-Standard für Frauen, kann dafür süß wirken und bissig sein. In ihren Sketchen nimmt sie ganz alltäglichen Sexismus aufs Korn, spricht aber auch ernsthaft komisch Vergewaltigung an. Beispielsweise im legendären Clip, in dem ein Football-Trainer seinen Stars Gewalt gegen Frauen abgewöhnen will. Frech, selbstbestimmt und rücksichtslos legt Schumer auch ihre Figur Amy an. Promiskuitiv, saufend und ungebunden rumpelt die Redakteurin durchs Leben - es macht Spaß, ihr zuzusehen.
Leider wird auch Schumer für das große Publikum gebremst: Sie veralbert anfangs noch die romantische Montage-Sequenz in Anlehnung an Woody Allens „Manhattan", dann folgt die Handlung immer mehr den Spuren des Liebesfilms - erfolgreich. Mit einer offenen Knie-Operation zu Billy Joels „Uptown Girl", mit herrlichen Auftritten von Basketballstar LeBron James und Tilda Swinton als zynische und zickige Chef-Redakteurin eines Männermagazins für die ganz einfachen Ansprüche. Und dann ist da noch der herrliche Film-im-Film mit Daniel Radcliffe als Hundeführer und Marisa Tomei als sehr anzügliche Hundebesitzerin.
Der alte Trick, Beziehung und Liebe zu negieren, um sie später glaubhaft zu feiern, funktioniert in dieser endlich mal anständigen Komödie von Judd Apatow („Jungfrau (40), männlich, sucht" und „Beim ersten Mal"). Das Kunststück, heftige Attacken gegen verlogenen Kitsch abzulassen und dann selbst ein nettes romantisches Finale hinzulegen, ist gelungen. „Dating Queen" schafft es tatsächlich, zwischen vielen groben Scherzen und schrägen Situationen zu berühren.
9.8.15
Weltpremiere in Locarno
„Der Staat gegen Fritz Bauer" rollt Nachkriegsgeschichte auf
Deutscher Starter macht nicht viel Staat auf der Piazza
Locarno. Freitagabend erlebte das zu großen Teilen in NRW gedrehte historische Drama „Der Staat gegen Fritz Bauer" beim 68. Internationalen Filmfestival von Locarno (5. - 15. August) vor mehreren tausend Zuschauern seine Weltpremiere auf der Piazza Grande, dem grandiosen Open Air-Kino am Lago Maggiore. Während das Schweizer Festival zwischen Kommerz und Kunst bei besten (Wetter-) Aussichten neue Zuschauer-Rekorde erreichen könnte, wird der Film von Lars Kraume kaum die Erfolgsreihe von Publikumspreisen für deutsche Produktionen („Das Leben der anderen", „Das Wunder von Bern", „Die syrische Braut") fortsetzen.
Landesverrat ist das aktuelle Stichwort und ein Oberstaatsanwalt bangt um seinen Job. Diese Parallele zu aktuellen Ereignissen sorgte nur kurz für Heiterkeit im Publikum. Das Drama um den legendären Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Burghart Klaußner) zeichnet eine Zäsur im Verhältnis der Bundesrepublik zu ihrer Nazi-Vergangenheit nach. „Im Labyrinth des Schweigens" zeigte schon packend, wie Bauer, verfolgtes SPD-Mitglied und Jude, seine Staatsanwaltschaft einsetzte, um Adolf Eichmann auszuspüren und 1963 die ersten Prozesse gegen Auschwitz-Täter zu eröffnen. Nun wird Bauer in „Der Staat gegen Fritz Bauer" zur Hauptfigur im Ränkespiel mit ehemaligen Nazis und SS-Leuten in Justiz, Geheimdienst und Regierung. Und über den jungen Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld), der zum Vertrauten und Freund wird, auch seine, damals noch strafverfolgte Homosexualität.
Bauer ist eine wichtige, große Figur unserer Demokratie, die sich mit „heiligem Zorn" und Geschick in Nazi verseuchter Umgebung dem Leugnen und Verdrängen des Holocausts entgegenstellte. Das trägt der Film in deutlichen Worten vor - wie eine Verfilmung von Lexikoneinträgen und Aktendeckeln. Leider, bei allem Aufwand in Kostüm und Kulissen, bei den exzellenten Darstellungen von Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Lilith Stangenberg und Sebastian Blomberg bis in die Nebenrollen, vermisst man die filmische Idee, das emotionale Verstehen, dass hier einer aufforderte, nicht platt „stolz auf sein Land" zu sein, sondern im aktiven Einsatz die funktionierende Demokratie am Leben zu erhalten.
Dennoch - auch wenn die Dramaturgie nicht vom Hocker reißt, das Ende eher Antiklimax ist, die Ähnlichkeiten von der restaurativen Adenauer-Zeit zu Merkels bleierner Berliner-Republik sind frappant. Bis zum Schlüsselsatz „Wenn wir etwas für unser Land tun wollen, müssen wir es verraten." Da ist die Geschichte dann zumindest rund und hochaktuell. (Der Film kommt am 1. Oktober in die Kinos.)
Die Reaktionen der Presse waren zumindest nicht so vernichtend, wie beim Eröffnungsfilm, Jonathan Demmes' großer Enttäuschung „Ricki and the Flash" („Ricki – Wie Familie so ist", Start 3. September). Meryl Streep ist als alternde Rockerin und reuige Mutter völlig fehlbesetzt, Demme liefert nach großartige Neil Young-Filmen und dem legendären „Stop Making Sense" seinen schlechtesten Musikfilm ab und Autorin Diablo Cody verspielt ihren guten Ruf von „Juno" endgültig. Meryl Streep und das ganze Team blieben der Werbeveranstaltung wohlweislich fern. Dafür eröffnete Edward Norton den Promi- und Preisreigen, indem er sich auf der Bühne artig für den Schweiz-Urlaub für ihn und seine Familie bedankte. Aus diesem See von Fettnäpfchen wird das Traditons-Festival hoffentlich der Wettbewerb retten.
Bis am 15. August werden in Locarno 179 Langzeitfilme und 87 Kurzfilme aus 51 Ländern gezeigt. Im offiziellen Wettbewerb um den Goldenen Leoparden gibt es bei einer Handvoll bekannter Namen keinen deutschen Starter. Überhaupt gibt es deutsche Produktionen bis auf „Der Staat gegen Fritz Bauer" nur in Nebensektionen.
Deutscher Starter macht nicht viel Staat auf der Piazza
Locarno. Freitagabend erlebte das zu großen Teilen in NRW gedrehte historische Drama „Der Staat gegen Fritz Bauer" beim 68. Internationalen Filmfestival von Locarno (5. - 15. August) vor mehreren tausend Zuschauern seine Weltpremiere auf der Piazza Grande, dem grandiosen Open Air-Kino am Lago Maggiore. Während das Schweizer Festival zwischen Kommerz und Kunst bei besten (Wetter-) Aussichten neue Zuschauer-Rekorde erreichen könnte, wird der Film von Lars Kraume kaum die Erfolgsreihe von Publikumspreisen für deutsche Produktionen („Das Leben der anderen", „Das Wunder von Bern", „Die syrische Braut") fortsetzen.
Landesverrat ist das aktuelle Stichwort und ein Oberstaatsanwalt bangt um seinen Job. Diese Parallele zu aktuellen Ereignissen sorgte nur kurz für Heiterkeit im Publikum. Das Drama um den legendären Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Burghart Klaußner) zeichnet eine Zäsur im Verhältnis der Bundesrepublik zu ihrer Nazi-Vergangenheit nach. „Im Labyrinth des Schweigens" zeigte schon packend, wie Bauer, verfolgtes SPD-Mitglied und Jude, seine Staatsanwaltschaft einsetzte, um Adolf Eichmann auszuspüren und 1963 die ersten Prozesse gegen Auschwitz-Täter zu eröffnen. Nun wird Bauer in „Der Staat gegen Fritz Bauer" zur Hauptfigur im Ränkespiel mit ehemaligen Nazis und SS-Leuten in Justiz, Geheimdienst und Regierung. Und über den jungen Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld), der zum Vertrauten und Freund wird, auch seine, damals noch strafverfolgte Homosexualität.
Bauer ist eine wichtige, große Figur unserer Demokratie, die sich mit „heiligem Zorn" und Geschick in Nazi verseuchter Umgebung dem Leugnen und Verdrängen des Holocausts entgegenstellte. Das trägt der Film in deutlichen Worten vor - wie eine Verfilmung von Lexikoneinträgen und Aktendeckeln. Leider, bei allem Aufwand in Kostüm und Kulissen, bei den exzellenten Darstellungen von Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Lilith Stangenberg und Sebastian Blomberg bis in die Nebenrollen, vermisst man die filmische Idee, das emotionale Verstehen, dass hier einer aufforderte, nicht platt „stolz auf sein Land" zu sein, sondern im aktiven Einsatz die funktionierende Demokratie am Leben zu erhalten.
Dennoch - auch wenn die Dramaturgie nicht vom Hocker reißt, das Ende eher Antiklimax ist, die Ähnlichkeiten von der restaurativen Adenauer-Zeit zu Merkels bleierner Berliner-Republik sind frappant. Bis zum Schlüsselsatz „Wenn wir etwas für unser Land tun wollen, müssen wir es verraten." Da ist die Geschichte dann zumindest rund und hochaktuell. (Der Film kommt am 1. Oktober in die Kinos.)
Die Reaktionen der Presse waren zumindest nicht so vernichtend, wie beim Eröffnungsfilm, Jonathan Demmes' großer Enttäuschung „Ricki and the Flash" („Ricki – Wie Familie so ist", Start 3. September). Meryl Streep ist als alternde Rockerin und reuige Mutter völlig fehlbesetzt, Demme liefert nach großartige Neil Young-Filmen und dem legendären „Stop Making Sense" seinen schlechtesten Musikfilm ab und Autorin Diablo Cody verspielt ihren guten Ruf von „Juno" endgültig. Meryl Streep und das ganze Team blieben der Werbeveranstaltung wohlweislich fern. Dafür eröffnete Edward Norton den Promi- und Preisreigen, indem er sich auf der Bühne artig für den Schweiz-Urlaub für ihn und seine Familie bedankte. Aus diesem See von Fettnäpfchen wird das Traditons-Festival hoffentlich der Wettbewerb retten.
Bis am 15. August werden in Locarno 179 Langzeitfilme und 87 Kurzfilme aus 51 Ländern gezeigt. Im offiziellen Wettbewerb um den Goldenen Leoparden gibt es bei einer Handvoll bekannter Namen keinen deutschen Starter. Überhaupt gibt es deutsche Produktionen bis auf „Der Staat gegen Fritz Bauer" nur in Nebensektionen.
