USA, Großbritannien, Kanada, Brasilien 2015 (The VVitch: A new-england folktale) Regie: Robert Eggers mit Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw 92 Min. FSK: ab 16
Gerne spielt sich nord-amerikanischer Horror in Neubauten auf dem Boden alter Indianer-Friedhöfe ab. Der von „The Witch" breitet sich um 1630 in Neu-England pur religiös aus, da die Indianer von den neuen Siedlern ja noch nicht erfolgreich unter die Erde gebracht wurden: Gerade von ihrer Puritaner-Gemeinschaft aus der befestigten Siedlung geworfen, versucht eine extremistisch religiöse Familie mit fünf Kindern in der Wildnis zu überleben. Zu schlechten Ernten und Jagdunfällen gesellen sich immer mehr schreckliche Ereignisse. In Sachen Schauerlichkeit halten sich die blutigen Schrecken die Waage mit den gegenseitigen Vorwürfen, man wäre nicht gottesfürchtig genug oder gar eine Hexe. Alle, auch schon die schnell lernenden Kinder (siehe „Das weiße Band"), probieren sich an dem Puritanismus aus, alle kümmern sich mehr um die Religion als um die Felder, alle scheitern an den selbstauferlegten, innerlichen Selbstkasteiungs-Pflichten. Schließlich räumt dieser Horror derart gründlich mit der Familie auf, dass wir heute ein anderes Amerika hätten, würde die Geschichte tatsächlich auf „Fakten" basieren, wie der Abspann behauptet.
Während die Bilder des Siedler-Lebens in der noch ungezähmten Natur zwar farbreduziert, aber doch eindringlich klar wirken, präsentiert diese ungewöhnliche Variante von Horror und Mystery ihre Schrecken ganz selbstverständlich in Parallelmontage mit kräftigen Rot-Tönen. Erfreulich und fast verstörend, dass „The Witch" so ganz ohne die Schockmomente und schleichenden Kameras des Teenie-Horrors auskommt. Zwischen den vor allem von der Tonspur her beängstigenden Szenen hoppeln Kaninchen und schwarzer Ziegenbock herum - so irritierend wie der sprechende Fuchs bei Lars von Triers „Antichrist". Wie die arme Siedler-Familie zwischen Gott und Teufel unentschieden ist, hängt auch der formal sehr konsequente und ansehnliche Film zwischen Horror und Arthouse. Wobei Letzteres ja gerade in der Abwesenheit von Ersterem für die Fans des Schreckens der schlimmste Horror ist. Also liegt mitten zwischen den Stühlen wohl nicht viel Erfolg.
16.5.16
Nur Fliegen ist schöner (2015)
Frankreich 2015 (Comme un avion) Regie: Bruno Podalydès mit Bruno Podalydès, Sandrine Kiberlain, Agnès Jaoui, Vimala Pons 105 Min. FSK: ab 0
Die Überraschungs-Party zu seinem Geburtstag irgendwo jenseits der 50 kann Michel (Bruno Podalydès) ebenso wenig begeistern, wie die Abende mit seiner Frau Rachelle (Sandrine Kiberlain) auf der Couch vor TV und Tablett. Die alte spleenige Leidenschaft für Postfliegerei ist nur noch Dekor und Verkleidung. Bis er im Internet auf ein Grand Raid 416 stößt. Das Kayak entfacht endlich wieder eine sinnlose Begeisterung. Diese neue Verrücktheit lässt ihn aufleben wie die Fliegerei in seiner Jugend.
Es folgen herrlich absurde Trockenübungen im Kayak auf dem Dach und nachts im Straßenverkehr, immer unterstützt von seiner wunderbaren Frau Rachelle. Dann geht es auf eine Fluss-Tour, auch wenn Michel keine Ahnung von Eskimo Rolle oder Navigation hat. Aber er ist perfekt und stylisch gekleidet, hat perfektionistisch alles eingekauft was man wahrscheinlich nicht braucht.
Als es soweit ist, will Michel sichtlich gar nicht aufbrechen und kommt auch später nicht voran: Sein erster Stop liegt bei einem paradiesisches Ausflugslokal mit märchenhaften und skurrilen Bewohnern. Die schöne Mila (Vimala Pons) muss immer weinen, wenn es regnet. Zwei seltsame Kerle malen alles, auch das Huhn blau an, die reizvolle Wirtin Laetitia (Agnès Jaoui) vertreibt die Vögel vom Kirschbaum ihres Verflossenen mit einem Solarradio und gibt Michel beim verspäteten Abschied eine Thermoskanne Absinth mit. Der nicht nur deswegen bald wieder zurückkehrt.
Die Seniorenkomödie mit Bruno Podalydès in Regie und Hauptrolle bezaubert mit selten gesehener Leichtigkeit, mit Melancholie, die immer von einer unerwarteten Brise verweht wird. Wie sich Michel, begleitet von seinen geliebten Bachfugen, den Fluss hinunter treiben lässt, führt dieser Sommerfilm auf unvorhersehbaren Wegen mühelos ins Glück. Sandrine Kiberlain („Mademoiselle Chambon") erfreut am Rande wieder als eine der größten Komödiantinnen. Eigentlich genau, was man machen oder sehen sollte, während die anderen Fußball gucken.
Die Überraschungs-Party zu seinem Geburtstag irgendwo jenseits der 50 kann Michel (Bruno Podalydès) ebenso wenig begeistern, wie die Abende mit seiner Frau Rachelle (Sandrine Kiberlain) auf der Couch vor TV und Tablett. Die alte spleenige Leidenschaft für Postfliegerei ist nur noch Dekor und Verkleidung. Bis er im Internet auf ein Grand Raid 416 stößt. Das Kayak entfacht endlich wieder eine sinnlose Begeisterung. Diese neue Verrücktheit lässt ihn aufleben wie die Fliegerei in seiner Jugend.
Es folgen herrlich absurde Trockenübungen im Kayak auf dem Dach und nachts im Straßenverkehr, immer unterstützt von seiner wunderbaren Frau Rachelle. Dann geht es auf eine Fluss-Tour, auch wenn Michel keine Ahnung von Eskimo Rolle oder Navigation hat. Aber er ist perfekt und stylisch gekleidet, hat perfektionistisch alles eingekauft was man wahrscheinlich nicht braucht.
Als es soweit ist, will Michel sichtlich gar nicht aufbrechen und kommt auch später nicht voran: Sein erster Stop liegt bei einem paradiesisches Ausflugslokal mit märchenhaften und skurrilen Bewohnern. Die schöne Mila (Vimala Pons) muss immer weinen, wenn es regnet. Zwei seltsame Kerle malen alles, auch das Huhn blau an, die reizvolle Wirtin Laetitia (Agnès Jaoui) vertreibt die Vögel vom Kirschbaum ihres Verflossenen mit einem Solarradio und gibt Michel beim verspäteten Abschied eine Thermoskanne Absinth mit. Der nicht nur deswegen bald wieder zurückkehrt.
Die Seniorenkomödie mit Bruno Podalydès in Regie und Hauptrolle bezaubert mit selten gesehener Leichtigkeit, mit Melancholie, die immer von einer unerwarteten Brise verweht wird. Wie sich Michel, begleitet von seinen geliebten Bachfugen, den Fluss hinunter treiben lässt, führt dieser Sommerfilm auf unvorhersehbaren Wegen mühelos ins Glück. Sandrine Kiberlain („Mademoiselle Chambon") erfreut am Rande wieder als eine der größten Komödiantinnen. Eigentlich genau, was man machen oder sehen sollte, während die anderen Fußball gucken.
Monsieur Chocolat
Frankreich 2016 (Chocolat) Regie: Roschdy Zem mit Omar Sy, James Thiérrée, Clotilde Hesme, Olivier Gourmet 120 Min. FSK: ab 12
Die wahre Geschichte von Rafael Padilla, dem ersten dunkelhäutigen Othello-Darsteller auf Frankreichs Bühnen, wird in der Hauptrolle von Omar Sy („Ziemlich beste Freunde") getragen, dem ersten dunkelhäutigen César-Sieger der Nation. Auch Regisseur Roschdy Zem kann als Sohn marokkanischer Einwanderer, der als beliebter Schauspieler auf Immigranten-Rollen festgelegt ist, einiges über diese Reduktion der Persönlichkeit erzählen. „Monsieur Chocolat", eine interessante Geschichte mit einigen doppelten Böden also.
Der Clown-Darsteller Footit (James Thiérrée), eine Berühmtheit ohne Engagement, entdeckt um 1900 herum in der Provinz den ehemaligen kubanischen Sklaven Rafael Padilla bei einem kleinen Zirkus. Er wird Chocolat genannt und gibt in der Manage einen brüllenden Kannibalen, „das Bindeglied zwischen Menschenaffen und Menschen". Footit erkennt das Talent Padillas und baut mit ihm eine komische Nummer auf, ein alberner Klamauk mit Chocolat als „dummem August", der die meisten Tritte in den Hintern abbekommt. Die großartige physische Komik wird ein Erfolg, das Angebot aus Paris folgt bald.
Chocolat lebt und gibt den Erfolg dort in vollen Zügen aus. Er erweist sich als Spieler, der allzu leicht auch seine Liebe verspielt. Rassismus und Neid bringen ihn ins Gefängnis, wo ihn ein Einwanderer aus Haiti auf das Erniedrigende seiner Rolle hinweist. Der Film macht dies mit Menschen aus den französischen Kolonien deutlich, die wie Tiere im Zoo ausgestellt werden. Obwohl er Werbeverträge bekommt und Toulouse-Lautrec ihn karikiert, will Padilla nicht mehr Chocolat sein, sieht in Shakespeares Othello die Rolle seines Lebens. Im Streit im Padillas Zukunft wird aus dem komischen Ohrfeigen in der Manege ernst.
Das Leben von Rafael Padilla (1865/1868 - 1917) war lange vergessen, die berührende und sorgfältig inszenierte Biografie „Monsieur Chocolat" von Regisseur Roschdy Zem schreibt nun (diese) Geschichte auf mehrfache Weise: Sowohl der als Schauspieler populär Regisseur Zem („Das Mädchen aus Monaco", „Tage des Ruhms") als auch Hauptdarsteller Omar Sy werden diese Rolle kennen, werden sie doch oft für das jeweilige ethnische Klischee besetzt. Dabei argumentiert der Film selbst nicht Schwarz-Weiß und drischt auch nicht mit fertiger Botschaft auf einen ein. Padilla erweist sich ausgerechnet denen gegenüber als undankbar, die ihm in Karriere und Leben geholfen haben. Aber sobald er mehr will, wollen sie ihn halt nicht mehr unterstützen. Zudem steckt in dem Aufstieg und Niedergang von Chocolat im Vorkriegs-Frankreich viel von Showgeschäft von heute. Unter anderem klingt die etwas unsinnige Diskussion um deckungsgleiche Besetzung von Rollen nach ihrer Hautfarbe an.
Die konventionelle aber sichere Inszenierung von Roschdy Zem („Omar - Ein Justizskandal") überzeugt durch die beiden Hauptdarsteller: Die körperbetonten Nummern Omar Sy von James Thiérrée sind nicht nur im Zirkus komisch. Thiérrée hat sie mit entwickelt, ab und zu blitzt in seiner ebenfalls traurigen Figur sein Großvater Charlie Chaplin auf. Noch eine andere Geschichte, aber zu entdecken ist erst einmal das symptomatische Schicksal von Rafael Padilla, der mehr als devoter Clown für die reichen Weißen sein wollte.
Die wahre Geschichte von Rafael Padilla, dem ersten dunkelhäutigen Othello-Darsteller auf Frankreichs Bühnen, wird in der Hauptrolle von Omar Sy („Ziemlich beste Freunde") getragen, dem ersten dunkelhäutigen César-Sieger der Nation. Auch Regisseur Roschdy Zem kann als Sohn marokkanischer Einwanderer, der als beliebter Schauspieler auf Immigranten-Rollen festgelegt ist, einiges über diese Reduktion der Persönlichkeit erzählen. „Monsieur Chocolat", eine interessante Geschichte mit einigen doppelten Böden also.
Der Clown-Darsteller Footit (James Thiérrée), eine Berühmtheit ohne Engagement, entdeckt um 1900 herum in der Provinz den ehemaligen kubanischen Sklaven Rafael Padilla bei einem kleinen Zirkus. Er wird Chocolat genannt und gibt in der Manage einen brüllenden Kannibalen, „das Bindeglied zwischen Menschenaffen und Menschen". Footit erkennt das Talent Padillas und baut mit ihm eine komische Nummer auf, ein alberner Klamauk mit Chocolat als „dummem August", der die meisten Tritte in den Hintern abbekommt. Die großartige physische Komik wird ein Erfolg, das Angebot aus Paris folgt bald.
Chocolat lebt und gibt den Erfolg dort in vollen Zügen aus. Er erweist sich als Spieler, der allzu leicht auch seine Liebe verspielt. Rassismus und Neid bringen ihn ins Gefängnis, wo ihn ein Einwanderer aus Haiti auf das Erniedrigende seiner Rolle hinweist. Der Film macht dies mit Menschen aus den französischen Kolonien deutlich, die wie Tiere im Zoo ausgestellt werden. Obwohl er Werbeverträge bekommt und Toulouse-Lautrec ihn karikiert, will Padilla nicht mehr Chocolat sein, sieht in Shakespeares Othello die Rolle seines Lebens. Im Streit im Padillas Zukunft wird aus dem komischen Ohrfeigen in der Manege ernst.
