9.11.15

Eisenstein in Guanajuato

Niederlande, Mexiko, Finnland, Belgien 2014 Regie: Peter Greenaway mit Elmer Bäck, Luis Alberti, Rasmus Slatis 105 Min.

Genau wie der letzte Bond-Film „Spectre" weidet sich Peter Greenaway mit „Eisenstein in Guanajuato" am mexikanischen Totenkult. In die freie Nacherzählung der Filmgeschichte um den nie vollendeten „Que viva México" mischt der äußerst kreative Regisseur Liebes- und Kulturgeschichten.

1931, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, reist der sowjetische Filmemacher Sergej Eisenstein (1898-1948) nach Mexiko, um dort einen neuen Film zu drehen: „Que viva México". Dass die Dokumentation Fragment blieb, ist bei Greenaway nur Hintergrund des Comings Outs von Eisenstein. Anfangs in - einem der vielen Topshots - von oben im Bett als Embrio gezeigt, wird ihn sein mexikanischer Fremdenführer Palomino Cañedo entjungfern und nach exzessiven Flitterwochen im zentralen Hotelzimmer auf staatlichen Druck verlassen. Was den legendären Regisseur mehr erschüttert als die Absagen berühmter us-amerikanischer Finanziers und der Befehl zur Rückkehr aus Moskau.

In Anlehnung an Eisensteins Revolutionsfilm „Oktober. Zehn Tage, die die Welt erschütterten" nennt Greenaway sein Werk „Zehn Tage, die Eisenstein erschütterten". Für Greenaway, der schon mal den Tod des Kinos verkündete, ist dies ein grandioses, lustvolles Comeback. Seit den 80ern war er mit „Prosperos Bücher", „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" oder „Verschwörung der Frauen" ein Revolutionär des filmischen Erzählens. Er zeigt nun diese zehn Tage in Mexiko detailreich und humorvoll als Eisensteins Begegnung mit einer anderen Kultur, deren Umgang mit dem Tod, und als Revolution des eigenen Körpers. Eisenstein gilt gemäß Greenaway als „Vaterfigur des Weltkinos, die unsere Sprache des Kinos entwickelte". Eine Sprache, die er selbst auch in diesem Film mit vielen Ideen weiter treibt. Trotzdem ist „Eisenstein in Guanajuato" nicht nur ein intellektuelles Vergnügen vom wandelnden Lexikon unter den Filmregisseuren.

„Eisenstein in Guanajuato" zeigt sich mit digital komponierten Bildern, die wie Fliegen herumsurren, als Film auf der Höhe der Zeit: Farbe wechselt mit Schwarzweiß, geteilte Rahmen zeigen neben den Darstellern die echten Gesichter von Frida Kahlo und Diego Rivera, Ausschnitte aus Eisensteins Meisterwerken „Panzerkreuzer Potemkin" und „Oktober" schauen kurz rein, ebenso Berühmtheiten der Zeit. Das ist der Stil, den Greenaway schon bei seinen letzten Filmen „Nightwatching", „The Tulse Luper Suitcases" präsentierte. Dass von der blutenden Jungfrau der Bezug zur Bluter- und Zaren-Familie der Romanovs gelegt wird, ist eines von hunderten Wissensteilchen, auf denen der Intellektuelle Greenaway seinen Filmspaß fundiert. Hinzu kommt nun ein pralles, im wahrsten Sinne lustvolles Erzählen. Die Ekstase des frisch verliebten und in intensiver Körperlichkeit schwelgenden Russen überträgt sich auf den Film selbst. So ist „Eisenstein in Guanajuato" nicht nur prall und elektrisiert mit Farben, Ideen, Wissen und Augenreizen, sondern auch mit einer schamlosen Körperlichkeit. Die gab es bei Greenaway schon immer, sie fällt jetzt nur wieder auf, weil sich die Zeiten geändert haben, das Kino in vieler Hinsicht verklemmter geworden ist.

8.11.15

Scouts vs. Zombies - Handbuch zur Zombie-Apokalypse

USA 2015 (Scouts Guide to the Zombie Apocalypse) Regie: Christopher Landon mit Tye Sheridan, Logan Miller, Joey Morgan, Sarah Dumont 93 Min. FSK: ab 16

Mal untot lachen? Also über die Untoten totlachen? Leider nicht hier, denn „Scouts vs. Zombies" ist so unspaßig wie das Klischee vom Pfadfinder-Ausflug. Und im Zombie-Genre so tot wie ein Witz mit sehr langem Bart. Nur für die Anfangs-Szene hat man sich scheinbar wirklich Mühe gemacht: Vor und hinter der Glasscheibe eines Labors wollen ein Karaoke-singender Putzmann und ein Forscher uns mit dem Virus vom Zombie-Spaß infizieren. Aber nach der kleinen Vorspeise des Zombie-Menus müssen wir tatsächlich mit peinlichen, spätpubertären Pfadfindern auf den Pfad der simplen Triebhaftigkeit. Jungs, die nur an Frauen-Brüsten interessiert sind, sehen selbst ein, dass sie besser mal auf Partys als nur zum Campen in den Wald gehen sollten. Doch ausgerechnet der letzte Ausflug von drei Scouts mit ihrem Fähnleinführer rettet sie vor der Zombie-Invasion in ihrem Heimatstädtchen. Vorerst...

Nach dem desaströsen Ausflug müssen sich die drei Scouts zusammen mit einer Stripperin gegen Horden mit dauernden kleinen Hunger zwischendurch zu wehr setzen. Und außerdem die Mitschüler auf der heißen Party retten, auf die sie selbst nicht eingeladen wurden. Hier verspielt die biedere Komödie alle Sympathien, wie der film-dienst treffend bemerkte, denn angepasster geht wirklich nicht.

„Scouts vs. Zombies" ist eine große Koalition anti-anarchischer Spaßbremsen und von sozialkritisch beißenden Zombies wie in „Dawn of the Dead" ebenso weit entfernt wie von den albernen in „Shaun of the dead". Ein paar wenige witzige Ideen und Wortspiele reichen nicht aus bei dieser Routine, mit der sich das Genre selbst zerfleischt. Zwischen Zombie-Katzen und Zombie-Penissen sind die Figuren pubertär verklemmt wie bei „Eis am Stil" aus dem letzten Jahrhundert. Das ist Kinderkram, nur das blutige Splatter-Finale bringt dem untoten Film ein „FSK ab 16" ein, was sich eventuell doch wieder als verkaufsfördernd erweist.

