Sein neustes Drama brachte dem gefeierten, verfolgten und inhaftierten iranischen Regisseur Jafar Panahi 2025 nach Erfolgen in Berlin und in Venedig die Goldene Palme in Cannes. „Ein einfacher Unfall" ist sein bislang politischster Film: In reduziertem Stil und heimlich mit versteckter Kamera aufgenommen, erzählt er ein Drama unter religiöser Diktatur, das zwischen Thriller und Komödie wechselt, dabei oft dokumentarisch wirkt. Lange bleibt offen, warum Vahid einen Familienvater verfolgt, bis er diesen plötzlich entführt. Das quietschende Holzbein des im Van Gefesselten gehört wahrscheinlich Eghbal, einem Folterer des Systems. Um Zweifel auszuräumen, kontaktiert Vahid auf einer ebenso spannenden wie komischen Odyssee weitere Folteropfer. Im engen Transporter schwankt bald eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Selbstjustiz und moralischen Fragen. Raffiniert inszeniert verbindet Panahi politische Brisanz mit fesselnden Beobachtungen menschlichen Verhaltens. Ein klug geschriebener, kompromissloser Film, der das Publikum mit bohrenden Fragen zurücklässt.
„Ein einfacher Unfall" (Frankreich/Luxemburg 2025), Regie: Jafar Panahi, mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 104 Minuten, FSK: ab 16
3.1.26
26.12.25
Der Fremde (2025)
Es ist ein Wagnis, sich an Albert Camus' „Der Fremde" zu versuchen – einem Klassiker der modernen Literatur. François Ozon, einer der vielseitigsten Regisseure des europäischen Kinos verwandelt den Stoff in ein streng komponiertes, ästhetisch reduziertes Schwarzweißdrama. Bekannt für prominent besetzte psychologische Meisterwerke wie „Unter dem Sand" oder „Swimming Pool" und für historische Stoffe wie „Frantz", gibt Ozon dem Camus-Klassiker seine eigene Form. Sein „Fremder" ist nach Viscontis Film von 1967 keine treue Literaturverfilmung, sondern ein Werk, das die glühende Sonne Algiers mit kühler Distanz betrachtet.
„Der Fremde" beginnt mit dem Telegramm über den Tod der Mutter des Angestellten Meursault (Benjamin Voisin). Totenwache und Beerdigung sind in statische Schwarzweißbilder gefasst, die Archivmaterial aus der ehemaligen französischen Kolonie folgen. Während alle anderen im Altersheim trauern, bleibt Meursaults Gesicht eine unbewegte Maske. Seine Augen registrieren die Umgebung, doch jede Regung scheint ihm fremd. Selbst als ein alter Freund der Mutter auf dem Weg zur Kirche unter der Sonne zusammenbricht. Im Gottesdienst bleibt der junge Mann gedankenverloren sitzen, während sich die Gemeinde erhebt. Diese frühen Szenen legen den Grundton fest: ein Mann, der nicht fühlt oder nicht fühlen will.
Zurück in Algier beginnt Meursault im Strandbad eine Affäre mit Marie (Rebecca Marder), die überrascht ist, wie schnell er nach dem Tod seiner Mutter wieder ins Kino gehen möchte. Er lacht jedoch nicht über den Komödianten Fernandel, und als sie fragt, ob er sie liebt, antwortet er, dass es keine Rolle spiele. Heiraten? Belanglos. Ozon zeigt Meursault als Beobachter, dessen Passivität ihn zugleich faszinierend und verstörend macht. Oft ist das, was um ihn herum geschieht, interessanter als er selbst: Der Nachbar Raymond (Pierre Lottin) verprügelt seine arabische Geliebte, bekommt Probleme mit deren Bruder und zieht Meursault in seine Machenschaften hinein. Schließlich kommt es am Strand zu jenem schicksalhaften Moment, der den Roman berühmt gemacht hat: Meursault erschießt den Araber – ein Akt, der im Film ebenso rätselhaft bleibt wie bei Camus.