Das Leben von Rafael Padilla (1865/1868 - 1917) war lange vergessen, die berührende und sorgfältig inszenierte Biografie „Monsieur Chocolat" von Regisseur Roschdy Zem schreibt nun (diese) Geschichte auf mehrfache Weise: Sowohl der als Schauspieler populär Regisseur Zem („Das Mädchen aus Monaco", „Tage des Ruhms") als auch Hauptdarsteller Omar Sy werden diese Rolle kennen, werden sie doch oft für das jeweilige ethnische Klischee besetzt. Dabei argumentiert der Film selbst nicht Schwarz-Weiß und drischt auch nicht mit fertiger Botschaft auf einen ein. Padilla erweist sich ausgerechnet denen gegenüber als undankbar, die ihm in Karriere und Leben geholfen haben. Aber sobald er mehr will, wollen sie ihn halt nicht mehr unterstützen. Zudem steckt in dem Aufstieg und Niedergang von Chocolat im Vorkriegs-Frankreich viel von Showgeschäft von heute. Unter anderem klingt die etwas unsinnige Diskussion um deckungsgleiche Besetzung von Rollen nach ihrer Hautfarbe an.
Die konventionelle aber sichere Inszenierung von Roschdy Zem („Omar - Ein Justizskandal") überzeugt durch die beiden Hauptdarsteller: Die körperbetonten Nummern Omar Sy von James Thiérrée sind nicht nur im Zirkus komisch. Thiérrée hat sie mit entwickelt, ab und zu blitzt in seiner ebenfalls traurigen Figur sein Großvater Charlie Chaplin auf. Noch eine andere Geschichte, aber zu entdecken ist erst einmal das symptomatische Schicksal von Rafael Padilla, der mehr als devoter Clown für die reichen Weißen sein wollte.
10.5.16
Junges Licht
BRD 2016 Regie: Adolf Winkelmann mit Oscar Brose, Charly Hübner, Lina Beckmann, Peter Lohmeyer 122 Min. FSK: ab 12
Der 12-jährige Julian (Oscar Brose) flieht wieder mal die Schule, weil die Selbstverstümmelung an der falschen Hand halt nicht als Entschuldigung für vergessene Hausaufgaben herhält. Es sind die 60er-Jahre im Ruhrgebiet, für den Bergmannssohn sind brutale Prügelstrafen an der Tagesordnung. Das Geld reicht am Monatsende nur mit Flaschenpfand für die Packung Mirácoli. Bis Mutter zur Kur muss und die Männerwirtschaft neue Freiheiten zulässt.
Julian ist ein Gucker, das erkennt auch der fürsorgliche Nachbar Herr Gorny (Peter Lohmeyer), der ihm eine Kamera schenkt. So entwickelt sich über Tage mit herrlich lakonischem Tonfall eine Jugendgeschichte samt erwachender Sexualität, die sich an der Nachbarstochter austobt. Das Autobiographische schreibt hier nicht nur Regisseur Adolf Winkelmann („Jede Menge Kohle", „Contergan", „Engelchen flieg") erneut ins Kinogedächtnis, auch die mediale Erinnerung beginnt schon, wenn Herr Gorny sagt: „Fotografier mir Gesichter, so was schaut man sich später gerne an!"
Und so sieht man die Bergleute in den engen Schächten, die Frau am Büdchen und die besoffene Prostituierte mit dem naiven Blick des kleinen Jungen. Der auch noch nicht versteht, weshalb Papa und dessen Freund so um die Nachbarin rummachen. Oder die Familie später wider ihren Willen ausziehen muss. Da hilft dann auch eine Beichte nicht mehr, obwohl der Priester sehr geerdet all die kleinen Sünden als normale Adoleszenz erklärt.
Das ist Ruhrgebiets-Heimat in Gestus und Gestaltung, auch wenn hier das Schwarzweiß nicht immer nachvollziehbar von Farbe unterbrochen wird. Die gierig gekippte Milch nach der Schicht läuft im reizvollen Kontrast über die schwarzen Gesichter. Viel Aufmerksamkeit gilt der stählernen Mechanik, die alles am Laufen hält, dazu die denkmalgeschützte Architektur. Die unvorstellbar harte und gefährliche Arbeit unter Tage ist selbstverständlich Thema. Die Männer sprechen sich nur unter Tage aus, ihnen ist ein Brikett gefrorener Rahmspinat ebenso fremd wie die Psyche ihrer Frauen: „Hat irgendwas mit Gefühlen zu tun".
„Junges Licht" ist ein großes pathetisches Werk. Na ja, mit dem Pathos halt, den so ein einfacher Bergmann aus dem Ruhrgebiet verträgt. Aber bei aller mit Kohlestaub belegten Beweihräucherung der harten und ungesunden Industrievergangenheit hat „Junges Licht" auch reichlich erzählerische Qualitäten. Und viele, viele gute Schauspieler. Peter Lohmeyer gottgleich an den Hebeln des Aufzugs, das ist schon an der Grenze zum Satire, doch sein Charakter bekommt als gefährlicher Päderast bedeutende Züge. Wie überhaupt die kleine große Geschichte sorgfältig und emotional fein gezeichnet wurde. Nur schade, dass die Tonspur so vollgekleistert ist, vom Steigerlied bis zum Leitmotiv, das sich auf ewig einbrennen wird.
Der 12-jährige Julian (Oscar Brose) flieht wieder mal die Schule, weil die Selbstverstümmelung an der falschen Hand halt nicht als Entschuldigung für vergessene Hausaufgaben herhält. Es sind die 60er-Jahre im Ruhrgebiet, für den Bergmannssohn sind brutale Prügelstrafen an der Tagesordnung. Das Geld reicht am Monatsende nur mit Flaschenpfand für die Packung Mirácoli. Bis Mutter zur Kur muss und die Männerwirtschaft neue Freiheiten zulässt.
Julian ist ein Gucker, das erkennt auch der fürsorgliche Nachbar Herr Gorny (Peter Lohmeyer), der ihm eine Kamera schenkt. So entwickelt sich über Tage mit herrlich lakonischem Tonfall eine Jugendgeschichte samt erwachender Sexualität, die sich an der Nachbarstochter austobt. Das Autobiographische schreibt hier nicht nur Regisseur Adolf Winkelmann („Jede Menge Kohle", „Contergan", „Engelchen flieg") erneut ins Kinogedächtnis, auch die mediale Erinnerung beginnt schon, wenn Herr Gorny sagt: „Fotografier mir Gesichter, so was schaut man sich später gerne an!"
Und so sieht man die Bergleute in den engen Schächten, die Frau am Büdchen und die besoffene Prostituierte mit dem naiven Blick des kleinen Jungen. Der auch noch nicht versteht, weshalb Papa und dessen Freund so um die Nachbarin rummachen. Oder die Familie später wider ihren Willen ausziehen muss. Da hilft dann auch eine Beichte nicht mehr, obwohl der Priester sehr geerdet all die kleinen Sünden als normale Adoleszenz erklärt.
Das ist Ruhrgebiets-Heimat in Gestus und Gestaltung, auch wenn hier das Schwarzweiß nicht immer nachvollziehbar von Farbe unterbrochen wird. Die gierig gekippte Milch nach der Schicht läuft im reizvollen Kontrast über die schwarzen Gesichter. Viel Aufmerksamkeit gilt der stählernen Mechanik, die alles am Laufen hält, dazu die denkmalgeschützte Architektur. Die unvorstellbar harte und gefährliche Arbeit unter Tage ist selbstverständlich Thema. Die Männer sprechen sich nur unter Tage aus, ihnen ist ein Brikett gefrorener Rahmspinat ebenso fremd wie die Psyche ihrer Frauen: „Hat irgendwas mit Gefühlen zu tun".
„Junges Licht" ist ein großes pathetisches Werk. Na ja, mit dem Pathos halt, den so ein einfacher Bergmann aus dem Ruhrgebiet verträgt. Aber bei aller mit Kohlestaub belegten Beweihräucherung der harten und ungesunden Industrievergangenheit hat „Junges Licht" auch reichlich erzählerische Qualitäten. Und viele, viele gute Schauspieler. Peter Lohmeyer gottgleich an den Hebeln des Aufzugs, das ist schon an der Grenze zum Satire, doch sein Charakter bekommt als gefährlicher Päderast bedeutende Züge. Wie überhaupt die kleine große Geschichte sorgfältig und emotional fein gezeichnet wurde. Nur schade, dass die Tonspur so vollgekleistert ist, vom Steigerlied bis zum Leitmotiv, das sich auf ewig einbrennen wird.
Remainder
Großbritannien, BRD 2015 Regie: Omer Fast mit mit Tom Sturridge, Cush Jumbo, Ed Speleers 103 Min.
Ein Unfall steht am Anfang und am Ende dieses extrem spannenden und mysteriösen Films: Ein Gegenstand fällt Tom (Tom Sturridge) mitten in einem Stück Stadt aus hochmoderner Glas- und Stahl-Architektur auf den Kopf. Er verliert seine Erinnerung und erhält 8,5 Millionen Britischer Pfund Schmerzensgeld. Die Gelegenheit eines neuen Lebens mit eindrucksvollen finanziellen Möglichkeiten zu seinen Bedingungen, so beschreibt es der Anwalt. Tom baut sich aus sehr verwirrenden Erinnerungs-Fragmenten, die immer wieder auftauchen, darauf eine ganze eigene Welt. Er lässt sich ein komplettes Mietshaus nach seinen Erinnerungen rekonstruieren, castet die Bewohner und die schwarzen Katzen, die sich mit Hilfe von Trainern auf dem Dach tummeln sollen. Diktatorisch verlangt er vom gemieteten Musiklehrer, dass dieser auf dessen Etage Chopin erneut komponieren soll, während in einer anderen Wohnung eine Frau für die Geruchskomponente der Erinnerung andauernd Leber brät. Zusätzlich wünscht er sich für die Authentizität der Szene Wolken herbei. Aber immer mehr fixieren sich Tom und der Film auf die Rekonstruktion eines Banküberfalls, bauen die ganze Bank nach und lassen üben, bis die Schauspieler den Raubzug tatsächlich real begehen könnten...
Regisseur Omer Fast galt bislang als Videokünstler, war auf der Dokumenta 13 vertreten und legt mit der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Tom K. McCarthy ein sensationelles Spielfilm-Debüt hin. „Remainder" - ein Wortspiel aus den englischen Worten für Reste (Remains) und Erinnerung (Reminder) - steht in einer Reihe mit Meisterwerken wie „Memento", „12 Monkeys" oder David Lynchs filmische Möbiusschleife „Lost Highway", die das Gehirn in neue Kurven legen.
Wie in Charlie Kaufmans Jahrhundertwerk „Synecdoche New York" - und wie bei jedem Spielfilm - rekonstruiert hier jemand die Realität auf wahnsinnige Weise. Da entwickelt sich das Nachspielen eines Banküberfalls zum Set einer kompletten Straße. Aber eine verrückte Wendung von dieser Versponnenheit zurück ins Leben, leitet das Finale eines atemberaubend genial konstruierten Films ein. Der auch glatt als Thriller durchgeht und sich nebenbei eines Koffers raffiniert als spannungstreibenden McGuffin im Sinne Hitchcocks bedient. Wobei Omer Fast immer noch Kunst zeigt, denn endlich traut sich ein Film mal wieder Bilder jenseits des Mainstreams zu zeigen.
Ein Unfall steht am Anfang und am Ende dieses extrem spannenden und mysteriösen Films: Ein Gegenstand fällt Tom (Tom Sturridge) mitten in einem Stück Stadt aus hochmoderner Glas- und Stahl-Architektur auf den Kopf. Er verliert seine Erinnerung und erhält 8,5 Millionen Britischer Pfund Schmerzensgeld. Die Gelegenheit eines neuen Lebens mit eindrucksvollen finanziellen Möglichkeiten zu seinen Bedingungen, so beschreibt es der Anwalt. Tom baut sich aus sehr verwirrenden Erinnerungs-Fragmenten, die immer wieder auftauchen, darauf eine ganze eigene Welt. Er lässt sich ein komplettes Mietshaus nach seinen Erinnerungen rekonstruieren, castet die Bewohner und die schwarzen Katzen, die sich mit Hilfe von Trainern auf dem Dach tummeln sollen. Diktatorisch verlangt er vom gemieteten Musiklehrer, dass dieser auf dessen Etage Chopin erneut komponieren soll, während in einer anderen Wohnung eine Frau für die Geruchskomponente der Erinnerung andauernd Leber brät. Zusätzlich wünscht er sich für die Authentizität der Szene Wolken herbei. Aber immer mehr fixieren sich Tom und der Film auf die Rekonstruktion eines Banküberfalls, bauen die ganze Bank nach und lassen üben, bis die Schauspieler den Raubzug tatsächlich real begehen könnten...
Regisseur Omer Fast galt bislang als Videokünstler, war auf der Dokumenta 13 vertreten und legt mit der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Tom K. McCarthy ein sensationelles Spielfilm-Debüt hin. „Remainder" - ein Wortspiel aus den englischen Worten für Reste (Remains) und Erinnerung (Reminder) - steht in einer Reihe mit Meisterwerken wie „Memento", „12 Monkeys" oder David Lynchs filmische Möbiusschleife „Lost Highway", die das Gehirn in neue Kurven legen.