3.11.15

Dürrenmatt - Eine Liebesgeschichte

Schweiz 2015 Regie: Sabine Gisiger 76 Min. FSK: ab 6

25 Jahre nach seinem Tod lässt Sabine Gisiger den Menschen, Denker, Schriftsteller und Maler Friedrich Dürrenmatt in dieser Dokumentation aufleben. Der Autor von „Der Besuch der alten Dame", „Die Physiker", „Der Richter und sein Henker" oder „Das Versprechen" wird privat gezeigt mit vielen Gedanken über die eigene Arbeit. Im Zentrum des Films steht die bisher unbekannte Liebesgeschichte von Friedrich Dürrenmatt und seiner Frau Lotti Dürrenmatt-Geissler. 40 Jahre lebten die beiden in einer engen Beziehung: Kein Werk, das er nicht mit ihr diskutierte, keine Probe, auf die sie ihn nicht begleitete. In späteren Jahren wurde die Beziehung zunehmend problematisch. Nach Lottis Tod 1983 stürzte Dürrenmatt in eine tiefe Krise, aus der er sich mit der neuen, großen Liebe zur Schauspielerin Charlotte Kerr befreite.

Regisseurin Sabine Gisiger kombiniert die Interviews mit Dürrenmatts Kindern und der Schwester mit Ausschnitten einer älteren Dokumentation und vielen Stückchen aus Dürrenmatt-Verfilmungen. Die Schwester Vroni Dürrenmatt (91) und seine Kinder Peter Dürrenmatt (66) und Ruth Dürrenmatt (64), die zum ersten Mal öffentlich über den Vater reden, zeigen die private Seite: Für Dürrenmatt stellte der Humor die einzige Möglichkeit dar, Distanz zu einer Welt zu nehmen, die er schwer erträglich fand und oft schwer ertrug. Aber wenn man die Wahl zwischen zwei Todesarten habe, so Dürrenmatt, solle man sich nicht zu Tode ärgern, sondern sich lieber zu Tode lachen. Die klassische Dokumentation zeigt mehr den Menschen als den genialen Kreativen und ist so eine schöne Gelegenheit sich Dürrenmatt und seinen Texten noch einmal zu anzunähern.

El Club

Chile 2015 Regie: Pablo Larraín mit Roberto Farías, Antonia Zegers, Alfredo Castro, Alejandro Goic 98 Min.

In einem abgelegenes Haus an der stürmischen chilenischen Nordküste leben Padre Vidal, Padre Ortega, Padre Silva und Padre Ramírez unter Betreuung von Schwester Mónica. Es ein entspanntes Straflager, man könnte auch sagen, Ferienhäuschen am Meer für Päderasten, Kindesentführer und sonstige Verbrecher im Dienst der Kirche. Statt mit Gebet und Einkehr beschäftigen sie sich mit ihrem Windhund und lukrativen Wetten auf dessen Renn-Ergebnisse. Als ein weiterer Priester in diesem Schutzhaus der Kirche aufgenommen wird und darauf ein Mann vor dem Haus detailliert seine Vergewaltigung als Messdiener herausschreit, ist die Ruhe im Versteck vorbei. Pater García untersucht den Fall und will auch dieses Haus auflösen.

Eine melancholische Stille, ein sanftes Licht bestimmen das Leben in diesem Refugium, viel Köpfe zusammenstecken und Raunen. Dazwischen die förmlichen Interviews von Pater García mit den nicht ganz in kirchliche Ungnade gefallenen Priestern. So schockierend die Taten und die uneinsichtigen Haltungen der verbannten und versteckten Priester sind, der eindringliche Film schafft es trotzdem, das Entsetzen zu steigern. Ganz im Gegensatz zum hoffnungsvollen „No!" von Pablo Larraín erweist sich hier jede Revolution als weiteres, himmelschreiendes Unrecht. Pablo Larraín erhielt bei der Berlinale 2015 für „El Club" einen Silbernen Bär, den Großen Preis der Jury.

Die Schüler der Madame Anne

Frankreich 2014 (Les héritiers) Regie: Marie-Castille Mention-Schaar mit Ariane Ascaride, Ahmed Dramé, Noémie Merlant 105 Min. FSK: ab 6

Es ist der tägliche Kleinkrieg im (französischen) Klassenzimmer: Die Gangs stänkern gegeneinander, die Tussies zicken, Araber, Christen, Juden und Vegetarier fühlen sich dauernd benachteiligt. Die Lehrerin beachtet sowieso keiner. Ok, vielleicht ist es in der Pariser Vorstadt Créteil besonders ungemütlich. Vielleicht sind die Schülerinnen und Schüler besonders desinteressiert, weil sich ja auch niemand für sie interessiert. Oder interessieren wird, etwa auf dem Arbeitsmarkt, selbst wenn sie das Abi schaffen sollten.

Doch in dieser Geschichte, die auch noch eine wahre ist, geschieht ein Wunder. Beziehungsweise gibt es eine Lehrerin, die ein Wunder ist: Madame Anne Gueguen (Ariane Ascaride) unterrichtet schon 20 Jahre und steht nicht auf schlechte Laune. Nun schlägt sie ausgerechnet der Problemklasse des Léon Blum-Gymnasiums vor, an einem nationalen Schulwettbewerb teilzunehmen. Thema: „Kinder und Jugendliche im System der Konzentrationslager der Nazis". Die lahmen Reaktionen reichen von „Das schaffen wir doch sowieso nicht" bis „Das waren doch alles Juden".

Nicht nur der flotte Beginn des Films mit rascher Schnittfolge begeistert, auch die Fülle an kniffeligen Themen, sozialen, religiösen, politischen und Jugend-Problemen die hier rein- und angepackt werden. Da ist Oliver, der nun unbedingt Ibrahim sein will. Oder die herausgeputzte Mélanie (Noémie Merlant), der es anfangs peinlich ist, für das Thema zu recherchieren, weil Lesen nicht zu ihrem Image als Schlampe passt. Ein anderes Mädchen wird von einem scheinheiligen Moral-Macho böse wegen ihrer Kleidung bedroht. Sofort werden Totschlag-Argumente nachgeplappert, es sei ja auch ein Genozid, den israelische Besatzer aktuell in Palästina begehen. Da hilft auch der streng laizistische Freiraum Schule nicht, der am Tor Kopftücher und Kreuze gleichermaßen verbietet.

Aber diese echt heftige Klasse, die der Vertretung auf den Tischen herumtanzt, findet bei ihrer Recherche zum Thema und zueinander. Nicht erst durch den sehr bewegenden Besuch eines Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald erkennen sie, wo in ihrem Alltag überall Rassismus stattfindet. Das Thema „Holocaust" ist gar nicht so weit weg, es beginnt direkt vor der eigenen Nase.

Das stille Entsetzen im Gesicht der sonst so Lauten angesichts der Erzählung des Holocaust-Überlebenden Léon Zyguel, angesichts der riesigen Wände mit den Namen von Deportierten und Ermordeten, gehört zu den Momenten, die sich einbrennen in „Die Schüler der Madame Anne". Das gelingt auch ohne emotionale Verstärkung durch Piano und Streicher, die der Film ansonsten reichlich bemüht.

