16.2.13
Berlinale 2013 Goldige Einzelkämpfer-Party
Martin Heisler, Berliner Produzent aus Aachen, schwamm zum Ende der Berlinale in Gold: An der Premieren-Party zu seinem neuen Film „Einzelkämpfer“ (Regie: Sandra Kaudelka) nahmen auch alle vier ruhmreichen DDR-Sportler teil, die Protagonisten der Dokumentation sind: Olympiasiegerin Marita Koch ist die beste 400-Meter-Läuferin aller Zeiten. Sie erzielte fünfzehn Weltrekorde, ihr letzter ist bis heute ungebrochen. Die Sprinterin Ines Geipel wollte die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles nutzen, um aus der DDR zu fliehen. Brita Baldus war ehemals beste Wasserspringerin der DDR. Der Kugelstoßer Udo Beyer wurde Olympiasieger und dreifacher Weltrekordler und blieb jahrelang Kapitän der DDR-Leichtathletikmannschaft.
Im rauen Ambiente der Volksbar am Rosa-Luxemburg-Platz wirkt Marita Koch im dezenten Abendkleid verlorener als auf dem Siegertreppchen. Eine Kette mit kleinem Gold-Medaillon erinnerte wohl absichtslos an die vielen Goldmedaillen, die der Sprint-Star in der ersten Hälfte der Achtziger gewonnen hat. Bild-Zeitung sei dank bekam der Film „Einzelkämpfer“ mit der Titel-Schlagzeile über ein angebliches Doping-Geständnis von Kugelstoßer Udo Beyer viel falsche Aufmerksamkeit. Regisseurin Sandra Kaudelka selbst wurde durch den Fall der Mauer 1989 vom ungeliebten Leistungssport befreit. Hoffentlich färbt trotzdem etwas Gold auf die Karriere des Films ab, für den Martin Heisler einen kleinen Start im Herbst anpeilt.
14.2.13
Berlinale 2013 Dead actors society
Zu den
Kuriositäten der 63. Berlinale gehört, dass gleich in zwei aktuellen Filmen
bereits verstorbene Darsteller zu sehen sind. Beide wurde auch noch von
niederländischen Regisseuren inszeniert: Heute ist im Wettbewerb außer
Konkurrenz „Dark Blood“ von George Sluizer zu sehen. Nach dem plötzlichen Tod
des Hauptdarstellers River Phoenix 1993 fiel das Filmmaterial an die
Versicherung. Jahre später vollendete Regisseur George Sluizer den Film, indem
er die fehlenden Szenen aus dem Drehbuch vorlesen ließ. Dagegen jemanden auf
der Leinwand zu sehen, der erst kürzlich gestorben ist, gibt einer bewegenden
Geschichte noch mehr zum Schlucken: Der 1962 in Maastricht geborene, auch an
deutschen Bühnen engagierte Theater- und Filmschauspieler Jeroen Willems starb
im Dezember. In „Oben ist es still“, einer auch in NRW produzierten
Literaturverfilmung von Nanouk Leopold („The Brownian Movement“) spielt er
eindrucksvoll einen verschlossenen, homosexuellen Bauern, der seinen
bettlägerigen Vater pflegt.
Berlinale 2013 Ehrenbär für Claude Lanzmann
Der „Goldene Ehrenbär für das Lebenswerk“, den die 63.
Berlinale heute an französischen Dokumentarfilm-Regisseur und Produzenten
Claude Lanzmann verleiht, ist eine ganz besondere Ehrbekundung in der Flut
zahlloser Filmfestivals. Mit seiner neuneinhalbstündigen Dokumentation „Shoah“
über den Völkermord an den europäischen Juden hat Lanzman Filmgeschichte
geschrieben. Er zeigt in diesem Werk ausschließlich Interviews mit Überlebenden
und Zeitzeugen der Shoah, darunter auch Täter, sucht die Orte der Vernichtung
auf und vergegenwärtigt den unermesslichen Schrecken des Völkermords im
Nationalsozialismus. Dabei steht das eindrucksvolle und erschütternde
Meisterwerk, das 1986 im Forum der Berlinale gezeigt wurde, auch für das
Gesamtschaffen des Franzosen, der ein wichtiger Bestandteil der filmischen
Erinnerungskultur wurde.
Keine Festivalstadt ist passender für solch eine Ehrung: Das
Holocaust-Denkmal liegt nur ein paar Schritte vom Festivalzentrum am Potsdamer
Platz entfernt. Der Wannsee am Stadtrand erinnert wie viele andere Orte Berlins
an die planmäßige Ermordung von Millionen Juden. Die Berlinale selbst hat sich
in ihrer Geschichte immer wieder der Erinnerung und Mahnung des Holocausts
gewidmet.
Claude Lanzmann wurde 1925 als Sohn jüdischer Eltern in
Paris geboren, kämpfte in der Résistance, studierte später in Frankreich und
Deutschland Philosophie. 1948/49 hatte er eine Dozentur an der neugegründeten
Freien Universität Berlin. Bis Anfang der 70er-Jahre war Lanzmann vor allem als
Journalist tätig und ist bis heute Herausgeber der von Jean-Paul Sartre
begründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“. 1972 entstand seine erste
filmische Arbeit, die Dokumentation „Warum Israel“, deren Vorführung sogar noch
vor kurzem zu anti-israelischen Protesten führte. In dem Film „Tsahal“, der
1995 im Berlinale-Forum lief, porträtiert er Frauen und Männer, die in der
israelischen Armee dienen. Zu Claude Lanzmanns Filmschaffen gehören weitere
Werke, die sich mit dem Völkermord an den europäischen Juden und mit den
Zeitzeugen auseinandersetzen.
Heutzutage redet Lanzmann nicht mehr gerne nur über „Shoah“.
Dass dieser Film und seine mutige wie schwierige Methode, auch die Täter zu
befragen, weiterlebt, zeigte eine aktuelle Dokumentation im Panorama: „The Act
of Killing“ von Joshua Oppenheimer befragt auf die gleiche Weise Täter, die
nach dem indonesischen Militärputsch 1965 innerhalb eines Jahres über eine
Million sogenannter Kommunisten umgebracht haben.
Verbunden mit der heutigen Verleihung des Goldenen
Ehrenbären ist eine Hommage mit Vorführungen seines kompletten Werkes,
inklusive einer komplett restaurierten Version von „Shoah“. Glücklicherweise
ist es dank eines kleinen, engagierten Verleihers seit 2010 in einer weltweit
einzigartigen Gesamtausgabe auf DVD erhältlich. Besonders erfreut äußerte sich
Lanzmann, dass nach der Verleihung „Sobibor, 14. Oktober 1943“ aus dem Jahre
2001 gezeigt wird, der von einem Häftlings-Aufstand im Lager Sobibor erzählt.
Berlinale 2013 An Episode in the Life of an Iron Picker
Was das Festival immer wieder leistet, sind kleine Wunder
wie die Vorführung von „An Episode in the Life of an Iron Picker“ (Eine Episode
im Leben eines Eisensammlers) von Oscar-Sieger Danis Tanovic („No man’s land“):
Hunderte Menschen verfolgten im Berlinale-Palast gebannt, wie eine Roma-Frau in
Bosnien-Herzegowina Hilfe gegen ihre lebensgefährlichen Unterleibsblutungen
sucht. Ohne Krankenschein muss die Mutter von zwei kleinen Mädchen fast 1000 Mark
für die rettende Operation zahlen. Ein Vermögen für den Mann, wenn das
Ausschlachten eines ganzen Autos gerade mal 150 bringt und im heftigen Winter
täglich Holz gehackt werden muss. Ohne Geschrei, ohne Tränen inszeniert, mit
einer Handkamera, die nicht ganz so gut, wie die der Dardennes ist, erzählt
Tanovic seine Geschichte und viele Menschen im Anzug, die ansonsten anderes
wichtiger finden würden, sind dabei.