Wie in Charlie Kaufmans Jahrhundertwerk „Synecdoche New York" - und wie bei jedem Spielfilm - rekonstruiert hier jemand die Realität auf wahnsinnige Weise. Da entwickelt sich das Nachspielen eines Banküberfalls zum Set einer kompletten Straße. Aber eine verrückte Wendung von dieser Versponnenheit zurück ins Leben, leitet das Finale eines atemberaubend genial konstruierten Films ein. Der auch glatt als Thriller durchgeht und sich nebenbei eines Koffers raffiniert als spannungstreibenden McGuffin im Sinne Hitchcocks bedient. Wobei Omer Fast immer noch Kunst zeigt, denn endlich traut sich ein Film mal wieder Bilder jenseits des Mainstreams zu zeigen.
9.5.16
Wie Männer über Frauen reden
BRD 2016 Regie: Henrik Regel mit Oliver Korittke, Frederick Lau, Barnaby Metschurat 89 Min. FSK: ab 12
Reden ist Silber. Richtig: Geschwätzige Komödien verkaufen sich ganz gut und lassen vergessen, dass Kino eine Kunst auch für die Augen ist. Doch Schweigen wäre nicht nur bei Schweiger Gold. Auch das Filmchen „Wie Männer über Frauen reden" würde sich ohne das dauernde zotige und leere Geschwätz noch mehr in Nichts auflösen: DJ, Martini und Frankie sind alte Freunde. Mit Betonung auf zu alt, um noch jede Nacht in den Clubs Frauen „aufzureißen". Das bekommt nur noch Frankie (Barnaby Metschurat) hin, aber der muss immer wieder das Bett für seine beste Freundin Tine (Ellenie Salvo González) freimachen. Beide suchen einen festen Partner, aber überdehnen den Film damit, dass sie aneinander vorbei blicken. Mehr Handlung ist auch nicht, dafür gibt's Sprüche, Sprüche, Sprüche.
Die Verfilmung blöder Sprüche (Buch: Carsten Regel) ist jetzt keine wahnsinnig neue Idee, aber es bleibt furchtbar, was da als Komödie angedacht wird. So wird Berlin von Kreuzberg aus ganz schnell entsiedelt, denn das hält kein Mensch aus. Diese Szene mit viel Sex zwischen peinlich und nicht lustig besteht vor allem aus Sprüchen, die nicht mehr auf die Teebeutel oder in die Glückskeks gepasst haben oder zensiert wurden. Die „Latzhosen-Intoleranz" ist dabei noch am erträglichsten. Szene für Szene wartet man auf den Witz, der nicht raus kommt. Eine Ü30-Teenie-Komödie ohne jede Überraschung. Oliver Korittke, Frederick Lau und Barnaby Metschurat zeigen durchgehend nichts von ihrem Können. Newcomer Frederick Lau enttäuscht mit seiner Filmauswahl.
Reden ist Silber. Richtig: Geschwätzige Komödien verkaufen sich ganz gut und lassen vergessen, dass Kino eine Kunst auch für die Augen ist. Doch Schweigen wäre nicht nur bei Schweiger Gold. Auch das Filmchen „Wie Männer über Frauen reden" würde sich ohne das dauernde zotige und leere Geschwätz noch mehr in Nichts auflösen: DJ, Martini und Frankie sind alte Freunde. Mit Betonung auf zu alt, um noch jede Nacht in den Clubs Frauen „aufzureißen". Das bekommt nur noch Frankie (Barnaby Metschurat) hin, aber der muss immer wieder das Bett für seine beste Freundin Tine (Ellenie Salvo González) freimachen. Beide suchen einen festen Partner, aber überdehnen den Film damit, dass sie aneinander vorbei blicken. Mehr Handlung ist auch nicht, dafür gibt's Sprüche, Sprüche, Sprüche.
Die Verfilmung blöder Sprüche (Buch: Carsten Regel) ist jetzt keine wahnsinnig neue Idee, aber es bleibt furchtbar, was da als Komödie angedacht wird. So wird Berlin von Kreuzberg aus ganz schnell entsiedelt, denn das hält kein Mensch aus. Diese Szene mit viel Sex zwischen peinlich und nicht lustig besteht vor allem aus Sprüchen, die nicht mehr auf die Teebeutel oder in die Glückskeks gepasst haben oder zensiert wurden. Die „Latzhosen-Intoleranz" ist dabei noch am erträglichsten. Szene für Szene wartet man auf den Witz, der nicht raus kommt. Eine Ü30-Teenie-Komödie ohne jede Überraschung. Oliver Korittke, Frederick Lau und Barnaby Metschurat zeigen durchgehend nichts von ihrem Können. Newcomer Frederick Lau enttäuscht mit seiner Filmauswahl.
Victor Frankenstein
USA, Großbritannien 2015 Regie: Paul McGuigan mit James McAvoy, Daniel Radcliffe, Jessica Brown Findlay 110 Min. FSK: ab 16
Eine gruslige Kreatur ist dieser Film: Zusammengeflickt aus schon verwesenden Klassiker-Fetzen, etwas frisches Schauspieler-Blut reingepumpt, schnell mit dicker digitaler Schminke aufgefrischt. Mary Shelleys Frankenstein-Stoff ist nicht tot zu kriegen, aber so widerbelebt, hätte man sich die Energie fürs kinematographische Funkenschlagen sparen können.
Der Zauberlehrling wird zum MTA, zum Medizinisch-technischer Assistenten. Harry Potter - sorry: Daniel Radcliffe - ist der bucklige Clown im Zirkus, der von der Trapez-Künstlerin Lorelei hoch über ihm träumt. Und Anatomie auch in Büchern studiert, wenn er nicht gerade verprügelt wird. Dies Talent erkennt der Tierleichen-Fledderer Victor Frankenstein (James McAvoy), entführt den vermeintlichen Krüppel und richtet ihm im Schnellheilverfahren zum Assistenten auf.
Ja, dies ist das schummerige London der Dampfmaschinen, das mit Steam Punk-Elementen zu einer Action-Kulisse aufgehübscht wird. Der Schnellheilung und äußerliche Aufrichtung des Clowns, der nun Igor genannt wird, folgen gemeinsame Versuche, verstorbene Organe mit Elektrizität wieder zu beleben. Igor ist der eigentlich geniale, der für Fortschritte in dieser recht speziellen Wissenschaft sorgt. Parallel wird aus der Flucht vor den Zirkusleuten eine Kriminalgeschichte von der Suche nach einem Mann, der immer wieder Körperteile klaut.
Zuerst springt ein Zombie-Schimpanse wild herum, dann findet sich ein Mäzen, der den Menschenversuch fordert. Die Aussicht auf Erfolg lässt Frankenstein größenwahnsinnig und unsympathisch werden. Igor teilt die moralischen Bedenken des Polizisten. Was zu einem Duell der fortschrittlichen Wissenschaft gegen einen religiös extremistischen Beamten führt. Da dies wohl nicht reichte, wurde eine tragische Geschichte drangeklebt. Die nicht wirklich funktioniert - weder für Frankenstein noch für die Zuschauer. Nebenbei läuft recht lieblos die Romanze mit der Trapezkünstlerin mit. Im Finale wird es dann ganz lächerlich, wenn Frankenstein Leben schafft, um es direkt danach wieder umzubringen - nur für eine heftige Action-Szene.
Das Produktions-Design macht dem alten London keinen großen Eindruck, die Schauspieler könnten mehr. James McAvoy legt nur anfangs einen sehr lässigen Victor Frankenstein hin. Da kann man schon Bedenken haben, ob das wirklich moralisch ok ist, auf diese Weise einen alten Filmstoff wiederzubeleben. Die Verlagerung der Perspektive auf Igor zündet nicht, das Monster an sich, bringt dramaturgisch so viel wie ein Rest aus der Fleischtheke. Ein Trauerspiel, vor allem wenn man an das ganze moralische Konfliktpotential denkt und an die tragische Tiefe des Originals.
Eine gruslige Kreatur ist dieser Film: Zusammengeflickt aus schon verwesenden Klassiker-Fetzen, etwas frisches Schauspieler-Blut reingepumpt, schnell mit dicker digitaler Schminke aufgefrischt. Mary Shelleys Frankenstein-Stoff ist nicht tot zu kriegen, aber so widerbelebt, hätte man sich die Energie fürs kinematographische Funkenschlagen sparen können.
Der Zauberlehrling wird zum MTA, zum Medizinisch-technischer Assistenten. Harry Potter - sorry: Daniel Radcliffe - ist der bucklige Clown im Zirkus, der von der Trapez-Künstlerin Lorelei hoch über ihm träumt. Und Anatomie auch in Büchern studiert, wenn er nicht gerade verprügelt wird. Dies Talent erkennt der Tierleichen-Fledderer Victor Frankenstein (James McAvoy), entführt den vermeintlichen Krüppel und richtet ihm im Schnellheilverfahren zum Assistenten auf.
Ja, dies ist das schummerige London der Dampfmaschinen, das mit Steam Punk-Elementen zu einer Action-Kulisse aufgehübscht wird. Der Schnellheilung und äußerliche Aufrichtung des Clowns, der nun Igor genannt wird, folgen gemeinsame Versuche, verstorbene Organe mit Elektrizität wieder zu beleben. Igor ist der eigentlich geniale, der für Fortschritte in dieser recht speziellen Wissenschaft sorgt. Parallel wird aus der Flucht vor den Zirkusleuten eine Kriminalgeschichte von der Suche nach einem Mann, der immer wieder Körperteile klaut.
Zuerst springt ein Zombie-Schimpanse wild herum, dann findet sich ein Mäzen, der den Menschenversuch fordert. Die Aussicht auf Erfolg lässt Frankenstein größenwahnsinnig und unsympathisch werden. Igor teilt die moralischen Bedenken des Polizisten. Was zu einem Duell der fortschrittlichen Wissenschaft gegen einen religiös extremistischen Beamten führt. Da dies wohl nicht reichte, wurde eine tragische Geschichte drangeklebt. Die nicht wirklich funktioniert - weder für Frankenstein noch für die Zuschauer. Nebenbei läuft recht lieblos die Romanze mit der Trapezkünstlerin mit. Im Finale wird es dann ganz lächerlich, wenn Frankenstein Leben schafft, um es direkt danach wieder umzubringen - nur für eine heftige Action-Szene.
Das Produktions-Design macht dem alten London keinen großen Eindruck, die Schauspieler könnten mehr. James McAvoy legt nur anfangs einen sehr lässigen Victor Frankenstein hin. Da kann man schon Bedenken haben, ob das wirklich moralisch ok ist, auf diese Weise einen alten Filmstoff wiederzubeleben. Die Verlagerung der Perspektive auf Igor zündet nicht, das Monster an sich, bringt dramaturgisch so viel wie ein Rest aus der Fleischtheke. Ein Trauerspiel, vor allem wenn man an das ganze moralische Konfliktpotential denkt und an die tragische Tiefe des Originals.
2.5.16
Peggy Guggenheim - Ein Leben für die Kunst
USA, Italien, Großbritannien 2015 Regie: Lisa Immordino Vreeland 92 Min. FSK: ab 0
Die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim (1898-1979) war wandelnde Kunstgeschichte. Unter den sehr, sehr reichen Guggenheims, war sie allerdings nur sehr reich. Ihr Vater starb auf der Titanic, seine Geliebte überlebte. Peggy Guggenheim lebte und wirkte in London, Paris, New York, Venedig und zählte Marcel Duchamp, Max Ernst, Jackson Pollock, Yves Tanguy oder Samuel Beckett zu ihren Bekanntschaften. Während des zweiten Weltkrieges kaufte sie in Paris unter Lebensgefahr Kunstwerke und rettet Schätze aber auch Künstler aus dem besetzten Europa.
Diese Dokumentation lässt Peggy Guggenheims müde Stimme in einem lange als verschollen gegoltenen Interview hören, das zu den vielen tragischen Ereignissen in ihrem Leben zu passen scheint. Ein Leben, das von Affären und Beziehungen zu einigen der größten Künstler des letzten Jahrhunderts geprägt war. In rascher Folge werden zeitgenössische (Kunst-) Filme eingestreut, kurze Erklärungen historische aktueller Kunstströmungen wie Dadaismus und vor allem haufenweise Berühmtheiten. Künstler, zu denen sie wohl oft ein Verhältnis hatte. Das dient verschiedenen „Talking Heads" dazu, gleich eine psychologische Kurz-Analyse als „gestörte emanzipierte Frau" abzulegen.
Kurz, ein Par Force-Ritt durch Zeit- und Kunstgeschichte. Entsprechend zu einem aufregenden Leben, das diese brav chronologisch erzählte Biographie irgendwie nur vorsichtig und sachlich wiedergibt. Man ahnt nur eine faszinierende Frau hinter der Flut von Bildern um sie herum. Das macht neugierig, ist aber wohl nur für Interessierte interessant.
Die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim (1898-1979) war wandelnde Kunstgeschichte. Unter den sehr, sehr reichen Guggenheims, war sie allerdings nur sehr reich. Ihr Vater starb auf der Titanic, seine Geliebte überlebte. Peggy Guggenheim lebte und wirkte in London, Paris, New York, Venedig und zählte Marcel Duchamp, Max Ernst, Jackson Pollock, Yves Tanguy oder Samuel Beckett zu ihren Bekanntschaften. Während des zweiten Weltkrieges kaufte sie in Paris unter Lebensgefahr Kunstwerke und rettet Schätze aber auch Künstler aus dem besetzten Europa.