Der zweite Teil des Films verschiebt den Fokus. Vor Gericht wird weniger die Tat verhandelt als Meursaults Charakter philosophisch analysiert. Seine Gefühllosigkeit, seine Gleichgültigkeit, seine Unfähigkeit zu trauern. Die Schwester des Ermordeten sagt unter Tränen: „Nur der Franzose interessiert, das Opfer ist allen egal." Dieser Satz verleiht dem Film eine aktuelle politische Schärfe, die Camus' existenzialistische Vorlage nur andeutet. Nur an zwei zentralen Stellen nutzt Ozon Voice-over mit Camus' Originaltext, was die Distanz zwischen Vorlage und Film noch deutlicher macht. Bemerkenswert ist auch, dass Ozon Djemila (Hajar Bouzaouit) – der Schwester des Ermordeten – eine Stimme gibt. Im Roman bleibt sie namenlos, im Film wird sie zur moralischen Instanz. Ozon macht sichtbar, wie koloniale Machtverhältnisse das Urteil prägen – und wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, einen Menschen nicht für seine Tat, sondern für seine Haltung zu verurteilen.
Ästhetisch ist „Der Fremde" ein radikaler Schritt. Ozon entschied sich für Schwarzweiß, weil es „Reinheit, Abstraktion und Konzentration" ermögliche. Die Bilder sind reduziert, fast asketisch, mit wenigen Kamerabewegungen. Algerien erscheint wie ein verlorenes Paradies, zugleich real und entrückt. Diese visuelle Strenge erinnert an die Serie „Ripley" nach Patricia Highsmith: kühl, elegant, moralisch ambivalent. Zugleich verleiht Ozon dem historischen Kontext Tiefe. Sein eigener Großvater war Untersuchungsrichter in Algerien und überlebte ein Attentat, bevor die Familie auf das französische Festland zog – ein biografischer Schatten, der im Film mitschwingt. Ozon wollte Algier zeigen, wie es in den 1930er Jahren war: die Kasbah, den Hafen, die Schönheit und die Spannungen einer kolonialen Gesellschaft.
„Der Fremde" feierte seine Weltpremiere in Venedig, seltsamerweise nicht in Cannes. Es ist ein Film, der fordert, der sich erst mit Hintergrundwissen vollständig erschließt und der die Frage stellt, wie wir Menschen beurteilen: nach ihren Taten oder nach ihrer Weltsicht.
„Der Fremde"
(Frankreich 2025), Regie: François Ozon, mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, 123 Minuten, FSK: ab 12
21.12.25
Die jüngste Tochter
„Die jüngste Tochter" der Regisseurin Hafsia Herzi ist ein stilles, präzises Porträt einer jungen Frau. Der Film wurde in Cannes 2025 mit dem Preis für die beste weibliche Darstellung und der Queer Palm ausgezeichnet. Herzi, die selbst als 19-Jährige mit ihrer Rolle in „Couscous mit Fisch" das französische Kino aufrüttelte, beweist hier erneut ihr Gespür für intime Figurenstudien. Ihr dritter Langfilm entzieht sich jeder einfachen Inhaltsangabe. Er beobachtet statt zu erklären und gewinnt dadurch eine enorme emotionale Tiefe.
Im Zentrum der Verfilmung des autofiktionalen Debütromans von Fatima Daas steht Fatima, gespielt von der beeindruckenden Debütantin Nadia Melliti, die den Film mit einer stillen, unaufdringlichen Präsenz trägt. Fatima wächst als jüngste Tochter einer französisch-algerischen Familie in den Pariser Vororten auf. Ihre Clique besteht aus Jungs, die mit erfundenen sexuellen Abenteuern prahlen. In der Schule wird Romantik durchgenommen und Oscar Wilde homophob verspottet. Fatima weiß längst, dass sie an Jungen nicht interessiert ist. Als ein Mitschüler sie jedoch als Lesbe bezeichnet, bricht ein innerer Konflikt auf, den die Regisseurin ohne jede Dramatik, aber mit großer Sensibilität inszeniert.
Zu Hause findet Fatima ein stabiles, liebevolles Umfeld vor. Ihre Mutter ist eine ruhige, unterstützende Kraft, ihr Vater ist zwar patriarchalisch, aber kaum präsent. Einer der bewegendsten Momente des Films ist kein Streit, sondern ein warmes Gespräch zwischen Mutter und Tochter – ein bewusster Gegenentwurf zu den gängigen Coming-out-Dramen. Herzi vermeidet konsequent die Klischees des Banlieue-Films: Alle drei Töchter haben das Baccalauréat, den französischen Schulabschluss, geschafft und Fatima wird Philosophie studieren.