5.8.15
True Story
USA 2015 Regie: Rupert Goold mit Jonah Hill, James Franco, Felicity Jones 100 Min. FSK: ab 12
Ein Journalist ist besessen von der Geschichte eines kaltblütigen Mordes und stürzt sich in die Recherche. Das Ergebnis ist ein exzellentes, berühmtes Buch und dann ein Film über diesen Autor und seine Beschäftigung mit den Morden. Das hätte „True Story" nach einer wahren Geschichte von Michael Finkel werden wollen, aber leider reicht die wahre Geschichte „True Story" nur in einer Dimension heran an „Kaltblütig" (In cold blood) von Truman Capote sowie die Verfilmung „Capote" von Bennett Miller mit Philip Seymour Hoffman als Capote.
Diesmal spielt der eher als Komödiant bekannte Jonah Hill den erfolgreichen New York Times-Autor Michael Finkel. Gerade als dieser für eine journalistisch unkorrekte Geschichte über ausgebeutete Arbeiter in Afrika seinen guten Namen verliert, benutzt ein Kindermörder den während seiner Flucht. Auch in der Haft lockt Christian Longo (James Franco) den mittlerweile arbeitslosen Finkel. Der will nicht nur hören, „wie es ist, ich zu sein", er wittert auch ein Comeback in der Geschichte des Mannes, dem vorgeworfen wird, seine Frau und seine drei Kinder ermordet zu haben. Ein Pakt wird geschlossen, in dem Finkel vorerst Verschwiegenheit und dazu Schreibunterricht verspricht.
Dafür bekommt er direkt einen ganzen Packen handgeschriebener Seiten, eine komplette Biografie samt expressiver Bleistift-Zeichnungen und Daumenkinos. Erst spät fällt zuerst Finkels Freundin auf, dass Longo in einem erschreckenden Maße die Arbeiten Finkels kennt, dessen Handschrift und sogar Krakel am Seitenrand imitiert. Der Mörder manipuliert souverän den erstaunlich naiven Journalisten.
„True Story" bietet eine ungewöhnliche Paarung aus dem Komiker Jonah Hill („21 Jump Street") und dem Alleskönner James Franco. Daran liegt es nicht, dass dies über einige Strecken packende Psycho-Duell letztlich unbefriedigt lässt. Zwar ist es nie ein gleichberechtigter Kampf, Finkel ist zu arg- und wehrlos. Doch im Ansatz verfolgt man das Geben und Nehmen dank gutem Spiel interessiert. Auch lange musikalische Sequenzen und der Verzicht auf viel Gerichts-Gerede sind positiv. Dass dies alles mit der späten Erkenntnis des Manipulierten wie eine Seifenblase zerplatzt, ist aber zu wenig. Es muss nicht hoch spannend wie bei „Zwielicht" mit Richard Gere und Edward Norton ausgehen, doch etwas mehr Ausarbeitung und vielleicht eine Erklärung der Morde hätten dem Film gut getan. Schön immerhin die Pointe, dass Longo später für die New York Times schrieb - und Finkel nicht mehr.
Ein Journalist ist besessen von der Geschichte eines kaltblütigen Mordes und stürzt sich in die Recherche. Das Ergebnis ist ein exzellentes, berühmtes Buch und dann ein Film über diesen Autor und seine Beschäftigung mit den Morden. Das hätte „True Story" nach einer wahren Geschichte von Michael Finkel werden wollen, aber leider reicht die wahre Geschichte „True Story" nur in einer Dimension heran an „Kaltblütig" (In cold blood) von Truman Capote sowie die Verfilmung „Capote" von Bennett Miller mit Philip Seymour Hoffman als Capote.
Diesmal spielt der eher als Komödiant bekannte Jonah Hill den erfolgreichen New York Times-Autor Michael Finkel. Gerade als dieser für eine journalistisch unkorrekte Geschichte über ausgebeutete Arbeiter in Afrika seinen guten Namen verliert, benutzt ein Kindermörder den während seiner Flucht. Auch in der Haft lockt Christian Longo (James Franco) den mittlerweile arbeitslosen Finkel. Der will nicht nur hören, „wie es ist, ich zu sein", er wittert auch ein Comeback in der Geschichte des Mannes, dem vorgeworfen wird, seine Frau und seine drei Kinder ermordet zu haben. Ein Pakt wird geschlossen, in dem Finkel vorerst Verschwiegenheit und dazu Schreibunterricht verspricht.
Dafür bekommt er direkt einen ganzen Packen handgeschriebener Seiten, eine komplette Biografie samt expressiver Bleistift-Zeichnungen und Daumenkinos. Erst spät fällt zuerst Finkels Freundin auf, dass Longo in einem erschreckenden Maße die Arbeiten Finkels kennt, dessen Handschrift und sogar Krakel am Seitenrand imitiert. Der Mörder manipuliert souverän den erstaunlich naiven Journalisten.
„True Story" bietet eine ungewöhnliche Paarung aus dem Komiker Jonah Hill („21 Jump Street") und dem Alleskönner James Franco. Daran liegt es nicht, dass dies über einige Strecken packende Psycho-Duell letztlich unbefriedigt lässt. Zwar ist es nie ein gleichberechtigter Kampf, Finkel ist zu arg- und wehrlos. Doch im Ansatz verfolgt man das Geben und Nehmen dank gutem Spiel interessiert. Auch lange musikalische Sequenzen und der Verzicht auf viel Gerichts-Gerede sind positiv. Dass dies alles mit der späten Erkenntnis des Manipulierten wie eine Seifenblase zerplatzt, ist aber zu wenig. Es muss nicht hoch spannend wie bei „Zwielicht" mit Richard Gere und Edward Norton ausgehen, doch etwas mehr Ausarbeitung und vielleicht eine Erklärung der Morde hätten dem Film gut getan. Schön immerhin die Pointe, dass Longo später für die New York Times schrieb - und Finkel nicht mehr.
4.8.15
Learning To Drive
USA 2014 Regie: Isabel Coixet mit Patricia Clarkson (Wendy), Ben Kingsley (Darwan), Grace Gummer 90 Min. FSK: ab 0
Die großartige katalanische Regisseurin Isabel Coixet drehte „Mein Leben ohne mich" (2003), „Das geheime Leben der Worte" (2005) und nach „Elegy oder die Kunst zu lieben" (2008) selbstverständlich wieder einen Frauenfilm und Ben Kingsley gibt nach „Gandhi" wieder den Inder. Obwohl, hier fängt das genauere Hinsehen schon an: Kingsley spielt einen Sikh, der als Taxifahrer in New York das Ende einer Ehe miterlebt. Diesmal ist es keine Flause, diesmal verlässt Ted nach 21 Jahren Ehe wirklich die ältere Literaturkritikerin Wendy (Patricia Clarkson). Bei der Aufregung wird ein Manuskript im Taxi vergessen, der freundliche Fahrer Darwan bringt es vorbei und zufällig bietet er auch Fahrstunden an, was die verzweifelt Sitzengelassene genau jetzt braucht, denn die Tochter Tasha begeistert sich neuerdings am ihrem organischen Farmleben außerhalb der Stadt.
Nun ist der Navi dieser Begegnungen im Fahrschulauto nicht auf romantischen Kollisionskurs eingestellt, das wäre zu banal. Wendy und Darwan lernen sich reichlich kennen, stammen sie doch aus ganz unterschiedlichen Welten: Die bekannte Literaturkritikerin ist in intellektuellen Kreisen zu Hause, weiß aber dort als einzige nicht, dass die bejubelte junge Autorin die neue Geliebte ihres Mannes ist. Darwan musste nach seiner politischen Verhaftung und der Ermordung seines Bruders aus Indien fliehen und erhielt politisches Asyl in den USA. Zurück kann er nun nicht mehr, Kontakt mit der Familie hält er per Video-Chat. So soll ihm auch ganz traditionell eine Frau vermittelt werden.
Sie spricht es einmal selbst an, die aufgeklärte, selbständige und moderne Frau: Ich habe alles und liege am Boden. Der immer ruhige und religiöse Mann nickt wieder einmal nur ein wenig mit dem Kopf. Ja, diese Fahrstunden sind auch Lektionen in Lebens-Philosophie und fast Meditation für schwierige Fälle. Man fühlt sich bis ins Kino in sicheren Händen.
So lernt Wendy nicht nur, mit den typischen rasenden und hupenden Idioten fertig zu werden, oder die in New York sehr hinderliche Angst vor Brücken zu überwinden, mit dem Führerschein gewinnt sich auch die Hoffnung wieder. Drumherum erzählt der Turban tragende Darwan von der rassistischen Verfolgung als „Osama", werden seine illegalen Mitbewohner verhaftet und die arrangierte Braut zieht hilflos in die Kellerwohnung.
Der Kern von „Learning to drive" ist jedoch diese schöne, ungewöhnliche Freundschaft. Damit gelang Isabel Coixet ein unaufgeregter, ernsthafter und doch leichter Film. Was ihrer Regie, der Vorlage der amerikanischen Kulturkritikerin Katha Pollitt („Learning to Drive: And Other Life Stories"), dem Schnitt von Scorseses langjähriger Cutterin Thelma Schoonmaker und dem Spiel von Ben Kingsley zu verdanken ist. Die leichte devote, auf jeden Fall zurückhaltende Körperhaltung und der typische indische Dialekt könnten bei jemand anderem zur Karikatur werden. Beim Oscarpreisträger, der schon bei „Elegy" mit Coixet zusammen arbeitete, entsteht eine faszinierende Figur mit Stärke in der Bescheidenheit und Schwächen auf unerwarteten Feldern. Ein reizvoller, reifer Film unter den vielen Taxi-Filmen („Taxi Teheran", „Taxi"), die zur Zeit ins Kino drängen.
Die großartige katalanische Regisseurin Isabel Coixet drehte „Mein Leben ohne mich" (2003), „Das geheime Leben der Worte" (2005) und nach „Elegy oder die Kunst zu lieben" (2008) selbstverständlich wieder einen Frauenfilm und Ben Kingsley gibt nach „Gandhi" wieder den Inder. Obwohl, hier fängt das genauere Hinsehen schon an: Kingsley spielt einen Sikh, der als Taxifahrer in New York das Ende einer Ehe miterlebt. Diesmal ist es keine Flause, diesmal verlässt Ted nach 21 Jahren Ehe wirklich die ältere Literaturkritikerin Wendy (Patricia Clarkson). Bei der Aufregung wird ein Manuskript im Taxi vergessen, der freundliche Fahrer Darwan bringt es vorbei und zufällig bietet er auch Fahrstunden an, was die verzweifelt Sitzengelassene genau jetzt braucht, denn die Tochter Tasha begeistert sich neuerdings am ihrem organischen Farmleben außerhalb der Stadt.