Diese Dokumentation lässt Peggy Guggenheims müde Stimme in einem lange als verschollen gegoltenen Interview hören, das zu den vielen tragischen Ereignissen in ihrem Leben zu passen scheint. Ein Leben, das von Affären und Beziehungen zu einigen der größten Künstler des letzten Jahrhunderts geprägt war. In rascher Folge werden zeitgenössische (Kunst-) Filme eingestreut, kurze Erklärungen historische aktueller Kunstströmungen wie Dadaismus und vor allem haufenweise Berühmtheiten. Künstler, zu denen sie wohl oft ein Verhältnis hatte. Das dient verschiedenen „Talking Heads" dazu, gleich eine psychologische Kurz-Analyse als „gestörte emanzipierte Frau" abzulegen.
Kurz, ein Par Force-Ritt durch Zeit- und Kunstgeschichte. Entsprechend zu einem aufregenden Leben, das diese brav chronologisch erzählte Biographie irgendwie nur vorsichtig und sachlich wiedergibt. Man ahnt nur eine faszinierende Frau hinter der Flut von Bildern um sie herum. Das macht neugierig, ist aber wohl nur für Interessierte interessant.
La belle saison
Frankreich, Belgien 2015 Regie: Catherine Corsini mit Cécile de France, Izïa Higelin, Noémie Lvovsky 106 Min. FSK: ab 12
Die 23-jährige Delphine (Izïa Higelin) hat das Landleben auf dem Bauernhof ihrer Eltern satt. Sie zieht nach Paris, um ländlichen Moralvorstellungen zu entkommen, denn seit einer Weile weiß sie, dass sie nur etwas fühlt, wenn sie Frauen küsst. Im Paris der 70er-Jahre wird mit viel Begeisterung die Frauenbewegung inszeniert. Beim Sprengen der Veranstaltungen von Abtreibungsgegnern, bei den Aktionen für Gleichberechtigung lernt Delphine die extrovertierte Carole (Cécile de France) kennen, ist begeistert von ihr, sogar mehr als begeistert. Und dann schockiert, als sie erfährt, dass Carole mit einem Mann zusammen ist. Doch die Liebe bricht mit dem ersten Kuss aus und das Glück erstrahlt in warmen Farben im Hippie-Umfeld. Bis Delphine durch den Zusammenbruch des Vaters wieder auf dem Bauernhof und in einer extrem von Männern dominierten Welt landet. Carole kommt zwar nach, doch die forsche Jung-Bäuerin ist plötzlich in einer defensiven Haltung. Bei sich zu Hause will sie die neue Beziehung geheim halten, was für die lebenslustige Liebe aus Paris schwer erträglich ist.
Mit viel Leidenschaft und dem Licht des Sommers lässt sich diese schöne Liebesgeschichte genießen. Es werden eine Menge gesellschaftlicher Konfliktpunkte angerissen und es gibt eine ganze Reihe erotischer Szenen, auch wenn es nicht so heftig wird, wie in „Blau ist eine warme Farbe". Cécile de France („Der Junge mit dem Fahrrad") macht den Zeitgeist und die großen Gefühle glaubhaft. Toll auch, wie Noémie Lvovsky, die als Schauspielerin und Regisseurin meist rebellischere Positionen vertritt, die bitter konservative Mutter Delphines spielt. „La belle saison" von der erfahrenen Regisseurin Catherine Corsini (grandios: „Die Affäre", 2009) ist in Hauptfiguren sowie in den ländlichen als auch den Pariser Umgebungen vor allem „belle" - eher schön als vielschichtig. Doch die schwierige Liebesgeschichte erreicht sicher ihr Publikum.
Die 23-jährige Delphine (Izïa Higelin) hat das Landleben auf dem Bauernhof ihrer Eltern satt. Sie zieht nach Paris, um ländlichen Moralvorstellungen zu entkommen, denn seit einer Weile weiß sie, dass sie nur etwas fühlt, wenn sie Frauen küsst. Im Paris der 70er-Jahre wird mit viel Begeisterung die Frauenbewegung inszeniert. Beim Sprengen der Veranstaltungen von Abtreibungsgegnern, bei den Aktionen für Gleichberechtigung lernt Delphine die extrovertierte Carole (Cécile de France) kennen, ist begeistert von ihr, sogar mehr als begeistert. Und dann schockiert, als sie erfährt, dass Carole mit einem Mann zusammen ist. Doch die Liebe bricht mit dem ersten Kuss aus und das Glück erstrahlt in warmen Farben im Hippie-Umfeld. Bis Delphine durch den Zusammenbruch des Vaters wieder auf dem Bauernhof und in einer extrem von Männern dominierten Welt landet. Carole kommt zwar nach, doch die forsche Jung-Bäuerin ist plötzlich in einer defensiven Haltung. Bei sich zu Hause will sie die neue Beziehung geheim halten, was für die lebenslustige Liebe aus Paris schwer erträglich ist.
Mit viel Leidenschaft und dem Licht des Sommers lässt sich diese schöne Liebesgeschichte genießen. Es werden eine Menge gesellschaftlicher Konfliktpunkte angerissen und es gibt eine ganze Reihe erotischer Szenen, auch wenn es nicht so heftig wird, wie in „Blau ist eine warme Farbe". Cécile de France („Der Junge mit dem Fahrrad") macht den Zeitgeist und die großen Gefühle glaubhaft. Toll auch, wie Noémie Lvovsky, die als Schauspielerin und Regisseurin meist rebellischere Positionen vertritt, die bitter konservative Mutter Delphines spielt. „La belle saison" von der erfahrenen Regisseurin Catherine Corsini (grandios: „Die Affäre", 2009) ist in Hauptfiguren sowie in den ländlichen als auch den Pariser Umgebungen vor allem „belle" - eher schön als vielschichtig. Doch die schwierige Liebesgeschichte erreicht sicher ihr Publikum.
Triple 9
USA 2016 Regie: John Hillcoat mit Casey Affleck, Woody Harrelson, Kate Winslet, Anthony Mackie, Chiwetel Ejiofor 116 Min. FSK: ab 16
Man hätte es schon früher ahnen können, als diese junge Schauspielerin ihren neuen Bekannten bei der Kreuzfahrt im Atlantik eiskalt ertrinken ließ. Zuletzt versuchte Kate Winslet mit bösen Ränkespielen in „Die Bestimmung" einen ganzen Staat an sich zu reißen und die Jugend zu verderben. Und dann sah man sie - leider nur auf der DVD „Dressmaker" - als herrlich bösartigen Rache-Drachen in Australien. Doch jetzt setzt Winslet den Gemeinheiten eine besonders schöne Krone auf: Kate Winslet steht als Irina Vlaslov mit roten Pumps im Blut einer koscheren Schlachterei. Deren eigenen Geschäfte sind keineswegs koscher. Als Patin der Russenmafia in Atlanta lässt sie eine Handvoll Polizisten Raubzüge für sie begehen. Dabei ist sie nicht hinter Geld her, sondern will belastende Dokumente vom Staat klauen.
Michael Atwood (Chiwetel Ejiofor) ist Kontaktperson für Irina Vlaslov - und mehr. Der harte Cop hat ein Kind mit Vlaslovs Schwester und gnadenlos kontrolliert die blonde Killerin den Ex-Schwager. Denn nach erfolgreicher Aktion und Action gibt es nicht das versprochene Geld. Stattdessen mehr Druck und einen noch schwierigeren Auftrag. Um die Aufmerksamkeit von einem Diebstahl heikler Daten abzulenken, muss ein „999" her. Der titelgebende (Triple 9) Mord an einem Polizisten. Ein brutales Spiel beginnt, bei dem es nur Verlierer gibt.
Regisseur John Hillcoat ist einer der Gewaltmenschen des Kinos: Zuletzt inszenierte er den unglaublich intensiven Western „Lawless - Die Gesetzlosen" nach einem adaptierten Drehbuch von Nick Cave. Zuvor beeindruckte er schon mit dem Endzeit-Drama „The Road" (2010) und dem Gefängnisfilm „Ghosts... of the civil dead" (1988). Nun meistert er den knallharten Cop-Thriller „Triple 9" ohne mit Klischees dieses beliebten Genres zu langweilen. Dazu trägt die Kamera von Nicolas Karakatsanis mit dunklen und rauen Szenen bei, aber vor allem die grandiose Besetzung: Kate Winslet liest dem Neffen, der auch Geisel ist, Kindergeschichten vor, um direkt danach ein paar kleine Betrüger hinrichten zu lassen. Woody Harrelson als sehr lässiger und verkommener Kommissar Jeffrey Allen mit entstellendem Überbiss ist der letzte Hoffnungsträger in einer korrupten Gesellschaft. Wenn da nicht der unkontrollierbare Neuling aus dessen Familie wäre: Der Polizist Chris Allen (Casey Affleck) kommt aus einer besseren Gegend, ist eigentlich verdammt, im harten Krieg gegen die Gangs unterzugehen. Wie erwartet legt er sich immer mit den falschen an. Doch nach der anfänglichen Überraschung, dass es Polizisten sind, die den Raub sehr professionell durchgezogen haben, gibt es auch beim Niedergang der Cop-Gang noch ein paar unerwartete Wendungen. Mit der erwartet hohen Zahl an Toten.
Man muss solche Filme nicht mögen, aber in einer Kino-Zeit mit Superhelden-Nichtigkeiten, die hauptsächlich aus Prügeleien bestehen, wirkt diese Gewalt aus der echten Welt sogar befreiend. Vor allem, wenn sie von einem Könner wie Hillcoat packend inszeniert wurde, und wenn reihenweise gute Schauspieler schauspielern dürfen, statt in bunten Strumpfhosen durch die Luft zu fliegen.
Man hätte es schon früher ahnen können, als diese junge Schauspielerin ihren neuen Bekannten bei der Kreuzfahrt im Atlantik eiskalt ertrinken ließ. Zuletzt versuchte Kate Winslet mit bösen Ränkespielen in „Die Bestimmung" einen ganzen Staat an sich zu reißen und die Jugend zu verderben. Und dann sah man sie - leider nur auf der DVD „Dressmaker" - als herrlich bösartigen Rache-Drachen in Australien. Doch jetzt setzt Winslet den Gemeinheiten eine besonders schöne Krone auf: Kate Winslet steht als Irina Vlaslov mit roten Pumps im Blut einer koscheren Schlachterei. Deren eigenen Geschäfte sind keineswegs koscher. Als Patin der Russenmafia in Atlanta lässt sie eine Handvoll Polizisten Raubzüge für sie begehen. Dabei ist sie nicht hinter Geld her, sondern will belastende Dokumente vom Staat klauen.
Michael Atwood (Chiwetel Ejiofor) ist Kontaktperson für Irina Vlaslov - und mehr. Der harte Cop hat ein Kind mit Vlaslovs Schwester und gnadenlos kontrolliert die blonde Killerin den Ex-Schwager. Denn nach erfolgreicher Aktion und Action gibt es nicht das versprochene Geld. Stattdessen mehr Druck und einen noch schwierigeren Auftrag. Um die Aufmerksamkeit von einem Diebstahl heikler Daten abzulenken, muss ein „999" her. Der titelgebende (Triple 9) Mord an einem Polizisten. Ein brutales Spiel beginnt, bei dem es nur Verlierer gibt.
Regisseur John Hillcoat ist einer der Gewaltmenschen des Kinos: Zuletzt inszenierte er den unglaublich intensiven Western „Lawless - Die Gesetzlosen" nach einem adaptierten Drehbuch von Nick Cave. Zuvor beeindruckte er schon mit dem Endzeit-Drama „The Road" (2010) und dem Gefängnisfilm „Ghosts... of the civil dead" (1988). Nun meistert er den knallharten Cop-Thriller „Triple 9" ohne mit Klischees dieses beliebten Genres zu langweilen. Dazu trägt die Kamera von Nicolas Karakatsanis mit dunklen und rauen Szenen bei, aber vor allem die grandiose Besetzung: Kate Winslet liest dem Neffen, der auch Geisel ist, Kindergeschichten vor, um direkt danach ein paar kleine Betrüger hinrichten zu lassen. Woody Harrelson als sehr lässiger und verkommener Kommissar Jeffrey Allen mit entstellendem Überbiss ist der letzte Hoffnungsträger in einer korrupten Gesellschaft. Wenn da nicht der unkontrollierbare Neuling aus dessen Familie wäre: Der Polizist Chris Allen (Casey Affleck) kommt aus einer besseren Gegend, ist eigentlich verdammt, im harten Krieg gegen die Gangs unterzugehen. Wie erwartet legt er sich immer mit den falschen an. Doch nach der anfänglichen Überraschung, dass es Polizisten sind, die den Raub sehr professionell durchgezogen haben, gibt es auch beim Niedergang der Cop-Gang noch ein paar unerwartete Wendungen. Mit der erwartet hohen Zahl an Toten.