Das Nesthäkchen der Familie ist cool, bestimmend, spielt Fußball, raucht. Als sie sich in die asiatischstämmige medizinische Assistentin Ji-Na (Ji-Min Park) verliebt, die sie in einer Dating-App wiedererkennt, beginnt ein neues Kapitel. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht folgt ein Gebet – ein leiser Hinweis auf den Zwiespalt zwischen Religion und Begehren, der Fatima begleitet, ohne dass der Film ihn je plakativ ausstellt. Der Imam ihrer Gemeinde spricht offener über Homosexualität, als Fatima erwartet hätte, und doch bleibt das Thema vor allem ein innerer Kampf.
Fatima ist ernst, fast verschlossen; erst spät im Film lacht sie zum ersten Mal. Bei einem frühen Date erhält sie von einer älteren Frau pragmatische Tipps für Sex zwischen Frauen – eine Szene, die Herzi mit Humor, aber ohne Voyeurismus inszeniert. Melliti ist in jeder Szene präsent und trägt den Film mit einer Intensität, die an Herzis eigene frühe Karriere erinnert. Die damals 19-jährige Hafsia Herzi spielte 2007 in „Couscous mit Fisch" des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche, der 2008 den Karlspreis für Medien in Aachen erhielt, die Bauchtänzerin Rym. Sie rettet ihren Stiefvater, als das titelgebende Couscous bei einer großen Feier nicht serviert werden kann. Mit ihrer charismatischen Präsenz hielt sie die Gäste und das Publikum in Atem. Nach über 60 Filmrollen ist Hafsia Herzi mittlerweile auch eine erfolgreiche Regisseurin. Neben der persönlichen Geschichte zeichnet „Die jüngste Tochter" ein atmosphärisches Bild der modernen, multikulturellen Großstadt: ägyptische, deutsche und koreanische Geliebte, eine fröhliche Pride-Demonstration.
„Die jüngste Tochter" ist ein Liebesfilm, jedoch keiner der großen Gesten. Er steht neben anderen Queer-Filmen wie Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe", Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen" und Barry Jenkins „Moonlight", zärtlich, beobachtend, tief berührend. Herzi zeigt, wie Coming-out, Religion und Identität miteinander ringen können, ohne dass daraus zwangsläufig ein Kampf entsteht. Man erlebt Fatimas emotionale Achterbahn mit, weil der Film ihr Raum gibt, ohne sie zu erklären. Ein kleines, großes Werk – und ein weiterer Beweis dafür, dass Hafsia Herzi zu den wichtigsten Stimmen des europäischen Autorenkinos gehört.
„Die jüngste Tochter" (Frankreich/Deutschland 2000), Regie: Hafsia Herzi, mit Nadia Melliti, Ji-Min Park, Amina Ben Mohamed, 107 Minuten, FSK: ab 12
Im Zentrum der Verfilmung des autofiktionalen Debütromans von Fatima Daas steht Fatima, gespielt von der beeindruckenden Debütantin Nadia Melliti, die den Film mit einer stillen, unaufdringlichen Präsenz trägt. Fatima wächst als jüngste Tochter einer französisch-algerischen Familie in den Pariser Vororten auf. Ihre Clique besteht aus Jungs, die mit erfundenen sexuellen Abenteuern prahlen. In der Schule wird Romantik durchgenommen und Oscar Wilde homophob verspottet. Fatima weiß längst, dass sie an Jungen nicht interessiert ist. Als ein Mitschüler sie jedoch als Lesbe bezeichnet, bricht ein innerer Konflikt auf, den die Regisseurin ohne jede Dramatik, aber mit großer Sensibilität inszeniert.
Zu Hause findet Fatima ein stabiles, liebevolles Umfeld vor. Ihre Mutter ist eine ruhige, unterstützende Kraft, ihr Vater ist zwar patriarchalisch, aber kaum präsent. Einer der bewegendsten Momente des Films ist kein Streit, sondern ein warmes Gespräch zwischen Mutter und Tochter – ein bewusster Gegenentwurf zu den gängigen Coming-out-Dramen. Herzi vermeidet konsequent die Klischees des Banlieue-Films: Alle drei Töchter haben das Baccalauréat, den französischen Schulabschluss, geschafft und Fatima wird Philosophie studieren.
Das Nesthäkchen der Familie ist cool, bestimmend, spielt Fußball, raucht. Als sie sich in die asiatischstämmige medizinische Assistentin Ji-Na (Ji-Min Park) verliebt, die sie in einer Dating-App wiedererkennt, beginnt ein neues Kapitel. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht folgt ein Gebet – ein leiser Hinweis auf den Zwiespalt zwischen Religion und Begehren, der Fatima begleitet, ohne dass der Film ihn je plakativ ausstellt. Der Imam ihrer Gemeinde spricht offener über Homosexualität, als Fatima erwartet hätte, und doch bleibt das Thema vor allem ein innerer Kampf.
