USA, Großbritannien, Australien 2015 (Concussion) Regie: Peter Landesman mit Will Smith, Alec Baldwin, Albert Brooks, Gugu Mbatha-Raw, David Morse 123 Min. FSK: ab 12
Leider erst ein paar Tage nach dem US-Event namens Super Bowl kommt eine wahre Geschichte zum Football ins Kino: In der Stahlarbeiter-Stadt Pittsburgh, auch gesegnet und steuerlich belastet mit einem öffentlich co-finanzierten „Profi-Team", stirbt ein Sport-Held der Stadt, den man vor die Hunde gehen ließ, elend in der Obdachlosigkeit. Nur eine Rand-Notiz, käme der Leichnam nicht in die Hände des außergewöhnlichen Pathologen Dr. Bennet Omalu (Will Smith). Der ist nicht nur im Gerichtssaal ein kurioser, aber genialer Fall, auch bei der Leichenbeschau räumen die Assistenten alles andere Geschirr weg, denn Dr. Bennet arbeitet anders. Er sieht die Toten als seine Patienten, behandelt sie mit Respekt und redet sogar mit ihnen: „Verrate mir dein Geheimnis..."
Das offene Geheimnis dieses und vieler anderer Football-Spieler ist, dass die heftigen Stöße in Wettkampf und Training ihre Gehirne enorm beschädigt haben. Beschleunigungen vom hundertfachen der Erdbeschleunigung sind auf dem Football-Feld nichts ungewöhnliches, schon beim 60-fachen wird das Gehirn geschädigt. 70.000 von diesen Schlägen steckt ein Spieler in seiner Karriere weg, schon Kinder werden so gedrillt. Einmal auf diese Spur gebracht, finanziert der Immigrant Dr. Omalu selbst weitere Untersuchungen bei Profis, deren Kopf sie in den Wahnsinn oder den Selbstmord trieb. Das Ergebnis wird von der Liga so brutal bekämpft, wie ihr Sport ist.
Alec Baldwin schlägt sich als sehr reicher Sportarzt Dr. Julian Bailes hilfreich auf die Seite von Dr. Omalu. Bailes ist ein Arzt, der „seine Jungs" früher fit gespritzt und mit Medikamenten vollgepumpte hat. Trotzdem muss ausgerechnet dieser Paulus eine Fan-Rede für „das Spiel" (hier irgendeine aktuell populäre passive betriebene Sportart einsetzen) halten – dies ist immer noch ein Hollywood-Film und Los Angeles bemüht sich gerade wieder, ein bis zwei Profi-Teams mit Millionen-Geschenken anzulocken.
Furchtbare Aufnahmen aus Sportsendungen, in denen minderbemittelte Reporter viel Spaß an den Verletzungen haben, schildern so deutlich, was hier passiert, dass sogar der Sound dazu richtig weh tut. Die Gesundheits-Diskussion, die immer noch im Boxen und neuerdings wegen der Kopfbälle auch beim Fußball geführt wird, ist die erste Ebene.
Vor allem geht es um die sozioökonomische Macht der Sport-Verbände: Die Städte schmeißen den Fußballern Amerikas Millionen an öffentlichem Geld hinterher, das sie bei den Sozialausgaben einsparen. Dies sei wie die Kirche früher, meint Omalus unerschrockener Chef, „denen gehört die Stadt"! Solche ironischen Kommentare geben der Geschichte eine kritische Würze.
Will Smith spielt den engagierten und kämpferischen Pathologen sicher und trotzdem ungewohnt, weil er als nigerianischer Einwanderer Englisch mit starkem Dialekt spricht. Trotzdem ist das sehr energische Plädoyer des ansonsten so zurückhaltenden und sachlichen Arztes eine große Nummer des Schauspiel-Stars. Geschickt wird dem Wissenschaftler durch eine kenianische Untermieterin etwas Romantik an die Seite gestellt.
Beide Immigranten leiden unter einem Rassismus, der sie noch geringer als Afro-Amerikaner ansieht. Dr. Omaluk kämpft auch darum, als Amerikaner anerkannt zu werden. Was im nachdenklichen Happy End nur nachgereicht werden kann, denn der wahre Omalu wurde erst im Februar 2015 US-Bürger und lehnte allerdings vorher auch einen Job in Washington als oberster Leichenbeschauer des Landes ab.
15.2.16
Colonia Dignidad
BRD, Frankreich, Luxemburg 2015 Regie: Florian Gallenberger mit Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist 110 Min. FSK: ab 16
Colonia Dignidad stellt ein besonders düsteres Kapitel deutscher und chilenischer Geschichte da: Die Siedlung einer Sekte von deutschen Auswanderern in Chile unterstützte nicht nur Pinochets Diktatur sogar mit Folterkammern, und half, deutsche Waffen verbotenerweise zu importieren. Die eigenen Mitglieder der Kolonie, auch Kinder und Jugendliche, waren Psychoterror und Vergewaltigungen ausgesetzt. Ahnungslos freut sich die deutsche Stewardess Lena (Emma Watson) im September 1973 bei der Landung in Chile, ihren Geliebten Daniel (Daniel Brühl) wiederzusehen. Und tatsächlich findet sich der importierte Revoluzzer direkt bei einer Protestkundgebung auf den Straßen Santiagos.
Das kurze, romantische Wiedersehen wird brutal unterbrochen, als General Pinochet am 11. September mit Hilfe der CIA putscht und den Präsidenten Salvador Allende umbringen lässt. Daniel wird wie tausend andere „Linke" auf der Straße zusammengeschlagen, verhaftet und von Pinochet-Geheimdienstes Dirección Nacional de Inteligencia (DINA) in ein Folterlager der Armee verschleppt. Lena erfährt, dass Daniel zur Colonia Dignidad gebracht worden ist und verkleidet sich als gottesfürchtige graue Maus, um im obskuren Lager der religiösen Extremisten aus Deutschland aufgenommen zu werden. So gewinnt sie einen Einblick in das brutale Regime des berüchtigten Leiters Paul Schäfer (Michael Nyqvist), der mit Gewalt, Sadismus und Psycho-Terror Menschen erniedrigt, Familien auseinanderreißt und nebenbei der Diktatur dient.
Die Colonia Dignidad, die entgegen ihrem Namen so überhaupt nichts mit „Würde" zu tun hatte, gab es wirklich und trotz andauernder Proteste viel zu lang. Sie wurde aus Deutschland vor allem von CSU-Kreisen unterstützt, diente dem Waffengeschäft mit Mördern und Folterern. Der Film „Colonia Dignidad" von Florian Gallenberger, der 2001 für den engagierten Kurzfilm „Quiero ser - Gestohlene Träume" einen Oscar erhielt, hält sich mit drastischen Darstellungen zurück, ist aber auch so erschreckend genug. Unheimlich, der still weinende Junge, der anfangs aus Schäfers Raum kommt. Brutal, wie junge, kaum bekleidete Frauen von Männer-Horden in einem perversen Akt der Triebabfuhr im Rahmen der strengen Geschlechtertrennung zusammengeschlagen werden - weil sie angeblich „unrein" seien.
Nach eindrucksvollem Start, bei dem sowohl Zauberlehrling Emma Watson als auch der Halb-Spanier Daniel Brühl sehr glaubhaft spielen, gibt es einiges Bedrückendes, aber vor allem Spannung in vorhersehbaren Dramaturgien. Das beginnt damit, dass man direkt weiß, ob Daniel überlebt hat. Gallenberger kümmert sich nicht tiefergehend um die Mechanismen von Politik und Unterdrückung. Das Wesen der Beteiligten, etwa des brutalen Schlägers und Wahnsinnigen Paul Schäfer bleibt Funktion der Spannung, die tatsächlich bis zur letzten Minute packt. Bei vielen Innen-Aufnahmen wird das Innere der Figuren vernachlässigt. Anders als in Marc Brummunds exzellentem „Freistatt" über jugendliche Straftäter in katholischen Besserungsanstalten, der weniger Schwarz-Weiß, aber über das menschliche Wesen wesentlich aufschlussreicher war.
Auch logisch holpert die Handlung öfters. Trotzdem bemerkenswert, wie Michael Nyqvist, Paul Schäfer genial zwischen sanft und gnadenlos, albern und sadistisch spielt. Auch Vicky Krieps zeigt als in der Colonia geborenes Mädchen, das aus der Umzäunung raus kam, ein paar besonders beklemmende Momente. Tragischerweise macht aber erst der Abspann das ganze Ausmaß der Grausamkeiten klar. Man muss dabei erwähnen, dass Kurzfilm-Oscar-Gewinner Gallenberger schon zuletzt mit dem ebenfalls realen „John Rabe" einen historisch höchst interessanten, aber unausgewogenen Film ablieferte. Nun soll er an einem noch unbenannten Milli Vanilli-Project arbeiten.
Colonia Dignidad stellt ein besonders düsteres Kapitel deutscher und chilenischer Geschichte da: Die Siedlung einer Sekte von deutschen Auswanderern in Chile unterstützte nicht nur Pinochets Diktatur sogar mit Folterkammern, und half, deutsche Waffen verbotenerweise zu importieren. Die eigenen Mitglieder der Kolonie, auch Kinder und Jugendliche, waren Psychoterror und Vergewaltigungen ausgesetzt. Ahnungslos freut sich die deutsche Stewardess Lena (Emma Watson) im September 1973 bei der Landung in Chile, ihren Geliebten Daniel (Daniel Brühl) wiederzusehen. Und tatsächlich findet sich der importierte Revoluzzer direkt bei einer Protestkundgebung auf den Straßen Santiagos.
Das kurze, romantische Wiedersehen wird brutal unterbrochen, als General Pinochet am 11. September mit Hilfe der CIA putscht und den Präsidenten Salvador Allende umbringen lässt. Daniel wird wie tausend andere „Linke" auf der Straße zusammengeschlagen, verhaftet und von Pinochet-Geheimdienstes Dirección Nacional de Inteligencia (DINA) in ein Folterlager der Armee verschleppt. Lena erfährt, dass Daniel zur Colonia Dignidad gebracht worden ist und verkleidet sich als gottesfürchtige graue Maus, um im obskuren Lager der religiösen Extremisten aus Deutschland aufgenommen zu werden. So gewinnt sie einen Einblick in das brutale Regime des berüchtigten Leiters Paul Schäfer (Michael Nyqvist), der mit Gewalt, Sadismus und Psycho-Terror Menschen erniedrigt, Familien auseinanderreißt und nebenbei der Diktatur dient.
Die Colonia Dignidad, die entgegen ihrem Namen so überhaupt nichts mit „Würde" zu tun hatte, gab es wirklich und trotz andauernder Proteste viel zu lang. Sie wurde aus Deutschland vor allem von CSU-Kreisen unterstützt, diente dem Waffengeschäft mit Mördern und Folterern. Der Film „Colonia Dignidad" von Florian Gallenberger, der 2001 für den engagierten Kurzfilm „Quiero ser - Gestohlene Träume" einen Oscar erhielt, hält sich mit drastischen Darstellungen zurück, ist aber auch so erschreckend genug. Unheimlich, der still weinende Junge, der anfangs aus Schäfers Raum kommt. Brutal, wie junge, kaum bekleidete Frauen von Männer-Horden in einem perversen Akt der Triebabfuhr im Rahmen der strengen Geschlechtertrennung zusammengeschlagen werden - weil sie angeblich „unrein" seien.
Nach eindrucksvollem Start, bei dem sowohl Zauberlehrling Emma Watson als auch der Halb-Spanier Daniel Brühl sehr glaubhaft spielen, gibt es einiges Bedrückendes, aber vor allem Spannung in vorhersehbaren Dramaturgien. Das beginnt damit, dass man direkt weiß, ob Daniel überlebt hat. Gallenberger kümmert sich nicht tiefergehend um die Mechanismen von Politik und Unterdrückung. Das Wesen der Beteiligten, etwa des brutalen Schlägers und Wahnsinnigen Paul Schäfer bleibt Funktion der Spannung, die tatsächlich bis zur letzten Minute packt. Bei vielen Innen-Aufnahmen wird das Innere der Figuren vernachlässigt. Anders als in Marc Brummunds exzellentem „Freistatt" über jugendliche Straftäter in katholischen Besserungsanstalten, der weniger Schwarz-Weiß, aber über das menschliche Wesen wesentlich aufschlussreicher war.
Auch logisch holpert die Handlung öfters. Trotzdem bemerkenswert, wie Michael Nyqvist, Paul Schäfer genial zwischen sanft und gnadenlos, albern und sadistisch spielt. Auch Vicky Krieps zeigt als in der Colonia geborenes Mädchen, das aus der Umzäunung raus kam, ein paar besonders beklemmende Momente. Tragischerweise macht aber erst der Abspann das ganze Ausmaß der Grausamkeiten klar. Man muss dabei erwähnen, dass Kurzfilm-Oscar-Gewinner Gallenberger schon zuletzt mit dem ebenfalls realen „John Rabe" einen historisch höchst interessanten, aber unausgewogenen Film ablieferte. Nun soll er an einem noch unbenannten Milli Vanilli-Project arbeiten.
Berlinale 2016 L' avenir (Wettbewerb)
Frankreich, BRD 2016 Regie: Mia Hansen-Løve mit Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Edith Scob, Sarah Le Picard 100 Min.
Die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve beschreibt im Wettbewerb mit „L' avenir" (Die Zukunft) wie schon in „Eden" mit souveräner Ruhe einen Zustand: Nathalie ist eine völlig freie Frau, was bei dieser Lehrerin für Philosophie aus der intellektuellen Bourgeoisie bedeutet: Vom Mann verlassen, die Kinder aus dem Haus, die Mutter gerade gestorben, vom Verlag gekündigt! Dieses vermeintliche Elend spielt Isabelle Huppert mit feiner Ironie, der Film lässt zärtlich über sie lachen, auch über ihre nicht zu verbergende Hoffnung auf einen ehemaligen Schüler und aktuellen Protege. Isabelle Huppert spielt mit 62 Jahren eine merklich jüngere Frau mitten im Leben. Da erstaunt neben der Leichtigkeit der Inszenierung auch die Lebendigkeit dieser Figur. Der französische Star spielt bald auch in „Elle", dem nächsten Thriller von Paul Verhoeven ("Basic Instinct").
Die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve beschreibt im Wettbewerb mit „L' avenir" (Die Zukunft) wie schon in „Eden" mit souveräner Ruhe einen Zustand: Nathalie ist eine völlig freie Frau, was bei dieser Lehrerin für Philosophie aus der intellektuellen Bourgeoisie bedeutet: Vom Mann verlassen, die Kinder aus dem Haus, die Mutter gerade gestorben, vom Verlag gekündigt! Dieses vermeintliche Elend spielt Isabelle Huppert mit feiner Ironie, der Film lässt zärtlich über sie lachen, auch über ihre nicht zu verbergende Hoffnung auf einen ehemaligen Schüler und aktuellen Protege. Isabelle Huppert spielt mit 62 Jahren eine merklich jüngere Frau mitten im Leben. Da erstaunt neben der Leichtigkeit der Inszenierung auch die Lebendigkeit dieser Figur. Der französische Star spielt bald auch in „Elle", dem nächsten Thriller von Paul Verhoeven ("Basic Instinct").
14.2.16
Berlinale 2016: Grüße aus Fukushima
BRD 2016 Regie: Doris Dörrie mit Rosalie Thomass, Kaori Momoi, Moshe Cohen, Nami Kamata, Aya Irizuki 104 Min.
In einer Sondervorführung gelang Doris Dörrie mit „Grüße aus Fukushima" woran Gianfranco Rosi für Lampedusa mit „Fuocoammare" im Wettbewerb scheiterte: Die Geschichte semi-dokumentarisch im Epizentrum einer Katastrophe erzählen. Dafür ging Dörrie mit ihrer wunderbaren Darstellerin Rosalie Thomass („ Anonyma – Eine Frau in Berlin") tatsächlich bis in die radioaktiv verstrahlte Todeszone um den explodierten Atommeiler von Fukushima und drehte im vom Tsunami verwüsteten Küstenstreifen. Thomass spielt die trampelige Helferin einer Geisha, die mit „Put-Zen" und Sorgfalt beim Tee-Trinken den eigenen Trennungsschmerz zu überwinden lernt. Nach „Kirschblüten – Hanami" wieder ein sehr berührender Japan-Film von Dörrie, der gut in den Wettbewerb gepasst hätte. „Grüße aus Fukushima" kommt am 10. März in die Kinos.
In einer Sondervorführung gelang Doris Dörrie mit „Grüße aus Fukushima" woran Gianfranco Rosi für Lampedusa mit „Fuocoammare" im Wettbewerb scheiterte: Die Geschichte semi-dokumentarisch im Epizentrum einer Katastrophe erzählen. Dafür ging Dörrie mit ihrer wunderbaren Darstellerin Rosalie Thomass („ Anonyma – Eine Frau in Berlin") tatsächlich bis in die radioaktiv verstrahlte Todeszone um den explodierten Atommeiler von Fukushima und drehte im vom Tsunami verwüsteten Küstenstreifen. Thomass spielt die trampelige Helferin einer Geisha, die mit „Put-Zen" und Sorgfalt beim Tee-Trinken den eigenen Trennungsschmerz zu überwinden lernt. Nach „Kirschblüten – Hanami" wieder ein sehr berührender Japan-Film von Dörrie, der gut in den Wettbewerb gepasst hätte. „Grüße aus Fukushima" kommt am 10. März in die Kinos.
12.2.16
Berlinale 2016: Boris without Beatrice (Wettbewerb)
Der erste Film nach einer kompletten Lobotomie - so wirkt der neue Film von Regisseur Denis Coté: Begeisterte sein „Vic + Flo haben einen Bären gesehen" noch mit ungewöhnlichem, ist „Boris without Beatrice" eine schreckend banale und spießige Nichtigkeit. Die Wandlung eines untreuen Workaholic durch einen Auftritt vom Extremisten Denis Lavent in Inder-Mummenschanz. Das war's mehr nicht und wie gut diese Simpel-Parabel ausgeht ist extrem erschreckend: Das kann doch nicht wahr sein! Vor allem nicht im Wettbewerb. Denis ohne Coté.
Berlinale 2016 Midnight Special (Wettbewerb)
Nach dem wie erwarteten Coen „Hail Caesar" und dem enttäuschenden Denis Coté „Boris sans Beatrice" gelang dem Wettbewerb mit „Midnight Special" direkt Sensation und Aufreger zum Auftakt: Der neue Film der Regie-Hoffnung Jeff Nichols („Take Shelter") mit den Stars Michael Shannon und Kirsten Dunst ist „E.T. 2.0", religiöser Science Fiction für das Zeitalter der Totalüberwachung. Und vor allem hochspannend! FBI, NSA, eine christliche Sekte und auch der eigene Vater, der ihn einst zur Adoption freigab – alle wollen Alton. Kein Wunder, oder doch gerade ein, wenn man sieht, was er mit seinen Augen macht, wenn gleisendes Licht eine bessere Welt verkündet. Nebenbei lesen seine Gedanken noch extrem geheime Regierungs-Informationen aus verschlüsselter Satelliten-Kommunikation aus. Doch Alton ist keine Waffe, kein Messias, er will nur nach Hause, in ein zumindest architektonisch futuristisches Tomorrow-Land, das im Finale versprochen wird. Erst mysteriös, dann spannend, familien-mäßig rührend und schließlich reichlich Zukunfts-Kitsch. Das großartig, aber für alle, die im Hier und Jetzt zurückbleiben, letztlich enttäuschend. Doch sicher Stoff für aufgeregte Diskussionen auch in der Jury. Der Film startet nächsten Donnerstag in den Kinos.
10.2.16
Berlinale 2016: Chi-raq (Wettbewerb außer Konkurrenz)
Chi-raq
USA 2016 Regie: Spike Lee mit Nick Cannon, Teyonah Parris, Wesley Snipes, Angela Bassett, Samuel L. Jackson, Jennifer Hudson, John Cusack 127 Min.
„No Peace, no Pussy" – so klingt das griechische Drama „Lysistrata" von Aristophanes in Chicagos Ghetto-Viertel South Side. Regisseur und Produzent Spike Lee („She's Gotta Have It", „Do The Right Thing", „Inside Man") war eine der Stimmen, die gegen eine angeblich rassistische Auswahl bei den Oscar-Nominierungen protestierten. In seiner ersten Regie seit „Old Boy" in 2013 gelingt ihm ein umwerfend komisches und gleichzeitig erschütterndes Plädoyer gegen die Gewalt, mit denen sich junge schwarze Männer in den Städten gegenseitig umbringen.
Nachdem wieder Opfer der Straßenkämpfe zwischen den rivalisierenden Gangs der Trojaner und Spartaner in ihrem Blut liegen, beschließt eine Gruppe von Frauen, angeführt von der schönen Lysistrata, der immer mehr ausufernden Gewalt mit weiblicher List und Kraft entgegenzutreten. Mit einem Sex-Streik wollen sie die jungen schwarzen Männer, darunter auch Lysistratas Freund, den Rapper Demetrius Dupree, dazu zwingen, die Waffen niederzulegen.
Nicht nur die in Orange und Lila gekleideten Gangs klingen griechisch, Spike Lee begeistert mit kraftvollem, modernem Kino in Versform. Luck reimt sich auf Fuck, deftigster Slang hüllt sich in züchtigem Versmaß, dazu wütende Songs und politische Graffitis. Diese Sprache funktioniert in den verschiedensten Milieus humoristisch und anklagend: Vom leeren Stripper-Club bis zum empörten Muslim-Rat, vom heißen HipHop-Konzert bis ins lustvolle Schlafzimmer. Vom blockierten Muster-Macho bis zum wütenden Priester. Es ist tatsächlich „herrlich" wie die verzweifelten Männlein ihre naturgegebene Überlegenheit total überzeugt mit nur einem begründen: Sie haben einen Penis!
Lee zeigt bei der ungemein starken Geschichte all sein inszenatorisches Können und seinen ganz besonderen Stil. Bei einer besonders heißen Musical-Einlage in Army-Unterwäsche gibt es einen Split Screen, der die Geschlechter trennt. Nicht nur die Worte, auch die Körper sprechen sehr eindeutig und sexy.
Das ist umwerfend komisch, aber auch schockend, wenn ein schleimig-smarter Versicherungsvertreter der Mutter eines schwarzen Jungen eine Lebensversicherung verkaufen will – weil er ja hier sicher nicht lange überleben wird. Chicago trägt in der US-amerikanischen Hip-Hop-Szene den Namen „Chi-Raq". Ein Begriff, der darauf anspielt, dass die berüchtigte South Side als Mord-Hauptstadt der USA gilt. Zwischen 2001 und 2015 starben hier 7356 Menschen durch Waffengewalt, mehr us-amerikanische Soldaten in Afghanistan und Irak. Eine „nationale Notlage", wie Regisseur Spike Lee mit fetten roten Lettern mitteilt. Selten traf der Begriff Tragikomödie mehr zu, hier folgen Lachen und Weinen ganz dicht aufeinander
Dieser grandiose Film ist exzellent gemacht und hochkarätig besetzt: Neben Wesley Snipes als Cyclops, der schon 1986 bei „She's Gotta Have It" dabei war, sind Angela Bassett und Samuel L. Jackson in elegantem ockergelben Anzug mit Hut und Stock als Erzähler Dolmedes zu erleben. John Cusack als Priester des Viertel eine lange, flammende Rede gegen die Waffenhändler, die Arbeitslosigkeit, das mangelhafte soziale Netz, eine umwerfende Szene.
Also genügend KandidatInnen für einen Schauspiel-Oscar. Nur ist „Chi-raq" nicht in den US-Kinos sondern bei Amazon als „Pay per View" gestartet. Er darf deshalb nicht mitmachen. Leider auch nicht bei der Berlinale – hier läuft er außer Konkurrenz. Sonst wäre neben einem Schauspiel-Bären auf jeden Fall ein Preis für das Drehbuch drin gewesen, das Spike Lee zusammen mit Kevin Willmott nach „Lysistrata" von Aristophanes schrieb. Zudem gefällt die sehr zurückhaltende Musik von Terence Blanchard.
Dass dieser großartige und so enorm wichtige, weil für den Frieden in den Ghettos kämpfende Film bisher nur im Fernsehen stattfand, macht tatsächlich noch einmal den Wert auch dieses Filmfestivals deutlich. In einer sehr diversifizierten und verflachenden Medienlandschaft braucht es Festival-Scheinwerfer, die nicht nur am Roten Teppich leuchten, damit solche Werke ihre höchst verdiente Aufmerksamkeit bekommen.
USA 2016 Regie: Spike Lee mit Nick Cannon, Teyonah Parris, Wesley Snipes, Angela Bassett, Samuel L. Jackson, Jennifer Hudson, John Cusack 127 Min.
„No Peace, no Pussy" – so klingt das griechische Drama „Lysistrata" von Aristophanes in Chicagos Ghetto-Viertel South Side. Regisseur und Produzent Spike Lee („She's Gotta Have It", „Do The Right Thing", „Inside Man") war eine der Stimmen, die gegen eine angeblich rassistische Auswahl bei den Oscar-Nominierungen protestierten. In seiner ersten Regie seit „Old Boy" in 2013 gelingt ihm ein umwerfend komisches und gleichzeitig erschütterndes Plädoyer gegen die Gewalt, mit denen sich junge schwarze Männer in den Städten gegenseitig umbringen.
Nachdem wieder Opfer der Straßenkämpfe zwischen den rivalisierenden Gangs der Trojaner und Spartaner in ihrem Blut liegen, beschließt eine Gruppe von Frauen, angeführt von der schönen Lysistrata, der immer mehr ausufernden Gewalt mit weiblicher List und Kraft entgegenzutreten. Mit einem Sex-Streik wollen sie die jungen schwarzen Männer, darunter auch Lysistratas Freund, den Rapper Demetrius Dupree, dazu zwingen, die Waffen niederzulegen.
Nicht nur die in Orange und Lila gekleideten Gangs klingen griechisch, Spike Lee begeistert mit kraftvollem, modernem Kino in Versform. Luck reimt sich auf Fuck, deftigster Slang hüllt sich in züchtigem Versmaß, dazu wütende Songs und politische Graffitis. Diese Sprache funktioniert in den verschiedensten Milieus humoristisch und anklagend: Vom leeren Stripper-Club bis zum empörten Muslim-Rat, vom heißen HipHop-Konzert bis ins lustvolle Schlafzimmer. Vom blockierten Muster-Macho bis zum wütenden Priester. Es ist tatsächlich „herrlich" wie die verzweifelten Männlein ihre naturgegebene Überlegenheit total überzeugt mit nur einem begründen: Sie haben einen Penis!