Nun ist der Navi dieser Begegnungen im Fahrschulauto nicht auf romantischen Kollisionskurs eingestellt, das wäre zu banal. Wendy und Darwan lernen sich reichlich kennen, stammen sie doch aus ganz unterschiedlichen Welten: Die bekannte Literaturkritikerin ist in intellektuellen Kreisen zu Hause, weiß aber dort als einzige nicht, dass die bejubelte junge Autorin die neue Geliebte ihres Mannes ist. Darwan musste nach seiner politischen Verhaftung und der Ermordung seines Bruders aus Indien fliehen und erhielt politisches Asyl in den USA. Zurück kann er nun nicht mehr, Kontakt mit der Familie hält er per Video-Chat. So soll ihm auch ganz traditionell eine Frau vermittelt werden.
Sie spricht es einmal selbst an, die aufgeklärte, selbständige und moderne Frau: Ich habe alles und liege am Boden. Der immer ruhige und religiöse Mann nickt wieder einmal nur ein wenig mit dem Kopf. Ja, diese Fahrstunden sind auch Lektionen in Lebens-Philosophie und fast Meditation für schwierige Fälle. Man fühlt sich bis ins Kino in sicheren Händen.
So lernt Wendy nicht nur, mit den typischen rasenden und hupenden Idioten fertig zu werden, oder die in New York sehr hinderliche Angst vor Brücken zu überwinden, mit dem Führerschein gewinnt sich auch die Hoffnung wieder. Drumherum erzählt der Turban tragende Darwan von der rassistischen Verfolgung als „Osama", werden seine illegalen Mitbewohner verhaftet und die arrangierte Braut zieht hilflos in die Kellerwohnung.
Der Kern von „Learning to drive" ist jedoch diese schöne, ungewöhnliche Freundschaft. Damit gelang Isabel Coixet ein unaufgeregter, ernsthafter und doch leichter Film. Was ihrer Regie, der Vorlage der amerikanischen Kulturkritikerin Katha Pollitt („Learning to Drive: And Other Life Stories"), dem Schnitt von Scorseses langjähriger Cutterin Thelma Schoonmaker und dem Spiel von Ben Kingsley zu verdanken ist. Die leichte devote, auf jeden Fall zurückhaltende Körperhaltung und der typische indische Dialekt könnten bei jemand anderem zur Karikatur werden. Beim Oscarpreisträger, der schon bei „Elegy" mit Coixet zusammen arbeitete, entsteht eine faszinierende Figur mit Stärke in der Bescheidenheit und Schwächen auf unerwarteten Feldern. Ein reizvoller, reifer Film unter den vielen Taxi-Filmen („Taxi Teheran", „Taxi"), die zur Zeit ins Kino drängen.
3.8.15
Mission: Impossible - Rogue Nation
USA 2015 Regie: Christopher McQuarrie mit Tom Cruise, Jeremy Renner, Simon Pegg, Rebecca Ferguson 131 Min.
Selten war es so einfach, mit nur einer Melodie (von Lalo Schifrin) Atmosphäre und eventuelle Begeisterung zu „Mission Impossible" abzurufen. So wie mit den Trompeten von John Williams aus „Star Wars" oder dem minimalen Syntheziser Brad Fiedels zu „Terminator". Doch mit jeder neuen Ausgabe der Agenten-Action muss auch die Schraube der Attraktionen weiter angedreht werden. So hängt Tom Cruise als Agent Ethan Hunt gleich am Anfang des fünften Films „Mission Impossible: Rogue Nation" direkt wieder in der Luft. Eine Waffenladung darf nicht entfleuchen und so hängt Hunt sich außen an einen startenden Militärtransporter. Dieser eher komische Teaser kommt nie am Boden an, die eigentliche Handlung richtet dann eine junge Agentin vor den Augen Hunts hin. Fortan jagt Hunt den dämonischen Gegner Solomon Lane, Chef vom mysteriösen „Syndikat". Das drückt mit Stippvisite in Havanna, einem Opern-Besuch in Wien und Wasserröhren-Tauchen und Kasbah-Verfolgung auf Motorrädern in Casablanca wieder die Hyperaktivität der Reiseabteilung aus, die wichtiger scheint als eine sinnig packende Abfolge der Geschichte.
Als Dreingabe gibt es die, für „Mission Impossible" schon seit den Urzeiten der TV-Serie unerlässlichen, technischen Gimmicks und - diesmal eher lästig - ein obligatorischer Masken-Einsatz. Bemerkenswert ist nicht eine schwindelnd hohe Szene wie in „Mission: Impossible – Phantom Protokoll" an einem Wohnturm in Dubai sondern das Hohe C aus „Turandot" bei dem der Kanzler Österreichs erschossen werden soll. Mit spannend choreografierter Trapez-Action in der Oper gedenkt „MI 5" Hitchcocks „Der Mann, der zuviel wusste". Das Libretto „Turandot" spiegelt das Geheimnis um die geheime Doppelagentin Ilsa, von Rebecca Ferguson reizvoll gespielt.
Wenn man „Mission: Impossible - Rogue Nation" nicht wegen der Scientology-Mitgliedchaft von Tom Cruise ablehnt, dann vielleicht wegen mäßigen Schauspiels. Der fünfte neue Spielfilm ist - obwohl produziert von Cruise selbst - mehr Team als Tom. Simon Pegg, der Komiker der Cornetto-Trilogie, gibt den komischen Schreibtisch-Agenten, der im Außeneinsatz Angst erfahren darf. Ving Rhames den stoischen und treuen Freund Luther Stickell und Jeremy Renner den IMF-Chef William Brandt, der sich gegen die eifersüchtige CIA bewähren muss.
Das ist wieder mal so ein IMF-Auftrag, der routiniert erledigt wird, aber blöderweise hat „Kingsman" vor ein paar Monaten die Latte sehr hoch gelegt. Wenn dann Cruise nicht mehr der Knaller, sondern oft nur Randfigur ist, wenn dauernd jemand die Maske von Cruise zu tragen scheint, dann kann man diese selten aufgeregte Wiederholung schnell vergessen.
Selten war es so einfach, mit nur einer Melodie (von Lalo Schifrin) Atmosphäre und eventuelle Begeisterung zu „Mission Impossible" abzurufen. So wie mit den Trompeten von John Williams aus „Star Wars" oder dem minimalen Syntheziser Brad Fiedels zu „Terminator". Doch mit jeder neuen Ausgabe der Agenten-Action muss auch die Schraube der Attraktionen weiter angedreht werden. So hängt Tom Cruise als Agent Ethan Hunt gleich am Anfang des fünften Films „Mission Impossible: Rogue Nation" direkt wieder in der Luft. Eine Waffenladung darf nicht entfleuchen und so hängt Hunt sich außen an einen startenden Militärtransporter. Dieser eher komische Teaser kommt nie am Boden an, die eigentliche Handlung richtet dann eine junge Agentin vor den Augen Hunts hin. Fortan jagt Hunt den dämonischen Gegner Solomon Lane, Chef vom mysteriösen „Syndikat". Das drückt mit Stippvisite in Havanna, einem Opern-Besuch in Wien und Wasserröhren-Tauchen und Kasbah-Verfolgung auf Motorrädern in Casablanca wieder die Hyperaktivität der Reiseabteilung aus, die wichtiger scheint als eine sinnig packende Abfolge der Geschichte.
Als Dreingabe gibt es die, für „Mission Impossible" schon seit den Urzeiten der TV-Serie unerlässlichen, technischen Gimmicks und - diesmal eher lästig - ein obligatorischer Masken-Einsatz. Bemerkenswert ist nicht eine schwindelnd hohe Szene wie in „Mission: Impossible – Phantom Protokoll" an einem Wohnturm in Dubai sondern das Hohe C aus „Turandot" bei dem der Kanzler Österreichs erschossen werden soll. Mit spannend choreografierter Trapez-Action in der Oper gedenkt „MI 5" Hitchcocks „Der Mann, der zuviel wusste". Das Libretto „Turandot" spiegelt das Geheimnis um die geheime Doppelagentin Ilsa, von Rebecca Ferguson reizvoll gespielt.
Wenn man „Mission: Impossible - Rogue Nation" nicht wegen der Scientology-Mitgliedchaft von Tom Cruise ablehnt, dann vielleicht wegen mäßigen Schauspiels. Der fünfte neue Spielfilm ist - obwohl produziert von Cruise selbst - mehr Team als Tom. Simon Pegg, der Komiker der Cornetto-Trilogie, gibt den komischen Schreibtisch-Agenten, der im Außeneinsatz Angst erfahren darf. Ving Rhames den stoischen und treuen Freund Luther Stickell und Jeremy Renner den IMF-Chef William Brandt, der sich gegen die eifersüchtige CIA bewähren muss.
Das ist wieder mal so ein IMF-Auftrag, der routiniert erledigt wird, aber blöderweise hat „Kingsman" vor ein paar Monaten die Latte sehr hoch gelegt. Wenn dann Cruise nicht mehr der Knaller, sondern oft nur Randfigur ist, wenn dauernd jemand die Maske von Cruise zu tragen scheint, dann kann man diese selten aufgeregte Wiederholung schnell vergessen.
About A Girl
BRD 2014 Regie: Mark Monheim mit Jasna Fritzi Bauer, Heike Makatsch, Aurel Manthei, Simon Schwarz 106 Min. FSK: ab 12
Ist es dieses allgemeine Leiden, das sich Pubertät nennt, oder ein spezieller Lebensüberdruss, der die 15-jährige Charleen (Jasna Fritzi Bauer) in die Wanne treibt? Dort steht sie mit den Füßen im Wasser, den Föhn schon in der Hand ... als sie eigentlich doch nicht mehr nicht mehr will. Dazu ruft die beste Freundin endlich an, aber zu spät: Ein blöder Ausrutscher mit Kopfverletzung und Rettungswagen bringt Charleen reichlich Erklärungsnot für die nächsten Wochen ein.
Wie erklärt man der besorgten Mutter (Heike Makatsch), deren veganen Biolehrer-Freund (Simon Schwarz), dem Papa, der nach Jahren besorgt noch mal auftaucht, und allen anderen, dass eigentlich schon gar kein Selbstmord mehr geplant war? Es aber andererseits es auch irgendwie egal ist...