Fatima ist ernst, fast verschlossen; erst spät im Film lacht sie zum ersten Mal. Bei einem frühen Date erhält sie von einer älteren Frau pragmatische Tipps für Sex zwischen Frauen – eine Szene, die Herzi mit Humor, aber ohne Voyeurismus inszeniert. Melliti ist in jeder Szene präsent und trägt den Film mit einer Intensität, die an Herzis eigene frühe Karriere erinnert. Die damals 19-jährige Hafsia Herzi spielte 2007 in „Couscous mit Fisch" des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche, der 2008 den Karlspreis für Medien in Aachen erhielt, die Bauchtänzerin Rym. Sie rettet ihren Stiefvater, als das titelgebende Couscous bei einer großen Feier nicht serviert werden kann. Mit ihrer charismatischen Präsenz hielt sie die Gäste und das Publikum in Atem. Nach über 60 Filmrollen ist Hafsia Herzi mittlerweile auch eine erfolgreiche Regisseurin. Neben der persönlichen Geschichte zeichnet „Die jüngste Tochter" ein atmosphärisches Bild der modernen, multikulturellen Großstadt: ägyptische, deutsche und koreanische Geliebte, eine fröhliche Pride-Demonstration.
„Die jüngste Tochter" ist ein Liebesfilm, jedoch keiner der großen Gesten. Er steht neben anderen Queer-Filmen wie Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe", Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen" und Barry Jenkins „Moonlight", zärtlich, beobachtend, tief berührend. Herzi zeigt, wie Coming-out, Religion und Identität miteinander ringen können, ohne dass daraus zwangsläufig ein Kampf entsteht. Man erlebt Fatimas emotionale Achterbahn mit, weil der Film ihr Raum gibt, ohne sie zu erklären. Ein kleines, großes Werk – und ein weiterer Beweis dafür, dass Hafsia Herzi zu den wichtigsten Stimmen des europäischen Autorenkinos gehört.
„Die jüngste Tochter" (Frankreich/Deutschland 2000), Regie: Hafsia Herzi, mit Nadia Melliti, Ji-Min Park, Amina Ben Mohamed, 107 Minuten, FSK: ab 12
9.12.25
Yi Yi (2000)
Im Reigen vieler Wiederaufführungen ist 25 Jahre nach dem Start und dem Regiepreis in Cannes eine wunderbare Filmperle in remasterter Version zu entdecken: „Yi Yi" war der letzte Film und emotionaler Höhepunkt der kurzen Karriere des 2007 verstorbenen taiwanesischen Regisseurs Edward Yang.
Eine Hochzeit in Taipeh: Die Familie ist in Aufruhr, wilde Hochzeitsriten sorgen für Geselligkeit. Doch als NJ, der Bruder der Braut, zufällig seine erste Liebe trifft, beginnt sein inneres Chaos. Der stille Familienvater und Musikliebhaber beobachtet kritisch den Umbruch in seinem Computerunternehmen. Zuhause strapaziert der Schlaganfall der Schwiegermutter die Familie. NJs Frau sucht Zuflucht bei Mönchen, während Vater und Tochter, ohne voneinander zu wissen, gleichzeitig mit romantischen Abenteuern beschäftigt sind. Im Zentrum steht jedoch die Perspektive des klugen und aufmerksamen Sohnes von NJ, der sich wie sein Vater viele Gedanken über das Leben macht. Seltsame Momentaufnahmen mit einer Fotokamera verbinden sich mit naiv philosophischen Gedanken. Dabei leidet er in der repressiven Schule unter der totalitären Kontrolle eines dummen Lehrers.
Edward Yang, der bedeutende Chronist taiwanesischer Geschichte(n) („A Brighter Summer Day", „A Confucian Confusion"), gelang ein auf leise, stimmige Weise fesselndes Gesellschaftsporträt. Ein Meisterwerk, das hervorragend gealtert ist – die Themen wirken aktueller denn je: Die Stimmung in Taipeh ist angespannt. Auch die „Tiger-Staaten" haben nach einer Periode des Aufschwungs wirtschaftliche Probleme. Es ist eine Zeit der Unsicherheit – in jeder Hinsicht. Die Familie fällt auseinander, niemand kümmert sich um die Alten, jeder nur um sich selbst. Allein der junge Sohn träumt noch von seiner inzwischen verstorbenen Großmutter. Im humorvollen Zwiegespräch mit dem Vater werden noch einige hergebrachte Werte gewürdigt. Trotz der distanzierten Kamera mit starren Einstellungen bringt uns Yang diese Familie einfühlsam und fein näher – da möchte man auch nach drei Stunden noch keinen Abschied nehmen.