Dabei lösen sich einige Konflikte nebenbei in Wohlgefallen auf, persönliche Probleme aus dem Alltag der Schüler verschwinden im neuen Gemeinschaftsgefühl. Denn der Film erzählt eine echte Erfolgsgeschichte nach, und einer der Schüler hat sogar das Drehbuch zu diesem Film geschrieben. Dieser Ahmed Dramé spielt sich hier selbst als Malik. Eigentlich unglaublich bei diesem Thema, bei diesen Themen-Komplexen, aber „Die Schüler der Madame Anne" ist auch ein Wohlfühl-Film, ein hoffnungsvoller. Der zusammen mit den Schülern als Erben (der Originaltitel lautet: Les héritiers) den Schwur der Buchenwalder weiter gibt: Immer und überall gegen Rassismus aufzutreten.

2.11.15

Ritter Trenk

BRD, Österreich 2015 Regie: Anthony Power 80 Min. FSK: ab 0

Nach drei Umsetzungen für das ZDF gibt es Kirsten Boies Kinderbuch „Der kleine Ritter Trenk" nun auch als Film für kleine Kinofans. Die Buchabenteuer begeisterten und verkauften sich gut. Der Animationsfilm zeigt wie der Bauernjunge Trenk Tausendschlag mit seiner Familie vom unbarmherzigen Ritter und Lehnsherrn Wertolt geknechtet wird. Als eines Tages sein Vater zu Unrecht in den Kerker geworfen wird, zieht Trenk aus, Ritter zu werden. Mit ein bisschen Schrecken, Action und Klamauk und dank seinem Schwein bekommt Trenk einen Ausbildungsplatz als Ritter. In der Stadt trifft er auf Gaukler und auf der Burg die burschikose Thekla. Beim Turnier erweist sich Trenk nicht als furchtlos aber als sehr tapfer. Auch die Begegnung mit dem Drachen besteht er.

Der Film besteht hingegen den Vergleich mit aufwändigen Animationen aus den USA oder Asien nicht: Austauschbare Gesichter und Hintergrundzeichnungen können nicht begeistern. Hier sehen nicht nur alle irgendwie gleich aus, alles ähnelt auch anderen einfachen Zeichentrickfilmen. Nur ausgerechnet die Schurken, Wertholt und seine trotteligen Helfer, stechen hervor.

Aber wenigsten transportiert die übersichtliche Geschichte etwas soziales Bewusstsein und zeigt, dass es wegen ein paar reicher Menschen sehr viele sehr Arme gibt. Sowie etwas Emanzipation, weil Thekla zusammen mit Trenk alles für den Ritterkampf lernt. Das ist allerdings etwas wenig für ein Happy Ende auch an der Kinokasse.

Spectre

USA, Großbritannien 2015 Regie: Sam Mendes mit Daniel Craig, Ralph Fiennes, Christoph Waltz, Léa Seydoux 142 Min.

Bond, Mrs. Bond? Mit zwei Kindern und Altersvorsorge? Ja, es geht gut aus im 24. James Bond-Film. Familiär und menschlich gesehen. Dass es auch gut aussieht, garantiert Regisseur Sam Mendes. Er holt wenigstens stellenweise noch etwas aus dem völlig überkommenen und längst verblichenen Format „Bond-Film" raus.

Den Untertitel „The dead are alive" (Die Toten leben) bebildert Sam Mendes direkt zu Beginn mit der sehr reizvollen Szenerie des „Dia de los Muertos" in Mexico City: Der karnevaleske Umzug von Totenmasken und Gerippen als Kulisse für den üblichen Action-Teaser endet in einem völlig bescheuerten Hubschrauber-Stunt direkt über den Köpfen tausender Menschen. Doch nicht dieser hirnrissige Einsatz ist der Grund für die Entlassung von James Bond (Daniel Craig) in London. Man will die ganze 00-Abteilung null und nichtig machen. Umorganisation halt. Dass der kleine Bürokrat Max Denbigh (Andrew Scott) stattdessen mit einer neuen, globalen Totalüberwachung alle Geheimdienste ersetzen will, ist ein Thema. Dass sich darüber auch der Oberschurke Oberhauser (Christoph Waltz) freut, der die Technik liefert und selbst eifrig nutzt, noch nicht das zweite. Der kleine Alpenländler übernahm nicht nur die weiße Katze vom großen Bond-Gegner Ernst Stavro Blofeld, sondern auch dessen Welteroberungs-Wahnsinn. Als zusätzliche Pointe hasst er seinen Antagonisten Bond auch noch als Ziehbruder, als Kuckucks-Ei in seinem Nest.

Eine ganze Menge Psychodrama für einen Bond. Das geht alles von der Action- und Verführer-Zeit ab. Monica Bellucci muss für die einzige typische Bond-Girl-Nummer herhalten. Danach hat „Spectre" nicht mal Zeit, sie stilgemäß umzubringen. Léa Seydoux ist als Madeleine Swann, als Tochter des Killers Mr. White (Jesper Christensen) eine andere Nummer. Ihr Charme scheint Bond von seiner tödlichen Berufsbahn wegzubringen.

Man kann es kaum ernsthaft beschreiben, denn trotz Daniel Craig, trotz des exzellenten Regisseurs Sam Mendes ist Bond weiter lächerlich, der Oktopus-Vorspann nicht von einer Parodie zu unterscheiden. Selbst dass der Held degradiert wird, von Q kein Auto und wie zum Abschied nur eine Uhr erhält, um dann im Untergrund zu wirken, ist längst Routine, längst Klischee. Die Handlung setzt wenigstens etwas fortschrittlich „Skyfall" und andere Vorgänger fort, weil sich Spectre als eine übergeordnete Verbrecher-Organisation hinter all den Schurken der letzten Folgen herausstellt.

Doch alles, was im Ansatz gut klingt, was durch die Kamera von Hoyte van Hoytema sehr gut aussieht, leidet darunter, ein Bond-Film zu sein. Beziehungsweise die Bond-Routine mit der Action, den zwanghaft erlesenen Schauplätzen und der festen Figurenkonstellation leidet unter dem Vorhaben, einen ernsthaften Film mit dieser Figur zu erschaffen. Da passt es, dass Daniel Craig bei aller rauen Körperlichkeit alt und müde wirkt. Auch Christoph Waltz sah unter Tarantino wesentlich besser aus. Ralph Fiennes kann Judi Dench als M nicht ersetzen. Nur Léa Seydoux belebt mit ihrer unbeherrschbaren Präsenz den Film.

Aber auch, dass ein und das gleiche Überwachsystem vom Oberschurken und dem Staat benutzt wird, ist seit Snowden kein Staatsgeheimnis mehr. Zu oft zündeln Geheimdienste selber wie pyromanische Feuerwehrleute. So sind Franz (Oberhauser) und James nicht nur zwei Brüder, sondern Seiten einer Medaille. Was Mendes mit einer schönen Spiegelszene im Stile von Trottas „Bleierne Zeit" sinnlich macht. Terror und Staat brauchen einander. Die Aufsichtsratssitzung von Spectre unterscheidet sich in nichts von einem internationalen Wirtschaftskonzern. Da kann Bond sich nur noch ernüchtert ins Privatleben zurückziehen. Der romantischste aller Bond-Filme wählt diesen Weg. So wäre die Bond-Episode mit Daniel Craig auserzählt. Warum jetzt nicht gleich das ganze überkommene Sub-Genre lange pausieren lassen? Doch die Produzentin Frau Broccoli wird sich nicht das Gemüse vom Brot nehmen lassen.