Man muss solche Filme nicht mögen, aber in einer Kino-Zeit mit Superhelden-Nichtigkeiten, die hauptsächlich aus Prügeleien bestehen, wirkt diese Gewalt aus der echten Welt sogar befreiend. Vor allem, wenn sie von einem Könner wie Hillcoat packend inszeniert wurde, und wenn reihenweise gute Schauspieler schauspielern dürfen, statt in bunten Strumpfhosen durch die Luft zu fliegen.
30.4.16
A Bigger Splash
Italien, Frankreich 2015 Regie: Luca Guadagnino mit Tilda Swinton, Matthias Schoenaerts, Ralph Fiennes, Dakota Johnson 124 Min.
Die Leinwand bebt, wenn Tilda Superstar auf die Bühne tritt. Dann wird es sehr still um den Rockstar - Marianne (Tilda Swinton) muss nach einer Operation an den Stimmbändern schweigen. Was in den schönen und intimen Momenten mit ihren Freund Paul (Matthias Schoenaerts) während eines italienischen Insel-Sommers gar nicht schlecht aussieht. Sogar sehr gut, denn dieser sinnliche Film ist wieder von Luca Guadagnino, der in „I Am Love", auch mit Tilda Swinton, eine der erotischsten Liebesszenen mit feinem Gespür auf die Leinwand brachte.
Die Ruhe ist allerdings hin, als Harry (Ralph Fiennes) auftaucht, Mariannes Ex-Freund in Begleitung seiner Tochter Penelope (Dakota Johnson). Der Musikproduzent, auch der Stones, der Gast, der sich selbst eingeladen hat, redet ununterbrochen und ungehemmt. Hardy ist Pauls alter Freund aber vor allem Mariannes alter Liebhaber. Sechs Jahre hatte sie mit ihm, nun sechs Jahre mit Paul. Wie die jeweils sechs Songs auf den beiden Seiten alter Vinyl-LPs, wie die vorlaute Penelope es dem ihrer Meinung nach „häuslichen Rockstar" vorträgt.
Die sehr vertraute, intime Zweisamkeit ist aufgebrochen. Harry lädt sich noch seine Freunde ein, nun könnten sie nicht mehr frei und nackt sein, bedauert Paul. Eine Rücksicht, die Harry völlig fremd ist. Er hüpft herum, wie er will, und sagt auch, was er will. So kommt Pauls Selbstmordversuch und die Sucht ins Gespräch. Wobei Harry, die britische Billig-Variante eine schöpferischen und zerstörerischen Shiva, letztlich Marianne zurückholen will. Die junge Tochter ist ihm dabei behilflich, auch wenn Paul sich wenig interessiert zeigt.
Zwar ist „A Bigger Splash" ganz klar ein in den Grundzügen wenig verändertes Remake des französischen Klassikers „La Piscine" (Der Swimmingpool) aus dem Jahr 1969 mit Romy Schneider und Alain Delon. Doch man sollte sich nicht am freudlosen Vergleich abarbeiten. Regisseur Luca Guadagnino begeistert erneut mit einer Vielzahl intensiver, sinnlicher und packender Szenen. Anfangs gibt es Sex und Rock'n'Roll in dichter, rascher Folge. Im Drama um Verführung und Eifersucht verstecken sich die Protagonisten gerne hinter verspiegelten Brillen, oder hinter einer ärztlich verordneten Schweigepflicht.
So entspannt sich ein Kampf um das bessere Leben: Paul sei gut für Marianne aber angeblich langweilig, meint Harry. Der sorgt selbst beim altbackenen Dorffest mit der Tochter beim Singen von „Unforgettable" (einst im Duett von Nat King Cole mit seiner Tochter Natalie) für Gänsehaut. Und fängt sich den Verdacht ein, er würde seiner Tochter, die er erst seit wenigen Monaten kennt, zu nahe kommen. Dann geschieht ein Mord und nun wechselt die enorme Spannung zwischen den Personen zur Form des Krimis. Die Musik geht - alles andere als unauffällig - vom Rock zur kraftvollen Klassik über.
Vielschichtig fächert Luca Guadagnino die Beziehungen des Originals auf, erweitert die Verführungen und Eifersüchte des Originals um allgemeinere Themen. Und dann ist ja auch noch dieser Stachel der allgegenwärtigen Flüchtlinge, denn die italienische Insel stellt sich als Lampedusa heraus: Zuerst erschrecken sie ein wenig, dann versucht man ihnen tatsächlich die Täterschaft in die abgelaufen Schuhe zu schieben. Und letztlich ist es die Flüchtlingssituation, die verhindert dass eine Form von Gerechtigkeit obsiegt.
Ralph Fiennes gibt Harry auf überraschend faszinierende Weise als hyperaktiver Spinner und kann sogar Tilda Swinton die Show stehlen. Der belgische Shooting Star Schoenaerts erweitert mit ihr nach Kate Winslet („Die Gärtnerin von Versailles"), Marion Cotillard („Der Geschmack von Rost und Knochen") und Alicia Vikander („The Danish Girl") seine Filmaffären mit attraktiven Filmfrauen und kann im Vergleich mit Alain Delon mithalten. Die Bilder schwelgen in allem, was Lampedusa der Kamera bietet. Und genauso suhlt sich Regisseur Luca Guadagnino auf schöne und fesselnde Weise in menschlichen Regungen und Zuckungen.
Die Leinwand bebt, wenn Tilda Superstar auf die Bühne tritt. Dann wird es sehr still um den Rockstar - Marianne (Tilda Swinton) muss nach einer Operation an den Stimmbändern schweigen. Was in den schönen und intimen Momenten mit ihren Freund Paul (Matthias Schoenaerts) während eines italienischen Insel-Sommers gar nicht schlecht aussieht. Sogar sehr gut, denn dieser sinnliche Film ist wieder von Luca Guadagnino, der in „I Am Love", auch mit Tilda Swinton, eine der erotischsten Liebesszenen mit feinem Gespür auf die Leinwand brachte.
Die Ruhe ist allerdings hin, als Harry (Ralph Fiennes) auftaucht, Mariannes Ex-Freund in Begleitung seiner Tochter Penelope (Dakota Johnson). Der Musikproduzent, auch der Stones, der Gast, der sich selbst eingeladen hat, redet ununterbrochen und ungehemmt. Hardy ist Pauls alter Freund aber vor allem Mariannes alter Liebhaber. Sechs Jahre hatte sie mit ihm, nun sechs Jahre mit Paul. Wie die jeweils sechs Songs auf den beiden Seiten alter Vinyl-LPs, wie die vorlaute Penelope es dem ihrer Meinung nach „häuslichen Rockstar" vorträgt.
Die sehr vertraute, intime Zweisamkeit ist aufgebrochen. Harry lädt sich noch seine Freunde ein, nun könnten sie nicht mehr frei und nackt sein, bedauert Paul. Eine Rücksicht, die Harry völlig fremd ist. Er hüpft herum, wie er will, und sagt auch, was er will. So kommt Pauls Selbstmordversuch und die Sucht ins Gespräch. Wobei Harry, die britische Billig-Variante eine schöpferischen und zerstörerischen Shiva, letztlich Marianne zurückholen will. Die junge Tochter ist ihm dabei behilflich, auch wenn Paul sich wenig interessiert zeigt.
Zwar ist „A Bigger Splash" ganz klar ein in den Grundzügen wenig verändertes Remake des französischen Klassikers „La Piscine" (Der Swimmingpool) aus dem Jahr 1969 mit Romy Schneider und Alain Delon. Doch man sollte sich nicht am freudlosen Vergleich abarbeiten. Regisseur Luca Guadagnino begeistert erneut mit einer Vielzahl intensiver, sinnlicher und packender Szenen. Anfangs gibt es Sex und Rock'n'Roll in dichter, rascher Folge. Im Drama um Verführung und Eifersucht verstecken sich die Protagonisten gerne hinter verspiegelten Brillen, oder hinter einer ärztlich verordneten Schweigepflicht.
So entspannt sich ein Kampf um das bessere Leben: Paul sei gut für Marianne aber angeblich langweilig, meint Harry. Der sorgt selbst beim altbackenen Dorffest mit der Tochter beim Singen von „Unforgettable" (einst im Duett von Nat King Cole mit seiner Tochter Natalie) für Gänsehaut. Und fängt sich den Verdacht ein, er würde seiner Tochter, die er erst seit wenigen Monaten kennt, zu nahe kommen. Dann geschieht ein Mord und nun wechselt die enorme Spannung zwischen den Personen zur Form des Krimis. Die Musik geht - alles andere als unauffällig - vom Rock zur kraftvollen Klassik über.
Vielschichtig fächert Luca Guadagnino die Beziehungen des Originals auf, erweitert die Verführungen und Eifersüchte des Originals um allgemeinere Themen. Und dann ist ja auch noch dieser Stachel der allgegenwärtigen Flüchtlinge, denn die italienische Insel stellt sich als Lampedusa heraus: Zuerst erschrecken sie ein wenig, dann versucht man ihnen tatsächlich die Täterschaft in die abgelaufen Schuhe zu schieben. Und letztlich ist es die Flüchtlingssituation, die verhindert dass eine Form von Gerechtigkeit obsiegt.
Ralph Fiennes gibt Harry auf überraschend faszinierende Weise als hyperaktiver Spinner und kann sogar Tilda Swinton die Show stehlen. Der belgische Shooting Star Schoenaerts erweitert mit ihr nach Kate Winslet („Die Gärtnerin von Versailles"), Marion Cotillard („Der Geschmack von Rost und Knochen") und Alicia Vikander („The Danish Girl") seine Filmaffären mit attraktiven Filmfrauen und kann im Vergleich mit Alain Delon mithalten. Die Bilder schwelgen in allem, was Lampedusa der Kamera bietet. Und genauso suhlt sich Regisseur Luca Guadagnino auf schöne und fesselnde Weise in menschlichen Regungen und Zuckungen.
27.4.16
The First Avenger: Civil War
USA 2016 (Captain America: Civil War) Regie: Anthony Russo, Joe Russo mit Chris Evans, Robert Downey jr., Scarlett Johansson 148 Min. FSK: ab 12
Viel Lärm um nichts – Teil 3
Wieder schüttelt es die Action-Figürchen von Marvel durcheinander. Das System des Gastauftritts in der Filmreihe eines anderen Comic-Helden ist mittlerweile so ausgefuchst („dritte Phase"), dass es mehr Kombinationen als beim Schach gibt! Diesmal, im Nachfolger von „The Return Of The First Avenger", dreht sich alles um den gleichen Konflikt wie letztens in „Batman vs Superman" oder in der „X-Men"-Saga: Der Einsatz der Avengers fordert ähnlich viele zivile Opfer wie reale Friedens-Missionen in Syrien. So viel „Collateral damage" müssen die Vereinten Nationen unter ihre Kontrolle bringen. Das führt zu zwei Meinungen in der Superhelden-Sammlung, die selbstverständlich nur in einer riesigen Schlägerei ausgetauscht werden können.
Nach fünf Minuten ziellosem Geballer und Angeberei mit Superhelden-Tricks ist dieser Konflikt, der ganz heftig an den Haaren herbeigezogen wird, etabliert. Da ist mittlerweile sogar der Teaser bei Bond besser! Nur der starke Auftritt von Robert Downey jr., dessen schwer gestörter Iron Man gerne mal 600 Millionen für eine 3D-Therapie mit animierter Vergangenheit ausgibt, erweckt Interesse. Zwar werden diese völlig lächerlichen Helden-Figuren erstaunlicherweise von teilweise richtig guten Schauspielern verkörpert, doch Anthony und Joe Russo sind nicht die Regisseure, die aus hervorragenden Schauspielern das Beste herausholen.
Dann dauert es zähe 100 Minuten bis sich zwei Teams aus Super-Sonderlingen gegenüber stehen. Und es bei viel Haudrauf noch uninteressanter wird. Am Ende enthüllt Daniel Brühl als gemeingefährlicher Opferanwalt seinen fiesen Racheplan. Die ganze Kämpferei ist im Prinzip das gleiche wie bei Disneys uraltem Duell "Die Hexe und der Zauberer" - nur teurer.
Hier hat der Marvel-Konzer vor lauter Weltherrschafts-Fantasien vergessen, einen guten Film zu machen. Denn das ist selbst bei Unterhaltung und Action eine Kunst. Dauernd ist die Kamera zu nahe dran und erzeugt ein vor allem nerviges Wirrwarr der Bilder. Witz gibt es nur bei der Rekrutierung von Spider-Boy, der seine Hausaufgaben liegenlässt, um mitzumachen.
„The First Avenger: Civil War" spielt sich vor einem ganzen Spinnennetz von anderen Geschichten und Filmen ab, vergangenen und zukünftigen, die mühsam zusammengeflickt werden müssen. Den ersten Teil des Films schaut man diesem Verweben zu. Wer von Geschichtenerzählen mehr erwartet, als das Versammeln von immer mehr Actionfigürchen in einer Spielekiste, wird gelangweilt sein. Dem Wahnsinn viel zu langer, bedeutungsloser Filme entspricht, dass dies eigentlich nur der endlos ausgedehnte Prolog für die Fortsetzung ist.