12.2.13
Berlinale 2013 Camille Claudel 1915
Großartig ist Juliette Binoche in Bruno Dumonts „Camille
Claudel 1915“. Sie spielt die Bildhauerin und ehemalige Assistentin von Rodin,
die zwanzig Jahre nach dieser Zeit von ihrer Familie in eine Irrenanstalt bei
Avignon abgeschoben wurde und nach weiteren 29 Jahren dort auch sterben wird.
Dumonts stilles Porträt einer an der Gesellschaft gescheiterten Künstlerin ist
ein raues, karges Meisterwerk, dass lange mit ganz wenigen Worten auskommt. Das
Gesicht der Binoche in vielen, so noch nicht gesehenen Nuancen und die
Laiendarsteller mit geistiger Behinderung um sie herum, beeindrucken ebenso
nachhaltig wie die wunderbaren Bildkompositionen. Ein Favorit nicht nur für den
Darstellerpreis.
Berlinale 2013 Broken Circle Breakdown
Begeistern, erschüttern, bewegen und noch vieles mehr vermochte
„Broken Circle Breakdown“ im Panorama: Die Geschichte von Didier und Elise ist
die einer wunderbaren Liebe, eines großen Glücks und einer kleinen Tochter, die
an Leukämie stirbt. Es ist die Frage, was nach dem Tod passiert, ob ein Glaube
helfen kann, oder ob die Gläubigen gar das Wohlergehen der Menschheit
verhindern. Stichwort: verhinderte Stammzellen-Therapie und tausende Aids-Tote
durch päpstliches Kondomverbot. Und dann macht einen der Film von Regisseur
Felix van Groeningen noch zum Fan von Bluesgrass-Musik, die Didier und Elise
spielen. Wobei der Banjo-Spieler immer von Amerika träumte und die
leidenschaftliche, mit Tattoos übersäte Frau als Sängerin die großartigen
Musikeinlagen in Freude und Leid komplettiert. Der beste Film der Berlinale
läuft - im flämischen Original - bereits im Maastrichter Lumiere.
Berlinale 2013 Side Effects
„Side Effects“, deutsch: Nebenwirkungen, von Steven
Soderbergh dreht sich um die junge, depressive Emiliy (Rooney Mara), die ihren Mann
(Channing Tatum) schlafwandelnd umbringt. Dass sie vorher eine ganze Palette
von Antidepressiva durchprobiert hat und das neueste Produkt mit massiver
Bestechung durch den Pharma-Produzent an die Patienten gelangt, ist mehr als
ein Seitenhieb auf diese gierige Milliarden-Branche. Wie der raffinierte,
spannende und sehr sicher inszenierte Thriller dies mit der Gier von
Börsen-Spekulanten und eines liebenden Paares verbindet, ist große
Drehbuch-Kunst von Autor Scott Z. Burns. Jude Law spielt dabei elegant und
glaubhaft den Psychiater Dr. Jonathan Banks, dessen reiches Leben durch diesen
Fall zerstört wird. Detektivisch schlägt er zurück und aus der überraschenden
Geschichte wird ein veritabler Hitchcock. Soderbergh hält sich zwar als Kameramann
Peter Andrews - so sein Pseudonym - stilistisch zurück, doch das
Presse-Publikum war dankbar für die hochwertige Kino-Kost.
10.2.13
Berlinale 2013 The Necessary Death of Charlie Countryman
Til Schweiger auf der Berlinale klingt wie Elefant im
Porzellan-Laden. Doch der deutsche Selbst-Darsteller fiel neben hochrangigen Schauspielern
wie Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood und Mads Mikkelsen in dem romantisch bis
magischen Action-Film „The Necessary Death of Charlie Countryman“ nicht negativ
auf. Ansonsten unterhielt die Geschichte um einen amerikanischen Touristen in
Bukarest dank großer Kinomomente und stark antreibender Musik über einige Klischees
hinweg. Die Klasse eines echten Wettbewerbs-Starters hat Fredrik Bonds Film
allerdings nicht, woran Schweiger ausnahmsweise mal unschuldig ist.
Berlinale 2013 Promised Land
Gegen den Gold-Rausch
von heute, der „Fracking“ heißt, wendet sich Matt Damon als Autor, Produzent
und Darsteller im Goldbär-Konkurrenten „Promised Land“. Nur die Inszenierung
überließ er seinem alten Regie-Kumpel Gus van Sant. 1998 bekam Damon als noch
unbekannter Schauspieler für Sants „Good Will Hunting“ einen Silbernen Bären als
Drehbuchautor und Darsteller. Nun spielt er einen raffinierten Vertreter der
Gas-Industrie, der erst langsam die Gefahren des „Frackings“ und die miesen
Machenschaften dieser Branche erkennt. Der gute Kerl auf der falschen Seite ringt
sich durch, das richtige zu tun. Ein gut gespieltes und inszeniertes Stück
Polit-Kino mit viel Herz und etwas wenig echtem Sant-Stil.
Berlinale 2013 Handy-Film Preis
Wim Wenders spielte überzeugend die Werbe-Ikone einer Elektronikfirma,
die als Sponsor der Berlinale sechs von bekannten Regisseuren realisierte Handy-Filme
vorstellte. Das filmische Spielkind erzählte bei der Präsentation im
Babylon-Kino Moderatorin Katrin Bauerfeind von seiner ersten digitalen Kamera
aus dem Jahre 1979, die 64 Pixel hatte. Eine hohe Promidichte mit unter anderem
Jürgen Vogel, Meret Becker und Wilson Gonzalez Ochsenknecht interessierte sich
für die Kurzfilme ebenso wie die beiden mit Aachen verbundenen Regie-Jans:
Schomburg, der seine ersten Jahre hier verbrachte, und Krüger, der an der RWTH
studierte. Letzterer versetzte mit seinem Beitrag „Hänsel & Gretel“ ins
Berliner Nachtleben. Ebenfalls stark der Beitrag „Not
more than an agreement“ von Claudia Lehmann mit der Band „Hands Up -
Excitement!“, die auch zum Event ausspielte. Dieter Kosslicks launiger
Kommentar „Thematisch waren wir in der Toilette und dann im Darkroom“ war dabei
vielleicht nicht so förderlich für den Sponsor.
Berlinale 2013 Gold
Gold für
Deutschland ist schon mal erledigt - wenn auch nur mit dem Filmtitel von Thomas
Arslans Auswanderer-Western „Gold“. Mehr ist im Wettbewerb nicht drin für das
dünne Filmchen mit (Nina) Hoss und Reiter. Eine Truppe gescheiterter
Auswanderer aus Deutschland will 1898 beim Goldrausch mitmachen und zieht über
eine unwegbare Strecke in Richtung Clondike. Zum Golde drängt alles, doch nur
eine kam durch. Das filmische Erlebnis, dieses Vertreters der Berliner Schule
evozierte die Metaphern „Marterpfahl“ und „sattelwund gesessen“. Ein
unfreiwilliges „Hossa“ ging durch Publikum, als einem der Abenteurer (Uwe Bohn)
nach einem Tritt in die Bärenfalle mit stumpfer Säge das Bein amputiert wird.
Diese Szene bleibt in Erinnerung. (
8.2.13
Berlinale 2013 Gala Les Misérables
Heute Abend wird der frisch verfilmte Musical-Erfolg „Les
Misérables“ (Regie: Tom Hooper) als „Gala“ der Berlinale kurz vor dem
kommerziellen Kinostart für viel Wirbel sorgen. Kein Wunder, ist die
musikalische unterlegte Illiteraten-Version von Victor Hugos „Die Elenden“ doch
mit Hugh „Wolfen“ Jackman, Russell „Gladiator“ Crowe, Anne Hathaway, Amanda
Seyfried, Helena Bonham Carter und Sacha „Borat“ Baron Cohen ausgesprochen
prominent besetzt. Allerdings schlug ein Musik-Fachmann völlig zu Recht als
Titel „Des Kaisers neue Kleider“ vor, weil niemand erwähne, dass die
hervorragenden Schauspieler schlicht nicht singen können. So sind die dank
dickem Produktions-Etat eindrucksvollen Kulissen und Kostüme der
Revolutions-Schmonzette wegen der Tonspur nur ganz schwer erträglich. Die
Veranstaltung kann heute Abend in verschiedenen Kinos (unter anderem Eden,
Aachen) live verfolgt werden.