Lee zeigt bei der ungemein starken Geschichte all sein inszenatorisches Können und seinen ganz besonderen Stil. Bei einer besonders heißen Musical-Einlage in Army-Unterwäsche gibt es einen Split Screen, der die Geschlechter trennt. Nicht nur die Worte, auch die Körper sprechen sehr eindeutig und sexy.
Das ist umwerfend komisch, aber auch schockend, wenn ein schleimig-smarter Versicherungsvertreter der Mutter eines schwarzen Jungen eine Lebensversicherung verkaufen will – weil er ja hier sicher nicht lange überleben wird. Chicago trägt in der US-amerikanischen Hip-Hop-Szene den Namen „Chi-Raq". Ein Begriff, der darauf anspielt, dass die berüchtigte South Side als Mord-Hauptstadt der USA gilt. Zwischen 2001 und 2015 starben hier 7356 Menschen durch Waffengewalt, mehr us-amerikanische Soldaten in Afghanistan und Irak. Eine „nationale Notlage", wie Regisseur Spike Lee mit fetten roten Lettern mitteilt. Selten traf der Begriff Tragikomödie mehr zu, hier folgen Lachen und Weinen ganz dicht aufeinander
Dieser grandiose Film ist exzellent gemacht und hochkarätig besetzt: Neben Wesley Snipes als Cyclops, der schon 1986 bei „She's Gotta Have It" dabei war, sind Angela Bassett und Samuel L. Jackson in elegantem ockergelben Anzug mit Hut und Stock als Erzähler Dolmedes zu erleben. John Cusack als Priester des Viertel eine lange, flammende Rede gegen die Waffenhändler, die Arbeitslosigkeit, das mangelhafte soziale Netz, eine umwerfende Szene.
Also genügend KandidatInnen für einen Schauspiel-Oscar. Nur ist „Chi-raq" nicht in den US-Kinos sondern bei Amazon als „Pay per View" gestartet. Er darf deshalb nicht mitmachen. Leider auch nicht bei der Berlinale – hier läuft er außer Konkurrenz. Sonst wäre neben einem Schauspiel-Bären auf jeden Fall ein Preis für das Drehbuch drin gewesen, das Spike Lee zusammen mit Kevin Willmott nach „Lysistrata" von Aristophanes schrieb. Zudem gefällt die sehr zurückhaltende Musik von Terence Blanchard.
Dass dieser großartige und so enorm wichtige, weil für den Frieden in den Ghettos kämpfende Film bisher nur im Fernsehen stattfand, macht tatsächlich noch einmal den Wert auch dieses Filmfestivals deutlich. In einer sehr diversifizierten und verflachenden Medienlandschaft braucht es Festival-Scheinwerfer, die nicht nur am Roten Teppich leuchten, damit solche Werke ihre höchst verdiente Aufmerksamkeit bekommen.
8.2.16
Feuer bewahren - nicht Asche anbeten
BRD 2015 Regie: Annette von Wangenheim 86 Min. FSK: ab 0
Diese wunderbare Dokumentation folgt dem berühmten Choreografen Martin Schläpfer bei seiner Arbeit und auf ganz privaten Wegen, bis zu seinem Sommerrefugium im Tessiner Maggia-Tal. Der vielfach ausgezeichnete Schläpfer zählt zu den bedeutendsten Tanzschöpfern Europas. Sein Ballett am Rhein erreicht die unterschiedlichsten Zielgruppen im In- und Ausland, von Düsseldorf bis Moskau, von Barcelona, Paris oder Tel Aviv bis Muscat im Oman. Neben faszinierenden Tanzsequenzen von fertigen Aufführungen, die modernen Tanz auch mal mit Spitzenschuh zeigen, gibt es Probearbeit und Blicke hinter die Kulissen. Eine echte Home Story im frech selbst gestalteten Wohneigentum macht ungemein Spaß. So angenehm und inspirierend wie der hier gezeigte Mensch Schläpfer sind seine Gedanken zur Kunst und zum Leben allgemein zu hören. Besonders reizvoll dabei ein Solostück, dass der legendäre Hans van Manen für ihn choreografiert. Also eine Choreografie über den Choreografen ... der dabei vor allem viel denken soll. Zu dem begeisternden Reichtum dieses dichten Films gehören auch Bilder des vertrauten Fotografen von Schläpfer. Großartige Kunst für Kopf, Augen und das Herz.
Diese wunderbare Dokumentation folgt dem berühmten Choreografen Martin Schläpfer bei seiner Arbeit und auf ganz privaten Wegen, bis zu seinem Sommerrefugium im Tessiner Maggia-Tal. Der vielfach ausgezeichnete Schläpfer zählt zu den bedeutendsten Tanzschöpfern Europas. Sein Ballett am Rhein erreicht die unterschiedlichsten Zielgruppen im In- und Ausland, von Düsseldorf bis Moskau, von Barcelona, Paris oder Tel Aviv bis Muscat im Oman. Neben faszinierenden Tanzsequenzen von fertigen Aufführungen, die modernen Tanz auch mal mit Spitzenschuh zeigen, gibt es Probearbeit und Blicke hinter die Kulissen. Eine echte Home Story im frech selbst gestalteten Wohneigentum macht ungemein Spaß. So angenehm und inspirierend wie der hier gezeigte Mensch Schläpfer sind seine Gedanken zur Kunst und zum Leben allgemein zu hören. Besonders reizvoll dabei ein Solostück, dass der legendäre Hans van Manen für ihn choreografiert. Also eine Choreografie über den Choreografen ... der dabei vor allem viel denken soll. Zu dem begeisternden Reichtum dieses dichten Films gehören auch Bilder des vertrauten Fotografen von Schläpfer. Großartige Kunst für Kopf, Augen und das Herz.
Ungezähmt
USA 2015 (Unbranded) Regie: Phillip Baribeau 102 Min. FSK: ab 0
2010 ritten vier Männer über 3200 km von Mexiko bis Kanada. Also eigentlich die Pferde, und die sind sogenannte Mustangs, die geschützt und wild auf öffentlichem Land leben. Wenn Grand Canyon, Yellowstone und Glacier National Park auf der Strecke liegen, liefert das gute Bilder. Ansonsten ist die ganze Aktion trotz des aufgepfropften Plädoyers für den Erhalt des Mustang-Lebensraums äußerst uninteressant. Die Reise erweist sich als ein anstrengender Job - für die Pferde. Die sind aber die einzigen, die nicht dauernd in die Kamera quatschen. Sympathisch! Anfangs begleitet sie sogar ein Riesen-Trailer mit Nahrung und Heu! Auch das Kamera-Team ist immer in der Nähe und öfters mal auch auf der anderen Seite des Grand Canyon dabei. Nicht wirklich authentisch und wohl nur für Pferde-Fans nicht unerträglich uninteressant.
2010 ritten vier Männer über 3200 km von Mexiko bis Kanada. Also eigentlich die Pferde, und die sind sogenannte Mustangs, die geschützt und wild auf öffentlichem Land leben. Wenn Grand Canyon, Yellowstone und Glacier National Park auf der Strecke liegen, liefert das gute Bilder. Ansonsten ist die ganze Aktion trotz des aufgepfropften Plädoyers für den Erhalt des Mustang-Lebensraums äußerst uninteressant. Die Reise erweist sich als ein anstrengender Job - für die Pferde. Die sind aber die einzigen, die nicht dauernd in die Kamera quatschen. Sympathisch! Anfangs begleitet sie sogar ein Riesen-Trailer mit Nahrung und Heu! Auch das Kamera-Team ist immer in der Nähe und öfters mal auch auf der anderen Seite des Grand Canyon dabei. Nicht wirklich authentisch und wohl nur für Pferde-Fans nicht unerträglich uninteressant.
Colonia Dignidad
BRD, Frankreich, Luxemburg 2015 Regie: Florian Gallenberger mit Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist 110 Min. FSK: ab 16
Colonia Dignidad stellt ein besonders düsteres Kapitel deutscher und chilenischer Geschichte da: Die Siedlung einer Sekte von deutschen Auswanderern in Chile unterstützte nicht nur Pinochets Diktatur sogar mit Folterkammern, und half, deutsche Waffen verbotenerweise zu importieren. Die eigenen Mitglieder der Kolonie, auch Kinder und Jugendliche, waren Psychoterror und Vergewaltigungen ausgesetzt. Ahnungslos freut sich die deutsche Stewardess Lena (Emma Watson) im September 1973 bei der Landung in Chile, ihren Geliebten Daniel (Daniel Brühl) wiederzusehen. Und tatsächlich findet sich der importierte Revoluzzer direkt bei einer Protestkundgebung auf den Straßen Santiagos.
Das kurze, romantische Wiedersehen wird brutal unterbrochen, als General Pinochet am 11. September mit Hilfe der CIA putscht und den Präsidenten Salvador Allende umbringen lässt. Daniel wird wie tausend andere „Linke" auf der Straße zusammengeschlagen, verhaftet und von Pinochet-Geheimdienstes Dirección Nacional de Inteligencia (DINA) in ein Folterlager der Armee verschleppt. Lena erfährt, dass Daniel zur Colonia Dignidad gebracht worden ist und verkleidet sich als gottesfürchtige graue Maus, um im obskuren Lager der religiösen Extremisten aus Deutschland aufgenommen zu werden. So gewinnt sie einen Einblick in das brutale Regime des berüchtigten Leiters Paul Schäfer (Michael Nyqvist), der mit Gewalt, Sadismus und Psycho-Terror Menschen erniedrigt, Familien auseinanderreißt und nebenbei der Diktatur dient.
Die Colonia Dignidad, die entgegen ihrem Namen so überhaupt nichts mit „Würde" zu tun hatte, gab es wirklich und trotz andauernder Proteste viel zu lang. Sie wurde aus Deutschland vor allem von CSU-Kreisen unterstützt, diente dem Waffengeschäft mit Mördern und Folterern. Der Film „Colonia Dignidad" von Florian Gallenberger, der 2001 für den engagierten Kurzfilm „Quiero ser - Gestohlene Träume" einen Oscar erhielt, hält sich mit drastischen Darstellungen zurück, ist aber auch so erschreckend genug. Unheimlich, der still weinende Junge, der anfangs aus Schäfers Raum kommt. Brutal, wie junge, kaum bekleidete Frauen von Männer-Horden in einem perversen Akt der Triebabfuhr im Rahmen der strengen Geschlechtertrennung zusammengeschlagen werden - weil sie angeblich „unrein" seien.
Nach eindrucksvollem Start, bei dem sowohl Zauberlehrling Emma Watson als auch der Halb-Spanier Daniel Brühl sehr glaubhaft spielen, gibt es einiges Bedrückendes, aber vor allem Spannung in vorhersehbaren Dramaturgien. Das beginnt damit, dass man direkt weiß, ob Daniel überlebt hat. Gallenberger kümmert sich nicht tiefergehend um die Mechanismen von Politik und Unterdrückung. Das Wesen der Beteiligten, etwa des brutalen Schlägers und Wahnsinnigen Paul Schäfer bleibt Funktion der Spannung, die tatsächlich bis zur letzten Minute packt. Bei vielen Innen-Aufnahmen wird das Innere der Figuren vernachlässigt. Anders als in Marc Brummunds exzellentem „Freistatt" über jugendliche Straftäter in katholischen Besserungsanstalten, der weniger Schwarz-Weiß, aber über das menschliche Wesen wesentlich aufschlussreicher war.
Auch logisch holpert die Handlung öfters. Trotzdem bemerkenswert, wie Michael Nyqvist, Paul Schäfer genial zwischen sanft und gnadenlos, albern und sadistisch spielt. Auch Vicky Krieps zeigt als in der Colonia geborenes Mädchen, das aus der Umzäunung raus kam, ein paar besonders beklemmende Momente. Tragischerweise macht aber erst der Abspann das ganze Ausmaß der Grausamkeiten klar. Man muss dabei erwähnen, dass Kurzfilm-Oscar-Gewinner Gallenberger schon zuletzt mit dem ebenfalls realen „John Rabe" einen historisch höchst interessanten, aber unausgewogenen Film ablieferte. Nun soll er an einem noch unbenannten Milli Vanilli-Project arbeiten.
Colonia Dignidad stellt ein besonders düsteres Kapitel deutscher und chilenischer Geschichte da: Die Siedlung einer Sekte von deutschen Auswanderern in Chile unterstützte nicht nur Pinochets Diktatur sogar mit Folterkammern, und half, deutsche Waffen verbotenerweise zu importieren. Die eigenen Mitglieder der Kolonie, auch Kinder und Jugendliche, waren Psychoterror und Vergewaltigungen ausgesetzt. Ahnungslos freut sich die deutsche Stewardess Lena (Emma Watson) im September 1973 bei der Landung in Chile, ihren Geliebten Daniel (Daniel Brühl) wiederzusehen. Und tatsächlich findet sich der importierte Revoluzzer direkt bei einer Protestkundgebung auf den Straßen Santiagos.
Das kurze, romantische Wiedersehen wird brutal unterbrochen, als General Pinochet am 11. September mit Hilfe der CIA putscht und den Präsidenten Salvador Allende umbringen lässt. Daniel wird wie tausend andere „Linke" auf der Straße zusammengeschlagen, verhaftet und von Pinochet-Geheimdienstes Dirección Nacional de Inteligencia (DINA) in ein Folterlager der Armee verschleppt. Lena erfährt, dass Daniel zur Colonia Dignidad gebracht worden ist und verkleidet sich als gottesfürchtige graue Maus, um im obskuren Lager der religiösen Extremisten aus Deutschland aufgenommen zu werden. So gewinnt sie einen Einblick in das brutale Regime des berüchtigten Leiters Paul Schäfer (Michael Nyqvist), der mit Gewalt, Sadismus und Psycho-Terror Menschen erniedrigt, Familien auseinanderreißt und nebenbei der Diktatur dient.
Die Colonia Dignidad, die entgegen ihrem Namen so überhaupt nichts mit „Würde" zu tun hatte, gab es wirklich und trotz andauernder Proteste viel zu lang. Sie wurde aus Deutschland vor allem von CSU-Kreisen unterstützt, diente dem Waffengeschäft mit Mördern und Folterern. Der Film „Colonia Dignidad" von Florian Gallenberger, der 2001 für den engagierten Kurzfilm „Quiero ser - Gestohlene Träume" einen Oscar erhielt, hält sich mit drastischen Darstellungen zurück, ist aber auch so erschreckend genug. Unheimlich, der still weinende Junge, der anfangs aus Schäfers Raum kommt. Brutal, wie junge, kaum bekleidete Frauen von Männer-Horden in einem perversen Akt der Triebabfuhr im Rahmen der strengen Geschlechtertrennung zusammengeschlagen werden - weil sie angeblich „unrein" seien.
Nach eindrucksvollem Start, bei dem sowohl Zauberlehrling Emma Watson als auch der Halb-Spanier Daniel Brühl sehr glaubhaft spielen, gibt es einiges Bedrückendes, aber vor allem Spannung in vorhersehbaren Dramaturgien. Das beginnt damit, dass man direkt weiß, ob Daniel überlebt hat. Gallenberger kümmert sich nicht tiefergehend um die Mechanismen von Politik und Unterdrückung. Das Wesen der Beteiligten, etwa des brutalen Schlägers und Wahnsinnigen Paul Schäfer bleibt Funktion der Spannung, die tatsächlich bis zur letzten Minute packt. Bei vielen Innen-Aufnahmen wird das Innere der Figuren vernachlässigt. Anders als in Marc Brummunds exzellentem „Freistatt" über jugendliche Straftäter in katholischen Besserungsanstalten, der weniger Schwarz-Weiß, aber über das menschliche Wesen wesentlich aufschlussreicher war.
Auch logisch holpert die Handlung öfters. Trotzdem bemerkenswert, wie Michael Nyqvist, Paul Schäfer genial zwischen sanft und gnadenlos, albern und sadistisch spielt. Auch Vicky Krieps zeigt als in der Colonia geborenes Mädchen, das aus der Umzäunung raus kam, ein paar besonders beklemmende Momente. Tragischerweise macht aber erst der Abspann das ganze Ausmaß der Grausamkeiten klar. Man muss dabei erwähnen, dass Kurzfilm-Oscar-Gewinner Gallenberger schon zuletzt mit dem ebenfalls realen „John Rabe" einen historisch höchst interessanten, aber unausgewogenen Film ablieferte. Nun soll er an einem noch unbenannten Milli Vanilli-Project arbeiten.
Die Hüterin der Wahrheit - Dinas Bestimmung
Dänemark, Norwegen, Tschechien, Island 2015 (Skammerens Datter) mit Rebecca Emilie Sattrup, Peter Plaugborg, Søren Malling, Maria Bonnevie 96 Min.
Die Märchen- und Mystery-Geschichte „Hüterin der Wahrheit" unterhält als Kinder- und Jugendfilm auf dem hohen Niveau der dänischen Film- und Schauspielkunst. Als Vorlage dient Lene Kaaberbøls sehr beliebter Roman „Die Hüterin der Wahrheit", aber vor allem ist das Drehbuch von Anders Thomas Jensen, der sich mit unter anderem „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit", „Adams Äpfel" oder „Dänische Delikatessen" als einer der besten Film-Autoren in unsere Zeit eingeschrieben hat.
Heldin der Mittelalter-Geschichte ist das Mädchen Dina (Rebecca Emilie Sattrup). Sie hat als „Beschämerin" die unheimliche Fähigkeit, dass Menschen unter ihrem Blick alles preisgeben, wovor sie sich schämen - quasi Selbsterkenntnis in Sekunden, filmisch mit tiefen Blicken in die Augen einfach aber reizvoll umgesetzt. Dinas glückliches Leben mit der ebenfalls hellseherischen Mutter Melussina (Maria Bonnevie aus „Zweite Chance") endet, als beide in die Fänge von Drakan (Peter Plaugborg) geraten, einem gnadenlosen, unrechtmäßigen Herrscher, der durch Drachenblut enorme Kräfte erhält. Drakan lässt fast das komplette Königshaus ermorden und legt dem friedlichen Thronerben Nicodemus (Jakob Oftebro) das blutige Messer in die Hand. Kurz bevor auch sie gemeuchelt werden, flieht Nico mit Dina...
„Die Hüterin der Wahrheit" ist mit Drachen und adligen Intrigen eine Art „Game of Thrones" für Kinder. Dabei wird eine erstaunliche Menge Menschenkenntnis kindgerecht vermittelt, wenn Dina aggressive Männer bloßstellt und ihnen zeigt, dass sie eigentlich sehr ängstlich sind und sich minderwertig fühlen. Auch wenn sich das sehr sorgfältig inszenierte Abenteuer im zweiten Teil routiniert und wenig überraschend auf die Restitution des gerechten Herrschers und die Befreiung von Dinas Mutter zubewegt, die besondere Gabe Dinas und dieses Films, die radikale Selbsterkenntnis, ersetzt oft übliche Action. Dinas Blick gemahnt die Menschen unausweichlich, nachzudenken und nachzufühlen, was wirklich richtig ist. So lässt sich selbst der Pöbel, der den Tod der „Hexe" Melussina fordert, zur Besinnung bringen. Da sollte es mehr von geben - von solchen menschlichen Spiegeln der Seele und von solchen guten, ungewöhnlichen Kinderfilmen. Eine Verfilmung der drei weiteren Bände der Saga ist allerdings noch nicht angekündigt.
Die Märchen- und Mystery-Geschichte „Hüterin der Wahrheit" unterhält als Kinder- und Jugendfilm auf dem hohen Niveau der dänischen Film- und Schauspielkunst. Als Vorlage dient Lene Kaaberbøls sehr beliebter Roman „Die Hüterin der Wahrheit", aber vor allem ist das Drehbuch von Anders Thomas Jensen, der sich mit unter anderem „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit", „Adams Äpfel" oder „Dänische Delikatessen" als einer der besten Film-Autoren in unsere Zeit eingeschrieben hat.
Heldin der Mittelalter-Geschichte ist das Mädchen Dina (Rebecca Emilie Sattrup). Sie hat als „Beschämerin" die unheimliche Fähigkeit, dass Menschen unter ihrem Blick alles preisgeben, wovor sie sich schämen - quasi Selbsterkenntnis in Sekunden, filmisch mit tiefen Blicken in die Augen einfach aber reizvoll umgesetzt. Dinas glückliches Leben mit der ebenfalls hellseherischen Mutter Melussina (Maria Bonnevie aus „Zweite Chance") endet, als beide in die Fänge von Drakan (Peter Plaugborg) geraten, einem gnadenlosen, unrechtmäßigen Herrscher, der durch Drachenblut enorme Kräfte erhält. Drakan lässt fast das komplette Königshaus ermorden und legt dem friedlichen Thronerben Nicodemus (Jakob Oftebro) das blutige Messer in die Hand. Kurz bevor auch sie gemeuchelt werden, flieht Nico mit Dina...
„Die Hüterin der Wahrheit" ist mit Drachen und adligen Intrigen eine Art „Game of Thrones" für Kinder. Dabei wird eine erstaunliche Menge Menschenkenntnis kindgerecht vermittelt, wenn Dina aggressive Männer bloßstellt und ihnen zeigt, dass sie eigentlich sehr ängstlich sind und sich minderwertig fühlen. Auch wenn sich das sehr sorgfältig inszenierte Abenteuer im zweiten Teil routiniert und wenig überraschend auf die Restitution des gerechten Herrschers und die Befreiung von Dinas Mutter zubewegt, die besondere Gabe Dinas und dieses Films, die radikale Selbsterkenntnis, ersetzt oft übliche Action. Dinas Blick gemahnt die Menschen unausweichlich, nachzudenken und nachzufühlen, was wirklich richtig ist. So lässt sich selbst der Pöbel, der den Tod der „Hexe" Melussina fordert, zur Besinnung bringen. Da sollte es mehr von geben - von solchen menschlichen Spiegeln der Seele und von solchen guten, ungewöhnlichen Kinderfilmen. Eine Verfilmung der drei weiteren Bände der Saga ist allerdings noch nicht angekündigt.
The Boy
USA 2016 Regie: William Brent Bell mit Lauren Cohan, Rupert Evans, James Russell 98 Min.
Da knirscht es mächtig im Gebälk dieser Horrorfilm-Konstruktion: „The Boy" versucht von der ersten Minute an mit einem dunklen, alten Haus unheimlich zu wirken. Und strapaziert dann die Glaubwürdigkeit, weil die amerikanische Nanny Greta (Lauren Cohan, „The Walking Dead") im verschrobenen England eine Puppe sitten soll.
Das ist zu Beginn extrem abstrus, aber zur Entschuldigung kann man sagen, dass Greta zuhause von ihrem brutalen Freund geschlagen wurde und dabei ein Kind verlor. Außerdem macht sie das seltsame Spiel für Geld mit. Als die seltsamen, alten „Eltern" der Puppe namens Brahms sich für eine längere Weile verabschieden, wird es richtig komisch. Nicht, weil im Gewitter ein Kind schreit, obwohl außer ihr niemand mehr im Haus ist. Greta akzeptiert plötzlich, dass die Puppe ein eigenes Leben hat, akzeptiert es sogar freudig. Und auch der Botenjunge Malcolm wird überzeugt. Da steht nur noch die Eifersucht von Brahms dem trauten Glück im Wege. Als Greta mit Malcolm ausgehen will, sperrt das Haus sie auf dem Dachboden ein.
Eine Bauchredner-Puppe führte gerade schon in „Gänsehaut" Kommando und „Chucky - Die Mörderpuppe" hat man ja auch über mehrere völlig abstruse Filme irgendwie hingenommen. Zwar sind Schockmomente und der Rest in „The Boy" nicht gerade subtil eingesetzt, doch bis zum ärgerlichen, an den Haaren herbeigezogenen Action-Finale war diese Kinderstunde noch ganz nett. Die Moral der Geschichte: Frauen, wehrt euch gegen gestörte Jungs, die nicht loslassen können ... und mit euch in solche Filme gehen wollen.
Da knirscht es mächtig im Gebälk dieser Horrorfilm-Konstruktion: „The Boy" versucht von der ersten Minute an mit einem dunklen, alten Haus unheimlich zu wirken. Und strapaziert dann die Glaubwürdigkeit, weil die amerikanische Nanny Greta (Lauren Cohan, „The Walking Dead") im verschrobenen England eine Puppe sitten soll.
Das ist zu Beginn extrem abstrus, aber zur Entschuldigung kann man sagen, dass Greta zuhause von ihrem brutalen Freund geschlagen wurde und dabei ein Kind verlor. Außerdem macht sie das seltsame Spiel für Geld mit. Als die seltsamen, alten „Eltern" der Puppe namens Brahms sich für eine längere Weile verabschieden, wird es richtig komisch. Nicht, weil im Gewitter ein Kind schreit, obwohl außer ihr niemand mehr im Haus ist. Greta akzeptiert plötzlich, dass die Puppe ein eigenes Leben hat, akzeptiert es sogar freudig. Und auch der Botenjunge Malcolm wird überzeugt. Da steht nur noch die Eifersucht von Brahms dem trauten Glück im Wege. Als Greta mit Malcolm ausgehen will, sperrt das Haus sie auf dem Dachboden ein.
Eine Bauchredner-Puppe führte gerade schon in „Gänsehaut" Kommando und „Chucky - Die Mörderpuppe" hat man ja auch über mehrere völlig abstruse Filme irgendwie hingenommen. Zwar sind Schockmomente und der Rest in „The Boy" nicht gerade subtil eingesetzt, doch bis zum ärgerlichen, an den Haaren herbeigezogenen Action-Finale war diese Kinderstunde noch ganz nett. Die Moral der Geschichte: Frauen, wehrt euch gegen gestörte Jungs, die nicht loslassen können ... und mit euch in solche Filme gehen wollen.
7.2.16
Sisters (2015)
USA 2015 Regie: Jason Moore mit Amy Poehler, Tina Fey, James Brolin, Dianne Wiest, John Leguizamo 118 Min. FSK: ab 12
Verwöhnte Gören, die mittlerweile zur Kategorie 40+ gehören, müssen endlich das Chaos ihres Kinderzimmers aufräumen. Kennt man vielleicht, doch wie die Abrissparty im elterlichen Haus ausartet und was die beiden Schwestern sonst noch so aufräumen, macht diese deftige Frauen-Komödie tatsächlich unterhaltsam. Was auch an den Profis der legendären „Saturday Night Live Show", den Hauptdarstellerinnen Amy Poehler und Tina Fey, liegt. Sie führen den Humor auf bescheuerte Abwege.