28.10.15

Macbeth (2015)

Großbritannien, Frankreich, USA 2015 Regie: Justin Kurzel mit Michael Fassbender, Marion Cotillard, David Thewlis 113 Min. FSK: ab 12

Die Liste der Macbeth-Verfilmung ist lang, wenn auch nicht so endlos wie die der Aufführungen. Die jüngeren Meilensteine von Orson Welles (1947) und dem Polen Polanski („The Tragedy of Macbeth", 1971) zeichnen auch die Pole zwischen Theater-Verfilmung und von Kulissen befreitem Spielfilm auf. Nun führte der unbekannte Justin Kurzel („Die Morde von Snowtown") bei der aktuellsten Shakespeare-Umsetzung Regie, die Stars sind Michael Fassbender („X-Men", „Shame") und Marion Cotillard („Der Geschmack von Rost und Knochen", „La vie en rose").

Doch die neue Verfilmung sieht erst einmal alt aus, ganz wie der „Kohlhaas" mit Mads Mikkelsen. Keine Modernisierung, Hintergrund der deftigen Schlachtszenen sind die schottischen Highlands, es sollen sogar irgendwelche Originalschauplätze sein. Aus dem wabernden Nebel nähern sich die Hexen mit ihrer Prophezeiung: Der siegreiche Macbeth werde König werden und erst wenn ein Wald auf sein Schloss zu marschiert, wäre er besiegt, und nur ein nicht von einer Frau geborener könne ihn töten.

Genug Material für eine gewaltige Hybris, doch erst muss Lady Macbeth kühl den Königsmord entwerfen. Denn Macbeth selbst sei noch „voll von Milch der Menschenliebe", ihm „fehle die Bosheit". Ein zentraler Moment für die Familienplanung der Macbeths aus Schottland. Doch die Bestie des Textes lebt seltsamerweise nicht auf in der großartigen Schauspielerin Marion Cotillard, harmlos wirkt die mörderische Verführerin. Fassbender hingegen mit seinen blauen Augen hinter Bart und Narben gibt einen teuflischen Engel, dessen wachsenden Wahnsinn man schauerlich gerne beschaut.

Schön ist hässlich, hässlich ist schön! Wie trefflich sind die Worte der Hexen für die Ästhetik von Regisseur Justin Kurzel: Zum Auftakt prallen Körper aufeinander, rohes Schlitzen und Schlachten, ein heftiger Sound unterstützt die Wirkung. Ein scheußliches Gemetzel im Wechsel von Stillstand und Rasen, von leisen Violinen und donnernden Schreien. Auch später gibt es schwitzige und schmutzige Körperlichkeit statt royalem Glamour.

Von der ersten bis zur letzten Schlacht; bei den irrsinnigen Wanderungen der Macbeths im Nachthemd auf den Highlands: Die Geburt und der Niedergang der Tyrannei im Wahnsinn - das ist in einigen Bildern und Szenen immer wieder eindrucksvoll. Dazwischen sperriger Originaltext - auf jeden Fall in der deutschen Synchronisation - und wenig Begeisterung an Shakespeare. Das Entsetzen gebiert weniger er, es kommt von den filmischen Elementen. Eigentlich eine gute Sache, doch das Übergewicht einer Handvoll starker Film- und nicht Dialog-Szenen lässt vermuten, Justin Kurzel braucht Shakespeare eigentlich nicht. (Und der Barde den Filmer wohl auch nicht.) Deshalb ist „Macbeth" auch konsequenterweise für den Regisseur nur eine Station zum nächsten Spektakel, der Verfilmung des Computerspiels „Assassin's Creed".

Body

Polen 2015 (Cialo) Regie: Małgorzata Szumowska mit Janusz Gajos, Maja Ostaszewska, Justyna Suwała 92 Min. FSK: ab 12

Bei der Berlinale 2015 erhielt den Silbernen Bär für die Beste Regie ein komisches Drama oder eine dramatische Komödie von Małgorzata Szumowska. Die Polin realisierte bisher mit „33 Szenen aus dem Leben" (2008), „Das bessere Leben" mit Juliette Binoche (2011) oder „Im Namen des ..." (2013) immer unterschiedliche, aber gleichermaßen großartige Filme.

„Body" ist nun ein sehr polnischer Film über verbreiteten Aberglauben und ein universaler mit schwieriger Vater-Tochter-Geschichte: Eine der Huaptfiguren ist Janusz, ein Mensch, den so leicht nichts erschüttern kann. Der schwer erschütterbare Untersuchungsrichter arbeitet zu viel. Seiner magersüchtigen Tochter Olga, die noch immer ihrer verstorbenen Mutter nachtrauert, steht er indessen hilflos gegenüber. Aus Sorge, sie könne sich umbringen, lässt er sie in eine Klinik einweisen, in der die Psychologin Anna ihren Dienst versieht. Diese hat vor Jahren ihr Baby durch plötzlichen Kindstod verloren, verschanzt sich mit ihrem großen Hund in einer streng abgeriegelten Wohnung und beschwört Geister, die aus dem Jenseits zu den Lebenden sprechen.

Bemerkenswert ist, wie Szumowska Humor und Horror streift, dabei alle gefühlsseligen Klischees sicher und mit großem Abstand umkurvt.

27.10.15

Im Sommer wohnt er unten

BRD, Frankreich 2015 Regie: Tom Sommerlatte mit Sebastian Fräsdorf (Matthias), Alice Pehlivanyan, Godehard Giese, Karin Hanczewski 100 Min. FSK: ab 12

Matthias (Sebastian Fräsdorf) bewohnt mit seiner französischen Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) das Ferienhaus seiner Eltern an der Atlantikküste. Der Sommer wird unterbrochen durch die verfrühte Ankunft des auf Anhieb ekelhaften, extrem egoistischen großen Bruders David (Godehard Giese) mit dessen Frau Lena (Karin Hanczewski). Der Spießer im Polohemd wirft den lässigen Kiffer Matthias direkt aus seinem Zimmer und kommandiert ihn wie einen Angestellten herum. Auch der Sohn von Camille muss sofort verschwinden, meint der Laune- und Spaß-Verderber. Doch hinter der Fassade des guten, erfolgreichen Sohnes, der die Faulenzer antreibt, versteckt sich ein verschuldeter und abhängiger Zocker. Aber Matthias lässt alles mit sich machen, weil die Eltern nicht wissen sollen, dass seine Freundin ein Kind hat. Camille wiederum wehrt sich und provoziert Eifersucht auf beiden Seiten...

