USA 2016 Regie: Craig Gillespie mit Chris Pine, Casey Affleck, Ben Foster, Eric Bana, Holliday Grainger 117 Min. FSK: ab 12
„Schiffe versenken" erwies sich immer mehr als recht einfallsloses Genre, wenn man den isländischen Film „The Deep" von Baltasar Kormákur außer Acht lässt: „Titanic" war eine überlange Katastrophe und nur im Abgang unterhaltsam. Wolfgang Petersens „The Perfect Storm" aus 2001 war nur das Vorspiel für seinen Karriere-Untergang mit „Poseidon" 2006. Nun blendet das biedere Untergangs-Filmchen „The Finest Hours" zurück zum Februar 1952 als ein gewaltiger Sturm auf die Küste von New England trifft. Mit glatt heldischen Figuren, als hätte es nie einen rebellischen James Dean auf der Leinwand gegeben, geht es hinaus in die haushohen Wellen, in denen es einen Tanker eindrucksvoll in der Mitte auseinander gerissen hat. Sowohl auf der Nussschale, die als Rettungsboot herhält, als auf dem Riesenschiff werden zwei stille, unsichere Männer, die in schwerer See Führung übernehmen, nach oben gespült.
Chris Pine („Star Trek") gibt den sehr schüchternen und nicht gerade schlagfertigen Retter Bernie Webber. Er muss vor seiner Hochzeit noch ein altes Trauma überwinden und beweisen, dass man es über die gefährliche Sandbank schafft. Der Einzelgänger und Maschinist Ray Sybert (Casey Affleck) versucht derweil, ohne Hydraulik-Steuerung auf eine Sandbank aufzulaufen und eine Meuterei zu verhindern. Nachdem die erste Hälfte Schiff stilvoll und ruckzuck versenkt wurde, nimmt sich der sichere Kurs aufs unausweichliche Happy End eine ganze Filmlänge Zeit. Chris Pine gibt den einfältigen, aufrichtigen und gradlinigen Kerl im Jimmy Stewart-Stil. Da passt es, dass seine Verlobte (Holliday Grainger) erst stürmisch in der Rettungs-Zentrale aufläuft, um in Anpassung an den stillen Hafen der Ehe später brav das Essen aufzutischen. So bleibt vom Disney-Stürmchen etwas Romantik und das Wellenreiten veritabler Schiffe in haushohen Brechern, realisiert mit ein paar akrobatische Einlagen der Kamera.
28.3.16
Eddie the Eagle
Großbritannien, USA, BRD 2015 Regie: Dexter Fletcher mit Taron Egerton, Hugh Jackman, Christopher Walken 106 Min. FSK: ab 0
Eine Witzfigur als Protagonist des üblichen Sporthelden-Films - das kann nur unfreiwilliger Trash und endgültige Veralberung eines Tollpatsches ergeben. Dass aus dem Leben des eher kläglichen britischen Skispringers Michael Edwards tatsächlich ein leidlicher Wohlfühlfilm wurde, ist die langweiligste Lösung.
Ein kleiner Junge mit quietschender Beinschiene wartet in einem britischen Kaff an der Bushaltestelle. Michael Edwards ist auf dem Weg zu den olympischen Spielen in Rom ... bis ihn sein Vater wieder einmal heimholt. Der kleine Träumer bleibt auch mit geheilten Beinen höchstens im Versagen olympiareif. Als ihn das britische Ski-Team aussortiert, bleibt Michael (Taron Egerton) nur eine der exotischsten der Exotischen Randsportarten: Skispringen. Denn da gibt es keinen nationalen Konkurrenten und kein Qualifikations-Grenze. Er muss nur einen Sprung überleben, was - wegen der deutschen Filmproduzenten im Team - zum Aufbruch nach Garmisch-Partenkirchen führt. Der übliche versoffene Trainer (Hugh Jackman), der eine gescheiterte Karriere hinter sich hat, bringt ihm die Grundlagen bei und gegen jede Wahrscheinlichkeit schafft es Michael „Eddie" Edwards 1988 zu den Spielen von Calgary und wird in zwei Wettbewerben umjubelt Letzter.
Dass dieser Film exakt nach der Wintersportsaison startet, ist passend: Irgendwie sehr ungeschickt, wie es Eddie Edwards immer war und deshalb in seinen 15 Minuten Berühmtheit geliebt wurde. Der Film könnte Spaß machen, wenn man ihn weniger ernst nähme, als er es selbst tut. Schon die erste Melodie klingt hymnisch und wie es endet, wissen wir ja. Für Eddie und den Humor des Films gilt: Selbst ein blindes Huhn hebt auch mal ab. Doch der Witz erschöpft sich schnell, der Film wird lang und länger. Nicht wie ein guter Skisprung, sondern wie ganzer Winter-Sonntag mit Curling, Rodeln und anderen tollen Sportarten für Berg- und Höhlenbewohner.
Eine Witzfigur als Protagonist des üblichen Sporthelden-Films - das kann nur unfreiwilliger Trash und endgültige Veralberung eines Tollpatsches ergeben. Dass aus dem Leben des eher kläglichen britischen Skispringers Michael Edwards tatsächlich ein leidlicher Wohlfühlfilm wurde, ist die langweiligste Lösung.
Ein kleiner Junge mit quietschender Beinschiene wartet in einem britischen Kaff an der Bushaltestelle. Michael Edwards ist auf dem Weg zu den olympischen Spielen in Rom ... bis ihn sein Vater wieder einmal heimholt. Der kleine Träumer bleibt auch mit geheilten Beinen höchstens im Versagen olympiareif. Als ihn das britische Ski-Team aussortiert, bleibt Michael (Taron Egerton) nur eine der exotischsten der Exotischen Randsportarten: Skispringen. Denn da gibt es keinen nationalen Konkurrenten und kein Qualifikations-Grenze. Er muss nur einen Sprung überleben, was - wegen der deutschen Filmproduzenten im Team - zum Aufbruch nach Garmisch-Partenkirchen führt. Der übliche versoffene Trainer (Hugh Jackman), der eine gescheiterte Karriere hinter sich hat, bringt ihm die Grundlagen bei und gegen jede Wahrscheinlichkeit schafft es Michael „Eddie" Edwards 1988 zu den Spielen von Calgary und wird in zwei Wettbewerben umjubelt Letzter.
Dass dieser Film exakt nach der Wintersportsaison startet, ist passend: Irgendwie sehr ungeschickt, wie es Eddie Edwards immer war und deshalb in seinen 15 Minuten Berühmtheit geliebt wurde. Der Film könnte Spaß machen, wenn man ihn weniger ernst nähme, als er es selbst tut. Schon die erste Melodie klingt hymnisch und wie es endet, wissen wir ja. Für Eddie und den Humor des Films gilt: Selbst ein blindes Huhn hebt auch mal ab. Doch der Witz erschöpft sich schnell, der Film wird lang und länger. Nicht wie ein guter Skisprung, sondern wie ganzer Winter-Sonntag mit Curling, Rodeln und anderen tollen Sportarten für Berg- und Höhlenbewohner.
23.3.16
Batman v Superman: Dawn of Justice
USA 2016 Regie: Zack Snyder mit Henry Cavill, Ben Affleck, Amy Adams, Jesse Eisenberg, Diane Lane 152 Min. FSK ab 12
Der gigantische Streit zwischen Marvel- und DC Comics erlebt eine nächste absurde Wende: Nachdem alle möglichen und unmöglichen Gegner durchgespielt sind, inklusive Godzillas oder Ähnlichem, müssen nun zwei positive Helden gegeneinander kämpfen. Erstmals sind damit die berühmten Figuren gemeinsam auf der Leinwand zu sehen - bei dieser Ankündigung kratzte man sich zweifelnd am Kopf, doch das Studio nahm diese Schnapsidee ernst, mit dem Ernst von 100 Millionen.
Der eindrucksvolle Prolog zeigt Supermans letztes Abenteuer aus der Sicht eines Zuschauers und Betroffenen. Ein 9/11-Szenario mit Bruce Wayne (Ben Affleck) mitten drin im Staub der zerberstenden Hochhäuser. Monate später landet der Überflieger Superman (Henry Cavill schaut dauernd, als ob seine Strumpfhose kneift) wie eine Drohne in einem afrikanischen Dorf. Und das ist erst eine der sehr vielen knappen aber starken Szenen, die sich zum Duell der aufgeblasenen Comic-Figuren verdichten. Dabei werfen die beiden Superhelden sich genau das Gleiche vor: Unrechtmäßiges Rumretten.
Dahinter steckt tatsächlich ein brandaktuelles Konzept politischer Kontrolle: Wenn der Super-Held, der große Retter alle Freiheiten bekommt, haben wir das klassische Konzept der Diktatur. So war es schon bei Cäsar, der seine militärischen Erfolge nutzte, um das Triumvirat abzuschaffen und sich zum allein herrschenden Kaiser zu machen. In dieser Comic-Version politischen Unterrichts verkörpert Superman den selbstgerechten Retter, der sich vor einem Gericht rechtfertigen muss. Batman gibt die Instanz, die auf Wahrung der lang erprobten Staatsregeln achtet.
„Batman v Superman: Dawn of Justice" ist Actionfilm und Comicverfilmung. Der bewährte Altmetal- und Altpapier-Verfilmer Zack Snyder („Man of Steel") bläst auch dieses Comic-Heftchen zu einem gewaltigen Action-Spektakel auf. Er kann eindrucksvoll starke Szenen inszenieren, zeigt dies allerdings in einem ziemlich unerheblichen Film im Übermaß. Das Ergebnis ist ein „fanboy's dream come true", der feuchte Traum aller nie erwachsen gewordenen, männlichen Kinofans. Und diesmal ist dieser spezielle Spaß besonders lang: Der Kampf zwischen dem Typ mit der Unterhose und dem anderen Spinner, der sich einbildet, fliegen zu können, reicht für Bierholen, Toilettengang und noch mal Bierholen.
Der Regisseur unterfüttert die Helden-Bedrohung von Oben mit berühmten Gemälden und will selbst Kino-Gemälde für die Ewigkeit schaffen. Das ist im Einzelnen stil- und eindrucksvoll, macht aber aus dem durchgeplanten Blockbuster eine Art recht ausgefallenen Kunstfilm. Nicht nur im Schnitt, auch in der mehr als deutlich eingeflochtenen Meta-Ebene.
Denn eigentlich läuft alles übersichtlich ab wie bei Asterix gegen Cäsar mit einem kleinen gemeinen Verschwörer, der die Alfa-Tierchen gegeneinander aufhetzt. Allerdings diesmal herrlich fies und gerissen. Nach einer normalen Kinolänge Vorspiel ist das klar und das einstündige Finale mit ausführlich langweiliger Prügelei kann beginnen. Für die Überlänge gibt es vorhersehbare Monsterzulage in Form eines kryptonischen Golems, atomar aufgepimpt mit Kernwaffen. Also pure Spielerei mit teuren Action-Figürchen und flotter Musik von Junkie XL.
Wie in Hollywood üblich, sind selbst bei den größten Albernheiten exzellente Schauspieler in Aktion: Vor allem Jesse Eisenberg („The Social Network") gibt den gerissenen Intriganten Lex Luthor mit Banksy-Tshirt herrlich hinterhältig und belegt wieder einmal, dass der größte Held nichts ist ohne seinen Superschurken. Die entscheidende Frage ist, ob man „BvS" – so nennen ihn die „Fanboys" - mit etwas aus seinem eigenen, realen Leben vergleicht oder mit „MoS", also Snyders Superman-Vorgänger „Man of Steel". Für die einen ist es der bessere Superman-Film, für die anderen eine überlange Nichtigkeit.
Der gigantische Streit zwischen Marvel- und DC Comics erlebt eine nächste absurde Wende: Nachdem alle möglichen und unmöglichen Gegner durchgespielt sind, inklusive Godzillas oder Ähnlichem, müssen nun zwei positive Helden gegeneinander kämpfen. Erstmals sind damit die berühmten Figuren gemeinsam auf der Leinwand zu sehen - bei dieser Ankündigung kratzte man sich zweifelnd am Kopf, doch das Studio nahm diese Schnapsidee ernst, mit dem Ernst von 100 Millionen.
Der eindrucksvolle Prolog zeigt Supermans letztes Abenteuer aus der Sicht eines Zuschauers und Betroffenen. Ein 9/11-Szenario mit Bruce Wayne (Ben Affleck) mitten drin im Staub der zerberstenden Hochhäuser. Monate später landet der Überflieger Superman (Henry Cavill schaut dauernd, als ob seine Strumpfhose kneift) wie eine Drohne in einem afrikanischen Dorf. Und das ist erst eine der sehr vielen knappen aber starken Szenen, die sich zum Duell der aufgeblasenen Comic-Figuren verdichten. Dabei werfen die beiden Superhelden sich genau das Gleiche vor: Unrechtmäßiges Rumretten.
Dahinter steckt tatsächlich ein brandaktuelles Konzept politischer Kontrolle: Wenn der Super-Held, der große Retter alle Freiheiten bekommt, haben wir das klassische Konzept der Diktatur. So war es schon bei Cäsar, der seine militärischen Erfolge nutzte, um das Triumvirat abzuschaffen und sich zum allein herrschenden Kaiser zu machen. In dieser Comic-Version politischen Unterrichts verkörpert Superman den selbstgerechten Retter, der sich vor einem Gericht rechtfertigen muss. Batman gibt die Instanz, die auf Wahrung der lang erprobten Staatsregeln achtet.
„Batman v Superman: Dawn of Justice" ist Actionfilm und Comicverfilmung. Der bewährte Altmetal- und Altpapier-Verfilmer Zack Snyder („Man of Steel") bläst auch dieses Comic-Heftchen zu einem gewaltigen Action-Spektakel auf. Er kann eindrucksvoll starke Szenen inszenieren, zeigt dies allerdings in einem ziemlich unerheblichen Film im Übermaß. Das Ergebnis ist ein „fanboy's dream come true", der feuchte Traum aller nie erwachsen gewordenen, männlichen Kinofans. Und diesmal ist dieser spezielle Spaß besonders lang: Der Kampf zwischen dem Typ mit der Unterhose und dem anderen Spinner, der sich einbildet, fliegen zu können, reicht für Bierholen, Toilettengang und noch mal Bierholen.
Der Regisseur unterfüttert die Helden-Bedrohung von Oben mit berühmten Gemälden und will selbst Kino-Gemälde für die Ewigkeit schaffen. Das ist im Einzelnen stil- und eindrucksvoll, macht aber aus dem durchgeplanten Blockbuster eine Art recht ausgefallenen Kunstfilm. Nicht nur im Schnitt, auch in der mehr als deutlich eingeflochtenen Meta-Ebene.
Denn eigentlich läuft alles übersichtlich ab wie bei Asterix gegen Cäsar mit einem kleinen gemeinen Verschwörer, der die Alfa-Tierchen gegeneinander aufhetzt. Allerdings diesmal herrlich fies und gerissen. Nach einer normalen Kinolänge Vorspiel ist das klar und das einstündige Finale mit ausführlich langweiliger Prügelei kann beginnen. Für die Überlänge gibt es vorhersehbare Monsterzulage in Form eines kryptonischen Golems, atomar aufgepimpt mit Kernwaffen. Also pure Spielerei mit teuren Action-Figürchen und flotter Musik von Junkie XL.
Wie in Hollywood üblich, sind selbst bei den größten Albernheiten exzellente Schauspieler in Aktion: Vor allem Jesse Eisenberg („The Social Network") gibt den gerissenen Intriganten Lex Luthor mit Banksy-Tshirt herrlich hinterhältig und belegt wieder einmal, dass der größte Held nichts ist ohne seinen Superschurken. Die entscheidende Frage ist, ob man „BvS" – so nennen ihn die „Fanboys" - mit etwas aus seinem eigenen, realen Leben vergleicht oder mit „MoS", also Snyders Superman-Vorgänger „Man of Steel". Für die einen ist es der bessere Superman-Film, für die anderen eine überlange Nichtigkeit.
22.3.16
Heart of a Dog
Frankreich, USA 2015 Regie: Laurie Anderson mit Archie, Jason Berg, Heung-Heung Chin 75 Min.
Die Künstlerin Laurie Anderson („Hey Superman!") erzählt in ihrem zweiten Kinofilm mit ihrer einzigartigen Stimmlage und begleitet von ihrer unvergleichlichen Musik wundervolle, poetische, kleine und verrückte Geschichten. Sie kreisen alle um Abschiede, denn 2011 starben kurz hintereinander ihr Mann Lou Reed, ihre Mutter und ihr über alles geliebter Foxterrier Lolabelle. Wobei als Zugang und Hauptperson der Hund herhält. Der zeitgeschichtliche Hintergrund für die Multi-Künstlerin bildet das New York nach den Anschlägen von 9/11. So entstand ein faszinierender Essay, ein facettenreicher Kunstfilm, eine Tiergeschichte und immer wieder ein wenig larmoyanter, aber auf ganz eigene Weise rührender Abschied.
Wo große Hollywoodfilme bevorzugt mit nur einer Idee auskommen und Hundertmillionen Dollar verschwenden, ist hier das Verhältnis umgekehrt: Unzählige, unbezahlbare Ideen und Gedanken. Andersons blinder Hund, der Piano spielt, zum Beispiel. Oder Weisheiten ihres spirituellen Lehrers und die Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Selbstverständlich die Tonspur der multimedialen Künstlerin und eine Folge von reizvollen Bildern ganz unterschiedlicher Herkunft, vom Rennen eines blinden Hundes am Strand zu Ludwig Wittgenstein und dann zur Geschichte der Dokument-Speicherung beziehungsweise -Überwachung. Ein einzigartiges, wunderbares Kunststück voller Leben und Kreativität.
Die Künstlerin Laurie Anderson („Hey Superman!") erzählt in ihrem zweiten Kinofilm mit ihrer einzigartigen Stimmlage und begleitet von ihrer unvergleichlichen Musik wundervolle, poetische, kleine und verrückte Geschichten. Sie kreisen alle um Abschiede, denn 2011 starben kurz hintereinander ihr Mann Lou Reed, ihre Mutter und ihr über alles geliebter Foxterrier Lolabelle. Wobei als Zugang und Hauptperson der Hund herhält. Der zeitgeschichtliche Hintergrund für die Multi-Künstlerin bildet das New York nach den Anschlägen von 9/11. So entstand ein faszinierender Essay, ein facettenreicher Kunstfilm, eine Tiergeschichte und immer wieder ein wenig larmoyanter, aber auf ganz eigene Weise rührender Abschied.
Wo große Hollywoodfilme bevorzugt mit nur einer Idee auskommen und Hundertmillionen Dollar verschwenden, ist hier das Verhältnis umgekehrt: Unzählige, unbezahlbare Ideen und Gedanken. Andersons blinder Hund, der Piano spielt, zum Beispiel. Oder Weisheiten ihres spirituellen Lehrers und die Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Selbstverständlich die Tonspur der multimedialen Künstlerin und eine Folge von reizvollen Bildern ganz unterschiedlicher Herkunft, vom Rennen eines blinden Hundes am Strand zu Ludwig Wittgenstein und dann zur Geschichte der Dokument-Speicherung beziehungsweise -Überwachung. Ein einzigartiges, wunderbares Kunststück voller Leben und Kreativität.
Mein Ein, mein Alles
Frankreich 2015 (Mon roi) Regie: Maïwenn mit Vincent Cassel, Emmanuelle Bercot, Louis Garrel 126 Min. FSK: ab 12
Die Regisseurin Maïwenn beeindruckte 2011 mit den harten und direkten Emotionen ihres Polizisten-Dramas „Polisse". Nur ist das Umfeld bürgerlich, doch die Gefühle schwappen wieder über: Die Anwältin Tony (Emmanuelle Bercot) muss in einer Reha-Klinik nach einem Ski-Unfall mit Kreuzbandriss tatsächlich und ganz wortörtlich lernen, wieder eigenständig zu sein. Denn die zehnjährige Beziehung mit dem charismatischen Restaurantbesitzer Georgio (Vincent Cassel) hat sie auf den Boden geworfen. Das Kennenlernen, die Verführung, die ersten Nächte, auch Hochzeit und Schwangerschaft sind ein wilder Rausch, in dem Georgio immer wieder begeistert, verzaubert, schmeichelt und verführt. Selbst dass er Tony seinen Lieblings-Apotheker vorstellt, ist noch ein schönes Spiel. Und der deutliche Hinweis auf eine Persönlichkeits-Struktur mit vielfachen Abhängigkeiten. Von den Drogen, von der Jugend und von extremen Gefühlen.
Noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes zieht Georgio aus, will wieder frei sein, fällt in sein exzessives Leben mit Super-Models zurück. Jetzt erweist er sich als dreister Manipulator, Egozentriker und Narziss. Man könnte auch ganz unromantisch sagen: Ein Wahnsinniger. Die dementsprechende moderne „amour fou", die wilde, aufregende und wechselhafte Beziehung wird aus der schweren und frustrierten Zeit der Rehabilitation gespiegelt.
So eindrucksvoll hier vor allem von Emmanuelle Bercot gespielt wird, die in Cannes 2015 als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, kann das jahrelange Hin und Her auch ermüdend für das Publikum ausfallen. Vor allem wenn man sich entschieden hat, nicht mehr auf die anfangs tatsächlich eindrucksvollen Show-Nummern von Vincent Cassel / Georgio reinzufallen. Dass Tony ihm bis zum Ende immer wieder verfällt, bleibt jedoch glaubwürdig.
Die Regisseurin Maïwenn beeindruckte 2011 mit den harten und direkten Emotionen ihres Polizisten-Dramas „Polisse". Nur ist das Umfeld bürgerlich, doch die Gefühle schwappen wieder über: Die Anwältin Tony (Emmanuelle Bercot) muss in einer Reha-Klinik nach einem Ski-Unfall mit Kreuzbandriss tatsächlich und ganz wortörtlich lernen, wieder eigenständig zu sein. Denn die zehnjährige Beziehung mit dem charismatischen Restaurantbesitzer Georgio (Vincent Cassel) hat sie auf den Boden geworfen. Das Kennenlernen, die Verführung, die ersten Nächte, auch Hochzeit und Schwangerschaft sind ein wilder Rausch, in dem Georgio immer wieder begeistert, verzaubert, schmeichelt und verführt. Selbst dass er Tony seinen Lieblings-Apotheker vorstellt, ist noch ein schönes Spiel. Und der deutliche Hinweis auf eine Persönlichkeits-Struktur mit vielfachen Abhängigkeiten. Von den Drogen, von der Jugend und von extremen Gefühlen.
Noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes zieht Georgio aus, will wieder frei sein, fällt in sein exzessives Leben mit Super-Models zurück. Jetzt erweist er sich als dreister Manipulator, Egozentriker und Narziss. Man könnte auch ganz unromantisch sagen: Ein Wahnsinniger. Die dementsprechende moderne „amour fou", die wilde, aufregende und wechselhafte Beziehung wird aus der schweren und frustrierten Zeit der Rehabilitation gespiegelt.
So eindrucksvoll hier vor allem von Emmanuelle Bercot gespielt wird, die in Cannes 2015 als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, kann das jahrelange Hin und Her auch ermüdend für das Publikum ausfallen. Vor allem wenn man sich entschieden hat, nicht mehr auf die anfangs tatsächlich eindrucksvollen Show-Nummern von Vincent Cassel / Georgio reinzufallen. Dass Tony ihm bis zum Ende immer wieder verfällt, bleibt jedoch glaubwürdig.
Silent Heart
Dänemark 2014 (Stille Hjerte) Regie: Bille August mit Ghita Nørby, Morten Grunwald, Paprika Steen, Danica Curcic, Pilou Asbæk 95 Min. FSK: ab 12
Zum Wochenende bei den Eltern bringen die beiden Töchter Vorbehalte und Ressentiments mit. Doch „Silent Heart" - der super sinnlos aus dem Dänischen ins Englische übersetzte Titel meint „Stilles Herz" - erzählt nicht von dem üblichen (Film-) Familienwochenende. Es ist die Chronik eines angekündigten Todes. Esther (Ghita Nørby), die circa 70jährige Mutter von Heidi (Paprika Steen) und Sanne (Danica Curcic) leidet unter der Nervenkrankheit ALS und will sterben. An diesem Wochenende.
Die Familie hatte schon monatelang darüber diskutiert, die Wut der Töchter ist vorüber. Nur nicht bei der labilen jüngeren Tochter Sanne, deren Depressionen schon zu einem Selbstmordversuch führten. Sie will im letzten Moment einen Krankenwagen rufen - das erzählt sie ihrem Freund Dennis (Pilou Asbæk). Der wird als lockerer Kiffer nicht nur von der allseits biestigen Schwägerin Heidi als Außenseiter angesehen. Damit er diesmal nicht wegläuft, schweißt Sanne zur Sicherheit die Autoschlüssel in einen See.
So feiert man einen vorgezogenen Weihnachtsabend, spaziert noch einmal am Strand, dort wo Sanne gezeugt wurde, und schwelgt fotografisch in Erinnerungen. Erst ein Riesen-Joint von Dennis lockert die Spannungen. Doch dass Esthers Mann Poul (Morten Grunwald) als zu beteiligter Arzt die tödlichen Tabletten verschreibt und verabreicht, ist eine schwierige Hilfskonstruktion, weil Sterbehilfe in Dänemark nicht erlaubt ist. Und auch deshalb muss es jetzt passieren, denn niemand weiß, wie lange die bereits an einem Arm gelähmte Esther noch selbst die Pillen nehmen kann - wenigstens pro forma.