Den „Ausverkauf der Kindheit" beschreien Maura (Amy Poehler) und Kate (Tina Fey), angesichts des bereits vollzogenen Verkaufs des Elternhauses. Papa (James Brolin) und Mama (Dianne Wiest) haben die Nase voll von den anstrengenden Mädchen, die auch mit Vierzig nicht erwachsen werden wollen. Nun ist Ruhestand, nur das seit Jahrzehnten überfüllte Kinderzimmer muss noch leergeräumt werden. Mit kindischer Protesthaltung will der beleidigte Nachwuchs aber noch einmal eine Party im Haus durchziehen. Auch weil die chaotische Kate meint, auch Maura müsse einmal Sex in ihrem Kinderzimmer gehabt haben. Es bräuchte gar nicht des Vorlesens alter Tagebücher, um den Gegensatz zwischen der rücksichtslos egoistischen, sexlüsterne Lebefrau und der braven Mutter Theresa aufzuziehen. Diesmal soll es jedoch anders werden: Kate will eigentlich nicht, aber wird nüchtern bleiben, während sich Maura erstmals gehen lassen darf. Mit bis zur Absurdität ordinärer Anmache ist dafür schon ein Nachbar ausgemacht worden...
Eine koreanische Schaumparty, ein in der Pubertät steckengebliebener Scherzkeks voller Drogen, der Pool voller blauer Farbe - „wir feiern wie die Wikinger, weil wir wissen, dass wir heute schon sterben könnten". Allein die Aufzählung der Drogen qualifiziert „Sisters" als weibliche Blutsverwandte von männlich pubertären Bad Taste-Orgien wie „Superbad" oder „Project X". Das „Project X" für Ü40 trinkt sich die Midlife-Crisis schön, vergisst mal den Frust, über ein eigenes Leben, das feststeckt, bevor es eigentlich losging. Denn im Gegensatz zu den saufenden, koksenden, vögelnden und kotzenden Komödien der unreifen Männer, gibt es hier angesichts eines Raumes voller tickender Uhren ernstzunehmende Lebensbetrachtungen.
Und vor allem einen Humor, der nicht von der Hollywood-Stange kommt. Dafür steht neben den ehemaligen „Saturday Night Live Show"-Stars Amy Poehler und Tina Fey auch die Drehbuchautorin Paula Pell („Immer Ärger mit 40"), die aus der gleichen Qualitäts-Ecke kommt. Das macht aus der anzüglichen Komödie zeitweise echte Comedy, beispielsweise beim zu verständnisvollen und damit völlig idiotischen Dialog mit der koreanischen Fußpflegerin. Oder bei der klassischen Ankleide-Szene, die gleich mehrfache Parodie wird. Deshalb lautet der entscheidende Dialog des Films: „Ich hab nachgedacht..." - „Wieso?".
Verwöhnte Gören, die mittlerweile zur Kategorie 40+ gehören, müssen endlich das Chaos ihres Kinderzimmers aufräumen. Kennt man vielleicht, doch wie die Abrissparty im elterlichen Haus ausartet und was die beiden Schwestern sonst noch so aufräumen, macht diese deftige Frauen-Komödie tatsächlich unterhaltsam. Was auch an den Profis der legendären „Saturday Night Live Show", den Hauptdarstellerinnen Amy Poehler und Tina Fey, liegt. Sie führen den Humor auf bescheuerte Abwege.
Den „Ausverkauf der Kindheit" beschreien Maura (Amy Poehler) und Kate (Tina Fey), angesichts des bereits vollzogenen Verkaufs des Elternhauses. Papa (James Brolin) und Mama (Dianne Wiest) haben die Nase voll von den anstrengenden Mädchen, die auch mit Vierzig nicht erwachsen werden wollen. Nun ist Ruhestand, nur das seit Jahrzehnten überfüllte Kinderzimmer muss noch leergeräumt werden. Mit kindischer Protesthaltung will der beleidigte Nachwuchs aber noch einmal eine Party im Haus durchziehen. Auch weil die chaotische Kate meint, auch Maura müsse einmal Sex in ihrem Kinderzimmer gehabt haben. Es bräuchte gar nicht des Vorlesens alter Tagebücher, um den Gegensatz zwischen der rücksichtslos egoistischen, sexlüsterne Lebefrau und der braven Mutter Theresa aufzuziehen. Diesmal soll es jedoch anders werden: Kate will eigentlich nicht, aber wird nüchtern bleiben, während sich Maura erstmals gehen lassen darf. Mit bis zur Absurdität ordinärer Anmache ist dafür schon ein Nachbar ausgemacht worden...
Eine koreanische Schaumparty, ein in der Pubertät steckengebliebener Scherzkeks voller Drogen, der Pool voller blauer Farbe - „wir feiern wie die Wikinger, weil wir wissen, dass wir heute schon sterben könnten". Allein die Aufzählung der Drogen qualifiziert „Sisters" als weibliche Blutsverwandte von männlich pubertären Bad Taste-Orgien wie „Superbad" oder „Project X". Das „Project X" für Ü40 trinkt sich die Midlife-Crisis schön, vergisst mal den Frust, über ein eigenes Leben, das feststeckt, bevor es eigentlich losging. Denn im Gegensatz zu den saufenden, koksenden, vögelnden und kotzenden Komödien der unreifen Männer, gibt es hier angesichts eines Raumes voller tickender Uhren ernstzunehmende Lebensbetrachtungen.
Und vor allem einen Humor, der nicht von der Hollywood-Stange kommt. Dafür steht neben den ehemaligen „Saturday Night Live Show"-Stars Amy Poehler und Tina Fey auch die Drehbuchautorin Paula Pell („Immer Ärger mit 40"), die aus der gleichen Qualitäts-Ecke kommt. Das macht aus der anzüglichen Komödie zeitweise echte Comedy, beispielsweise beim zu verständnisvollen und damit völlig idiotischen Dialog mit der koreanischen Fußpflegerin. Oder bei der klassischen Ankleide-Szene, die gleich mehrfache Parodie wird. Deshalb lautet der entscheidende Dialog des Films: „Ich hab nachgedacht..." - „Wieso?".
69 Tage Hoffnung
USA, Chile 2015 (The 33) Regie: Patricia Riggen mit Antonio Banderas, Rodrigo Santoro, Juliette Binoche, James Brolin 127 Min.
Antonio Banderas wird hunderte Meter tief unter der Erde verschüttet, wie schrecklich. Juliette Binoche verkauft oben gutherzig Empanadas, leidet aber auch ganz furchtbar unter dem Unglück ihres Schauspiel-Kollegen. Wenn Stars einfache, arme Arbeiter spielen, kann das schon mal richtig schief gehen. So auch bei der unglücklichen Verfilmung eines noch in der Erinnerung befindlichen Unglücks: Am 5. August 2010 brach ein Schacht in der abgelegenen Mine San José in Chile ein. 33 Bergarbeiter, die dort Gold und Kupfer abbauten, wurden 700 Meter unter der Erde eingeschlossen. Erst nach 69 Tagen konnten sie gerettet werden.
Die mexikanische Regisseurin Patricia Riggen beginnt den Film mit einem Familienfest, das aussieht, wie eine Oscar-Verleihung. Klar und strahlend gefilmt wie ein Hollywoodfilm – so leuchtend sieht das Leben vor Ort sicher nicht aus. Wie bei allen Katastrophenfilmen reihen sich nun Schicksale auf: Der Alte auf einer seiner letzten Schichten, der Mann der Schwangeren, der ungeliebte „Gastarbeiter" aus Bolivien. Parallel werden Warnungen des Vorarbeiters ignoriert, sehr deutliche Vorzeichen übersehen. Dick aufgetragen wie die Musik von James Horner ist auch der Blick des Neulings zurück bei der Einfahrt in die Mine. Die lange Fahrt in die Tiefe, vorbei an Marien-Figuren und Fotos bereits Verstorbener, macht die Situation noch eindrucksvoll mit Übelkeit und einem dramatischen Schwenk in die Abgründe fühlbar. Der unweigerlich und erfreulich rasch folgende Einsturz kann diese Erwartungen allerdings nicht erfüllen, er ist für heutige Möglichkeiten nicht übermäßig eindrucksvoll, selbst wenn da gleich ein ganzer Bagger mit der Tunneldecke herunterfällt.
Die 33 titelgebenden Minenarbeiter kommen knapp vor dem herunterbrechenden Gestein im Rettungsraum unter. Während sich nun klaustrophobische Spannung mit dem Knirschen des Berges breit machen sollte, schaltet der Film fröhlich nach oben, wo die Familien vor den Toren der Mine protestieren und tatsächlich Rettungsversuche für die längst von der Firma „abgeschriebenen" Arbeiter erzwingen. Plötzlich steht ein Spezialist mit tollen geologischen 3D-Aufnahmen des Berges in der Hütte, unten gibt es Streit ums Essen, oben wird mal schief gebohrt, bevor schon zur Mitte des Films ein schmaler Tunnel Erlösung verspricht. Doch nicht für das Publikum. Zwar gibt es nun Nahrung und sogar einen Video-Chat mit großer Projektion auf ein Bettlaken! Die internen Spannungen der Eingeschlossenen nehmen zu, als man erfährt, dass der nicht ganz unumstrittene Anführer Mario (Antonio Banderas) einen Buchvertrag über die Ereignisse abgeschlossen hat.
Doch keine Sorge, eine zweite Ebene wie beim „Reporter des Satans" mit Kirk Douglas bekommt hier nie Luft zum Atmen. Unglaubliche Zustände unter Tage rufen nicht nachhaltig Wut oder Entrüstung hervor. Die Rolle des Staates mit einem unsympathischen, opportunistisch agierenden Präsidenten nimmt man schulterzuckend hin. Stattdessen wird Raum für das Verhältnis zwischen Star Binoche und dem Regierungsvertreter verschwendet. Was fürs Herz muss ja auch dabei sein. Es ist unglaublich, wie so eine natürlich beklemmende und nicht nur vom Gebirge her sehr angespannte Situation einen so kalt lassen kann.
Antonio Banderas wird hunderte Meter tief unter der Erde verschüttet, wie schrecklich. Juliette Binoche verkauft oben gutherzig Empanadas, leidet aber auch ganz furchtbar unter dem Unglück ihres Schauspiel-Kollegen. Wenn Stars einfache, arme Arbeiter spielen, kann das schon mal richtig schief gehen. So auch bei der unglücklichen Verfilmung eines noch in der Erinnerung befindlichen Unglücks: Am 5. August 2010 brach ein Schacht in der abgelegenen Mine San José in Chile ein. 33 Bergarbeiter, die dort Gold und Kupfer abbauten, wurden 700 Meter unter der Erde eingeschlossen. Erst nach 69 Tagen konnten sie gerettet werden.
Die mexikanische Regisseurin Patricia Riggen beginnt den Film mit einem Familienfest, das aussieht, wie eine Oscar-Verleihung. Klar und strahlend gefilmt wie ein Hollywoodfilm – so leuchtend sieht das Leben vor Ort sicher nicht aus. Wie bei allen Katastrophenfilmen reihen sich nun Schicksale auf: Der Alte auf einer seiner letzten Schichten, der Mann der Schwangeren, der ungeliebte „Gastarbeiter" aus Bolivien. Parallel werden Warnungen des Vorarbeiters ignoriert, sehr deutliche Vorzeichen übersehen. Dick aufgetragen wie die Musik von James Horner ist auch der Blick des Neulings zurück bei der Einfahrt in die Mine. Die lange Fahrt in die Tiefe, vorbei an Marien-Figuren und Fotos bereits Verstorbener, macht die Situation noch eindrucksvoll mit Übelkeit und einem dramatischen Schwenk in die Abgründe fühlbar. Der unweigerlich und erfreulich rasch folgende Einsturz kann diese Erwartungen allerdings nicht erfüllen, er ist für heutige Möglichkeiten nicht übermäßig eindrucksvoll, selbst wenn da gleich ein ganzer Bagger mit der Tunneldecke herunterfällt.
Die 33 titelgebenden Minenarbeiter kommen knapp vor dem herunterbrechenden Gestein im Rettungsraum unter. Während sich nun klaustrophobische Spannung mit dem Knirschen des Berges breit machen sollte, schaltet der Film fröhlich nach oben, wo die Familien vor den Toren der Mine protestieren und tatsächlich Rettungsversuche für die längst von der Firma „abgeschriebenen" Arbeiter erzwingen. Plötzlich steht ein Spezialist mit tollen geologischen 3D-Aufnahmen des Berges in der Hütte, unten gibt es Streit ums Essen, oben wird mal schief gebohrt, bevor schon zur Mitte des Films ein schmaler Tunnel Erlösung verspricht. Doch nicht für das Publikum. Zwar gibt es nun Nahrung und sogar einen Video-Chat mit großer Projektion auf ein Bettlaken! Die internen Spannungen der Eingeschlossenen nehmen zu, als man erfährt, dass der nicht ganz unumstrittene Anführer Mario (Antonio Banderas) einen Buchvertrag über die Ereignisse abgeschlossen hat.
Doch keine Sorge, eine zweite Ebene wie beim „Reporter des Satans" mit Kirk Douglas bekommt hier nie Luft zum Atmen. Unglaubliche Zustände unter Tage rufen nicht nachhaltig Wut oder Entrüstung hervor. Die Rolle des Staates mit einem unsympathischen, opportunistisch agierenden Präsidenten nimmt man schulterzuckend hin. Stattdessen wird Raum für das Verhältnis zwischen Star Binoche und dem Regierungsvertreter verschwendet. Was fürs Herz muss ja auch dabei sein. Es ist unglaublich, wie so eine natürlich beklemmende und nicht nur vom Gebirge her sehr angespannte Situation einen so kalt lassen kann.
Dirty Grandpa
USA 2016 Regie: Dan Mazer mit Robert De Niro, Zac Efron, Zoey Deutch, Aubrey Plaza 102 Min.
Nach den ordinären Komödien für Frauen - siehe „Sisters" - zeichnet sich eine neue Welle ab: Ordinäre Senioren. Das könnte man gleich mit dem anderen Mist eintopfen, wenn DeNiro es nicht schaffen würde, sogar dieser dumpfen Gröhl-Vorlage noch etwas Klasse zu geben.
Anwalt Jason (Zac Efron) hat ein großes Herz, weshalb er seinen frisch verwitweten Großvater Dick (Robert De Niro) nach Daytona kutschiert. Dass der Senior gar nicht so pflegebedürftig ist und zum orgiastischen Spring Break will, um nach 40 Jahren Ehe endlich wieder wilden Sex zu haben, erfährt der spieße Jason erst auf der chaotischen Tour. Ein cooler, völlig amoralischer und ungezügelter Rentner und ein Langeweiler, der selbst seine begeistertste Studien-Bekanntschaft vertreibt - diese unpassende Paarung ist Grundausstattung auch dieses Buddy-Movies. Dass die folgenden Exzesse ausführlich gezeigt werden und auch irgendwann Jasons kontrollsüchtiger Verlobten Meredith unter die Augen kommen, wird höchstens einen Kinobesucher vom Mars überraschen. Routine mittlerweile auch, wie Jason dank vieler Drogen doch noch in Schwung kommt. Also insgesamt eine total neue, in den kühnsten Koks-Konferenzen noch niemals entwickelte Idee...
Robert DeNiros Grandpa gibt sich abwechselnd als Professor oder Golf-Lehrer aus, säuft dauernd und wenn er den Flachmann mal absetzt, flucht er deftigst. Seinen verklemmten Enkel bezeichnet immer als lesbische Tochter, einen schwulen Bekannten macht er kurz und knapp runter. Ein Saufwettbewerb zu „Freude schöne Götterfunken", eine Swastica aus Penissen auf der Stirn als Party-Scherz, ein halbes Kamasutra schon auf der Tanzfläche abgearbeitet. Reihenweise krampfhaft herbei geführte peinliche Situationen, die selbstverständlich direkt ins Gefängnis führen. Regisseur Dan Mazer, Autor, Produzent und Regisseur von „Brüno", „Der Diktator" oder „Borat", hakt alle Stationen dieses Unterhaltungs-Formats ab, ohne dass irgendwas davon organisch oder locker wirkt. Grandpas Obsession, unbedingt mit einer Studentin ins Bett gehen zu müssen, ist ebenso uninteressant wie die aufgeregten Versuche Jasons, ihn daran zu hindern. Die Emanzipation eines Hampelmannes von seiner lieblosen, diktatorischen Verlobten soll eine romantische Komponente ankleben. Doch das Erstaunlichste an diesem völlig unnötigen Komödien-Versuch ist, wie alles an DeNiro abgleitet.
Nach den ordinären Komödien für Frauen - siehe „Sisters" - zeichnet sich eine neue Welle ab: Ordinäre Senioren. Das könnte man gleich mit dem anderen Mist eintopfen, wenn DeNiro es nicht schaffen würde, sogar dieser dumpfen Gröhl-Vorlage noch etwas Klasse zu geben.
Anwalt Jason (Zac Efron) hat ein großes Herz, weshalb er seinen frisch verwitweten Großvater Dick (Robert De Niro) nach Daytona kutschiert. Dass der Senior gar nicht so pflegebedürftig ist und zum orgiastischen Spring Break will, um nach 40 Jahren Ehe endlich wieder wilden Sex zu haben, erfährt der spieße Jason erst auf der chaotischen Tour. Ein cooler, völlig amoralischer und ungezügelter Rentner und ein Langeweiler, der selbst seine begeistertste Studien-Bekanntschaft vertreibt - diese unpassende Paarung ist Grundausstattung auch dieses Buddy-Movies. Dass die folgenden Exzesse ausführlich gezeigt werden und auch irgendwann Jasons kontrollsüchtiger Verlobten Meredith unter die Augen kommen, wird höchstens einen Kinobesucher vom Mars überraschen. Routine mittlerweile auch, wie Jason dank vieler Drogen doch noch in Schwung kommt. Also insgesamt eine total neue, in den kühnsten Koks-Konferenzen noch niemals entwickelte Idee...
Robert DeNiros Grandpa gibt sich abwechselnd als Professor oder Golf-Lehrer aus, säuft dauernd und wenn er den Flachmann mal absetzt, flucht er deftigst. Seinen verklemmten Enkel bezeichnet immer als lesbische Tochter, einen schwulen Bekannten macht er kurz und knapp runter. Ein Saufwettbewerb zu „Freude schöne Götterfunken", eine Swastica aus Penissen auf der Stirn als Party-Scherz, ein halbes Kamasutra schon auf der Tanzfläche abgearbeitet. Reihenweise krampfhaft herbei geführte peinliche Situationen, die selbstverständlich direkt ins Gefängnis führen. Regisseur Dan Mazer, Autor, Produzent und Regisseur von „Brüno", „Der Diktator" oder „Borat", hakt alle Stationen dieses Unterhaltungs-Formats ab, ohne dass irgendwas davon organisch oder locker wirkt. Grandpas Obsession, unbedingt mit einer Studentin ins Bett gehen zu müssen, ist ebenso uninteressant wie die aufgeregten Versuche Jasons, ihn daran zu hindern. Die Emanzipation eines Hampelmannes von seiner lieblosen, diktatorischen Verlobten soll eine romantische Komponente ankleben. Doch das Erstaunlichste an diesem völlig unnötigen Komödien-Versuch ist, wie alles an DeNiro abgleitet.
Nichts passiert
Schweiz 2015 Regie: Micha Lewinsky mit Devid Striesow, Maren Eggert, Lotte Becker, Annina Walt 88 Min. FSK: ab 12
Ein mörderischer Softie - das ist ebenso unwahrscheinlich wie psychologisch reizvoll in dem erschütternden Schweizer Film „Nicht passiert". Diese Figur fasziniert wie der Erzähler aus dem „Fight Club" oder Patrick Bateman aus „American Psycho".
Schon in der ersten Szene, der Sitzung bei einer Therapeutin, fächert Devid Striesow als unerträglich widerstandsloser Journalist Thomas eine atemberaubende Figur auf. Erst einmal sorgt er für Beklemmungen, dieser Mann, der einen mit seiner Unentschlossenheit und der Unfähigkeit, Position zu beziehen, bald in den Wahnsinn treibt. Mit ihm muss nicht nur die Familie in den Ski-Urlaub, auch Sarah (Annina Walt), die Tochter seines Chefs, sitzt mit im bleibeschwerten Boot, beziehungsweise Auto. Gleich am ersten Abend wird Sarah vom Sohn des Vermieters vergewaltigt, als die beiden spinnefeinden Mädchen feiern gehen. Sarah vertraut sich nur Thomas an, der sie weinend findet und fortan zu allem bereit ist, um Verbrechen und Leid zu vertuschen. Bis hin zum Mord...
Es ist gleichzeitig abstoßend und bedauernswert, wie dieser hilflose Hansel manipuliert. Als Sarah zur Polizei will, den Vergewaltiger anzuzeigen, gibt er sich unterstützend, während er subtil das völlig verstörte Mädchen unsicher macht. Dazu denkt er sich in seiner Angst um Job und allgemeine Familienseligkeit horrende Lösungen aus: Da soll es etwa reichen, wenn der Täter sich mit einem Handschlag entschuldigt. Das ist unerträglich und grenzwertig, wie der Film das mitmacht. Und kann eigentlich nur auf ein noch schlimmeres Unglück hinauslaufen.
Wie weit man dem exzellent inszenierten Film folgen will, ist tatsächlich eine Frage der dicken Distanzierungs-Haut im Kino. Denn Regisseurin Micha Lewinsky wagt sich weit hinaus mit dieser Figur. Wenn es aber klappt, liegt dies vor allem an Striesow, der auf der Strecke vom Schaudern zum Grauen alle Nuancen derart glaubwürdig verkörpert, dass man ihm erst einmal mit Personenschutz ausstatten sollte. Bei dieser komplexen Figur kommen alle anderen zu kurz, auch das Opfer der Vergewaltigung, worauf sich sicher ein Teil des gekonnt provozierten unangenehmen Gefühls beim Betrachten richten wird. Doch diesen Psycho-Film mit seinen immer wieder sehr treffenden Momenten sollte man nicht zu leicht nehmen, etwa weil deutsch gesprochen wird. Diese Figur, dieses ganze Konstrukt ist äußerst bemerkenswert in der Galerie der (Kino-) Psychopaten.
Ein mörderischer Softie - das ist ebenso unwahrscheinlich wie psychologisch reizvoll in dem erschütternden Schweizer Film „Nicht passiert". Diese Figur fasziniert wie der Erzähler aus dem „Fight Club" oder Patrick Bateman aus „American Psycho".
Schon in der ersten Szene, der Sitzung bei einer Therapeutin, fächert Devid Striesow als unerträglich widerstandsloser Journalist Thomas eine atemberaubende Figur auf. Erst einmal sorgt er für Beklemmungen, dieser Mann, der einen mit seiner Unentschlossenheit und der Unfähigkeit, Position zu beziehen, bald in den Wahnsinn treibt. Mit ihm muss nicht nur die Familie in den Ski-Urlaub, auch Sarah (Annina Walt), die Tochter seines Chefs, sitzt mit im bleibeschwerten Boot, beziehungsweise Auto. Gleich am ersten Abend wird Sarah vom Sohn des Vermieters vergewaltigt, als die beiden spinnefeinden Mädchen feiern gehen. Sarah vertraut sich nur Thomas an, der sie weinend findet und fortan zu allem bereit ist, um Verbrechen und Leid zu vertuschen. Bis hin zum Mord...
Es ist gleichzeitig abstoßend und bedauernswert, wie dieser hilflose Hansel manipuliert. Als Sarah zur Polizei will, den Vergewaltiger anzuzeigen, gibt er sich unterstützend, während er subtil das völlig verstörte Mädchen unsicher macht. Dazu denkt er sich in seiner Angst um Job und allgemeine Familienseligkeit horrende Lösungen aus: Da soll es etwa reichen, wenn der Täter sich mit einem Handschlag entschuldigt. Das ist unerträglich und grenzwertig, wie der Film das mitmacht. Und kann eigentlich nur auf ein noch schlimmeres Unglück hinauslaufen.
Wie weit man dem exzellent inszenierten Film folgen will, ist tatsächlich eine Frage der dicken Distanzierungs-Haut im Kino. Denn Regisseurin Micha Lewinsky wagt sich weit hinaus mit dieser Figur. Wenn es aber klappt, liegt dies vor allem an Striesow, der auf der Strecke vom Schaudern zum Grauen alle Nuancen derart glaubwürdig verkörpert, dass man ihm erst einmal mit Personenschutz ausstatten sollte. Bei dieser komplexen Figur kommen alle anderen zu kurz, auch das Opfer der Vergewaltigung, worauf sich sicher ein Teil des gekonnt provozierten unangenehmen Gefühls beim Betrachten richten wird. Doch diesen Psycho-Film mit seinen immer wieder sehr treffenden Momenten sollte man nicht zu leicht nehmen, etwa weil deutsch gesprochen wird. Diese Figur, dieses ganze Konstrukt ist äußerst bemerkenswert in der Galerie der (Kino-) Psychopaten.
Die wilden Kerle - Die Legende lebt
BRD 2016 Regie: Joachim Masannek mit Michael Sommerer, Aaron Kissiov, Ron Antony Renzenbrink 100 Min. FSK: ab 0
Nein, das Rad, beziehungsweise den Ball, hat dieser Neustart der Wilden Kerle-Reihe nicht erfunden. Der sechste Film nach den populären Büchern von Joachim Masannek spielt mit ganz neuer Mannschaft einfach den Erfolg von 2003 nach. Das ist nicht originell, was das junge Zielpublikum von heute überhaupt nicht interessiert. Deshalb ist „Die wilden Kerle - Die Legende lebt" einfach, aber auch einfach gut gemacht.
Eine Schatzkarte schickt sechs Jungs auf Abenteuer-Suche in ihrem Städtchen. Und tatsächlich, sie befinden sich auf historischem Grund des legendären Wilden Kerle-Fußballteams. Da wird das Wiederfinden eines alten Bolzplatzes im „Wilde Kerle-Land" wie die Entdeckung von Atlantis inszeniert und bald finden sich auch die üblichen Gegner. Denn auch hier geht es nicht ums Miteinander spielen, sondern immer ums Gegeneinander. Das allerdings gemeinsam und deshalb kommt per Casting noch ein integrations-mäßig dringend benötigtes Mädchen ins Team. Was den Leithammel Leo (Michael Sommerer) kurzzeitig beleidigt ins Abseits befördert. Dann aber kann im Finale der Bolzplatz gegen Abriss und Immobilien-Spekulation verteidigt werden...