Wenn Amanda Seyfried, hier als Ziehtochter des Helden nur
lieblich, in einem anderen Berlinale-Starter die seit „Deep Throat“ legendäre
Porno-Darstellerin Linda Lovelace spielt, ist ein wesentlich spannenderer und
Berlinale-gerechterer Film zu erwarten.
Solche „miserablen“ Gala-Veranstaltungen müssen eindeutig im
Zusammenhang mit Kürzungen gesehen werden, die dazu führen, dass Filmfestspiele
vermehrt über Eintrittskarten finanziert werden. Dadurch erfährt beispielsweise
auch die filmhistorische Retrospektive über den Einfluss von Filmemachern der
Weimarer Republik eine gewisse Banalisierung mit populären Werke wie „Casablanca“,
die man sowieso schon kennt.
Berlinale 2013 Don Jon's Addiction
Was macht eigentlich ... Joseph Gordon-Levitt? Der junge und
sensationelle Premuim-Hauptdarsteller von „Looper“, „50/50“ und „Premium Rush“
(alles in 2012) hat nebenbei noch ein Drehbuch geschrieben, dass immer größer
wurde, durfte es selbst inszenieren und stellt „Don Jon's Addiction“ heute als
Panorama Special vor. Dass er auch als Regisseur kein kleiner Junge ist -
obwohl er noch so aussehen kann - beweisen schon seine Mitspielerinnen Scarlett
Johansson und Julianne Moore. Ach ja: selbstverständlich spielt der Überflieger
Joseph Gordon-Levitt selbst auch mit: Er inszeniert sich in der sehr spritzigen
Komödie als selbstverliebter, porno-süchtiger Geck. Für die von Scarlett
Johansson sehr schön billig gespielte Freundin Barbara gab er sogar die One
Night-Stands auf, doch niemals den virtuellen Sex. Erst die Begegnung mit einer
älteren, etwas verrückt wirkenden Hippiefrau bringt ihn von diesem Egotrip ab
und gibt dem flotten Spaß ganz überraschend lebens- und liebesweise Tiefe.
Julianne Moore spielt diese sensible und sinnliche Frau mit einer nochmals
eindrucksvolleren Darstellung. Eine raffinierte Dramaturgie, sich lachend
schmerzlichen Wahrheiten anzunähern.
Berlinale 2013 Paradies: Hoffnung
Regie: Ulrich Seidl
Wettbewerb
Nein, da half auch nicht die Nachfrage beim hochverehrten
Kollegen, der den Film schon am Schneidetisch gesehen hatte und darin
Trash-Qualitäten entdeckte.... (Berlinale ist ... an jeder Haltestelle wartet
nicht nur ein weiterführendes ÖPNVsmittel sondern auch ein ebensolches Gespräch
...) Die Hoffnung auf ein gutes oder sogar der Glaube an ein gesteigertes Ende
der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl verflogen nach wenigen Minuten.
Was bisher geschah: Eine frustrierte, üppige
Krankenschwester findet auch mit gekauften Loverboys im Afrika-Urlaub nicht das
„Paradies: Liebe“ (Cannes 2012). Ihre Schwester findet zwar durch Einführung
eines Kreuzes mit dem Lieben Herrn Jesu und Kasteiung davor oder danach Befriedigung,
doch der Ex-Mann, der im Rollstuhl zum strammen Muslim wurde, nimmt dem
„Paradies: Glaube“ zumindest das Alleinstellungsmerkmal und auch irgendwie die
Reinheit der ausgestellten Barmherzigkeit (Venedig 2012).
Nun muss Melanie, die übergewichtige Tochter der
Krankenschwester, rein in ein Diät-Camp und raus kommt ein dünner Film. Die
Teenie-Gespräche der 13-Jährigen mit anderen Häftlingen der Österreicher
Völksangehörigkeit könnten nur als Parodie noch interessieren. Die Verliebtheit
in den schleimigen Arzt, ein naiver Kleine-Mädchen-Casanova, könnte zu einem
spannenden Konflikt führen, doch alles läuft derart unterkomplex ab, dass erst
die fast letzte Szene mit der coma-betrunkenen „Melli“ und dem auf einer
Waldlichtung an ihr herumschnüffelnden Arzt die Abstrusität üblicher
Seidl-Geschichten hat. Der militärische Drill des schmierigen Sportlehrers und
die immer wieder in albernen Formationen ins Bild gebrachte Kindergruppe des
Guantanamo-Light-Imitats irgendwo in den Voralpen ist höchstens dekorativ und
nur beim ersten Mal unterhaltsam. Bis auf ein paar Insider-Scherze bringt die
Verbindung der drei „Paradies“-Filme auch keinen Mehrwert, die Bezeichnung
Trilogie ist dafür stark übertrieben.
Die Heimweg-Begegnung hatte „Trash“ als Antwort. Diät-Film
trifft es besser.
7.2.13
Berlinale 2013: Matar extraños
Matar extraños
Killing Strangers
Mexiko / Dänemark 2013, 63 Min
REGIE: Jacob Secher Schulsinger, Nicolás Pereda
DARSTELLER: Gabino Rodríguez, Esthel Vogrig, Tenoch Huerta,
Harold Torres
Wie gut, dass es das Forum gibt. Da wird der mainstreamig
abgeschliffene Blick noch mal durchgeschüttelt, da werden mit in alle
Richtungen auspendelnden Werken die Eckpunkte des filmischen Erzählens weit
nach draußen verlagert und unbekanntes Seh-Land öffnet sich.
Perfektes Beispiel dafür am Berlinale-Starttag: „ Matar extraños“
von Jacob Secher Schulsinger und Nicolás Pereda. Zur Beschreibung klaue ich mal
was aus dem guten Katalog-Text: „In einem museal anmutenden Wohnzimmer findet
eine Reihe von Castings statt. Unterschiedliche Männer improvisieren oder
sprechen vorgegebene Texte nach, studieren Gesten und Parolen ein, zielen mit
einer Waffe, brechen sterbend zusammen. Immer wieder geht es dabei um
Revolution. Dazwischen Szenen in einer Wüstenlandschaft. Drei Männer, die sich
der mexikanischen Revolution zu Beginn des letzten Jahrhunderts anschließen
wollen, haben sich verlaufen.“
Dass die Wohnzimmer-Texte auch in der Wüste auftauchen -
oder umgekehrt? - scheint noch greifbar als ein Spiel mit den Erzählebenen.
Doch da gab es auch (als Vorwort?) einen Stanislawski-Text über das
Schauspielen, mittendrin Zitate aus Revolutionstexten von Arendt bis hin zu
Beatles „Revolution“. Wenn dann einer der Laien (wirklich?) beim Casting ganz
dramatisch die Geschichte von „Kevin allein zuhaus“ als sein Kindheitserlebnis
referiert, mit der Erzählung doch wieder bei den drei Männern in der Wüste
landet, ist das mit dem Entschlüsseln nicht mehr ganz so einfach. Stört das
Handy beim Vorsprechen? Nein, denn man kann aus der Muschel einen Text aus der
Wüste identifizieren!
Was ist hier Meta-Metaebene? Casten für Godot? Eigentlich
egal, weil man das Schauspiel(en) zu durchschauen meint, weil man statt einer
Folie ein Rhizom vor sich hat und sich gerne darin verliert. Die letzte Szene,
ein ganz, ganz langsames Ausblenden am Lagerfeuer (ritt im Hintergrund nicht
Jarmuschs „Dead Man“ vorbei?), ist eigentlich ein überlanger Hohn, doch auch
eine wunderbare Ironie. Wie sehr der Film wirkt, mehr man erst beim nächsten, wenn
da jemand versucht, mit dem üblichen Spiel aus eindeutigen Abbildern und Symbolen
zu erzählen und man denkt: Mit mir nicht (mehr)!