Es ist recht schwierig, so einen misslungenen grundlosen Selbstmord zu erklären - auch für die deutsche Jugendbefindlichkeits-Komödie „ About A Girl" - nicht im geringsten verwandt oder verschwägert mit Nick Hornby. Selbst wenn die Dialoge ganz gut und fast flott daherkommen, reicht das nicht. Vor allem kennt man nicht nur Cobain und Winehouse von der Posterwand, auch all die Versatzstücke der Geschichte sind mehr als vertraut: Klar, das Praktikum im Bestattungsinstitut und die Polaroids toter Tiere sollen komisch morbide wirken. Aber weder Todessehnsucht noch neu erwachte Lebensfreude wegen erster Liebe (mit Emo-Geklampfe der Tonspur) sind überzeugend, weder Freundschaft noch Streit mit der blonden, oberweiten-fixierten Freundin glaubhaft. Da steht man selbst im (Kunst-) Regen, der Charleen immer überfällt.
Irgendwie gab es solche Geschichten schon öfters und viel besser. Vom poetisch morbiden „Harold and Maude" bis zuletzt Gus van Sants „Restless". Und selbst die geklaute gute Idee wurde nicht überzeugend ausgeführt. Jasna Fritzi Bauer könnte vielleicht sogar besser spielen, Heike Makatsch kreiselt als Mama im Chaos der Ebay-Verkäufe und Psychoprobleme herum und hin auf die große Ich-liebe-meine-Tochter-Rede vor der klischeehaften Jugendamt-Zicke. Nein, diese Familie hat nicht wirklich Probleme - dafür aber und deshalb der höchstens nette Jugendfilm.
Ist es dieses allgemeine Leiden, das sich Pubertät nennt, oder ein spezieller Lebensüberdruss, der die 15-jährige Charleen (Jasna Fritzi Bauer) in die Wanne treibt? Dort steht sie mit den Füßen im Wasser, den Föhn schon in der Hand ... als sie eigentlich doch nicht mehr nicht mehr will. Dazu ruft die beste Freundin endlich an, aber zu spät: Ein blöder Ausrutscher mit Kopfverletzung und Rettungswagen bringt Charleen reichlich Erklärungsnot für die nächsten Wochen ein.
Wie erklärt man der besorgten Mutter (Heike Makatsch), deren veganen Biolehrer-Freund (Simon Schwarz), dem Papa, der nach Jahren besorgt noch mal auftaucht, und allen anderen, dass eigentlich schon gar kein Selbstmord mehr geplant war? Es aber andererseits es auch irgendwie egal ist...
Es ist recht schwierig, so einen misslungenen grundlosen Selbstmord zu erklären - auch für die deutsche Jugendbefindlichkeits-Komödie „ About A Girl" - nicht im geringsten verwandt oder verschwägert mit Nick Hornby. Selbst wenn die Dialoge ganz gut und fast flott daherkommen, reicht das nicht. Vor allem kennt man nicht nur Cobain und Winehouse von der Posterwand, auch all die Versatzstücke der Geschichte sind mehr als vertraut: Klar, das Praktikum im Bestattungsinstitut und die Polaroids toter Tiere sollen komisch morbide wirken. Aber weder Todessehnsucht noch neu erwachte Lebensfreude wegen erster Liebe (mit Emo-Geklampfe der Tonspur) sind überzeugend, weder Freundschaft noch Streit mit der blonden, oberweiten-fixierten Freundin glaubhaft. Da steht man selbst im (Kunst-) Regen, der Charleen immer überfällt.
Irgendwie gab es solche Geschichten schon öfters und viel besser. Vom poetisch morbiden „Harold and Maude" bis zuletzt Gus van Sants „Restless". Und selbst die geklaute gute Idee wurde nicht überzeugend ausgeführt. Jasna Fritzi Bauer könnte vielleicht sogar besser spielen, Heike Makatsch kreiselt als Mama im Chaos der Ebay-Verkäufe und Psychoprobleme herum und hin auf die große Ich-liebe-meine-Tochter-Rede vor der klischeehaften Jugendamt-Zicke. Nein, diese Familie hat nicht wirklich Probleme - dafür aber und deshalb der höchstens nette Jugendfilm.
28.7.15
Still the Water
Japan, Frankreich, Spanien 2014 (Futatsume no mado) Regie: Naomi Kawase mit Nijirô Murakami, Jun Yoshinaga 121 Min. FSK: ab 6
Die Japanerin Naomi Kawase gehört zu den ganz großen Poetinnen des internationalen Festivalkinos. Bereits für ihr Debüt „Moe no suzaku" erhielt sie 1997 in Cannes die „Caméra d'Or" und dann 2007 den Großen Preis der Jury für „Mogari No Mori - Der Wald der Trauer". Nun erzählt sie in „Still the Water" die Geschichte der zärtlichen aber schwierigen Annäherung zweier junger Menschen und ihrer Familiendramen.
Kyoko stürzt sich immer direkt mit der Schuluniform ins geliebte Meer. Kaito hat hingegen Angst und Respekt. Sie fahren gemeinsam zur Schule und sehr vertraut zusammen auf seinem Rad durch den Ort, an der Küste entlang. Dann ein verwegener Kuss von ihr, das Gespräch vorher auf Sex gebracht, weil das ja so sei, wie mit dem Wasser vereinigt zu sein. Doch der introvertierte Kaito kommt nicht über die Trennung seiner Eltern hinweg. Seine Freundin Kyoko muss sich mit dem nahenden Tod ihrer schwer kranken Mutter auseinandersetzen. Kyoko muss ihrerseits mit dem Abschied von der schwer kranken Mutter fertigwerden.
Trotz dieser Dramen verbreitet „Still the Water" immer wieder herrliches Sommergefühl, angereichert mit schönen Einblicken in das Leben an der japanischen Küste. Dies ist ein Muss von Film, schon allein wegen der wunderbaren Wasser-Aufnahmen. Hier sprechen Pflanzen, Landschaften und Panoramen ebenso zur Kamera wie die Figuren. Das weltweit gefeierte Meisterwerk ist vielfältig faszinierend wie kaum andere Filme. Dabei gleichzeitig dicht und ruhig.
Die Japanerin Naomi Kawase gehört zu den ganz großen Poetinnen des internationalen Festivalkinos. Bereits für ihr Debüt „Moe no suzaku" erhielt sie 1997 in Cannes die „Caméra d'Or" und dann 2007 den Großen Preis der Jury für „Mogari No Mori - Der Wald der Trauer". Nun erzählt sie in „Still the Water" die Geschichte der zärtlichen aber schwierigen Annäherung zweier junger Menschen und ihrer Familiendramen.
Kyoko stürzt sich immer direkt mit der Schuluniform ins geliebte Meer. Kaito hat hingegen Angst und Respekt. Sie fahren gemeinsam zur Schule und sehr vertraut zusammen auf seinem Rad durch den Ort, an der Küste entlang. Dann ein verwegener Kuss von ihr, das Gespräch vorher auf Sex gebracht, weil das ja so sei, wie mit dem Wasser vereinigt zu sein. Doch der introvertierte Kaito kommt nicht über die Trennung seiner Eltern hinweg. Seine Freundin Kyoko muss sich mit dem nahenden Tod ihrer schwer kranken Mutter auseinandersetzen. Kyoko muss ihrerseits mit dem Abschied von der schwer kranken Mutter fertigwerden.
Trotz dieser Dramen verbreitet „Still the Water" immer wieder herrliches Sommergefühl, angereichert mit schönen Einblicken in das Leben an der japanischen Küste. Dies ist ein Muss von Film, schon allein wegen der wunderbaren Wasser-Aufnahmen. Hier sprechen Pflanzen, Landschaften und Panoramen ebenso zur Kamera wie die Figuren. Das weltweit gefeierte Meisterwerk ist vielfältig faszinierend wie kaum andere Filme. Dabei gleichzeitig dicht und ruhig.
27.7.15
Gefühlt Mitte Zwanzig
USA 2014 (While we're young) Regie: Noah Baumbach mit Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver, Amanda Seyfried 98 Min. FSK: ab 0
Der Dokumentarfilmer Josh (Ben Stiller) und seine Frau Cornelia (Naomi Watts) genießen als 40-Jährige ihr kinderloses Leben in New York bis sie Jamie (Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried) kennen lernen. Das Paar ist Mitte Zwanzig, er junger, ziemlich affektierter Dokumentarfilmer, sie macht Eis-Creme. Die Begegnung wirkt wie eine Frischzellenkur für Josh und Cornelia: Während die alten Freunde auf infantilen Kinderbelustigen veröden, landet sie bei einem fortgeschrittenen HipHop-Kurs. Josh besorgt sich ein Fahrrad und Hipster-Hut, was der Film gleich für noch ein Godard-Zitat nutzt.
Die Vierziger sind selbstzufrieden und auch ohne finanziell erfolgreiche Projekte arriviert. Streicheln ihre Elektrogeräte, werfen mit hochgestochenen Theorien und Vorhaben um sich. Dagegen leben die jungen Hipster voll retro in ihrer analogen Wohnung mit Videos, Schallplatten und Büchern. Sie gogglen nicht gleich alles - „das wäre zu einfach".
Völlig begeistert von dem 25 Jahre jüngeren Pärchen, machen die Senioren abends plötzlich wieder was und dann auch noch was Zweites. Jamie will Josh als Ko-Regisseur für sein Projekt, Facebook vor der Kamera real zu machen, also wirklich mit den Leuten zu reden, die einen die Freundschaft antragen. Der erste, der ihn kontaktiert, ist ein Veteran, der nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie landete. Doch Josh erweist sich, während er seinen älteren Ko-Regisseur als Stichwortgeber inszeniert, als sehr manipulatives, rücksichtslos berechnendes Bürschchen, ebenso ein- wie ausnehmend.
Nach „Frances Ha" glaubte man, der spezielle federleichte Blick Baumbachs würde dank der Hauptdarstellerin Greta Gerwig so großartig funktionieren. Doch Baumbach gelingt die gleiche, wunderbare Leichtigkeit auch mit einer älteren Generation. Denn nach viel herzerfrischendem Spaß und einer bemerkenswerten Diskussion über die Ethik des Dokumentarfilms erweist sich „Gefühlt Mitte Zwanzig" doch wieder als weiterer Schritt des Erwachsenwerdens.
Mit der speziellen Note, dass mit Ben Stiller und Naomi Watts zwei sehr bekannte Schauspieler völlig aus der Rolle fallen. Sie machen sich lächerlich, aber das völlig glaubhaft. Selbst während einer drogenunterstützten Meditationssitzung, bei der sie sich zu der Vangelis-Melodie von „Blade Runner" wortwörtlich auskotzen und dann noch etwas aussprechen. Dazwischen immer Gedanken und Diskussionen über Freiheit der Kunst, Förderung vom Staat oder vom berühmten Schwiegervater. Tatsächlich muss man hier die Formulierung aufgreifen, dass Regisseur Noah Baumbach („Der Tintenfisch und der Wal", „Margot und die Hochzeit", „Greenberg") der „Woody Allen für eine neue Generation" ist. Allerdings ist er in seiner leichten, beglückenden Stimmung doch ganz anders und deshalb unbedingt zu entdecken und zu erleben.