Der Kinderfilm um eine neue Generation der auch im Merchandise final ausgequetschten „Wilden Kerle" baut auf die älteren Geschichten auf, ja kopiert sie unverfroren. Bei der konstruierten Konkurrenz und der 10 Tage-Frist bis zum Entscheidungsspiel wirken die größeren machohaften Jungs des Gegners bedrohlich, für Spannung sorgt die Musik, erfundener Kinder-Slang macht die Dialoge flott, netter Kinder-Pop füllt dramaturgische Lücken. Dabei spielen die Kids der Wilden Kerle erstaunlich gut, was umso mehr auffällt, weil die Jungs von „Big M" erstaunlich schlecht sind. Einen Kurzauftritt haben die Original-Kerle, doch überzeugend ist vor allem die solide Inszenierung von Regisseur Joachim Masannek mit einigen Glanzlichtern und vielen witzigen Ideen, wie den Kampf um das Baumhaus Camelo, der zum fantastischen Spaß geriet.
Nein, das Rad, beziehungsweise den Ball, hat dieser Neustart der Wilden Kerle-Reihe nicht erfunden. Der sechste Film nach den populären Büchern von Joachim Masannek spielt mit ganz neuer Mannschaft einfach den Erfolg von 2003 nach. Das ist nicht originell, was das junge Zielpublikum von heute überhaupt nicht interessiert. Deshalb ist „Die wilden Kerle - Die Legende lebt" einfach, aber auch einfach gut gemacht.
Eine Schatzkarte schickt sechs Jungs auf Abenteuer-Suche in ihrem Städtchen. Und tatsächlich, sie befinden sich auf historischem Grund des legendären Wilden Kerle-Fußballteams. Da wird das Wiederfinden eines alten Bolzplatzes im „Wilde Kerle-Land" wie die Entdeckung von Atlantis inszeniert und bald finden sich auch die üblichen Gegner. Denn auch hier geht es nicht ums Miteinander spielen, sondern immer ums Gegeneinander. Das allerdings gemeinsam und deshalb kommt per Casting noch ein integrations-mäßig dringend benötigtes Mädchen ins Team. Was den Leithammel Leo (Michael Sommerer) kurzzeitig beleidigt ins Abseits befördert. Dann aber kann im Finale der Bolzplatz gegen Abriss und Immobilien-Spekulation verteidigt werden...
Der Kinderfilm um eine neue Generation der auch im Merchandise final ausgequetschten „Wilden Kerle" baut auf die älteren Geschichten auf, ja kopiert sie unverfroren. Bei der konstruierten Konkurrenz und der 10 Tage-Frist bis zum Entscheidungsspiel wirken die größeren machohaften Jungs des Gegners bedrohlich, für Spannung sorgt die Musik, erfundener Kinder-Slang macht die Dialoge flott, netter Kinder-Pop füllt dramaturgische Lücken. Dabei spielen die Kids der Wilden Kerle erstaunlich gut, was umso mehr auffällt, weil die Jungs von „Big M" erstaunlich schlecht sind. Einen Kurzauftritt haben die Original-Kerle, doch überzeugend ist vor allem die solide Inszenierung von Regisseur Joachim Masannek mit einigen Glanzlichtern und vielen witzigen Ideen, wie den Kampf um das Baumhaus Camelo, der zum fantastischen Spaß geriet.
2.2.16
Mittwoch 04:45
Griechenland, BRD, Israel 2015 (Tetarti 04:45) Regie: Alexis Alexiou mit Stelios Mainas, Adam Bousdoukos, Mimi Branescu 117 Min. FSK: ab 12
Der Jazzclub-Besitzer Stelios sitzt im Wagen eines alten Bekannten. Es gibt Geplauder über die Familie, während man ahnt, dass eine schmerzhafte Erinnerung an seine Schulden folgen wird. Die hat der Idealist Stelios bei einem Rumänen, der nebenbei, nach einem Statement über Globalisierung und Kapitalismus, die Zeiten erwähnt, zu denen die Tochter des Schuldners Musikunterricht hat. Wir sind in Athen, im Winter 2010. Es herrscht Geldmangel, Stelios hat 40.000 in Schecks rumliegen, die er nicht einlösen kann. Auf der Straße würde man für 20 Euro erstochen und er hat fast 150.000 Schulden. Einen Tag bleibt ihm nun, um seinen Club zu retten.
Der Künstler Stelios ist in der Falle, aber auch Beobachter des sozialen Dramas auf den Straßen. Der ausgebrannte Mercedes, die brutale und mörderische Kinderbande im Tunnel wie einst bei „Clockwork Orange", im Fernsehen die Bürgerkriegs-artigen Unruhen Athens. Es herrscht eine aggressive Stimmung, jeder scheint am Rand der Belastbarkeit zu sein. Er sei zu weich für diese Welt, hört Stelios. Und die zynischen Kommentare seiner Frau, die sich vom unzuverlässigen Partner trennen will. Denn Stelios ist kein Held, kein unschuldiges Opfer: Sein Leben verläuft, wie man sich das für Jazzclub-Besitzer (außer bei Murakami) vorstellt: Jazz, Alkohol, Koks, Sex mit der Geliebten. Dann aber schallen seine entschlossenen Schritte wie bei „Bullitt" auf der Tonspur.
„Mittwoch 04:45" ist eine treffende und betroffen machende Sozialstudie, dazu ein echter und echt guter dunkler Thriller, mit einem wahnsinnigen finalen Shoot Out, wie es Tarantino früher hinbekommen hätte. Stilsicher und raffiniert inszeniert, etwa beim Mord an einem anderen Vater, der mit dem Schmelzen des Eis vom Sohn parallel geschnitten wird. Die dichte Szenenfolge, jede erneut eindrucksvoll, öffnet Augen, lässt erschreckt staunen. Zwischendurch ist der grandiose Sozial-Thriller stimmungsvoll und gleichzeitig in den Bildern ein dokumentarischer Essay, unterbrochen von griechischen Schlagern. Inszenierung, Schauspiel, Kamera mit dem schmutzig gelben Licht, alles stimmt und funktioniert. (Mit dabei übrigens Adam Bousdoukos, bekannt aus Fatih Akins „Soul Kitchen", „Gegen die Wand" oder „Kebab Connection".)
Ein Künstler unter Gangstern, das steht auch für den gesamten intensiven und packenden Film, der einerseits als kluger Autorenfilm und dabei gleichzeitig als packender Thriller begeistert.
Der Jazzclub-Besitzer Stelios sitzt im Wagen eines alten Bekannten. Es gibt Geplauder über die Familie, während man ahnt, dass eine schmerzhafte Erinnerung an seine Schulden folgen wird. Die hat der Idealist Stelios bei einem Rumänen, der nebenbei, nach einem Statement über Globalisierung und Kapitalismus, die Zeiten erwähnt, zu denen die Tochter des Schuldners Musikunterricht hat. Wir sind in Athen, im Winter 2010. Es herrscht Geldmangel, Stelios hat 40.000 in Schecks rumliegen, die er nicht einlösen kann. Auf der Straße würde man für 20 Euro erstochen und er hat fast 150.000 Schulden. Einen Tag bleibt ihm nun, um seinen Club zu retten.
Der Künstler Stelios ist in der Falle, aber auch Beobachter des sozialen Dramas auf den Straßen. Der ausgebrannte Mercedes, die brutale und mörderische Kinderbande im Tunnel wie einst bei „Clockwork Orange", im Fernsehen die Bürgerkriegs-artigen Unruhen Athens. Es herrscht eine aggressive Stimmung, jeder scheint am Rand der Belastbarkeit zu sein. Er sei zu weich für diese Welt, hört Stelios. Und die zynischen Kommentare seiner Frau, die sich vom unzuverlässigen Partner trennen will. Denn Stelios ist kein Held, kein unschuldiges Opfer: Sein Leben verläuft, wie man sich das für Jazzclub-Besitzer (außer bei Murakami) vorstellt: Jazz, Alkohol, Koks, Sex mit der Geliebten. Dann aber schallen seine entschlossenen Schritte wie bei „Bullitt" auf der Tonspur.
„Mittwoch 04:45" ist eine treffende und betroffen machende Sozialstudie, dazu ein echter und echt guter dunkler Thriller, mit einem wahnsinnigen finalen Shoot Out, wie es Tarantino früher hinbekommen hätte. Stilsicher und raffiniert inszeniert, etwa beim Mord an einem anderen Vater, der mit dem Schmelzen des Eis vom Sohn parallel geschnitten wird. Die dichte Szenenfolge, jede erneut eindrucksvoll, öffnet Augen, lässt erschreckt staunen. Zwischendurch ist der grandiose Sozial-Thriller stimmungsvoll und gleichzeitig in den Bildern ein dokumentarischer Essay, unterbrochen von griechischen Schlagern. Inszenierung, Schauspiel, Kamera mit dem schmutzig gelben Licht, alles stimmt und funktioniert. (Mit dabei übrigens Adam Bousdoukos, bekannt aus Fatih Akins „Soul Kitchen", „Gegen die Wand" oder „Kebab Connection".)
Ein Künstler unter Gangstern, das steht auch für den gesamten intensiven und packenden Film, der einerseits als kluger Autorenfilm und dabei gleichzeitig als packender Thriller begeistert.
1.2.16
Suffragette
Großbritannien 2015 Regie: Sarah Gavron mit Carey Mulligan, Helena Bonham Carter 107 Min. FSK: ab 12
„Gibt es denn heute noch Frauen-Proteste?" fragte eine junge Zuschauerin beim Sehen von „Suffragette". Grund dafür gibt es genug, auch wenn das Frauenwahlrecht, für das die Suffragetten vor hundert Jahren in Großbritannien kämpften, spät aber doch fast überall einführt wurde. Und Grund genug, noch einmal diesen wichtigen Kampf in einem bewegenden, exzellent besetzten Spielfilm nachzuvollziehen.
Maud Watts (Carey Mulligan) wurde nicht nur quasi in der Großwäscherei geboren: Ihre Mutter arbeitete schon dort unter furchtbaren Bedingungen, und für so etwas wie Schwangerschaft durften Frauen ihre Arbeit selbstverständlich nicht unterbrechen. Im Alter von sieben Jahren war Maud dann selbst Arbeiterin und bald danach wie andere Mädchen das sexuelle Opfer des Chefs.
Dies sind nur die Eckdaten eines erschütternden Berichts, den Maud im Jahr 1912 einigen Parlamentsabgeordneten in London vorträgt. Zufällig kam sie dazu, weil die eigentliche Sprecherin von ihrem Mann zusammengeschlagen wurde. Ein weiterer Grund, weshalb Frauen auch die Gesetze mitgestalten wollten, die über sie verfügen. Doch die Anhörung war nur eine Farce, einen Gesetzesantrag sollte es nicht geben. Dafür dann erneute Proteste der nicht mehr braven Frauen auf der Straße, eingeschlagene Schaufensterscheiben und kleine Anschläge, wie das Abfackeln von Briefkästen.
Die junge Ehefrau und Mutter Maud gerät eher zufällig in diese Protestbewegung der Suffragetten genannten Frauen. Eine Kollegin und eine Ärztin (Helena Bonham Carter) haben sich bereits im Kampf ausgezeichnet. Spezielle Aufmerksamkeit bekommt Maud jedoch durch den leitenden Polizisten Inspector Arthur Steed (Brendan Gleeson), der diese Bewegung brechen soll. So erlebt Maud bald die brutale Gewalt der - selbstverständlich männlichen - Polizisten am eigenen Leib, wird willkürlich verhaftet und im Gefängnis beim Hungerstreik gewaltsam und extrem schmerzhaft zwangsernährt. Heute nennt man dies Folter. Nach der Freilassung schmeißt Mauds Mann sie auf Druck der Wäscherei, bei der auch er arbeitet, aus der Wohnung. Ihren Sohn darf sie nicht mehr sehen...
Die Suffragetten sind Heldinnen eines enorm wichtigen Kampfes um Gleichberechtigung. Zwar dauerte es noch 16 Jahre bis das allgemeine und aktive Frauenwahlrecht tatsächlich eingeführt wurde. Und die Liste vom Zeitpunkt, zu dem das in anderen Ländern passierte, ist verblüffend im Ausmaß allgemeiner Rückständigkeit. Doch der als Schimpfwort gedachte Name hat mittlerweile einen guten Klang.
Sarah Gavrons Film würdigt dies mit einer fiktiven „Suffragette", zeigt man(n)igfaltiges Unrecht in einem konventionellen Polit-Film. Merksätze zum Frauenrecht reichen bis zur allgemeinen Staatsphilosophie: Wenn das Recht nicht gerecht ist, muss es geändert werden. Das ist vorhersehbar, nicht nur weil der Film historisch korrekt sein will. Es ist, vor allem weil die fast schon unterforderte Carey Mulligan („Am grünen Rand der Welt", „Der große Gatsby", „Inside Llewyn Davis") hervorragend spielt, gut anzusehen. Zu gut, wenn die Wäsche in zu strahlenden und sonnigen Straßen des Londoner Arbeiterviertels Westend hängt. So wie man das wirkliche Elend nur ahnen kann, so vermutet man eventuell weitergehende Gedanken. Klingt beim - tatsächlich so geschehenen - Opfertod einer Suffragette beim Pferde-Rennen vor der Medienöffentlichkeit um König Georg eine Diskussion um Extremismus an? Zielt die wiederholte Betonung vom Wert des aktiven Protests eine Kritik an den passiven Facebook-Demonstranten von heute an? Wohl kaum, aber der trotzdem überzeugende Film ist auch wegen seiner Thematik wichtig und sehenswert.
„Gibt es denn heute noch Frauen-Proteste?" fragte eine junge Zuschauerin beim Sehen von „Suffragette". Grund dafür gibt es genug, auch wenn das Frauenwahlrecht, für das die Suffragetten vor hundert Jahren in Großbritannien kämpften, spät aber doch fast überall einführt wurde. Und Grund genug, noch einmal diesen wichtigen Kampf in einem bewegenden, exzellent besetzten Spielfilm nachzuvollziehen.
Maud Watts (Carey Mulligan) wurde nicht nur quasi in der Großwäscherei geboren: Ihre Mutter arbeitete schon dort unter furchtbaren Bedingungen, und für so etwas wie Schwangerschaft durften Frauen ihre Arbeit selbstverständlich nicht unterbrechen. Im Alter von sieben Jahren war Maud dann selbst Arbeiterin und bald danach wie andere Mädchen das sexuelle Opfer des Chefs.
Dies sind nur die Eckdaten eines erschütternden Berichts, den Maud im Jahr 1912 einigen Parlamentsabgeordneten in London vorträgt. Zufällig kam sie dazu, weil die eigentliche Sprecherin von ihrem Mann zusammengeschlagen wurde. Ein weiterer Grund, weshalb Frauen auch die Gesetze mitgestalten wollten, die über sie verfügen. Doch die Anhörung war nur eine Farce, einen Gesetzesantrag sollte es nicht geben. Dafür dann erneute Proteste der nicht mehr braven Frauen auf der Straße, eingeschlagene Schaufensterscheiben und kleine Anschläge, wie das Abfackeln von Briefkästen.
Die junge Ehefrau und Mutter Maud gerät eher zufällig in diese Protestbewegung der Suffragetten genannten Frauen. Eine Kollegin und eine Ärztin (Helena Bonham Carter) haben sich bereits im Kampf ausgezeichnet. Spezielle Aufmerksamkeit bekommt Maud jedoch durch den leitenden Polizisten Inspector Arthur Steed (Brendan Gleeson), der diese Bewegung brechen soll. So erlebt Maud bald die brutale Gewalt der - selbstverständlich männlichen - Polizisten am eigenen Leib, wird willkürlich verhaftet und im Gefängnis beim Hungerstreik gewaltsam und extrem schmerzhaft zwangsernährt. Heute nennt man dies Folter. Nach der Freilassung schmeißt Mauds Mann sie auf Druck der Wäscherei, bei der auch er arbeitet, aus der Wohnung. Ihren Sohn darf sie nicht mehr sehen...
Die Suffragetten sind Heldinnen eines enorm wichtigen Kampfes um Gleichberechtigung. Zwar dauerte es noch 16 Jahre bis das allgemeine und aktive Frauenwahlrecht tatsächlich eingeführt wurde. Und die Liste vom Zeitpunkt, zu dem das in anderen Ländern passierte, ist verblüffend im Ausmaß allgemeiner Rückständigkeit. Doch der als Schimpfwort gedachte Name hat mittlerweile einen guten Klang.
Sarah Gavrons Film würdigt dies mit einer fiktiven „Suffragette", zeigt man(n)igfaltiges Unrecht in einem konventionellen Polit-Film. Merksätze zum Frauenrecht reichen bis zur allgemeinen Staatsphilosophie: Wenn das Recht nicht gerecht ist, muss es geändert werden. Das ist vorhersehbar, nicht nur weil der Film historisch korrekt sein will. Es ist, vor allem weil die fast schon unterforderte Carey Mulligan („Am grünen Rand der Welt", „Der große Gatsby", „Inside Llewyn Davis") hervorragend spielt, gut anzusehen. Zu gut, wenn die Wäsche in zu strahlenden und sonnigen Straßen des Londoner Arbeiterviertels Westend hängt. So wie man das wirkliche Elend nur ahnen kann, so vermutet man eventuell weitergehende Gedanken. Klingt beim - tatsächlich so geschehenen - Opfertod einer Suffragette beim Pferde-Rennen vor der Medienöffentlichkeit um König Georg eine Diskussion um Extremismus an? Zielt die wiederholte Betonung vom Wert des aktiven Protests eine Kritik an den passiven Facebook-Demonstranten von heute an? Wohl kaum, aber der trotzdem überzeugende Film ist auch wegen seiner Thematik wichtig und sehenswert.
31.1.16
Gänsehaut (2015)
USA, Australien 2015 (Goosebumps) Regie: Rob Letterman mit Jack Black, Dylan Minnette, Odeya Rush 103 Min.
Wieso hassen eigentlich alle diese Figuren ihren so überaus erfolgreichen Autor und Schöpfer? Jack Black spielt den real existierenden Bestseller R.L. Stine, bei dem dieser inflationär gebrauchte Begriff mal stimmt: Zwei Bücher jeden Monat summieren sich zu über Hundert Bänden, die rund 350 Millionen mal verkauft wurden! 1992 wurde Stine mit der Jugend-Gruselbuchreihe Gänsehaut richtig erfolgreich. Und nun wird dieser verschrobene Kerl von seinen eigenen Kreaturen gejagt...
Es ist der Teenager Zach (Dylan Minnette), der nach einem Umzug zuerst die supernette und witzige Nachbarin Hannah (Odeya Rush) kennen lernt und dann ihren sehr seltsamen Vater Stine fürchten soll. Die Jugendlichen kommen sich in einem zauberhaft verlassenen und zugewachsenen Kirmes-Park näher, bei dem freundlicherweise die Elektrizität noch funktioniert. Doch bevor sich was zwischen den beiden entwickeln kann, verschwindet Hannah und bei der heimlichen Suche in Stines Haus fällt eines der vielen verschlossenen Bücher aus dem Regal, worauf dem entriegelten Band ein riesiger Yeti entsteigt. Statt langsamer Steigerung öffnet sich hier direkt Büchse der Pandora mit Stines Büchern, die reihenweise ihre Kreaturen in die Wirklichkeit entlassen: Start frei für die Action!
Der Zauber der Bücher, ihre Kraft, Welten und Wesen zu schaffen, ist im Zirkelschluss auch immer selbst literarisches Thema, ganz populär beispielsweise in Michael Endes „Die unendliche Geschichte". Doch „Gänsehaut" stammt aus der Welt der effekt- und action-reichen Film-Fantasie, ist ein Nachbar von „Jumanji" und zitiert aus einem ganzen Kosmos von Populärkultur-Monstern.
Eine Armee animierter Gartenzwerge, eine riesige Gottesanbeterin, der Werwolf in der Fleischtheke des Supermarktes, der auf das Schoßhündchen-Spielzeug reinfällt. Auch der vampireske Pudel ist eine tolle Idee, zahme Zombies nicht so sehr. „Gänsehaut" fährt eine immer mal reizvolle Ansammlung an fantastischen Kreaturen auf, doch insgesamt wirken sie bei aller tricktechnischen Perfektion zu glatt und nicht wirklich bedrohlich. Da hilft auch die Musik von Gruselmeister Danny Elfman nicht und Jack Blacks Stimme für die wahnsinnig hassende Bauchredner-Puppe Slappy, sein Alter Ego, nur ein wenig.
Dass sich hier zwei Waisen verlieben - geschenkt. Dass der so übermäßig erfolgreiche Autor selbst noch ein einsames, verzogenes Kind ist, das sich fantastische Freunde ausdenkt und sie dann in Bücher wegschließt, wird mehr erwähnt als wirklich ausgespielt. Wobei Jack Black diese Figur hervorragend hinlegt, immer wieder aus der Action heraustritt und sich als spleeniger und eitler Autor aufführt. Die ganze Produktion konnte anständige Schauspieler verpflichten, zum Beispiel macht dadurch Zacks Tante als Ulk-Nudel viel Spaß. Doch auch dieser Spaß geriet unter die Räder der gigantischen Action- und Trick-Maschinerie, wie das Riesenrad-Zitat aus Spielbergs „1941 – Wo bitte geht's nach Hollywood" im Finale sinnbildlich zeigt. Schade, denn Ideen und Qualitäten hätte der Film für mehr gehabt.
Wieso hassen eigentlich alle diese Figuren ihren so überaus erfolgreichen Autor und Schöpfer? Jack Black spielt den real existierenden Bestseller R.L. Stine, bei dem dieser inflationär gebrauchte Begriff mal stimmt: Zwei Bücher jeden Monat summieren sich zu über Hundert Bänden, die rund 350 Millionen mal verkauft wurden! 1992 wurde Stine mit der Jugend-Gruselbuchreihe Gänsehaut richtig erfolgreich. Und nun wird dieser verschrobene Kerl von seinen eigenen Kreaturen gejagt...
Es ist der Teenager Zach (Dylan Minnette), der nach einem Umzug zuerst die supernette und witzige Nachbarin Hannah (Odeya Rush) kennen lernt und dann ihren sehr seltsamen Vater Stine fürchten soll. Die Jugendlichen kommen sich in einem zauberhaft verlassenen und zugewachsenen Kirmes-Park näher, bei dem freundlicherweise die Elektrizität noch funktioniert. Doch bevor sich was zwischen den beiden entwickeln kann, verschwindet Hannah und bei der heimlichen Suche in Stines Haus fällt eines der vielen verschlossenen Bücher aus dem Regal, worauf dem entriegelten Band ein riesiger Yeti entsteigt. Statt langsamer Steigerung öffnet sich hier direkt Büchse der Pandora mit Stines Büchern, die reihenweise ihre Kreaturen in die Wirklichkeit entlassen: Start frei für die Action!
Der Zauber der Bücher, ihre Kraft, Welten und Wesen zu schaffen, ist im Zirkelschluss auch immer selbst literarisches Thema, ganz populär beispielsweise in Michael Endes „Die unendliche Geschichte". Doch „Gänsehaut" stammt aus der Welt der effekt- und action-reichen Film-Fantasie, ist ein Nachbar von „Jumanji" und zitiert aus einem ganzen Kosmos von Populärkultur-Monstern.
Eine Armee animierter Gartenzwerge, eine riesige Gottesanbeterin, der Werwolf in der Fleischtheke des Supermarktes, der auf das Schoßhündchen-Spielzeug reinfällt. Auch der vampireske Pudel ist eine tolle Idee, zahme Zombies nicht so sehr. „Gänsehaut" fährt eine immer mal reizvolle Ansammlung an fantastischen Kreaturen auf, doch insgesamt wirken sie bei aller tricktechnischen Perfektion zu glatt und nicht wirklich bedrohlich. Da hilft auch die Musik von Gruselmeister Danny Elfman nicht und Jack Blacks Stimme für die wahnsinnig hassende Bauchredner-Puppe Slappy, sein Alter Ego, nur ein wenig.
Dass sich hier zwei Waisen verlieben - geschenkt. Dass der so übermäßig erfolgreiche Autor selbst noch ein einsames, verzogenes Kind ist, das sich fantastische Freunde ausdenkt und sie dann in Bücher wegschließt, wird mehr erwähnt als wirklich ausgespielt. Wobei Jack Black diese Figur hervorragend hinlegt, immer wieder aus der Action heraustritt und sich als spleeniger und eitler Autor aufführt. Die ganze Produktion konnte anständige Schauspieler verpflichten, zum Beispiel macht dadurch Zacks Tante als Ulk-Nudel viel Spaß. Doch auch dieser Spaß geriet unter die Räder der gigantischen Action- und Trick-Maschinerie, wie das Riesenrad-Zitat aus Spielbergs „1941 – Wo bitte geht's nach Hollywood" im Finale sinnbildlich zeigt. Schade, denn Ideen und Qualitäten hätte der Film für mehr gehabt.
Robinson Crusoe (2016)
Belgien, Frankreich 2016 Regie: Vincent Kesteloot 90 Min. FSK: ab 0
Wie sähe eigentlich das bekannte Stranden von Daniel Defoes „Robinson Crusoe" aus der Sicht der schon vorhandenen Inselbewohner aus? Damit sind jetzt mal nicht Freitag und sein Kannibalen-Stamm gemeint – wir sind hier im Kinderfilm - sondern die tierischen Ureinwohner. Der neueste Animationsfilm des flämischen Trick-Zauberer und -Innovators Ben Stassen reiht am Strand neben dem, nun ja: federführenden Papagei auch noch mit Tapir, Ziege, Gürteltier, Stachelschwein, Chamäleon und Kolibri eine witzige Truppe auf. Bis auf den Papagei blickt man dem Fremden Robinson und seinem Hund skeptisch entgegen. Doch nach viel witzigem Hin und Her hilft man sich erst und freundet sich dann an. Wenn da nicht garstige Quertreiber aus dem Bauch des gestrandeten Schiffes wären: Zwei Katzen wollen vor allem den Menschen loswerden...