Was wirklich erstaunt, ist mit welcher Vehemenz das Problem der Kontrolle von Weltenrettern zum Hauptthema gemacht wird. Die Vereinten Nationen wollen die Avengers kontrollieren. William Hurt äußert als Außenminister deutliche Kritik an US-Außenpolitik. Der Transfer-Schritt von Captain America zur Weltpolizei USA müsste tatsächlich auch für Fans von Superhelden-Verfilmungen machbar sein. Gibt es in dem Grübchen der Superhelden-Film-Produzenten etwa weltpolitische Philosophen? Bisher waren sie mit dem Heftchen und dennoch dünneren Inhalten ja nicht unbedingt in der Gilde der Denker angekommen. Doch die eigentliche Frage ist, was das Ergebnis dieser vermeintlichen Filmepoche sein wird, die Marvel mit aller Marktmacht herbeizwing? Eine Generation von „Fan Boys", die wenig clevere immer alles mit Gewalt regeln wollen?
Viel Lärm um nichts – Teil 3
Wieder schüttelt es die Action-Figürchen von Marvel durcheinander. Das System des Gastauftritts in der Filmreihe eines anderen Comic-Helden ist mittlerweile so ausgefuchst („dritte Phase"), dass es mehr Kombinationen als beim Schach gibt! Diesmal, im Nachfolger von „The Return Of The First Avenger", dreht sich alles um den gleichen Konflikt wie letztens in „Batman vs Superman" oder in der „X-Men"-Saga: Der Einsatz der Avengers fordert ähnlich viele zivile Opfer wie reale Friedens-Missionen in Syrien. So viel „Collateral damage" müssen die Vereinten Nationen unter ihre Kontrolle bringen. Das führt zu zwei Meinungen in der Superhelden-Sammlung, die selbstverständlich nur in einer riesigen Schlägerei ausgetauscht werden können.
Nach fünf Minuten ziellosem Geballer und Angeberei mit Superhelden-Tricks ist dieser Konflikt, der ganz heftig an den Haaren herbeigezogen wird, etabliert. Da ist mittlerweile sogar der Teaser bei Bond besser! Nur der starke Auftritt von Robert Downey jr., dessen schwer gestörter Iron Man gerne mal 600 Millionen für eine 3D-Therapie mit animierter Vergangenheit ausgibt, erweckt Interesse. Zwar werden diese völlig lächerlichen Helden-Figuren erstaunlicherweise von teilweise richtig guten Schauspielern verkörpert, doch Anthony und Joe Russo sind nicht die Regisseure, die aus hervorragenden Schauspielern das Beste herausholen.
Dann dauert es zähe 100 Minuten bis sich zwei Teams aus Super-Sonderlingen gegenüber stehen. Und es bei viel Haudrauf noch uninteressanter wird. Am Ende enthüllt Daniel Brühl als gemeingefährlicher Opferanwalt seinen fiesen Racheplan. Die ganze Kämpferei ist im Prinzip das gleiche wie bei Disneys uraltem Duell "Die Hexe und der Zauberer" - nur teurer.
Hier hat der Marvel-Konzer vor lauter Weltherrschafts-Fantasien vergessen, einen guten Film zu machen. Denn das ist selbst bei Unterhaltung und Action eine Kunst. Dauernd ist die Kamera zu nahe dran und erzeugt ein vor allem nerviges Wirrwarr der Bilder. Witz gibt es nur bei der Rekrutierung von Spider-Boy, der seine Hausaufgaben liegenlässt, um mitzumachen.
„The First Avenger: Civil War" spielt sich vor einem ganzen Spinnennetz von anderen Geschichten und Filmen ab, vergangenen und zukünftigen, die mühsam zusammengeflickt werden müssen. Den ersten Teil des Films schaut man diesem Verweben zu. Wer von Geschichtenerzählen mehr erwartet, als das Versammeln von immer mehr Actionfigürchen in einer Spielekiste, wird gelangweilt sein. Dem Wahnsinn viel zu langer, bedeutungsloser Filme entspricht, dass dies eigentlich nur der endlos ausgedehnte Prolog für die Fortsetzung ist.
Was wirklich erstaunt, ist mit welcher Vehemenz das Problem der Kontrolle von Weltenrettern zum Hauptthema gemacht wird. Die Vereinten Nationen wollen die Avengers kontrollieren. William Hurt äußert als Außenminister deutliche Kritik an US-Außenpolitik. Der Transfer-Schritt von Captain America zur Weltpolizei USA müsste tatsächlich auch für Fans von Superhelden-Verfilmungen machbar sein. Gibt es in dem Grübchen der Superhelden-Film-Produzenten etwa weltpolitische Philosophen? Bisher waren sie mit dem Heftchen und dennoch dünneren Inhalten ja nicht unbedingt in der Gilde der Denker angekommen. Doch die eigentliche Frage ist, was das Ergebnis dieser vermeintlichen Filmepoche sein wird, die Marvel mit aller Marktmacht herbeizwing? Eine Generation von „Fan Boys", die wenig clevere immer alles mit Gewalt regeln wollen?
Der Schamane und die Schlange
Kolumbien, Venezuela, Argentinien 2015 (El Abrazo de la Serpiente) Regie: Giro Guerra mit Jan Bijvoet, Brionne Davis, Nilbio Torres, Antonio Bolívar 125 Min.
In einer faszinierend eigenen Ästhetik, weit weg von westlichen Sehweisen, erzählt „Der Schamane und die Schlange" von einer doppelten Begegnung von Forschern mit Amazonas-Bewohnern. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts stimmt der einsam lebende Schamane Karamakate, der letzte seines Stammes, zu, dem schwer kranken deutschen Forscher Theodor Koch-Grünberg zu helfen. Auf einer langen Flussfahrt suchen sie die geheimnisvolle Yakruna-Pflanze. 30 Jahre später sucht der Botaniker Richard Evans Schultes Karamakate auf. Auch er ist auf der Suche nach der Yakruna. Karamakate hat mittlerweile den Zugang zur Geisterwelt verloren, der Fremde kann mit den Aufzeichnungen seines deutschen Vorgängers die Tradition wieder aufleben lassen.
Die Ethnologen und Natur-Forscher schleppen ihr Wissen auf alberne Weise in haufenweisen Kisten mit sich rum. Das wird nicht nur vom jungen Karamakate verspottet, doch ohne überheblich zu argumentieren, stellt der Film unterschiedliche Konzepte der Wissensvermittlung nebeneinander. Denn Koch-Grünberg will zum Beispiel nicht seinen Kompass bei einem Stamm zurücklassen, damit dieser nicht seine Methode der Orientierung anhand der Sterne vergisst. Im schönen Schwarz-Weiß sind die beiden Geschichten reizvoll verwoben und gewähren nachdenkliche machende Entdeckungen.
In einer faszinierend eigenen Ästhetik, weit weg von westlichen Sehweisen, erzählt „Der Schamane und die Schlange" von einer doppelten Begegnung von Forschern mit Amazonas-Bewohnern. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts stimmt der einsam lebende Schamane Karamakate, der letzte seines Stammes, zu, dem schwer kranken deutschen Forscher Theodor Koch-Grünberg zu helfen. Auf einer langen Flussfahrt suchen sie die geheimnisvolle Yakruna-Pflanze. 30 Jahre später sucht der Botaniker Richard Evans Schultes Karamakate auf. Auch er ist auf der Suche nach der Yakruna. Karamakate hat mittlerweile den Zugang zur Geisterwelt verloren, der Fremde kann mit den Aufzeichnungen seines deutschen Vorgängers die Tradition wieder aufleben lassen.
Die Ethnologen und Natur-Forscher schleppen ihr Wissen auf alberne Weise in haufenweisen Kisten mit sich rum. Das wird nicht nur vom jungen Karamakate verspottet, doch ohne überheblich zu argumentieren, stellt der Film unterschiedliche Konzepte der Wissensvermittlung nebeneinander. Denn Koch-Grünberg will zum Beispiel nicht seinen Kompass bei einem Stamm zurücklassen, damit dieser nicht seine Methode der Orientierung anhand der Sterne vergisst. Im schönen Schwarz-Weiß sind die beiden Geschichten reizvoll verwoben und gewähren nachdenkliche machende Entdeckungen.
26.4.16
Bauernopfer - Spiel der Könige
USA 2014 (Pawn Sacrifice) Regie: Edward Zwick mit obey Maguire, Liev Schreiber, Michael Stuhlbarg, Peter Sarsgaard 114 Min. FSK: ab 6
Patriotismus im Kalten Krieg und Diplomatie der Völkerverständigung am Spieltisch. Der Weltmeisterschaftskampf 1972 zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer (1943-2008) war viel mehr als ein Schachspiel und ein großes Duell der „Sport"-Geschichte. Edward Zwick („Love and other Drugs", „Blood Diamond", „Traffic") zeichnet mit Tobey Maguire („Spiderman", „Der große Gatsby") ein packendes Psychogramm des us-amerikanischen Sonderlings Fischer.
Mitten im Wahnsinn demontiert Bobby Fischer sein Hotelzimmer auf der Suche nach den Abhör-Wanzen einer jüdisch-kommunistischen Weltverschwörung. Von diesem Intermezzo des Titelkampfes geht der Film zurück in die Kindheit eines Schach-Genies, das hochempfindlich auf alle Geräusche reagiert und nur im Schachspiel abgelenkt ist. Die exil-russische Gesellschaft seiner Mutter in Brooklyn verursacht auch früh einen tiefen Riss in Bobbys Persönlichkeit. Einerseits fasziniert von den Russen, die er aber auch verachtet. Das ergibt im Kalten Krieg, angefeuert durch heimlich vom Staat geleitete Berater eine hochexplosive Mischung, die schon bei einem ersten Show-Kampf in Santa Monica zu Fischers Flucht aus dem Spiel führt.
Spiderman spielt jetzt Schach und Tobey Maguire meistert die Rolle sehr glaubhaft. Auch um ihn herum ist „Bauernopfer" mit Liev Schreiber und Peter Sarsgaard hervorragend besetzt. Denn Gegenspieler Spassky packt mit einer faszinierenden Persönlichkeit ebenso wie der Priester Bill Lombardy (Peter Sarsgaard) in Fischers Team.
Zwick hat den komplizierten Verstand, der zeitweise als genial durchging, packend mit Erinnerungen, Gedankenströmen und spannenden Duellen porträtiert. Zu der Frage, wie man ein Schachspiel fesselnd inszeniert, kommt es gar nicht. In seiner Psychose stört sich der hypersensible Spieler Fischer an den kleinsten Geräuschen, eine weitere Ebene des Psychokrieges wird noch vor der nächsten Partie eröffnet. Interessant auch, dass der Film im Moment des Erfolges abbricht und den besonders wirren Teil von Fischers Biografie nur knapp im Text nachliefert.
Patriotismus im Kalten Krieg und Diplomatie der Völkerverständigung am Spieltisch. Der Weltmeisterschaftskampf 1972 zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer (1943-2008) war viel mehr als ein Schachspiel und ein großes Duell der „Sport"-Geschichte. Edward Zwick („Love and other Drugs", „Blood Diamond", „Traffic") zeichnet mit Tobey Maguire („Spiderman", „Der große Gatsby") ein packendes Psychogramm des us-amerikanischen Sonderlings Fischer.
Mitten im Wahnsinn demontiert Bobby Fischer sein Hotelzimmer auf der Suche nach den Abhör-Wanzen einer jüdisch-kommunistischen Weltverschwörung. Von diesem Intermezzo des Titelkampfes geht der Film zurück in die Kindheit eines Schach-Genies, das hochempfindlich auf alle Geräusche reagiert und nur im Schachspiel abgelenkt ist. Die exil-russische Gesellschaft seiner Mutter in Brooklyn verursacht auch früh einen tiefen Riss in Bobbys Persönlichkeit. Einerseits fasziniert von den Russen, die er aber auch verachtet. Das ergibt im Kalten Krieg, angefeuert durch heimlich vom Staat geleitete Berater eine hochexplosive Mischung, die schon bei einem ersten Show-Kampf in Santa Monica zu Fischers Flucht aus dem Spiel führt.
Spiderman spielt jetzt Schach und Tobey Maguire meistert die Rolle sehr glaubhaft. Auch um ihn herum ist „Bauernopfer" mit Liev Schreiber und Peter Sarsgaard hervorragend besetzt. Denn Gegenspieler Spassky packt mit einer faszinierenden Persönlichkeit ebenso wie der Priester Bill Lombardy (Peter Sarsgaard) in Fischers Team.
Zwick hat den komplizierten Verstand, der zeitweise als genial durchging, packend mit Erinnerungen, Gedankenströmen und spannenden Duellen porträtiert. Zu der Frage, wie man ein Schachspiel fesselnd inszeniert, kommt es gar nicht. In seiner Psychose stört sich der hypersensible Spieler Fischer an den kleinsten Geräuschen, eine weitere Ebene des Psychokrieges wird noch vor der nächsten Partie eröffnet. Interessant auch, dass der Film im Moment des Erfolges abbricht und den besonders wirren Teil von Fischers Biografie nur knapp im Text nachliefert.
Ein Hologramm für den König
BRD, Großbritannien, Frankreich, USA 2016 Regie: Tom Tykwer mit Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen 98 Min. FSK: ab 6
„You may find yourself in an other part of the world" singt David Byrne im Song „Once In A Lifetime" der Talking Heads, und der us-amerikanische Verkäufer Alan Clay (Tom Hanks) findet sich in seinem neuen, dringend benötigten Job tatsächlich im ihm sehr fremden Saudi Arabien. Eine Software für holografische Telefonkonferenzen soll dem König verkauft werden, doch das Team von Clay befindet sich in einer kafkaesken Warteschleife ohne Wlan und Klimaanlage.