Nach einer erfolgreichen Festivaltour kommt das deutsche Spielfilmdebüt „Im Sommer wohnt er unten" nun ins Kino. Wieder mal entladen sich deutsche Familien-Spannungen am Pool südlicher Ferienwohnungen wie unter anderem auch in Maren Ades „Alle Anderen". Diesmal sorgen ganz seltsame, nicht unbedingt nachvollziehbare Zwänge und Regeln vom ersten Treffen an für mehrfache Spannungen. Der Film von Tom Sommerlatte ist reizvoll fotografiert, gut gespielt aber alles andere als überraschend in der Entwicklung. Interessanterweise arbeitet auch diese Konflikthäufung mit einer familiären Druckkammer, die das Drumherum völlig austauschbar und nebensächlich macht. Es ist sicher auch dem knappen Produktionsetat geschuldet, aber das Kammerspiel unter blauem Himmel bleibt so letztlich auf Schauspiel und Dialoge beschränkt.

Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne

Frankreich, Tschechien 2015 (Marguerite) Regie: Xavier Giannoli mit Catherine Frot, André Marcon, Michel Fau, Christa Théret 129 Min.

Schöne Melodien und eine schreckliche Stimme - das bietet „Madame Marguerite" in Anlehnung an die historische Florence Foster Jenkins (1868–1944) ihrem persönlichen und dem Kino-Publikum. Regisseur Xavier Giannoli macht aus der Miss mit dem Missklang auf exzellente Weise eine überraschend bewegende Geschichte.

Marguerite (Catherine Frot) kann es sich vor allem finanziell erlauben, ihrem Sanges-Hobby zu frönen, begleitet vom besten Salon-Orchester. Beim Wohltätigkeits-Event traut sie sich direkt an die Arie der Königin der Nacht, was in furchtbarem Geschrei ausartet. Doch alle anderen in ihrer adeligen Gesellschaft spielen bei dieser Farce mit, wenn sie nicht entkommen können.

Während Marguerites Ehemann mal wieder durch eine Autopanne verhindert ist, treiben ein Journalist und ein Dada-Künstler den Wahnsinn auf die Spitze. Die Opern-Verrückte wird in ihrem Wahn bestärkt und solle doch bald öffentlich im wilden Paris der 20er auftreten. Was sich leicht arrangieren lässt, denn „Geld hat keine Bedeutung, man muss es nur haben", so Marguerite. Und sie hat reichlich, während ihr Mann nur den Adels-Titel in die Ehe brachte. Wirklich treu scheint ihr nur der Diener Madelbos (Denis Mpunga) zu sein, der die Selbst-Täuschung hinter den Kulissen eifrig unterstützt.

Marguerite ist eigentlich eine furchtbar tragische Figur, wenn sie mit ihrer venezianischen Maske traurig und abgewiesen auf dem Bett sitzt. Aber Regisseur Giannolis („Chanson d'Amour" mit Gérard Depardieu und Cécile de France) schöner und überraschender Film macht sich letztlich nicht lustig, lässt mitfühlen und -leiden.

Parallel zur wahnsinnigen Karriere Marguerites läuft am Rande die Entwicklung der jungen und hervorragenden Sängerin Hazel (Christa Théret) mit, in die der Journalist heimlich verliebt ist. Also einer, der im Gegensatz zu Marguerite seine Leidenschaft nicht auslebt. Die falsch klingende Diva hingegen kann mit ihrem konsequenten Wahnsinn, mit ihrer unerschütterlichen Selbsttäuschung doch noch so etwas wie Liebe bei ihrem Mann erwecken. Und so funktioniert auch der Film: Er zeigt eine Albernheit, eine peinliche Selbstdarstellung mit großer Ernsthaftigkeit und selbst bis in die groteskesten Nebenrolle hervorragend gespielt. Wie eine der vielen reizvollen und nachdenklichen Bildideen bestätigt: Die Kunst liegt im Auge des Betrachters, des liebenden oder des bösartigen vom ersten und letzten Bild des Films.

26.10.15

Der letzte Wolf

China, Frankreich 2015 (Le dernier loup) Regie: Jean-Jacques Annaud mit Feng Shaofeng, Dou Shawn, Ankhnyam Ragchaa 119 Min. FSK: ab 12

Jean-Jacques Annaud ist ein tierisch guter Regisseur: 1988 hatte er uns sehr erfolgreich den „Bär" aufgebunden, 2004 dann gleich zwei Tiger in den Abenteuerfilm „Zwei Brüder" getankt. Jetzt heult er mit den Wölfen, also den staatlichen Filminstanzen Chinas, wobei „Der letzte Wolf" nicht nur ein großartiger, eindrucksvoller und sehr schöner Film ist, er äußert auch politische und ökologische Kritik.

In endlosen Reihen voller Busse werden Studenten aufs Land verschickt - es ist 1967, das zweite Jahr der chinesischen „Kulturrevolution". Unter ihnen der junge Chen Zhen. Auch nach sechs Monaten bei einer Brigade aus Hirten der Inneren Mongolei bewegt er sich mit der Unbedarftheit eines Landausfluges, bis er plötzlich in einer hochdramatischen Situation von Wölfen umzingelt ist. Das Gesicht des Wolfes in Großaufnahme, die Reflektionen im Auge des Pferdes, die Musik von James Horner - da ist nicht nur der Gastarbeiter aus der Stadt fasziniert von den Wölfen. Chen Zhen spürt etwas von der spirituellen Welt der Steppen-Nomaden und sieht ein lächelndes Gesicht am Himmel. Das sei ihr Gott Tengger gewesen, erklärt der alte Batu später in einem der ruhigen Momente, die immer seltener werden.

Denn nach einer der vielen erstaunlichen Szenen, in der Chen Zhen den „Kühlschrank" der Wölfe kennenlernt, plündert der Partei-Delegierte dieses Fleischlager und bringt damit Chaos und Tod in die Region. Er ignoriert das alte Wissen darüber, wie Wölfe im Gleichgewicht der Natur die „grausamen Gazellen" kontrollieren. Denn die sind nämlich eine Bedrohung für das überlebenswichtige Gras. Nun führen die zunehmenden Übergriffe der hungrigen Wölfe zum Befehl des Partei-Leiters, Wolf-Welpen zu töten. Eine von den Mongolen mit Demut und Trauer durchgeführte Grausamkeit. Doch die heimliche Rettung so eines kleinen Fell-Knäuels durch Chen Zhen ergibt nicht eine der üblichen übersüßen Tiergeschichten...

Der neue Film von Jean-Jacques Annaud („Sieben Jahre in Tibet", „Der Liebhaber", „Der Name der Rose") ist mal grandiose Naturdoku mit teilweise mythisch wirkenden Naturbildern und eindrucksvollen Winterlandschaften, wobei das Verdrängen dieser Landschaft und seiner traditionellen Bewohner durch die chinesische Zentralregierung ebenfalls anwesend ist. „Der letzte Wolf" ist in mehrfacher Hinsicht aktuell: Im Umgang mit der originellen Öko-Idee, wieder Wölfe in unseren Wäldern haben zu wollen. Sowie bei der die Besiedlung der Mongolischen Steppe durch Bauern, die in einem für Landwirtschaft ungeeigneten Gebiet für eine ökologische Katastrophe sorgen.