Der belgisch-französische Zeichentrick „Robinson Crusoe" überrascht mit schillernden und detaillierten Zeichnungen ... von sehr einfach angelegten Figuren. Dass ein dickes, gutmütiges Tapier-Tier in der Synchronisation mehr schlecht als recht unbedingt von Ilka Bessin alias Cindy aus Marzahn gesprochen werden muss, und der trottelige Ziegen-Zottel von Hallervorden mit Honig im Kopf oder in der Stimme, verstärkt die Eindimensionalität, die selbst kindliches Zielpublikum unterfordert.
Bei einer kleinen Achterbahn-Fahrt durch die Klippen oder dem stürmischen Schiffs-Geschaukel erkennt man, dass Ben Stassen mit seiner Brüsseler Firma nWave einmal Marktführer auf dem Gebiet der Rides war, dem filmischen Durchrütteln in Freizeitparks. Fast fotorealistische Momente oder komische Gesichter wie aus Robert Zemeckis' Animationen „Eine Weihnachtsgeschichte" oder „Der Polarexpress" sehen tatsächlich aus wie von einem wesentlich reicheren Filmstudio fabriziert. Schon bei Stassens früheren Produktionen und Regiearbeiten („Das magische Haus", „Sammys Abenteuer", „Fly Me to the Moon") konnte man über die tricktechnische Qualität staunen. An Seele fehlte es auch diesen einfachen Geschichten. So kommt zwar das Gleichnis zu Angst oder Neugierde vor dem Unbekannten kindgerecht rüber, doch diese flachen Figuren wird man nicht ins Herz schließen.
Wie sähe eigentlich das bekannte Stranden von Daniel Defoes „Robinson Crusoe" aus der Sicht der schon vorhandenen Inselbewohner aus? Damit sind jetzt mal nicht Freitag und sein Kannibalen-Stamm gemeint – wir sind hier im Kinderfilm - sondern die tierischen Ureinwohner. Der neueste Animationsfilm des flämischen Trick-Zauberer und -Innovators Ben Stassen reiht am Strand neben dem, nun ja: federführenden Papagei auch noch mit Tapir, Ziege, Gürteltier, Stachelschwein, Chamäleon und Kolibri eine witzige Truppe auf. Bis auf den Papagei blickt man dem Fremden Robinson und seinem Hund skeptisch entgegen. Doch nach viel witzigem Hin und Her hilft man sich erst und freundet sich dann an. Wenn da nicht garstige Quertreiber aus dem Bauch des gestrandeten Schiffes wären: Zwei Katzen wollen vor allem den Menschen loswerden...
Der belgisch-französische Zeichentrick „Robinson Crusoe" überrascht mit schillernden und detaillierten Zeichnungen ... von sehr einfach angelegten Figuren. Dass ein dickes, gutmütiges Tapier-Tier in der Synchronisation mehr schlecht als recht unbedingt von Ilka Bessin alias Cindy aus Marzahn gesprochen werden muss, und der trottelige Ziegen-Zottel von Hallervorden mit Honig im Kopf oder in der Stimme, verstärkt die Eindimensionalität, die selbst kindliches Zielpublikum unterfordert.
Bei einer kleinen Achterbahn-Fahrt durch die Klippen oder dem stürmischen Schiffs-Geschaukel erkennt man, dass Ben Stassen mit seiner Brüsseler Firma nWave einmal Marktführer auf dem Gebiet der Rides war, dem filmischen Durchrütteln in Freizeitparks. Fast fotorealistische Momente oder komische Gesichter wie aus Robert Zemeckis' Animationen „Eine Weihnachtsgeschichte" oder „Der Polarexpress" sehen tatsächlich aus wie von einem wesentlich reicheren Filmstudio fabriziert. Schon bei Stassens früheren Produktionen und Regiearbeiten („Das magische Haus", „Sammys Abenteuer", „Fly Me to the Moon") konnte man über die tricktechnische Qualität staunen. An Seele fehlte es auch diesen einfachen Geschichten. So kommt zwar das Gleichnis zu Angst oder Neugierde vor dem Unbekannten kindgerecht rüber, doch diese flachen Figuren wird man nicht ins Herz schließen.
26.1.16
Ein Atem
BRD, Griechenland 2015 Regie: Christian Zübert mit Jördis Triebel, Chara Mata Giannatou, Benjamin Sadler, Apostolis Totsikas 100 Min. FSK: ab 12
„Wir sind in dem Alter, wo etwas passieren müsste, aber wir sitzen in deinem Kinderzimmer und tun nichts." Mit diesem Statement eines jungen Paares kann man auch die furchtbare Situation von Menschen in Griechenland zusammenfassen. Elena (Chara Mata Giannatou) bleibt nichts anderes, als in Deutschland als Kindermädchen zu arbeiten, denn „hier bekommen wir nur vier Euro die Stunde". Pointiert werden noch die Erziehungsmethoden der deutschen Karriere-Mutter Tessa (Jördis Triebel) vorgeführt, doch es ist schon schmerzhaft zynisch, wie sich die unausgeglichene Mutter das im bequemen Leben eigentlich unpassende Kind hinterhertragen lässt, während Elena voller Panik mit Blutungen eine Fehlgeburt befürchtet. Dazu unverschämte Bemerkungen und die Forderung, für wenig Geld Kindermädchen und Dienstbotin gleichzeitig zu sein. Dann führt eine Verkettung von Umständen und kleinen Dramen zu einer griechisch-deutschen Komödie. Das Kind verschwindet, Elena flieht panisch zurück nach Athen, die hysterische Tessa reist ihr hinterher...
Der sozio-ökonomische Rahmen ist kurz und treffend gezeichnet, das packende und erschütternde Drama dicht und genau erzählt. In der raffinierten Montage erleben wir durch einen neuen Erzählstrang die Handlung aus der Perspektive von Tessa. Dabei verliert sich jede klischeemäßige oder nationalistische Vorverurteilung. Beide Frauen sind vor allem Mütter, wobei die Griechin doch letztendlich die Verliererin sein wird. Und das bittere Fazit des deutschen Paares lautet: „Wir haben wirklich Glück."
Christian Zübert, der schon mit „Lammbock" sein Komödien-Vermögen bewies, führt hier äußert sicher Leben und Europa-Politik zusammen. Im Zentrum von „Ein Atem" stehen die Frauen, Männer an ihrer Seite versagen alle in den entscheidenden Momenten. Nur der Regisseur überzeugt auf ganzer Linie.
„Wir sind in dem Alter, wo etwas passieren müsste, aber wir sitzen in deinem Kinderzimmer und tun nichts." Mit diesem Statement eines jungen Paares kann man auch die furchtbare Situation von Menschen in Griechenland zusammenfassen. Elena (Chara Mata Giannatou) bleibt nichts anderes, als in Deutschland als Kindermädchen zu arbeiten, denn „hier bekommen wir nur vier Euro die Stunde". Pointiert werden noch die Erziehungsmethoden der deutschen Karriere-Mutter Tessa (Jördis Triebel) vorgeführt, doch es ist schon schmerzhaft zynisch, wie sich die unausgeglichene Mutter das im bequemen Leben eigentlich unpassende Kind hinterhertragen lässt, während Elena voller Panik mit Blutungen eine Fehlgeburt befürchtet. Dazu unverschämte Bemerkungen und die Forderung, für wenig Geld Kindermädchen und Dienstbotin gleichzeitig zu sein. Dann führt eine Verkettung von Umständen und kleinen Dramen zu einer griechisch-deutschen Komödie. Das Kind verschwindet, Elena flieht panisch zurück nach Athen, die hysterische Tessa reist ihr hinterher...
Der sozio-ökonomische Rahmen ist kurz und treffend gezeichnet, das packende und erschütternde Drama dicht und genau erzählt. In der raffinierten Montage erleben wir durch einen neuen Erzählstrang die Handlung aus der Perspektive von Tessa. Dabei verliert sich jede klischeemäßige oder nationalistische Vorverurteilung. Beide Frauen sind vor allem Mütter, wobei die Griechin doch letztendlich die Verliererin sein wird. Und das bittere Fazit des deutschen Paares lautet: „Wir haben wirklich Glück."
Christian Zübert, der schon mit „Lammbock" sein Komödien-Vermögen bewies, führt hier äußert sicher Leben und Europa-Politik zusammen. Im Zentrum von „Ein Atem" stehen die Frauen, Männer an ihrer Seite versagen alle in den entscheidenden Momenten. Nur der Regisseur überzeugt auf ganzer Linie.
25.1.16
Alvin und die Chipmunks: Road Chip
USA 2015 (Alvin and the Chipmunks: The Road Chip) Regie: Walt Becker mit Jason Lee 86 Min.
Die Trickfilm-Streifenhörnchen Alvin, Theodore und Simon sind berüchtigt für ihre piepsig hohen Stimmen, ganz billige Musik und das passende Getanze dazu. Unglaublicherweise ist dies bereits die vierte Kombination der animierten Nervensägen mit Realfilm-Handlung. Diesmal mutet ihnen Ziehvater Dave (Jason Lee in seiner härtesten Rolle) eine neue Lebenspartnerin zu, was den kleinen Quälgeistern einen bösartigen Stiefbruder einbringt. Die animalischen Ziehsöhne verhalten sich wie richtige und zicken mächtig herum. Beim Versuch, Dave nach Miami hinterher zu fliegen, fliegen sie aus dem Flieger. Ein Road Trip samt die Verfolgung durch einem wahnsinnigen Flight Marshall ist die filmisch furchtbare Konsequenz, die sich für die Familienzusammenführung schließlich doch als nützlich erweist. Ob jedoch dieser Overkill an Slapstick und grausam einfachen Albernheiten auch Familien zusammen ins Kino führen kann? Schon die Stimmen der Trickfilm-Viecher sind eine Qual für die Ohren. Die blödsinnige Handlung tut im Hirn weh und die Musikstücke triggern gleich mehrere Flucht-Reflexe. Doch wer die felligen Quietsche-Enten niedlich und die sehr einfachen Scherzchen witzig findet, könnte die fast 90 Minuten aushalten. Doch es soll ja auch Kinder mit Geschmack und Niveau geben.
Die Trickfilm-Streifenhörnchen Alvin, Theodore und Simon sind berüchtigt für ihre piepsig hohen Stimmen, ganz billige Musik und das passende Getanze dazu. Unglaublicherweise ist dies bereits die vierte Kombination der animierten Nervensägen mit Realfilm-Handlung. Diesmal mutet ihnen Ziehvater Dave (Jason Lee in seiner härtesten Rolle) eine neue Lebenspartnerin zu, was den kleinen Quälgeistern einen bösartigen Stiefbruder einbringt. Die animalischen Ziehsöhne verhalten sich wie richtige und zicken mächtig herum. Beim Versuch, Dave nach Miami hinterher zu fliegen, fliegen sie aus dem Flieger. Ein Road Trip samt die Verfolgung durch einem wahnsinnigen Flight Marshall ist die filmisch furchtbare Konsequenz, die sich für die Familienzusammenführung schließlich doch als nützlich erweist. Ob jedoch dieser Overkill an Slapstick und grausam einfachen Albernheiten auch Familien zusammen ins Kino führen kann? Schon die Stimmen der Trickfilm-Viecher sind eine Qual für die Ohren. Die blödsinnige Handlung tut im Hirn weh und die Musikstücke triggern gleich mehrere Flucht-Reflexe. Doch wer die felligen Quietsche-Enten niedlich und die sehr einfachen Scherzchen witzig findet, könnte die fast 90 Minuten aushalten. Doch es soll ja auch Kinder mit Geschmack und Niveau geben.
24.1.16
Dope
USA 2015 Regie: Rick Famuyiwa mit Shameik Moore, Tony Revolori, Kiersey Clemons 103 Min. FSK: ab 16
Da will mit Malcolm (Shameik Moore) mal jemand nicht der klischeehafte junge Schwarze aus dem Ghetto von Los Angeles County sein, will die Schule mit guten Noten durchziehen und dann in Harvard studieren. So ist Malcolm mit seinen Freunden, der lesbischen Diggy (Kiersey Clemons) und Jib (Tony Revolori), gehänselter Streber und Mitglied einer Punk-Band bis ihn ein blöder Umweg in den Besitz eines Rucksacks voller Koks bringt. Nun beginnen die Nerds, denen keiner was zutraut, bei denen der Metall-Detektor ruhig piepsen darf, einen sehr einträglichen Drogenhandel. Sie nutzen das Chemie-Labor und den Computerraum, um Bitcoin-Reichtümer aufzuhäufen.
„Dope" geht als Komödie los, läuft aber zwangsläufig gegen die Wand der sozialen Realitäten. Dabei rasen die drei Freunde auf ihren BMX-Rädern zeitweise wie die „Drei Fragezeichen" durch die Straßen von L.A. Nur ist die Drogenkriminalität, die hinter ihnen her ist, wesentlich gefährlichen und attraktiver als Setting. „Dope" sieht nicht nur gut und hochwertig produziert aus, es gibt witzig eingebaute Rückblenden, etwas verrückten Tarantino-Talk und schließlich ein starkes Statement gegen die extrem ungleichen Chancen für Jugendliche, abhängig von Hautfarbe und sozialem Hintergrund. Nicht nur die Rolle von Malcolm ist super gespielt, aber bei ihm geriet die Figur besonders dankbar, weil sie bei diesem Abenteuer wachsen darf.
Da will mit Malcolm (Shameik Moore) mal jemand nicht der klischeehafte junge Schwarze aus dem Ghetto von Los Angeles County sein, will die Schule mit guten Noten durchziehen und dann in Harvard studieren. So ist Malcolm mit seinen Freunden, der lesbischen Diggy (Kiersey Clemons) und Jib (Tony Revolori), gehänselter Streber und Mitglied einer Punk-Band bis ihn ein blöder Umweg in den Besitz eines Rucksacks voller Koks bringt. Nun beginnen die Nerds, denen keiner was zutraut, bei denen der Metall-Detektor ruhig piepsen darf, einen sehr einträglichen Drogenhandel. Sie nutzen das Chemie-Labor und den Computerraum, um Bitcoin-Reichtümer aufzuhäufen.
„Dope" geht als Komödie los, läuft aber zwangsläufig gegen die Wand der sozialen Realitäten. Dabei rasen die drei Freunde auf ihren BMX-Rädern zeitweise wie die „Drei Fragezeichen" durch die Straßen von L.A. Nur ist die Drogenkriminalität, die hinter ihnen her ist, wesentlich gefährlichen und attraktiver als Setting. „Dope" sieht nicht nur gut und hochwertig produziert aus, es gibt witzig eingebaute Rückblenden, etwas verrückten Tarantino-Talk und schließlich ein starkes Statement gegen die extrem ungleichen Chancen für Jugendliche, abhängig von Hautfarbe und sozialem Hintergrund. Nicht nur die Rolle von Malcolm ist super gespielt, aber bei ihm geriet die Figur besonders dankbar, weil sie bei diesem Abenteuer wachsen darf.
Im Schatten der Frauen
Frankreich, Schweiz 2015 (L'ombre des femmes) Regie: Philippe Garrel mit Clotilde Courau, Stanislas Merhar, Lena Paugam 73 Min. FSK: ab 12
Die Zeitmaschine Film funktioniert mal wieder vortrefflich: Schlichte Schwarz-Weiß-Bilder, eine sachliche Romanze, dazu der nüchterne Off-Kommentar wie bei Truffaut, die nur kurzen musikalischen Intermezzi – „Im Schatten der Frauen" könnte Nouvelle Vague sein, die französische Film-Welle der späten Sechziger. Doch nur der Regisseur Philippe Garrel und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière stammen daher, die Geschichte ist frisch von heute: Die Dokumentarfilmer Pierre (Stanislas Merhar) und Manon (Clotilde Courau) leben schon lange zusammen. Gerade porträtieren sie einen Widerstandkämpfer. Sie teilen das Engagement für die politischen Themen und sie teilen auch seine Erfolglosigkeit. Die recht lieblose Alltags-Beziehung führt Pierre zu einer Affäre mit der jüngeren Elizabeth (Lena Paugam) aus dem Filmlabor. Doch Elizabeth will mehr, folgt Manon und entdeckt, dass auch sie einen Liebhaber hat. Nun reagiert Pierre völlig dramatisch und schmeißt seine Freundin schließlich raus. Die Affäre seiner Frau kann er nicht ertragen.
Das nüchterne Beobachten des typischen Blödsinns, der so gern in Beziehungen geschieht, geht bei „Im Schatten der Frauen" wunderbar einher mit einem doch gefühlvollen Miterleben. Tolle Schauspieler vermitteln eine intime Nähe zu den Figuren. Stanislas Merhar gibt mit seinen leicht brutalen Gesichtszügen dem passiven Pierre eine reizvolle Dimension. Lena Paugam hat in ihren Bewegungen und im schüchternen Lächeln etwas von der jungen, noch linkischen Charlotte Gainsbourg.
Doch die Qualitäten dieses feinen, reizvollen und bemerkenswerten Films sind vor allem auf Regisseur Philippe Garrel und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière zurückzuführen: Garrel, der in Venedig 2005 für seinen „Unruhestifter" den „Silbernen Löwen" für die Beste Regie und auch noch den Kamerapreis (für William Lubtchansky) erhielt, drehte schon 1964 als 15-Jähriger Filme. In Deutschland wurde er erst in den Achtzigern einem kleinen Kreis bekannt. Auch Jean-Claude Carrières Arbeiten gehen zurück in die Sechziger Jahre, allerdings äußerst prominent mit Louis Malles „Viva Maria" und Buñuels „Belle de Jour". Zudem schrieb er unter vielen anderem die Bücher zu Schlöndorffs „Die Blechtrommel", Andrzej Wajdas „Danton" und Philip Kaufmans „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Da verwundert die Stimmigkeit der Beziehungs-Unstimmigkeit nicht mehr, da versteht man, weshalb man diesen Figuren so uneingeschränkt und gerne auf ihren kleinen, gemeinen Abwegen folgt.
Die Zeitmaschine Film funktioniert mal wieder vortrefflich: Schlichte Schwarz-Weiß-Bilder, eine sachliche Romanze, dazu der nüchterne Off-Kommentar wie bei Truffaut, die nur kurzen musikalischen Intermezzi – „Im Schatten der Frauen" könnte Nouvelle Vague sein, die französische Film-Welle der späten Sechziger. Doch nur der Regisseur Philippe Garrel und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière stammen daher, die Geschichte ist frisch von heute: Die Dokumentarfilmer Pierre (Stanislas Merhar) und Manon (Clotilde Courau) leben schon lange zusammen. Gerade porträtieren sie einen Widerstandkämpfer. Sie teilen das Engagement für die politischen Themen und sie teilen auch seine Erfolglosigkeit. Die recht lieblose Alltags-Beziehung führt Pierre zu einer Affäre mit der jüngeren Elizabeth (Lena Paugam) aus dem Filmlabor. Doch Elizabeth will mehr, folgt Manon und entdeckt, dass auch sie einen Liebhaber hat. Nun reagiert Pierre völlig dramatisch und schmeißt seine Freundin schließlich raus. Die Affäre seiner Frau kann er nicht ertragen.
Das nüchterne Beobachten des typischen Blödsinns, der so gern in Beziehungen geschieht, geht bei „Im Schatten der Frauen" wunderbar einher mit einem doch gefühlvollen Miterleben. Tolle Schauspieler vermitteln eine intime Nähe zu den Figuren. Stanislas Merhar gibt mit seinen leicht brutalen Gesichtszügen dem passiven Pierre eine reizvolle Dimension. Lena Paugam hat in ihren Bewegungen und im schüchternen Lächeln etwas von der jungen, noch linkischen Charlotte Gainsbourg.
Doch die Qualitäten dieses feinen, reizvollen und bemerkenswerten Films sind vor allem auf Regisseur Philippe Garrel und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière zurückzuführen: Garrel, der in Venedig 2005 für seinen „Unruhestifter" den „Silbernen Löwen" für die Beste Regie und auch noch den Kamerapreis (für William Lubtchansky) erhielt, drehte schon 1964 als 15-Jähriger Filme. In Deutschland wurde er erst in den Achtzigern einem kleinen Kreis bekannt. Auch Jean-Claude Carrières Arbeiten gehen zurück in die Sechziger Jahre, allerdings äußerst prominent mit Louis Malles „Viva Maria" und Buñuels „Belle de Jour". Zudem schrieb er unter vielen anderem die Bücher zu Schlöndorffs „Die Blechtrommel", Andrzej Wajdas „Danton" und Philip Kaufmans „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Da verwundert die Stimmigkeit der Beziehungs-Unstimmigkeit nicht mehr, da versteht man, weshalb man diesen Figuren so uneingeschränkt und gerne auf ihren kleinen, gemeinen Abwegen folgt.
Sebastian und die Feuerretter
Frankreich 2015 (Belle et Sebastien: L'aventure continue) Regie: Christian Duguay mit Félix Bossuet, Tchéky Karyo, Thierry Neuvic, Margaux Chatelier 97 Min. FSK: ab 6
In der Fortsetzung von „Belle & Sebastian" hebt der Kinderfilm als veritables Abenteuer mit Hund ab. Der 10-jährige Waisenjunge Sebastian treibt im Alpendorf Saint Martin sein Unwesen. In Erwartung seiner Tante Angelina, die am Kriegsende nach Hause kommen darf, stürzt der Junge erst einmal fast mit dem Schlitten in einen Abgrund. Nur Belle, die flauschige Lassie-Variante aus Frankreich, kann ihn retten. Dann stürzt die Tante wirklich mit dem Flugzeug ab, die Trümmer verursachen einen Waldbrand. Sebastian, der sich auf nervenaufreibende Weise immer selbständig macht, bricht auch nun alleine auf, um seine Tante zu retten. Ein paar Szenen weiter hat der action-geladene Kinderfilm direkt zwei Flugzeug-Abstürze zu verzeichnen, der eine Suchtrupp sucht den anderen, dazu gibt es die Entdeckung eines bisher unbekannten Vaters, während gleichzeitig die Tante verschollen ist. Dazu macht Hündin Belle im Kampf mit einer Bärin auf DiCaprio – auch Flohfänger wollen Oscars bekommen.
Action-Regisseur Christian Duguay („Hydrotoxin – die Bombe tickt") hat sich bei der Umsetzung der Vorlage von Cécile Aubrys Romanen vielleicht im Genre vergriffen, allerdings ist es markt-technisch auch sinnvoll, die Kleinen möglichst früh von Action-Kino, Popcorn, McDonalds und so weiter abhängig zu machen. Während Sebastian in der a la Indiana Jones aufregenden Handlung fleißig Rettungsflieger und Feuerwehrleute stört und ihn eine italienische Feuerwehrtochter betört, kann man die sehr aufwändige, sorgfältig Inszenierung mit den guten Schauspielern bewundern. Gut geht am Ende auch alles – vor allem an der Kinokasse.
In der Fortsetzung von „Belle & Sebastian" hebt der Kinderfilm als veritables Abenteuer mit Hund ab. Der 10-jährige Waisenjunge Sebastian treibt im Alpendorf Saint Martin sein Unwesen. In Erwartung seiner Tante Angelina, die am Kriegsende nach Hause kommen darf, stürzt der Junge erst einmal fast mit dem Schlitten in einen Abgrund. Nur Belle, die flauschige Lassie-Variante aus Frankreich, kann ihn retten. Dann stürzt die Tante wirklich mit dem Flugzeug ab, die Trümmer verursachen einen Waldbrand. Sebastian, der sich auf nervenaufreibende Weise immer selbständig macht, bricht auch nun alleine auf, um seine Tante zu retten. Ein paar Szenen weiter hat der action-geladene Kinderfilm direkt zwei Flugzeug-Abstürze zu verzeichnen, der eine Suchtrupp sucht den anderen, dazu gibt es die Entdeckung eines bisher unbekannten Vaters, während gleichzeitig die Tante verschollen ist. Dazu macht Hündin Belle im Kampf mit einer Bärin auf DiCaprio – auch Flohfänger wollen Oscars bekommen.
Action-Regisseur Christian Duguay („Hydrotoxin – die Bombe tickt") hat sich bei der Umsetzung der Vorlage von Cécile Aubrys Romanen vielleicht im Genre vergriffen, allerdings ist es markt-technisch auch sinnvoll, die Kleinen möglichst früh von Action-Kino, Popcorn, McDonalds und so weiter abhängig zu machen. Während Sebastian in der a la Indiana Jones aufregenden Handlung fleißig Rettungsflieger und Feuerwehrleute stört und ihn eine italienische Feuerwehrtochter betört, kann man die sehr aufwändige, sorgfältig Inszenierung mit den guten Schauspielern bewundern. Gut geht am Ende auch alles – vor allem an der Kinokasse.
The Hateful 8
USA 2015 (The Hateful Eight) Regie: Quentin Tarantino mit Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Michael Madsen 168 Min.
Quentin Tarantinos 8. Film ist wiederum beachtlich: Ein Western mit Musik von Ennio Morricone - was sonst bei diesem Fan des Spaghetti-Western und des Pulp? Eine leicht verschachtelte Geschichte - wie als Hommage an den eigenen ersten erfolgreichen Film "Pulp Fiction".
Aus den üblichen Weiten des Westens zwängt Tarantino seine sehr profilierten Protagonisten mit ihren skurrilen Vorgeschichten in eine eingeschneite Poststation-Situation, um dort ein brutales und blutiges Kammerspiel zu inszenieren. Wie immer in aberwitzigen und ausgedehnten Dialogen diskutieren die Kopfgeldjäger John „The Hangman" Ruth (Kurt Russell) und Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) über Vor- und Nachteile ihres Berufes. Ruth hat die Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) per Handschelle am Arm. Sie ist 10.000 Dollar wert, die drei tiefgefrorenen Leichen, auf denen Warren anfangs sitzt, zusammen 8.000. Doch in der kuscheligen Herberge warten weitere schillernde Gestalten, unter denen Ruth ein paar Komplizen seiner Beute vermutet. Michael Madsen („Reservoir Dogs", „Kill Bill") gibt den stillen Cowboy Joe Gage, Bruce Dern den Konföderierten-General Sandford Smithers und Tim Roth („Pulp Fiction") den Henker Oswaldo Mobray.
Hier blättert beim über fast drei Stunden unterhaltsamen Gemetzel erstmals der blutige Lack ab: Tim Roth, ein großartiger, sagenhafter Schauspieler, der immer wieder überraschen kann, fungiert hier in jedem Satz und jeder Geste nur als Ersatz für Christoph Waltz, der nach „Inglourious Basterds" und „Django Unchained" diesmal nicht mit Tarantino mitspielt. Eine irritierende Schande.