Das selbstbestimmte Lebensende ist ein schwieriges Thema, dass auch filmisch immer mehr diskutiert wird: Im deutschen Film „Hin und weg" fuhr auch ein ALS-Kranker noch selbst mit dem Rad und Freunden zum legalen Ende ins belgische Ostende. In der israelischen Komödie „Am Ende ein Fest" musste eine Maschine der Behäbigkeit der Gesetzgebung in diesem Punkt nachhelfen. Auch die sehr junge und lebenslustige Frau in „Und morgen Mittag bin ich tot", die zum Sterben in die Schweiz fährt, musste sich von anderen sehr oft anhören, ihr ginge es doch noch so gut. „Silent Heart" hält sich weitestgehend aus dieser Diskussion raus, macht in kurzen, zurückhaltenden Momenten klar, wie schwer es Esther hat und wie schwer ihr der Abschied fällt. In einem Gespräch mit dem ungemein liebevollen Ehemann Poul wird klar, dass sich Esther nur noch sorgt, wie es ihren Lieben nach Esthers Tod geht.
Der 67-jährige Bille August, der Oscar- und Palmen-Gewinner, der nach der ersten internationalen Erfolg mit „Pelle, der Eroberer" (1987) viel Gutes gedreht und viel Literatur verhunzt hat („Nachtzug nach Lissabon", „Fräulein Smillas Gespür für Schnee", „Das Geisterhaus"), macht in „Silent Heart" mit Handkamera und übersichtlichem Setting teilweise auf Dogma-Stil. Mit bekannten und exzellenten Darstellern spielt er den Egoismus der Töchter aus, die wegen der eigenen Schwäche die Mutter nicht selbstbestimmt sterben lassen wollen. Doch es gibt auch viel Verständnis, zum Beispiel im schönen Verhältnis zum Enkel, der nur scheinbar hinter seinem iPad nichts mitbekommt. Das ist ungeheuer bewegend und rührend, ohne dass Bille August routiniert den emotionalen Hammer rausholen muss. Allerdings wird man - gerade angesichts der hohen Erwartungen an einen dänischen Film - das Gefühl nicht los, dass bessere Autoren wie Susanne Bier oder Thomas Vinterberg die paar losen Fäden (Buch: Christian Torpe) noch zu einem ganz runden Film verknüpft hätten.
Zum Wochenende bei den Eltern bringen die beiden Töchter Vorbehalte und Ressentiments mit. Doch „Silent Heart" - der super sinnlos aus dem Dänischen ins Englische übersetzte Titel meint „Stilles Herz" - erzählt nicht von dem üblichen (Film-) Familienwochenende. Es ist die Chronik eines angekündigten Todes. Esther (Ghita Nørby), die circa 70jährige Mutter von Heidi (Paprika Steen) und Sanne (Danica Curcic) leidet unter der Nervenkrankheit ALS und will sterben. An diesem Wochenende.
Die Familie hatte schon monatelang darüber diskutiert, die Wut der Töchter ist vorüber. Nur nicht bei der labilen jüngeren Tochter Sanne, deren Depressionen schon zu einem Selbstmordversuch führten. Sie will im letzten Moment einen Krankenwagen rufen - das erzählt sie ihrem Freund Dennis (Pilou Asbæk). Der wird als lockerer Kiffer nicht nur von der allseits biestigen Schwägerin Heidi als Außenseiter angesehen. Damit er diesmal nicht wegläuft, schweißt Sanne zur Sicherheit die Autoschlüssel in einen See.
So feiert man einen vorgezogenen Weihnachtsabend, spaziert noch einmal am Strand, dort wo Sanne gezeugt wurde, und schwelgt fotografisch in Erinnerungen. Erst ein Riesen-Joint von Dennis lockert die Spannungen. Doch dass Esthers Mann Poul (Morten Grunwald) als zu beteiligter Arzt die tödlichen Tabletten verschreibt und verabreicht, ist eine schwierige Hilfskonstruktion, weil Sterbehilfe in Dänemark nicht erlaubt ist. Und auch deshalb muss es jetzt passieren, denn niemand weiß, wie lange die bereits an einem Arm gelähmte Esther noch selbst die Pillen nehmen kann - wenigstens pro forma.
Das selbstbestimmte Lebensende ist ein schwieriges Thema, dass auch filmisch immer mehr diskutiert wird: Im deutschen Film „Hin und weg" fuhr auch ein ALS-Kranker noch selbst mit dem Rad und Freunden zum legalen Ende ins belgische Ostende. In der israelischen Komödie „Am Ende ein Fest" musste eine Maschine der Behäbigkeit der Gesetzgebung in diesem Punkt nachhelfen. Auch die sehr junge und lebenslustige Frau in „Und morgen Mittag bin ich tot", die zum Sterben in die Schweiz fährt, musste sich von anderen sehr oft anhören, ihr ginge es doch noch so gut. „Silent Heart" hält sich weitestgehend aus dieser Diskussion raus, macht in kurzen, zurückhaltenden Momenten klar, wie schwer es Esther hat und wie schwer ihr der Abschied fällt. In einem Gespräch mit dem ungemein liebevollen Ehemann Poul wird klar, dass sich Esther nur noch sorgt, wie es ihren Lieben nach Esthers Tod geht.
Der 67-jährige Bille August, der Oscar- und Palmen-Gewinner, der nach der ersten internationalen Erfolg mit „Pelle, der Eroberer" (1987) viel Gutes gedreht und viel Literatur verhunzt hat („Nachtzug nach Lissabon", „Fräulein Smillas Gespür für Schnee", „Das Geisterhaus"), macht in „Silent Heart" mit Handkamera und übersichtlichem Setting teilweise auf Dogma-Stil. Mit bekannten und exzellenten Darstellern spielt er den Egoismus der Töchter aus, die wegen der eigenen Schwäche die Mutter nicht selbstbestimmt sterben lassen wollen. Doch es gibt auch viel Verständnis, zum Beispiel im schönen Verhältnis zum Enkel, der nur scheinbar hinter seinem iPad nichts mitbekommt. Das ist ungeheuer bewegend und rührend, ohne dass Bille August routiniert den emotionalen Hammer rausholen muss. Allerdings wird man - gerade angesichts der hohen Erwartungen an einen dänischen Film - das Gefühl nicht los, dass bessere Autoren wie Susanne Bier oder Thomas Vinterberg die paar losen Fäden (Buch: Christian Torpe) noch zu einem ganz runden Film verknüpft hätten.
21.3.16
Rock the Kasbah
USA 2015 Regie: Barry Levinson mit Bill Murray, Kate Hudson, Zooey Deschanel, Danny McBride, Bruce Willis 106 Min.
„Rock the Kasbah" - das klingt selbstverständlich nach „The Clash" und Kultur-Clash, denn in den so genannten, befestigten Altstädten des Maghreb wird ja nicht unbedingt gerockt. Es klingst aber auch irgendwie nach Kasper - und den gibt Bill Murray auf vortreffliche Weise. Dass seine Clownereien mit ernstem politischem und feministischem Hintergrund dann in Afghanistan stattfinden, diese und andere Ungenauigkeiten verzeiht man dem frischen Comeback von Altmeister Barry Levinson („Rain Man", „Good Morning, Vietnam") gerne.
Der abgehalfterte Rock-Manager Richie Lanz (Bill Murray) ist ein Lebenskünstler, dem schon längst alle Tricks ausgegangen sind. Weshalb sein letztes Talent - und gleichzeitig Sekretärin - Ronnie (Zooey Deschanel) noch bei ihm bleibt, weiß sie wohl selbst nicht. Denn wie Richie sie zu einem Gig zur US-Truppenbetreuung nach Afghanistan verfrachtet, ist keine Empfehlung. Aber sehr, sehr lustig. Auf die Art, wie Kriegs-Satiren seit „Mash" unbedarfte Zivilisten in unrettbare Situationen schmeißen. Aber Richie bleibt Optimist, selbst als Ronnie mit Hilfe des Söldners Bombay Brian (Bruce Willis) sowie mit Richies Geld und Pass abhaut. Selbst als er für mehr als halbgare Waffenhändler (Scott Caan, Danny McBride) ein abgelegenes Dorf beliefern soll. Und vor allem, als er dort die wirklich wunderbare Frauenstimme von Salima (Leem Lubany) hört, die unbedingt in die populärste Casting-Show Afghanistans muss.
Nun soll frau nach Meinung der nur offiziell vertriebenen Taliban und auch ihres strenggläubigen paschtunischen Dorfes nicht singen oder gar tanzen. Dass Salima es doch tut und nach großem Einsatz ihres Managements (Richie) und der einflussreichen Prostituierten Merci (Kate Hudson) auf nationalem TV sogar die nächste Runde erreicht, ist lebensgefährlich. Dass der Film teilweise eine ähnliche Naivität wie der sich vor allem selbst täuschende, us-amerikanische Showman Richie an den Tag legt, kann man ihm gut und gerne verzeihen. Denn er bringt mit echtem Engagement die wahre Geschichte von Sara Najafi einem großen Publikum nahe: Sie war zwar nicht die erste Frau, die in einer Casting-Show im Fernsehen sang, doch ihre zaghaften Tanzbewegungen und ein verrutschtes Kopftuch sorgten für Aufruhr und Todesdrohungen. Wie es die Doku „No Land's Song" über den Iran erzählte. Das ist dann ein realer Hintergrund, bei dem einem das Lachen endgültig im Halse stecken bleibt. Auch die Randbemerkungen über illegale Waffendeals, die den Krieg des Stammesfürsten befeuern und eine US-Armee, die sich hauptsächlich um das Show-Programm kümmert, erinnern an den politischen Regisseur Levinson aus dem Vietnam-Film „Good Morning, Vietnam" und der Polit-Satire „Wag the Dog". Dass der erfahrene Regisseur, der seine große Zeit Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre mit „Toys", „Bugsy", „Avalon" und „Rain Man" hatte, seinen Film bis zum Märchenfinale erstaunlich holperig montieren ließ, ist angesichts des lustvollen Spiels von Bill Murray, Kate Hudson und Bruce Willis letztlich egal.
„Rock the Kasbah" - das klingt selbstverständlich nach „The Clash" und Kultur-Clash, denn in den so genannten, befestigten Altstädten des Maghreb wird ja nicht unbedingt gerockt. Es klingst aber auch irgendwie nach Kasper - und den gibt Bill Murray auf vortreffliche Weise. Dass seine Clownereien mit ernstem politischem und feministischem Hintergrund dann in Afghanistan stattfinden, diese und andere Ungenauigkeiten verzeiht man dem frischen Comeback von Altmeister Barry Levinson („Rain Man", „Good Morning, Vietnam") gerne.
Der abgehalfterte Rock-Manager Richie Lanz (Bill Murray) ist ein Lebenskünstler, dem schon längst alle Tricks ausgegangen sind. Weshalb sein letztes Talent - und gleichzeitig Sekretärin - Ronnie (Zooey Deschanel) noch bei ihm bleibt, weiß sie wohl selbst nicht. Denn wie Richie sie zu einem Gig zur US-Truppenbetreuung nach Afghanistan verfrachtet, ist keine Empfehlung. Aber sehr, sehr lustig. Auf die Art, wie Kriegs-Satiren seit „Mash" unbedarfte Zivilisten in unrettbare Situationen schmeißen. Aber Richie bleibt Optimist, selbst als Ronnie mit Hilfe des Söldners Bombay Brian (Bruce Willis) sowie mit Richies Geld und Pass abhaut. Selbst als er für mehr als halbgare Waffenhändler (Scott Caan, Danny McBride) ein abgelegenes Dorf beliefern soll. Und vor allem, als er dort die wirklich wunderbare Frauenstimme von Salima (Leem Lubany) hört, die unbedingt in die populärste Casting-Show Afghanistans muss.
Nun soll frau nach Meinung der nur offiziell vertriebenen Taliban und auch ihres strenggläubigen paschtunischen Dorfes nicht singen oder gar tanzen. Dass Salima es doch tut und nach großem Einsatz ihres Managements (Richie) und der einflussreichen Prostituierten Merci (Kate Hudson) auf nationalem TV sogar die nächste Runde erreicht, ist lebensgefährlich. Dass der Film teilweise eine ähnliche Naivität wie der sich vor allem selbst täuschende, us-amerikanische Showman Richie an den Tag legt, kann man ihm gut und gerne verzeihen. Denn er bringt mit echtem Engagement die wahre Geschichte von Sara Najafi einem großen Publikum nahe: Sie war zwar nicht die erste Frau, die in einer Casting-Show im Fernsehen sang, doch ihre zaghaften Tanzbewegungen und ein verrutschtes Kopftuch sorgten für Aufruhr und Todesdrohungen. Wie es die Doku „No Land's Song" über den Iran erzählte. Das ist dann ein realer Hintergrund, bei dem einem das Lachen endgültig im Halse stecken bleibt. Auch die Randbemerkungen über illegale Waffendeals, die den Krieg des Stammesfürsten befeuern und eine US-Armee, die sich hauptsächlich um das Show-Programm kümmert, erinnern an den politischen Regisseur Levinson aus dem Vietnam-Film „Good Morning, Vietnam" und der Polit-Satire „Wag the Dog". Dass der erfahrene Regisseur, der seine große Zeit Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre mit „Toys", „Bugsy", „Avalon" und „Rain Man" hatte, seinen Film bis zum Märchenfinale erstaunlich holperig montieren ließ, ist angesichts des lustvollen Spiels von Bill Murray, Kate Hudson und Bruce Willis letztlich egal.
15.3.16
Raum
Irland, Kanada 2015 (Room) Regie: Lenny Abrahamson mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy 118 Min. FSK: ab 12
Der Oscar 2016 für Brie Larson als „Beste Darstellerin" ist ein Grund, sich in einen dunklen Raum zu begeben, um „Raum" zu sehen. Die furchtbare Ausgangssituation ein anderer: Joy Newsome (Brie Larson) wurde entführt, seit sieben Jahren in einem Raum gefangen gehalten und regelmäßig vergewaltigt. Sie gebar einen Sohn, der gerade seinen fünften Geburtstag feiert. Mit den bescheidenen Mitteln, die ‚Raum' hat. So nennt Jack (Jacob Tremblay) seine Welt in Unkenntnis von etwas anderem. Denn Joy hat ihm nie von der Welt außerhalb ihres Gefängnisses erzählt. Als sie in Vorbereitung einer Flucht damit beginnt, will Jack von der Welt nichts wissen.
Nach einer klaustrophobischen erste Stunde intensiven und beklemmenden Kammerspiels folgt eine kurze dramatische Flucht und dann die schwierige Anpassung an eine für Jack unvorstellbare Welt. Er will auch in der Freiheit immer noch in seinem Bett im Raum schlafen und sich an die Regeln der Enge halten. Der Junge ist konfrontiert von permanenter Überforderung, nicht nur durch die Medien vor dem Haus, die alle wieder erneut zu Gefangenen machen. Auch ganz schnell ganz kümmern sich viele Menschen um ihn in diesem anderen Film.
So wie Jack mit seiner Fantasie eine eigene Welt im ‚Raum' schuf, übernimmt „Raum" bis zum letzten, hier noch mal arg mit Streichern unterfütterten Abschied von ‚Raum' in der zweiten Hälfte ganz die seine Perspektive. Was sich irgendwie sehr unfair gegenüber seiner Mutter anfühlt, die mit der Verarbeitung des Erlebten wesentlich schlechter zurecht kommt. Lenny Abrahamson, der Regisseur von „Frank", hält sich mit der Inszenierung sehr zurück und konzentriert sich bei der Umsetzung von Emma Donoghues gleichnamigem Roman auf die Schauspieler. Die im Zusammenhalt von Mutter und Kinder immer wieder rühren. Doch das Erleben der zweiten außergewöhnlichen Situation, die Freiheit nach der Beschränkung des Weltbildes, verläuft doch arg gefällig.
Der Oscar 2016 für Brie Larson als „Beste Darstellerin" ist ein Grund, sich in einen dunklen Raum zu begeben, um „Raum" zu sehen. Die furchtbare Ausgangssituation ein anderer: Joy Newsome (Brie Larson) wurde entführt, seit sieben Jahren in einem Raum gefangen gehalten und regelmäßig vergewaltigt. Sie gebar einen Sohn, der gerade seinen fünften Geburtstag feiert. Mit den bescheidenen Mitteln, die ‚Raum' hat. So nennt Jack (Jacob Tremblay) seine Welt in Unkenntnis von etwas anderem. Denn Joy hat ihm nie von der Welt außerhalb ihres Gefängnisses erzählt. Als sie in Vorbereitung einer Flucht damit beginnt, will Jack von der Welt nichts wissen.
Nach einer klaustrophobischen erste Stunde intensiven und beklemmenden Kammerspiels folgt eine kurze dramatische Flucht und dann die schwierige Anpassung an eine für Jack unvorstellbare Welt. Er will auch in der Freiheit immer noch in seinem Bett im Raum schlafen und sich an die Regeln der Enge halten. Der Junge ist konfrontiert von permanenter Überforderung, nicht nur durch die Medien vor dem Haus, die alle wieder erneut zu Gefangenen machen. Auch ganz schnell ganz kümmern sich viele Menschen um ihn in diesem anderen Film.
So wie Jack mit seiner Fantasie eine eigene Welt im ‚Raum' schuf, übernimmt „Raum" bis zum letzten, hier noch mal arg mit Streichern unterfütterten Abschied von ‚Raum' in der zweiten Hälfte ganz die seine Perspektive. Was sich irgendwie sehr unfair gegenüber seiner Mutter anfühlt, die mit der Verarbeitung des Erlebten wesentlich schlechter zurecht kommt. Lenny Abrahamson, der Regisseur von „Frank", hält sich mit der Inszenierung sehr zurück und konzentriert sich bei der Umsetzung von Emma Donoghues gleichnamigem Roman auf die Schauspieler. Die im Zusammenhalt von Mutter und Kinder immer wieder rühren. Doch das Erleben der zweiten außergewöhnlichen Situation, die Freiheit nach der Beschränkung des Weltbildes, verläuft doch arg gefällig.
Son of Saul
Ungarn 2015 (Saul fia) Regie: László Nemes mit Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn 107 Min. FSK: ab 16
Mittlerweile wird in den Feuilletons nur noch über den Stil diskutiert: Darf man das unfassbare Grauen des Holocaust mit einer äußerst strengen Form scheinbar von Innen aufnehmen? Aus der Perspektive eines Häftlings, der mitgewirkt hat. Dies und die bisherige Preisflut (Grand Prix in Cannes, Golden Globe) belegen nur die ungeheure Wirkung dieses erschütternden und großartigen Films. Der Versuch, den eigenen Sohn mitten in der Vernichtungsmaschinerie eines Konzentrationslagers nach religiösen Riten zu beerdigen, ist ein verzweifeltes Klammern an Reste von Humanität.
Mit angestrengtem, schnellem Atem markiert die Tonspur direkt am Anfang ihre Wirkungsmacht: Saul Ausländer (Géza Röhrig) ist Teil eines Sonderkommandos im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Männer wissen, dass sie ein paar Monate länger leben dürfen, wenn sie die furchtbarsten Arbeiten dieser Todes-Maschinerie erledigen. Sie ziehen die Häftlinge vor der Gaskammer aus und beruhigen sie. Noch während die Schreie der Sterbenden von nebenan erklingen, werden die Kleidungsstücke nach Verwertbarem durchsucht und sortiert. Dann die Leichen aus der Gaskammer transportieren und den Raum im Akkord reinigen. Im Oktober 1944 wollten die Nazis angesichts der sicheren Niederlage Deutschlands in ihrer besonderen Logik besonders viele Menschen umbringen.
Der Film „Son of Saul" (Der Sohn von Saul) nähert sich dem Unfassbaren mit einem ganz engen Blickwinkel. Wie bei den Filmen der Dardennes folgt die Handkamera von Mátyás Erdély dem Protagonisten Saul hautnah, zeigt sein verschlossenes Gesicht, den gesenkten Blick, das eifrige Handeln. Wie er selbst sehen auch wir kaum etwas drumherum, was das Unerträgliche aushaltbar macht. Bis wundersam ein Junge die Gaskammer überlebt. Zwar beendet ein SS-Arzt dann doch das Leben des röchelnden Körpers, aber Saul meint in dem Jungen seinen Sohn erkannt zu haben. Nun versucht der ungarische Jude in dem extrem restriktiven System mit polnischen Kapos, Oberkapos und überall deutschen Soldaten einen Rabbi zu finden, um dem Toten ein Kaddisch-Gebet zu sprechen. Was in den internen Widerstands-Strukturen des Lagers nur äußerst ungern geduldet wird, plant man doch eine Flucht. Denn die Männer der Sonderkommandos wissen, dass sie als Zeugen des Massenmordens auf jeden Fall sterben müssen.
Wie Saul ist auch die Kamera immer in Bewegung, nimmt aber das Grauen nie in den Fokus. Doch auch wenn sie wie Saul wegblickt, es lässt sich nicht ausblenden. Die Unruhe der Tonspur überträgt sich auf die fassungslosen Zuschauer. Und doch zeichnen die hektisch entschlossenen, eigentlich unmöglichen Wege Sauls erstaunlich genau die Funktionsweise im Lager nach. Ein Säckchen Sprengstoff holt er im Frauenlager - gegen Schmuck aus den Gaskammern ließen die Wachen Männer für vermeintliche Prostitution durch. Eine Fotokamera des Widerstands versucht, die horrenden Taten festzuhalten. Dies Detail basiert auf historische Ereignisse, die wichtig für die Dokumentation des Grauens waren. Einen vermeintlichen Rabbi rettet Saul sogar von den Todesgruben, an denen die Juden direkt erschossen wurden, weil die Verbrennungs-Öfen nicht mehr mit dem Morden mitkamen.
Doch dies sind nur Details einer ungeheuren Wirkung, die „Son of Saul" erzielt. Nicht trotz, sondern wegen seiner anscheinend zurückhaltenden Kameraführung und der extrem nüchternen Inszenierung ohne jeglichen melodramatischen Effekt. So ist das Mäkeln an Form und Stil wohl hauptsächlich eine Folge der notwendigen aber ungemein heftigen Konfrontation mit etwas Unvorstellbarem.
Mittlerweile wird in den Feuilletons nur noch über den Stil diskutiert: Darf man das unfassbare Grauen des Holocaust mit einer äußerst strengen Form scheinbar von Innen aufnehmen? Aus der Perspektive eines Häftlings, der mitgewirkt hat. Dies und die bisherige Preisflut (Grand Prix in Cannes, Golden Globe) belegen nur die ungeheure Wirkung dieses erschütternden und großartigen Films. Der Versuch, den eigenen Sohn mitten in der Vernichtungsmaschinerie eines Konzentrationslagers nach religiösen Riten zu beerdigen, ist ein verzweifeltes Klammern an Reste von Humanität.
Mit angestrengtem, schnellem Atem markiert die Tonspur direkt am Anfang ihre Wirkungsmacht: Saul Ausländer (Géza Röhrig) ist Teil eines Sonderkommandos im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Männer wissen, dass sie ein paar Monate länger leben dürfen, wenn sie die furchtbarsten Arbeiten dieser Todes-Maschinerie erledigen. Sie ziehen die Häftlinge vor der Gaskammer aus und beruhigen sie. Noch während die Schreie der Sterbenden von nebenan erklingen, werden die Kleidungsstücke nach Verwertbarem durchsucht und sortiert. Dann die Leichen aus der Gaskammer transportieren und den Raum im Akkord reinigen. Im Oktober 1944 wollten die Nazis angesichts der sicheren Niederlage Deutschlands in ihrer besonderen Logik besonders viele Menschen umbringen.
Der Film „Son of Saul" (Der Sohn von Saul) nähert sich dem Unfassbaren mit einem ganz engen Blickwinkel. Wie bei den Filmen der Dardennes folgt die Handkamera von Mátyás Erdély dem Protagonisten Saul hautnah, zeigt sein verschlossenes Gesicht, den gesenkten Blick, das eifrige Handeln. Wie er selbst sehen auch wir kaum etwas drumherum, was das Unerträgliche aushaltbar macht. Bis wundersam ein Junge die Gaskammer überlebt. Zwar beendet ein SS-Arzt dann doch das Leben des röchelnden Körpers, aber Saul meint in dem Jungen seinen Sohn erkannt zu haben. Nun versucht der ungarische Jude in dem extrem restriktiven System mit polnischen Kapos, Oberkapos und überall deutschen Soldaten einen Rabbi zu finden, um dem Toten ein Kaddisch-Gebet zu sprechen. Was in den internen Widerstands-Strukturen des Lagers nur äußerst ungern geduldet wird, plant man doch eine Flucht. Denn die Männer der Sonderkommandos wissen, dass sie als Zeugen des Massenmordens auf jeden Fall sterben müssen.
Wie Saul ist auch die Kamera immer in Bewegung, nimmt aber das Grauen nie in den Fokus. Doch auch wenn sie wie Saul wegblickt, es lässt sich nicht ausblenden. Die Unruhe der Tonspur überträgt sich auf die fassungslosen Zuschauer. Und doch zeichnen die hektisch entschlossenen, eigentlich unmöglichen Wege Sauls erstaunlich genau die Funktionsweise im Lager nach. Ein Säckchen Sprengstoff holt er im Frauenlager - gegen Schmuck aus den Gaskammern ließen die Wachen Männer für vermeintliche Prostitution durch. Eine Fotokamera des Widerstands versucht, die horrenden Taten festzuhalten. Dies Detail basiert auf historische Ereignisse, die wichtig für die Dokumentation des Grauens waren. Einen vermeintlichen Rabbi rettet Saul sogar von den Todesgruben, an denen die Juden direkt erschossen wurden, weil die Verbrennungs-Öfen nicht mehr mit dem Morden mitkamen.