Der Dokumentarfilmer Josh (Ben Stiller) und seine Frau Cornelia (Naomi Watts) genießen als 40-Jährige ihr kinderloses Leben in New York bis sie Jamie (Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried) kennen lernen. Das Paar ist Mitte Zwanzig, er junger, ziemlich affektierter Dokumentarfilmer, sie macht Eis-Creme. Die Begegnung wirkt wie eine Frischzellenkur für Josh und Cornelia: Während die alten Freunde auf infantilen Kinderbelustigen veröden, landet sie bei einem fortgeschrittenen HipHop-Kurs. Josh besorgt sich ein Fahrrad und Hipster-Hut, was der Film gleich für noch ein Godard-Zitat nutzt.
Die Vierziger sind selbstzufrieden und auch ohne finanziell erfolgreiche Projekte arriviert. Streicheln ihre Elektrogeräte, werfen mit hochgestochenen Theorien und Vorhaben um sich. Dagegen leben die jungen Hipster voll retro in ihrer analogen Wohnung mit Videos, Schallplatten und Büchern. Sie gogglen nicht gleich alles - „das wäre zu einfach".
Völlig begeistert von dem 25 Jahre jüngeren Pärchen, machen die Senioren abends plötzlich wieder was und dann auch noch was Zweites. Jamie will Josh als Ko-Regisseur für sein Projekt, Facebook vor der Kamera real zu machen, also wirklich mit den Leuten zu reden, die einen die Freundschaft antragen. Der erste, der ihn kontaktiert, ist ein Veteran, der nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie landete. Doch Josh erweist sich, während er seinen älteren Ko-Regisseur als Stichwortgeber inszeniert, als sehr manipulatives, rücksichtslos berechnendes Bürschchen, ebenso ein- wie ausnehmend.
Nach „Frances Ha" glaubte man, der spezielle federleichte Blick Baumbachs würde dank der Hauptdarstellerin Greta Gerwig so großartig funktionieren. Doch Baumbach gelingt die gleiche, wunderbare Leichtigkeit auch mit einer älteren Generation. Denn nach viel herzerfrischendem Spaß und einer bemerkenswerten Diskussion über die Ethik des Dokumentarfilms erweist sich „Gefühlt Mitte Zwanzig" doch wieder als weiterer Schritt des Erwachsenwerdens.
Mit der speziellen Note, dass mit Ben Stiller und Naomi Watts zwei sehr bekannte Schauspieler völlig aus der Rolle fallen. Sie machen sich lächerlich, aber das völlig glaubhaft. Selbst während einer drogenunterstützten Meditationssitzung, bei der sie sich zu der Vangelis-Melodie von „Blade Runner" wortwörtlich auskotzen und dann noch etwas aussprechen. Dazwischen immer Gedanken und Diskussionen über Freiheit der Kunst, Förderung vom Staat oder vom berühmten Schwiegervater. Tatsächlich muss man hier die Formulierung aufgreifen, dass Regisseur Noah Baumbach („Der Tintenfisch und der Wal", „Margot und die Hochzeit", „Greenberg") der „Woody Allen für eine neue Generation" ist. Allerdings ist er in seiner leichten, beglückenden Stimmung doch ganz anders und deshalb unbedingt zu entdecken und zu erleben.
Die getäuschte Frau
Niederlande, BRD, Belgien 2015 (Zurich) Regie: Sacha Polak mit Wende Snijders, Sascha Alexander Geršak, Barry Atsma 89 Min.
Da steht eine Frau neben ihrem halb in einem Kanal gestrandeten Auto. Und auf der Straße lauert ein Gepard! Was für ein atemberaubender Start für Sacha Polaks Nachfolger von „Hemel"! Protagonistin ist diesmal Nina, eine spröde und verschlossene, verlorene Frau, die sich auf Rastplätzen rumtreibt und unvermittelt Nähe sucht. Allmählich verrät der Film die Trauer hinter ihrem Verhalten: Ninas Mann, ein LKW-Fahrer, hatte einen tödlichen Unfall. Später stellt die Trauernde fest, dass er noch eine zweite Familie hatte.
„Die getäuschte Frau" ist wieder ein Film, der seinen Zuschauern durchaus etwas zutraut. Hier wird nicht alles bis ins letzte Detail erklärt, vielmehr versteht sich der Zustand von Nina über Handlung, Schnitte und Bildatmosphäre. Während „Hemel" noch mit seiner elliptischen Inszenierung packen konnte, wirkt diesmal die Konstruktion mit Vor- und Rückblende um ein extrem tragisches Ereignis.
Da steht eine Frau neben ihrem halb in einem Kanal gestrandeten Auto. Und auf der Straße lauert ein Gepard! Was für ein atemberaubender Start für Sacha Polaks Nachfolger von „Hemel"! Protagonistin ist diesmal Nina, eine spröde und verschlossene, verlorene Frau, die sich auf Rastplätzen rumtreibt und unvermittelt Nähe sucht. Allmählich verrät der Film die Trauer hinter ihrem Verhalten: Ninas Mann, ein LKW-Fahrer, hatte einen tödlichen Unfall. Später stellt die Trauernde fest, dass er noch eine zweite Familie hatte.
„Die getäuschte Frau" ist wieder ein Film, der seinen Zuschauern durchaus etwas zutraut. Hier wird nicht alles bis ins letzte Detail erklärt, vielmehr versteht sich der Zustand von Nina über Handlung, Schnitte und Bildatmosphäre. Während „Hemel" noch mit seiner elliptischen Inszenierung packen konnte, wirkt diesmal die Konstruktion mit Vor- und Rückblende um ein extrem tragisches Ereignis.
The Vatican Tapes
USA 2015 Regie: Mark Neveldine mit Olivia Dudley, Michael Peña, Dougray Scott, John Patrick Amedori 91 Min. FSK: ab 16
Nicht dass hier jemand an „DaVinci Code" oder ähnlich Spannendes aus den Archiven unterm Heiligen Stuhl denkt: Die „Vatican Tapes" bezeichnen nur billiges Klebeband, mit dem diese Exorzismus- und Horror-Versatzstücke mehr schlecht als recht zusammengeflickt wurden. Das sehr mäßige Filmchen verschreckt zwar schon in den ersten Minuten, um daraufhin lange zu langweilen, während sich unerklärlich irgendein Satan in der jungen Angela (Olivia Dudley) bemerkbar macht. Düstere Veränderungen im Spiegelbild, komische Stimmen auf der Tonspur, eine Attacke aus „Die Vögel". Kein Geheimnis, keine Überraschung, keine Ideen. Ob der Teufel uns wohl mit öden Filmen quälen will? Ab und zu schneidet man Videoaufnahmen dazwischen, die dem Ganzen aber weder mehr Sinn noch irgendwie Spannung geben.
Alles wissen nach fünf Minuten, dass ein Exorzist ran muss, doch der Film kapiert es erst nach einer Stunde. Dann Kopfdrehen im Ansatz, Verrenkungen und Untertitel wenn Angela (!) teuflisch im Originalton spricht. Das ist dann unfreiwillig sehr albern und wird nur noch so gerade von der Darstellerin Olivia Dudley gerettet: Sie ist mit dunkel geschminkten Augen nett dämonisch. Und reizvoll fies, wenn sie Babys umbringen will und ihre Psychiaterin entblößt. Doch hier wurde nicht nur der ewig gleiche Hexenzauber aufgewärmt, hier scheiterte jemand sogar beim simplen Nachmachen tausender Horror-Vorgänger.
Nicht dass hier jemand an „DaVinci Code" oder ähnlich Spannendes aus den Archiven unterm Heiligen Stuhl denkt: Die „Vatican Tapes" bezeichnen nur billiges Klebeband, mit dem diese Exorzismus- und Horror-Versatzstücke mehr schlecht als recht zusammengeflickt wurden. Das sehr mäßige Filmchen verschreckt zwar schon in den ersten Minuten, um daraufhin lange zu langweilen, während sich unerklärlich irgendein Satan in der jungen Angela (Olivia Dudley) bemerkbar macht. Düstere Veränderungen im Spiegelbild, komische Stimmen auf der Tonspur, eine Attacke aus „Die Vögel". Kein Geheimnis, keine Überraschung, keine Ideen. Ob der Teufel uns wohl mit öden Filmen quälen will? Ab und zu schneidet man Videoaufnahmen dazwischen, die dem Ganzen aber weder mehr Sinn noch irgendwie Spannung geben.
Alles wissen nach fünf Minuten, dass ein Exorzist ran muss, doch der Film kapiert es erst nach einer Stunde. Dann Kopfdrehen im Ansatz, Verrenkungen und Untertitel wenn Angela (!) teuflisch im Originalton spricht. Das ist dann unfreiwillig sehr albern und wird nur noch so gerade von der Darstellerin Olivia Dudley gerettet: Sie ist mit dunkel geschminkten Augen nett dämonisch. Und reizvoll fies, wenn sie Babys umbringen will und ihre Psychiaterin entblößt. Doch hier wurde nicht nur der ewig gleiche Hexenzauber aufgewärmt, hier scheiterte jemand sogar beim simplen Nachmachen tausender Horror-Vorgänger.
Slow West
Großbritannien, Neuseeland 2015 Regie: John Maclean mit Kodi Smit-McPhee, Michael Fassbender, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius 86 Min. FSK: ab 12
In den letzten Jahren ging der Western nicht nur weiter nach Westen, wie es sich gehört, er drang auch immer tiefer in düstere Regionen des Menschlichen vor. „Slow West" setzt diese moderne Tradition fort, wobei er seinen fesselnd ernüchternden Treck mit grandiosen und leuchtenden Bildern ausstattet.
Der Bürgerkrieg ist schon eine Weile vorüber, ehemalige Soldaten treiben sich herum und massakrieren verstreute Indianer. In einen derart wilden Westen kommt der wohlhabende 16-jährige Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee), Sohn aus gutem, schottischem Hause. Ausgestattet mit ungeladener Pistole, Kompass und Reiseführer will der gebildete, kleine Poet seine Jugendliebe Rose Ross (Caren Pistorius) wiederfinden, mit deren Schicksal er tragisch verbunden ist.
Ein Tourist mit geringen Überlebens-Chancen, liefe er nicht dem abgebrühten Silas Selleck (Michael Fassbender) über den Weg: Dieser Kopfgeld-Jäger kommt direkt zur Sache, erschießt ein paar skalpjagende Ex-Soldaten und macht fortan gegen Bezahlung den Babysitter für den naiven schottischen Jungen. Scheinbar. Denn tatsächlich will auch er die Liebe des Jungen finden, die inzwischen steckbrieflich gesucht wird.