Recht selbstverliebt lässt sich Tarantino viel Zeit mit dem gegenseitigen Niedermetzeln seiner Figuren. Das ist meist ok, seine Darsteller laufen zu großer Form auf, die Bilder sind anständig. Samuel L. Jackson ficht wenige Jahre nach dem Bürgerkrieg noch einige Nachhut-Gefechte und persönliche Rache-Aktionen mit den Schwarzen-Hassern aus den Südstaaten aus. Tarantino schlägt sich wieder auf die Seite des schwarzen Helden, selbst wenn hier sehr oft Nigger gesagt wird.
Vor allem erzählt der überschätzte Regisseur in aller Breite von 70mm-Bild. Trashig wirkende Schärfenverlagerungen sind sicherlich wieder irgendwelche Referenzen an irgendwelche verkannte Meister der 70er-Jahre, doch bleiben sie trotzdem billig und nervig. Am Ende, wenn fast alle mäßig originell hingemetzelt wurden, wenn der Boden mehrlagig mit Blut besprüht ist, macht sie sich wieder bemerkbar, die große Leere hinter all den Kunststückchen und Mätzchen von Tarantino. Soll uns etwa das Schlussbild von „The Hateful 8" erzählen, dass die hässliche Fratze des Rassismus gegen die erfolgreiche Zusammenarbeit von Schwarz und Weiß verlieren muss? Ziemlich simpel wäre das, aber es ist ja auch ein Tarantino-Film!
Denn nach zwei Gewalt-Akten, „Django Unchained" und „Inglourious Basterds", die tatsächlich ein Thema hatten, muss man wieder feststellen, dass der Film-Nerd Quentin Tarantino zwar sehr viel zeigen kann, nämlich wie viel Tausende Filme er aus seinem Kopf heraus zitieren kann, aber zu sagen hat das große Spiel-Kind Hollywoods mit all seinen Möglichkeiten: Nichts. Was besonders erschreckend auffällt, wenn Tarantino in Interviews mehr als Scherze und Zitate abliefern soll. Dann kommt trotzig und unflätig das große Kind heraus. Vor allem, wenn man etwas Durchdachtes über die Gewalt in seinen Filmen hören will. Worauf er mittlerweile referieren kann, sind starke Frauen-Figuren und der Kampf um Gleichberechtigung für Afroamerikaner. Allerdings zeugen unpassende Begriffe wie "Holocaust der Native Americans" und "Holocaust der Afroamerikaner" von nicht besonders viel Diskurs-Erfahrung. „The Hateful 8", der sehr unterhaltsame 8. Film von Tarantino lässt vor allem hoffen, dass sein „8 1/2" mal etwas ganz anderes sein wird.
Quentin Tarantinos 8. Film ist wiederum beachtlich: Ein Western mit Musik von Ennio Morricone - was sonst bei diesem Fan des Spaghetti-Western und des Pulp? Eine leicht verschachtelte Geschichte - wie als Hommage an den eigenen ersten erfolgreichen Film "Pulp Fiction".
Aus den üblichen Weiten des Westens zwängt Tarantino seine sehr profilierten Protagonisten mit ihren skurrilen Vorgeschichten in eine eingeschneite Poststation-Situation, um dort ein brutales und blutiges Kammerspiel zu inszenieren. Wie immer in aberwitzigen und ausgedehnten Dialogen diskutieren die Kopfgeldjäger John „The Hangman" Ruth (Kurt Russell) und Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) über Vor- und Nachteile ihres Berufes. Ruth hat die Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) per Handschelle am Arm. Sie ist 10.000 Dollar wert, die drei tiefgefrorenen Leichen, auf denen Warren anfangs sitzt, zusammen 8.000. Doch in der kuscheligen Herberge warten weitere schillernde Gestalten, unter denen Ruth ein paar Komplizen seiner Beute vermutet. Michael Madsen („Reservoir Dogs", „Kill Bill") gibt den stillen Cowboy Joe Gage, Bruce Dern den Konföderierten-General Sandford Smithers und Tim Roth („Pulp Fiction") den Henker Oswaldo Mobray.
Hier blättert beim über fast drei Stunden unterhaltsamen Gemetzel erstmals der blutige Lack ab: Tim Roth, ein großartiger, sagenhafter Schauspieler, der immer wieder überraschen kann, fungiert hier in jedem Satz und jeder Geste nur als Ersatz für Christoph Waltz, der nach „Inglourious Basterds" und „Django Unchained" diesmal nicht mit Tarantino mitspielt. Eine irritierende Schande.
Recht selbstverliebt lässt sich Tarantino viel Zeit mit dem gegenseitigen Niedermetzeln seiner Figuren. Das ist meist ok, seine Darsteller laufen zu großer Form auf, die Bilder sind anständig. Samuel L. Jackson ficht wenige Jahre nach dem Bürgerkrieg noch einige Nachhut-Gefechte und persönliche Rache-Aktionen mit den Schwarzen-Hassern aus den Südstaaten aus. Tarantino schlägt sich wieder auf die Seite des schwarzen Helden, selbst wenn hier sehr oft Nigger gesagt wird.
Vor allem erzählt der überschätzte Regisseur in aller Breite von 70mm-Bild. Trashig wirkende Schärfenverlagerungen sind sicherlich wieder irgendwelche Referenzen an irgendwelche verkannte Meister der 70er-Jahre, doch bleiben sie trotzdem billig und nervig. Am Ende, wenn fast alle mäßig originell hingemetzelt wurden, wenn der Boden mehrlagig mit Blut besprüht ist, macht sie sich wieder bemerkbar, die große Leere hinter all den Kunststückchen und Mätzchen von Tarantino. Soll uns etwa das Schlussbild von „The Hateful 8" erzählen, dass die hässliche Fratze des Rassismus gegen die erfolgreiche Zusammenarbeit von Schwarz und Weiß verlieren muss? Ziemlich simpel wäre das, aber es ist ja auch ein Tarantino-Film!
Denn nach zwei Gewalt-Akten, „Django Unchained" und „Inglourious Basterds", die tatsächlich ein Thema hatten, muss man wieder feststellen, dass der Film-Nerd Quentin Tarantino zwar sehr viel zeigen kann, nämlich wie viel Tausende Filme er aus seinem Kopf heraus zitieren kann, aber zu sagen hat das große Spiel-Kind Hollywoods mit all seinen Möglichkeiten: Nichts. Was besonders erschreckend auffällt, wenn Tarantino in Interviews mehr als Scherze und Zitate abliefern soll. Dann kommt trotzig und unflätig das große Kind heraus. Vor allem, wenn man etwas Durchdachtes über die Gewalt in seinen Filmen hören will. Worauf er mittlerweile referieren kann, sind starke Frauen-Figuren und der Kampf um Gleichberechtigung für Afroamerikaner. Allerdings zeugen unpassende Begriffe wie "Holocaust der Native Americans" und "Holocaust der Afroamerikaner" von nicht besonders viel Diskurs-Erfahrung. „The Hateful 8", der sehr unterhaltsame 8. Film von Tarantino lässt vor allem hoffen, dass sein „8 1/2" mal etwas ganz anderes sein wird.
23.1.16
Komm und sieh das Paradies
USA 1990 (COME AND SEE THE PARADISE) Regie: Alan Parker mit Dennis Quaid, Tamlyn Tomita, Sab Shimono, Shizuko Hoshi 132 Min. FSK: ab 12
Das gespannte Verhältnis der USA zu ihren aus Japan stammenden Bewohnern hat nicht nur wirtschaftliche Gründe. Die Bombardierung Pearl Harbours am 7.12.1941 war ein tiefer Schock für die Nation und veranlasste sie, Menschen zu internieren, auch wenn sie nur von einem der Urgroßeltern 'japanisches Blut in den Adern' hatten. In solchen Grundzügen erinnert das erst 1988 eingestandene Unrecht an Pogrome und Holocaust.
Vor diesem Hintergrund, detailreich und aufwendig rekonstruiert, inszenierte Alan Parker (u.a. "Bugsy Malone" "Fame" "Birdy" "Angel Hart" "Mississippi Burning") "Komm und sieh das Paradies" als Liebesgeschichte. Die 'rein amerikanische' Identifikationsfigur Jack McGurn (Dennis Quaid) wirft für die Vorführer-Gewerkschaft Brandbomben in Kinos. Ein schöner Stoff für einen eigenen Film, auch weil die miserable Bezahlung des Kinopersonals noch immer einige (Schreibmaschinen-) Anschläge wert ist. Doch schnell wird das nächste Thema effektvoll inszeniert: Jack arbeitet in einem japanischen Filmtheater und verliebt sich in Lily, die Tochter seines Bosses. Ein Ehebund besiegelt Lilys Trennung von der Familie und ihren Traditionen. In einer fernen Stadt führt das Paar ein einfaches, glückliches Leben, bis das Unrecht der Arbeitgeber Jack wieder gewerkschaftlich aktiv werden lässt. Lily verlässt ihn zum Zeitpunkt der ersten Internierungen ...
Auch in seinem neunten Film greift Alan Parker wieder ein brisantes Thema auf. Sein Handwerk -gelernt hat er beim Werbefilm- macht aus "Komm und sieh" einen ansehnlichen und unterhaltsamen, oft sehr komischen und in einigen Szenen dramatischen Film. Doch geradezu programmatisch trägt der Film-Projektor, der die erste Liebesnacht mit seinem Surren begleitet, den Namen Simplex. Und simpel oder oberflächlich behandelt Parker seinen Stoff und seine Figuren. Was zerreißt Lily innerlich, als sie zwischen der Liebe zu Jack und den japanischen Traditionen steht? Welcher Konflikt besteht für den Arbeitsrecht-Kämpfer, dessen Frau einen friedlichen Familienvater fordert? Alles wird mit ein paar Tränen und lauten Worten abgehandelt und die Handlung eilt voran, wie auch Alan Parker zum nächsten Konfliktstoff eilt, um ihn unterhaltsam aufzubereiten.
Das gespannte Verhältnis der USA zu ihren aus Japan stammenden Bewohnern hat nicht nur wirtschaftliche Gründe. Die Bombardierung Pearl Harbours am 7.12.1941 war ein tiefer Schock für die Nation und veranlasste sie, Menschen zu internieren, auch wenn sie nur von einem der Urgroßeltern 'japanisches Blut in den Adern' hatten. In solchen Grundzügen erinnert das erst 1988 eingestandene Unrecht an Pogrome und Holocaust.
Vor diesem Hintergrund, detailreich und aufwendig rekonstruiert, inszenierte Alan Parker (u.a. "Bugsy Malone" "Fame" "Birdy" "Angel Hart" "Mississippi Burning") "Komm und sieh das Paradies" als Liebesgeschichte. Die 'rein amerikanische' Identifikationsfigur Jack McGurn (Dennis Quaid) wirft für die Vorführer-Gewerkschaft Brandbomben in Kinos. Ein schöner Stoff für einen eigenen Film, auch weil die miserable Bezahlung des Kinopersonals noch immer einige (Schreibmaschinen-) Anschläge wert ist. Doch schnell wird das nächste Thema effektvoll inszeniert: Jack arbeitet in einem japanischen Filmtheater und verliebt sich in Lily, die Tochter seines Bosses. Ein Ehebund besiegelt Lilys Trennung von der Familie und ihren Traditionen. In einer fernen Stadt führt das Paar ein einfaches, glückliches Leben, bis das Unrecht der Arbeitgeber Jack wieder gewerkschaftlich aktiv werden lässt. Lily verlässt ihn zum Zeitpunkt der ersten Internierungen ...
Auch in seinem neunten Film greift Alan Parker wieder ein brisantes Thema auf. Sein Handwerk -gelernt hat er beim Werbefilm- macht aus "Komm und sieh" einen ansehnlichen und unterhaltsamen, oft sehr komischen und in einigen Szenen dramatischen Film. Doch geradezu programmatisch trägt der Film-Projektor, der die erste Liebesnacht mit seinem Surren begleitet, den Namen Simplex. Und simpel oder oberflächlich behandelt Parker seinen Stoff und seine Figuren. Was zerreißt Lily innerlich, als sie zwischen der Liebe zu Jack und den japanischen Traditionen steht? Welcher Konflikt besteht für den Arbeitsrecht-Kämpfer, dessen Frau einen friedlichen Familienvater fordert? Alles wird mit ein paar Tränen und lauten Worten abgehandelt und die Handlung eilt voran, wie auch Alan Parker zum nächsten Konfliktstoff eilt, um ihn unterhaltsam aufzubereiten.
20.1.16
Hello, I am David - Eine Reise mit David Helfgott
BRD 2015 Regie: Cosima Lange 100 Min. FSK: ab 0
Diese wunderbare Dokumentation zeigt den aus dem Spielfilm „Shine" bekannten, australischen Konzertpianisten David Helfgott: Als mittlerweile 68-jähriger tourt er um die Welt und umarmt dabei fast jeden, dem er begegnet: Hello, I am David! Das dauernd brabbelnde, immer herumhüpfende musikalische Genie mit einer schizo-affektiven Störung hat nach Aufenthalten in mehreren psychiatrischen Kliniken durch die Liebe zu seiner Frau Gillian zur Musik zurückgefunden. Mehr als die außergewöhnliche und unwahrscheinliche Karriere steht das berührende Miteinander zweier besonderer Menschen im Zentrum des sehr sehenswerten Films.
Diese wunderbare Dokumentation zeigt den aus dem Spielfilm „Shine" bekannten, australischen Konzertpianisten David Helfgott: Als mittlerweile 68-jähriger tourt er um die Welt und umarmt dabei fast jeden, dem er begegnet: Hello, I am David! Das dauernd brabbelnde, immer herumhüpfende musikalische Genie mit einer schizo-affektiven Störung hat nach Aufenthalten in mehreren psychiatrischen Kliniken durch die Liebe zu seiner Frau Gillian zur Musik zurückgefunden. Mehr als die außergewöhnliche und unwahrscheinliche Karriere steht das berührende Miteinander zweier besonderer Menschen im Zentrum des sehr sehenswerten Films.
Sound of Crisis - Maiden Monsters
*****
Zitat:
„Es geht nicht mehr um eine Europäische Idee. Wir führen diese Länder vor, das finde ich verantwortungslos!" (Tanja Krone)
*******
Berlin/Aachen. Wie klingt die Krise? Nicht in den Presse-Verlautbarungen der Finanzwelt, die an der selbst verursachten Krise gut verdient, sondern bei den betroffenen Menschen. In einer Komposition aus Konzert, vertonten Interviews und Reisetagebuch stellen die Künstlerinnen von „Maiden Monsters" am Donnerstag im Mörgens den „Sound of Crisis" vor, den Klang und die Stimmen der Krise.
Die Berliner Künstlerinnen von „Maiden Monsters" reisten 2013 nach Spanien, Portugal und Frankreich, 2014 nach Griechenland. Regisseurin und Sängerin Tanja Krone, die am Theater Aachen zuletzt „Zwei arme, polnisch sprechende Rumänen" von Dorota Maslowska inszenierte, erzählt im Interview von der Motivation der dreiköpfigen Konzept-Band „Maiden Monsters": Vor zwei Jahren sei die Finanzkrise das große Thema gewesen, mit einem großen Gefälle zu den Ländern, die „es nicht im Griff hatten". „Wir haben uns gefragt, wie sieht die Krise aus, und da wir Musikerinnen sind: Wie hört die sich an?"
Mit bunten Kostümen, zusammengesetzt aus allen möglichen Trachten, die es in Europa gibt, zogen die drei Frauen los, lernten Menschen kennen, deren Lebensumstände und haben Musiker gebeten, „uns Musik zu schenken, die Sie auf unseren Beat improvisierten". Die Quintessenz dessen ist nun in einer erweiterten Fassung zu erleben: Gesichter und Gegenden auf der Leinwand, dazu Musik-Fluss von Flamenco bis Fado. Und leidenschaftlich vorgebrachte Geschichten, etwa von der Spanierin, die mit Flamenco-Gesang einen Banker anklagt - live in dessen Bank! Oder von den Menschen in Galizien, deren Lebensunterhalt in Form von Kühen einigen EU-Verordnungen zum Opfer fielen.
„Maiden Monster", bestehend aus Tanja Krone, Wanja Saatkamp und Doris Kleemeyer, spielen keine traditionellen Protest-Songs im Stile von Baez oder dem Folk von Willie Nelson. Ihr „Sound of Silence" ist gelebte und erlebte Politik. Das musikalische Projekt entstand 2007 als „Behauptung einer Band" mit bewusst hartem Rock nur von Frauen. Der eigene Klang habe sich in den letzten 2-3 Jahren verändert, erzählt Tanja Krone, die gerade die Zwickau-Premiere einer Herrndorf-Inszenierung auf die Bühne gebracht hat. „Maiden Monsters" sind bei Theaterfestivals, auf Konzertbühnen oder auch in einer Museums-Installation (Stockholm) aktiv. Zum musikalischen Oeuvre gehören ein inoffizieller Song zur Fußballweltmeisterschaft der Frauen 2011, aber auch Botschaften in kurzen „Wurfsendungen", deutscher Sprechgesang mit Polit-Poesie.
Infos:
maidenmonsters.wordpress.com/
Do, 21. Januar 2016, 20.00 Uhr
Mörgens
Zitat:
„Es geht nicht mehr um eine Europäische Idee. Wir führen diese Länder vor, das finde ich verantwortungslos!" (Tanja Krone)
*******
Berlin/Aachen. Wie klingt die Krise? Nicht in den Presse-Verlautbarungen der Finanzwelt, die an der selbst verursachten Krise gut verdient, sondern bei den betroffenen Menschen. In einer Komposition aus Konzert, vertonten Interviews und Reisetagebuch stellen die Künstlerinnen von „Maiden Monsters" am Donnerstag im Mörgens den „Sound of Crisis" vor, den Klang und die Stimmen der Krise.
Die Berliner Künstlerinnen von „Maiden Monsters" reisten 2013 nach Spanien, Portugal und Frankreich, 2014 nach Griechenland. Regisseurin und Sängerin Tanja Krone, die am Theater Aachen zuletzt „Zwei arme, polnisch sprechende Rumänen" von Dorota Maslowska inszenierte, erzählt im Interview von der Motivation der dreiköpfigen Konzept-Band „Maiden Monsters": Vor zwei Jahren sei die Finanzkrise das große Thema gewesen, mit einem großen Gefälle zu den Ländern, die „es nicht im Griff hatten". „Wir haben uns gefragt, wie sieht die Krise aus, und da wir Musikerinnen sind: Wie hört die sich an?"
Mit bunten Kostümen, zusammengesetzt aus allen möglichen Trachten, die es in Europa gibt, zogen die drei Frauen los, lernten Menschen kennen, deren Lebensumstände und haben Musiker gebeten, „uns Musik zu schenken, die Sie auf unseren Beat improvisierten". Die Quintessenz dessen ist nun in einer erweiterten Fassung zu erleben: Gesichter und Gegenden auf der Leinwand, dazu Musik-Fluss von Flamenco bis Fado. Und leidenschaftlich vorgebrachte Geschichten, etwa von der Spanierin, die mit Flamenco-Gesang einen Banker anklagt - live in dessen Bank! Oder von den Menschen in Galizien, deren Lebensunterhalt in Form von Kühen einigen EU-Verordnungen zum Opfer fielen.
„Maiden Monster", bestehend aus Tanja Krone, Wanja Saatkamp und Doris Kleemeyer, spielen keine traditionellen Protest-Songs im Stile von Baez oder dem Folk von Willie Nelson. Ihr „Sound of Silence" ist gelebte und erlebte Politik. Das musikalische Projekt entstand 2007 als „Behauptung einer Band" mit bewusst hartem Rock nur von Frauen. Der eigene Klang habe sich in den letzten 2-3 Jahren verändert, erzählt Tanja Krone, die gerade die Zwickau-Premiere einer Herrndorf-Inszenierung auf die Bühne gebracht hat. „Maiden Monsters" sind bei Theaterfestivals, auf Konzertbühnen oder auch in einer Museums-Installation (Stockholm) aktiv. Zum musikalischen Oeuvre gehören ein inoffizieller Song zur Fußballweltmeisterschaft der Frauen 2011, aber auch Botschaften in kurzen „Wurfsendungen", deutscher Sprechgesang mit Polit-Poesie.
Infos:
maidenmonsters.wordpress.com/
Do, 21. Januar 2016, 20.00 Uhr
Mörgens
19.1.16
Anomalisa
USA 2015 Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson 91 Min. FSK: ab 12
Anomalisa ist tatsächlich eine Anomalie im Festival- und Kino-Betrieb. Eine durchaus positive, was in Venedig 2015 einen Silbernen Löwen für die Regisseure Charlie Kaufman und Duke Johnson einbrachte. Ein Gefühlreigen mit selten gesehenen Schattierungen des Menschlichen, realisiert mit Stop-Motion-Figuren aus dem 3D-Drucker. Ein Trickfilm über die Situation im Leben eines Mannes, wenn alle Tricks versagen.
Was für eine Welt, in der alle Menschen gleich aussehen und einem, mit gleicher Stimme die gleichen nichtssagend freundlichen Belanglosigkeiten mitteilen! Wohl die gleiche, in der man in Hotels eincheckt, bei denen man jeden Gang und jedes Wandbild schon zu kennen glaubt. So versteht man die Niedergeschlagenheit des berühmten Motivationstrainers Michael Stone, der hier für einen Vortrag übernachtet. Ihn quälen aber auch Geisterbilder des Abschiedes einer alten Liebe, die noch immer hier in dieser Stadt lebt. Oder hat er sich auch gerade von seiner Frau verabschiedet? Das Treffen mit der alten Liebe gerät jedenfalls mit steigendem Alkoholspiegel zur Katastrophe. Die zufällige Begegnung mit zwei erwachsenen Groupies und Fans seiner Motivations-Bücher führt zu einer rührend zärtlichen, sanften und surrealen Liebesnacht mit der Callcenter-Mitarbeiterin Lisa, die er Anomalisa nennt. Auch diese Frau gleicht völlig der verflossenen Liebe und es bedürfte in dieser Welt wohl gar nicht eines skurrilen Albtraums, um Michael Stone ganz zusammenbrechen zu lassen.
Charlie Kaufman macht einzigartige und epochale Filme. Zu „Being John Malkovich" (1999), „Human Nature" (2001), „Adaption" (2002) und zu dem genialen „Vergiss mein nicht!" (2004) schrieb er die Bücher. Selbst der Clooney-Film „Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind" ist unverwechselbar kaufmanesk. Wie wahnsinnig die Gedankengebilde des Oscar-Siegers für „Vergiss mein nicht!" werden können, bewies zuletzt „Synecdoche, New York" (2008), ein noch unerkannter Kandidat für den besten Film aller Zeiten mit Philip Seymour Hoffman als Theaterregisseur, der ein Leben lang sein eigenes Leben inszeniert, auf einer gigantischen Bühne, die New York nachbaut. Nun - Ähnlichkeiten mit lebenden Kaufmans unvermeidlich - setzt Charlie Kaufman das Theaterstück „Anomalisa" von Charlie Kaufman als Puppenfilm um.
Nun baut er die Uniformität westlicher Moderne im Puppentrick nach. Es ist ein Wunder, dass reihenweise Kritiker gerade dieser doch eckigen und bei allen Feinheiten der Mimik oft plumpen Inszenierung herausragende menschliche Züge bescheinigen. Aber ja, diese sehr deprimierende Krise eines erfolgreichen Mannes berührt auf viele Weisen. Das Puppenspiel ist voller peinlicher Momente, die Verführung von Anomalisa sogar erotisch. Und dass ausgerechnet der Spezialist für hohles Service-Gelaber selbst höllisch unter der Leere unausweichlicher Gespräche leidet, ist treffliche Ironie.
Es gibt zwar tatsächlich das „Fregoli-Syndrom", auf das der Name des Hotels hinweist, und bei dem man alle Menschen in seiner Umgebung für ein und dieselbe Person hält. Doch zu lebensecht ist das Wiedererkennen nicht nur von sterilen, weltweit standardisierten Lebensräumen, sondern auch von einem menschlichen Umgang, der so perfekt freundlich daherkommt, dass man ihm gar nichts mehr glauben kann. Und das nicht nur in typischen Service-Umgebungen. Aber die absolut wundersame Volte dieses wunderlichen Films ist, dass gerade mit der Nachbildung von uniformer Gleichheit, mit gleichen Puppenköpfen, die von der gleichen Männerstimme (im Original: Tom Noonan) belebt werden, unterstützt von der Musik Carter Burwells, ein einzigartiges und unbedingt sehenswertes Kunstwerk entstanden ist.
Anomalisa ist tatsächlich eine Anomalie im Festival- und Kino-Betrieb. Eine durchaus positive, was in Venedig 2015 einen Silbernen Löwen für die Regisseure Charlie Kaufman und Duke Johnson einbrachte. Ein Gefühlreigen mit selten gesehenen Schattierungen des Menschlichen, realisiert mit Stop-Motion-Figuren aus dem 3D-Drucker. Ein Trickfilm über die Situation im Leben eines Mannes, wenn alle Tricks versagen.
Was für eine Welt, in der alle Menschen gleich aussehen und einem, mit gleicher Stimme die gleichen nichtssagend freundlichen Belanglosigkeiten mitteilen! Wohl die gleiche, in der man in Hotels eincheckt, bei denen man jeden Gang und jedes Wandbild schon zu kennen glaubt. So versteht man die Niedergeschlagenheit des berühmten Motivationstrainers Michael Stone, der hier für einen Vortrag übernachtet. Ihn quälen aber auch Geisterbilder des Abschiedes einer alten Liebe, die noch immer hier in dieser Stadt lebt. Oder hat er sich auch gerade von seiner Frau verabschiedet? Das Treffen mit der alten Liebe gerät jedenfalls mit steigendem Alkoholspiegel zur Katastrophe. Die zufällige Begegnung mit zwei erwachsenen Groupies und Fans seiner Motivations-Bücher führt zu einer rührend zärtlichen, sanften und surrealen Liebesnacht mit der Callcenter-Mitarbeiterin Lisa, die er Anomalisa nennt. Auch diese Frau gleicht völlig der verflossenen Liebe und es bedürfte in dieser Welt wohl gar nicht eines skurrilen Albtraums, um Michael Stone ganz zusammenbrechen zu lassen.