(für Lars ;-)
Berlinale 2013 The Grandmaster
Der
Meister Wong Kar Wai
erteilte allen anwesenden Filmemachern mit „The Grandmaster“ eine Lektion.
Selbst wenn man nicht übermäßig viel für asiatische Klöppereien übrig hat, hier
wird Martial Arts zum Ballet, zum atemberaubenden Bewegungs- und Bilder-Fluss.
Die lange Geschichte ist schnell erzählt: Ip Man (Tony Leung), ein
überlegener, aber bescheidener Kämpfer des Kung Fu aus dem Süden, wird zum
Nachfolger des ganz großen und vereinigenden Meisters Gong, indem er es sogar
mit dessen Tochter, der Zauberin der 64-Schlag-Technik, aufnimmt. Dieser
ausgesprochen romantische „pas des deux“ sollte fortgesetzt werden, doch der
Einmarsch der japanischen Armee trennt die Liebenden. Erst nach vielen Jahren
und politischen Umwälzungen treffen sie sich im inzwischen britischen Hong Kong
wieder. Doch Frau Gongs Gelübde, dass ihr half, den Mörder des Vaters zu
besiegen, steht der Erfüllung im Wege.
Es ist ein typischer Wong Kar Wai, der einen Moment nicht
erfüllter Liebe über Jahrzehnte und mehrere Filmstunden aufs Wunderbarste
zerdehnen kann. Kurze Zeitlupen, schwebende Rauchwölkchen, zitternde
Schneekristalle, Tropfen, die für ihr perfektes Perlen reihenweise Oscars
erhalten müssten... Das schmerzlich süße Schmachten kann niemand so gut in
Filmform bringen, wie man seit „In The Mood For Love“ weiß. Dazu Tableaus, die
an Rembrandts Gilden-Gemälde erinnern oder aus einem Bordell in Süd-China „Eine
Bar In den Folies-Bergère“ im Stile Manets machen. Dass in der unvereinbaren
Liebe zwischen dem verschneiten Norden und dem warmen Süden nebenbei
chinesische Geschichte und in der Zusammenführung unterschiedlicher Kampfstile
durch Ip Man etwas Wesentliches für den Kung Fu erzählt wird, ist da fast
Nebensache. Denn wie etwa anhand des aufmerksamen Kochens einer Suppe
Lebensweisheiten vermittelt werden, äußern die Figuren zwar wenig, aber
Treffendes. Fachjournale mögen entscheiden, ob die Geschichte des Lehrers von
Bruce Lee korrekt wiedergegeben ist. Als einfacher Zuschauer überlegt man sich, doch
irgendwie berühmt zu werden, nur damit Wong Kar Wai vielleicht auch mal dieses
Leben auf betörend schöne Weise gestalten möge.
3.2.13
Renoir
Frankreich 2012 (Renoir) Regie: Gilles Bourdos mit Michel Bouquet, Christa Theret, Vincent Rottiers 111 Min.
Bei einem Malerfilm will man Bilder und Farben sehen, was „Renoir" vortrefflich erfüllt: Die Farben der Palette Pierre-Auguste Renoirs (1841 - 1919) stimmen, die provencalen Natur-Settings auch, in denen der berühmte Maler seine letzten Lebensjahre bei Cagnes-sur-Mer verbringt. Den Alten (Michel Bouquet) interessiert nur noch Schönheit, zur Inspiration kommt deshalb als neue „Muse" die junge Andrée Heuschling (Christa Theret) täglich zu Renoir. Ungezwungen, fast respektlos begegnet die Tänzerin und Schauspielerin dem Mann im Rollstuhl, der von allen als „patron", als Meister, angesprochen wird.
Es ist ein beschaulicher, scheinbar ewiger Sommer im goldenen Licht an Cote d'Azur. Der Erste Weltkrieg deutet sich mit ein paar beurlaubten Soldaten an, die Toter Mann im Meer spielen, und mit Verstümmelten am Wegesrand. Mehr will auch der Film nicht mit Hässlichem zu tun haben. Dafür umso mehr sanft gleitende Kamerabewegungen, nebenbei mal kleine Körperstudien verspielt im Spiegelbild festgehalten. Das Verlaufen von Andrées roten Haaren auf ihrem Rücken gedoppelt mit der gleichen Pinselfarbe im Wasserglas. Auch wenn Renoir von seiner weiblichen Dienerschaft getragen werden muss, streift der Film mit großer Leichtigkeit immer wieder durch die Wiesen um sein Atelier, ununterbrochen rauscht es in den Gräsern und den Bäumen. Als eine Böe mal die Damen des Picknicks am Fluss durcheinanderwirbelt, ist der Ausruf „Verdammt, wie schön!" schon das Kräftigste am ganzen Film.
Dazu selbstverständlich Akt-Posen, die zu bekannten Gemälden werden. (Selten lief übrigens jemand konstant so unausgezogen durch einen Film, der mit Jugendfreigabe ist.) Zwischendurch ein Stillleben, wenn die Damen seines Haushalts das Essen bereiten. Gemächlich und undramatisch bleibt es selbst, als der Sohn Jean Renoir (Vincent Rottiers) kriegsverwundet nach Hause kommt. Die Begegnung der beiden großen Künstler erfolgt nicht wirklich ehrerbietig: Der eine im Rollstuhl, der andere wegen seiner Verletzung an Krücken. Während Jean beim Malen assistiert, will man alles aufnehmen, was der alte Meister der Malerei dem kommenden Meister der Regie erzählt. Es ist nicht viel. Auch wenn Andrée Jeans Geliebte wird, bleibt selbst der Vater-Sohn-Konflikt ein gepflegtes Gespräch zwischen dem leicht idealistischen Jungen, der wieder in den Krieg will, und dem reifen Mann, den nur noch das Fleisch interessiert. Nicht sein eigenes, widerspenstig schmerzendes, sondern das seine Modelle.
In Cannes' Festivalpalast hing einst ein wunderschönes Nebeneinander von Renoir-Bildern und Renoir-Filmstills mit ähnlichen Motiven zu dieser erstaunlichen Fügung, dass eine Künstlerfamilie zwei ganz verschiedene Epochen mit großartigen Bildergestaltern prägt. Das war mehr an kunstgeschichtlicher Interpretation als diese fast zwei Stunden Film nach dem Buch „Le tableau amoureux" von Jacques Renoir (Urenkel des Malers und Neffe des Filmregisseurs). Denn „Renoir" ist keinesfalls ein Schlüsselfilm für das Alterswerk von Auguste oder die Anfänge von Jean. Ein paar Andeutungen, einige skizzierte Sätze, Erinnerungen und Träumereien - mehr nicht.
„Renoir" schmeichelt Augen, Ohren und angegriffene Seelen, macht aber erstaunlicherweise weder Lust auf einen Museumsgang zu Renoir noch auf die Filme des Jüngeren. Nur die Abspann-Fakten über Andrée Heuschlings weitere Karriere, die tatsächlich in den ersten fünf Filmen Renoirs mitspielte um daraufhin vergessen zu werden, wecken etwas Neugierde, diese in einem Detail neu zu sehen.
Bei einem Malerfilm will man Bilder und Farben sehen, was „Renoir" vortrefflich erfüllt: Die Farben der Palette Pierre-Auguste Renoirs (1841 - 1919) stimmen, die provencalen Natur-Settings auch, in denen der berühmte Maler seine letzten Lebensjahre bei Cagnes-sur-Mer verbringt. Den Alten (Michel Bouquet) interessiert nur noch Schönheit, zur Inspiration kommt deshalb als neue „Muse" die junge Andrée Heuschling (Christa Theret) täglich zu Renoir. Ungezwungen, fast respektlos begegnet die Tänzerin und Schauspielerin dem Mann im Rollstuhl, der von allen als „patron", als Meister, angesprochen wird.