Doch dies sind nur Details einer ungeheuren Wirkung, die „Son of Saul" erzielt. Nicht trotz, sondern wegen seiner anscheinend zurückhaltenden Kameraführung und der extrem nüchternen Inszenierung ohne jeglichen melodramatischen Effekt. So ist das Mäkeln an Form und Stil wohl hauptsächlich eine Folge der notwendigen aber ungemein heftigen Konfrontation mit etwas Unvorstellbarem.
Die Bestimmung - Allegiant
USA 2016 (The Divergent Series: Allegiant) Regie: Robert Schwentke mit Shailene Woodley, Theo James, Jeff Daniels, Miles Teller 120 Min. FSK: ab 12
Es passiert eine Menge, die Handlung jagt mit Riesensprüngen voran, doch Veronica Roths „Bestimmung"-Romantrilogie kommt auch im dritten Film nicht zum Ende. Der Filmproduzent teilt das Buch wieder auf, um zweifach zu verdienen. Das Ergebnis „Die Bestimmung - Allegiant" ist ein unbefriedigendes filmisches Holterdiepolter, das man sich bis zum endgültigen Finale im Jahr 2017 gut sparen kann.
Die 16-jährige Tris (Shailene Woodley) hat die Grenzen der aufgeteilten Gesellschaftsordnung im post-apokalyptischen Chicago niedergerissen. Doch die Mauer zur Außenwelt wird von der neuen Führung direkt geschlossen und es beginnt eine Terrorherrschaft wie bei der Französischen Revolution mit Hinrichtungen vor jubelnden Pöbel. Tris will dem entfliehen und ihrer im letzten Teil offenbarten, mysteriösen Bestimmung folgen. Zusammen mit der bekannten Gruppe von Freunden überwindet sie in aufwändigen Action-Sequenzen die Mauer, durchwandert unter Blutregen die zerstörte Umwelt der „Randzone", um hinter einem Tarnschirm eine faszinierend futuristische Welt zu entdecken.
Aber auch hier ist alles kontrolliert, die Menschheit in „Reine" und „Unreine" eingeteilt. Tätowiert wird dieser Makel nicht mit Nummer auf dem Arm, sondern modern mit Barcode. Es dauert etwas, bis die auserwählte Tris begreift, wie zynisch das Experiment der Übermenschen mit den totalüberwachten Versuchskaninchen in Chicago umspringt. Dann darf die Action wieder alles retten in einem Finale, dass erstaunlich abgeschlossen wirkt.
Der deutsche Regisseur Robert Schwentke findet sich nach richtig guten ersten Werken („Eierdiebe", „Flight Plan") mit seinem zweiten Bestimmungs-Film erneut „Lost in Computereffekte". Das sieht teilweise sehr eindrucksvoll aus, die Science Fiction-Ideen hängen die Großklötze des Genres mit Mini-Drohnen und äußerst verführerischen virtuellen Realitäten um Längen ab. Die Sets aus oft heruntergekommenen Industrieanlagen um den Flughafen Chicagos als schillernde Zentrale einer gen-gläubigen Gesellschaft machen mit und ohne Computerhilfe viel her (Kamera: Florian Ballhaus).
Zudem beinhaltet „Die Bestimmung" weiterhin kleine, wertvolle politische Lehrstücke. Diesmal wird einer Rache-Justiz das Konzept von Reue und Vergebung gegenübergestellt. Auch Klassengesellschaften jeder Art sind eindeutig als Quell von Übel markiert. Alles sehr interessant und inhaltlich überdurchschnittlich für das Genre des Jugendfilms. Aber dramaturgisch geriet es mehr als holperig. Die eigentliche Handlung fließt nie organisch und als starke Verbindung zwischen den einzelnen Elementen und Schauwerten. Da musste wohl das Buch wohl zu sehr eingekürzt werden. Weiterhin ist zu wenig bis gar kein Charisma bei der Hauptdarstellerin Shailene Woodley zu vermelden, bei viel Talent drumherum (Theo James, Jeff Daniels, Miles Teller). Hier kann man nur auf die Fortsetzung der Fortsetzung hoffen - und auf einen Directors Cut, der besser funktioniert.
Es passiert eine Menge, die Handlung jagt mit Riesensprüngen voran, doch Veronica Roths „Bestimmung"-Romantrilogie kommt auch im dritten Film nicht zum Ende. Der Filmproduzent teilt das Buch wieder auf, um zweifach zu verdienen. Das Ergebnis „Die Bestimmung - Allegiant" ist ein unbefriedigendes filmisches Holterdiepolter, das man sich bis zum endgültigen Finale im Jahr 2017 gut sparen kann.
Die 16-jährige Tris (Shailene Woodley) hat die Grenzen der aufgeteilten Gesellschaftsordnung im post-apokalyptischen Chicago niedergerissen. Doch die Mauer zur Außenwelt wird von der neuen Führung direkt geschlossen und es beginnt eine Terrorherrschaft wie bei der Französischen Revolution mit Hinrichtungen vor jubelnden Pöbel. Tris will dem entfliehen und ihrer im letzten Teil offenbarten, mysteriösen Bestimmung folgen. Zusammen mit der bekannten Gruppe von Freunden überwindet sie in aufwändigen Action-Sequenzen die Mauer, durchwandert unter Blutregen die zerstörte Umwelt der „Randzone", um hinter einem Tarnschirm eine faszinierend futuristische Welt zu entdecken.
Aber auch hier ist alles kontrolliert, die Menschheit in „Reine" und „Unreine" eingeteilt. Tätowiert wird dieser Makel nicht mit Nummer auf dem Arm, sondern modern mit Barcode. Es dauert etwas, bis die auserwählte Tris begreift, wie zynisch das Experiment der Übermenschen mit den totalüberwachten Versuchskaninchen in Chicago umspringt. Dann darf die Action wieder alles retten in einem Finale, dass erstaunlich abgeschlossen wirkt.
Der deutsche Regisseur Robert Schwentke findet sich nach richtig guten ersten Werken („Eierdiebe", „Flight Plan") mit seinem zweiten Bestimmungs-Film erneut „Lost in Computereffekte". Das sieht teilweise sehr eindrucksvoll aus, die Science Fiction-Ideen hängen die Großklötze des Genres mit Mini-Drohnen und äußerst verführerischen virtuellen Realitäten um Längen ab. Die Sets aus oft heruntergekommenen Industrieanlagen um den Flughafen Chicagos als schillernde Zentrale einer gen-gläubigen Gesellschaft machen mit und ohne Computerhilfe viel her (Kamera: Florian Ballhaus).
Zudem beinhaltet „Die Bestimmung" weiterhin kleine, wertvolle politische Lehrstücke. Diesmal wird einer Rache-Justiz das Konzept von Reue und Vergebung gegenübergestellt. Auch Klassengesellschaften jeder Art sind eindeutig als Quell von Übel markiert. Alles sehr interessant und inhaltlich überdurchschnittlich für das Genre des Jugendfilms. Aber dramaturgisch geriet es mehr als holperig. Die eigentliche Handlung fließt nie organisch und als starke Verbindung zwischen den einzelnen Elementen und Schauwerten. Da musste wohl das Buch wohl zu sehr eingekürzt werden. Weiterhin ist zu wenig bis gar kein Charisma bei der Hauptdarstellerin Shailene Woodley zu vermelden, bei viel Talent drumherum (Theo James, Jeff Daniels, Miles Teller). Hier kann man nur auf die Fortsetzung der Fortsetzung hoffen - und auf einen Directors Cut, der besser funktioniert.
Lolo
Frankreich 2015 Regie: Julie Delpy mit Julie Delpy, Dany Boon, Vincent Lacoste, Karin Viard 100 Min. FSK: ab 6
In ihrer sechsten Spielfilm-Regie nimmt Julie Delpy den Kampf mit dem Ödipus-Komplex auf: Sie spielt selbst die frustrierte, überarbeitete Zicke Violette aus Paris, die im Wellness-Urlaub an der Küste den vermeintlichen Dorftrottel Jean-René Graves (Dany „Sch'tis" Boon) kennen und lieben lernt, als der ihr einen frisch gefangenen Thunfisch in den Schoss schmeißt. Beim Wiedersehen in Paris, liegt aber ein anderer Mann bei ihr im Bett: Ihr 19-järiger Sohn Lolo (Vincent Lacoste) hat sich unangekündigt einquartiert und startet direkt einen offenen Kampf mit dem Konkurrenten um die Aufmerksamkeit von Mama.
Der „kleine Lolo", der „Hase", zeigt sich als verwöhnter, arroganter, snobistischer Teenager und startet simple Psychospielchen mit dem Neu-Pariser, lässt heftigst den Ödipus raushängen, streut Juckpulver auf die Klamotten des Widersachers. Das triggert Juckreiz, aber auch die Panik bei der hypochondrischen Violette. Alles vorhersehbar und vor allem von Vincent Lacoste, dem Darsteller des Lolo, auf dem Niveau einer Laienaufführung gespielt.
Enttäuschend, was die Schauspielerin Julie Delpy (aus der „Before ..."-Trilogie, die 2013 mit „Before Midnight" endete) da hinlegt, aber noch viel enttäuschender, wie sich die Regisseurin, Autorin und Produzentin Delpy auf so eine Banalität einlässt. „Lolo" ist so viel schematischer als die eigenen geistreichen Beziehungskomödien „2 Tage New York" (2011) oder „2 Tage Paris" (2006). Da will man nur noch einmal den großartigen Ödipus „Cyrus" mit Jonah Hill, John C. Reilly und Marisa Tomei sehen.
In ihrer sechsten Spielfilm-Regie nimmt Julie Delpy den Kampf mit dem Ödipus-Komplex auf: Sie spielt selbst die frustrierte, überarbeitete Zicke Violette aus Paris, die im Wellness-Urlaub an der Küste den vermeintlichen Dorftrottel Jean-René Graves (Dany „Sch'tis" Boon) kennen und lieben lernt, als der ihr einen frisch gefangenen Thunfisch in den Schoss schmeißt. Beim Wiedersehen in Paris, liegt aber ein anderer Mann bei ihr im Bett: Ihr 19-järiger Sohn Lolo (Vincent Lacoste) hat sich unangekündigt einquartiert und startet direkt einen offenen Kampf mit dem Konkurrenten um die Aufmerksamkeit von Mama.
Der „kleine Lolo", der „Hase", zeigt sich als verwöhnter, arroganter, snobistischer Teenager und startet simple Psychospielchen mit dem Neu-Pariser, lässt heftigst den Ödipus raushängen, streut Juckpulver auf die Klamotten des Widersachers. Das triggert Juckreiz, aber auch die Panik bei der hypochondrischen Violette. Alles vorhersehbar und vor allem von Vincent Lacoste, dem Darsteller des Lolo, auf dem Niveau einer Laienaufführung gespielt.
Enttäuschend, was die Schauspielerin Julie Delpy (aus der „Before ..."-Trilogie, die 2013 mit „Before Midnight" endete) da hinlegt, aber noch viel enttäuschender, wie sich die Regisseurin, Autorin und Produzentin Delpy auf so eine Banalität einlässt. „Lolo" ist so viel schematischer als die eigenen geistreichen Beziehungskomödien „2 Tage New York" (2011) oder „2 Tage Paris" (2006). Da will man nur noch einmal den großartigen Ödipus „Cyrus" mit Jonah Hill, John C. Reilly und Marisa Tomei sehen.
Auferstanden
USA 2016 (Risen) Regie: Kevin Reynolds mit Joseph Fiennes, Tom Felton, Peter Firth, Cliff Curtis 108 Min. FSK: ab 12
CSI - Jerusalem a.D. 33. Was in „Hail Caesar" ein kurzer Scherz war, will dieser verstaubte Sandalen-Film ernsthaft ausführlich erzählen: Das Sterben und Wiederauferstehen eines religiösen Führers aus der Sicht eines gegnerischen Detektives. Joseph Fiennes gibt wenig charismatisch den römischen Karriere-Soldaten Clavius, der im Auftrag von Chef Pilatus die Leiche dieses gekreuzigten Aufrührers Joschua finden soll. Was der skrupellose Schlächter findet, sind scheinbar geistesgestörte Anhänger erfüllt von dieser dämlichen Arroganz gläubiger Besserwisser, gepaart mit nervtötender Fröhlichkeit. Wiederwillig folgt Clavius ihnen, bis er selbst Zeuge wird, wie Joschua tatsächlich mit dem Effekt eine Atombomben-Explosion in die Luft fliegt („Himmelfahrt").
Kevin Reynolds, der schon mit Kevin Costner im letzten Jahrtausend herrlich gestrige Filme wie „Waterworld" (1995) und „Robin Hood" (1991) gemacht hat, kriegt diesmal ohne Costner keine Sandale auf den historischen Boden. „Auferstanden" als Feiertags-Langeweiler für die Senioren-Sender.
CSI - Jerusalem a.D. 33. Was in „Hail Caesar" ein kurzer Scherz war, will dieser verstaubte Sandalen-Film ernsthaft ausführlich erzählen: Das Sterben und Wiederauferstehen eines religiösen Führers aus der Sicht eines gegnerischen Detektives. Joseph Fiennes gibt wenig charismatisch den römischen Karriere-Soldaten Clavius, der im Auftrag von Chef Pilatus die Leiche dieses gekreuzigten Aufrührers Joschua finden soll. Was der skrupellose Schlächter findet, sind scheinbar geistesgestörte Anhänger erfüllt von dieser dämlichen Arroganz gläubiger Besserwisser, gepaart mit nervtötender Fröhlichkeit. Wiederwillig folgt Clavius ihnen, bis er selbst Zeuge wird, wie Joschua tatsächlich mit dem Effekt eine Atombomben-Explosion in die Luft fliegt („Himmelfahrt").
Kevin Reynolds, der schon mit Kevin Costner im letzten Jahrtausend herrlich gestrige Filme wie „Waterworld" (1995) und „Robin Hood" (1991) gemacht hat, kriegt diesmal ohne Costner keine Sandale auf den historischen Boden. „Auferstanden" als Feiertags-Langeweiler für die Senioren-Sender.
Kung Fu Panda 3
USA, VR China 2016 Regie: Jennifer Yuh, Alessandro Carloni 96 Min. FSK ab 0
Viele knuffelige Pandas in allen Größen und Ausstattungen, ein neuer, dämonischer Gegner - „Kung Fu Panda" bleibt sich auch im dritten Film treu und macht alles richtig. Beziehungsweise wieder alles falsch, was den Pandabär Po betrifft. Er versagt auf neuem Level, nun als Kung Fu-Lehrer. Selbst als er unter lauter kleinen Schweinchen auf einen anderen Panda trifft, dauert es einen herrlichen Witz lang, bis die beiden verstehen, dass sie Vater und Sohn sind. Wie man schon aus dem Trailer weiß. Die neue, reichhaltige Abenteuergeschichte hat aber noch einiges mehr zu bieten. Ein auferstandener Gegner, der Kampfstier Kai, der zu seinem eigenen Ärger völlig unbekannt ist, verwandelt alle in kleine Jade-Zombies. Dabei sammelt er das Chi von Superhelden. Po findet Unterschlupft in einem geheimen Panda-Dorf. An der Seite seines Vaters, der genau so kindisch verspielt ist, lernt er endlich, Teigtaschen mit beiden Händen zu essen, lange zu schlafen und zu entspannen - also ein richtiger Panda zu sein. Entspannung wird hier als Grundlage für eine neue Stufe der Meisterschaft vermittelt. Bis zum fantastisch gezeichneten Finale im Geisterreich, das eventuell das 3D sinnvoll macht, unterhält der Mix aus Komik und Kampfeinlagen sehr gekonnt. Die Synchronisation ersetzt Sprachkünstler wie Jack Black, Bryan Cranston („Breaking Bad"), Dustin Hoffman und Angelina Jolie unter anderem durch Hape Kerkeling als Po.
Viele knuffelige Pandas in allen Größen und Ausstattungen, ein neuer, dämonischer Gegner - „Kung Fu Panda" bleibt sich auch im dritten Film treu und macht alles richtig. Beziehungsweise wieder alles falsch, was den Pandabär Po betrifft. Er versagt auf neuem Level, nun als Kung Fu-Lehrer. Selbst als er unter lauter kleinen Schweinchen auf einen anderen Panda trifft, dauert es einen herrlichen Witz lang, bis die beiden verstehen, dass sie Vater und Sohn sind. Wie man schon aus dem Trailer weiß. Die neue, reichhaltige Abenteuergeschichte hat aber noch einiges mehr zu bieten. Ein auferstandener Gegner, der Kampfstier Kai, der zu seinem eigenen Ärger völlig unbekannt ist, verwandelt alle in kleine Jade-Zombies. Dabei sammelt er das Chi von Superhelden. Po findet Unterschlupft in einem geheimen Panda-Dorf. An der Seite seines Vaters, der genau so kindisch verspielt ist, lernt er endlich, Teigtaschen mit beiden Händen zu essen, lange zu schlafen und zu entspannen - also ein richtiger Panda zu sein. Entspannung wird hier als Grundlage für eine neue Stufe der Meisterschaft vermittelt. Bis zum fantastisch gezeichneten Finale im Geisterreich, das eventuell das 3D sinnvoll macht, unterhält der Mix aus Komik und Kampfeinlagen sehr gekonnt. Die Synchronisation ersetzt Sprachkünstler wie Jack Black, Bryan Cranston („Breaking Bad"), Dustin Hoffman und Angelina Jolie unter anderem durch Hape Kerkeling als Po.
8.3.16
Trumbo
USA 2015 Regie: Jay Roach mit Bryan Cranston, Diane Lane, Helen Mirren 125 Min. FSK: ab 6
Die Coens machten gerade in „Hail Caesar" noch Scherze über die Swimmingpool-Kommunisten, nun lernen wir mit „Trumbo" einen von „denen" kennen und lieben. Der us-amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Dalton Trumbo (1905-1976) ist dabei nicht der Strohmann für eine Geschichts-Lektion, für ein Lehrstück in Sachen Aufrichtigkeit. Trumbo, gespielt von Bryan Cranston („Breaking Bad") ist einfach ein klasse Typ. Ein Held, der in seiner Badewanne Drehbücher schreibt, die ihrerseits Geschichte geschrieben haben. Der, immer sein Zigaretten-Mundstück in der Hand, zwei Oscars bekam. Leider erst einmal nicht auf seinen Namen, weil er offiziell ein Berufsverbot von der staatlichen Instanz namens Hollywood erhielt.
Der Hintergrund der „Hexenjagd in Hollywood" ist schnell skizziert: Gegen Hitler und die extreme Arbeitslosigkeit in den USA war es in den 30er-Jahren populär Kommunist und Verbündeter der Sowjetunion zu sein. Was sich mit Etablierung des Kalten Krieges schnell änderte. Aufgeblasene, kleingeistige Politiker - siehe heute AFD oder Konservative - die mit konstruierten Ängsten ihre schwache Position ausbauen wollten, schleppten vermeintliche Kommunisten reihenweise vor einen Parlamentsausschuss (HUAC), wo sie inquisitorisch niedergeschrien wurden und Freunde oder Kollegen denunzieren sollten. Besonders in Hollywood vermuteten die Rechtsradikalen eine linke Verschwörung. Wobei sie bei Brecht vielleicht nicht ganz daneben lagen, aber bei Humphrey Bogart wahrscheinlich Film und Realität verwechselten.
Ronald Reagan war einer der feigen Verräter aus den Filmkreisen, der liebe Trickfilm-Onkel Walt Disney auch. Dalton Trumbo (Bryan Cranston) gehörte hingegen zu den „Hollywood 10", zehn Autoren, die sich weigerten auszusagen und deshalb sogar ins Gefängnis gingen. Danach durchlitt er wie viele Kollegen und tausende Menschen in den USA ein jahrelanges, niemals offiziell angeordnetes Berufsverbot.
In dieser extremen Lage erleben wir Trumbo als sehr geistreichen, klugen und witzigen Autor sowie Familienmenschen. Dieser Schreiberling scheut selbst nicht das Duell mit dem erzkonservativen Dickschädel John Wayne. Unter dem auch ansonsten missbrauchten Label Patriotismus entwickelt sich die widerwärtige Kolumnistin und Kommunisten-Hasserin Hedda Hopper (Helen Mirren) in furchtbar rosa Kostümen zur persönlichen Jägerin Trumbos. Doch der schreibt nach einer entwürdigenden Inhaftierung erst Scripts für billige Filmchen in Serie. Dann holt er solidarisch seine Leidens-Genossen mit ins Boot und auch seine Familie für eine richtige Schreib-Fabrik. Er verkauft unter Pseudonym „Ein Herz und eine Krone" (Roman Holiday), der mit Audrey Hepburn und Gregory Peck zu einem großen Erfolg wurde. Ein echter Witz, dass Trumbo mit seiner Familie auf dem Sofa zusieht, wie dieses Drehbuch den Oscar bekommt. Irgendwann stehen die Großen Schlange vor der Tür seines mittlerweile bescheideneren Hauses: Für Kirk Douglas rettet er „Spartacus", denn der hat Rückgrat und einiges mehr. Christian Berkel hat einen herrlichen Auftritt als Otto Preminger, der „Exodus" mit Trumbo machen will und sich dafür über Weihnachten bei ihm einnistet.
Ein Komödien-Regisseur und eine TV-Star erzählen gleichzeitig Hollywood- und Familien-Geschichte? Tatsächlich begeistern Regisseur Jay Roach („Meine Braut, ihr Vater und ich") und Bryan Cranston mit einem unterhaltsamem, prominent ausgestatteten Porträt, das großartig die Balance zwischen geistreichem Humor und der teilweise mörderischen Tragik der Schwarzen Listen findet. Schon Lubitsch und Chaplin zeigten, das Komödien politisch sein können und Politik auch in komische Filme passt.
Die Coens machten gerade in „Hail Caesar" noch Scherze über die Swimmingpool-Kommunisten, nun lernen wir mit „Trumbo" einen von „denen" kennen und lieben. Der us-amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Dalton Trumbo (1905-1976) ist dabei nicht der Strohmann für eine Geschichts-Lektion, für ein Lehrstück in Sachen Aufrichtigkeit. Trumbo, gespielt von Bryan Cranston („Breaking Bad") ist einfach ein klasse Typ. Ein Held, der in seiner Badewanne Drehbücher schreibt, die ihrerseits Geschichte geschrieben haben. Der, immer sein Zigaretten-Mundstück in der Hand, zwei Oscars bekam. Leider erst einmal nicht auf seinen Namen, weil er offiziell ein Berufsverbot von der staatlichen Instanz namens Hollywood erhielt.
Der Hintergrund der „Hexenjagd in Hollywood" ist schnell skizziert: Gegen Hitler und die extreme Arbeitslosigkeit in den USA war es in den 30er-Jahren populär Kommunist und Verbündeter der Sowjetunion zu sein. Was sich mit Etablierung des Kalten Krieges schnell änderte. Aufgeblasene, kleingeistige Politiker - siehe heute AFD oder Konservative - die mit konstruierten Ängsten ihre schwache Position ausbauen wollten, schleppten vermeintliche Kommunisten reihenweise vor einen Parlamentsausschuss (HUAC), wo sie inquisitorisch niedergeschrien wurden und Freunde oder Kollegen denunzieren sollten. Besonders in Hollywood vermuteten die Rechtsradikalen eine linke Verschwörung. Wobei sie bei Brecht vielleicht nicht ganz daneben lagen, aber bei Humphrey Bogart wahrscheinlich Film und Realität verwechselten.
Ronald Reagan war einer der feigen Verräter aus den Filmkreisen, der liebe Trickfilm-Onkel Walt Disney auch. Dalton Trumbo (Bryan Cranston) gehörte hingegen zu den „Hollywood 10", zehn Autoren, die sich weigerten auszusagen und deshalb sogar ins Gefängnis gingen. Danach durchlitt er wie viele Kollegen und tausende Menschen in den USA ein jahrelanges, niemals offiziell angeordnetes Berufsverbot.
In dieser extremen Lage erleben wir Trumbo als sehr geistreichen, klugen und witzigen Autor sowie Familienmenschen. Dieser Schreiberling scheut selbst nicht das Duell mit dem erzkonservativen Dickschädel John Wayne. Unter dem auch ansonsten missbrauchten Label Patriotismus entwickelt sich die widerwärtige Kolumnistin und Kommunisten-Hasserin Hedda Hopper (Helen Mirren) in furchtbar rosa Kostümen zur persönlichen Jägerin Trumbos. Doch der schreibt nach einer entwürdigenden Inhaftierung erst Scripts für billige Filmchen in Serie. Dann holt er solidarisch seine Leidens-Genossen mit ins Boot und auch seine Familie für eine richtige Schreib-Fabrik. Er verkauft unter Pseudonym „Ein Herz und eine Krone" (Roman Holiday), der mit Audrey Hepburn und Gregory Peck zu einem großen Erfolg wurde. Ein echter Witz, dass Trumbo mit seiner Familie auf dem Sofa zusieht, wie dieses Drehbuch den Oscar bekommt. Irgendwann stehen die Großen Schlange vor der Tür seines mittlerweile bescheideneren Hauses: Für Kirk Douglas rettet er „Spartacus", denn der hat Rückgrat und einiges mehr. Christian Berkel hat einen herrlichen Auftritt als Otto Preminger, der „Exodus" mit Trumbo machen will und sich dafür über Weihnachten bei ihm einnistet.