Charlie Kaufman macht einzigartige und epochale Filme. Zu „Being John Malkovich" (1999), „Human Nature" (2001), „Adaption" (2002) und zu dem genialen „Vergiss mein nicht!" (2004) schrieb er die Bücher. Selbst der Clooney-Film „Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind" ist unverwechselbar kaufmanesk. Wie wahnsinnig die Gedankengebilde des Oscar-Siegers für „Vergiss mein nicht!" werden können, bewies zuletzt „Synecdoche, New York" (2008), ein noch unerkannter Kandidat für den besten Film aller Zeiten mit Philip Seymour Hoffman als Theaterregisseur, der ein Leben lang sein eigenes Leben inszeniert, auf einer gigantischen Bühne, die New York nachbaut. Nun - Ähnlichkeiten mit lebenden Kaufmans unvermeidlich - setzt Charlie Kaufman das Theaterstück „Anomalisa" von Charlie Kaufman als Puppenfilm um.
Nun baut er die Uniformität westlicher Moderne im Puppentrick nach. Es ist ein Wunder, dass reihenweise Kritiker gerade dieser doch eckigen und bei allen Feinheiten der Mimik oft plumpen Inszenierung herausragende menschliche Züge bescheinigen. Aber ja, diese sehr deprimierende Krise eines erfolgreichen Mannes berührt auf viele Weisen. Das Puppenspiel ist voller peinlicher Momente, die Verführung von Anomalisa sogar erotisch. Und dass ausgerechnet der Spezialist für hohles Service-Gelaber selbst höllisch unter der Leere unausweichlicher Gespräche leidet, ist treffliche Ironie.
Es gibt zwar tatsächlich das „Fregoli-Syndrom", auf das der Name des Hotels hinweist, und bei dem man alle Menschen in seiner Umgebung für ein und dieselbe Person hält. Doch zu lebensecht ist das Wiedererkennen nicht nur von sterilen, weltweit standardisierten Lebensräumen, sondern auch von einem menschlichen Umgang, der so perfekt freundlich daherkommt, dass man ihm gar nichts mehr glauben kann. Und das nicht nur in typischen Service-Umgebungen. Aber die absolut wundersame Volte dieses wunderlichen Films ist, dass gerade mit der Nachbildung von uniformer Gleichheit, mit gleichen Puppenköpfen, die von der gleichen Männerstimme (im Original: Tom Noonan) belebt werden, unterstützt von der Musik Carter Burwells, ein einzigartiges und unbedingt sehenswertes Kunstwerk entstanden ist.
Brooklyn
Irland, Großbritannien, Kanada 2015 Regie: John Crowley mit Saoirse Ronan, Emory Cohen, Domhnall Gleeson, Jim Broadbent 112 Min. FSK: ab 0
Wo bei der Überfahrt der „Titanic" das Drama so schwer wurde, dass sich das völlig mit Emotionen überfrachtete Schiff schließlich zum Untergehen entschloss, gibt es in „Brooklyn" auf dem Auswandererschiff - neben dramatisch viel Seekrankheit - nur zweimal die fast sachlichen Ratschläge einer schon erfahrenen Neu-Amerikanerin an die junge Emigrantin aus Irland: Schmink dir was Farbe ins seekranke Gesicht und schau wie die Amerikaner - als wenn du weißt, was du willst.
Die feinen Gefühlregungen der jungen Eilis Lacey (Saoirse Ronan), einer irischen Einwanderin, die in den 1950er Jahren in der irischen Gemeinschaft Brooklyns landet, sind das Faszinierende an dieser Verfilmung von Colm Toibins gleichnamigen Roman, zu dem Nick Hornby („Fever Pitch", „High Fidelity") das Drehbuch geschrieben hat.
Heimweh bestimmt die ersten Monate von Eilis, die dank gut vernetzter irisch-katholischer Seilschaft direkt eine Unterkunft in einem Mädchen-Pensionat und einen Job in einem Kaufhaus bekommt. Dort müsste die stille Frau hinter der Theke dauerlächeln, was ihr nie gelingt. Erst als der nur positive Father Flood (Jim Broadbent) ihr einen Abendkursus für Buchhaltung besorgt, lebt Eilis auf. Und dann richtig, als sie bei einem der total kontrollierten irischen Tanzabende einen süßen kleinen Italiener trifft. Die Liebe von und auch etwas zu Antonio "Tony" Fiorello (Emory Cohen) ist pures Glück, selbst wenn der Besuch bei seiner Familie zum Spaghetti-Essen eine schwere Geschicklichkeits-Prüfung darstellt.
„Brooklyn" schmeichelt dem Zusehen nicht nur mit einer äußerst sympathischen Hauptfigur, er erfreut auch mit schönem Humor in einigen Situationen, obwohl man hier nicht den von Nick Hornby erwarten sollte. Selbstverständlich haben die Mitbewohnerinnen mit Eilis vorher das nicht nur für Iren schwierige Spaghetti-Kunststück geübt. Mögen die wilderen Damen auch noch so frech und aufgedonnert daherkommen, mag sich die Geschiedene in der Pension auch kühl geben, irgendwann trumpfen sie doch mit viel Herz auf.
Drama gibt es dann doch noch, als Eilis für ein Begräbnis zurück nach Irland muss. Sie ist nicht mehr die gleiche, sie sagt nur noch, was sie will und den meisten ihre Meinung. Dabei ist auch hier wieder alles von anderen geregelt: Es gibt einen Job für sie, der alleinstehende Jim hat ein Haus übrig…
Ausführlich und ohne übertriebene Dramatik kann das Gefühlsleben einer stillen, jungen Frau aus Irland begeistern. Das liegt neben der schönen Geschichte, der reizvollen historischen Kulisse und der sicheren Inszenierung vor allem an einer Darstellerin, die das alles über zwei Stunden tragen und vermitteln kann. Saoirse Ronan, die Agatha aus der Komödie „Grand Budapest Hotel" und die Hanna aus dem Action-Film „Wer ist Hanna?", war schon für einen Golden Globe nominiert. Das hat zwar nicht geklappt, aber sie könnte noch verdient Beste Hauptdarstellerin bei den Academy Awards werden.
Wo bei der Überfahrt der „Titanic" das Drama so schwer wurde, dass sich das völlig mit Emotionen überfrachtete Schiff schließlich zum Untergehen entschloss, gibt es in „Brooklyn" auf dem Auswandererschiff - neben dramatisch viel Seekrankheit - nur zweimal die fast sachlichen Ratschläge einer schon erfahrenen Neu-Amerikanerin an die junge Emigrantin aus Irland: Schmink dir was Farbe ins seekranke Gesicht und schau wie die Amerikaner - als wenn du weißt, was du willst.
Die feinen Gefühlregungen der jungen Eilis Lacey (Saoirse Ronan), einer irischen Einwanderin, die in den 1950er Jahren in der irischen Gemeinschaft Brooklyns landet, sind das Faszinierende an dieser Verfilmung von Colm Toibins gleichnamigen Roman, zu dem Nick Hornby („Fever Pitch", „High Fidelity") das Drehbuch geschrieben hat.
Heimweh bestimmt die ersten Monate von Eilis, die dank gut vernetzter irisch-katholischer Seilschaft direkt eine Unterkunft in einem Mädchen-Pensionat und einen Job in einem Kaufhaus bekommt. Dort müsste die stille Frau hinter der Theke dauerlächeln, was ihr nie gelingt. Erst als der nur positive Father Flood (Jim Broadbent) ihr einen Abendkursus für Buchhaltung besorgt, lebt Eilis auf. Und dann richtig, als sie bei einem der total kontrollierten irischen Tanzabende einen süßen kleinen Italiener trifft. Die Liebe von und auch etwas zu Antonio "Tony" Fiorello (Emory Cohen) ist pures Glück, selbst wenn der Besuch bei seiner Familie zum Spaghetti-Essen eine schwere Geschicklichkeits-Prüfung darstellt.
„Brooklyn" schmeichelt dem Zusehen nicht nur mit einer äußerst sympathischen Hauptfigur, er erfreut auch mit schönem Humor in einigen Situationen, obwohl man hier nicht den von Nick Hornby erwarten sollte. Selbstverständlich haben die Mitbewohnerinnen mit Eilis vorher das nicht nur für Iren schwierige Spaghetti-Kunststück geübt. Mögen die wilderen Damen auch noch so frech und aufgedonnert daherkommen, mag sich die Geschiedene in der Pension auch kühl geben, irgendwann trumpfen sie doch mit viel Herz auf.
Drama gibt es dann doch noch, als Eilis für ein Begräbnis zurück nach Irland muss. Sie ist nicht mehr die gleiche, sie sagt nur noch, was sie will und den meisten ihre Meinung. Dabei ist auch hier wieder alles von anderen geregelt: Es gibt einen Job für sie, der alleinstehende Jim hat ein Haus übrig…
Ausführlich und ohne übertriebene Dramatik kann das Gefühlsleben einer stillen, jungen Frau aus Irland begeistern. Das liegt neben der schönen Geschichte, der reizvollen historischen Kulisse und der sicheren Inszenierung vor allem an einer Darstellerin, die das alles über zwei Stunden tragen und vermitteln kann. Saoirse Ronan, die Agatha aus der Komödie „Grand Budapest Hotel" und die Hanna aus dem Action-Film „Wer ist Hanna?", war schon für einen Golden Globe nominiert. Das hat zwar nicht geklappt, aber sie könnte noch verdient Beste Hauptdarstellerin bei den Academy Awards werden.
Die Wahlkämpferin
USA 2015 (Our Brand is Crisis) Regie: David Gordon Green mit Sandra Bullock, Billy Bob Thornton, Joaquim de Almeida 108 Min. FSK: ab 12
Man nennt sie „Calamity Jane", denn ihre Patzer und Ausfälle sind wirklich sensationell! Die Polit-Beraterin Jane Bodine (Sandra Bullock) hat sich nach erschütternden Erfahrungen im Wahlkampf-Geschäft in die Wälder zurückgezogen, wo sie mit ihren Töpferarbeiten lebt. Nicht der abgeschlagene, unsympathische Kandidat im bolivianischen Wahlkampf bringt sie zurück, sondern die Tatsache, dass ihr Erzfeind Pat Candy (Billy Bob Thornton) auf der gegnerischen Seite mitmischt.
George Clooney hat „Die Wahlkämpferin" zusammen mit Sandra Bullock produziert und es ist von Anfang an eine seiner bitteren Lektionen über den Stand unserer demokratischen Institutionen. Die Wahlkampf-Teams aus den USA sind eine reisende Söldner-Truppe, die sich und die gegnerischen Tricks besser kennt, als das jeweilige, austauschbare Land.
Sandra Bullock wirft zuerst ihr komödiantisches Talent in die Schale - oder in die Schüssel, denn Bolivien ist der blödeste Ort für ihre Höhenkrankheit. Mit 28 Prozent Rückstand auf den linken Spitzenmann könnte ihr Kandidat, der korrupte Ex-Präsident Castillo (Joaquim de Almeida) Hilfe gebrauchen, doch Jane macht in grandiosen Fettnäpfchen- und Party-Szenen erst ihrem Spitznamen alle Ehre. Dann kommt die geniale Idee, den Wählern nicht Lösungen oder Zukunft anzubieten, sondern „die Krise". Ein Konzept, das auch in der Bananen-Republik Deutschland (BRD) bestens funktioniert.
Regisseur David Gordon Green („Prinz Avalanche", „Ananas Express") macht aus wahren Begebenheiten des bolivianischen Wahlkampfes 2002 vom skandalösen Präsidenten Gonzalo Sanchez de Lozada und aus dem Dokumentarfilm „Der gelenkte Präsident" (Our brand is Crisis") einen klug entblößenden, einen komischen und erschreckenden Polit-Film. Wie die überheblichen Gringos ohne Spanisch-Kenntnisse Nachhilfe in Sachen verdorbender Politik geben, ist herrlich satirisch. So ungesund wie die Nahrung aus Chips und Zigaretten sind die Konzepte von Machiavelli & Co., lieber gefürchtet als geliebt zu sein. Jane legt den eigenen, ungeliebten Kandidaten rein und zwingt ihn in eine schmutzige Kampagne. Denn sie will unbedingt gewinnen! Nicht für ihren korrupten Volksverräter, sondern für sich und gegen das ekelhafte, sexistische Schwein Pat Candy. Was dank einer genialen Finte mit Goethe und Goebbels tatsächlich funktioniert.
Dabei muss der größte Fan des hörigen Privatisier-Präsidenten vom Internationalen Währungsfonds (IWF), ein naiver Junge aus den Slums, groß enttäuscht werden. Doch die letzten zehn Minuten der „Wahlkämpferin" protestieren mit der ganzen finalen Power eines hoffnungsvollen und optimistischen Politfilms dagegen, sich mit dem aktuellen Zustand der Demokratie abzufinden. Man glaubt bei aller zynischen Klarsicht gerne, dass zumindest eine Person den Wandel schafft.
Man nennt sie „Calamity Jane", denn ihre Patzer und Ausfälle sind wirklich sensationell! Die Polit-Beraterin Jane Bodine (Sandra Bullock) hat sich nach erschütternden Erfahrungen im Wahlkampf-Geschäft in die Wälder zurückgezogen, wo sie mit ihren Töpferarbeiten lebt. Nicht der abgeschlagene, unsympathische Kandidat im bolivianischen Wahlkampf bringt sie zurück, sondern die Tatsache, dass ihr Erzfeind Pat Candy (Billy Bob Thornton) auf der gegnerischen Seite mitmischt.
George Clooney hat „Die Wahlkämpferin" zusammen mit Sandra Bullock produziert und es ist von Anfang an eine seiner bitteren Lektionen über den Stand unserer demokratischen Institutionen. Die Wahlkampf-Teams aus den USA sind eine reisende Söldner-Truppe, die sich und die gegnerischen Tricks besser kennt, als das jeweilige, austauschbare Land.
Sandra Bullock wirft zuerst ihr komödiantisches Talent in die Schale - oder in die Schüssel, denn Bolivien ist der blödeste Ort für ihre Höhenkrankheit. Mit 28 Prozent Rückstand auf den linken Spitzenmann könnte ihr Kandidat, der korrupte Ex-Präsident Castillo (Joaquim de Almeida) Hilfe gebrauchen, doch Jane macht in grandiosen Fettnäpfchen- und Party-Szenen erst ihrem Spitznamen alle Ehre. Dann kommt die geniale Idee, den Wählern nicht Lösungen oder Zukunft anzubieten, sondern „die Krise". Ein Konzept, das auch in der Bananen-Republik Deutschland (BRD) bestens funktioniert.
Regisseur David Gordon Green („Prinz Avalanche", „Ananas Express") macht aus wahren Begebenheiten des bolivianischen Wahlkampfes 2002 vom skandalösen Präsidenten Gonzalo Sanchez de Lozada und aus dem Dokumentarfilm „Der gelenkte Präsident" (Our brand is Crisis") einen klug entblößenden, einen komischen und erschreckenden Polit-Film. Wie die überheblichen Gringos ohne Spanisch-Kenntnisse Nachhilfe in Sachen verdorbender Politik geben, ist herrlich satirisch. So ungesund wie die Nahrung aus Chips und Zigaretten sind die Konzepte von Machiavelli & Co., lieber gefürchtet als geliebt zu sein. Jane legt den eigenen, ungeliebten Kandidaten rein und zwingt ihn in eine schmutzige Kampagne. Denn sie will unbedingt gewinnen! Nicht für ihren korrupten Volksverräter, sondern für sich und gegen das ekelhafte, sexistische Schwein Pat Candy. Was dank einer genialen Finte mit Goethe und Goebbels tatsächlich funktioniert.
Dabei muss der größte Fan des hörigen Privatisier-Präsidenten vom Internationalen Währungsfonds (IWF), ein naiver Junge aus den Slums, groß enttäuscht werden. Doch die letzten zehn Minuten der „Wahlkämpferin" protestieren mit der ganzen finalen Power eines hoffnungsvollen und optimistischen Politfilms dagegen, sich mit dem aktuellen Zustand der Demokratie abzufinden. Man glaubt bei aller zynischen Klarsicht gerne, dass zumindest eine Person den Wandel schafft.
Valley of Love
Frankreich, Belgien 2015 Regie: Guillaume Nicloux mit Isabelle Huppert, Gérard Depardieu 93 Min. FSK: ab 0
Die Heilige und der Ketzer des französischen Films machen aus dem berühmten Death Valley ein „Valley of Love", ein Tal der Liebe. Das geht bei den Erwartungen an Isabelle Huppert und Gérard Depardieu garantiert nicht ohne seelische Blessuren ab. Sie spielen ein schon lange getrenntes Paar, das durch den Selbstmord des gemeinsamen Sohnes und einer von diesem hinterlassenen Handlungsanweisung auf eine gemeinsame Reise gehen. Für den Fall, dass sie seiner Reiseroute folgen, kündigt er mysteriös als Belohnung seine Rückkehr an. So hocken Isabelle (Huppert) und Gérard (Depardieu) festgelegte Zeitspannen an touristischen Brennpunkten des berühmten Death Valley, warten auf nichts, schwitzen, reden oder auch nicht.
Der Autoren-Regisseur Guillaume Nicloux, Spezialist für Unkonventionelles, vertraut ganz auf das immense schauspielerische Können von Huppert und Depardieu, die eindrucksvolle Landschaft und die Öde der Motels. Depardieu gibt mit Hawaii-Hemden und sehr knappen Shorts ein sensibles Ungetüm, einen schwitzenden Koloss in der Wüste, der sich nicht an die Anweisungen dieser persönlichen Pilgerfahrt halten will. Huppert, zuletzt noch besonders eindrucksvoll im übersehenen „Louder than Bombs", anämisch und fragil seit ihrem ersten Auftritt als „Spitzenklöpplerin", bringt ihre typisch hysterischen Anfälle. Es gibt zärtliche Erinnerungen aber auch routiniertes voneinander genervt sein. Dann zunehmender Ausschlag an beiden Körpern und seltsame Erscheinungen.
Die kongenial schwebend eingesetzte Komposition „The Unanswered Question" von Charles Ives („Der schmale Grat") verrät schon das offene Ende eines Films, der keineswegs an ein Ziel kommen will.
Die Heilige und der Ketzer des französischen Films machen aus dem berühmten Death Valley ein „Valley of Love", ein Tal der Liebe. Das geht bei den Erwartungen an Isabelle Huppert und Gérard Depardieu garantiert nicht ohne seelische Blessuren ab. Sie spielen ein schon lange getrenntes Paar, das durch den Selbstmord des gemeinsamen Sohnes und einer von diesem hinterlassenen Handlungsanweisung auf eine gemeinsame Reise gehen. Für den Fall, dass sie seiner Reiseroute folgen, kündigt er mysteriös als Belohnung seine Rückkehr an. So hocken Isabelle (Huppert) und Gérard (Depardieu) festgelegte Zeitspannen an touristischen Brennpunkten des berühmten Death Valley, warten auf nichts, schwitzen, reden oder auch nicht.
Der Autoren-Regisseur Guillaume Nicloux, Spezialist für Unkonventionelles, vertraut ganz auf das immense schauspielerische Können von Huppert und Depardieu, die eindrucksvolle Landschaft und die Öde der Motels. Depardieu gibt mit Hawaii-Hemden und sehr knappen Shorts ein sensibles Ungetüm, einen schwitzenden Koloss in der Wüste, der sich nicht an die Anweisungen dieser persönlichen Pilgerfahrt halten will. Huppert, zuletzt noch besonders eindrucksvoll im übersehenen „Louder than Bombs", anämisch und fragil seit ihrem ersten Auftritt als „Spitzenklöpplerin", bringt ihre typisch hysterischen Anfälle. Es gibt zärtliche Erinnerungen aber auch routiniertes voneinander genervt sein. Dann zunehmender Ausschlag an beiden Körpern und seltsame Erscheinungen.
Die kongenial schwebend eingesetzte Komposition „The Unanswered Question" von Charles Ives („Der schmale Grat") verrät schon das offene Ende eines Films, der keineswegs an ein Ziel kommen will.
Point Break (2015)
USA, BRD, China 2015 Regie: Ericson Core mit Édgar Ramírez, Luke Bracey, Ray Winstone, Clemens Schick 113 Min.
Kathryn Bigelows „Point Break" („Gefährliche Brandung") von 1991 war eine Offenbarung im Action-Genre: Atemberaubende Surfer-Szenen und echte Substanz in der Handlung. Klar, Bigelow hatte vorher schon mit „Blue Steel" (1989) begeistert, zuletzt war sie hochspannend us-politisch mit „Zero Dark Thirty" (2012) und „Tödliches Kommando" (2008). Dieses Remake nutzt allerdings nur die Grundidee einer Bankräuber-Gang aus extremen Sportlern. Diesmal wurden aus den Surfern moderne Adrenalin-Junkies mit einer angeklebten esoterischen Aufgabe. Zur „Ozaki Eight" gehören Paragliding-Stürze in riesige Erdhöhlen, Surfen auf Todeswellen oder rasende Flüge durch Gebirgsschluchten.
Auch wenn der Geld-Regen, der aus dem gekaperten Regierungs-Flieger auf ein armes Dorf niedergeht, so eindrucksvoll wie die Höhe der Wellen ist, dieser Extreme Sports-Film ist eine adrenalin-verseuchte Enttäuschung. So bescheuert wie die Action im Grenzbereich von Leben und Tod verläuft auch die Filmhandlung, weil man die Verbrecher anscheinend nur in Steilwänden festnehmen kann. Das versucht der FBI-Agent Johnny Utah (Luke Bracey), indem er sich als ehemaliger Motorcrosser in des Gangster-Gurus Bodhi (Édgar Ramírez) Gruppe der Weltverbesserer im Party-Modus einschleicht. „Point Break" muss heutzutage mit aufwändigsten Werbefilmchen von Browserhersteller konkurrieren. Das gelingt ebenso wenig wie ein anständiger, mehr als oberflächlicher Action-Film.
Kathryn Bigelows „Point Break" („Gefährliche Brandung") von 1991 war eine Offenbarung im Action-Genre: Atemberaubende Surfer-Szenen und echte Substanz in der Handlung. Klar, Bigelow hatte vorher schon mit „Blue Steel" (1989) begeistert, zuletzt war sie hochspannend us-politisch mit „Zero Dark Thirty" (2012) und „Tödliches Kommando" (2008). Dieses Remake nutzt allerdings nur die Grundidee einer Bankräuber-Gang aus extremen Sportlern. Diesmal wurden aus den Surfern moderne Adrenalin-Junkies mit einer angeklebten esoterischen Aufgabe. Zur „Ozaki Eight" gehören Paragliding-Stürze in riesige Erdhöhlen, Surfen auf Todeswellen oder rasende Flüge durch Gebirgsschluchten.
Auch wenn der Geld-Regen, der aus dem gekaperten Regierungs-Flieger auf ein armes Dorf niedergeht, so eindrucksvoll wie die Höhe der Wellen ist, dieser Extreme Sports-Film ist eine adrenalin-verseuchte Enttäuschung. So bescheuert wie die Action im Grenzbereich von Leben und Tod verläuft auch die Filmhandlung, weil man die Verbrecher anscheinend nur in Steilwänden festnehmen kann. Das versucht der FBI-Agent Johnny Utah (Luke Bracey), indem er sich als ehemaliger Motorcrosser in des Gangster-Gurus Bodhi (Édgar Ramírez) Gruppe der Weltverbesserer im Party-Modus einschleicht. „Point Break" muss heutzutage mit aufwändigsten Werbefilmchen von Browserhersteller konkurrieren. Das gelingt ebenso wenig wie ein anständiger, mehr als oberflächlicher Action-Film.
18.1.16
Daddy's Home
USA 2015 Regie: Sean Anders mit Will Ferrell, Mark Wahlberg, Linda Cardellini, Thomas Haden Church 96 Min. FSK: ab 6
Brad Taggart (Will Ferrell) ist ein typisches „Weichei", das selbst bei seinem Smooth Jazz-Sender als einziger diese weichgespülte Musik mag. So tanzen Brad auch seine beiden Stief-Kinder auf dem Kopf herum. Beziehungsweise sie durchlöchern den Kopf auf ihren Kinderzeichnungen und beschmieren ihn mit Fäkalien. Nun trifft dieser naive Idiot auf den Erzeuger der Kinder, der sich nach Jahren zurück meldet, ein Macho-Klischee aus der Deo-Werbung. Dusty (Mark Wahlberg) ist dem steifen Anzug-Typ Brad stilistisch, körperlich, intellektuell und in seiner gewinnenden Art haushoch überlegen. Das probiert der verkopfte Ersatz-Vater mit reihenweise peinlichen Einlagen zu kompensieren. Mit dem schweren Motorrad von Dusty und grobem Slapstick geht es unkontrolliert durch das Haus und auf der ersten Etage wieder nach draußen. Auch zimmert Dusty nicht nur das kaum begonnene Baumhaus fertig und baut noch eine Skaterbahn samt Brausen-Sponsor. Auf welcher Brad wieder völlig überzogen in einen Herzstillstand springt. Neben der in immer extremere Gute Nacht-Geschichten verschobenen Konkurrenz wird die Zeugungsfähigkeit von Brad drastisch und zotig untersucht.
„Daddy's Home" ist meist ein schmieriger Kneipen-Witz auf Spielfilmlänge ausgewalzt und auf Teenager-Tauglichkeit chemisch gereinigt. Denn es geht ja dann wieder gefühlsklebrig um das Glück der Kinder, wenn man sich ausführlich die Hoden befühlt. Will Ferrell geht als schwer erträgliche, aufs Vater-Sein fixierte Witzfigur einen Leidensweg zahlloser Peinlichkeiten. Die sind so grob erzählt, dass man sich nach dem Holzhammer als chirurgischem Instrument sehnt.
Brad Taggart (Will Ferrell) ist ein typisches „Weichei", das selbst bei seinem Smooth Jazz-Sender als einziger diese weichgespülte Musik mag. So tanzen Brad auch seine beiden Stief-Kinder auf dem Kopf herum. Beziehungsweise sie durchlöchern den Kopf auf ihren Kinderzeichnungen und beschmieren ihn mit Fäkalien. Nun trifft dieser naive Idiot auf den Erzeuger der Kinder, der sich nach Jahren zurück meldet, ein Macho-Klischee aus der Deo-Werbung. Dusty (Mark Wahlberg) ist dem steifen Anzug-Typ Brad stilistisch, körperlich, intellektuell und in seiner gewinnenden Art haushoch überlegen. Das probiert der verkopfte Ersatz-Vater mit reihenweise peinlichen Einlagen zu kompensieren. Mit dem schweren Motorrad von Dusty und grobem Slapstick geht es unkontrolliert durch das Haus und auf der ersten Etage wieder nach draußen. Auch zimmert Dusty nicht nur das kaum begonnene Baumhaus fertig und baut noch eine Skaterbahn samt Brausen-Sponsor. Auf welcher Brad wieder völlig überzogen in einen Herzstillstand springt. Neben der in immer extremere Gute Nacht-Geschichten verschobenen Konkurrenz wird die Zeugungsfähigkeit von Brad drastisch und zotig untersucht.