Yi Yi (Taiwan/Japan 2000), Regie: Edward Yang, mit Wu Nianzhen, Elaine Jin, Kelly Lee, 173 Minuten, FSK: ab 6
Eine Hochzeit in Taipeh: Die Familie ist in Aufruhr, wilde Hochzeitsriten sorgen für Geselligkeit. Doch als NJ, der Bruder der Braut, zufällig seine erste Liebe trifft, beginnt sein inneres Chaos. Der stille Familienvater und Musikliebhaber beobachtet kritisch den Umbruch in seinem Computerunternehmen. Zuhause strapaziert der Schlaganfall der Schwiegermutter die Familie. NJs Frau sucht Zuflucht bei Mönchen, während Vater und Tochter, ohne voneinander zu wissen, gleichzeitig mit romantischen Abenteuern beschäftigt sind. Im Zentrum steht jedoch die Perspektive des klugen und aufmerksamen Sohnes von NJ, der sich wie sein Vater viele Gedanken über das Leben macht. Seltsame Momentaufnahmen mit einer Fotokamera verbinden sich mit naiv philosophischen Gedanken. Dabei leidet er in der repressiven Schule unter der totalitären Kontrolle eines dummen Lehrers.
Edward Yang, der bedeutende Chronist taiwanesischer Geschichte(n) („A Brighter Summer Day", „A Confucian Confusion"), gelang ein auf leise, stimmige Weise fesselndes Gesellschaftsporträt. Ein Meisterwerk, das hervorragend gealtert ist – die Themen wirken aktueller denn je: Die Stimmung in Taipeh ist angespannt. Auch die „Tiger-Staaten" haben nach einer Periode des Aufschwungs wirtschaftliche Probleme. Es ist eine Zeit der Unsicherheit – in jeder Hinsicht. Die Familie fällt auseinander, niemand kümmert sich um die Alten, jeder nur um sich selbst. Allein der junge Sohn träumt noch von seiner inzwischen verstorbenen Großmutter. Im humorvollen Zwiegespräch mit dem Vater werden noch einige hergebrachte Werte gewürdigt. Trotz der distanzierten Kamera mit starren Einstellungen bringt uns Yang diese Familie einfühlsam und fein näher – da möchte man auch nach drei Stunden noch keinen Abschied nehmen.
Yi Yi (Taiwan/Japan 2000), Regie: Edward Yang, mit Wu Nianzhen, Elaine Jin, Kelly Lee, 173 Minuten, FSK: ab 6
5.12.25
Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos
Die Literaturagentin Eva aus Barcelona schmeißt aufgrund einer Flause der Menopause ihr gesamtes Familienleben der letzten 25 Jahre hin. Zwar verlief die Begegnung mit dem argentinischen Drehbuchautor Alex in Rom harmlos, doch die Erinnerung daran lässt sie zu Hause nicht los. Da selbst ein portugiesischer Koch als eingebildeter Liebhaber (eine Idee aus einem französischen Film) den unglaublich verständnisvollen Ehemann Victor nicht verjagt, muss sie gestehen: „Ich will mich wieder verlieben." Doch die neue Freiheit von Mann und Kindern entwickelt sich erschreckend unspektakulär und selbst die Frauenärztin hat kein Hormon-Mittel, damit das Herz wieder Funken schlägt.