Ein Komödien-Regisseur und eine TV-Star erzählen gleichzeitig Hollywood- und Familien-Geschichte? Tatsächlich begeistern Regisseur Jay Roach („Meine Braut, ihr Vater und ich") und Bryan Cranston mit einem unterhaltsamem, prominent ausgestatteten Porträt, das großartig die Balance zwischen geistreichem Humor und der teilweise mörderischen Tragik der Schwarzen Listen findet. Schon Lubitsch und Chaplin zeigten, das Komödien politisch sein können und Politik auch in komische Filme passt.
Birnenkuchen mit Lavendel
Frankreich 2015 (Le Goût des Merveilles) Regie: Eric Besnard mit Virginie Efira, Benjamin Lavernhe 97 Min. FSK: ab 0
Zwischen Birnenblüten und Lavendelfeldern, zwischen wunderbar und geschmäcklerisch wurde der Film „Geschmack der Wunder" in provenzalische Landschaft drapiert. Denn der Original-Titel beschreibt sehr gut die synästhetische Verwirrung von Pierre (Benjamin Lavernhe), der in den Farben und den Wolken Zahlen sieht. Aber auch den etwas asymmetrischen Po einer schönen Witwe, die mit ihrem verschuldeten Landwirtschaftsbetrieb überfordert ist. Deshalb fährt Louise Legrand (die Belgierin Virginie Efira) Pierre an, nimmt pflegt ihn zuhause und macht ihm ein Bett auf der Couch. Am nächsten Morgen ist das chaotische Landhaus aufgeräumt und alles gerade ausgerichtet. Pierre lebt ganz gut mit seinem Asperger-Syndrom, erweist sich als ein genialer Verkäufer von Louises Waren auf dem Wochenmarkt und hat den Wetterbericht immer im Auge. Das beschert uns in einer Frostnacht ein sehr schönes Bild mit Fackeln unter den Obstbäumen. Noch eines unter den Blütenprächten, den weiten Feldern und den harmonische Farbpaletten mit Vorliebe für Lavendel.
„Birnenkuchen mit Lavendel", wie man ihn widerstrebend auf Deutsch benennen soll, lässt sich angenehm viel Zeit, in seinen reizvollen Bildern die Welt-Erfahrung von Pierre wiederzugeben: Die Flugwolken der Stare, das Treiben der Ameisen, das sanfte Wiegen der Ähren. Doch Pierre gerät bei zu vielen Eindrücken in Panik und klebt bunte Punkte auf alles, was ihn beängstigt. Das kann schon mal ein ganzes kunstvoll dekoriertes Zimmer in der Psychiatrie werden, denn seit der sensationelle Hacker in das Innenministerium einbrach, um Briefe von Vidoq zu finden, läuft er nur auf Bewährung frei in den Feldern herum. Und auch Louise muss neben den Schulden mit einem pragmatischen Nachbar fertig werden, der ihre Hand und ihr Land möchte. Doch wirklich dramatisch wird es eigentlich nie in diesem vorhersehbaren Verlauf, dem man so reizend fotografiert gerne folgt.
Zwischen Birnenblüten und Lavendelfeldern, zwischen wunderbar und geschmäcklerisch wurde der Film „Geschmack der Wunder" in provenzalische Landschaft drapiert. Denn der Original-Titel beschreibt sehr gut die synästhetische Verwirrung von Pierre (Benjamin Lavernhe), der in den Farben und den Wolken Zahlen sieht. Aber auch den etwas asymmetrischen Po einer schönen Witwe, die mit ihrem verschuldeten Landwirtschaftsbetrieb überfordert ist. Deshalb fährt Louise Legrand (die Belgierin Virginie Efira) Pierre an, nimmt pflegt ihn zuhause und macht ihm ein Bett auf der Couch. Am nächsten Morgen ist das chaotische Landhaus aufgeräumt und alles gerade ausgerichtet. Pierre lebt ganz gut mit seinem Asperger-Syndrom, erweist sich als ein genialer Verkäufer von Louises Waren auf dem Wochenmarkt und hat den Wetterbericht immer im Auge. Das beschert uns in einer Frostnacht ein sehr schönes Bild mit Fackeln unter den Obstbäumen. Noch eines unter den Blütenprächten, den weiten Feldern und den harmonische Farbpaletten mit Vorliebe für Lavendel.
„Birnenkuchen mit Lavendel", wie man ihn widerstrebend auf Deutsch benennen soll, lässt sich angenehm viel Zeit, in seinen reizvollen Bildern die Welt-Erfahrung von Pierre wiederzugeben: Die Flugwolken der Stare, das Treiben der Ameisen, das sanfte Wiegen der Ähren. Doch Pierre gerät bei zu vielen Eindrücken in Panik und klebt bunte Punkte auf alles, was ihn beängstigt. Das kann schon mal ein ganzes kunstvoll dekoriertes Zimmer in der Psychiatrie werden, denn seit der sensationelle Hacker in das Innenministerium einbrach, um Briefe von Vidoq zu finden, läuft er nur auf Bewährung frei in den Feldern herum. Und auch Louise muss neben den Schulden mit einem pragmatischen Nachbar fertig werden, der ihre Hand und ihr Land möchte. Doch wirklich dramatisch wird es eigentlich nie in diesem vorhersehbaren Verlauf, dem man so reizend fotografiert gerne folgt.
7.3.16
Grüße aus Fukushima
BRD 2016 Regie: Doris Dörrie mit Rosalie Thomass, Kaori Momoi 108 Min. FSK: ab 12
Doris Dörrie erzählt mit „Grüße aus Fukushima" eine semi-dokumentarische Geschichte aus dem Epizentrum der Katastrophe von Fukushima. Dafür ging Dörrie mit ihrer wunderbaren Darstellerin Rosalie Thomass (in „Taxi" neben Peter Dinklage) tatsächlich bis in die radioaktiv verstrahlte Todeszone um den explodierten Atommeiler von Fukushima und drehte im vom Tsunami verwüsteten Küstenstreifen.
Marie (Rosalie Thomass) hat mächtig Mist gebaut, mal eben aus Panik vor der Hochzeit die Liebe ihres Lebens mit dessen bestem Freund betrogen. Jetzt macht sie in ihrer bodenlosen Verzweiflung ausgerechnet auf Clown. Für die Hilfsorganisation Clowns4Help reist sie nach Japan, um im Katastrophengebiet von Fukushima den Opfern der Dreifachkatastrophe von 2011 ein wenig Freude in die Notunterkünfte zu bringen. Und wundert sich, dass niemand lacht. Die Flucht aus Deutschland scheint eine kleine persönliche Katastrophe zu werden, bleibt aber ein wenig beachteter Witz angesichts des ganz anderen Unglücks um Marie herum. Doch statt den Flug zurück zu nehmen, folgt Marie der eigenwilligen Satomi (Kaori Momoi), der letzten Geisha Fukushimas, die es sich in den Kopf gesetzt hat, in ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone zurückzukehren. Marie hilft Satomi bei den Aufräumarbeiten. Dabei kommen sich die junge und die alte Frau, die unterschiedlicher nicht sein könnten, langsam näher und werden beide mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Geister gibt es tatsächlich in diesem dritten Japan-Film (nach „Erleuchtung garantiert" und „Kirschblüten – Hanami") von Doris Dörrie, ein Hauch asiatischer Alltags-Spiritualität. Die Leichtigkeit, mit der sie jedoch von großen und kleinen Katastrophen erzählt, die Selbstverständlichkeit von Tod, Abschied und Trauer in einer verwüsteten Landschaft stellen das große Kunststück im wunderbaren „Grüße aus Fukushima" dar. Die schwarz-weiß gedrehte Tragikomödie erzählt poetisch, lakonisch und komisch. Und politisch: Denn was das Team von Dörrie unter persönlichem Einsatz in der „Todeszone" an Bildern eingefangen hat, ist eine nachhaltige Anklage gegen Atomkraft - auch wenn die sichtbaren Zerstörungen auf den Tsunami zurückzuführen sind. Die apokalyptische Menschenleere geht jedoch aufs Konto der Gier von Energie-Konzernen.
Dass „Grüße aus Fukushima" trotzdem ein glücklich und Hoffnung machender Film ist, liegt auch an Rosalie Thomass. Sie spielt - großartig begleitet von der Japanerin Kaori Momoi - mit scheinbarer Naivität die in den Augen der Geisha trampelige Helferin, Elefant genannt, die mit „Put-Zen" und Sorgfalt beim Tee-Trinken den eigenen Trennungsschmerz zu überwinden lernt. Eigentlich eine simple Weisheit dieser „Radiation Vacation" über Loslassen und Weiterleben, doch deshalb braucht sie nicht falsch zu sein. Erneut ein sehr berührender Japan-Film von Dörrie.
Doris Dörrie erzählt mit „Grüße aus Fukushima" eine semi-dokumentarische Geschichte aus dem Epizentrum der Katastrophe von Fukushima. Dafür ging Dörrie mit ihrer wunderbaren Darstellerin Rosalie Thomass (in „Taxi" neben Peter Dinklage) tatsächlich bis in die radioaktiv verstrahlte Todeszone um den explodierten Atommeiler von Fukushima und drehte im vom Tsunami verwüsteten Küstenstreifen.
Marie (Rosalie Thomass) hat mächtig Mist gebaut, mal eben aus Panik vor der Hochzeit die Liebe ihres Lebens mit dessen bestem Freund betrogen. Jetzt macht sie in ihrer bodenlosen Verzweiflung ausgerechnet auf Clown. Für die Hilfsorganisation Clowns4Help reist sie nach Japan, um im Katastrophengebiet von Fukushima den Opfern der Dreifachkatastrophe von 2011 ein wenig Freude in die Notunterkünfte zu bringen. Und wundert sich, dass niemand lacht. Die Flucht aus Deutschland scheint eine kleine persönliche Katastrophe zu werden, bleibt aber ein wenig beachteter Witz angesichts des ganz anderen Unglücks um Marie herum. Doch statt den Flug zurück zu nehmen, folgt Marie der eigenwilligen Satomi (Kaori Momoi), der letzten Geisha Fukushimas, die es sich in den Kopf gesetzt hat, in ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone zurückzukehren. Marie hilft Satomi bei den Aufräumarbeiten. Dabei kommen sich die junge und die alte Frau, die unterschiedlicher nicht sein könnten, langsam näher und werden beide mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Geister gibt es tatsächlich in diesem dritten Japan-Film (nach „Erleuchtung garantiert" und „Kirschblüten – Hanami") von Doris Dörrie, ein Hauch asiatischer Alltags-Spiritualität. Die Leichtigkeit, mit der sie jedoch von großen und kleinen Katastrophen erzählt, die Selbstverständlichkeit von Tod, Abschied und Trauer in einer verwüsteten Landschaft stellen das große Kunststück im wunderbaren „Grüße aus Fukushima" dar. Die schwarz-weiß gedrehte Tragikomödie erzählt poetisch, lakonisch und komisch. Und politisch: Denn was das Team von Dörrie unter persönlichem Einsatz in der „Todeszone" an Bildern eingefangen hat, ist eine nachhaltige Anklage gegen Atomkraft - auch wenn die sichtbaren Zerstörungen auf den Tsunami zurückzuführen sind. Die apokalyptische Menschenleere geht jedoch aufs Konto der Gier von Energie-Konzernen.
Dass „Grüße aus Fukushima" trotzdem ein glücklich und Hoffnung machender Film ist, liegt auch an Rosalie Thomass. Sie spielt - großartig begleitet von der Japanerin Kaori Momoi - mit scheinbarer Naivität die in den Augen der Geisha trampelige Helferin, Elefant genannt, die mit „Put-Zen" und Sorgfalt beim Tee-Trinken den eigenen Trennungsschmerz zu überwinden lernt. Eigentlich eine simple Weisheit dieser „Radiation Vacation" über Loslassen und Weiterleben, doch deshalb braucht sie nicht falsch zu sein. Erneut ein sehr berührender Japan-Film von Dörrie.
Der Spion und sein Bruder
Großbritannien 2016 (Grimsby) Regie: Louis Leterrier mit Sacha Baron Cohen, Mark Strong 82 Min.
Literweise Elefanten-Sperma, eine heftig ausgedehnte Analwitz-Tabuzone, ganz neue Dimensionen von Ekel-Humor - „Der Spion und sein Bruder" verursachen ein historisches Fanal in der Kino-Geschichte. Die größte Sauerei ist allerdings, dass dieser schlechte schmutzige Scherz vom Filmverleiher Sony parallel zum Cannes-Jurypreis-Sieger „Son of Saul" vom gleichen Verleih Sony herausgebracht wird. Einer der erschütterndsten Filme seit Jahren wird so vom Unterhaltungs-Konzern selbst der Aufmerksamkeit beraubt, die er dringend verdient. So kann man einen Film auch vernichten, was ausgerechnet bei einer Holocaust-Geschichte doppelt bitter ist!
Abgesehen von diesem filmpolitischen Skandal bieten „Der Spion und sein Bruder" weniger als die zu erwartende Geschichte des Titels. Der nämliche Bruder (Sacha Baron Cohen) findet nach Jahren den lange vermissten Agenten-Angehörigen, nur um direkt dessen Tarnung als MI6-Killer auffliegen zu lassen und ein Attentat auf die Präsidentin einer Hilfsorganisation (Penélope Cruz in ihrer zweiten Blödelrolle nach „Zoolander 2") doch fast zu ermöglichen. Dabei steckt sich Harry Potter mit dem HIV-Virus an und gibt ihn später an Donald Trump weiter. Ja, hier gibt es Humor für jede Geschmacks-Klasse im Ausverkauf!
Selbstverständlich wird Norman Grimsby seinem Agenten-Bruder Sebastian (Mark Strong) gegen irgendeine weltumgreifende Verschwörung beistehen, auch wenn sie dafür ihren Hintern für ein anales Superfeuerwerk hinhalten müssen. Hilfreich sind auch die immer besoffenen und rauflustigen Hooligans, aus deren Mitte Norman und seine Frau (die talentierte Rebel Wilson nach „How to be single" leider wieder nur als dumme Dicke) stammen. Die nicht nur im Personal ziemlich dämliche Komödie gibt sich erschreckend wenig Mühe, den Action-Krimi-Plot auch nur halbwegs anständig zu erzählen. Vom „Borat", der bei aller Idiotie auch üble Verhältnisse bloßstellte, ist in dieser Rolle von Sacha Baron Cohen nichts vorhanden. „Der Spion und sein Bruder" - der widerwärtigste Film des Jahrzehnts. Gar nicht wegen der Ekel-Szenen, sondern wegen der aktiven Vernichtung von „Son of Saul" durch Sony und eine schlampig gemachte Nichtigkeit.
Literweise Elefanten-Sperma, eine heftig ausgedehnte Analwitz-Tabuzone, ganz neue Dimensionen von Ekel-Humor - „Der Spion und sein Bruder" verursachen ein historisches Fanal in der Kino-Geschichte. Die größte Sauerei ist allerdings, dass dieser schlechte schmutzige Scherz vom Filmverleiher Sony parallel zum Cannes-Jurypreis-Sieger „Son of Saul" vom gleichen Verleih Sony herausgebracht wird. Einer der erschütterndsten Filme seit Jahren wird so vom Unterhaltungs-Konzern selbst der Aufmerksamkeit beraubt, die er dringend verdient. So kann man einen Film auch vernichten, was ausgerechnet bei einer Holocaust-Geschichte doppelt bitter ist!
Abgesehen von diesem filmpolitischen Skandal bieten „Der Spion und sein Bruder" weniger als die zu erwartende Geschichte des Titels. Der nämliche Bruder (Sacha Baron Cohen) findet nach Jahren den lange vermissten Agenten-Angehörigen, nur um direkt dessen Tarnung als MI6-Killer auffliegen zu lassen und ein Attentat auf die Präsidentin einer Hilfsorganisation (Penélope Cruz in ihrer zweiten Blödelrolle nach „Zoolander 2") doch fast zu ermöglichen. Dabei steckt sich Harry Potter mit dem HIV-Virus an und gibt ihn später an Donald Trump weiter. Ja, hier gibt es Humor für jede Geschmacks-Klasse im Ausverkauf!
Selbstverständlich wird Norman Grimsby seinem Agenten-Bruder Sebastian (Mark Strong) gegen irgendeine weltumgreifende Verschwörung beistehen, auch wenn sie dafür ihren Hintern für ein anales Superfeuerwerk hinhalten müssen. Hilfreich sind auch die immer besoffenen und rauflustigen Hooligans, aus deren Mitte Norman und seine Frau (die talentierte Rebel Wilson nach „How to be single" leider wieder nur als dumme Dicke) stammen. Die nicht nur im Personal ziemlich dämliche Komödie gibt sich erschreckend wenig Mühe, den Action-Krimi-Plot auch nur halbwegs anständig zu erzählen. Vom „Borat", der bei aller Idiotie auch üble Verhältnisse bloßstellte, ist in dieser Rolle von Sacha Baron Cohen nichts vorhanden. „Der Spion und sein Bruder" - der widerwärtigste Film des Jahrzehnts. Gar nicht wegen der Ekel-Szenen, sondern wegen der aktiven Vernichtung von „Son of Saul" durch Sony und eine schlampig gemachte Nichtigkeit.
6.3.16
Darth Maul Apprentice
Meisterstück des Film-Lehrlings
YouTube-Premiere Star Wars-Fan Film
Shawn Bu macht Hollywood in der Region
Von Günter H. Jekubzik
Aachen. Letzten Samstag lief ein Star Wars-Film an, auf den viele gewartet haben: „Darth Maul: Apprentice". Auf YouTube schlug der Fan-Film eines Studenten der FH Design Aachen ein wie der echte „Star Wars" im Kino. 250.000 Zuschauer in der ersten 24 Stunden! Shawn Bu steht als Regisseur neuer Schule zwischen Filmhochschule und YouTube.
https://www.youtube.com/watch?v=Djo_91jN3Pk
Leuchtschwerter, Jedi-Kräfte, der ewige Kampf zwischen der guten und der dunklen Macht... „Darth Maul: Apprentice" ist alles, was die Fans an „Star Wars" lieben. Und sieht aus wie auf der Skywalker Ranch von Georg Lucas entstanden. Doch die kurze Geschichte um das Erwachen des besonders mächtigen Sith-Lords Darth Maul und seine letzten Gewissensbisse entstand in Aachen und Umgebung, an spektakulären Sets der Eifel und der Heerler Heide. Mit Steady-Cam, Drohne und Spezial-Choreograph für Kampfszenen. Die sagenhaften Effekte stammen selbstverständlich aus Rechnern und von Meistern ihres Fachs.
Das Team, das Regisseur Shawn Bu im über zweijährigen Entstehungsprozess seines Bachelor-Films an der FH Design begleitete, ist schon lange professionell tätig: Die T7pro-Filmproduktion von Shawn Bu sowie Regisseur und Kameramann Vi-Dan Tran drehte die Videos für Lena-Meyer Landrut zu den Songs „Home", „Catapult" und zuletzt „Wild & Free" vom Soundtrack zu „Fack Ju Göhte 2". 30.000.000 Klicks gab es dafür auf YouTube! Die Seite von Pro7 zeigt deutlich: Sie wollen und können „Hollywood-Qualität in Deutschland" realisieren. Auch Hauptdarsteller Ben Schamma erwies sich als echter Profi: Jeden Morgen war der Alsdorfer schon um vier Uhr wach, um in einem drei Stunden währenden Prozess seine eigene Maske anzulegen.
FH Design – Filmhochschule?
Der Macher des Star Wars-Fanfilms „Darth Maul: Apprentice" kommt aus guter Schule: Sein Bruder Julien Bam war schon mit JuBa-Films „Klick-Millionär" auf YouTube. Und aus der FH Design in Aachen kommt schon wieder eine erstaunlich professionelle Studenten-Produktion – obwohl es dort keinen Film-Studiengang gibt. Qualität, die man auch bei der „Showtime" bewundern kann, der regelmäßigen Vorführung aller filmischen Arbeiten der FH Design. Prof. Matthias Knezy-Bohm hat dort seit 1997 die Professur für das Lehrgebiet Video/ Bildbearbeitung/ Animation am Fachbereich Gestaltung und springt selbst auch schon mal vor der Kamera ein.
Da stellt sich die Frage, was Shawn Budorovits - wie er komplett heißt, in Zukunft machen will: Kino oder Klicks? Die Antwort des zurückhaltenden, aber am Set äußerst selbstsicheren Filmemachers ist eindeutig: „Beides! Mein Ziel ist es Kinofilme zu drehen. Im besten Fall einen Star Wars-Kinofilm. Kurzfilme zu drehen, ist der beste Weg zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und sein Können zu zeigen. Deswegen ist es toll, die Möglichkeiten von YouTube zu nutzen, um viele Menschen zu erreichen und Aufmerksamkeit zu erzeugen." Und auch der weitere Weg ist noch klassisch, Bu möchte gerne einen Master an einer Filmschule machen. Als nächstes stellt er ein Science Fiction-Musikvideo mit fertig. „Und ich bin sehr gespannt was für Auswirkungen der Star Wars-Film mit sich bringt."
http://www.youtube.com/user/T7pro
https://www.youtube.com/watch?v=yItcRErM45I
YouTube-Premiere Star Wars-Fan Film
Shawn Bu macht Hollywood in der Region
Von Günter H. Jekubzik
Aachen. Letzten Samstag lief ein Star Wars-Film an, auf den viele gewartet haben: „Darth Maul: Apprentice". Auf YouTube schlug der Fan-Film eines Studenten der FH Design Aachen ein wie der echte „Star Wars" im Kino. 250.000 Zuschauer in der ersten 24 Stunden! Shawn Bu steht als Regisseur neuer Schule zwischen Filmhochschule und YouTube.
https://www.youtube.com/watch?v=Djo_91jN3Pk
Leuchtschwerter, Jedi-Kräfte, der ewige Kampf zwischen der guten und der dunklen Macht... „Darth Maul: Apprentice" ist alles, was die Fans an „Star Wars" lieben. Und sieht aus wie auf der Skywalker Ranch von Georg Lucas entstanden. Doch die kurze Geschichte um das Erwachen des besonders mächtigen Sith-Lords Darth Maul und seine letzten Gewissensbisse entstand in Aachen und Umgebung, an spektakulären Sets der Eifel und der Heerler Heide. Mit Steady-Cam, Drohne und Spezial-Choreograph für Kampfszenen. Die sagenhaften Effekte stammen selbstverständlich aus Rechnern und von Meistern ihres Fachs.
Das Team, das Regisseur Shawn Bu im über zweijährigen Entstehungsprozess seines Bachelor-Films an der FH Design begleitete, ist schon lange professionell tätig: Die T7pro-Filmproduktion von Shawn Bu sowie Regisseur und Kameramann Vi-Dan Tran drehte die Videos für Lena-Meyer Landrut zu den Songs „Home", „Catapult" und zuletzt „Wild & Free" vom Soundtrack zu „Fack Ju Göhte 2". 30.000.000 Klicks gab es dafür auf YouTube! Die Seite von Pro7 zeigt deutlich: Sie wollen und können „Hollywood-Qualität in Deutschland" realisieren. Auch Hauptdarsteller Ben Schamma erwies sich als echter Profi: Jeden Morgen war der Alsdorfer schon um vier Uhr wach, um in einem drei Stunden währenden Prozess seine eigene Maske anzulegen.
FH Design – Filmhochschule?
Der Macher des Star Wars-Fanfilms „Darth Maul: Apprentice" kommt aus guter Schule: Sein Bruder Julien Bam war schon mit JuBa-Films „Klick-Millionär" auf YouTube. Und aus der FH Design in Aachen kommt schon wieder eine erstaunlich professionelle Studenten-Produktion – obwohl es dort keinen Film-Studiengang gibt. Qualität, die man auch bei der „Showtime" bewundern kann, der regelmäßigen Vorführung aller filmischen Arbeiten der FH Design. Prof. Matthias Knezy-Bohm hat dort seit 1997 die Professur für das Lehrgebiet Video/ Bildbearbeitung/ Animation am Fachbereich Gestaltung und springt selbst auch schon mal vor der Kamera ein.
Da stellt sich die Frage, was Shawn Budorovits - wie er komplett heißt, in Zukunft machen will: Kino oder Klicks? Die Antwort des zurückhaltenden, aber am Set äußerst selbstsicheren Filmemachers ist eindeutig: „Beides! Mein Ziel ist es Kinofilme zu drehen. Im besten Fall einen Star Wars-Kinofilm. Kurzfilme zu drehen, ist der beste Weg zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und sein Können zu zeigen. Deswegen ist es toll, die Möglichkeiten von YouTube zu nutzen, um viele Menschen zu erreichen und Aufmerksamkeit zu erzeugen." Und auch der weitere Weg ist noch klassisch, Bu möchte gerne einen Master an einer Filmschule machen. Als nächstes stellt er ein Science Fiction-Musikvideo mit fertig. „Und ich bin sehr gespannt was für Auswirkungen der Star Wars-Film mit sich bringt."
http://www.youtube.com/user/T7pro
https://www.youtube.com/watch?v=yItcRErM45I
5.3.16
London has fallen
Großbritannien, USA, Bulgarien 2016 Regie: Babak Najafi mit Gerard Butler, Aaron Eckhart, Morgan Freeman, Angela Bassett, Melissa Leo 99 Min. FSK ab 16
Zuerst wird London in die Luft gejagt, dann ein schäbiger Rohbau voller Pappmache-Wände. Selten ging einem vermeintlichen Action-Spektakel bei den Schauwerten derart die Luft aus. Auch dass der spartanische Schauspieler Gerard Butler als Bruce Willis-Kopie durchfällt, trägt zum Missfallen dieses dünnen Action-Durchfalls bei.