„Daddy's Home" ist meist ein schmieriger Kneipen-Witz auf Spielfilmlänge ausgewalzt und auf Teenager-Tauglichkeit chemisch gereinigt. Denn es geht ja dann wieder gefühlsklebrig um das Glück der Kinder, wenn man sich ausführlich die Hoden befühlt. Will Ferrell geht als schwer erträgliche, aufs Vater-Sein fixierte Witzfigur einen Leidensweg zahlloser Peinlichkeiten. Die sind so grob erzählt, dass man sich nach dem Holzhammer als chirurgischem Instrument sehnt.
Bibi & Tina - Mädchen gegen Jungs
BRD 2015 Regie: Detlev Buck mit Lina Larissa Strahl, Lisa-Marie Koroll, Louis Held, Phil Laude, Kostja Ullmann 109 Min. FSK: ab 0
Im dritten Film um die kleine Hexe Bibi Blocksberg (Lina Larissa Strahl) ist diese nicht mehr so klein und zieht mit Freundin Tina (Lisa-Marie Koroll) sowie einem Haufen Teenager-Gefühlen im Rucksack in ein dekorativ grell-oranges Zeltlager. Bei mühsam mit Geocaching modernisierten Schnitzeljagden kämpfen sie gegen andere Teams aus Pfadfinder-, Girly- und Streber-Karikaturen. Tinas Freund Alex schließt sich dem falschen Team an und macht einen Macho-Schnellkurs.
Regisseur Detlev Buck („Wir können auch anders..." 1993), der vom schrägen Nordlicht zum Autoren-Filmer wurde und nun Kinderfilm-Spezialist ist, legt seine dritte „Bibi"-Verfilmung hin und die ist wenigstens an einigen Stellen so sonderlich wie Buck selbst in seinem Kurzauftritt als Pilzsammler. Vor allem die vielen Songs gerieten zu sehr überkandidelten, kunterbunten Musical-Nummern. Das kann Spaß machen, reißt als Rap-Battle von Mädchen gegen Jungs auch mit. Doch so wie dem Liedchen schnell der Text ausgeht, hangelt sich der Film einfallslos an der Schnitzeljagd-Konstruktion entlang. Denn Bibis Hexerei wurde weitgehend verboten. Als sie dann tatsächlich sinnvoll hexen und helfen könnte, versagen ihr die Hände.
„Bibi & Tini 3" befindet sich in einer seltsamen Hängepartie einer auf alt stilisierten Klamotte, die dann bemüht modern wirken will. Es wird erstaunlich umständlich erzählt, nicht mal die Lagerfeuer-Stimmung stimmt, auch dabei verrinnt die Zeit träge. Über Scherze wird nur im Film selbst gelacht, das halbe Lager sitzt als Zuschauer im Essens-Zelt fest, der blöde Dialekt eines französischen Austauschschülers ist hochgradig peinlich. Das der ausgerechnet François Pierre Truffaut heißt, wird Buck viel Spot einbringen. Dabei kann der eigentlich mehr.
Im dritten Film um die kleine Hexe Bibi Blocksberg (Lina Larissa Strahl) ist diese nicht mehr so klein und zieht mit Freundin Tina (Lisa-Marie Koroll) sowie einem Haufen Teenager-Gefühlen im Rucksack in ein dekorativ grell-oranges Zeltlager. Bei mühsam mit Geocaching modernisierten Schnitzeljagden kämpfen sie gegen andere Teams aus Pfadfinder-, Girly- und Streber-Karikaturen. Tinas Freund Alex schließt sich dem falschen Team an und macht einen Macho-Schnellkurs.
Regisseur Detlev Buck („Wir können auch anders..." 1993), der vom schrägen Nordlicht zum Autoren-Filmer wurde und nun Kinderfilm-Spezialist ist, legt seine dritte „Bibi"-Verfilmung hin und die ist wenigstens an einigen Stellen so sonderlich wie Buck selbst in seinem Kurzauftritt als Pilzsammler. Vor allem die vielen Songs gerieten zu sehr überkandidelten, kunterbunten Musical-Nummern. Das kann Spaß machen, reißt als Rap-Battle von Mädchen gegen Jungs auch mit. Doch so wie dem Liedchen schnell der Text ausgeht, hangelt sich der Film einfallslos an der Schnitzeljagd-Konstruktion entlang. Denn Bibis Hexerei wurde weitgehend verboten. Als sie dann tatsächlich sinnvoll hexen und helfen könnte, versagen ihr die Hände.
„Bibi & Tini 3" befindet sich in einer seltsamen Hängepartie einer auf alt stilisierten Klamotte, die dann bemüht modern wirken will. Es wird erstaunlich umständlich erzählt, nicht mal die Lagerfeuer-Stimmung stimmt, auch dabei verrinnt die Zeit träge. Über Scherze wird nur im Film selbst gelacht, das halbe Lager sitzt als Zuschauer im Essens-Zelt fest, der blöde Dialekt eines französischen Austauschschülers ist hochgradig peinlich. Das der ausgerechnet François Pierre Truffaut heißt, wird Buck viel Spot einbringen. Dabei kann der eigentlich mehr.
13.1.16
Janis: Little Girl Blue
USA 2015 Regie: Amy J. Berg 107 Min.
Janis Joplin (1943-1970) gehört auch zum „Club 27" der sehr früh gestorbenen Stars. Doch im Gegensatz zum Amy Winehouse-Film folgt diese Musikdokumentation unspektakulär der Lebensgeschichte der rau schreienden Sängerin von „Mercedes Benz". Dabei erzählen Zeitzeugen und Joplins Briefe von Verletzungen durch intolerante Menschen in Schul- und Studienzeit. Das an einer Überdosis gestorbene Hippie-Symbol stammte aus bürgerlicher Familie und wollte lange ein braves Mädchen sein. Viele Einblicke zeigen den Mensch hinter dem Idol und machen neugierig auf die anderen Lieder hinter den Hits.
Janis Joplin (1943-1970) gehört auch zum „Club 27" der sehr früh gestorbenen Stars. Doch im Gegensatz zum Amy Winehouse-Film folgt diese Musikdokumentation unspektakulär der Lebensgeschichte der rau schreienden Sängerin von „Mercedes Benz". Dabei erzählen Zeitzeugen und Joplins Briefe von Verletzungen durch intolerante Menschen in Schul- und Studienzeit. Das an einer Überdosis gestorbene Hippie-Symbol stammte aus bürgerlicher Familie und wollte lange ein braves Mädchen sein. Viele Einblicke zeigen den Mensch hinter dem Idol und machen neugierig auf die anderen Lieder hinter den Hits.
Cemetery of Splendour
Thailand, Großbritannien, Frankreich, BRD, Malaysia, Südkorea 2015 (Rak ti Khon Kaen) Regie: Apichatpong Weerasethakul mit Jenjira Pongpas Widner, Banlop Lomnoi, Jarinpattra Rueangram 122 Min. FSK: ab 0
Der thailändische Cannes-Sieger, Regisseur und Künstler Apichatpong Weerasethakul („Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben", 2010) bringt einen besonders traumhaften Film in Kino: In einer zum Krankenhaus umgebauten Schule liegen Soldaten, die an einer mysteriösen Schlafkrankheit leiden. Eine junge Frau, die Geister von Mordopfern oder Verschwundenen kontaktiert, ist ein Medium, über das die Verwandten Fragen stellen. Zur Farbe der neuen Küche beispielsweise. Jan, eine ältere Frau, pflegt freiwillig den schlafenden Itt und kommt ihm während kurzer Wachphasen näher. Und draußen gräbt ein Bagger die Wiese um.
Wie schon in früheren Filmen von Weerasethakul existieren Traum und Realität gleichrangig, Götter und Menschen leben miteinander. Da setzen sich ganz selbstverständlich zwei Geister-Prinzessinnen erst unerkannt mit an den Tisch. Ein Friedhof der Könige von vor 2000 Jahren befände sich unter der Schule, erzählen sie. Und die Könige bräuchten die Körper der Soldaten für ihre Kämpfe. Doch so viel die Bagger auch graben, hier kommt kein Horror zutage. Es herrscht ein friedliches Miteinander - beruhigend, wohltuend anregend und von ganz eigener Schönheit. Nur die Allgegenwart von wachenden und schlafenden Soldaten startet automatisch politische Gedanken zu Thailand, das gerade wieder von einer Militärregierung kontrolliert wird. „Cemetery of Splendour" ist wieder ein sehr ruhiger Film, der dadurch fesselt, dass man auf jedes Detail, jedes Hintergrund-Geräusch achtet.
Der thailändische Cannes-Sieger, Regisseur und Künstler Apichatpong Weerasethakul („Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben", 2010) bringt einen besonders traumhaften Film in Kino: In einer zum Krankenhaus umgebauten Schule liegen Soldaten, die an einer mysteriösen Schlafkrankheit leiden. Eine junge Frau, die Geister von Mordopfern oder Verschwundenen kontaktiert, ist ein Medium, über das die Verwandten Fragen stellen. Zur Farbe der neuen Küche beispielsweise. Jan, eine ältere Frau, pflegt freiwillig den schlafenden Itt und kommt ihm während kurzer Wachphasen näher. Und draußen gräbt ein Bagger die Wiese um.
Wie schon in früheren Filmen von Weerasethakul existieren Traum und Realität gleichrangig, Götter und Menschen leben miteinander. Da setzen sich ganz selbstverständlich zwei Geister-Prinzessinnen erst unerkannt mit an den Tisch. Ein Friedhof der Könige von vor 2000 Jahren befände sich unter der Schule, erzählen sie. Und die Könige bräuchten die Körper der Soldaten für ihre Kämpfe. Doch so viel die Bagger auch graben, hier kommt kein Horror zutage. Es herrscht ein friedliches Miteinander - beruhigend, wohltuend anregend und von ganz eigener Schönheit. Nur die Allgegenwart von wachenden und schlafenden Soldaten startet automatisch politische Gedanken zu Thailand, das gerade wieder von einer Militärregierung kontrolliert wird. „Cemetery of Splendour" ist wieder ein sehr ruhiger Film, der dadurch fesselt, dass man auf jedes Detail, jedes Hintergrund-Geräusch achtet.
12.1.16
Mademoiselle Hanna und die Kunst, Nein zu sagen
Frankreich 2015 (Je suis à vous tout de suite) Regie: Baya Kasmi mit Vimala Pons, Mehdi Djaadi , Agnès Jaoui, Ramzy Bedia 100 Min. FSK: ab 12
Die 30-jährige Pariserin Hanna Belkacem leidet unter Nettigkeits-Neurose, die sich von den Eltern geerbt hat. Diese wollten ihr und allen anderen jeden Wunsch erfüllen. So Hanna von der französischen Mutter und dem algerischen Vater ein Brüderchen, und der einen furchtbaren Namen von ihr. Als Personalchefin kann Hanna keine Mitarbeiter entlassen und tröstet diese mit Sex. Den gibt sie auch mal Zufalls-Bekanntschaften, wenn die nur unglücklich genug erscheinen. Nur mit der Niere für den kranken Bruder tut sie sich schwer, denn der hat sich vom gemobbten Schwächling zum brutalen Moslem und Drogendealer entwickelt. Und bezeichnet die freizügig bekleidete Schwester als Hure.
Dieser Hakim will in das bessere Algerien, ohne es überhaupt zu kennen. Und bei Hanna kommen Männer in unpassenden Momenten dauernd aus ihrem Schlafzimmer. Die Komödie „Mademoiselle Hanna" präsentiert ein flottes Durcheinander von unterschiedlichen Themen: Verschiedene Frauen-Rollen, eine Vergewaltigung als Mädchen, eine nicht so ganz eindeutige Migranten-Position in der französischen Gesellschaft. Im Jetzt und in Rückblenden gibt es viele aberwitzige, sehr komische Szenen, aber auch erschreckende Situationen. Vor allem beim Bruder, der sich mit einer gewalttätigen Gangster-Attitüde von der Wohltätigkeit seiner Familie abgrenzen will. Dabei ist Hannas Opferbereitschaft ebenso schrecklich, wenn sie auch komödiantisch verpackt wird. Und schrecklich raffiniert, wenn der Arzt, in den sie sich verliebt, in ihr eine sehr freigiebig Prostituierte sieht. Von solchen albernen Missverständnissen beim Kennenlernen der neuen Familie kippt der Film glaubhaft in die ganz ernste Traurigkeit der als Kind missbrauchten Hanna. Ein unwahrscheinlicher Mix, der hervorragend aufgeht, auch wenn die Auflösung für so einen mutig und lebendig vielschichtigen Film, etwas zu einfach daherkommt.
Die 30-jährige Pariserin Hanna Belkacem leidet unter Nettigkeits-Neurose, die sich von den Eltern geerbt hat. Diese wollten ihr und allen anderen jeden Wunsch erfüllen. So Hanna von der französischen Mutter und dem algerischen Vater ein Brüderchen, und der einen furchtbaren Namen von ihr. Als Personalchefin kann Hanna keine Mitarbeiter entlassen und tröstet diese mit Sex. Den gibt sie auch mal Zufalls-Bekanntschaften, wenn die nur unglücklich genug erscheinen. Nur mit der Niere für den kranken Bruder tut sie sich schwer, denn der hat sich vom gemobbten Schwächling zum brutalen Moslem und Drogendealer entwickelt. Und bezeichnet die freizügig bekleidete Schwester als Hure.
Dieser Hakim will in das bessere Algerien, ohne es überhaupt zu kennen. Und bei Hanna kommen Männer in unpassenden Momenten dauernd aus ihrem Schlafzimmer. Die Komödie „Mademoiselle Hanna" präsentiert ein flottes Durcheinander von unterschiedlichen Themen: Verschiedene Frauen-Rollen, eine Vergewaltigung als Mädchen, eine nicht so ganz eindeutige Migranten-Position in der französischen Gesellschaft. Im Jetzt und in Rückblenden gibt es viele aberwitzige, sehr komische Szenen, aber auch erschreckende Situationen. Vor allem beim Bruder, der sich mit einer gewalttätigen Gangster-Attitüde von der Wohltätigkeit seiner Familie abgrenzen will. Dabei ist Hannas Opferbereitschaft ebenso schrecklich, wenn sie auch komödiantisch verpackt wird. Und schrecklich raffiniert, wenn der Arzt, in den sie sich verliebt, in ihr eine sehr freigiebig Prostituierte sieht. Von solchen albernen Missverständnissen beim Kennenlernen der neuen Familie kippt der Film glaubhaft in die ganz ernste Traurigkeit der als Kind missbrauchten Hanna. Ein unwahrscheinlicher Mix, der hervorragend aufgeht, auch wenn die Auflösung für so einen mutig und lebendig vielschichtigen Film, etwas zu einfach daherkommt.
Suite Française
Großbritannien, Frankreich, Kanada, Belgien 2014 Regie: Saul Dibb mit Michelle Williams, Kristin Scott Thomas, Matthias Schoenaerts, Tom Schilling, Heino Ferch 108 Min. FSK: ab 12
Während der Besatzung Frankreichs wird 1940 der deutsche Offizier Bruno von Falk (Matthias Schoenaerts) bei der jungen Lucile Angellier (Michelle Williams) und ihrer hartherzigen Schwiegermutter Madame Angellier (Kristin Scott Thomas) einquartiert. Die allgemeine Abneigung gegen die Feinde, die sich meist wie Soldaten überall fürchterlich verhalten, kann Lucile nicht gegenüber Falk aufrechterhalten. Der freundliche und kultivierte Komponist und die einsame Frau verlieben sich. Doch wie Madame Angellier wacht das ganze Dorf über das Verhalten der jungen Frauen.
„Suite Française" unterscheidet sich von anderen Kriegsdramen durch eine nuancierte Darstellung der unterschiedlichen Verhaltensweisen französischer Frauen zu den deutschen Soldaten. Und durch einen kritischen Blick auf Kriegsgewinnler unter den Franzosen, auf die Ungerechtigkeiten der alten Stände-Ordnungen, die Denunziationen der braven Bürger bei den neuen Herrschern.
Es ist aber vor allem eine bewegende, hauptsächlich schön gefilmte Liebesgeschichte, die den Bedingungen des Krieges trotzt. Und ein Stoff, der nicht ohne das Schicksal der Autorin gesehen werden kann: Irène Némirowsky schrieb das unvollendete Werk heimlich während der Besatzung. 1942 wurde sie als Jüdin verhaftet und in Auschwitz umgebracht. Erst mehr als 50 Jahre nach ihrem Tod wurde „Suite Française" entdeckt und veröffentlicht.
Der großartige Flame Matthias Schoenaerts („Bullhead", „Der Geschmack von Rost und Knochen", „Die Gärtnerin von Versailles", „Loft") verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes die Zerrissenheit zwischen sensiblem Kulturmenschen und befehlstreuem Soldaten. Die außerordentliche Michelle Williams („Take this Waltz") ist nur mit Gefühlen zwischen Schmachten und Widerstandsgeist unterfordert.
Ansonsten reihen sich einige Stars wie Sam Riley und Lambert Wilson, sowie deutsche Schauspieler wie Alexandra Maria Lara, Tom Schilling exquisites Ekel und Heino Ferch. „Suite Française" wurde komplett in Englisch gedreht, wobei der hervorragend spielende Schoenaerts auf Deutsch einen heftigen Dialekt an den Tag legt.
Während der Besatzung Frankreichs wird 1940 der deutsche Offizier Bruno von Falk (Matthias Schoenaerts) bei der jungen Lucile Angellier (Michelle Williams) und ihrer hartherzigen Schwiegermutter Madame Angellier (Kristin Scott Thomas) einquartiert. Die allgemeine Abneigung gegen die Feinde, die sich meist wie Soldaten überall fürchterlich verhalten, kann Lucile nicht gegenüber Falk aufrechterhalten. Der freundliche und kultivierte Komponist und die einsame Frau verlieben sich. Doch wie Madame Angellier wacht das ganze Dorf über das Verhalten der jungen Frauen.
„Suite Française" unterscheidet sich von anderen Kriegsdramen durch eine nuancierte Darstellung der unterschiedlichen Verhaltensweisen französischer Frauen zu den deutschen Soldaten. Und durch einen kritischen Blick auf Kriegsgewinnler unter den Franzosen, auf die Ungerechtigkeiten der alten Stände-Ordnungen, die Denunziationen der braven Bürger bei den neuen Herrschern.
Es ist aber vor allem eine bewegende, hauptsächlich schön gefilmte Liebesgeschichte, die den Bedingungen des Krieges trotzt. Und ein Stoff, der nicht ohne das Schicksal der Autorin gesehen werden kann: Irène Némirowsky schrieb das unvollendete Werk heimlich während der Besatzung. 1942 wurde sie als Jüdin verhaftet und in Auschwitz umgebracht. Erst mehr als 50 Jahre nach ihrem Tod wurde „Suite Française" entdeckt und veröffentlicht.
Der großartige Flame Matthias Schoenaerts („Bullhead", „Der Geschmack von Rost und Knochen", „Die Gärtnerin von Versailles", „Loft") verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes die Zerrissenheit zwischen sensiblem Kulturmenschen und befehlstreuem Soldaten. Die außerordentliche Michelle Williams („Take this Waltz") ist nur mit Gefühlen zwischen Schmachten und Widerstandsgeist unterfordert.
Ansonsten reihen sich einige Stars wie Sam Riley und Lambert Wilson, sowie deutsche Schauspieler wie Alexandra Maria Lara, Tom Schilling exquisites Ekel und Heino Ferch. „Suite Française" wurde komplett in Englisch gedreht, wobei der hervorragend spielende Schoenaerts auf Deutsch einen heftigen Dialekt an den Tag legt.
11.1.16
Creed
USA 2015 Regie: Ryan Coogler mit Michael B. Jordan, Sylvester Stallone, Tessa Thompson, Phylicia Rashad 133 Min.
Dieser Schlag kommt völlig unerwartet aus einer anderen Richtung: Auch wenn man beim deutschen Titel etwas nachhelfen musste - ja, es geht um „Rocky" und Sylvester Stallone spielt mit. Doch Co-Autor und Regisseur Ryan Coogler hat mit „Rocky - Episode 7" einen erfolgreichen Neustart der alten Boxfilm-Legende hinbekommen. Dabei war Coogler „Nächster Halt: Fruitvale Station" ein großartiges, brandaktuelles Sozial-Drama über die rassistische Gewalt der Polizei gegen afroamerikanische Jugendliche. Mit Michael B. Jordan in der Hauptrolle, der jetzt neben Sylvester Stallone spielt.
40 Jahre nachdem Rocky Balboa als Newcomer im ersten „Rocky"-Film den Champion herausforderte, geht der Sohn seines größten Gegners, Apollo Creed, den gleichen Weg. Adonis Johnson Creed (Michael B. Jordan) ist ein wütender schwarzer Mann, der seinen Vater nie kannte. Der war mit einer anderen Frau verheiratet und starb vor Adonis' Geburt. Die Wut lässt sich auch durch Ausbildung und guten Job nicht besänftigen. Außerdem will auch der junge Creed boxen, so sehr, dass er sich in eine Projektion des Film-Fights von Rocky gegen Apollo stellt, um mitzukämpfen. Deshalb zieht er von Hollywood nach Philadelphia, um Rocky Balboa als Trainer zu reaktivieren. Scherze über den altmodischen Restaurant-Chef, der Creed anfangs nicht trainieren will, machen die Fortsetzung entspannt unterhaltsam. Eine glaubhafte Liebe vervollständigt die bekannten Elemente. Bill Contis Melodie zu „Gonna Fly Now" wird respektvoll variiert.
Nach „Southpaw" mit Jake Gyllenhaal ist „Creed" der zweite neuere Box-Film, der neue Wege geht. In einem Schlüsselmoment folgt die Kamera nicht dem jungen Boxer Creed in den Ring, sondern bleibt bei beim alten Trainer am Rand. Denn „Creed" wagt die Verbindung zweier Kämpfe: Gegen den Gegner im Ring und gegen den Krebs. Es geht noch einmal die berühmten Treppen hoch, doch der alte, kranke Mann schafft sie jetzt kaum mehr.
Dass Sylvester Stallone für diesen Part gerade mit einem, seinem ersten, Golden Globe als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde, ist teilweise der Begeisterung zuzuschreiben, diesen Rocky und Rambo endlich mal in einer Charakterrolle zu sehen. Und der nette, alte Onkel steht ihm besser als der Action-Held im Rentenalter. So sorgt Stallone für das Sentiment, aber auch für den Spaß mit altmodischem Training im Hühnerhof.
„Creed" ist nicht der typische Boxer-Film, auch nicht der übliche Sozial-Kampf eines Junges von ganz unten gegen sich selbst. Es geht viel um alte und neue Freundschaften, ein überraschendes Paar. Die Handlung verläuft angenehm undramatisch, aber es muss leider auch geboxt werden, was mit der neuerlich üblichen sichtbaren Anwesenheit der Filmkamera am Boxring recht unspektakulär geschieht.
Dieser Schlag kommt völlig unerwartet aus einer anderen Richtung: Auch wenn man beim deutschen Titel etwas nachhelfen musste - ja, es geht um „Rocky" und Sylvester Stallone spielt mit. Doch Co-Autor und Regisseur Ryan Coogler hat mit „Rocky - Episode 7" einen erfolgreichen Neustart der alten Boxfilm-Legende hinbekommen. Dabei war Coogler „Nächster Halt: Fruitvale Station" ein großartiges, brandaktuelles Sozial-Drama über die rassistische Gewalt der Polizei gegen afroamerikanische Jugendliche. Mit Michael B. Jordan in der Hauptrolle, der jetzt neben Sylvester Stallone spielt.
40 Jahre nachdem Rocky Balboa als Newcomer im ersten „Rocky"-Film den Champion herausforderte, geht der Sohn seines größten Gegners, Apollo Creed, den gleichen Weg. Adonis Johnson Creed (Michael B. Jordan) ist ein wütender schwarzer Mann, der seinen Vater nie kannte. Der war mit einer anderen Frau verheiratet und starb vor Adonis' Geburt. Die Wut lässt sich auch durch Ausbildung und guten Job nicht besänftigen. Außerdem will auch der junge Creed boxen, so sehr, dass er sich in eine Projektion des Film-Fights von Rocky gegen Apollo stellt, um mitzukämpfen. Deshalb zieht er von Hollywood nach Philadelphia, um Rocky Balboa als Trainer zu reaktivieren. Scherze über den altmodischen Restaurant-Chef, der Creed anfangs nicht trainieren will, machen die Fortsetzung entspannt unterhaltsam. Eine glaubhafte Liebe vervollständigt die bekannten Elemente. Bill Contis Melodie zu „Gonna Fly Now" wird respektvoll variiert.
Nach „Southpaw" mit Jake Gyllenhaal ist „Creed" der zweite neuere Box-Film, der neue Wege geht. In einem Schlüsselmoment folgt die Kamera nicht dem jungen Boxer Creed in den Ring, sondern bleibt bei beim alten Trainer am Rand. Denn „Creed" wagt die Verbindung zweier Kämpfe: Gegen den Gegner im Ring und gegen den Krebs. Es geht noch einmal die berühmten Treppen hoch, doch der alte, kranke Mann schafft sie jetzt kaum mehr.
Dass Sylvester Stallone für diesen Part gerade mit einem, seinem ersten, Golden Globe als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde, ist teilweise der Begeisterung zuzuschreiben, diesen Rocky und Rambo endlich mal in einer Charakterrolle zu sehen. Und der nette, alte Onkel steht ihm besser als der Action-Held im Rentenalter. So sorgt Stallone für das Sentiment, aber auch für den Spaß mit altmodischem Training im Hühnerhof.
„Creed" ist nicht der typische Boxer-Film, auch nicht der übliche Sozial-Kampf eines Junges von ganz unten gegen sich selbst. Es geht viel um alte und neue Freundschaften, ein überraschendes Paar. Die Handlung verläuft angenehm undramatisch, aber es muss leider auch geboxt werden, was mit der neuerlich üblichen sichtbaren Anwesenheit der Filmkamera am Boxring recht unspektakulär geschieht.
Abonnieren
Posts (Atom)