Alex und Eva – die Tragikomödie „Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos" erzählt eine (Film-)Geschichte, die fast so alt ist wie Adam und Eva. Mit etwas Rom-Romantik (siehe William Wylers „Ein Herz und eine Krone" mit Audrey Hepburn und Gregory Peck) und viel vertrautem Barcelona-Hintergrund von Regisseur Cesc Gay („Sentimental", 2020). Äußerlich passiert bei „Mi amiga Eva" – so der bessere Originaltitel – allerdings nicht so viel. Es ist keine klassische Dreiecks- oder Ehebruchsgeschichte, sondern eine Komödie über die Lust am Spiel der Liebe mit dem realistischen Twist wenig berauschender Aussichten für eine Frau um die 50. Die eher peinliche bis erbärmliche Auswahl der Date-Partner amüsiert herrlich. Aufgeweckte Dialoge im lebendigen Freundeskreis lassen das bitter-süße Liebesdrama mit einem Hauch von Woody-Allen-Zynismus vorankommen. Die Leichtigkeit und Lebensnähe vieler französischer Arthouse-Geschichten wird von den intellektuellen Großstadtbewohnern nicht nur zitiert, sondern gelebt. Hauptdarstellerin Nora Navas, bekannt aus Almodóvars „Leid und Herrlichkeit", trägt die sympathische Geschichte hervorragend. Auch die anderen Figuren sind sorgfältig gezeichnet. Man folgt der anfangs enttäuschenden Entwicklung mit einem Schmunzeln und viel Mitgefühl und wird schließlich mit einem verhaltenen Happy End belohnt.
Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos (Spanien 2025), Regie: Cesc Gay, mit Nora Navas, Juan Diego Botto, Rodrigo de la Serna, 100 Minuten, FSK: ab 12
Alex und Eva – die Tragikomödie „Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos" erzählt eine (Film-)Geschichte, die fast so alt ist wie Adam und Eva. Mit etwas Rom-Romantik (siehe William Wylers „Ein Herz und eine Krone" mit Audrey Hepburn und Gregory Peck) und viel vertrautem Barcelona-Hintergrund von Regisseur Cesc Gay („Sentimental", 2020). Äußerlich passiert bei „Mi amiga Eva" – so der bessere Originaltitel – allerdings nicht so viel. Es ist keine klassische Dreiecks- oder Ehebruchsgeschichte, sondern eine Komödie über die Lust am Spiel der Liebe mit dem realistischen Twist wenig berauschender Aussichten für eine Frau um die 50. Die eher peinliche bis erbärmliche Auswahl der Date-Partner amüsiert herrlich. Aufgeweckte Dialoge im lebendigen Freundeskreis lassen das bitter-süße Liebesdrama mit einem Hauch von Woody-Allen-Zynismus vorankommen. Die Leichtigkeit und Lebensnähe vieler französischer Arthouse-Geschichten wird von den intellektuellen Großstadtbewohnern nicht nur zitiert, sondern gelebt. Hauptdarstellerin Nora Navas, bekannt aus Almodóvars „Leid und Herrlichkeit", trägt die sympathische Geschichte hervorragend. Auch die anderen Figuren sind sorgfältig gezeichnet. Man folgt der anfangs enttäuschenden Entwicklung mit einem Schmunzeln und viel Mitgefühl und wird schließlich mit einem verhaltenen Happy End belohnt.
Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos (Spanien 2025), Regie: Cesc Gay, mit Nora Navas, Juan Diego Botto, Rodrigo de la Serna, 100 Minuten, FSK: ab 12
17.11.25
Eddington
Wer hat Lust auf einen Streit über Corona-Masken, „Black Lives Matter", amerikanischen Waffenwahn, Verschwörungstheorien und den Niedergang der Demokratie? US-Regisseur Ari Aster, von dem nach „Beau Is Afraid" mit Joaquin Phoenix und den hochgelobten Horrorfilmen „Midsommar" sowie „Hereditary – Das Vermächtnis" viel erwartet wird, packt in seinen Corona-Western „Eddington" und das gleichnamige Dörfchen etwas zu viel Mikrokosmos für eine rundum gelungene Gesellschaftssatire. Alles beginnt mit dem Streit zwischen dem simplen Sheriff Joe Cross (vielschichtig: Joaquin Phoenix) und dem erfolgreichen Bürgermeister Ted Garcia (eher am Rande: Pedro Pascal), weil Letzterer mal etwas mit Joes labiler Frau Louise (Emma Stone) hatte. So entscheidet sich der Gesetzeshüter, ohne viel nachzudenken, dazu, selbst als Bürgermeister zu kandidieren und fortan mit einem albern vollplakatierten Dienstwagen herumzufahren. Um die beiden dämlichen Männer versammeln sich im Frühjahr 2020 haufenweise hysterische Besserwisser. Unter den 2 345 Einwohnern gibt es Corona-Leugner und Black-Lives-Matter-Protestierende infolge des Todes von George Floyd in Minneapolis. Der junge schwarze Hilfssheriff denkt derweil nur an sein Beziehungsproblem. Es gibt Streit um die Ansiedlung eines Rechenzentrums mit dem märchenhaften Namen „Solidgoldmagikarp" (was mit viel Gold und fliegendem Teppich). Der QAnon-Guru Vernon Jefferson Peak (Austin Butler) spannt Joe die ebenfalls spinnerte Frau aus, und irgendwann fallen erste Schüsse – ein Männlein sieht rot.