Mitten in einem atemlosen, kaum mal innehaltenden Action-Galopp doch ein interessanter Gedanke: Die sogenannten Terroristen bringen denen, die irgendwo weit weg ferngesteuert Familien auslöschen, den Krieg zurück nach Hause. Der US-Präsident soll für all die Menschen, die er weltweit hat morden lassen, diesmal selbst den Kopf hinhalten. Politiker, die wirklich mal Verantwortung übernehmen und nicht nur mit viel Geld zurücktreten – interessante Idee! Diese schrecklich gerechte Handlungsweise wird allerdings umgehend mit ihrem Sprecher diskreditiert. Ist doch nur ein Waffenhändler ... genau wie die US-Regierung.
„London has fallen" ist schon wie der Vorgänger „Olympus has fallen" inhaltlich und politisch sehr sinnlos. Dafür laut: Schon der US-Drohnenangriff auf eine pakistanische Hochzeit macht gleich ein ganzes Viertel samt Bewohner platt. Die Rache dafür ist raffiniert. Der Tod der englischen Premiers lockt reihenweise Staats- und Regierungsleiter nach London, die Schauwerte der City führen zu massig Exekutionen und Explosionen. Nur US-Präsident Benjamin Asher (Aaron Eckhart) kann dank seines neurotischen Leibwächters Mike Banning (Gerard Butler) in den Untergrund einer brennenden und besetzen Stadt fliehen. Wobei nach lustigem touristischen Feuerwerk, das man oft deutlich als Computer-Effekt erkennt, das Finale in einem billigen bulgarischen Filmstudio stattfindet.
Dass eine Drohne mal nicht aus Versehen eine Hochzeit massenmordet, ist wohl eher schlechter Witz als Zynismus. Auch der Rest ist nach lautem Auftakt in Bild und Ton vor allem schlecht. Gerard Butler wirkt im Anzug deplatziert wie ein Kneipenschläger als Sicherheits-Chef. Vor allem in den nur peinlichen Scherzen zwischen Staats-Chef und Butler scheitert der Versuch einer „Die Hard"-Kopie kläglich. Das Muskelberg-Double aus „300" ist viel zu eindimensional selbst für diese Rolle im einseitigen Fach des harten Kämpfers in Folge von Willis oder Clint Eastwood.
Zuerst wird London in die Luft gejagt, dann ein schäbiger Rohbau voller Pappmache-Wände. Selten ging einem vermeintlichen Action-Spektakel bei den Schauwerten derart die Luft aus. Auch dass der spartanische Schauspieler Gerard Butler als Bruce Willis-Kopie durchfällt, trägt zum Missfallen dieses dünnen Action-Durchfalls bei.
Mitten in einem atemlosen, kaum mal innehaltenden Action-Galopp doch ein interessanter Gedanke: Die sogenannten Terroristen bringen denen, die irgendwo weit weg ferngesteuert Familien auslöschen, den Krieg zurück nach Hause. Der US-Präsident soll für all die Menschen, die er weltweit hat morden lassen, diesmal selbst den Kopf hinhalten. Politiker, die wirklich mal Verantwortung übernehmen und nicht nur mit viel Geld zurücktreten – interessante Idee! Diese schrecklich gerechte Handlungsweise wird allerdings umgehend mit ihrem Sprecher diskreditiert. Ist doch nur ein Waffenhändler ... genau wie die US-Regierung.
„London has fallen" ist schon wie der Vorgänger „Olympus has fallen" inhaltlich und politisch sehr sinnlos. Dafür laut: Schon der US-Drohnenangriff auf eine pakistanische Hochzeit macht gleich ein ganzes Viertel samt Bewohner platt. Die Rache dafür ist raffiniert. Der Tod der englischen Premiers lockt reihenweise Staats- und Regierungsleiter nach London, die Schauwerte der City führen zu massig Exekutionen und Explosionen. Nur US-Präsident Benjamin Asher (Aaron Eckhart) kann dank seines neurotischen Leibwächters Mike Banning (Gerard Butler) in den Untergrund einer brennenden und besetzen Stadt fliehen. Wobei nach lustigem touristischen Feuerwerk, das man oft deutlich als Computer-Effekt erkennt, das Finale in einem billigen bulgarischen Filmstudio stattfindet.
Dass eine Drohne mal nicht aus Versehen eine Hochzeit massenmordet, ist wohl eher schlechter Witz als Zynismus. Auch der Rest ist nach lautem Auftakt in Bild und Ton vor allem schlecht. Gerard Butler wirkt im Anzug deplatziert wie ein Kneipenschläger als Sicherheits-Chef. Vor allem in den nur peinlichen Scherzen zwischen Staats-Chef und Butler scheitert der Versuch einer „Die Hard"-Kopie kläglich. Das Muskelberg-Double aus „300" ist viel zu eindimensional selbst für diese Rolle im einseitigen Fach des harten Kämpfers in Folge von Willis oder Clint Eastwood.
29.2.16
Results
USA 2015 Regie: Andrew Bujalski mit Guy Pearce, Cobie Smulders, Kevin Corrigan, Giovanni Ribisi 104 Min.
Eine nette Komödie mit klugen Gedanken und einem Stück Filmgeschichte: Der frischgebackene Millionär Danny (Kevin Corrigan) erhofft sich Lösungen für Einsamkeit und Fettleibigkeit von einem Fitnessstudio. Die Fitnesstrainerin Kate (Cobie Smulders von den „Avengers") macht Hausbesuche in seiner riesigen Wohnung, aber mehr ist nicht drin. Auch für sie nicht bei Trevor (Guy Pearce), dem Chef des Studios. Denn der hat zwar seinen Körper total ausbalanciert, aber mit den Emotionen klappt es gar nicht. Originell, glaubwürdig und gut gespielt. Diese Romantische Komödie ist sehenswert, auch weil ihr Macher Andrew Bujalski selbst mit sehr bekannten Schauspielern den Grundprinzipien des Mumblecore-Genres treu bleibt. Das er mit „Funny Ha Ha" (2002) und „Mutual Appreciation" (2005) mitbegründet hat. Mumblecore steht für kleine Budgets, nicht berühmte Schauspieler, viel cleveren Dialog in einfach zu kontrollierenden Innenräumen. „Results" hat zwar bedeutend mehr Produktionswerte nicht nur beim Schauspiel, aber auch immer noch viel unverbrauchten Charme, macht sich treffend über die körperliche wie seelische Selbstoptimierer lustig und verbreitet gute Laune.
Eine nette Komödie mit klugen Gedanken und einem Stück Filmgeschichte: Der frischgebackene Millionär Danny (Kevin Corrigan) erhofft sich Lösungen für Einsamkeit und Fettleibigkeit von einem Fitnessstudio. Die Fitnesstrainerin Kate (Cobie Smulders von den „Avengers") macht Hausbesuche in seiner riesigen Wohnung, aber mehr ist nicht drin. Auch für sie nicht bei Trevor (Guy Pearce), dem Chef des Studios. Denn der hat zwar seinen Körper total ausbalanciert, aber mit den Emotionen klappt es gar nicht. Originell, glaubwürdig und gut gespielt. Diese Romantische Komödie ist sehenswert, auch weil ihr Macher Andrew Bujalski selbst mit sehr bekannten Schauspielern den Grundprinzipien des Mumblecore-Genres treu bleibt. Das er mit „Funny Ha Ha" (2002) und „Mutual Appreciation" (2005) mitbegründet hat. Mumblecore steht für kleine Budgets, nicht berühmte Schauspieler, viel cleveren Dialog in einfach zu kontrollierenden Innenräumen. „Results" hat zwar bedeutend mehr Produktionswerte nicht nur beim Schauspiel, aber auch immer noch viel unverbrauchten Charme, macht sich treffend über die körperliche wie seelische Selbstoptimierer lustig und verbreitet gute Laune.
El Clan
Argentinien, Spanien 2015 Regie: Pablo Trapero mit Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich 110 Min. FSK: ab 16
Wenn der Vater mit dem Sohne durch die Straße von Buenos Aires fährt und Freunde des Juniors als Geisel erst in den Kofferraum, dann in den Familien-Keller sperrt, dann ist die argentinische Diktatur nicht weit. 1983, das Militär tritt nach dem verlorenen Falkland-Krieg zurück, machte Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) einfach privat weiter, was er vorher für das Regime erledigte: Entführen, Foltern und Morden. Nur jetzt halt, wie ein junges Start Up-Unternehmen, im eigenen Keller. Tatsächlich hat nicht nur Österreich horrende Keller-Geschichten, auch die der Familie Puccio ist eine wahre.
Hinter der Fassade der angesehenen bürgerlichen Familie läuft ein florierenden Entführen und Erpressen. Mitten in diesem Zwiespalt steckt Alex (Peter Lanzani), ältester Sohn der Familie. Als erfolgreicher Rugby-Spieler ist er beliebt und kommt mit der Nationalmannschaft in der Welt herum. Er macht allerdings auch bei den Entführungen mit, ja lockt sogar Freunde als Opfer an. Alex schläft zu einem flotten Schlager mit seiner neuen Freundin, während die Schergen des Vaters die neue Geisel schlagen. Die Tochter sitzt wie ein normaler Teenager mit Kopfhörern auf ihrem Bett, im nächsten Raum wimmert die Geisel angekettet in der Badewanne.
Der übliche Vater-Sohn-Konflikt ist diesmal auch einer zwischen dem Paten einer Verbrecher-Organisation und seinem Gehilfen. Allerdings lebt Alex ganz gut vom Familien-Unternehmen und sein Widerstand hält sich in Grenzen. Die Normalität von Terrorherrschaft und Diktatur ist ein Echo der Militär-Diktatur Argentiniens. Vertraute Gespräche der Vaters mit einem „Commendatore" zeigen, dass alles weiterhin mit Wissen und Deckung von Polizei und Geheimdiensten geschah. So gewinnt die ebenso spannende wie unglaubliche Geschichte eine starke politische Dimension. Regisseur Pablo Trapero, der 2004 mit der Tragikomödie „Familia Rodante - Reisen auf argentinisch" erstmals auf sich aufmerksam machte, erhielt 2015 in Venedig den „Silbernen Löwen" für die „Beste Regie".
Wenn der Vater mit dem Sohne durch die Straße von Buenos Aires fährt und Freunde des Juniors als Geisel erst in den Kofferraum, dann in den Familien-Keller sperrt, dann ist die argentinische Diktatur nicht weit. 1983, das Militär tritt nach dem verlorenen Falkland-Krieg zurück, machte Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) einfach privat weiter, was er vorher für das Regime erledigte: Entführen, Foltern und Morden. Nur jetzt halt, wie ein junges Start Up-Unternehmen, im eigenen Keller. Tatsächlich hat nicht nur Österreich horrende Keller-Geschichten, auch die der Familie Puccio ist eine wahre.
Hinter der Fassade der angesehenen bürgerlichen Familie läuft ein florierenden Entführen und Erpressen. Mitten in diesem Zwiespalt steckt Alex (Peter Lanzani), ältester Sohn der Familie. Als erfolgreicher Rugby-Spieler ist er beliebt und kommt mit der Nationalmannschaft in der Welt herum. Er macht allerdings auch bei den Entführungen mit, ja lockt sogar Freunde als Opfer an. Alex schläft zu einem flotten Schlager mit seiner neuen Freundin, während die Schergen des Vaters die neue Geisel schlagen. Die Tochter sitzt wie ein normaler Teenager mit Kopfhörern auf ihrem Bett, im nächsten Raum wimmert die Geisel angekettet in der Badewanne.
Der übliche Vater-Sohn-Konflikt ist diesmal auch einer zwischen dem Paten einer Verbrecher-Organisation und seinem Gehilfen. Allerdings lebt Alex ganz gut vom Familien-Unternehmen und sein Widerstand hält sich in Grenzen. Die Normalität von Terrorherrschaft und Diktatur ist ein Echo der Militär-Diktatur Argentiniens. Vertraute Gespräche der Vaters mit einem „Commendatore" zeigen, dass alles weiterhin mit Wissen und Deckung von Polizei und Geheimdiensten geschah. So gewinnt die ebenso spannende wie unglaubliche Geschichte eine starke politische Dimension. Regisseur Pablo Trapero, der 2004 mit der Tragikomödie „Familia Rodante - Reisen auf argentinisch" erstmals auf sich aufmerksam machte, erhielt 2015 in Venedig den „Silbernen Löwen" für die „Beste Regie".
28.2.16
Das Tagebuch der Anne Frank (2016)
BRD 2016 Regie: Hans Steinbichler mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen 128 Min. FSK: ab 12
Nach einigen internationalen Produktionen gibt es nun „Das Tagebuch der Anne Frank" auch als deutsche Verfilmung - siebzig Jahre nach dem Tod der jungen Autorin im KZ Bergen-Belsen. Hans Steinbichlers Film ist eine vorsichtige Produktion für ein junges Publikum, die mit Drehbuch, Regie und Besetzung keinerlei Risiko eingeht. Trotzdem kann der Text zusammen mit der großartigen Hauptdarstellerin beeindrucken.
Der Weg von Schweizer Sommerfrische in Sils-Maria ins nicht mehr freie Amsterdam, dann in eine versteckte Miniwohnung, in der sich die Familie Frank nicht mehr frei bewegen kann. Und am Ende steht das KZ. Anne Franks Weg vom Licht in die Dunkelheit beginnt mit der tragischen Fehleinschätzung ihres Vaters Otto Frank (Ulrich Noethen), Holland sei genau so sicher wie die Schweiz, nur eben näher bei den Verwandten in Aachen und Frankfurt.
In Amsterdam müssen die Franks den gelben Juden-Stern tragen, aggressive junge Mitglieder des faschistischen NSB verjagen jüdische Mädchen vom Strand. Als Annes ältere Schwester Margot deportiert werden soll, zieht die Familie 1942 in ein lange vorbereitetes Versteck über der Fabrik von Freunden. Richtig mühsam, eng und menschlich unangenehm wird es in den 50 Quadratmetern, als die laute und ungehobelte Familie van Daan einzieht. Die Spannungen nehmen zu auf engem Raum mit unausweichlichen Reaktionen der anderen. Doch die Franks behalten während der zwei Jahre im Verlies ihren Humor, beschreiben ihre Unterkunft als „waldfreie Lage mit fließend Wasser an verschiedenen Wänden, fett-freie Nahrung". Als Anne 13 Jahre alt wird, beginnt sie ihr Tagebuch, das sie mit „Liebe Kitty" anspricht.
Vor allem wenn Anne ihr Tagebuch teilweise direkt in die Kamera spricht, beeindruckt die selbstbewusste Weltsicht dieses jungen Mädchens. Eines neugierigen Mädchens, das in diesen beengten Verhältnissen mit stark eingeschränktem Personenkreis ihr sexuelles Erwachen erlebt. Und das auch 70 Jahre später überhaupt nicht von gestern wirkt. Das oft selbstgerechte Mädchen nennt die Eltern Pim und Mansa, wobei der Vater Pim alle Sympathien bekommt und ein krasser Konflikt mit der Mutter (Martina Gedeck) eskaliert. Anne Frank entwickelt im Tagebuch ihre eigene Theodizee zum Leiden des jüdischen Volkes, das sie als auserwählt für die Zukunft ansieht.
Die starke Wirkung ist ein Verdienst auch der 17-jährigen Lea van Acken, die bereits 2014 in Dietrich Brüggemann „Kreuzweg" als religiöse Jugendliche Maria beeindruckte. Ihre Anne Frank ist enorm gut gespielt und gesprochen, lenkt ab von den schwachen Interpretationen der üblichen Verdächtigen Martina Gedeck und Ulrich Noethen als Annes Eltern. „Das Tagebuch der Anne Frank" wurde vom verdienstvollen Fred Breinersdorfer zum Drehbuch umgeschrieben, entfernt sich zum Glück von Breinerdorfers Schema bei „Elser - Er hätte die Welt verändert" (2014) und „Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2005). Regisseur Hans Steinbichler begann seine Karriere mit den sehr bemerkenswerten Filmen „Winterreise" (2006) und „Hierankl" (2003), hält sich jedoch hier mit einer braven und unspektakulären Inszenierung zurück. Aber selbst die sehr penetrante Musik sowie eine überzogene Filmlänge können den Eindruck nicht beschädigen, den dieses Vermächtnis des klugen jüdischen Mädchens macht.
Nach einigen internationalen Produktionen gibt es nun „Das Tagebuch der Anne Frank" auch als deutsche Verfilmung - siebzig Jahre nach dem Tod der jungen Autorin im KZ Bergen-Belsen. Hans Steinbichlers Film ist eine vorsichtige Produktion für ein junges Publikum, die mit Drehbuch, Regie und Besetzung keinerlei Risiko eingeht. Trotzdem kann der Text zusammen mit der großartigen Hauptdarstellerin beeindrucken.
Der Weg von Schweizer Sommerfrische in Sils-Maria ins nicht mehr freie Amsterdam, dann in eine versteckte Miniwohnung, in der sich die Familie Frank nicht mehr frei bewegen kann. Und am Ende steht das KZ. Anne Franks Weg vom Licht in die Dunkelheit beginnt mit der tragischen Fehleinschätzung ihres Vaters Otto Frank (Ulrich Noethen), Holland sei genau so sicher wie die Schweiz, nur eben näher bei den Verwandten in Aachen und Frankfurt.
In Amsterdam müssen die Franks den gelben Juden-Stern tragen, aggressive junge Mitglieder des faschistischen NSB verjagen jüdische Mädchen vom Strand. Als Annes ältere Schwester Margot deportiert werden soll, zieht die Familie 1942 in ein lange vorbereitetes Versteck über der Fabrik von Freunden. Richtig mühsam, eng und menschlich unangenehm wird es in den 50 Quadratmetern, als die laute und ungehobelte Familie van Daan einzieht. Die Spannungen nehmen zu auf engem Raum mit unausweichlichen Reaktionen der anderen. Doch die Franks behalten während der zwei Jahre im Verlies ihren Humor, beschreiben ihre Unterkunft als „waldfreie Lage mit fließend Wasser an verschiedenen Wänden, fett-freie Nahrung". Als Anne 13 Jahre alt wird, beginnt sie ihr Tagebuch, das sie mit „Liebe Kitty" anspricht.
Vor allem wenn Anne ihr Tagebuch teilweise direkt in die Kamera spricht, beeindruckt die selbstbewusste Weltsicht dieses jungen Mädchens. Eines neugierigen Mädchens, das in diesen beengten Verhältnissen mit stark eingeschränktem Personenkreis ihr sexuelles Erwachen erlebt. Und das auch 70 Jahre später überhaupt nicht von gestern wirkt. Das oft selbstgerechte Mädchen nennt die Eltern Pim und Mansa, wobei der Vater Pim alle Sympathien bekommt und ein krasser Konflikt mit der Mutter (Martina Gedeck) eskaliert. Anne Frank entwickelt im Tagebuch ihre eigene Theodizee zum Leiden des jüdischen Volkes, das sie als auserwählt für die Zukunft ansieht.
Die starke Wirkung ist ein Verdienst auch der 17-jährigen Lea van Acken, die bereits 2014 in Dietrich Brüggemann „Kreuzweg" als religiöse Jugendliche Maria beeindruckte. Ihre Anne Frank ist enorm gut gespielt und gesprochen, lenkt ab von den schwachen Interpretationen der üblichen Verdächtigen Martina Gedeck und Ulrich Noethen als Annes Eltern. „Das Tagebuch der Anne Frank" wurde vom verdienstvollen Fred Breinersdorfer zum Drehbuch umgeschrieben, entfernt sich zum Glück von Breinerdorfers Schema bei „Elser - Er hätte die Welt verändert" (2014) und „Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2005). Regisseur Hans Steinbichler begann seine Karriere mit den sehr bemerkenswerten Filmen „Winterreise" (2006) und „Hierankl" (2003), hält sich jedoch hier mit einer braven und unspektakulären Inszenierung zurück. Aber selbst die sehr penetrante Musik sowie eine überzogene Filmlänge können den Eindruck nicht beschädigen, den dieses Vermächtnis des klugen jüdischen Mädchens macht.
26.2.16
Zoomania
USA 2016 (Zootopia) Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush 109 Min. FSK: ab 0
Nein, dies ist kein verfrühter Oster-Film. Selbst wenn ein Kaninchen darin die Hauptrolle spielt. „Zoomania" ist Zeichentrick auf der technischen Höhe der Computer-Zeit, aber auch Buddy- und Cop-Movie mit Tieren, die sich wie Menschen verhalten. Ganz so wie in Disneys „Robin Hood" aus dem Jahr 1970. Allerdings ist heutzutage das Polizei-Kaninchen Judy Hopps ziemlich emanzipiert und rollen-bewußt.
Die Handlung beginnt wie aus der Disney-Serienproduktion: Das kleine Kaninchen-Mädchen Judy Hopps will schon von Kinderbeinen und der Schulbühne an die Welt verbessern. Klar, dass Judy Polizistin wird und ihren Job in der aufregend großen Stadt Zootopia antreten darf. Um Parkverbots-Tickets zu verteilen. Denn auch dieser Disney erzählt von einer Welt, die einem sagt, man sei zu klein, zu dumm, ein Mädchen. Doch zusammen mit dem schlauen Fuchs und Gauner Nick Wilde setzt sich die ehrgeizige Judy auf die Spur einer ganzen Reihe verschwundener Tiere.
Zootopia ist ein reizvoller Mikrokosmos mit verschiedenen Welten und Öko-Systemen. In Miniaturform für Mäuse, arktisch eingefroren oder direkt nebenan tropisch heiß. Sehr nett werden die tierischen Eigenschaften von Lemmingen oder verbeamteten Faultieren vorgeführt. Großartig, wie diese Schnarchnasen einen Witz in Zeitlupe verstehen, eine Folter für das wibbelige Kaninchen.
Allerdings ist diese Welt auch in Raubtiere und Beute aufgeteilt - oder in Gut und Böse – die hier erst einmal friedlich miteinander umgehen. Bis ausgerechnet ein Versprecher von Judy zu Vorurteilen gegenüber allen Raubtieren führt. Neben der ewigen Disney-Mantra „Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst" wagt sich „Zoomania" an ein ziemlich schwieriges Thema, in das sich auch die junge Heldin verrennt. Zwar wird mit „typischen Eigenschaften" wie „schlauer Fuchs" trefflich charakterisiert und unterhalten, dann sollen wir aber lernen, dass doch alle gleich sind! Ein Zwiespalt der großen Welt mit Rassismus und Profiling, den dieser kleine Film selbstverständlich nicht lösen kann.
Dafür unterhält der 55. Disney Spielfilm vortrefflich. Die Regisseure bringen Erfahrung von etwas abstruseren Animationen mit: Byron Howard hat „Rapunzel - neu verföhnt", Rich Moore machte die abgedrehte Computerspiel-Geschichte „Ralph reicht's". So gibt es ein Yoga-Retreat voller nackter – igittigitt – Tiere, einen Maulwurf mit Paten-Parodie, selbstverständlich samt Hochzeit der Tochter des Paten, und das Apple-Logo wurde durch eine angebissene Mohrrübe ersetzt.
Die auch feministische Geschichte erfreut mit erwachsenen Charakteren voller Charakter. „Zoomania" ist wieder mal ein Kinderfilm, der die großen Begleiter nicht unendlich langweilt. Dass alles doch ein durchkalkuliertes Produkt bleibt, zeigt die rasante Action im Finale und schließlich die furchtbare Animation von Shakira als Gazelle (wieso nicht Nasenbär bei ihrem nasalen Geknödel?) mit noch schlimmeren Lied im Abspann.
PS: Dass der Originaltitel „Zootopia" zu einem sehr sinnlosen „Zoomania" wird, ist der typisch deutsche Austausch von englischen Titeln mit Titeln, die weder englisch noch deutsch sind. Wieso bloß wird im internationalen Titel-Chaos („Zootropolis" in NL, DK) die Utopie so abgelehnt? Passt das Träumen (von einer Utopie) doch nicht so gut zu Disney?
Nein, dies ist kein verfrühter Oster-Film. Selbst wenn ein Kaninchen darin die Hauptrolle spielt. „Zoomania" ist Zeichentrick auf der technischen Höhe der Computer-Zeit, aber auch Buddy- und Cop-Movie mit Tieren, die sich wie Menschen verhalten. Ganz so wie in Disneys „Robin Hood" aus dem Jahr 1970. Allerdings ist heutzutage das Polizei-Kaninchen Judy Hopps ziemlich emanzipiert und rollen-bewußt.
Die Handlung beginnt wie aus der Disney-Serienproduktion: Das kleine Kaninchen-Mädchen Judy Hopps will schon von Kinderbeinen und der Schulbühne an die Welt verbessern. Klar, dass Judy Polizistin wird und ihren Job in der aufregend großen Stadt Zootopia antreten darf. Um Parkverbots-Tickets zu verteilen. Denn auch dieser Disney erzählt von einer Welt, die einem sagt, man sei zu klein, zu dumm, ein Mädchen. Doch zusammen mit dem schlauen Fuchs und Gauner Nick Wilde setzt sich die ehrgeizige Judy auf die Spur einer ganzen Reihe verschwundener Tiere.
Zootopia ist ein reizvoller Mikrokosmos mit verschiedenen Welten und Öko-Systemen. In Miniaturform für Mäuse, arktisch eingefroren oder direkt nebenan tropisch heiß. Sehr nett werden die tierischen Eigenschaften von Lemmingen oder verbeamteten Faultieren vorgeführt. Großartig, wie diese Schnarchnasen einen Witz in Zeitlupe verstehen, eine Folter für das wibbelige Kaninchen.