Es ist ein beschaulicher, scheinbar ewiger Sommer im goldenen Licht an Cote d'Azur. Der Erste Weltkrieg deutet sich mit ein paar beurlaubten Soldaten an, die Toter Mann im Meer spielen, und mit Verstümmelten am Wegesrand. Mehr will auch der Film nicht mit Hässlichem zu tun haben. Dafür umso mehr sanft gleitende Kamerabewegungen, nebenbei mal kleine Körperstudien verspielt im Spiegelbild festgehalten. Das Verlaufen von Andrées roten Haaren auf ihrem Rücken gedoppelt mit der gleichen Pinselfarbe im Wasserglas. Auch wenn Renoir von seiner weiblichen Dienerschaft getragen werden muss, streift der Film mit großer Leichtigkeit immer wieder durch die Wiesen um sein Atelier, ununterbrochen rauscht es in den Gräsern und den Bäumen. Als eine Böe mal die Damen des Picknicks am Fluss durcheinanderwirbelt, ist der Ausruf „Verdammt, wie schön!" schon das Kräftigste am ganzen Film.
Dazu selbstverständlich Akt-Posen, die zu bekannten Gemälden werden. (Selten lief übrigens jemand konstant so unausgezogen durch einen Film, der mit Jugendfreigabe ist.) Zwischendurch ein Stillleben, wenn die Damen seines Haushalts das Essen bereiten. Gemächlich und undramatisch bleibt es selbst, als der Sohn Jean Renoir (Vincent Rottiers) kriegsverwundet nach Hause kommt. Die Begegnung der beiden großen Künstler erfolgt nicht wirklich ehrerbietig: Der eine im Rollstuhl, der andere wegen seiner Verletzung an Krücken. Während Jean beim Malen assistiert, will man alles aufnehmen, was der alte Meister der Malerei dem kommenden Meister der Regie erzählt. Es ist nicht viel. Auch wenn Andrée Jeans Geliebte wird, bleibt selbst der Vater-Sohn-Konflikt ein gepflegtes Gespräch zwischen dem leicht idealistischen Jungen, der wieder in den Krieg will, und dem reifen Mann, den nur noch das Fleisch interessiert. Nicht sein eigenes, widerspenstig schmerzendes, sondern das seine Modelle.
In Cannes' Festivalpalast hing einst ein wunderschönes Nebeneinander von Renoir-Bildern und Renoir-Filmstills mit ähnlichen Motiven zu dieser erstaunlichen Fügung, dass eine Künstlerfamilie zwei ganz verschiedene Epochen mit großartigen Bildergestaltern prägt. Das war mehr an kunstgeschichtlicher Interpretation als diese fast zwei Stunden Film nach dem Buch „Le tableau amoureux" von Jacques Renoir (Urenkel des Malers und Neffe des Filmregisseurs). Denn „Renoir" ist keinesfalls ein Schlüsselfilm für das Alterswerk von Auguste oder die Anfänge von Jean. Ein paar Andeutungen, einige skizzierte Sätze, Erinnerungen und Träumereien - mehr nicht.
„Renoir" schmeichelt Augen, Ohren und angegriffene Seelen, macht aber erstaunlicherweise weder Lust auf einen Museumsgang zu Renoir noch auf die Filme des Jüngeren. Nur die Abspann-Fakten über Andrée Heuschlings weitere Karriere, die tatsächlich in den ersten fünf Filmen Renoirs mitspielte um daraufhin vergessen zu werden, wecken etwas Neugierde, diese in einem Detail neu zu sehen.
1.2.13
Parker
USA 2012 (Parker) Regie: Taylor Hackford mit Jason Statham, Jennifer Lopez, Michael Chiklis 118 Min.
Zieht euch warm an, ihr Krimifans. Dieses neue Mäntelchen aus einem Richard Stark-Stoff lässt einen trotz des Heist-Settings im sonnigen Palm Beach eindeutig kalt. Vielleicht wird dieser auf den Action-Eisblock Jason Statham zugeschnittene „Parker" den Genre-Freunden passen, aber bei zielgerechter Lieferung des Erwarteten sitzt an den entscheidenden Stellen etwas schief. Und an vielen dieser Stellen steht Jennifer Lopez deplatziert vor der Kamera.
Parker, der nach dem Ableben seines Autors Donald E. Westlake - mit Pseudonym Richard Stark - im Jahre 2008 endlich wie in den Romanen Parker heißen darf, bleibt immer cool und ungerührt. Selbst wenn bei einem großen Raubzug eine Sicherheitskraft in Panik gerät, redet der als Priester verkleidete Gangster (Jason Statham) dem Mann zu beruhigend zu, dass alles glatt verläuft. Bis zum Streit mit den Kumpanen im Fluchtauto. Am Ende liegt Parker geschunden auf der Straße, bekommt noch einen Gnadenschuss und wird in den Graben gerollt.
Doch er wird wieder aufstehen - nicht zum letzten und auch nicht zum ersten Mal. Am folgenden, gnadenlosen und unbeirrbaren Rachetrip des Todgeglaubten erkennt man den Autor Richard Stark wieder. Obwohl diesmal der Roman „Flashfire" („Irgendwann gibt jeder auf") Vorlage war, ähnelt die Handlung sehr dem Film „Point Blank" aus 1967 nach dem frühen Parker-Roman „The Hunter". Das dauernde Wiederauferstehen könnte man messianisch überinterpretieren, würde dann allerdings doch dieses Stöffchen überstrapazieren. Denn außer altmodisch sind die Geschichten vor allem übersichtlich. Auch der neue „Parker" rechnet der Reihe nach mit allen seinen Gegnern ab, wobei die Menge an schweren Verwundungen, die er einsteckt, eher an die Spielfigur Action-Jim als an Jesus erinnert.
Doch diese stringente Rache-Action ohne Schnickschnack, ausgeführt von einer unerschütterlichen Männerfigur kommt an. Selbst übel zugerichtet noch zielgerichtet - so entspannt möchte Mann sein, wenn im Supermarkt das Honigglas runterscheppert, das Smartphone schwungvoll hundert Meter über den Asphalt schliddert oder die Beziehungskrise das Wochenende versaut. Jason Statham transportiert Parker ganz gut. Er treibt den Minimalismus im Mimen-Spiel nicht auf die Spitze (siehe Lee Marvin in „Point Blank"), aber ganz schön weit.
Das wäre soweit so ok, wenn da nicht auch noch J-Lo ins Spiel käme. Gerade so coole Jungs wie Parker und sein Publikum wollen nicht eine Zicke (Jennifer Lopez) sehen, die ihm das Drehbuch ohne erotische oder romantische Chemie ans Bein geschrieben hat. Denn wahrscheinlich ist das Leben zuhause schon schwer genug. Das ist ein heftiger Stilbruch, der Einbruch eines Realitäts-Klischees ins Super-Männer-Genre. Das geht nicht!
J-Lo also als geschiedene, ausgenommene und frustrierte Immobilien-Maklerin in Palm Beach. Das würde mit den kleinen Frustrationen, wenn Parker sie auszieht, nur um nach Mikros zu suchen, mit den anderen Abweisungen, weil sie ja ach so unattraktiv ist, und mit den nervigen Zickereien in einer Komödie halbwegs funktionieren. Doch hier passt das zum Film, wie ihre Figur zum simplen, reduzierten und unterkühlten Parker.
Bevor dies nun ein Essay darüber wird, was gute Regisseure aus mäßig begabten Schauspielern machen, nur kurz der Soderbergh-Exkurs: Nie war Jennifer Lopez so gut wie 1998 in Steven Soderberghs „Out of Sight". Der Mann kann sogar eine Thaiboxerin zur Landwand-Ikone verwandeln, wie Gina Carano in „Hay Wire"! Seitdem noch mal von der Frau gehört? Genau! (Die tragische Geschichte, dass aus dem ersten Teil vom „Bennifer"-Traumpaar der gefeierter Regisseur Ben Affleck und das „-ifer" Lopez in der Hölle der Mittelmäßigkeit schmort, wird jetzt nicht weiter ausgebreitet.)