Diese fast surreale Anhäufung von Krisenthemen und eskalierenden Situationen in „Eddington" betreibt selbst den beliebten „Whataboutism" der Querdenker: Wenn man meint, das zentrale Thema fixiert zu haben, ist längst ein anderes dran. Bis hin zum Splatter-Finale mit schwerem Geschütz in Western-Straßen und einem heftig zynischen „Happy End" für Joe und die Dorfgemeinschaft. Diese Anhäufung von Verwirrungen, künstlichen und sonstigen Aufregungen ist ebenso irre wie der totale Stimmungswechsel in „Midsommar". Quasi ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Abwege – aber will man im Kino noch mehr davon sehen? „Eddington" sorgte schon bei seiner Premiere in Cannes für heftige Diskussionen und wird das auch weiterhin tun.
Eddington
(USA 2025), Regie: Ari Aster, mit Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone, 148 Minuten, FSK: ab 16
Diese fast surreale Anhäufung von Krisenthemen und eskalierenden Situationen in „Eddington" betreibt selbst den beliebten „Whataboutism" der Querdenker: Wenn man meint, das zentrale Thema fixiert zu haben, ist längst ein anderes dran. Bis hin zum Splatter-Finale mit schwerem Geschütz in Western-Straßen und einem heftig zynischen „Happy End" für Joe und die Dorfgemeinschaft. Diese Anhäufung von Verwirrungen, künstlichen und sonstigen Aufregungen ist ebenso irre wie der totale Stimmungswechsel in „Midsommar". Quasi ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Abwege – aber will man im Kino noch mehr davon sehen? „Eddington" sorgte schon bei seiner Premiere in Cannes für heftige Diskussionen und wird das auch weiterhin tun.
Eddington
(USA 2025), Regie: Ari Aster, mit Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone, 148 Minuten, FSK: ab 16
8.11.25
Die my love
„My Love" erzählt die Geschichte von Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson), die gerade in ein geerbtes altes Landhaus gezogen sind. Mit dem Ziel, ein Buch zu schreiben, richtet sich Grace in ihrer abgeschiedenen Umgebung als junge Mutter ein. Dabei verliert sie jedoch zunehmend die Kontrolle über sich selbst. Zunächst liegt sie lasziv im Gras und masturbiert mit einer Hand in der Hose und der anderen am bedrohlichen Messer. Dann folgt ein idyllischer Spaziergang durch die Natur zur Melodie aus Disneys „Bambi"-Film, bei dem sie ein Pferd entdeckt, das noch Blut vom Autounfall des letzten Tages auf dem Fell hat. Die Tapete wird mit den Fingernägeln abgekratzt, das Bad heftig demoliert.
Der gutmeinende Jackson bringt einen nervtötenden Hund mit nach Hause, der alle in den Wahnsinn treibt – wenn sie nicht längst schon dort waren. Die impulsive Beziehung geht explosiv in eine zerstörerische Richtung. Zerstörerisch für die Inneneinrichtung – aber vor allem für Grace selbst. Auch der kleine, unerträgliche Hund muss dran glauben. Das Erschießen des Quälgeistes mag für einige genauso schockierend sein wie Niki de Saint Phalles Schießen auf das Bild des Vaters. Das Verhalten von Grace könnte feministisch „ungezähmt" genannt werden, glücklich ist mit der Situation niemand.
Das verstörende neue Drama von Lynne Ramsay beginnt mit der sexuellen „Einweihung" des alten Hauses, unterbrochen von Bildern eines lichterloh brennenden Waldes, in den die nackte Grace geht. Die renommierte Filmemacherin zeichnet in „Die My Love" schonungslos das Porträt einer Frau, die von Liebe und Wahnsinn verschlungen wird. Dem schweren psychischen Problem wird im Film kein Name gegeben, einige Kritiken nennen es postnatale Depression. Das ist in jedem Fall schwer erträglich, aber den kurz angetäuschten Tradwife-Trugschluss will man am Ende auch nicht sehen. Das extreme Drama erinnert ein wenig an Darren Aronofskys Tour de Force „mother!" (ebenfalls mit Lawrence, damals neben Javier Bardem), aber vor allem an filmische Beziehungskriege wie „Blue Valentine" von Derek Cianfrance mit Ryan Gosling.