Allerdings ist diese Welt auch in Raubtiere und Beute aufgeteilt - oder in Gut und Böse – die hier erst einmal friedlich miteinander umgehen. Bis ausgerechnet ein Versprecher von Judy zu Vorurteilen gegenüber allen Raubtieren führt. Neben der ewigen Disney-Mantra „Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst" wagt sich „Zoomania" an ein ziemlich schwieriges Thema, in das sich auch die junge Heldin verrennt. Zwar wird mit „typischen Eigenschaften" wie „schlauer Fuchs" trefflich charakterisiert und unterhalten, dann sollen wir aber lernen, dass doch alle gleich sind! Ein Zwiespalt der großen Welt mit Rassismus und Profiling, den dieser kleine Film selbstverständlich nicht lösen kann.
Dafür unterhält der 55. Disney Spielfilm vortrefflich. Die Regisseure bringen Erfahrung von etwas abstruseren Animationen mit: Byron Howard hat „Rapunzel - neu verföhnt", Rich Moore machte die abgedrehte Computerspiel-Geschichte „Ralph reicht's". So gibt es ein Yoga-Retreat voller nackter – igittigitt – Tiere, einen Maulwurf mit Paten-Parodie, selbstverständlich samt Hochzeit der Tochter des Paten, und das Apple-Logo wurde durch eine angebissene Mohrrübe ersetzt.
Die auch feministische Geschichte erfreut mit erwachsenen Charakteren voller Charakter. „Zoomania" ist wieder mal ein Kinderfilm, der die großen Begleiter nicht unendlich langweilt. Dass alles doch ein durchkalkuliertes Produkt bleibt, zeigt die rasante Action im Finale und schließlich die furchtbare Animation von Shakira als Gazelle (wieso nicht Nasenbär bei ihrem nasalen Geknödel?) mit noch schlimmeren Lied im Abspann.
PS: Dass der Originaltitel „Zootopia" zu einem sehr sinnlosen „Zoomania" wird, ist der typisch deutsche Austausch von englischen Titeln mit Titeln, die weder englisch noch deutsch sind. Wieso bloß wird im internationalen Titel-Chaos („Zootropolis" in NL, DK) die Utopie so abgelehnt? Passt das Träumen (von einer Utopie) doch nicht so gut zu Disney?
24.2.16
13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi
USA 2016 Regie: Michael Bay mit James Badge Dale, John Krasinski, Max Martini 145 Min. FSK: ab 16
Willkommen in US-Wahlkampf, quer-finanziert durch Hollywood. Politisch Interessierte mögen sich erinnern, wie Hillary Clinton als Außenministerin im letzten Jahr nicht 13, sondern 11 Stunden lang in einem Parlaments-Ausschuss befragt wurde, weil bei einem Anschlag auf eine Außenstelle des US-Konsulats im libyschen Benghazi ausgerechnet am Jahrestag der Attentate von 9/11 vier US-Amerikaner starben. „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi", der voller Adrenalin gepumpte Action-Film vom filmischen Grob-Motoriker Michael Bay erzählt nun, was wirklich geschah ... selbstverständlich nicht!
Vor allem erzählt auch dieser Hollywood-Film viel vom üblichen Weltbild des typischen US-Amerikaners: Überall im Ausland lauern Gefahren, böse Menschen wollen gutmeinenden Diplomaten und Spionen ans Leben. Nun war Libyen schon 2012 nach dem Sturz Gaddafis kein sicherer Ausflugsort, hier hatte eigentlich jeder schwere Waffen in den Händen. Und deshalb ist ja auch die CIA da, sie will diesmal verhindern, dass Waffen verkauft werden. Ein guter Witz. Neu ist, dass die früher so coolen Geheimagenten nun als unfähige Schreibtischtäter selbst Aufpasser brauchen. Die stellt eine Sammlung von Vollbärten mit Muskeln dran. Ein paramilitärischer Trupp von Söldnern namens GRS, der wieder, wie einst „Rambo" für die unfähigen Politiker die Kohlen aus dem Feuer holen muss. In diesem Fall den angekokelten US-Botschafter, dessen so gut wie ungeschützte Residenz von einem Mob scheinbar spontan überfallen und abgefackelt wird.
Regisseur Michael Bay ist selber mit seinen Filmen wie „Transformers" und „Pearl Harbor" eine Art Söldner der US-Armee. Das fürchterliche Wort „Overkill" findet bei ihm seine extremste filmische Entsprechung: Immer ist alles zu viel zu laut, zu chaotisch, zu tödlich. Selbstverständlich haben auch in „13 Hours" Scherze oder gar Selbst-Ironie keinen Platz. Das größte Kunststück von Michael Bay ist allerdings, dass dieses fürchterliche Machwerk trotz seiner unendlich vielen Explosionen, Schießereien und Morde auch unendlich langweilig ist. Nach einer langen Exposition von fast einer Stunde mit rührenden Bildern der Liebsten zuhause und intensivem Bodybuilding ist der Rest endloses Geballer.
Trotzdem ist es beim Rumsitzen verführerisch, sich auf die beschränkte Logik des Films einzulassen. Denn die bärtigen Jungs sind ja so nett. In Berlin wären sie Hipster, woanders bringen sie Menschen um. Die man wiederum nicht versteht. Der Dolmetscher ist symptomatisch nur eine Witzfigur. Die gesichtslosen „Fremden", unter denen es nicht mal eine schurkige Nebenfigur gibt, fangen einfach grundlos an zu schießen und zu überfallen, während der Trommler beim Einpeitschmarathon auf der Tonspur Sonderzulage bekommt.
Wie in der Außenpolitik staunt man auch hier, was für ein unglaublicher Aufwand für ein erbärmliches Ergebnis getrieben wird: Ein Propaganda-Stückchen, das vier Jahre nach den Ereignissen zufällig mitten im Vorwahlkampf in die Kinos kommt. Man könnte auch sagen: Eine kriegstreiberische und rassistische Propaganda-Lüge!
Willkommen in US-Wahlkampf, quer-finanziert durch Hollywood. Politisch Interessierte mögen sich erinnern, wie Hillary Clinton als Außenministerin im letzten Jahr nicht 13, sondern 11 Stunden lang in einem Parlaments-Ausschuss befragt wurde, weil bei einem Anschlag auf eine Außenstelle des US-Konsulats im libyschen Benghazi ausgerechnet am Jahrestag der Attentate von 9/11 vier US-Amerikaner starben. „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi", der voller Adrenalin gepumpte Action-Film vom filmischen Grob-Motoriker Michael Bay erzählt nun, was wirklich geschah ... selbstverständlich nicht!
Vor allem erzählt auch dieser Hollywood-Film viel vom üblichen Weltbild des typischen US-Amerikaners: Überall im Ausland lauern Gefahren, böse Menschen wollen gutmeinenden Diplomaten und Spionen ans Leben. Nun war Libyen schon 2012 nach dem Sturz Gaddafis kein sicherer Ausflugsort, hier hatte eigentlich jeder schwere Waffen in den Händen. Und deshalb ist ja auch die CIA da, sie will diesmal verhindern, dass Waffen verkauft werden. Ein guter Witz. Neu ist, dass die früher so coolen Geheimagenten nun als unfähige Schreibtischtäter selbst Aufpasser brauchen. Die stellt eine Sammlung von Vollbärten mit Muskeln dran. Ein paramilitärischer Trupp von Söldnern namens GRS, der wieder, wie einst „Rambo" für die unfähigen Politiker die Kohlen aus dem Feuer holen muss. In diesem Fall den angekokelten US-Botschafter, dessen so gut wie ungeschützte Residenz von einem Mob scheinbar spontan überfallen und abgefackelt wird.
Regisseur Michael Bay ist selber mit seinen Filmen wie „Transformers" und „Pearl Harbor" eine Art Söldner der US-Armee. Das fürchterliche Wort „Overkill" findet bei ihm seine extremste filmische Entsprechung: Immer ist alles zu viel zu laut, zu chaotisch, zu tödlich. Selbstverständlich haben auch in „13 Hours" Scherze oder gar Selbst-Ironie keinen Platz. Das größte Kunststück von Michael Bay ist allerdings, dass dieses fürchterliche Machwerk trotz seiner unendlich vielen Explosionen, Schießereien und Morde auch unendlich langweilig ist. Nach einer langen Exposition von fast einer Stunde mit rührenden Bildern der Liebsten zuhause und intensivem Bodybuilding ist der Rest endloses Geballer.
Trotzdem ist es beim Rumsitzen verführerisch, sich auf die beschränkte Logik des Films einzulassen. Denn die bärtigen Jungs sind ja so nett. In Berlin wären sie Hipster, woanders bringen sie Menschen um. Die man wiederum nicht versteht. Der Dolmetscher ist symptomatisch nur eine Witzfigur. Die gesichtslosen „Fremden", unter denen es nicht mal eine schurkige Nebenfigur gibt, fangen einfach grundlos an zu schießen und zu überfallen, während der Trommler beim Einpeitschmarathon auf der Tonspur Sonderzulage bekommt.
Wie in der Außenpolitik staunt man auch hier, was für ein unglaublicher Aufwand für ein erbärmliches Ergebnis getrieben wird: Ein Propaganda-Stückchen, das vier Jahre nach den Ereignissen zufällig mitten im Vorwahlkampf in die Kinos kommt. Man könnte auch sagen: Eine kriegstreiberische und rassistische Propaganda-Lüge!
23.2.16
Mustang (2015)
Türkei, Frankreich, Katar, BRD 2015 Regie: Deniz Gamze Ergüven mit Günes Sensoy, Doga Zeynep Doguslu, Elit Iscan, Tugba Sunguroglu, Ilayda Akdogan 94 Min. FSK ab 12
Für fünf sehr fröhliche, ausgelassene Waisen, selbstbewusste, starke Mädchen an der türkischen Schwarzmeerküste, endet mit den Sommerferien die Freiheit. Die Schwestern baden mit Klassenkameraden am Strand - in voller Schuluniform. Trotzdem sorgt dies im Dorf für Aufruhr und die Mädchen werden von Oma und Onkel fortan eingesperrt. Computer, Handys sogar Telefone verschwinden. In der ersten Aufregung bekommt der grobe Onkel noch die Schläge, die er austeilen will, von seiner Mutter selbst ins Gesicht. Erniedrigung und Hausarrest beginnen mit einer Kontrolle der Jungfernschaft im Krankenhaus. Später kommen zur Erhaltung der Heiratsfähigkeit Gitter vor die Fenster, die Mauern werden erhöht. Im Rahmen der Reduzierung aufs Hausfrauen-Sein gibt es nur noch Haushaltslehre zu Hause, die Sommerkleidung ersetzen fortan sackartige Kleider.
Viel Handkamera und vor allem die schwebende Musik weckt Erinnerungen an Sofia Coppolas „The Virgin Suicides", denn lange erhalten sich die Mädchen ihren freien Geist. Trotzdem zeigt „Mustang" das Genre des Sommer-Films unter umgekehrten Vorzeichen: Wo es sonst um Entdeckung und Entgrenzung geht, werden die Mädchen nacheinander unter im heutigen Europa eigentlich undenkbarem Zwang verheiratet.
Eine schöne Episode, in der die Mädchen ausbrechen, um als Fußball-Hooligans mit ihren Freundinnen zu einem Spiel zu reisen, wie die Tante dann einen ganzen Transformator abschießt, damit die Männer die Mädchen nicht während der Live-Übertragung im Stadion sehen, ist noch ein letzter Spaß. Nachdem die erste gegen ihren Willen verheiratet wird, muss beim Gynäkologen erneut die Jungfernhaut untersucht werden, weil sie in der Hochzeitsnacht nicht blutet.
Wie schon im iranischen Film „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" von Marzieh Meshkini machen gerade die Freiheiten der Inszenierung das unfreie Leben der Mädchen spürbar. Toll mit regionaler Leidenschaft gespielt, findet dieser ungewöhnliche Gefängnisfilm zwar neue Wege der Inszenierung. Zur Flucht bleiben aber nur allesamt tragischen Möglichkeiten. Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven erhielt den Europäischen Filmpreis 2015 für die „Europäische Entdeckung des Jahres".
Für fünf sehr fröhliche, ausgelassene Waisen, selbstbewusste, starke Mädchen an der türkischen Schwarzmeerküste, endet mit den Sommerferien die Freiheit. Die Schwestern baden mit Klassenkameraden am Strand - in voller Schuluniform. Trotzdem sorgt dies im Dorf für Aufruhr und die Mädchen werden von Oma und Onkel fortan eingesperrt. Computer, Handys sogar Telefone verschwinden. In der ersten Aufregung bekommt der grobe Onkel noch die Schläge, die er austeilen will, von seiner Mutter selbst ins Gesicht. Erniedrigung und Hausarrest beginnen mit einer Kontrolle der Jungfernschaft im Krankenhaus. Später kommen zur Erhaltung der Heiratsfähigkeit Gitter vor die Fenster, die Mauern werden erhöht. Im Rahmen der Reduzierung aufs Hausfrauen-Sein gibt es nur noch Haushaltslehre zu Hause, die Sommerkleidung ersetzen fortan sackartige Kleider.
Viel Handkamera und vor allem die schwebende Musik weckt Erinnerungen an Sofia Coppolas „The Virgin Suicides", denn lange erhalten sich die Mädchen ihren freien Geist. Trotzdem zeigt „Mustang" das Genre des Sommer-Films unter umgekehrten Vorzeichen: Wo es sonst um Entdeckung und Entgrenzung geht, werden die Mädchen nacheinander unter im heutigen Europa eigentlich undenkbarem Zwang verheiratet.
Eine schöne Episode, in der die Mädchen ausbrechen, um als Fußball-Hooligans mit ihren Freundinnen zu einem Spiel zu reisen, wie die Tante dann einen ganzen Transformator abschießt, damit die Männer die Mädchen nicht während der Live-Übertragung im Stadion sehen, ist noch ein letzter Spaß. Nachdem die erste gegen ihren Willen verheiratet wird, muss beim Gynäkologen erneut die Jungfernhaut untersucht werden, weil sie in der Hochzeitsnacht nicht blutet.
Wie schon im iranischen Film „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" von Marzieh Meshkini machen gerade die Freiheiten der Inszenierung das unfreie Leben der Mädchen spürbar. Toll mit regionaler Leidenschaft gespielt, findet dieser ungewöhnliche Gefängnisfilm zwar neue Wege der Inszenierung. Zur Flucht bleiben aber nur allesamt tragischen Möglichkeiten. Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven erhielt den Europäischen Filmpreis 2015 für die „Europäische Entdeckung des Jahres".
Der Kuaför aus der Keupstraße
BRD 2015 Regie: Andreas Maus 98 Min. FSK: ab 0
Dieser exzellente und enorm wichtige Dokumentarfilm blickt auf jene, die beim ewig langen NSU-Prozess gegen Zschäpe oft vergessen werden: Die Opfer. „Der Kuaför aus der Keupstraße" erzählt die Geschichte des Nagelbombenanschlags des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor einem türkischen Frisörsalon in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 nach und zeigt die Folgen in einer packenden Inszenierung auf.
Die ersten Bilder von in Zeitlupe auf den Boden fallenden Nägeln sind schauerlich, werden aber im Verlauf von den Originalverhören der Polizei im Entsetzlichen übertroffen. Die wollte unglaublicherweise monatelang den Opfern die Schuld zuschieben. Später kommen weitere Ungereimtheiten der Polizeiarbeit ans Licht, als die noch verletzt Verhörten später nur Fragmente stundenlanger Befragungen und Anschuldigungen im eindeutig „nachbearbeiteten" Protokoll wiederfinden. Das Ausmaß der politisch verzerrten Blicks ist schockierend: Gleich mehrere versteckte Ermittlersollten organisierte Kriminalität im türkischen „Milieu" aufdecken.
Vor allem die Opfer des Anschlages, die beiden türkischen Friseure, kommen zu Wort. Dazu gibt es in Bild und Ton exzellente Porträts von Menschen des Viertels, Geigenbauer, Schneiderin, Konditor, CD-Händler und selbstverständlich der Mann vom Kiosk. Neben den Interviews fügt der Film geschickt in stilisierter Szenerie nachgesprochene Vernehmungsprotokolle ein. Eine weitere, poetische Ebene lässt der rechtschaffenen Entrüstung mit kommentierenden Texten freien Lauf. Die Filmemacher finden durchgehend packende Formen für ihre sorgfältig mit langem Atem recherchierte Geschichte. Ein sehnsüchtig aufgesogenes Gegengift zu dem Schlagzeilen-Stakkato der meisten Medien.
Dieser exzellente und enorm wichtige Dokumentarfilm blickt auf jene, die beim ewig langen NSU-Prozess gegen Zschäpe oft vergessen werden: Die Opfer. „Der Kuaför aus der Keupstraße" erzählt die Geschichte des Nagelbombenanschlags des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor einem türkischen Frisörsalon in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 nach und zeigt die Folgen in einer packenden Inszenierung auf.
Die ersten Bilder von in Zeitlupe auf den Boden fallenden Nägeln sind schauerlich, werden aber im Verlauf von den Originalverhören der Polizei im Entsetzlichen übertroffen. Die wollte unglaublicherweise monatelang den Opfern die Schuld zuschieben. Später kommen weitere Ungereimtheiten der Polizeiarbeit ans Licht, als die noch verletzt Verhörten später nur Fragmente stundenlanger Befragungen und Anschuldigungen im eindeutig „nachbearbeiteten" Protokoll wiederfinden. Das Ausmaß der politisch verzerrten Blicks ist schockierend: Gleich mehrere versteckte Ermittlersollten organisierte Kriminalität im türkischen „Milieu" aufdecken.
Vor allem die Opfer des Anschlages, die beiden türkischen Friseure, kommen zu Wort. Dazu gibt es in Bild und Ton exzellente Porträts von Menschen des Viertels, Geigenbauer, Schneiderin, Konditor, CD-Händler und selbstverständlich der Mann vom Kiosk. Neben den Interviews fügt der Film geschickt in stilisierter Szenerie nachgesprochene Vernehmungsprotokolle ein. Eine weitere, poetische Ebene lässt der rechtschaffenen Entrüstung mit kommentierenden Texten freien Lauf. Die Filmemacher finden durchgehend packende Formen für ihre sorgfältig mit langem Atem recherchierte Geschichte. Ein sehnsüchtig aufgesogenes Gegengift zu dem Schlagzeilen-Stakkato der meisten Medien.
22.2.16
Freunde fürs Leben
Spanien, Argentinien 2015 (Truman) Regie: Cesc Gay mit Ricardo Darín, Javier Cámara, Dolores Fonzi 113 Min. FSK: ab 0
Julian (Ricardo Darín), ein Schauspieler aus Madrid, hat Lungenkrebs und will keine Chemotherapie mehr machen. Aus diesem Grund besucht ihn sein alter Freund Tomás (Javier Cámara) und kommt für vier Tage aus Kanada. Gemeinsam teilen sie dem behandelnden Arzt den Beschluss mit, versuchen Julians Begräbnis mit einem nicht sehr einfühlsamen Bestatter zu planen und erkundigen sich beim Veterinär über die Trauer von Hunden. Denn für Julian ist sein Hund Truman wie ein Kind.
Witzigerweise hält der totkranke Julian den Kanadier mit Jetlag auf Trab. Beide zeigen ihre typisch männlich raue Seite, was immer wieder komisch ist, wenn sie kurz zum Heulen weggehen. Zwar geht es auch darum, das Leben aufräumen, es gibt einen Kurztrip zu Julians entfremdetem Sohn in Amsterdam, doch auch die Inszenierung vermeidet große emotionale Momente, geht mal lieber frühstücken oder vor dem Café rauchen.
Bei einigen Geständnissen und Entschuldigungen gegenüber betrogenen Kollegen ist die Kunst von Regisseur Cesc Gay („En la Ciudad", „Ein Freitag in Barcelona"), bei dem sich wieder alles um Freundschaft dreht, kleine Momente sicher und frei von großem Pathos zu inszenieren. Der Film kann auf das gekonnt zurückhaltende Spiel von Ricardo Darín („Wild Tales", „In ihren Augen") vertrauen, um nachhaltig und glaubwürdig zu berühren.
Julian (Ricardo Darín), ein Schauspieler aus Madrid, hat Lungenkrebs und will keine Chemotherapie mehr machen. Aus diesem Grund besucht ihn sein alter Freund Tomás (Javier Cámara) und kommt für vier Tage aus Kanada. Gemeinsam teilen sie dem behandelnden Arzt den Beschluss mit, versuchen Julians Begräbnis mit einem nicht sehr einfühlsamen Bestatter zu planen und erkundigen sich beim Veterinär über die Trauer von Hunden. Denn für Julian ist sein Hund Truman wie ein Kind.
Witzigerweise hält der totkranke Julian den Kanadier mit Jetlag auf Trab. Beide zeigen ihre typisch männlich raue Seite, was immer wieder komisch ist, wenn sie kurz zum Heulen weggehen. Zwar geht es auch darum, das Leben aufräumen, es gibt einen Kurztrip zu Julians entfremdetem Sohn in Amsterdam, doch auch die Inszenierung vermeidet große emotionale Momente, geht mal lieber frühstücken oder vor dem Café rauchen.
Bei einigen Geständnissen und Entschuldigungen gegenüber betrogenen Kollegen ist die Kunst von Regisseur Cesc Gay („En la Ciudad", „Ein Freitag in Barcelona"), bei dem sich wieder alles um Freundschaft dreht, kleine Momente sicher und frei von großem Pathos zu inszenieren. Der Film kann auf das gekonnt zurückhaltende Spiel von Ricardo Darín („Wild Tales", „In ihren Augen") vertrauen, um nachhaltig und glaubwürdig zu berühren.
21.2.16
Spotlight
USA 2015 Regie: Tom McCarthy mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber 128 Min.
„Spotlight" ist ein erstaunlicher Film in vielerlei Hinsicht: Da wird die Vergewaltigung von Kindern durch katholische Priester in der Erzdiözese Boston ganz ohne spekulative Bilder, ganz ohne überdramatisierte Szenen aufgedeckt. Da gibt es investigativen Journalismus ohne geheimnisvolle Informanten in Tiefgaragen oder aufpeitschende Action-Szenen. Und vor allem haben diese Journalisten sagenhafte zwölf Monate Zeit, an einer Geschichte zu arbeiten. Das Erstaunlichste bei all dem: „Spotlight" ist mit Mark Ruffalo, Michael Keaton und Rachel McAdams in den Hauptrollen ein packender und bewegender Film!
Die wahre Geschichte setzt 2001 ein, beginnt aber mindestens 15 Jahre, wenn nicht viele Jahrzehnte früher: Ein Priester wird in Boston kurzzeitig festgenommen, weil er einen seiner Zöglinge vergewaltigt haben soll. Die Sache ist schnell erledigt, auch wenn sie in einer Kolumne der Tageszeitung „The Boston Globe" Niederschlag findet. Doch zufällig gibt es mit Marty Baron (Liev Schreiber) gerade einem neuen Chefredakteur, der das Reporterteam der Spotlight-Sektion drauf ansetzt. Nun kommt eine jahrzehntelange, systematische Vertuschung ans Licht, bei dem hunderte Priester für ihre Sexual-Verbrechen nicht bestraft, sondern nur versetzt wurde. Und oft in den neuen Gemeinden ungestört weiter machten.
Selbstverständlich erfährt das Team um Walter „Robby" Robinson (Michael Keaton) dies alles nicht ohne Widerstand. Schnell zeigt sich die Macht der Kirche, die in allen Fällen außergerichtliche Einigungen mit den Opfern erzielte. Gerichtsakten verschwinden. Der Kardinal lädt den jüdischen Chefredakteur Baron vor. Die Journalistin Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) hat Angst, ihrer Familie von der Recherche zu erzählen. Und Walter Robinson riskiert Freundschaften im Golfclub. Auch an die Mehrzahl katholischer Abonnenten sei zu denken...
Auf der anderen Seite sieht man einige der Opfer, hört – ganz ohne Rückblenden! - wie sie schutzlos misshandelt wurden und wie schwer ihr Leben danach verlief. Sie hängen an der Nadel, an der Flasche, einige haben sich bereits umgebracht.
Dabei ist die noch gar nicht so alte Geschichte über einen Saustall, der bis heute immer noch nicht wirklich ausgemistet wurde, in anderer Hinsicht schon prähistorisch. Nicht nur wegen nerdigem Handy-Halter am Gürtel und weil das Internet erst gerade richtig durchstartet. Die Recherche in Papier-Archiven und per Telefon wird vielen Zuschauern und vielleicht auch vielen Journalisten bereits völlig unbekannt sein. Ganz ohne pathetischen Zeigefinger oder Geigen-beschwerte Szenen erfährt man etwas über journalistisches Ethos, über die Notwendigkeit, Informationen zu kontrollieren, sie aber auch immer wieder ernst zu nehmen.
Denn so scheinbar einfach dieser feine, exzellente Film daher kommt, weil er nirgendwo zu dick aufträgt - vor allem Walter Robinson macht die Frage quälend, weshalb niemand dies alles früher gesehen hat. Weshalb niemand früher etwas gesagt hat. Denn es passierte nicht nur auch an der Schule direkt gegenüber dem Redaktionsgebäude, es passierte in der Parallelklasse Robinsons. Ja, „Spotlight" erzählt mit langem, ruhigem Atem, ohne laute Schockmomente, doch danach kann ein Kinderspielplatz in der Nähe einer Kirche sehr wohl ein mulmiges Gefühl verursachen.