Der ultimative Vergleich mit Lee Marvin und „Point Blank", „der" Parker-Verfilmung, wäre ein unfairer, denn da war John Boorman der Regisseur. Auch wenn Taylor Hackford, der „Im Auftrag des Teufels" (1997), „When We Were Kings" (1996), „Dolores" (1995) oder „Ein Offizier und Gentleman"(1982) inszenierte, ein guter ist, dem man solche Serienarbeit nicht zumutete, er macht nichts Besonderes aus dem auch nicht wirklich vielschichtigen Material. Jason Statham will jedoch angeblich weiter machen und noch mehr Parker produzieren.
Zieht euch warm an, ihr Krimifans. Dieses neue Mäntelchen aus einem Richard Stark-Stoff lässt einen trotz des Heist-Settings im sonnigen Palm Beach eindeutig kalt. Vielleicht wird dieser auf den Action-Eisblock Jason Statham zugeschnittene „Parker" den Genre-Freunden passen, aber bei zielgerechter Lieferung des Erwarteten sitzt an den entscheidenden Stellen etwas schief. Und an vielen dieser Stellen steht Jennifer Lopez deplatziert vor der Kamera.
Parker, der nach dem Ableben seines Autors Donald E. Westlake - mit Pseudonym Richard Stark - im Jahre 2008 endlich wie in den Romanen Parker heißen darf, bleibt immer cool und ungerührt. Selbst wenn bei einem großen Raubzug eine Sicherheitskraft in Panik gerät, redet der als Priester verkleidete Gangster (Jason Statham) dem Mann zu beruhigend zu, dass alles glatt verläuft. Bis zum Streit mit den Kumpanen im Fluchtauto. Am Ende liegt Parker geschunden auf der Straße, bekommt noch einen Gnadenschuss und wird in den Graben gerollt.
Doch er wird wieder aufstehen - nicht zum letzten und auch nicht zum ersten Mal. Am folgenden, gnadenlosen und unbeirrbaren Rachetrip des Todgeglaubten erkennt man den Autor Richard Stark wieder. Obwohl diesmal der Roman „Flashfire" („Irgendwann gibt jeder auf") Vorlage war, ähnelt die Handlung sehr dem Film „Point Blank" aus 1967 nach dem frühen Parker-Roman „The Hunter". Das dauernde Wiederauferstehen könnte man messianisch überinterpretieren, würde dann allerdings doch dieses Stöffchen überstrapazieren. Denn außer altmodisch sind die Geschichten vor allem übersichtlich. Auch der neue „Parker" rechnet der Reihe nach mit allen seinen Gegnern ab, wobei die Menge an schweren Verwundungen, die er einsteckt, eher an die Spielfigur Action-Jim als an Jesus erinnert.
Doch diese stringente Rache-Action ohne Schnickschnack, ausgeführt von einer unerschütterlichen Männerfigur kommt an. Selbst übel zugerichtet noch zielgerichtet - so entspannt möchte Mann sein, wenn im Supermarkt das Honigglas runterscheppert, das Smartphone schwungvoll hundert Meter über den Asphalt schliddert oder die Beziehungskrise das Wochenende versaut. Jason Statham transportiert Parker ganz gut. Er treibt den Minimalismus im Mimen-Spiel nicht auf die Spitze (siehe Lee Marvin in „Point Blank"), aber ganz schön weit.
Das wäre soweit so ok, wenn da nicht auch noch J-Lo ins Spiel käme. Gerade so coole Jungs wie Parker und sein Publikum wollen nicht eine Zicke (Jennifer Lopez) sehen, die ihm das Drehbuch ohne erotische oder romantische Chemie ans Bein geschrieben hat. Denn wahrscheinlich ist das Leben zuhause schon schwer genug. Das ist ein heftiger Stilbruch, der Einbruch eines Realitäts-Klischees ins Super-Männer-Genre. Das geht nicht!
J-Lo also als geschiedene, ausgenommene und frustrierte Immobilien-Maklerin in Palm Beach. Das würde mit den kleinen Frustrationen, wenn Parker sie auszieht, nur um nach Mikros zu suchen, mit den anderen Abweisungen, weil sie ja ach so unattraktiv ist, und mit den nervigen Zickereien in einer Komödie halbwegs funktionieren. Doch hier passt das zum Film, wie ihre Figur zum simplen, reduzierten und unterkühlten Parker.
Bevor dies nun ein Essay darüber wird, was gute Regisseure aus mäßig begabten Schauspielern machen, nur kurz der Soderbergh-Exkurs: Nie war Jennifer Lopez so gut wie 1998 in Steven Soderberghs „Out of Sight". Der Mann kann sogar eine Thaiboxerin zur Landwand-Ikone verwandeln, wie Gina Carano in „Hay Wire"! Seitdem noch mal von der Frau gehört? Genau! (Die tragische Geschichte, dass aus dem ersten Teil vom „Bennifer"-Traumpaar der gefeierter Regisseur Ben Affleck und das „-ifer" Lopez in der Hölle der Mittelmäßigkeit schmort, wird jetzt nicht weiter ausgebreitet.)
Der ultimative Vergleich mit Lee Marvin und „Point Blank", „der" Parker-Verfilmung, wäre ein unfairer, denn da war John Boorman der Regisseur. Auch wenn Taylor Hackford, der „Im Auftrag des Teufels" (1997), „When We Were Kings" (1996), „Dolores" (1995) oder „Ein Offizier und Gentleman"(1982) inszenierte, ein guter ist, dem man solche Serienarbeit nicht zumutete, er macht nichts Besonderes aus dem auch nicht wirklich vielschichtigen Material. Jason Statham will jedoch angeblich weiter machen und noch mehr Parker produzieren.
Cirque du Soleil - Traumwelten
USA 2012 Regie: Andrew Adamson (Cirque du Soleil: Worlds Away) mit Erica Linz, Igor Zaripov, Matt Gillanders 91 Min. FSK ab 6
Verträumtes Staunen ist Programm bei Cirque du Soleil, der legendären, zum Unterhaltungs-Unternehmen gewordenen Zirkus-Truppe, die ihre Akrobaten-Nummern mit einem poetischen Gespinsel aus fantastischen Kostümen und Geschichten umwebt. Nun, im ersten großen Kino-Film von Cirque du Soleil, bildet eine kleine Liebesgeschichte den dünnen Handlungsfaden, an dem wir durch die Show-Elemente der internationalen Truppe geführt werden: Mia, Besucherin eines bescheidenen Zirkus', versinkt durch den Manegen-Boden in eine Traumwelt, wo ein Conferencier sie auf ihrer Suche nach dem Trapez-Künstler begleitet.
Dank dieses Vorwands sehen wir ein Ballett auf und unter Wasser oder eine atemberaubend avancierte Barren-Übung auf einem pendelnden Luftschiff. Wie aus Ang Lees „Tiger & Dragon" entführt schweben dann asiatische Kämpfer an Drahtseilen auf einer senkrechten, interaktiven Bühnenwand, die Robert Lepage mit gewaltiger Hydraulik ähnlich in seinem Ring des Nibelungen an der Met einsetzte.
Doch schnell weiter, denn es gibt noch viel mehr zu Staunen für Alice oder Mia im Zirkusland: Ein putzmunteres Dreirad Be- oder Aufsitzer wird ihr Begleiter, führt sie zu Superhelden, die Trampolins rocken, und in ein Beatles-Medley mit Sgt. Pepper-Hommage. Hier ist Lucy wirklich in the Sky mit Diamanten-Kostüm, danach jongliert ein falscher Muskelmann ebenfalls in luftiger Höhe mit einem Kubus.