Denn im Murmeltier-Modus heißt es täglich: Der König kommt heute wieder nicht. Zeit also, „Lost in Translation" und im Jetlag die kleinen Tode eines Handlungsreisenden zu erleben. Oder eine exzessive Party in der dänischen Botschaft, wo eine schöne Finanzspezialistin etwas von ihm will. So ist Alan Clay bald dauernd verkatert in einem Land, in dem Alkohol verboten ist, und bricht letztendlich zusammen, so wie vorher öfters Stühle unter ihm. Eine sehr interessante Ärztin behandelt die mysteriöse Beule an seinem Rücken mit mehr Nähe, als es die dortige Gesellschaft zulässt.
Tom Tykwer, der innovativste der internationalen deutschen Regisseure („Winterschläfer", „Lola rennt", „Heaven"), bringt die Routine des Stillstands („Same as it ever was..." heißt es bei den Talking Heads) in reizvolle Bilder und Abläufe. Immer wieder zeigt sich sein besonderes Auge für Architektur-Fotografie (Kamera: Frank Griebe), anfangs legt er im schnellen Rhythmus irre Szenen rundum Tom Hanks neuem Jedermann hin.
Man kann in diesem müden Alan Clay das Ende des US-Kapitalismus verkörpert sehen, der in einer neuen Weltordnung links und rechts überholt wird, nachdem er sich selbst und seine Produktion zuvor Billig-Ländern ausgeliefert hat. Denn Clay hat einst die Fahrrad-Produktion von Swinn nach China ausgelagert, was ihm Schuldgefühle und Spott wegen dieses klassischen Falls idiotischer Sparbemühungen mit katastrophalem Ausgang einbringt.
Man kann auch die Verlorenheit (Lost in Translation) von Clay mit den Warteschleifen von Drehbuchautoren in Hollywood vergleichen - siehe „Barton Fink". Die gleichnamige Vorlage zu „Ein Hologramm für den König" stammt vom angesagten Autor Dave Eggers. Er schrieb schon die Vorlage zu „Promised Land", dem Anti-Fracking-Film mit Matt Damon, und war auch Drehbuchautor der bemerkenswerten „Away We Go" sowie „Wo die wilden Kerle wohnen".
Während also der Sand in der Wüste gepflegt wird, wo als Traumschloss mal eine Stadt für 1,5 Millionen Menschen stehen soll, entdeckt die staunende Figur von Hanks zwischen Angst-Neurosen und Panik-Attacken auf Abwegen spannende Kultur-Unterschiede, aber auch, dass sie bloß ein feiner Schleier trennt. Das gilt besonders für die schöne Romantik zwischen Clay und seiner Ärztin Dr. Zahra Hakem (Sarita Choudhury). Nur für die wunderschöne Liebesszene unter Wasser („Into the blue again, into the silent water", Talking Heads) lohnt sich dieser Film.
Zwar gibt es Kritik an den Verhältnissen, an den irgendwie selbstverständlichen Hinrichtungen vor dem Balkon, den Arbeitssklaven all überall („Gewerkschaften haben wir hier nicht, wir haben Philippinos") und den extrem eingeschränktem Lebensmöglichkeiten für Frauen. Aber vor allem lässt sich eine überraschende Art der Völkerverständigung entdecken, sowie kleine Nischen in den rigiden Regeln des wahhabitischen Staates.
Auch Tom Hanks wirkt schließlich völlig befreit von seinen Rollen und Images. Das Ende verläuft zwar etwas zum harmonisch, als ob es einen Zwang zum Happy End gegeben hätte. Da wird Einiges ruckzuck beendet oder gar vergessen, bei dem man gerne eine runde Verabschiedung erlebt hätte. Doch insgesamt ist „Ein Hologramm für den König" ein sehr, sehr interessanter, komischer und zugleich nachdenklicher Film, der auf vielfältige Weise unbekannte Territorien und Sichtweisen zeigt.
„You may find yourself in an other part of the world" singt David Byrne im Song „Once In A Lifetime" der Talking Heads, und der us-amerikanische Verkäufer Alan Clay (Tom Hanks) findet sich in seinem neuen, dringend benötigten Job tatsächlich im ihm sehr fremden Saudi Arabien. Eine Software für holografische Telefonkonferenzen soll dem König verkauft werden, doch das Team von Clay befindet sich in einer kafkaesken Warteschleife ohne Wlan und Klimaanlage.
Denn im Murmeltier-Modus heißt es täglich: Der König kommt heute wieder nicht. Zeit also, „Lost in Translation" und im Jetlag die kleinen Tode eines Handlungsreisenden zu erleben. Oder eine exzessive Party in der dänischen Botschaft, wo eine schöne Finanzspezialistin etwas von ihm will. So ist Alan Clay bald dauernd verkatert in einem Land, in dem Alkohol verboten ist, und bricht letztendlich zusammen, so wie vorher öfters Stühle unter ihm. Eine sehr interessante Ärztin behandelt die mysteriöse Beule an seinem Rücken mit mehr Nähe, als es die dortige Gesellschaft zulässt.
Tom Tykwer, der innovativste der internationalen deutschen Regisseure („Winterschläfer", „Lola rennt", „Heaven"), bringt die Routine des Stillstands („Same as it ever was..." heißt es bei den Talking Heads) in reizvolle Bilder und Abläufe. Immer wieder zeigt sich sein besonderes Auge für Architektur-Fotografie (Kamera: Frank Griebe), anfangs legt er im schnellen Rhythmus irre Szenen rundum Tom Hanks neuem Jedermann hin.
Man kann in diesem müden Alan Clay das Ende des US-Kapitalismus verkörpert sehen, der in einer neuen Weltordnung links und rechts überholt wird, nachdem er sich selbst und seine Produktion zuvor Billig-Ländern ausgeliefert hat. Denn Clay hat einst die Fahrrad-Produktion von Swinn nach China ausgelagert, was ihm Schuldgefühle und Spott wegen dieses klassischen Falls idiotischer Sparbemühungen mit katastrophalem Ausgang einbringt.
Man kann auch die Verlorenheit (Lost in Translation) von Clay mit den Warteschleifen von Drehbuchautoren in Hollywood vergleichen - siehe „Barton Fink". Die gleichnamige Vorlage zu „Ein Hologramm für den König" stammt vom angesagten Autor Dave Eggers. Er schrieb schon die Vorlage zu „Promised Land", dem Anti-Fracking-Film mit Matt Damon, und war auch Drehbuchautor der bemerkenswerten „Away We Go" sowie „Wo die wilden Kerle wohnen".
Während also der Sand in der Wüste gepflegt wird, wo als Traumschloss mal eine Stadt für 1,5 Millionen Menschen stehen soll, entdeckt die staunende Figur von Hanks zwischen Angst-Neurosen und Panik-Attacken auf Abwegen spannende Kultur-Unterschiede, aber auch, dass sie bloß ein feiner Schleier trennt. Das gilt besonders für die schöne Romantik zwischen Clay und seiner Ärztin Dr. Zahra Hakem (Sarita Choudhury). Nur für die wunderschöne Liebesszene unter Wasser („Into the blue again, into the silent water", Talking Heads) lohnt sich dieser Film.
Zwar gibt es Kritik an den Verhältnissen, an den irgendwie selbstverständlichen Hinrichtungen vor dem Balkon, den Arbeitssklaven all überall („Gewerkschaften haben wir hier nicht, wir haben Philippinos") und den extrem eingeschränktem Lebensmöglichkeiten für Frauen. Aber vor allem lässt sich eine überraschende Art der Völkerverständigung entdecken, sowie kleine Nischen in den rigiden Regeln des wahhabitischen Staates.
Auch Tom Hanks wirkt schließlich völlig befreit von seinen Rollen und Images. Das Ende verläuft zwar etwas zum harmonisch, als ob es einen Zwang zum Happy End gegeben hätte. Da wird Einiges ruckzuck beendet oder gar vergessen, bei dem man gerne eine runde Verabschiedung erlebt hätte. Doch insgesamt ist „Ein Hologramm für den König" ein sehr, sehr interessanter, komischer und zugleich nachdenklicher Film, der auf vielfältige Weise unbekannte Territorien und Sichtweisen zeigt.
25.4.16
Ratchet & Clank
USA 2016 Regie: Kevin Munroe, Jericca Cleland 94 Min. FSK: ab 6
Dass ein PlayStation-Spiel verfilmt wird, kann nicht mehr erstaunen, nachdem sowohl Konsolen-Spiele („Resident Evil") als auch Freizeitparks („Fluch der Karibik") als Ideengeber herhalten mussten. „Ratchet & Clank" bietet nun im Kinder-Kino einen Mix von animierter Figuren, die selbst im Science Fiction-Setting nicht unbedingt aus einem Guss wirken. Die Fuchs-Katzen-Mischung Ratchet träumt davon, ein Galactic Ranger zu werden. Das Casting dazu bringt ihm zwar die deprimierende Abfuhr des selbstverliebten Anführers Qwark ein, aber eine heldenhafte Rettungsaktion des raffinierten Mechanikers macht ihn zum neuen Star. Der Einsatz gegen den Planeten-Zerstörer eines wahnsinnigen Wissenschaftlers erfordert allerdings auch Team-Geist. Von der gegnerischen Seite wird der zu klein geratene Roboter Clank zum Freund Ratchets.
Man muss nur ungefähr einen Film pro Jahr sehen, um schon „Ratchet & Clank" als Kopie erkennen zu können. Die Pod-Racer-Raserei, das übliche Casting und der Aufstieg eines Underdogs. Zu erschreckend wenig eigene Ideen gesellen sich austauschbare Figuren und Sätze vom Fließband. So ist diese Science Fiction-Animation aus dem Haus Sony vor allem bunt. Die Waffensammlung mag für PS-Spieler lustig sein, seltsam ist, wenn ausgerechnet ein Handy-Hersteller unaufmerksame Dauern-Smser abknallt. Spät gibt es etwas Action, dann Drama und das Comeback des gefallenen Helden. Nur manchmal blitzt in den Dialogen Witz auf, klebrige Moralsprüche triefen dagegen dauernd aus den Lautsprechern. Vor allem wenn man dies mit dem „Alles steht Kopf " (mittlerweile auf DVD) vergleicht, muss diese digitale Kleckserei im Farbtopf schwer enttäuschen.
Dass ein PlayStation-Spiel verfilmt wird, kann nicht mehr erstaunen, nachdem sowohl Konsolen-Spiele („Resident Evil") als auch Freizeitparks („Fluch der Karibik") als Ideengeber herhalten mussten. „Ratchet & Clank" bietet nun im Kinder-Kino einen Mix von animierter Figuren, die selbst im Science Fiction-Setting nicht unbedingt aus einem Guss wirken. Die Fuchs-Katzen-Mischung Ratchet träumt davon, ein Galactic Ranger zu werden. Das Casting dazu bringt ihm zwar die deprimierende Abfuhr des selbstverliebten Anführers Qwark ein, aber eine heldenhafte Rettungsaktion des raffinierten Mechanikers macht ihn zum neuen Star. Der Einsatz gegen den Planeten-Zerstörer eines wahnsinnigen Wissenschaftlers erfordert allerdings auch Team-Geist. Von der gegnerischen Seite wird der zu klein geratene Roboter Clank zum Freund Ratchets.
Man muss nur ungefähr einen Film pro Jahr sehen, um schon „Ratchet & Clank" als Kopie erkennen zu können. Die Pod-Racer-Raserei, das übliche Casting und der Aufstieg eines Underdogs. Zu erschreckend wenig eigene Ideen gesellen sich austauschbare Figuren und Sätze vom Fließband. So ist diese Science Fiction-Animation aus dem Haus Sony vor allem bunt. Die Waffensammlung mag für PS-Spieler lustig sein, seltsam ist, wenn ausgerechnet ein Handy-Hersteller unaufmerksame Dauern-Smser abknallt. Spät gibt es etwas Action, dann Drama und das Comeback des gefallenen Helden. Nur manchmal blitzt in den Dialogen Witz auf, klebrige Moralsprüche triefen dagegen dauernd aus den Lautsprechern. Vor allem wenn man dies mit dem „Alles steht Kopf " (mittlerweile auf DVD) vergleicht, muss diese digitale Kleckserei im Farbtopf schwer enttäuschen.
Ich bin tot, macht was draus!
Belgien, Frankreich 2015 (Je suis mort mais j'ai des amis) Regie: Guillaume Malandrin, Stéphane Malandrin mit Bouli Lanners, Wim Willaert, Lyès Salem, Serge Riaboukine, Eddy Leduc, Jacky Lambert 96 Min. FSK: ab 6
Bouli Lanners gehört zu den Lieblingen des frankophonen Kinos. Als Schauspieler in großen Erfolgen wie „Asterix & Obelix - Im Auftrag Ihrer Majestät" oder „Der Geschmack von Rost und Knochen". Und als Regisseur sowie Darsteller kleiner, sympathischer Produktionen. Seine imposante Erscheinung ist aus dem französischen Kino mittlerweile nicht mehr wegzudenken, er spielte neben Depardieu, Marion Cotillard oder seinem flämischen Landsmann Matthias Schoenaerts.