Selleck staunt im Off-Kommentar über Jays begeisterte, positive Sicht auf eine Welt, die für ihn selbst nur Verbrecher und Gefahren birgt. Ja, „Slow West" ist, wie „True Grit" dem Western der Coen-Brüder mit Jeff Bridges, ein Spätwestern im pessimistischen Blick auf die Bestie Mensch, dabei ist die schottische Vorgeschichte von Jay auch nicht ohne. Doch außer mit dem immer wieder großartigen Michael Fassbender („Inglourious Basterds", „Shame", „X-Men", „Prometheus", „12 Years a Slave") begeistert „Slow West" mit traumhaften Bildern. Manchmal von einem Alptraum, wie dem Gemetzel an Indianern, aber selbst im Düsteren immer hell strahlend.
Michael Fassbender gibt einen Kopfgeld-Jäger mit faszinierender Ruhe und Gefasstheit, während sich die Leute um ihn herum umbringen. Wie bei einem bitter sinnlosen Gemetzel in einem Lebensmittelladen bei dem zwei kleine Waisen übrig bleiben. Lakonisch und wortkarg wie der Cowboy verläuft auch der gar nicht so langsame Film bis zu seinem irren Finale mit großartigem Shootout. Aber nicht ohne Humor, wenn Selleck und Jay beispielsweise das Skelett eines Holzfällers unter dem von ihm selbst gefällten Baum bestaunen und Darwins Auslese der Fittesten hier am Werk vermuten. „Shooting Star" Kodi Smit-McPhee, der mit der Bestseller-Verfilmung „The Road" bekannt wurde und zuletzt in „Planet der Affen: Revolution" eine Hauptrolle spielte, macht auch in diesem ungewöhnlichen und reizvollen Western wieder eine gute Figur.
„Slow West" ist das Kinodebüt des Schotten John Maclean, Gründungsmitglied der Indie-Band „The Beta Band". Zuvor hatte der Regisseur und Drehbuchautor für den Kurzfilm „Pitch Black Heist" bereits einen BAFTA Award gewonnen. Seine Weltpremiere feierte „Slow West"2015 beim Sundance Film Festival, wo er mit dem Grand Jury Prize ausgezeichnet wurde.
In den letzten Jahren ging der Western nicht nur weiter nach Westen, wie es sich gehört, er drang auch immer tiefer in düstere Regionen des Menschlichen vor. „Slow West" setzt diese moderne Tradition fort, wobei er seinen fesselnd ernüchternden Treck mit grandiosen und leuchtenden Bildern ausstattet.
Der Bürgerkrieg ist schon eine Weile vorüber, ehemalige Soldaten treiben sich herum und massakrieren verstreute Indianer. In einen derart wilden Westen kommt der wohlhabende 16-jährige Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee), Sohn aus gutem, schottischem Hause. Ausgestattet mit ungeladener Pistole, Kompass und Reiseführer will der gebildete, kleine Poet seine Jugendliebe Rose Ross (Caren Pistorius) wiederfinden, mit deren Schicksal er tragisch verbunden ist.
Ein Tourist mit geringen Überlebens-Chancen, liefe er nicht dem abgebrühten Silas Selleck (Michael Fassbender) über den Weg: Dieser Kopfgeld-Jäger kommt direkt zur Sache, erschießt ein paar skalpjagende Ex-Soldaten und macht fortan gegen Bezahlung den Babysitter für den naiven schottischen Jungen. Scheinbar. Denn tatsächlich will auch er die Liebe des Jungen finden, die inzwischen steckbrieflich gesucht wird.
Selleck staunt im Off-Kommentar über Jays begeisterte, positive Sicht auf eine Welt, die für ihn selbst nur Verbrecher und Gefahren birgt. Ja, „Slow West" ist, wie „True Grit" dem Western der Coen-Brüder mit Jeff Bridges, ein Spätwestern im pessimistischen Blick auf die Bestie Mensch, dabei ist die schottische Vorgeschichte von Jay auch nicht ohne. Doch außer mit dem immer wieder großartigen Michael Fassbender („Inglourious Basterds", „Shame", „X-Men", „Prometheus", „12 Years a Slave") begeistert „Slow West" mit traumhaften Bildern. Manchmal von einem Alptraum, wie dem Gemetzel an Indianern, aber selbst im Düsteren immer hell strahlend.
Michael Fassbender gibt einen Kopfgeld-Jäger mit faszinierender Ruhe und Gefasstheit, während sich die Leute um ihn herum umbringen. Wie bei einem bitter sinnlosen Gemetzel in einem Lebensmittelladen bei dem zwei kleine Waisen übrig bleiben. Lakonisch und wortkarg wie der Cowboy verläuft auch der gar nicht so langsame Film bis zu seinem irren Finale mit großartigem Shootout. Aber nicht ohne Humor, wenn Selleck und Jay beispielsweise das Skelett eines Holzfällers unter dem von ihm selbst gefällten Baum bestaunen und Darwins Auslese der Fittesten hier am Werk vermuten. „Shooting Star" Kodi Smit-McPhee, der mit der Bestseller-Verfilmung „The Road" bekannt wurde und zuletzt in „Planet der Affen: Revolution" eine Hauptrolle spielte, macht auch in diesem ungewöhnlichen und reizvollen Western wieder eine gute Figur.
„Slow West" ist das Kinodebüt des Schotten John Maclean, Gründungsmitglied der Indie-Band „The Beta Band". Zuvor hatte der Regisseur und Drehbuchautor für den Kurzfilm „Pitch Black Heist" bereits einen BAFTA Award gewonnen. Seine Weltpremiere feierte „Slow West"2015 beim Sundance Film Festival, wo er mit dem Grand Jury Prize ausgezeichnet wurde.
Ooops! Die Arche ist weg...
BRD, Irland, Belgien,Luxemburg 2015 (All Creatures Big and Small / Ooops! Noah is Gone...) Regie: Toby Genkel 87 Min. FSK: ab 0
Sehr bunte Plüschtiere und plüschig animierte, richtige Tiere beleben die Welt knapp vor der Sintflut. Doch keine Sorge: Ein Löwe, das Nashorn und ein Flamingo organisieren das recht bürokratische Einchecken auf der Arche von Noah (der nie zu sehen sein wird). Die Fahrgäste sind aufgeteilt in Karnivoren und Vegetarier, für die Reise gilt ein zeitweises Verbot, andere Passagiere zu verspeisen. Doch der jugendliche Nestrier Finny und sein Vater Dave müssen draußen bleiben.
Nestrier? Nie gehört? Ja, es gibt in „Ooops! Die Arche ist weg..." ein paar schillernde Wesen, die uns unbekannt vorkommen - logisch, denn sie hatten halt keine Fahrkarte für die Arche! Doch der niedlich trottelige Papa Dave schafft es, sich auf das Rettungsboot zu schmuggeln, indem es sich als grimmiger Grymp ausgibt. Was dem ebenfalls alleinerziehenden Grymp-Weibchen in der gemeinsamen Kreuzfahrt-Kabine mächtig auf die Nerven geht. Richtig sauer wird sie allerdings, als klar wird, dass der Nestrier-Junge Finny zusammen mit dem Grymp-Mädchen Leah die Abfahrt verpasste und nun mitten in einem aufregenden Abenteuer steckt.
Das muss man dieser chaotischen Bootstour lassen: Sie verläuft wirklich fantasiereich und reichlich verrückt. Da hat sich das Team aus vier Autoren - meist kein gutes Zeichen - reichlich was einfallen lassen. Ein Spiegelkabinett sogar oder die immer wieder erstaunlichen Einrichtungs-Einfälle von Finny. Und wie schon an der Hauptfigur zu sehen war, auch in einer Kristallhöhle eine große Freude an leuchtenden Neon-Farben. Gejagt von zwei hungrigen Flughunden muss sich das grimmige, eigenständige Mädchen mit dem geselligen, kuscheligen Einrichtungsspezialisten Finny anfreunden. Bald sind sie mit dem dicken bemoostem Landwal Obesey und seiner winzigen parasitären Schnecke Stayput sehr langsam aber stetig auf der Flucht vor der Flut. Die nette Geschichte mit den meist sympathischen Figuren ist dabei mit vielen guten Ideen auch noch spannend und action-reich.
Regisseur Toby Genkel war nicht nur 2003 an „Werner - Gekotzt wird später!" beteiligt, auch „Das doppelte Lottchen" (2007) oder „Thor - Ein hammermäßiges Abenteuer" (2011) tragen seine Handschrift.
Sehr bunte Plüschtiere und plüschig animierte, richtige Tiere beleben die Welt knapp vor der Sintflut. Doch keine Sorge: Ein Löwe, das Nashorn und ein Flamingo organisieren das recht bürokratische Einchecken auf der Arche von Noah (der nie zu sehen sein wird). Die Fahrgäste sind aufgeteilt in Karnivoren und Vegetarier, für die Reise gilt ein zeitweises Verbot, andere Passagiere zu verspeisen. Doch der jugendliche Nestrier Finny und sein Vater Dave müssen draußen bleiben.
Nestrier? Nie gehört? Ja, es gibt in „Ooops! Die Arche ist weg..." ein paar schillernde Wesen, die uns unbekannt vorkommen - logisch, denn sie hatten halt keine Fahrkarte für die Arche! Doch der niedlich trottelige Papa Dave schafft es, sich auf das Rettungsboot zu schmuggeln, indem es sich als grimmiger Grymp ausgibt. Was dem ebenfalls alleinerziehenden Grymp-Weibchen in der gemeinsamen Kreuzfahrt-Kabine mächtig auf die Nerven geht. Richtig sauer wird sie allerdings, als klar wird, dass der Nestrier-Junge Finny zusammen mit dem Grymp-Mädchen Leah die Abfahrt verpasste und nun mitten in einem aufregenden Abenteuer steckt.
Das muss man dieser chaotischen Bootstour lassen: Sie verläuft wirklich fantasiereich und reichlich verrückt. Da hat sich das Team aus vier Autoren - meist kein gutes Zeichen - reichlich was einfallen lassen. Ein Spiegelkabinett sogar oder die immer wieder erstaunlichen Einrichtungs-Einfälle von Finny. Und wie schon an der Hauptfigur zu sehen war, auch in einer Kristallhöhle eine große Freude an leuchtenden Neon-Farben. Gejagt von zwei hungrigen Flughunden muss sich das grimmige, eigenständige Mädchen mit dem geselligen, kuscheligen Einrichtungsspezialisten Finny anfreunden. Bald sind sie mit dem dicken bemoostem Landwal Obesey und seiner winzigen parasitären Schnecke Stayput sehr langsam aber stetig auf der Flucht vor der Flut. Die nette Geschichte mit den meist sympathischen Figuren ist dabei mit vielen guten Ideen auch noch spannend und action-reich.