Das vermitteln immer wieder sehr eindringliche Szenen: Bizarr gefrorene Standbilder nach einem schrecklichen Kampf haben die Grausamkeit von Goyas Grafiken „Die Schrecken des Krieges". Höchstdramatisch sind die Überfälle der Wölfe inszeniert. Zudem atemberaubend durch erstaunliche Luftaufnahmen der Tierhetzen.

Dabei verniedlicht Annaud nicht das schwierige Verhältnis beim Zusammentreffen ignoranter Städter und rücksichtloser Partei-Bürokraten mit den Menschen der Steppe. Die Wölfe sind nicht gut oder böse. Das Zähmen geht nicht ohne Verluste und böse Bisse ab. Doch „Der letzte Wolf" gewährt wunderbare Einblicke in diese Lebensweise, zeichnet den tatsächlichen Konflikt der Inneren Mongolei auf und deutet einen Weg des Miteinanders zumindest an.

(Wer es allerdings ganz ohne Romantik haben will, sollte sich auf Youtube das Video einer freilaufenden Hündin und deren Kampf gegen zwei Wölfe in den schwedischen Wäldern ansehen.)

21.10.15

Malala - Ihr Recht auf Bildung

USA 2015 (He named me Malala) Regie: Davis Guggenheim 87 Min. FSK: ab 12

Malala Yousafzai ist spätestens seit dem Friedensnobelpreis 2014 und dem autobiografischen Buch „Ich bin Malala" weltweit ein Begriff. Sie geriet als 15-Jährige zusammen mit ihrem Vater in den Fokus der Taliban, weil sie sich für das Recht auf Bildung von Mädchen in Pakistan einsetzten. Malala wurde auf eine Todesliste gesetzt und im Swat Tal in ihrem Schulbus von einem Schuss in den Kopf schwer verletzt. Das Attentat entfachte einen weltweiten Aufschrei der Empörung. Die Schwerverletzte wurde in eine Klinik in England ausgeflogen und überlebte auf wundersame Weise. Heute ist sie als Mitgründerin des „Malala Fund" eine global agierende Aktivistin für das Recht von Mädchen auf Bildung.

Der große Dokumentarfilm über die 1997 geborene Kinderrechtsaktivistin, die schon als Jugendliche gegen das Regime der Taliban aufbegehrte, ist dank bewegender Geschichte und geballtem Film-Können (Regie: Oscar-Sieger Davis Guggenheim, Musik: Thomas Newman) eindrucksvoll. Nicht unbedingt ein Meisterwerk, aber wegen der Geschichte an sich unbedingt sehenswert.

Der bekannte Dokumentarfilmer Davis Guggenheim („Eine unbequeme Wahrheit", „It Might Get Loud") hat viele Facetten geschickt montiert: Malalas neues Privatleben nach der Rettung, der Alltag in englischer Schule und die Reisen um die Welt für das Recht aller Mädchen auf einen Schulbesuch. Ehrungen, sowie viele Begegnungen mit unter anderem Hillary Clinton, Obama oder dem Probono-Sänger Bono. In einem Kaleidoskop verschiedener Stile verfolgen wir den wachsenden Terror der Taliban und die zunehmende Bedrohung für Malalas Vater, einen politisch aktiven und leidenschaftlichen Lehrer. Die ungewöhnliche Dramaturgie setzt das traumatische Erlebnis der Flucht aus dem geliebten Heimat-Tal und dann den Anschlag ans Ende. Um mit der Nobelpreisrede desto wirkungsvoller die Hymne für eine begnadete Rednerin und mutige Kämpferin anzustimmen.

20.10.15

A Perfect Day

Spanien 2015 Regie: Fernando León de Aranoa mit Benicio Del Toro, Tim Robbins, Olga Kurylenko 106 Min. FSK: ab 12

Nein, nicht der melancholische Grundton von Lou Reeds Song „Perfect Day" bestimmt diesen wunderbar ironischen Film über hilflose Helfer: Benicio Del Toro, gerade noch grandios als „Sicario"-Killer in Action, hat als Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation nicht nur den jugoslawischen Bürgerkrieg am Hals. Es taucht auch noch Mambrús sehr junge, attraktive Affäre in Form der Russin Katya (Olga Kurylenko) auf.

Doch erst einmal hat die Ausgangssituation etwas vom absurden Theater: 1995, „irgendwo auf dem Balkan", liegt eine ziemlich dicke Leiche in einem ziemlich tiefen Brunnen. Die muss innerhalb von vierundzwanzig Stunden raus, sonst wird die Wasserquelle unbrauchbar. Eine tolle Aufgabe für internationale Helfer von „Aid across borders" - wenn man ein anständiges Seil hätte. Die gut ausgestatteten UN-Soldaten haben jedoch gerade keine Zeit, um sich um so was zu kümmern. Dazu seien sie nur bei internationalen bewaffneten Konflikten verpflichtet. Der Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien ist zwar sehr bewaffnet und konfliktreich, aber (noch) nicht international: Das Massaker von Srebrenica findet gerade woanders statt und die Bombardierung von Belgrad folgt erst rasante vier Jahre später.

Der Amerikaner namens B - ein sehr schön verrückt mit Helfer-Syndrom und Rock'n'Roll auf humanitärer Mission spielender Tim Robbins - versucht auch, die verfahrene Situation mit Jeep und einem Seil aus dem Dreck zu ziehen. Doch der Dorfladen braucht alle seine Seile, „um Leute aufzuhängen".Dass sich schließlich ein Seil am Ende eines sehr bissigen Hundes findet, ist nicht der letzte bittere Scherz in einer Film, bei dem nicht nur die hysterisch idealistische Helferin Sophie (Mélanie Thierry) beim ersten Einsatz ihre Naivität verliert.

Nach den hervorragend beobachteten Sozialdramen „Amador und Marcelas Rosen" (2010) und „Princesas" (2005) kann Regisseur Fernando León de Aranoa nun mit internationalen Stars brillieren. Vor allem in den aberwitzigen Dialogen hat „A perfect day" etwas vom Wahnsinn der Kriegs-Satire „Mash" und erinnert im Setting an Winterbottoms „Welcome to Sarajevo".

Doch der Spaß verfliegt, je mehr wie erleben: Kleine Jungens spielen mit Fußball und Pistolen. Die Helfer müssen hilflos zusehen, wie gefangene Zivilisten wie in Srebrenica aufgereiht werden. Die dauernde Gefahr durch Minen oder Sprengfallen in einem völlig zerschossenen Dorf sorgt für Spannung. „Ethnische Säuberung" zeigt sich so konkret schrecklich, dass danach nur noch die Punkversion von „Sweet dreams" erklingen kann.

Mit exzellentem Schauspiel, klugem Drehbuch und etwas menschlichem Touch zeigt „A Perfect Day" bis zum kafkaesken Ende, in dem UN-Soldaten das mühsam aufgetriebene Seil zerschneiden, die Schwierigkeit ahnungslos international zu helfen, in vielen Schattierungen und Tönen. Eine perfekte Balance zwischen Satire und echter Anteilnahme.