„Spotlight" ist ein erstaunlicher Film in vielerlei Hinsicht: Da wird die Vergewaltigung von Kindern durch katholische Priester in der Erzdiözese Boston ganz ohne spekulative Bilder, ganz ohne überdramatisierte Szenen aufgedeckt. Da gibt es investigativen Journalismus ohne geheimnisvolle Informanten in Tiefgaragen oder aufpeitschende Action-Szenen. Und vor allem haben diese Journalisten sagenhafte zwölf Monate Zeit, an einer Geschichte zu arbeiten. Das Erstaunlichste bei all dem: „Spotlight" ist mit Mark Ruffalo, Michael Keaton und Rachel McAdams in den Hauptrollen ein packender und bewegender Film!
Die wahre Geschichte setzt 2001 ein, beginnt aber mindestens 15 Jahre, wenn nicht viele Jahrzehnte früher: Ein Priester wird in Boston kurzzeitig festgenommen, weil er einen seiner Zöglinge vergewaltigt haben soll. Die Sache ist schnell erledigt, auch wenn sie in einer Kolumne der Tageszeitung „The Boston Globe" Niederschlag findet. Doch zufällig gibt es mit Marty Baron (Liev Schreiber) gerade einem neuen Chefredakteur, der das Reporterteam der Spotlight-Sektion drauf ansetzt. Nun kommt eine jahrzehntelange, systematische Vertuschung ans Licht, bei dem hunderte Priester für ihre Sexual-Verbrechen nicht bestraft, sondern nur versetzt wurde. Und oft in den neuen Gemeinden ungestört weiter machten.
Selbstverständlich erfährt das Team um Walter „Robby" Robinson (Michael Keaton) dies alles nicht ohne Widerstand. Schnell zeigt sich die Macht der Kirche, die in allen Fällen außergerichtliche Einigungen mit den Opfern erzielte. Gerichtsakten verschwinden. Der Kardinal lädt den jüdischen Chefredakteur Baron vor. Die Journalistin Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) hat Angst, ihrer Familie von der Recherche zu erzählen. Und Walter Robinson riskiert Freundschaften im Golfclub. Auch an die Mehrzahl katholischer Abonnenten sei zu denken...
Auf der anderen Seite sieht man einige der Opfer, hört – ganz ohne Rückblenden! - wie sie schutzlos misshandelt wurden und wie schwer ihr Leben danach verlief. Sie hängen an der Nadel, an der Flasche, einige haben sich bereits umgebracht.
Dabei ist die noch gar nicht so alte Geschichte über einen Saustall, der bis heute immer noch nicht wirklich ausgemistet wurde, in anderer Hinsicht schon prähistorisch. Nicht nur wegen nerdigem Handy-Halter am Gürtel und weil das Internet erst gerade richtig durchstartet. Die Recherche in Papier-Archiven und per Telefon wird vielen Zuschauern und vielleicht auch vielen Journalisten bereits völlig unbekannt sein. Ganz ohne pathetischen Zeigefinger oder Geigen-beschwerte Szenen erfährt man etwas über journalistisches Ethos, über die Notwendigkeit, Informationen zu kontrollieren, sie aber auch immer wieder ernst zu nehmen.
Denn so scheinbar einfach dieser feine, exzellente Film daher kommt, weil er nirgendwo zu dick aufträgt - vor allem Walter Robinson macht die Frage quälend, weshalb niemand dies alles früher gesehen hat. Weshalb niemand früher etwas gesagt hat. Denn es passierte nicht nur auch an der Schule direkt gegenüber dem Redaktionsgebäude, es passierte in der Parallelklasse Robinsons. Ja, „Spotlight" erzählt mit langem, ruhigem Atem, ohne laute Schockmomente, doch danach kann ein Kinderspielplatz in der Nähe einer Kirche sehr wohl ein mulmiges Gefühl verursachen.
Where to invade next
USA 2015 Regie: Michael Moore 110 Min.
Die Lage ist verzweifelt: Seit Korea hat die USA keinen ihrer Kriege mehr gewinnen können. So rufen die Chefs von Army, Luftwaffe und Marine den bekannten Dokumentarfilmer und Regime-Kritiker Michael Moore zu Hilfe. Und der liefert: Eine Liste mit Ländern, die demnächst erobert werden sollen, samt der Sachen, die man in traditioneller Weise dort jeweils mitgehen lässt. Äußerst humorvoll hält Moore seiner „großen Nation" einen Spiegel vor und zeigt bei einer manchmal übereilten Weltreise, was in Sachen Arbeiter- und Bürgerrechte der Standard sein sollte. Ein auch für Deutschland lehrreicher Spaß, selbst wenn ein Bleistift-Hersteller hier als mustergültig durchgehen soll.
Wie immer beim großen Polit-Clown Michael Moore („Fahrenheit 9/11", „Bowling for Columbine", „Roger & Me") sind Idee und Lösung verblüffend einfach: Da reist er mit der us-amerikanischen Nationalflagge durch Europa, okkupiert mit flapsigem Pathos ganze Nationen und eignet sich für die USA Dinge wie bezahlten Urlaub, Arbeiternehmermitbestimmung, Sexualkunde-Unterricht, besseres Bildungs-, Gesundheits- und Strafsystem an. Und richtig komisch ist es zudem, wie Moore mit seinen naiven Fragen, den persönlichen Reaktionen und einer flotten Montage beispielsweise herausfindet, weshalb italienische Paare immer so aussähen, „als ob sie gerade Sex gehabt hätten". Es sind die für US-Amerikaner unglaubliche Anzahl von Urlaubstagen sowie die selbst von Deutschen kritisch beäugten langen Mittagspausen. Naheliegende Zweifel beantworten die Chefs einer Näherei für Armani und der von Ducati abschlägig: Die Angestellten seien glücklich, weniger krank und dadurch produktiver.
Auch Frankreich bleibt Michael Moore den Klischees treu: Im Land der Liebe besucht er den Sexualkunde-Unterricht und lässt alle mal herzlich über das us-konservative Konzept und Kontrazeptivum der Enthaltsamkeit lachen. Nein, das würden sie hier nicht lehren, die Zahlen schwangerer Teenager (sechs mal mehr in den USA als in der BRD) wären nicht überzeugend. Weiter in Deutschland will man sich zuerst über die typischen Nazi-Bilder beschweren, doch eine Hymne auf die Erinnerungskultur macht vor allem wieder im Vergleich zu den USA nachdenklich: Dort, „in einer großen Nation, die auf einem Genozid und auf Sklavenarbeit aufgebaut wurde", gab es erst 2015 ein Museum über die Sklaverei!
Auch die kurze und weiterhin witzige Inspektion finnischer Schulen mit extrem wenigen Schulstunden und keinen Hausaufgaben, oder die verblüffende Besichtigung norwegischer Mustergefängnisse lassen nachhaltig nachdenken. Wobei Moore bei seinem eigentlich nationalen US-Film immer wieder betont, dass etwa auch das Verbot unnötig grausamer Strafen eigentlich eine US-Erfindung sei. Man habe es nur vergessen, beziehungsweise auch die Gefängnisse dem Kapitalismus verkauft.
Wie immer sind Moores Argumente sehr pointiert und in ihrer Verkürzung leicht angreifbar. Die Ideen dahinter bleiben trotzdem eindrucksvoll. Mit weniger Filmzitaten oder Animationen als früher, ist er immer noch witzig. Auch den Wechsel zur Betroffenheit bekommt er sicher hin. Das ist lehrreich und macht viel Spaß. Dabei vergisst man glatt, dass man sich hier von einem der letzten linken Filmemacher überhaupt unterhalten lässt.
Die Lage ist verzweifelt: Seit Korea hat die USA keinen ihrer Kriege mehr gewinnen können. So rufen die Chefs von Army, Luftwaffe und Marine den bekannten Dokumentarfilmer und Regime-Kritiker Michael Moore zu Hilfe. Und der liefert: Eine Liste mit Ländern, die demnächst erobert werden sollen, samt der Sachen, die man in traditioneller Weise dort jeweils mitgehen lässt. Äußerst humorvoll hält Moore seiner „großen Nation" einen Spiegel vor und zeigt bei einer manchmal übereilten Weltreise, was in Sachen Arbeiter- und Bürgerrechte der Standard sein sollte. Ein auch für Deutschland lehrreicher Spaß, selbst wenn ein Bleistift-Hersteller hier als mustergültig durchgehen soll.
Wie immer beim großen Polit-Clown Michael Moore („Fahrenheit 9/11", „Bowling for Columbine", „Roger & Me") sind Idee und Lösung verblüffend einfach: Da reist er mit der us-amerikanischen Nationalflagge durch Europa, okkupiert mit flapsigem Pathos ganze Nationen und eignet sich für die USA Dinge wie bezahlten Urlaub, Arbeiternehmermitbestimmung, Sexualkunde-Unterricht, besseres Bildungs-, Gesundheits- und Strafsystem an. Und richtig komisch ist es zudem, wie Moore mit seinen naiven Fragen, den persönlichen Reaktionen und einer flotten Montage beispielsweise herausfindet, weshalb italienische Paare immer so aussähen, „als ob sie gerade Sex gehabt hätten". Es sind die für US-Amerikaner unglaubliche Anzahl von Urlaubstagen sowie die selbst von Deutschen kritisch beäugten langen Mittagspausen. Naheliegende Zweifel beantworten die Chefs einer Näherei für Armani und der von Ducati abschlägig: Die Angestellten seien glücklich, weniger krank und dadurch produktiver.
Auch Frankreich bleibt Michael Moore den Klischees treu: Im Land der Liebe besucht er den Sexualkunde-Unterricht und lässt alle mal herzlich über das us-konservative Konzept und Kontrazeptivum der Enthaltsamkeit lachen. Nein, das würden sie hier nicht lehren, die Zahlen schwangerer Teenager (sechs mal mehr in den USA als in der BRD) wären nicht überzeugend. Weiter in Deutschland will man sich zuerst über die typischen Nazi-Bilder beschweren, doch eine Hymne auf die Erinnerungskultur macht vor allem wieder im Vergleich zu den USA nachdenklich: Dort, „in einer großen Nation, die auf einem Genozid und auf Sklavenarbeit aufgebaut wurde", gab es erst 2015 ein Museum über die Sklaverei!
Auch die kurze und weiterhin witzige Inspektion finnischer Schulen mit extrem wenigen Schulstunden und keinen Hausaufgaben, oder die verblüffende Besichtigung norwegischer Mustergefängnisse lassen nachhaltig nachdenken. Wobei Moore bei seinem eigentlich nationalen US-Film immer wieder betont, dass etwa auch das Verbot unnötig grausamer Strafen eigentlich eine US-Erfindung sei. Man habe es nur vergessen, beziehungsweise auch die Gefängnisse dem Kapitalismus verkauft.
Wie immer sind Moores Argumente sehr pointiert und in ihrer Verkürzung leicht angreifbar. Die Ideen dahinter bleiben trotzdem eindrucksvoll. Mit weniger Filmzitaten oder Animationen als früher, ist er immer noch witzig. Auch den Wechsel zur Betroffenheit bekommt er sicher hin. Das ist lehrreich und macht viel Spaß. Dabei vergisst man glatt, dass man sich hier von einem der letzten linken Filmemacher überhaupt unterhalten lässt.
20.2.16
Berlinale 2016 Glück gehabt?
„Die Suche nach dem Glück" wurde als Motto der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlins ausgegeben. Bevor das Festival am Samstag mit der Verleihung der Goldenen und Silbernen Bären nach zehn Tagen zu Ende geht, ist der Anspruch bescheidener geworden: War die Suche nach guten Filmen glücklich? Tatsächlich dachte man mit fortgeschrittenem Verlauf des Wettbewerbs eher verzweifelt an Clint Eastwoods grimmigen Dirty Harry-Spruch mit Pistole an schwitziger Stirn „Ist heute dein Glückstag, Punk?"
Die Sache mit dem großen Glück, beziehungsweise „Die Suche nach dem Glück oder das Recht auf Glück" wie das Festival zurechtrückte, wurde schon zu Beginn von George Clooney geerdet. Eine der üblich bescheuerten Presse-Fragen zu seinem ganz persönlichen Engagement für Flüchtlinge gab er einfach zurück: Was täte denn die Journalistin ganz persönlich für Flüchtlinge? Spenden konnte jeder Festivalgast für ein Behandlungszentrum für Folteropfer, die Aufrufe dazu vor den Galavorstellungen klangen zum Schluss allerdings eher verzweifelt.
Man müsste vielleicht mal erklären, dass Kinofilm immer noch nicht mit Polaroid-Material gemacht wird, es liefert keine Instant-Lösung für aktuelle Probleme, selbst wenn der Kaffee-Kapsel-Mann der Menschenrechts-Anwältin Clooney mitspielt. Trotzdem blieb auch die 66. Berlinale ihrem Image treu: Cannes hat die besten Filme, Venedig hat Kanäle, Locarno Open Air und Berlin ist politisch. Mehr Regierungsvertreter gingen selten ins Kino: Der portugiesische Premierminister und der angolanische Staatschef schauten sich den poetischen „Cartas de guerra" zur gemeinsamen Kolonialvergangenheit an. Der Provinzchef von Sarajevo sah die blutarme Polit-Parabel „Smrt u Sarajevu" (Tod in Sarajevo) vom ehemaligen Festival-Sieger Danis Tanović. Der dänische Botschafter war dabei, als einer der hervorragenden Botschafter für den dänischen Film, Thomas Vinterberg in „Die Kommune" das freie WG-Leben der späten Sechziger als erschütternd verantwortungslos demaskierte. Und der Chef der US-Botschaft gleich neben der Festivalmeile gab bei „Zero Days" von Alex Gibney den offiziellen Buhmann: Die Dokumentation im Wettbewerb machte verständlich und ausführlich anhand des von NSA und Mossad produzierten Stuxnet-Virus klar, dass die Bedrohung durch Cyber-Krieg ebenso ernst zu nehmen sei, wie die durch Atomwaffen.
Ein anderer Gast aus den USA schmeichelte Europa: Michael Moore eroberte in seiner komischen und erschreckenden Dokumentation „Where to invade next" stellvertretend für das US-Militär (die hätten ja seit Korea nur noch Kriege verloren!) vor allem europäische Länder und entführte deren besten Eigenschaften. Aus Italien die vielen Urlaubstage, aus dem „Land der Liebe" Frankreich die Sexualerziehung und aus Deutschland Arbeitermitbestimmung und die Beschäftigung mit unserer Nazi-Vergangenheit.
Die Aussichten in dieser weiten Themen-Spanne von Vergangenheit bis Zukunft beim Wettbewerb sind für Kino-Gänger nicht berauschend: Zwar ist, wer unter mehr als 400 Filmen der Berlinale nichts Gutes findet, selbst schuld. Oder irgendwie dem seltsamen Irr-Glauben verpflichtet, im Wettbewerb würden die besten Filme laufen. Die Favoriten-Frage bringt einen Tag vor dem Ende zudem das bekannte Apfel und Birnen-Problem ans Licht. Oder: Kraut und Rüben. die Härtesten erholen sich noch vom philippinischen Acht Stunden-Opus „Hele Sa Hiwagang Hapis" des hochverehrten Langfilmers Lav Diazvom. Filme wie „Genius", der Biografie des Lektors von Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe, sind immer nur wegen der Stars dabei, diesmal waren Colin Firth, Jude Law, Laura Linney und Guy Pearce anwesend. Die Vergangenheit des analogen Filmmaterials tauchte noch einmal wie eine Meerjungfrau aus dem Märchen im chinesischen Beitrag „Chang Jiang Tu" auf, einem langen Bilderfluss entlang des Jangtse, der wohl nicht nur deshalb die schönsten Bilder im Wettbewerb zeigte. Ganz große Emotionen löste das extrem private und doch politische „Kleine Fernsehspiel" „24 Wochen" von Anne Zohra Berrached aus. Hauptdarstellerin Julia Jentsch könnte für ihre Rolle als Schwangere mit mehrfach behindertem Kind ihren zweiten Schauspiel-Bären erhalten.
Die noch nicht ausgeformte Zukunft des Filmvertriebs von Pay TV-Produzenten wie Netflix oder Amazon zeigte sich mit dem Festival-Hit „Chi-Raq" vom alten Aktivisten und Komödianten Spike Lee – leider außerhalb des Wettbewerbs. Wie auch Doris Dörries ausgeschlossene „Grüße aus Fukushima" mit der großartigen Rosalie Thomass („Taxi") Preise verdient hätten. Und dann die ganzen TV-Serien der Sektion „Berlinale Special Series"! Susanne Biers Geheimdienst-Geschichte „The Night Manager" etwa, von der zwei Folgen liefen. Das ist mittlerweile auch „besser" als vieles im Wettbewerb. Deshalb sollte man sich, egal wie Meryl Streep, Lars Eichinger und Kollegen die Festival-Preise verteilen, keinen Bären aufbinden lassen: Gute Filme gibt es reichlich, es stellt sich nur vermehrt die Frage, wo man suchen muss, und wem man die Suche nach dem filmischen Glück anvertraut.
Die Sache mit dem großen Glück, beziehungsweise „Die Suche nach dem Glück oder das Recht auf Glück" wie das Festival zurechtrückte, wurde schon zu Beginn von George Clooney geerdet. Eine der üblich bescheuerten Presse-Fragen zu seinem ganz persönlichen Engagement für Flüchtlinge gab er einfach zurück: Was täte denn die Journalistin ganz persönlich für Flüchtlinge? Spenden konnte jeder Festivalgast für ein Behandlungszentrum für Folteropfer, die Aufrufe dazu vor den Galavorstellungen klangen zum Schluss allerdings eher verzweifelt.
Man müsste vielleicht mal erklären, dass Kinofilm immer noch nicht mit Polaroid-Material gemacht wird, es liefert keine Instant-Lösung für aktuelle Probleme, selbst wenn der Kaffee-Kapsel-Mann der Menschenrechts-Anwältin Clooney mitspielt. Trotzdem blieb auch die 66. Berlinale ihrem Image treu: Cannes hat die besten Filme, Venedig hat Kanäle, Locarno Open Air und Berlin ist politisch. Mehr Regierungsvertreter gingen selten ins Kino: Der portugiesische Premierminister und der angolanische Staatschef schauten sich den poetischen „Cartas de guerra" zur gemeinsamen Kolonialvergangenheit an. Der Provinzchef von Sarajevo sah die blutarme Polit-Parabel „Smrt u Sarajevu" (Tod in Sarajevo) vom ehemaligen Festival-Sieger Danis Tanović. Der dänische Botschafter war dabei, als einer der hervorragenden Botschafter für den dänischen Film, Thomas Vinterberg in „Die Kommune" das freie WG-Leben der späten Sechziger als erschütternd verantwortungslos demaskierte. Und der Chef der US-Botschaft gleich neben der Festivalmeile gab bei „Zero Days" von Alex Gibney den offiziellen Buhmann: Die Dokumentation im Wettbewerb machte verständlich und ausführlich anhand des von NSA und Mossad produzierten Stuxnet-Virus klar, dass die Bedrohung durch Cyber-Krieg ebenso ernst zu nehmen sei, wie die durch Atomwaffen.
Ein anderer Gast aus den USA schmeichelte Europa: Michael Moore eroberte in seiner komischen und erschreckenden Dokumentation „Where to invade next" stellvertretend für das US-Militär (die hätten ja seit Korea nur noch Kriege verloren!) vor allem europäische Länder und entführte deren besten Eigenschaften. Aus Italien die vielen Urlaubstage, aus dem „Land der Liebe" Frankreich die Sexualerziehung und aus Deutschland Arbeitermitbestimmung und die Beschäftigung mit unserer Nazi-Vergangenheit.
Die Aussichten in dieser weiten Themen-Spanne von Vergangenheit bis Zukunft beim Wettbewerb sind für Kino-Gänger nicht berauschend: Zwar ist, wer unter mehr als 400 Filmen der Berlinale nichts Gutes findet, selbst schuld. Oder irgendwie dem seltsamen Irr-Glauben verpflichtet, im Wettbewerb würden die besten Filme laufen. Die Favoriten-Frage bringt einen Tag vor dem Ende zudem das bekannte Apfel und Birnen-Problem ans Licht. Oder: Kraut und Rüben. die Härtesten erholen sich noch vom philippinischen Acht Stunden-Opus „Hele Sa Hiwagang Hapis" des hochverehrten Langfilmers Lav Diazvom. Filme wie „Genius", der Biografie des Lektors von Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe, sind immer nur wegen der Stars dabei, diesmal waren Colin Firth, Jude Law, Laura Linney und Guy Pearce anwesend. Die Vergangenheit des analogen Filmmaterials tauchte noch einmal wie eine Meerjungfrau aus dem Märchen im chinesischen Beitrag „Chang Jiang Tu" auf, einem langen Bilderfluss entlang des Jangtse, der wohl nicht nur deshalb die schönsten Bilder im Wettbewerb zeigte. Ganz große Emotionen löste das extrem private und doch politische „Kleine Fernsehspiel" „24 Wochen" von Anne Zohra Berrached aus. Hauptdarstellerin Julia Jentsch könnte für ihre Rolle als Schwangere mit mehrfach behindertem Kind ihren zweiten Schauspiel-Bären erhalten.
Die noch nicht ausgeformte Zukunft des Filmvertriebs von Pay TV-Produzenten wie Netflix oder Amazon zeigte sich mit dem Festival-Hit „Chi-Raq" vom alten Aktivisten und Komödianten Spike Lee – leider außerhalb des Wettbewerbs. Wie auch Doris Dörries ausgeschlossene „Grüße aus Fukushima" mit der großartigen Rosalie Thomass („Taxi") Preise verdient hätten. Und dann die ganzen TV-Serien der Sektion „Berlinale Special Series"! Susanne Biers Geheimdienst-Geschichte „The Night Manager" etwa, von der zwei Folgen liefen. Das ist mittlerweile auch „besser" als vieles im Wettbewerb. Deshalb sollte man sich, egal wie Meryl Streep, Lars Eichinger und Kollegen die Festival-Preise verteilen, keinen Bären aufbinden lassen: Gute Filme gibt es reichlich, es stellt sich nur vermehrt die Frage, wo man suchen muss, und wem man die Suche nach dem filmischen Glück anvertraut.
19.2.16
Berlinale 2016 Mysteriöser Aachen-Tag
Ist es eine unbekannte Form von Heimweh oder einfach unheimlich: Dass in der etwas langen, aber sehr eindringlich gespielten Neuverfilmung von „Das Tagebuch der Anne Frank" Aachen auftaucht, war zu erwarten. Schließlich hatte die Familie Frank Verwandte in Aachen und – so sagt es der Vater im Film – ist deshalb in Amsterdam geblieben und nicht schon früh in die Schweiz geflohen. Doch dann in der Spätvorstellung nach einer Woche Festival dieser rätselhafte iranische Film „Ejhdeha Vared Mishavad!" (Ein Drache taucht auf) von Mani Haghighi. Drei junge Männer untersuchen 1964 einen gespenstigen Friedhof mit einem großen, alten Schiff eindrucksvoll mitten in der Wüstenlandschaft. Die Ereignisse mit Geheimdienst und blutigen Ritualen überschlagen sich und einer der Freunde, so wird in diesem komplett in Farsi gesprochenem Film erzählt, flieht nach ... Aachen! Damit ist der Film zumindest für einen Kritiker extrem rätselhaft und wirklich unheimlich. Ein Zufall? (Es gibt 149 Menschen mit Namen Haghighi in Deutschland.) Oder ein Zeichen, dass dieses Festival jetzt zu Ende gehen kann?
Drehbuch-Preis für Katinka Kulens-Feistl
Die aus Übach-Palenberg stammende Regisseurin Katinka Kulens-Feistl hat am Mittwoch in einer feierlichen Gala im Rahmen der Berlinale zum zweiten Male in ihrer Karriere den mit 20.000 Euro dotierten „Thomas Strittmatter Preis" für ihr Drehbuch „Irmas wildes Herz" erhalten. Das Coming-Of-Age-Roadmovie, das in Heidelberg und Irland spielt, erzählt von der scheuen Irma, die mit 62 Jahren mit dem raubeinigen, sexbesessenen LKW-Fahrer Dillon eine Fahrt nach Irland antritt, die mitten ins Herz ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit führt. Katinka Kulens-Feistl dreht seit ihrem Studium in Aachen und Berlin regelmäßig Fernsehfilme mit starken Frauenrollen („Siehst Du mich?", „Bin ich sexy?").
Auch ihr Engagement im Vorstand von „ProQuote Regie", der Gleichstellungsinitiative in der Film- und Fernsehbranche, zeigt Ergebnisse: Die ARD gab am Mittwoch bekannt, dass sie die Anzahl der Regisseurinnen deutlich erhöhen will. Wie es aktuell aussieht, belegt die Nominierung von Kulens-Feistl letztem Film „Nele in Berlin" für den Jupiter-Preis der Zeitschrift Cinema: Sie war die einzige Frau unter den über zehn nominierten Filmemachern! (ghj)
Auch ihr Engagement im Vorstand von „ProQuote Regie", der Gleichstellungsinitiative in der Film- und Fernsehbranche, zeigt Ergebnisse: Die ARD gab am Mittwoch bekannt, dass sie die Anzahl der Regisseurinnen deutlich erhöhen will. Wie es aktuell aussieht, belegt die Nominierung von Kulens-Feistl letztem Film „Nele in Berlin" für den Jupiter-Preis der Zeitschrift Cinema: Sie war die einzige Frau unter den über zehn nominierten Filmemachern! (ghj)
16.2.16
Berlinale 2016 Les premiers, les derniers (Panorama)
Max von Sydow singt! Im neuen Film des aus Kelmis stammenden Schaupielers und Regisseurs Bouli Lanners hat dieser seine persönlichen Filmhelden versammelt: Michael Lonsdale und Max von Sydow spielen in „Les premiers, les derniers" zwei kauzige alte Herren. Der Film sieht aus wie ein Western, spielt aber in eine post-industrielle Brache Nordfrankreich im Heute. Zwei hartgesottene Gangster (Lanners, Albert Dupontel) auf der Suche nach einem Handy, ein geistig behindertes Pärchen auf der Suche nach einer verlorenen Tochter und der übliche Abschaum mit vielen Knarren sowie Pferdestärken unter der Motorhaube. In dem apokalyptischen Szenario, das laut dem belgischen Filmemacher Bouli Lanners „Hoffnung machen soll", spielt der Bahnhof von Montzen eine Nebenrolle. Vor allem begeisterten beim Hit in der Panorama-Nebenschiene der trockene Humor auch von Lanners selbst und die tollen Szenerien, die anstelle vom Grand Canyon Eindruck machen. „Ein Western, für den ich nicht ins Flugzeug steigen musste." (Lanners)
15.2.16
Hail, Caesar!