So um die 20 verschiedene Cirque du Soleil-Shows mit insgesamt mehr als 5000 Artisten sind weltweit in hunderten Städten zu sehen. Der Umsatz des Unternehmens wird bestimmt bald die Milliarden-Grenze erreichen, doch auch Entlassungen von mehreren Hundert Mitarbeitern tauchen im Wirtschaftsteil auf. Doch das Verzaubern beherrscht dieses McDonalds des Zirkuswesens immer noch:
Die Shows des Films in riesigen, hoch technisierten Bühnenkästen sind zeitweise bombastisch und vielfältig wie einst Robert Wilsons „Civil Wars". Während die Musik bei ihren Ausflügen zu bulgarischen Frauenchöre mit afrikanischer Männer-Solis auch mal nervig übertreibt, kommen viele wirklich erstaunliche Show-Nummern zu kurz. Die Abfolge wirkt gehetzt, man vermisst Applaus und Würdigung der tollen Leistungen. Auch stillere Programmpunkte gibt es in diesem Film nicht.
Für die 3D-Wiedergabe von Bühnen-Nummern ist Wim Wenders' „Pina" zum Maßstab geworden. Der wird durch diesen „Cirque de Soleil" trotz laut verbreiteter Mitarbeit von James Cameron nicht erreicht. Nie ist man mittendrin im Gewusel poetischer Einfälle. Höchstens manchmal näher dran, aber dann auch schneller wieder weg als gewünscht. Gerade der Versuch, den Raum mit seiner Tiefe und den vielfältigen Handlungen einzufangen, scheitert durch sprunghaften Schnitt. Nur das finale in den Seilen Hängen der Verliebten, die sich endlich gefunden haben, ist zu lang. Auch wenn man die kitschige Romanze tatsächlich dringend zum Auslüften raushängen muss.
Letztendlich ist die circensische Nummern-Revue mit vielen Höhepunkten aber auch mit Albernheiten in Form von Synchronschwimm-Klischees ein schöner und nicht allzu langer Trailer für die Bühnenshow. Vielleicht gar keine schlechte Marketing-Idee.
Verträumtes Staunen ist Programm bei Cirque du Soleil, der legendären, zum Unterhaltungs-Unternehmen gewordenen Zirkus-Truppe, die ihre Akrobaten-Nummern mit einem poetischen Gespinsel aus fantastischen Kostümen und Geschichten umwebt. Nun, im ersten großen Kino-Film von Cirque du Soleil, bildet eine kleine Liebesgeschichte den dünnen Handlungsfaden, an dem wir durch die Show-Elemente der internationalen Truppe geführt werden: Mia, Besucherin eines bescheidenen Zirkus', versinkt durch den Manegen-Boden in eine Traumwelt, wo ein Conferencier sie auf ihrer Suche nach dem Trapez-Künstler begleitet.
Dank dieses Vorwands sehen wir ein Ballett auf und unter Wasser oder eine atemberaubend avancierte Barren-Übung auf einem pendelnden Luftschiff. Wie aus Ang Lees „Tiger & Dragon" entführt schweben dann asiatische Kämpfer an Drahtseilen auf einer senkrechten, interaktiven Bühnenwand, die Robert Lepage mit gewaltiger Hydraulik ähnlich in seinem Ring des Nibelungen an der Met einsetzte.
Doch schnell weiter, denn es gibt noch viel mehr zu Staunen für Alice oder Mia im Zirkusland: Ein putzmunteres Dreirad Be- oder Aufsitzer wird ihr Begleiter, führt sie zu Superhelden, die Trampolins rocken, und in ein Beatles-Medley mit Sgt. Pepper-Hommage. Hier ist Lucy wirklich in the Sky mit Diamanten-Kostüm, danach jongliert ein falscher Muskelmann ebenfalls in luftiger Höhe mit einem Kubus.
So um die 20 verschiedene Cirque du Soleil-Shows mit insgesamt mehr als 5000 Artisten sind weltweit in hunderten Städten zu sehen. Der Umsatz des Unternehmens wird bestimmt bald die Milliarden-Grenze erreichen, doch auch Entlassungen von mehreren Hundert Mitarbeitern tauchen im Wirtschaftsteil auf. Doch das Verzaubern beherrscht dieses McDonalds des Zirkuswesens immer noch:
Die Shows des Films in riesigen, hoch technisierten Bühnenkästen sind zeitweise bombastisch und vielfältig wie einst Robert Wilsons „Civil Wars". Während die Musik bei ihren Ausflügen zu bulgarischen Frauenchöre mit afrikanischer Männer-Solis auch mal nervig übertreibt, kommen viele wirklich erstaunliche Show-Nummern zu kurz. Die Abfolge wirkt gehetzt, man vermisst Applaus und Würdigung der tollen Leistungen. Auch stillere Programmpunkte gibt es in diesem Film nicht.
Für die 3D-Wiedergabe von Bühnen-Nummern ist Wim Wenders' „Pina" zum Maßstab geworden. Der wird durch diesen „Cirque de Soleil" trotz laut verbreiteter Mitarbeit von James Cameron nicht erreicht. Nie ist man mittendrin im Gewusel poetischer Einfälle. Höchstens manchmal näher dran, aber dann auch schneller wieder weg als gewünscht. Gerade der Versuch, den Raum mit seiner Tiefe und den vielfältigen Handlungen einzufangen, scheitert durch sprunghaften Schnitt. Nur das finale in den Seilen Hängen der Verliebten, die sich endlich gefunden haben, ist zu lang. Auch wenn man die kitschige Romanze tatsächlich dringend zum Auslüften raushängen muss.
Letztendlich ist die circensische Nummern-Revue mit vielen Höhepunkten aber auch mit Albernheiten in Form von Synchronschwimm-Klischees ein schöner und nicht allzu langer Trailer für die Bühnenshow. Vielleicht gar keine schlechte Marketing-Idee.
31.1.13
David Sieveking porträtiert demenzkranke Mutter in „Vergiss mein nicht“
Film-Arbeit ist wie Trauerarbeit
Regisseur und Aachener Produzent Heisler im Eden-Kino
Aachen/Berlin. David Sieveking ist mit seinem sehr persönlichen Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht" der Mann der Stunde: Bei Lanz und vielen anderen Medien- und Festivalterminen erzählt der junge Filmemacher, wie er die letzten Monate mit seiner demenzkranken Mutter dokumentarisch festhielt. Die mutige, rührende und auch erschütternde Beschäftigung mit der Krankheit trifft überall auf ein breites Interesse. Am Samstag präsentiert Sieveking zusammen mit seinem aus Aachen stammenden Produzenten und Freund Martin Heisler „Vergiss mein nicht" sowie das gleichnamige Buch in Aachen. Günter H. Jekubzik sprach mit dem Regisseur.
Nach der Weltpremiere in der Kritikerwoche von Locarno im August tourte der Film „Vergiss mein nicht" rund um die Welt von Montreal bis Island, zuletzt war er beim Festival von Rotterdam zu sehen. Dabei freut David Sieveking vor allem, dass der Film „auch ohne Deutschkenntnisse als universale Liebesgeschichte emotional funktioniert". Menschen in verschiedenen Ländern und Kulturen würden Erfahrungen machen, die sie ihr Weltbild hinterfragen lassen. Vor allem hat der Film auch „einigen Leuten Mut gemacht, sich der Krankheit zu stellen."
Im Sohn Sieveking, der nun quasi seit Monaten mit dem Angedenken an seine Mutter durch die Welt tourt, kommen immer noch „starke Gefühle hoch" wenn er den Film wieder sieht. „Dann bin ich sehr gerührt. Die Film-Arbeit ist wie Trauerarbeit, das hat mir sehr geholfen." Er findet, „das ganz gesund, dass ich das gemacht hab" und positiv, „dass es mit anderen Leuten teilen kann."
Buch abstrahiert Unzeigbares
Das Buch „Vergiss mein nicht" war eigentlich nicht geplant, die Idee kam erst später hinzu: „Jetzt schreib ich alles das, was ich im Film nicht angesprochen habe". Doch es ist nicht das übliche „Buch zum Film", denn es kann als unabhängiges Werk „ganz andere Sachen erzählen, kann ergänzen".