Unser letzter Sommer

Polen, BRD 2015 (Letnie Przesilenie) Regie: Michal Rogalski mit Jonas Nay, Filip Piotrowicz, André M. Hennicke 100 Min. FSK: ab 12

Die polnische-deutsche Kriegs-Geschichte „Unser letzter Sommer" ist der seltene Fall eines Antikriegs-Films: Im Sommer zeigt sich Ostpolen in einem normalen Ausnahmezustand. Es sei relativ ruhig, berichtet man dem neuen Kommandanten einer deutschen Gendarmerie-Abteilung, nur ein paar Partisanen. Zeit genug, neben den Gleisen, die von Warschau kommen, weggeworfene Kleidung und Koffer zu durchwühlen, mit Fotos der deportierten Familien. Denn hier auf dem Land wird „nur" eine jüdische Mitarbeiterin wird aus dem Dienstplan gestrichen, aber das Grauen, das deutsche Soldaten in Warschau anrichten, ist im Gesicht einer jungen Frau zu sehen, die aus einem der Züge zur „Rampe" des Vernichtungslagers Treblinka, fliehen konnte.

Naiv all dem gegenüber stehen sich zwei kaum erwachsene Jungs gegenüber: Romek (Filip Piotrowicz) fährt auf der Lokomotive einer der Züge mit. Sein Vater ist verschollen, der grobe Lokführer nistet sich derweil bei der Mutter ein und plündert eifrig mit. Guido (Jonas Nay) ist einer der Gendarmen, ein Junge, der das Schäferhund-Welpen noch auf dem Arm trägt. Der verbotene Swing brachte ihn in die Uniform, Musik bringt die Gegner kurz zusammen. Da ignoriert Guido schon die Angst der jungen Polen angesichts eines doppelten Eindringens. Romek und Guido töten das erste Mal in der Mitte des Films in einer Mischung aus Schuld und Zwang.

Vor allem in den beiden jungen Hauptfiguren zeigt der polnische Kurz- und Dokumentarfilmregisseur Regisseur Michal Rogalski erfreulich feine Nuancen der Beteiligung und des stillen Widerstands, das ist das Besondere an diesem sorgfältig aufgenommenen und gut gespielten Film. Die Gewalt der Besatzung macht bald aus naiven, verliebten Jungs skrupellose Täter. Verlieren werden beide, da ist die Handlung ebenso konsequent und brutal in einer Welt, die für Gefühle keinen Platz hat. „Unser letzter Sommer" verweist mit starker Bildsprache nicht nur in der Schlusseinstellung die Abtötung der Seelen, er ruft auch das Bild einer ganzen vom Krieg entmenschlichten Generation herauf.

19.10.15

Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared

Schweiz, BRD 2015 Regie: Stefan Schwietert 86 Min. FSK: ab 0

Stefan Schwietert ist eine Art George Lucas des Musikfilms: Mit den Dokumentarfilmen „El Accordéon del Diablo", „A Tickle in the Heart" oder „Accordion Tribe" begeisterte er das Arthouse-Kino. Diesmal geht es nicht um ein besonderes Instrument, sondern eine Verweigerung des üblichen Musik-Betriebes. Ein Star war der schottischer Musiker Bill Drummond mit der Acid-House-Band „The KLF" sowie Hits wie „Justified & Ancient". Damals hatte er schon mal eine Millionen Pfund auf der Bühne verbrannt und die Asche zu einem Ziegelstein pressen lassen. 1992, auf dem Höhepunkt des Erfolgs, löste sich die Band auf und Drummond kaufte samt Musikrechte alles auf und versteckte es in einen Container.

Nun reist Bill Drummond im langen Ledermantel quer durch Großbritannien für das Projekt „The 17". Scheinbar willkürlich bittet er Menschen längs eines bestimmten Breitengrades, einen Ton oder eine kurze Melodie anzustimmen. Die Ergebnisse komponiert ein Freund mit „Garage Band" zusammen und es gibt eine einmalige, wohl meist einsame Aufführung. „Es geht nicht um Unterhaltung, man wird es nicht im Radio hören, es wird nicht im Internet sein, um es zu hören, muss man selbst dabei sein."

Drummond erweist sich als ernsthafter und sehr ungewöhnlicher Künstler mit radikaler Verweigerung jeglicher Verwertung. Er schmeißt das Ausstellungsplakat zu „The 17" in eine Pfütze irgendwo neben einer Straße und vernichtet das Musik-Werk nach einmaliger Aufführung. Im Rahmen seiner Aktions-Reihe „Score" bildet er eine Menschenkette im Herzen Berlins, die auf Rufweite miteinander verbunden ist. Zwar zeugen einige Plakate und Fotos der einmaligen Events davon, dass die Verweigerung der Aufzeichnung doch nicht ganz durchgezogen wird, aber das interessante Porträt mit einem netten Mitmach-Finale fürs Kino lädt zum Hören und Nachdenken ein.

18.10.15

The Walk

USA 2015 Regie: Robert Zemeckis mit Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon, James Badge Dale 123 Min. FSK: ab 6

Man sagt, gute Schauspieler könnten auch Telefonbücher spannend interpretieren. Beim Film wäre Robert Zemeckis ein Regisseur, dem Entsprechendes zuzutrauen ist. „The Walk" zeigt sehr schön, was Zemeckis alles drauf hat. Aber auch, dass ein Telefonbuch ein Telefonbuch bleibt. Der Balance-Akt von Philippe Petit in 417 Metern Höhe zwischen den Türmen des World Trade Center aus dem Jahre 1974 ist so spannend wie eine schlaffe Wäscheleine.

Der große Traum von Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt) beginnt 1973 in Paris, was er selbst immer wieder in die Kamera berichtet: Der kleine anarchische Akrobat will den glorreichsten Hochseiltakt der Geschichte vollbringen. Dazu geht er zuerst beim Akrobaten-Patriarchen Papa Rudy in die Lehre - Ben Kingsley gibt dem Film früh die besten Schauspielmomente. Nach einem ersten Stunt zwischen den Türmen von Notre Dame zieht die Handlung nach New York, wo das World Trade Center mit seinen Zwillingstürmen gerade vor der Fertigstellung steht. Mit einem nicht ganz idealen Team aus eigenwilligen Typen und seiner Freundin Annie (Charlotte Le Bon) starten Vorbereitungen wie für einen klassischen Raubzug.

Regie-Legende Robert Zemeckis („Cast Away – Verschollen", „Zurück in die Zukunft") muss hier einige Register aus der Filmtrick-Kiste ziehen, um den bekannten Ausgang zu dramatisieren. Da haut ein bekiffter Helfer früh ab, als er versteht, dass die Aktion nicht ganz gesetzesgemäß ist. Ein anderer muss ausgerechnet mit Höhenangst lange über einem tiefen Aufzugschacht hocken. Und ein Nachtwächter macht sein Nickerchen direkt neben dem Base-Camp auf der vorletzten Etage. Doch dank der nervigen Rahmen-Einblendungen war jedem jederzeit klar, dass Petit diese Geschichte überlebt hat. Selbst falls man nicht einen der verräterischen Trailer gesehen oder die Vorlage gelesen hat. „The Walk" basiert auf Philippe Petits Buch „To Reach the Clouds". Regisseur James Marsh erzählte die Geschichte bereits im Dokumentarfilm „Man on Wire – Der Drahtseilakt".