USA, Großbritannien 2016 Regie: Joel Coen, Ethan Coen mit Josh Brolin, George Clooney, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson, Frances McDormand, Tilda Swinton, Channing Tatum, Christopher Lambert 106 Min.
Aber hallo! Die Komödie „Hail Caesar" ist eine wunderbare Sammlung filmischer Kabinettstückchen, eine Huldigung des nicht für alle Goldenen Zeitalter Hollywoods, etwas Skandalgeschichte der Traumfabrik und dann noch eine Glaubensfrage. Wieder einmal amüsieren Joel Coen und Ethan Coen sich und ihr Publikum. Oberclown Clooney ist auch mit dabei und zieht sich kein einziges Mal um!
George Clooney ist mit herrlich dämlichem Grinsen der Filmstar Baird Whitlock, gerade wieder mal auf Sandalen unterwegs, um einen Film dieser speziellen, in den 50er Jahren beliebten Sandalen-Gattung zu drehen. Doch am Set von „Tale of the Christ" schauen diesmal nicht die judäischen Verschwörer verschlagen aus der Umhang-Wäsche, es sind die Statisten an Leier und Kelch. Letzterer macht auch voll mit Schlafmittel voll mit und bald findet sich der Star – noch immer in römischer Rüstung mit unpraktischem Schwert – in den Händen kommunistischer Drehbuchautoren. Dies, in echt bald von McCarthy sogar bis in den Tod verfolgte Völkchen, wird von den Coens in ein Strandhaus nach Malibu versetzt und damit veralbert.
Denn obwohl hier die ungerechten Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln klar herausgestellt werden, nimmt „Hail, Caesar" die Haltung seines eigentlichen Helden, des Studio-Einpeitschers Eddie Mannix (Josh Brolin) ein. Für den, der in den wenigen Stunden des Films gleich mehrere komplexe Probleme jongliert, ist das Studio-System wie Religion. Dafür gibt es zwar nicht beste Haltungs-Noten, aber stilistisch bekommen die Coens wieder Bestmarken, wenn sie klassische Film-Genres dieser Zeit in herrlichen Szenen wiederauferstehen lassen. Das macht viel Spaß und nähert sich erst ganz am Ende, wenn Baird Whitlock ergriffen vor dem noch nicht Wiederauferstandenen steht, dem Transzendenten, das Coen-Filme auch immer gerne enthalten.
Der tief gläubige Produzent Mannix verhandelt nicht nur mit Vertretern der großen Kirchen über Details von „Tale of the Christ", er beichtet nicht nur täglich jede heimlich gerauchte Zigarette, er glaubt tatsächlich an das Studiosystem, in dem sich jeder der Fließband-Produktion stereotyper Genre-Filme unterzuordnen hat. Der größte Witz dabei ist letztlich, dass die Coens heutzutage als Autoren genau entgegengesetzt arbeiten können. Aber wir wollen nicht so genau sein und uns daran erfreuen, wie Tilda Swinton die Zwillings-Schwestern für Klatsch und Kultur spielen, die so miteinander verfeindet sind, wie sich nur E- und U-Presse hassen. Mannix macht es da wie die Coens: Er bedient einfach beide mit Leichtigkeit und Spaß.
Aber hallo! Die Komödie „Hail Caesar" ist eine wunderbare Sammlung filmischer Kabinettstückchen, eine Huldigung des nicht für alle Goldenen Zeitalter Hollywoods, etwas Skandalgeschichte der Traumfabrik und dann noch eine Glaubensfrage. Wieder einmal amüsieren Joel Coen und Ethan Coen sich und ihr Publikum. Oberclown Clooney ist auch mit dabei und zieht sich kein einziges Mal um!
George Clooney ist mit herrlich dämlichem Grinsen der Filmstar Baird Whitlock, gerade wieder mal auf Sandalen unterwegs, um einen Film dieser speziellen, in den 50er Jahren beliebten Sandalen-Gattung zu drehen. Doch am Set von „Tale of the Christ" schauen diesmal nicht die judäischen Verschwörer verschlagen aus der Umhang-Wäsche, es sind die Statisten an Leier und Kelch. Letzterer macht auch voll mit Schlafmittel voll mit und bald findet sich der Star – noch immer in römischer Rüstung mit unpraktischem Schwert – in den Händen kommunistischer Drehbuchautoren. Dies, in echt bald von McCarthy sogar bis in den Tod verfolgte Völkchen, wird von den Coens in ein Strandhaus nach Malibu versetzt und damit veralbert.
Denn obwohl hier die ungerechten Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln klar herausgestellt werden, nimmt „Hail, Caesar" die Haltung seines eigentlichen Helden, des Studio-Einpeitschers Eddie Mannix (Josh Brolin) ein. Für den, der in den wenigen Stunden des Films gleich mehrere komplexe Probleme jongliert, ist das Studio-System wie Religion. Dafür gibt es zwar nicht beste Haltungs-Noten, aber stilistisch bekommen die Coens wieder Bestmarken, wenn sie klassische Film-Genres dieser Zeit in herrlichen Szenen wiederauferstehen lassen. Das macht viel Spaß und nähert sich erst ganz am Ende, wenn Baird Whitlock ergriffen vor dem noch nicht Wiederauferstandenen steht, dem Transzendenten, das Coen-Filme auch immer gerne enthalten.
Der tief gläubige Produzent Mannix verhandelt nicht nur mit Vertretern der großen Kirchen über Details von „Tale of the Christ", er beichtet nicht nur täglich jede heimlich gerauchte Zigarette, er glaubt tatsächlich an das Studiosystem, in dem sich jeder der Fließband-Produktion stereotyper Genre-Filme unterzuordnen hat. Der größte Witz dabei ist letztlich, dass die Coens heutzutage als Autoren genau entgegengesetzt arbeiten können. Aber wir wollen nicht so genau sein und uns daran erfreuen, wie Tilda Swinton die Zwillings-Schwestern für Klatsch und Kultur spielen, die so miteinander verfeindet sind, wie sich nur E- und U-Presse hassen. Mannix macht es da wie die Coens: Er bedient einfach beide mit Leichtigkeit und Spaß.
Berlinale 2016 Jeder stirbt für sich allein (Wettbewerb) / NRW-Empfang
Berlin. Das ist er dann doch: Der im Berlinale-Wettbewerb „obligatorische wohlgemeinte Nazi-Film" (OWNF). Erst staunte man, dass „Das Tagebuch der Anne Frank" im Jugendprogramm „Generation 14plus" läuft. Aber die gute, alte Europudding-Produktion „Jeder stirbt für sich allein" (GB, FR, BRD) sorgt erwartungsgemäß für verdiente Buh-Rufe nach der Pressevorführung.
Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein" wurde von Primo Levi als „das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde", bezeichnet. Es erzählt, wie im Juni 1940 in Berlin Anna und Otto Quangel zu „Widerstands-Schreibern" werden, nachdem ihr Sohn als Soldat getötet wurde. Otto schreibt Postkarten mit Parolen gegen Hitler und legt sie überall im Stadtzentrum ab. Ein halbwegs rechtschaffener Polizist (Daniel Brühl) verfolgt sie, muss aber auf Druck der SS zu brutalen Maßnahmen greifen. Letztlich wird das Paar erwischt und erhängt.
Hans Fallada (1893–1947) schrieb den Roman im Herbst 1946 kurz vor seinem Tod und setzte damit dem realen Ehepaar Otto und Elise Hampel ein Denkmal. Die mittlerweile fünfte Verfilmung kommt nach internationalen Neuauflagen und einer neuen Begeisterung für das Buch mit internationalen Stars daher: Neben Brendan Gleeson beweist vor allem Emma Thompson in der Hauptrolle, dass man ihr alles abnimmt. Kulisse, Kostüme und Konzept hingegen nicht. In den wohlgemeinten Versuch, die Verantwortung des Einzelnen unter der Diktatur an Fallbeispielen zu differenzieren, laufen haufenweise abgegriffene Nazi-Klischees herum. Vom schmierigen Verräter über den verschwitzten, dicken Blockwart bis zu den strammen SS-Sadisten. Das ist mäßig spannende Unterhaltung mit etwas historischer Sättigungsbeilage. Alle Jahre wieder notwendige Vergangenheits-Bewältigung, die so nicht ausfallen darf. Wuchtiger, wichtiger und unerlässlich wird es in zwei Wochen der Cannes-Preisträger „Son of Saul" im Kino zeigen. Nicht dass man jetzt die Berlinale mit Cannes vergleichen könnte...
*****
„Jeder stirbt für sich allein" wurde im Mai 2015 für 15 Tage im Ruhrgebiet als auch in Köln und Remscheid gedreht und von der Filmstiftung NRW gefördert. Doch vom mageren Ergebnis ließ sich die Filmstiftung das Feiern nicht vermiesen und empfing auf der größten Party des Festivals Sonntag mehr als 1.000 internationale Gäste aus Film, Medien und Politik. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung, Petra Müller, freuten sich über 26 Filme bei der Berlinale 2016.
Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein" wurde von Primo Levi als „das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde", bezeichnet. Es erzählt, wie im Juni 1940 in Berlin Anna und Otto Quangel zu „Widerstands-Schreibern" werden, nachdem ihr Sohn als Soldat getötet wurde. Otto schreibt Postkarten mit Parolen gegen Hitler und legt sie überall im Stadtzentrum ab. Ein halbwegs rechtschaffener Polizist (Daniel Brühl) verfolgt sie, muss aber auf Druck der SS zu brutalen Maßnahmen greifen. Letztlich wird das Paar erwischt und erhängt.
Hans Fallada (1893–1947) schrieb den Roman im Herbst 1946 kurz vor seinem Tod und setzte damit dem realen Ehepaar Otto und Elise Hampel ein Denkmal. Die mittlerweile fünfte Verfilmung kommt nach internationalen Neuauflagen und einer neuen Begeisterung für das Buch mit internationalen Stars daher: Neben Brendan Gleeson beweist vor allem Emma Thompson in der Hauptrolle, dass man ihr alles abnimmt. Kulisse, Kostüme und Konzept hingegen nicht. In den wohlgemeinten Versuch, die Verantwortung des Einzelnen unter der Diktatur an Fallbeispielen zu differenzieren, laufen haufenweise abgegriffene Nazi-Klischees herum. Vom schmierigen Verräter über den verschwitzten, dicken Blockwart bis zu den strammen SS-Sadisten. Das ist mäßig spannende Unterhaltung mit etwas historischer Sättigungsbeilage. Alle Jahre wieder notwendige Vergangenheits-Bewältigung, die so nicht ausfallen darf. Wuchtiger, wichtiger und unerlässlich wird es in zwei Wochen der Cannes-Preisträger „Son of Saul" im Kino zeigen. Nicht dass man jetzt die Berlinale mit Cannes vergleichen könnte...
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„Jeder stirbt für sich allein" wurde im Mai 2015 für 15 Tage im Ruhrgebiet als auch in Köln und Remscheid gedreht und von der Filmstiftung NRW gefördert. Doch vom mageren Ergebnis ließ sich die Filmstiftung das Feiern nicht vermiesen und empfing auf der größten Party des Festivals Sonntag mehr als 1.000 internationale Gäste aus Film, Medien und Politik. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung, Petra Müller, freuten sich über 26 Filme bei der Berlinale 2016.
Midnight Special
USA 2016 Regie: Jeff Nichols mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Jaeden Lieberher, Sam Shepard 111 Min.
Der neue Film der Regie-Hoffnung Jeff Nichols („Take Shelter") mit den Stars Michael Shannon und Kirsten Dunst ist „E.T. 2.0" sowie religiöser Science Fiction für das Zeitalter der Totalüberwachung. Und vor allem hoch spannend! FBI, NSA, eine christliche Sekte und auch der eigene Vater Roy (Michael Shannon), der ihn einst zur Adoption freigab – alle wollen den achtjährigen Jungen Alton (Jaeden Lieberher). Kein Wunder, oder doch gerade eines, wenn man sieht, was Alton mit seinen Augen macht, wenn gleißendes Licht eine bessere Welt verkündet. Nebenbei lesen seine Gedanken noch extrem geheime Regierungs-Informationen aus verschlüsselter Satelliten-Kommunikation aus, wie in Trance spricht er spanische Radiosender mit, die gar nicht eingeschaltet sind. Und irgendwann auf der Flucht rast wie ein Meteoritenhagel ein aus der Bahn geratener Spionage-Satellit genau auf die Tankstelle nieder, an der Roy und Alton Pause machen.
Doch Alton ist keine Waffe, kein Messias, er will nur nach Hause, in ein zumindest architektonisch futuristisches Tomorrow-Land, das im Finale versprochen wird. Erst mysteriös, dann spannend, familien-mäßig rührend und schließlich reichlich Zukunfts-Kitsch. „Midnight Special" ist großartig, aber für alle, die im Hier und Jetzt zurückbleiben, letztlich enttäuschend.
Schon in „Take Shelter" – und auch mit einem eindrucksvollen Michael Shannon - beschwor Regisseur Jeff Nichols eine drohende Apokalypse herauf. Diesmal jedoch verrät er relativ schnell, wohin die Reise geht, sortiert die Figuren in gut und böse ein. Das nimmt der immer noch spannenden Handlung eine Dimension. Trotzdem bleibt des Können von Nichols eine sehr reizvolle Hoffnung für die Zukunft!
Der neue Film der Regie-Hoffnung Jeff Nichols („Take Shelter") mit den Stars Michael Shannon und Kirsten Dunst ist „E.T. 2.0" sowie religiöser Science Fiction für das Zeitalter der Totalüberwachung. Und vor allem hoch spannend! FBI, NSA, eine christliche Sekte und auch der eigene Vater Roy (Michael Shannon), der ihn einst zur Adoption freigab – alle wollen den achtjährigen Jungen Alton (Jaeden Lieberher). Kein Wunder, oder doch gerade eines, wenn man sieht, was Alton mit seinen Augen macht, wenn gleißendes Licht eine bessere Welt verkündet. Nebenbei lesen seine Gedanken noch extrem geheime Regierungs-Informationen aus verschlüsselter Satelliten-Kommunikation aus, wie in Trance spricht er spanische Radiosender mit, die gar nicht eingeschaltet sind. Und irgendwann auf der Flucht rast wie ein Meteoritenhagel ein aus der Bahn geratener Spionage-Satellit genau auf die Tankstelle nieder, an der Roy und Alton Pause machen.
Doch Alton ist keine Waffe, kein Messias, er will nur nach Hause, in ein zumindest architektonisch futuristisches Tomorrow-Land, das im Finale versprochen wird. Erst mysteriös, dann spannend, familien-mäßig rührend und schließlich reichlich Zukunfts-Kitsch. „Midnight Special" ist großartig, aber für alle, die im Hier und Jetzt zurückbleiben, letztlich enttäuschend.
Schon in „Take Shelter" – und auch mit einem eindrucksvollen Michael Shannon - beschwor Regisseur Jeff Nichols eine drohende Apokalypse herauf. Diesmal jedoch verrät er relativ schnell, wohin die Reise geht, sortiert die Figuren in gut und böse ein. Das nimmt der immer noch spannenden Handlung eine Dimension. Trotzdem bleibt des Können von Nichols eine sehr reizvolle Hoffnung für die Zukunft!
The Boy
USA 2016 Regie: William Brent Bell mit Lauren Cohan, Rupert Evans, James Russell 98 Min.
Da knirscht es mächtig im Gebälk dieser Horrorfilm-Konstruktion: „The Boy" versucht von der ersten Minute an mit einem dunklen, alten Haus unheimlich zu wirken. Und strapaziert dann die Glaubwürdigkeit, weil die amerikanische Nanny Greta (Lauren Cohan, „The Walking Dead") im verschrobenen England eine Puppe sitten soll.
Das ist zu Beginn extrem abstrus, aber zur Entschuldigung kann man sagen, dass Greta zuhause von ihrem brutalen Freund geschlagen wurde und dabei ein Kind verlor. Außerdem macht sie das seltsame Spiel für Geld mit. Als die seltsamen, alten „Eltern" der Puppe namens Brahms sich für eine längere Weile verabschieden, wird es richtig komisch. Nicht, weil im Gewitter ein Kind schreit, obwohl außer ihr niemand mehr im Haus ist. Greta akzeptiert plötzlich, dass die Puppe ein eigenes Leben hat, akzeptiert es sogar freudig. Und auch der Botenjunge Malcolm wird überzeugt. Da steht nur noch die Eifersucht von Brahms dem trauten Glück im Wege. Als Greta mit Malcolm ausgehen will, sperrt das Haus sie auf dem Dachboden ein.
Eine Bauchredner-Puppe führte gerade schon in „Gänsehaut" Kommando und „Chucky - Die Mörderpuppe" hat man ja auch über mehrere völlig abstruse Filme irgendwie hingenommen. Zwar sind Schockmomente und der Rest in „The Boy" nicht gerade subtil eingesetzt, doch bis zum ärgerlichen, an den Haaren herbeigezogenen Action-Finale war diese Kinderstunde noch ganz nett. Die Moral der Geschichte: Frauen, wehrt euch gegen gestörte Jungs, die nicht loslassen können ... und mit euch in solche Filme gehen wollen.
Da knirscht es mächtig im Gebälk dieser Horrorfilm-Konstruktion: „The Boy" versucht von der ersten Minute an mit einem dunklen, alten Haus unheimlich zu wirken. Und strapaziert dann die Glaubwürdigkeit, weil die amerikanische Nanny Greta (Lauren Cohan, „The Walking Dead") im verschrobenen England eine Puppe sitten soll.
Das ist zu Beginn extrem abstrus, aber zur Entschuldigung kann man sagen, dass Greta zuhause von ihrem brutalen Freund geschlagen wurde und dabei ein Kind verlor. Außerdem macht sie das seltsame Spiel für Geld mit. Als die seltsamen, alten „Eltern" der Puppe namens Brahms sich für eine längere Weile verabschieden, wird es richtig komisch. Nicht, weil im Gewitter ein Kind schreit, obwohl außer ihr niemand mehr im Haus ist. Greta akzeptiert plötzlich, dass die Puppe ein eigenes Leben hat, akzeptiert es sogar freudig. Und auch der Botenjunge Malcolm wird überzeugt. Da steht nur noch die Eifersucht von Brahms dem trauten Glück im Wege. Als Greta mit Malcolm ausgehen will, sperrt das Haus sie auf dem Dachboden ein.
Eine Bauchredner-Puppe führte gerade schon in „Gänsehaut" Kommando und „Chucky - Die Mörderpuppe" hat man ja auch über mehrere völlig abstruse Filme irgendwie hingenommen. Zwar sind Schockmomente und der Rest in „The Boy" nicht gerade subtil eingesetzt, doch bis zum ärgerlichen, an den Haaren herbeigezogenen Action-Finale war diese Kinderstunde noch ganz nett. Die Moral der Geschichte: Frauen, wehrt euch gegen gestörte Jungs, die nicht loslassen können ... und mit euch in solche Filme gehen wollen.
Die Hüterin der Wahrheit - Dinas Bestimmung
Dänemark, Norwegen, Tschechien, Island 2015 (Skammerens Datter) mit Rebecca Emilie Sattrup, Peter Plaugborg, Søren Malling, Maria Bonnevie 96 Min.
Die Märchen- und Mystery-Geschichte „Hüterin der Wahrheit" unterhält als Kinder- und Jugendfilm auf dem hohen Niveau der dänischen Film- und Schauspielkunst. Als Vorlage dient Lene Kaaberbøls sehr beliebter Roman „Die Hüterin der Wahrheit", aber vor allem ist das Drehbuch von Anders Thomas Jensen, der sich mit unter anderem „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit", „Adams Äpfel" oder „Dänische Delikatessen" als einer der besten Film-Autoren in unsere Zeit eingeschrieben hat.
Heldin der Mittelalter-Geschichte ist das Mädchen Dina (Rebecca Emilie Sattrup). Sie hat als „Beschämerin" die unheimliche Fähigkeit, dass Menschen unter ihrem Blick alles preisgeben, wovor sie sich schämen - quasi Selbsterkenntnis in Sekunden, filmisch mit tiefen Blicken in die Augen einfach aber reizvoll umgesetzt. Dinas glückliches Leben mit der ebenfalls hellseherischen Mutter Melussina (Maria Bonnevie aus „Zweite Chance") endet, als beide in die Fänge von Drakan (Peter Plaugborg) geraten, einem gnadenlosen, unrechtmäßigen Herrscher, der durch Drachenblut enorme Kräfte erhält. Drakan lässt fast das komplette Königshaus ermorden und legt dem friedlichen Thronerben Nicodemus (Jakob Oftebro) das blutige Messer in die Hand. Kurz bevor auch sie gemeuchelt werden, flieht Nico mit Dina...
„Die Hüterin der Wahrheit" ist mit Drachen und adligen Intrigen eine Art „Game of Thrones" für Kinder. Dabei wird eine erstaunliche Menge Menschenkenntnis kindgerecht vermittelt, wenn Dina aggressive Männer bloßstellt und ihnen zeigt, dass sie eigentlich sehr ängstlich sind und sich minderwertig fühlen. Auch wenn sich das sehr sorgfältig inszenierte Abenteuer im zweiten Teil routiniert und wenig überraschend auf die Restitution des gerechten Herrschers und die Befreiung von Dinas Mutter zubewegt, die besondere Gabe Dinas und dieses Films, die radikale Selbsterkenntnis, ersetzt oft übliche Action. Dinas Blick gemahnt die Menschen unausweichlich, nachzudenken und nachzufühlen, was wirklich richtig ist. So lässt sich selbst der Pöbel, der den Tod der „Hexe" Melussina fordert, zur Besinnung bringen. Da sollte es mehr von geben - von solchen menschlichen Spiegeln der Seele und von solchen guten, ungewöhnlichen Kinderfilmen. Eine Verfilmung der drei weiteren Bände der Saga ist allerdings noch nicht angekündigt.
Die Märchen- und Mystery-Geschichte „Hüterin der Wahrheit" unterhält als Kinder- und Jugendfilm auf dem hohen Niveau der dänischen Film- und Schauspielkunst. Als Vorlage dient Lene Kaaberbøls sehr beliebter Roman „Die Hüterin der Wahrheit", aber vor allem ist das Drehbuch von Anders Thomas Jensen, der sich mit unter anderem „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit", „Adams Äpfel" oder „Dänische Delikatessen" als einer der besten Film-Autoren in unsere Zeit eingeschrieben hat.
Heldin der Mittelalter-Geschichte ist das Mädchen Dina (Rebecca Emilie Sattrup). Sie hat als „Beschämerin" die unheimliche Fähigkeit, dass Menschen unter ihrem Blick alles preisgeben, wovor sie sich schämen - quasi Selbsterkenntnis in Sekunden, filmisch mit tiefen Blicken in die Augen einfach aber reizvoll umgesetzt. Dinas glückliches Leben mit der ebenfalls hellseherischen Mutter Melussina (Maria Bonnevie aus „Zweite Chance") endet, als beide in die Fänge von Drakan (Peter Plaugborg) geraten, einem gnadenlosen, unrechtmäßigen Herrscher, der durch Drachenblut enorme Kräfte erhält. Drakan lässt fast das komplette Königshaus ermorden und legt dem friedlichen Thronerben Nicodemus (Jakob Oftebro) das blutige Messer in die Hand. Kurz bevor auch sie gemeuchelt werden, flieht Nico mit Dina...
„Die Hüterin der Wahrheit" ist mit Drachen und adligen Intrigen eine Art „Game of Thrones" für Kinder. Dabei wird eine erstaunliche Menge Menschenkenntnis kindgerecht vermittelt, wenn Dina aggressive Männer bloßstellt und ihnen zeigt, dass sie eigentlich sehr ängstlich sind und sich minderwertig fühlen. Auch wenn sich das sehr sorgfältig inszenierte Abenteuer im zweiten Teil routiniert und wenig überraschend auf die Restitution des gerechten Herrschers und die Befreiung von Dinas Mutter zubewegt, die besondere Gabe Dinas und dieses Films, die radikale Selbsterkenntnis, ersetzt oft übliche Action. Dinas Blick gemahnt die Menschen unausweichlich, nachzudenken und nachzufühlen, was wirklich richtig ist. So lässt sich selbst der Pöbel, der den Tod der „Hexe" Melussina fordert, zur Besinnung bringen. Da sollte es mehr von geben - von solchen menschlichen Spiegeln der Seele und von solchen guten, ungewöhnlichen Kinderfilmen. Eine Verfilmung der drei weiteren Bände der Saga ist allerdings noch nicht angekündigt.
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