Jennifer Lawrence („Silver Linings", „American Hustle") spielt intensiv. Mit dem Ex-Vampir Pattinson hat sich der Film zwar einen weiteren Star auf dem Poster eingehandelt (neben Nick Nolte und Sissy Spacek), aber keinen Gegenpart. Doch der schwache Partner mag auch so in der Vorlage von Ariana Harwicz angelegt sein.
Der von Jennifer Lawrence auch produzierte „Die my love" ist Lynne Ramsays neuester Film nach aufsehenerregenden Werken wie „Ratcatcher" (1999), „Morvern Callar" (2002) oder „We Need to Talk About Kevin" mit Tilda Swinton (2011) als Mutter eines Amokläufers. Zuletzt drehte Ramsay „Swimmer" und „A Beautiful Day" mit Joaquin Phoenix. Trotz der Stars auf dem Plakat macht sie keine Filme für das große Publikum von „Die Tribute von Panem" oder „Twilight". Die Handlung in „Die my love" verläuft nicht chronologisch, die Farben wirken oft zu bunt, das Format ist das klassische 4:3 und das hat nichts mit der Auswertung beim Streaming-Anbieter „Mubi" zu tun.
Die my love
(Kanada 2025), Regie: Lynne Ramsay, mit Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Sissy Spacek, 118 Minuten, FSK: ab 16
Der gutmeinende Jackson bringt einen nervtötenden Hund mit nach Hause, der alle in den Wahnsinn treibt – wenn sie nicht längst schon dort waren. Die impulsive Beziehung geht explosiv in eine zerstörerische Richtung. Zerstörerisch für die Inneneinrichtung – aber vor allem für Grace selbst. Auch der kleine, unerträgliche Hund muss dran glauben. Das Erschießen des Quälgeistes mag für einige genauso schockierend sein wie Niki de Saint Phalles Schießen auf das Bild des Vaters. Das Verhalten von Grace könnte feministisch „ungezähmt" genannt werden, glücklich ist mit der Situation niemand.
Das verstörende neue Drama von Lynne Ramsay beginnt mit der sexuellen „Einweihung" des alten Hauses, unterbrochen von Bildern eines lichterloh brennenden Waldes, in den die nackte Grace geht. Die renommierte Filmemacherin zeichnet in „Die My Love" schonungslos das Porträt einer Frau, die von Liebe und Wahnsinn verschlungen wird. Dem schweren psychischen Problem wird im Film kein Name gegeben, einige Kritiken nennen es postnatale Depression. Das ist in jedem Fall schwer erträglich, aber den kurz angetäuschten Tradwife-Trugschluss will man am Ende auch nicht sehen. Das extreme Drama erinnert ein wenig an Darren Aronofskys Tour de Force „mother!" (ebenfalls mit Lawrence, damals neben Javier Bardem), aber vor allem an filmische Beziehungskriege wie „Blue Valentine" von Derek Cianfrance mit Ryan Gosling.
Jennifer Lawrence („Silver Linings", „American Hustle") spielt intensiv. Mit dem Ex-Vampir Pattinson hat sich der Film zwar einen weiteren Star auf dem Poster eingehandelt (neben Nick Nolte und Sissy Spacek), aber keinen Gegenpart. Doch der schwache Partner mag auch so in der Vorlage von Ariana Harwicz angelegt sein.
Der von Jennifer Lawrence auch produzierte „Die my love" ist Lynne Ramsays neuester Film nach aufsehenerregenden Werken wie „Ratcatcher" (1999), „Morvern Callar" (2002) oder „We Need to Talk About Kevin" mit Tilda Swinton (2011) als Mutter eines Amokläufers. Zuletzt drehte Ramsay „Swimmer" und „A Beautiful Day" mit Joaquin Phoenix. Trotz der Stars auf dem Plakat macht sie keine Filme für das große Publikum von „Die Tribute von Panem" oder „Twilight". Die Handlung in „Die my love" verläuft nicht chronologisch, die Farben wirken oft zu bunt, das Format ist das klassische 4:3 und das hat nichts mit der Auswertung beim Streaming-Anbieter „Mubi" zu tun.
Die my love
(Kanada 2025), Regie: Lynne Ramsay, mit Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Sissy Spacek, 118 Minuten, FSK: ab 16
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