Joseph Gordon-Levitt ist an sich ein exzellenter Schauspieler, was man in „Don Jon", „Premium Rush" oder „Inception" sehen konnte, aber hier nicht. Das liegt auch am bescheuerten französischen Akzent, der gleich mehreren Leuten auferlegt wird. Auch bei Kamera (Dariusz Wolski) und Musik (Alan Silvestri) sparte man nicht. Der Film ist über lange Strecken wegen der 3D-Technik aber sehr dunkel, die paar Schau-Effekte, die dies einbringt, sind keineswegs schwindelerregend. Diese Geschichte hat sehr wenig Substanz für einen Film, zudem keinen doppelten Boden oder tiefere Bedeutung.

Dass „The Walk" trotz eigentlich atemberaubender Aussichten und guter Besetzung nie richtig packt, liegt vielleicht auch daran, das heute fast täglich sensationelle Stunts vollbracht werden - von Brauseherstellern gesponsert und von zahllosen Kameras aufgenommen. So bleibt nur im historischen Dekor viel Sentimentalität, die für das Kunststück von Petit nicht funktioniert und für das World Trade Center einen großen erzählerischen Umweg nimmt. Denn das letzte Bild ist den Zwillingstürmen gewidmet, die seit den Anschlägen im Jahr 2001 nicht mehr die Silhouette New Yorks prägen.

13.10.15

Hockney

Großbritannien, USA 2014 Regie: Randall Wright 113 Min.

„Interested in ways of looking" - so lautet treffend eine der vielen Beschreibungen von Freunden und Weggefährten des 1937 in England geborenen Malers David Hockney: „An der Art des Sehens interessiert". Die BBC-Dokumentation blickt ebenso auf das Werk wie auf die Figur Hockney, geschaffen mit vielen Akten der Selbstdarstellung. Mit blondierten Haaren und einer dicken schwarzen Brille sieht man ihn nach dem Umzug in die USA auf dem reichhaltigen Originalmaterial immer wieder. Seine Beteiligung an der Popart, seine „joiners" genannten Fotocollagen erscheinen in der interessanten Doku allerdings manchmal wie eine Randnotiz.

Picknick mit Bären

USA 2015 (A walk in the woods) Regie: Ken Kwapis mit Robert Redford, Nick Nolte, Emma Thompson 104 Min. FSK: ab 0

Auch Robert Redford „ist dann mal weg". In der Rolle des angesehenen Reisejournalisten Bill Bryson läuft er vor dem Alter, der wachsenden Menschenfeindlichkeit und dem eigenen Glück davon. Direkt hinter seinem Haus führt ein Wanderweg vorbei, der über 2000 Meilen lange Appalachian Trail. Eine verrückte Idee, finden alle, und nur Stephen Katz (Nick Nolte), Freund aus wilden Jugendtagen, ist bescheuert genug, Bill zu begleiten.

Der Weg ist der Film - mit unausweichlichen Landschaftsaufnahmen, ein paar verwechselbare Pop-Liedchen, den Bären des Titels und einer kleinen Notlage. Irgendwann kommen die großen Fragen auf: Weshalb bürdet ein Mann, der doch alles hat, sich solche Abenteuer auf? Und schließlich: „Bist du glücklich?"

Nick Nolte spielt diesen grandios heruntergekommenen Kerl mit künstlichem Knie, der nach verseuchten Amphetaminen nun jede Stunde etwas essen muss und kaum den ersten Hügel hoch kommt. Es ist präsenter, aber vor allem lauter als Redford, der im Gegensatz zu „All is lost", seinem Solotrip auf einem Segelschiff, nicht sein ganzes Können zeigt. Dieses „Picknick mit Bären" - nach Bill Brysons gleichnamigem Buch - ist wesentlich undramatischer und weniger lebendig als der Titel vermuten lässt. Recht beschaulich geht es voran, ein paar Tage und Film-Szenen später möchte man die weinerlichen alten Männer so hinter sich lassen, wie sie eine mitwandernde rechthaberische Nervensäge einst abgehängt haben.

12.10.15

Hotel Transsilvanien 2

USA 2015 (Hotel Transylvania 2) Regie: Genndy Tartakovsky 89 Min.

Einst verirrte sich ein junger amerikanischer Rucksackreisender beim Karpaten-Urlaub in ein Vampirschloss. Statt dem üblichen blutleeren Touristen-Aussaugen verliebte er sich in die Tochter des Hauses und es ereignete sich ein grandioser Zeichentrickspaß mit einem Überschuss an Ideen. Der reicht nicht ganz für diesen Nachfolger aus.

Die Hochzeit von Vampirmädchen Mavis und Angsthase Johnny wird mit schreiender Torte sowie Tanz an der Decke schnell und witzig abgehandelt. Die Schwangerschaft noch rascher angekündigt und dann steht die große Frage im Schlosszimmer, was es werden wird: Mensch oder Vampir? Da letzterer erst mit fünf Jahren seine Beißzähne bekommt, wächst Dennis derweil mit kleinen hyperaktiven Werwölfen auf und Monster-Kinder, die Yoga auf der Streckbank spielen. Doch die unterschiedlichen Ansichten von Erziehung bei Opa und Mama eskalieren. Wobei Schwiegerpapa fast zum DeNiro wird, als die junge Familie wegziehen will, weil es woanders sicherer sei als im Monster-Hotel.

Während die Eltern eine Auszeit nehmen, geht Opa heimlich mit dem Kleinen auf Schreckenstour. Doch weder der domestizierte Werwolf noch die verstaubte Mumie können sich zu ihrer alten Form aufschwingen. Und auch das Ferienlager für Vampire ist aus versicherungstechnischen Gründen eher eine wattierte Sicherheitszone. Hier ist alles zu niedlich, wie letztlich auch dieser zweite Teil vom Monster-Spaß mit einem Schwiegervater, der verzweifelt wirkliche monströse Momente sucht. Erst in der letzten Viertelstunde bekommt die Handlung noch etwas Schwung, als mit dem Urgroßvater ein echter Vampir auftritt. Ein echter Charakter mit Bela Lugosi-Touch.

Nach dem Motto „Biss zum Ablachen" startet „Hotel Transsilvanien 2" mit hoher Frequenz verrückter Ideen. Da läuft Bluetooth tatsächlich als blauer Zahn herum und das kubistische Gemälde hat da eine kubistische Figur als Vorlage. Doch so krampfig wie die menschlichen Schwiegereltern ist auch im angeklebten Action-Finale die aufgesetzte Moral: „Normal" zu sein, ist nicht wirklich wichtig. Als Plädoyer für Toleranz mäßig überzeugend, als Nachfolger mächtig enttäuschend.