Regisseur Toby Genkel war nicht nur 2003 an „Werner - Gekotzt wird später!" beteiligt, auch „Das doppelte Lottchen" (2007) oder „Thor - Ein hammermäßiges Abenteuer" (2011) tragen seine Handschrift.
21.7.15
It Follows
USA 2014 Regie: David Robert Mitchell mit Maika Monroe, Keir Gilchrist, Daniel Zovatto 100 Min. FSK: ab 12
Es ist ein Horror, wie Teenager nach den ersten sexuellen Erfahrungen immer in ihr gräuliches Unglück rennen. Nur diesmal nicht, denn „It follows" ist sehr, sehr guter Indie-Horror mit Stil und Verstand: Die erste Tote im Schock-Epilog wird wie eine surreale Dali-Figur abgeknickt, dazu übersteuerte Synthesizer-Klänge wie einst bei „Halloween". Aber dann umhüllen die sorgsamen Bilder die junge Jay (Maika Monroe) mit der Verträumtheit des behüteten Erwachsenenwerdens von Sofia Coppolas „The Virgin Suicides" in einer aufgeräumten Vorstadt, unter der etwas von David Lynch lauern könnte. Es ist selbstverständlich die verbotene, reizvolle und bedrohliche Sexualität, die auch hier Auslöser ist. Nicht für ein automatisiertes Abstrafen, sondern für eine unheimliche Bedrohung.
Der Sex gibt etwas weiter in „It follows", Jay bekommt es von einem eigentlich netten Typen. Samt Bedienungsanleitung: Es kommt in unterschiedlicher Gestalt zu dir, als Fremder oder Bekannter. Entweder gibst du es wieder weiter oder es bringt dich um. Die sehr originelle Bedrohung durch leicht vermoderte, immer wechselnde Gestalten, die nur Jay sehen kann, steigert sich zu packender Höchstspannung. Denn die wandelnden Leichen sind langsam, aber trotzdem tödlich. Das erinnert etwas an den herrlichen Kurzfilm „The Horribly Slow Murderer with the Extremely Inefficient Weapon" über den Tod durch einen Teelöffel. Ist aber mit unbekannten, aber guten Darstellern, langsam anziehender Spannung und der großartigen Bildgestaltung von Kameramann Mike Gioulakis ein seltener Glücksfall im Horror-Genre.
Es ist ein Horror, wie Teenager nach den ersten sexuellen Erfahrungen immer in ihr gräuliches Unglück rennen. Nur diesmal nicht, denn „It follows" ist sehr, sehr guter Indie-Horror mit Stil und Verstand: Die erste Tote im Schock-Epilog wird wie eine surreale Dali-Figur abgeknickt, dazu übersteuerte Synthesizer-Klänge wie einst bei „Halloween". Aber dann umhüllen die sorgsamen Bilder die junge Jay (Maika Monroe) mit der Verträumtheit des behüteten Erwachsenenwerdens von Sofia Coppolas „The Virgin Suicides" in einer aufgeräumten Vorstadt, unter der etwas von David Lynch lauern könnte. Es ist selbstverständlich die verbotene, reizvolle und bedrohliche Sexualität, die auch hier Auslöser ist. Nicht für ein automatisiertes Abstrafen, sondern für eine unheimliche Bedrohung.
Der Sex gibt etwas weiter in „It follows", Jay bekommt es von einem eigentlich netten Typen. Samt Bedienungsanleitung: Es kommt in unterschiedlicher Gestalt zu dir, als Fremder oder Bekannter. Entweder gibst du es wieder weiter oder es bringt dich um. Die sehr originelle Bedrohung durch leicht vermoderte, immer wechselnde Gestalten, die nur Jay sehen kann, steigert sich zu packender Höchstspannung. Denn die wandelnden Leichen sind langsam, aber trotzdem tödlich. Das erinnert etwas an den herrlichen Kurzfilm „The Horribly Slow Murderer with the Extremely Inefficient Weapon" über den Tod durch einen Teelöffel. Ist aber mit unbekannten, aber guten Darstellern, langsam anziehender Spannung und der großartigen Bildgestaltung von Kameramann Mike Gioulakis ein seltener Glücksfall im Horror-Genre.
Becks letzter Sommer
BRD 2015 Regie: Frieder Wittich mit Christian Ulmen, Nahuel Pérez Biscayart, Eugene Boateng, Friederike Becht 99 Min. FSK: ab 12
Nur ein junges Talent kann den Enddreißiger und Musiklehrer Robert Beck (Christian Ulmen) aus seiner Lethargie erwecken: Rauli (Nahuel Pérez Biscayart), ein Einwanderer aus Litauen, ist schlecht in der Schule, aber ein guter Gitarrist. Beck will nun mit dem Jungen seine gescheiterten Träume von einer Musikerkarriere erfüllen. So weit, so verständlich und mit neuer Freundin für Beck ganz nett verlaufend. Doch Becks Entscheidung, die Karriere des Zöglings für die eigenen Songs aufs Spiel zu setzen, und als das nicht klappt, völlig auszurasten, all das wirkt willkürlich und nicht nachvollziehbar. Beim Andrehen der dramaturgischen Schraube (Koautor: Oliver Ziegenbalg, „13 Semester", „Russendisko", „Frau Müller muss weg") fällt dann gleich alles auseinander: Dass der gute Freund Charlie (Eugene Boateng) zusammenbricht, die neue Freundin (Friederike Becht) nach Italien zieht und dann auch noch der Hund vom Freund überfahren wird. Nach einem kurzen Schwenk ins Tragische bringt auch die Unterstützung von Roadmovie-Routinen keine substantielle Verbesserung.
Nach Benedict Wells gleichnamigen Roman hat „Becks letzter Sommer" gut gewählte Darsteller, aber nur einige gute Momente, denen der Zusammenhang fehlt. Bewährt ist der Charme von Ulmen wieder als ein kindlicher Teddybär, der sich ab und zu raus traut, um im richtigen Leben was zu bewegen. Der durchgehend nette Unterhaltungsfilm hat mit Nahuel Pérez Biscayart als hoffnungsvolles Talent Rauli eine passende, aber nicht umwerfende Figur dabei.
Nur ein junges Talent kann den Enddreißiger und Musiklehrer Robert Beck (Christian Ulmen) aus seiner Lethargie erwecken: Rauli (Nahuel Pérez Biscayart), ein Einwanderer aus Litauen, ist schlecht in der Schule, aber ein guter Gitarrist. Beck will nun mit dem Jungen seine gescheiterten Träume von einer Musikerkarriere erfüllen. So weit, so verständlich und mit neuer Freundin für Beck ganz nett verlaufend. Doch Becks Entscheidung, die Karriere des Zöglings für die eigenen Songs aufs Spiel zu setzen, und als das nicht klappt, völlig auszurasten, all das wirkt willkürlich und nicht nachvollziehbar. Beim Andrehen der dramaturgischen Schraube (Koautor: Oliver Ziegenbalg, „13 Semester", „Russendisko", „Frau Müller muss weg") fällt dann gleich alles auseinander: Dass der gute Freund Charlie (Eugene Boateng) zusammenbricht, die neue Freundin (Friederike Becht) nach Italien zieht und dann auch noch der Hund vom Freund überfahren wird. Nach einem kurzen Schwenk ins Tragische bringt auch die Unterstützung von Roadmovie-Routinen keine substantielle Verbesserung.
Nach Benedict Wells gleichnamigen Roman hat „Becks letzter Sommer" gut gewählte Darsteller, aber nur einige gute Momente, denen der Zusammenhang fehlt. Bewährt ist der Charme von Ulmen wieder als ein kindlicher Teddybär, der sich ab und zu raus traut, um im richtigen Leben was zu bewegen. Der durchgehend nette Unterhaltungsfilm hat mit Nahuel Pérez Biscayart als hoffnungsvolles Talent Rauli eine passende, aber nicht umwerfende Figur dabei.
20.7.15
Um jeden Preis (2014)
Dänemark, BRD 2014 (I am here) Regie: Anders Morgenthaler mit Kim Basinger, Jordan Prentice, Sebastian Schipper, Peter Stormare 94 Min. FSK: ab 16
Wenn Dänen Kinderfilme machen, sind die entweder besonders gut und „kindgerecht" oder das Kinderthema gerät zum Horror - siehe Lars von Triers „Antichrist" oder aktuell Susanne Biers „Zweite Chance" um ein geklautes Baby. Im Kindesraub sieht auch die erfolgreiche Geschäftsführerin einer Speditionsfirma (Kim Basinger) nach acht Fehlgeburten ihre letzte Chance. Obwohl Maria bei der letzten sogar fast starb, obwohl ihr im Leben mit dem Filmemacher Peter („Victoria"- und Filmemacher Sebastian Schipper) sonst nichts fehlt.
Eine weitere Hauptrolle in dem sehr perfiden, kunstvollen und irritierenden Psychohorror „Um jeden Preis" spielt die Stimme eines ungeborenen Kindes, das Maria zu völlig irrationalen Handlungen verführt. Die verstörte Frau fährt, mit SUV und Geldbündeln gewappnet, zu einem tschechischen Kaff, in dem als „Abfall" der Straßenprostitution Babys verkauft werden sollen. Als Mitfahrer und Helfer liest sie den kleinwüchsigen Junkie „Petit" (Jordan Prentice) auf, der sie erst reinlegen will und dann nach seltsamen Fügungen doch mit dem geklauten Kleinkind einer Kinder-Prostituierten zurückkommt.
Der dänische Autor und Regisseur Anders Morgenthaler („Princess") wurde hier tatsächlich durch Lars von Triers Zentropa produziert, auch wenn die krude, mal betörende, mal schockende Geschichte mehr Ähnlichkeiten mit einem anderen Dänen, mit Nicolas Winding Refn („Drive", „Only God forgives") aufweist. „Um jeden Preis" verläuft nach dem poetischen Erscheinen der Ungeborenen als luftige Feen-Gestalt wie eine esoterisch losgelöste Kinderbeschaffung. Losgelöst vor allem auch von moralischen Bedenken, die sich dann sehr brutal und konkret in fünf Minuten Thriller mit russischem Zuhälter (Peter Stormare) zurückmelden.