Er konzentrierte sich auf die Momente, die ein Film nur schwer darstellen könne: „Die schleichenden Veränderungen, die privaten Aspekte, wo die Kamera nicht immer dabei sein kann." So schreibt Sieveking dort auch von den letzten sechs Monaten im Leben seiner Mutter, die im Film ausgelassen wurden, „mit den Sekundärkrankheiten und den Schwierigkeiten am Ende des Weges". Denn, „man kann mit der Kamera nicht auf der Intensivstation filmen oder zeigen, wie sie fast erstickt beim Essen". Schwierige Momente, ließen sich „erträglicher in einem Buch beschreiben, mit Hilfe einer gewissen Abstraktion".
Während der Film „mehr Liebes- und Lebensgeschichte" der Eltern ist, konzentriert sich das Buch auf die „Mutter-Sohn-Geschichte". Außerdem gäbe es für Leute, die sich für Demenz interessieren, mehr Anhaltspunkte.
Die erbitterte Diskussion um das Buch „Abschied von meinem Vater" von Tilman Jens, Sohn des ebenfalls demenzkranken Walter Jens, hat David Sieveking nicht direkt beim Schreiben beeinflusst. Er habe es viel liebevoller empfunden als man es nach den Kritiken erwartete. Eines hat den Regisseur besonders stark beeindruckt: Obwohl Walter Jens seinen Wunsch, zu sterben, in einer Patientenverfügung detailliert philosophisch begründet habe, waren „Frau und Sohn dann nicht fähig, den Wunsch zu erfüllen. Das hat mich beim Schreiben und in der Erfahrung mit meiner Mutter stark beeinflusst."
Freund als Produzent
Den aus Aachen stammenden und in Berlin arbeitenden Produzenten Martin Heisler lernte David Sieveking schon beim Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) kennen. Über die Zusammenarbeit bei „Vergiss mein nicht" und schon vorher bei „David wants to fly" zeigt sich der Filmemacher voll des Lobes: „Martin ist kein zynischer Producer-Typ, der Geld verdienen will. Zudem war er auch auf Grund einer ähnlichen Erfahrung in seiner Familie sehr einfühlsam, vor allem, als wir den Film für einige Monate auf Eis gelegt haben, weil es meiner Mutter plötzlich viel schlechter ging." So ist es auch nicht verwunderlich, dass bei den nächsten Projekten, die Sieveking plant, auch zwei zusammen mit Martin Heisler dabei sind.
„Vergiss mein nicht" Buchvorstellung und Filmvorführung
Eden-Palast, Franzstraße, Aachen
Sa. 2.2., 20 Uhr
mit Regisseur David Sieveking, Produzent Martin Heisler und Dr. med. Andreas Theilig (Vorsitzender der Alzheimergesellschaft Städteregion Aachen)
Das Buch
Buchtitel: Vergiss mein nicht
Sieveking, David
Vergiss mein nicht. Wie meine Mutter ihr Gedächtnis verlor und ich meine Eltern neu entdeckte.
Verlag Herder, 240 Seiten € 17,99
Regisseur und Aachener Produzent Heisler im Eden-Kino
Aachen/Berlin. David Sieveking ist mit seinem sehr persönlichen Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht" der Mann der Stunde: Bei Lanz und vielen anderen Medien- und Festivalterminen erzählt der junge Filmemacher, wie er die letzten Monate mit seiner demenzkranken Mutter dokumentarisch festhielt. Die mutige, rührende und auch erschütternde Beschäftigung mit der Krankheit trifft überall auf ein breites Interesse. Am Samstag präsentiert Sieveking zusammen mit seinem aus Aachen stammenden Produzenten und Freund Martin Heisler „Vergiss mein nicht" sowie das gleichnamige Buch in Aachen. Günter H. Jekubzik sprach mit dem Regisseur.
Nach der Weltpremiere in der Kritikerwoche von Locarno im August tourte der Film „Vergiss mein nicht" rund um die Welt von Montreal bis Island, zuletzt war er beim Festival von Rotterdam zu sehen. Dabei freut David Sieveking vor allem, dass der Film „auch ohne Deutschkenntnisse als universale Liebesgeschichte emotional funktioniert". Menschen in verschiedenen Ländern und Kulturen würden Erfahrungen machen, die sie ihr Weltbild hinterfragen lassen. Vor allem hat der Film auch „einigen Leuten Mut gemacht, sich der Krankheit zu stellen."
Im Sohn Sieveking, der nun quasi seit Monaten mit dem Angedenken an seine Mutter durch die Welt tourt, kommen immer noch „starke Gefühle hoch" wenn er den Film wieder sieht. „Dann bin ich sehr gerührt. Die Film-Arbeit ist wie Trauerarbeit, das hat mir sehr geholfen." Er findet, „das ganz gesund, dass ich das gemacht hab" und positiv, „dass es mit anderen Leuten teilen kann."
Buch abstrahiert Unzeigbares
Das Buch „Vergiss mein nicht" war eigentlich nicht geplant, die Idee kam erst später hinzu: „Jetzt schreib ich alles das, was ich im Film nicht angesprochen habe". Doch es ist nicht das übliche „Buch zum Film", denn es kann als unabhängiges Werk „ganz andere Sachen erzählen, kann ergänzen".
Er konzentrierte sich auf die Momente, die ein Film nur schwer darstellen könne: „Die schleichenden Veränderungen, die privaten Aspekte, wo die Kamera nicht immer dabei sein kann." So schreibt Sieveking dort auch von den letzten sechs Monaten im Leben seiner Mutter, die im Film ausgelassen wurden, „mit den Sekundärkrankheiten und den Schwierigkeiten am Ende des Weges". Denn, „man kann mit der Kamera nicht auf der Intensivstation filmen oder zeigen, wie sie fast erstickt beim Essen". Schwierige Momente, ließen sich „erträglicher in einem Buch beschreiben, mit Hilfe einer gewissen Abstraktion".
Während der Film „mehr Liebes- und Lebensgeschichte" der Eltern ist, konzentriert sich das Buch auf die „Mutter-Sohn-Geschichte". Außerdem gäbe es für Leute, die sich für Demenz interessieren, mehr Anhaltspunkte.
Die erbitterte Diskussion um das Buch „Abschied von meinem Vater" von Tilman Jens, Sohn des ebenfalls demenzkranken Walter Jens, hat David Sieveking nicht direkt beim Schreiben beeinflusst. Er habe es viel liebevoller empfunden als man es nach den Kritiken erwartete. Eines hat den Regisseur besonders stark beeindruckt: Obwohl Walter Jens seinen Wunsch, zu sterben, in einer Patientenverfügung detailliert philosophisch begründet habe, waren „Frau und Sohn dann nicht fähig, den Wunsch zu erfüllen. Das hat mich beim Schreiben und in der Erfahrung mit meiner Mutter stark beeinflusst."
Freund als Produzent
Den aus Aachen stammenden und in Berlin arbeitenden Produzenten Martin Heisler lernte David Sieveking schon beim Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) kennen. Über die Zusammenarbeit bei „Vergiss mein nicht" und schon vorher bei „David wants to fly" zeigt sich der Filmemacher voll des Lobes: „Martin ist kein zynischer Producer-Typ, der Geld verdienen will. Zudem war er auch auf Grund einer ähnlichen Erfahrung in seiner Familie sehr einfühlsam, vor allem, als wir den Film für einige Monate auf Eis gelegt haben, weil es meiner Mutter plötzlich viel schlechter ging." So ist es auch nicht verwunderlich, dass bei den nächsten Projekten, die Sieveking plant, auch zwei zusammen mit Martin Heisler dabei sind.
„Vergiss mein nicht" Buchvorstellung und Filmvorführung
Eden-Palast, Franzstraße, Aachen
Sa. 2.2., 20 Uhr
mit Regisseur David Sieveking, Produzent Martin Heisler und Dr. med. Andreas Theilig (Vorsitzender der Alzheimergesellschaft Städteregion Aachen)
Das Buch
Buchtitel: Vergiss mein nicht
Sieveking, David
Vergiss mein nicht. Wie meine Mutter ihr Gedächtnis verlor und ich meine Eltern neu entdeckte.
Verlag Herder, 240 Seiten € 17,99
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