Kim Basinger, die als 61-Jährige eine 40-Jährige spielt, trägt als hier großartige Darstellerin eine sehr seltsame Geschichte, die sich nicht um das Übliche oder Moral kümmert. Neben „Victoria"-Regisseur Sebastian Schipper spielt sein norwegischer „Victoria"-Kameramann Sturla Brandth Grøvlen noch eine wichtigere Rolle: Die Bilder sind faszinierend, zart, poetisch verträumt. Bevor dann die nächste Wendung auch schon mal in die Magengruppe knallt. „Um jeden Preis" wurde hier ein eigensinniger Film realisiert, ohne Rücksicht auf normierte Kino-Konventionen. Ein nachhaltiges Erlebnis, wenn auch nicht unbedingt ein angenehmes.
Wenn Dänen Kinderfilme machen, sind die entweder besonders gut und „kindgerecht" oder das Kinderthema gerät zum Horror - siehe Lars von Triers „Antichrist" oder aktuell Susanne Biers „Zweite Chance" um ein geklautes Baby. Im Kindesraub sieht auch die erfolgreiche Geschäftsführerin einer Speditionsfirma (Kim Basinger) nach acht Fehlgeburten ihre letzte Chance. Obwohl Maria bei der letzten sogar fast starb, obwohl ihr im Leben mit dem Filmemacher Peter („Victoria"- und Filmemacher Sebastian Schipper) sonst nichts fehlt.
Eine weitere Hauptrolle in dem sehr perfiden, kunstvollen und irritierenden Psychohorror „Um jeden Preis" spielt die Stimme eines ungeborenen Kindes, das Maria zu völlig irrationalen Handlungen verführt. Die verstörte Frau fährt, mit SUV und Geldbündeln gewappnet, zu einem tschechischen Kaff, in dem als „Abfall" der Straßenprostitution Babys verkauft werden sollen. Als Mitfahrer und Helfer liest sie den kleinwüchsigen Junkie „Petit" (Jordan Prentice) auf, der sie erst reinlegen will und dann nach seltsamen Fügungen doch mit dem geklauten Kleinkind einer Kinder-Prostituierten zurückkommt.
Der dänische Autor und Regisseur Anders Morgenthaler („Princess") wurde hier tatsächlich durch Lars von Triers Zentropa produziert, auch wenn die krude, mal betörende, mal schockende Geschichte mehr Ähnlichkeiten mit einem anderen Dänen, mit Nicolas Winding Refn („Drive", „Only God forgives") aufweist. „Um jeden Preis" verläuft nach dem poetischen Erscheinen der Ungeborenen als luftige Feen-Gestalt wie eine esoterisch losgelöste Kinderbeschaffung. Losgelöst vor allem auch von moralischen Bedenken, die sich dann sehr brutal und konkret in fünf Minuten Thriller mit russischem Zuhälter (Peter Stormare) zurückmelden.
Kim Basinger, die als 61-Jährige eine 40-Jährige spielt, trägt als hier großartige Darstellerin eine sehr seltsame Geschichte, die sich nicht um das Übliche oder Moral kümmert. Neben „Victoria"-Regisseur Sebastian Schipper spielt sein norwegischer „Victoria"-Kameramann Sturla Brandth Grøvlen noch eine wichtigere Rolle: Die Bilder sind faszinierend, zart, poetisch verträumt. Bevor dann die nächste Wendung auch schon mal in die Magengruppe knallt. „Um jeden Preis" wurde hier ein eigensinniger Film realisiert, ohne Rücksicht auf normierte Kino-Konventionen. Ein nachhaltiges Erlebnis, wenn auch nicht unbedingt ein angenehmes.
Magic Mike XXL
USA 2015 Regie: Gregory Jacobs mit Channing Tatum, Matt Bomer, Joe Manganiello, Jada Pinkett Smith 115 Min.
„Magic Mike" mit Channing Tatum war 2012 für einen Soderbergh-Film ein unerwarteter Erfolg bei ganz anderem Zielpublikum. Überdurchschnittlich viele Frauen ließen sich von gut gebauten Männerkörpern begeistern. Deshalb richteten die Produzenten diese XXL-Fortsetzung, die mit dem ersten Film ästhetisch nicht viel zu tun hat, direkt auf das zufällig gefundene andere Publikum. Und das bekommt einiges geboten: Wie Mike (Channing Tatum) sich in seiner Möbelschreinerei die Stange anschleift, ist lächerlich obszön. Wenn er dann der Tanzmusik nicht widerstehen kann, versteht man, dass der Traum mit dem Ausstieg und dem Möbel-Design aus dem ersten Film nicht funktionieren wird.
Gut dass gerade die Stripper-Kumpels von früher vorbeikommen und den frustrierten Single Mike mit zu einer Stripper-Konvention mitschleppen. Was eigentlich eine traurige Veranstaltung ist, denn die gut bestückten Super-Körper sind auch mit Beziehungsproblemen und Komplexen gut ausgestattet. So wird eine furchtbar lange Zeit verhindert, dass der Film endlich zur Sache, also zum Strip kommt. Vorher räumt Mike mit den alten Tanz-Routinen der Truppe auf und lässt die Jungs ihr Verführer-Herz wieder entdecken. Er selbst schwelgt mit einem Besuch im Freudenhaus, in dem die männlichen Stripper die Attraktion sind, in vergangenen Affären. Als Zugabe gibt es eine Runde frustrierter und alkoholisierter Frauengeständnisse.
Es tanzen in der künstlichen Produkt-Verlängerung „Magic Mike XXL" hauptsächlich lächerliche Figuren vor: Ein muskulöser Mickey Rourke-Verschnitt und Kleiderschrank, ein esoterischer Schönling, ein Latino für die Quote, und ein überforderter Chef. (Der Dallas- und Charakterdarsteller Matthew McConaughey hat sich clever aus diesem Nachklatsch verabschiedet.) Mit T-Shirt vom Körper reißen, Popcorn über den Kopf verstreuen, und Limo-Flaschen im Schritt spritzen lassen kann man das als XXL-Lachnummer sehen. „Mann" fragt sich, was das alles soll, aber „frau" hat wenigstens ein paar Szenen lang Spaß und fühlt sich verstanden. Denn die einzelnen Tanznummern sind sehr mäßig choreographiert und noch viel schlechter inszeniert. Pure Paarungs-Tänze, bei denen Anfassen ausdrücklich erlaubt ist. Es geht nicht mehr darum, für Paarung zu werben - es wird direkt pantomimisch Sex simuliert.
Doch immer betont der lahme und undramatische „Magic Mike XXL" in Wort und Bewegung, dass man vor allem Frauen verwöhnen will - mit schönen Körpern, Rap und auch mal Breakdance. Tatsächlich spielen Channing und Co hinter den harten Muckis weiche Frauenversteher und Heiler der Geschiedenen. Bis es dann doch wieder Geldscheine regnet und die zahlenden Kundinnen nur noch begeistert schreien. Wenn sogar die Hauptfigur Mike seine neue Freundin in einer Bühnenshow einbaut und derart „verwöhnt" ist das doch arg irritierend. So wie das ganze Film-Konstrukt. Dass Kamera und Schnitt immer noch in den Händen von Steven Soderbergh lagen, ist angesichts des Ergebnissens ziemlich unglaublich. „Magic Mike XXL" demonstriert als überlanges Manifest nur, dass der Regisseur Soderbergh alles aber auch wirklich alles großartig verfilmen könnte.
„Magic Mike" mit Channing Tatum war 2012 für einen Soderbergh-Film ein unerwarteter Erfolg bei ganz anderem Zielpublikum. Überdurchschnittlich viele Frauen ließen sich von gut gebauten Männerkörpern begeistern. Deshalb richteten die Produzenten diese XXL-Fortsetzung, die mit dem ersten Film ästhetisch nicht viel zu tun hat, direkt auf das zufällig gefundene andere Publikum. Und das bekommt einiges geboten: Wie Mike (Channing Tatum) sich in seiner Möbelschreinerei die Stange anschleift, ist lächerlich obszön. Wenn er dann der Tanzmusik nicht widerstehen kann, versteht man, dass der Traum mit dem Ausstieg und dem Möbel-Design aus dem ersten Film nicht funktionieren wird.
Gut dass gerade die Stripper-Kumpels von früher vorbeikommen und den frustrierten Single Mike mit zu einer Stripper-Konvention mitschleppen. Was eigentlich eine traurige Veranstaltung ist, denn die gut bestückten Super-Körper sind auch mit Beziehungsproblemen und Komplexen gut ausgestattet. So wird eine furchtbar lange Zeit verhindert, dass der Film endlich zur Sache, also zum Strip kommt. Vorher räumt Mike mit den alten Tanz-Routinen der Truppe auf und lässt die Jungs ihr Verführer-Herz wieder entdecken. Er selbst schwelgt mit einem Besuch im Freudenhaus, in dem die männlichen Stripper die Attraktion sind, in vergangenen Affären. Als Zugabe gibt es eine Runde frustrierter und alkoholisierter Frauengeständnisse.
Es tanzen in der künstlichen Produkt-Verlängerung „Magic Mike XXL" hauptsächlich lächerliche Figuren vor: Ein muskulöser Mickey Rourke-Verschnitt und Kleiderschrank, ein esoterischer Schönling, ein Latino für die Quote, und ein überforderter Chef. (Der Dallas- und Charakterdarsteller Matthew McConaughey hat sich clever aus diesem Nachklatsch verabschiedet.) Mit T-Shirt vom Körper reißen, Popcorn über den Kopf verstreuen, und Limo-Flaschen im Schritt spritzen lassen kann man das als XXL-Lachnummer sehen. „Mann" fragt sich, was das alles soll, aber „frau" hat wenigstens ein paar Szenen lang Spaß und fühlt sich verstanden. Denn die einzelnen Tanznummern sind sehr mäßig choreographiert und noch viel schlechter inszeniert. Pure Paarungs-Tänze, bei denen Anfassen ausdrücklich erlaubt ist. Es geht nicht mehr darum, für Paarung zu werben - es wird direkt pantomimisch Sex simuliert.
Doch immer betont der lahme und undramatische „Magic Mike XXL" in Wort und Bewegung, dass man vor allem Frauen verwöhnen will - mit schönen Körpern, Rap und auch mal Breakdance. Tatsächlich spielen Channing und Co hinter den harten Muckis weiche Frauenversteher und Heiler der Geschiedenen. Bis es dann doch wieder Geldscheine regnet und die zahlenden Kundinnen nur noch begeistert schreien. Wenn sogar die Hauptfigur Mike seine neue Freundin in einer Bühnenshow einbaut und derart „verwöhnt" ist das doch arg irritierend. So wie das ganze Film-Konstrukt. Dass Kamera und Schnitt immer noch in den Händen von Steven Soderbergh lagen, ist angesichts des Ergebnissens ziemlich unglaublich. „Magic Mike XXL" demonstriert als überlanges Manifest nur, dass der Regisseur Soderbergh alles aber auch wirklich alles großartig verfilmen könnte.
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