Nun läuft Lanners im von ihm geliebten Format des Road Movie zur Höchstform auf: Yvan (Lanners) steht mit seiner belgischen Band „Grand Ours" vor der US-Tournee, als auf kuriose Weise der Leadsänger Jipé (Jacky Lambert) tödlich verunglückt. In einer grandiosen Szene müssen sich Yvan und seine Kumpels die Urne ihres Frontmannes von seinem Schnulzensänger-Bruder zurückholen. Damit fangen die Probleme erst an, weil die verbliebene Band des Verblichenen die US-Tour trotzdem durchziehen will. Mit Jipé in einer Dose Lütticher Birnensirup. Aber nicht mit dessen Liebhaber Dany (Lyès Salem), der plötzlich auftaucht und von dem niemand etwas wusste - geschweige von Jipés Homosexualität!
Die bärtigen Alt-Rocker stürzen erst bei der Trauerfeier ab und danach fast auch mit dem Flieger. Weil das die Flugangst des Bassisten Wim besonders beflügelt, will der lieber mit dem Zug vom Notlande-Flughafen in Kanada weiterfahren. Allerdings geht es stundenlang in die falsche Richtung, zu den Eskimos und nicht nach Montreal. Aber ein paar Züge am Joint später ist es eine wilde Party-Eisenbahn.
Mit herrlicher Punk-Attitude erzählen die Brüder Guillaume und Stéphane Malandrin von Freundschaften in Bewegung, zu Land und in der Luft, in traumhaften Straßenkreuzern und endlosen Zugfahrten. Sie waren auch schon federführend an dem berührend makabren „Kill me please" (2010) beteiligt. „Ich bin tot, macht was draus!" wäre richtig und weniger blödsinnig mit „Ich bin tot, aber ich habe Freunde" übersetzt. Doch das kann diesem herrlich bis absurd komischen Film mit seinen sympathisch rauen Charakteren nichts anhaben. Er erinnert etwas an die Filme „Mammuth" (2012) und „Der Tag wird kommen" (2012) der Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern, bei beiden denen übrigens Bouli Lanners auch mitspielte.
Bouli Lanners gehört zu den Lieblingen des frankophonen Kinos. Als Schauspieler in großen Erfolgen wie „Asterix & Obelix - Im Auftrag Ihrer Majestät" oder „Der Geschmack von Rost und Knochen". Und als Regisseur sowie Darsteller kleiner, sympathischer Produktionen. Seine imposante Erscheinung ist aus dem französischen Kino mittlerweile nicht mehr wegzudenken, er spielte neben Depardieu, Marion Cotillard oder seinem flämischen Landsmann Matthias Schoenaerts.
Nun läuft Lanners im von ihm geliebten Format des Road Movie zur Höchstform auf: Yvan (Lanners) steht mit seiner belgischen Band „Grand Ours" vor der US-Tournee, als auf kuriose Weise der Leadsänger Jipé (Jacky Lambert) tödlich verunglückt. In einer grandiosen Szene müssen sich Yvan und seine Kumpels die Urne ihres Frontmannes von seinem Schnulzensänger-Bruder zurückholen. Damit fangen die Probleme erst an, weil die verbliebene Band des Verblichenen die US-Tour trotzdem durchziehen will. Mit Jipé in einer Dose Lütticher Birnensirup. Aber nicht mit dessen Liebhaber Dany (Lyès Salem), der plötzlich auftaucht und von dem niemand etwas wusste - geschweige von Jipés Homosexualität!
Die bärtigen Alt-Rocker stürzen erst bei der Trauerfeier ab und danach fast auch mit dem Flieger. Weil das die Flugangst des Bassisten Wim besonders beflügelt, will der lieber mit dem Zug vom Notlande-Flughafen in Kanada weiterfahren. Allerdings geht es stundenlang in die falsche Richtung, zu den Eskimos und nicht nach Montreal. Aber ein paar Züge am Joint später ist es eine wilde Party-Eisenbahn.
Mit herrlicher Punk-Attitude erzählen die Brüder Guillaume und Stéphane Malandrin von Freundschaften in Bewegung, zu Land und in der Luft, in traumhaften Straßenkreuzern und endlosen Zugfahrten. Sie waren auch schon federführend an dem berührend makabren „Kill me please" (2010) beteiligt. „Ich bin tot, macht was draus!" wäre richtig und weniger blödsinnig mit „Ich bin tot, aber ich habe Freunde" übersetzt. Doch das kann diesem herrlich bis absurd komischen Film mit seinen sympathisch rauen Charakteren nichts anhaben. Er erinnert etwas an die Filme „Mammuth" (2012) und „Der Tag wird kommen" (2012) der Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern, bei beiden denen übrigens Bouli Lanners auch mitspielte.
20.4.16
Much Loved
Frankreich, Marokko 2015 Regie: Nabil Ayouch mit Loubna Abidar, Asmaa Lazrak, Halima Karaouane, Sara Elhamdi Elalaoui 103 Min.
Noha, Randa und Soukaina sind Prostituierte in Marrakesch, die in einer Frauen-WG zusammenleben. Wir erleben ihren nächtlichen Alltag exzessiver Partys mit saufenden und koksenden Saudis, die Fleischbeschau mit vielfältigen Erniedrigungen, die unverhüllten, direkten Gespräche der Frauen untereinander.
Soukaina hat einen eifersüchtigen Liebhaber, der sie auch nicht besser behandelt und sie nach dem Quickie auf einem Hinterhof auch noch um Geld anbettelt. Ähnlich verächtlich verhält sich die gierige Mutter von Noha, die immer mehr Geld verlangt, aber die Arbeit der Familienernährerin verachtet. Es gibt Versuche von Liebe, heftige Zicken-Alarme, Treffen mit den Transvestiten-Kollegen und die Vergewaltigung durch den korrupten Polizisten. „Much Loved" will ein gesellschaftliches Bild Marokkos geben. Dabei berührt das Leid der Frauen durch die unterschiedlichen Zwänge, die strukturelle und manifeste Gewalt. Weitere schockierende Details, wie der Straßenjunge, der von Europäern gekauft wird, sind ebenso untergemischt wie atmosphärische Aufnahmen von den Straßen Marrakeschs und wechseln sich ab mit ruhigen, freudigen Momenten der Frauen-Gemeinschaft.
Der marokkanische Regisseur Nabil Ayouch („Mektoub", „Ali Zaoua", „Les chevaux de dieu") entwickelte den Film auf der Basis von Gesprächen mit hunderten Prostituierten. Er gibt sich einen aufklärerischen Anstrich, dabei sind die Hintergründe der Frauen eigentlich etwas dünn entwickelt, auch wenn die Beobachtungen in „Much Loved" wenigstens nicht zu sehr ins Voyeuristische abdriften. Trotzdem soll die Hauptdarstellerin Loubna Abidar nach der Cannes-Premiere Morddrohungen erhalten haben. Ein interessanter Film und regional ein Politikum.
Noha, Randa und Soukaina sind Prostituierte in Marrakesch, die in einer Frauen-WG zusammenleben. Wir erleben ihren nächtlichen Alltag exzessiver Partys mit saufenden und koksenden Saudis, die Fleischbeschau mit vielfältigen Erniedrigungen, die unverhüllten, direkten Gespräche der Frauen untereinander.
Soukaina hat einen eifersüchtigen Liebhaber, der sie auch nicht besser behandelt und sie nach dem Quickie auf einem Hinterhof auch noch um Geld anbettelt. Ähnlich verächtlich verhält sich die gierige Mutter von Noha, die immer mehr Geld verlangt, aber die Arbeit der Familienernährerin verachtet. Es gibt Versuche von Liebe, heftige Zicken-Alarme, Treffen mit den Transvestiten-Kollegen und die Vergewaltigung durch den korrupten Polizisten. „Much Loved" will ein gesellschaftliches Bild Marokkos geben. Dabei berührt das Leid der Frauen durch die unterschiedlichen Zwänge, die strukturelle und manifeste Gewalt. Weitere schockierende Details, wie der Straßenjunge, der von Europäern gekauft wird, sind ebenso untergemischt wie atmosphärische Aufnahmen von den Straßen Marrakeschs und wechseln sich ab mit ruhigen, freudigen Momenten der Frauen-Gemeinschaft.
Der marokkanische Regisseur Nabil Ayouch („Mektoub", „Ali Zaoua", „Les chevaux de dieu") entwickelte den Film auf der Basis von Gesprächen mit hunderten Prostituierten. Er gibt sich einen aufklärerischen Anstrich, dabei sind die Hintergründe der Frauen eigentlich etwas dünn entwickelt, auch wenn die Beobachtungen in „Much Loved" wenigstens nicht zu sehr ins Voyeuristische abdriften. Trotzdem soll die Hauptdarstellerin Loubna Abidar nach der Cannes-Premiere Morddrohungen erhalten haben. Ein interessanter Film und regional ein Politikum.
19.4.16
Visions
USA 2015 Regie: Kevin Greutert mit Isla Fisher, Anson Mount, Gillian Jacobs 82 Min.
Das Drehbuch dieses mäßigen Horrorfilms greift sich ganz fies zu Beginn ein Baby, um es im Verkehrsunfall umkommen zu lassen. Die unschuldige Fahrerin des anderen Autos wird ein Jahr später während ihrer Schwangerschaft auf einem sonnenüberfluteten kalifornischen Weingut von unheimlichen Erscheinungen heimgesucht. Es sind die üblichen Horror-Zutaten, die geheimnisvoll tragische Vorgeschichte des Hauses, eine unheimlich okkulte Weinkennerin, die das Bett des Paares beschwört. Wobei man das als Spinnerei einer Schwangeren, als reale Bedrohung oder als Übersinnliches einordnen kann. In der unübersichtlichen Dramaturgie wird man ebenso verwirrt wie die Hauptfigur. Dabei ist die Hauptdarstellerin nicht überzeugend, zudem der Ehemann seltsam uninteressiert an den Sorgen seiner Frau. Wie so oft enttäuscht auch die simple Auflösung.
Das Drehbuch dieses mäßigen Horrorfilms greift sich ganz fies zu Beginn ein Baby, um es im Verkehrsunfall umkommen zu lassen. Die unschuldige Fahrerin des anderen Autos wird ein Jahr später während ihrer Schwangerschaft auf einem sonnenüberfluteten kalifornischen Weingut von unheimlichen Erscheinungen heimgesucht. Es sind die üblichen Horror-Zutaten, die geheimnisvoll tragische Vorgeschichte des Hauses, eine unheimlich okkulte Weinkennerin, die das Bett des Paares beschwört. Wobei man das als Spinnerei einer Schwangeren, als reale Bedrohung oder als Übersinnliches einordnen kann. In der unübersichtlichen Dramaturgie wird man ebenso verwirrt wie die Hauptfigur. Dabei ist die Hauptdarstellerin nicht überzeugend, zudem der Ehemann seltsam uninteressiert an den Sorgen seiner Frau. Wie so oft enttäuscht auch die simple Auflösung.
The Lobster (DVD)
Regie: Yorgos Lanthimos
Science-Fiction
Nach dem Debakel um den Holocaust-Film „Son of Saul" erneut erweist sich Sony erneut als Verhinderer von Kino-Kultur. „The Lobster", der spannendste Film des Jahres, der nicht im Kino angelaufen ist, erscheint nun aber wenigstens auf DVD. Colin Farrell, Rachel Weisz, Lea Seydoux, John C. Reilly und Ben Whishaw sind die Stars dieser Komödie, die den seltsamen Paarungszwang unserer Gesellschaft auf herrlich schräge Weise bloßstellt: „The Lobster" zeigt eine Welt, in der niemand Single sein darf. Wer alleine lebt, wird eingefangen und hat in einer streng geführten Besserungsanstalt 45 Tage Zeit, einen Partner zu finden. Sollte das nicht funktionieren, wird er oder sie in ein Tier der Wahl verwandelt. Doch in den Wäldern vor der skurrilen Klinik versteckt sich eine Widerstandsbewegung - mit ähnlich absurden Gesetzen. Hier ist Liebe und Paarung unter Androhung grausamer Strafen verboten. Nachdem der Single David (Colin Farrell) der Klinik entfliehen kann, verliebt er sich in die „kurzsichtige Frau" (Rachel Weisz), was von der harten Rebellen-Führerin (Léa Seydoux) bestraft wird.
Regisseur Yorgos Lanthimos („Dog Tooth", „Alpen") gehört mit Athina Rachel Tsangari („Chevalier", „Attenberg") zu den herausragenden Köpfen der neuen griechischen Welle. „The Lobster" ist eine herrlich abstruse Parabel auf das Paarungsverhalten moderner Menschen.
Science-Fiction
Nach dem Debakel um den Holocaust-Film „Son of Saul" erneut erweist sich Sony erneut als Verhinderer von Kino-Kultur. „The Lobster", der spannendste Film des Jahres, der nicht im Kino angelaufen ist, erscheint nun aber wenigstens auf DVD. Colin Farrell, Rachel Weisz, Lea Seydoux, John C. Reilly und Ben Whishaw sind die Stars dieser Komödie, die den seltsamen Paarungszwang unserer Gesellschaft auf herrlich schräge Weise bloßstellt: „The Lobster" zeigt eine Welt, in der niemand Single sein darf. Wer alleine lebt, wird eingefangen und hat in einer streng geführten Besserungsanstalt 45 Tage Zeit, einen Partner zu finden. Sollte das nicht funktionieren, wird er oder sie in ein Tier der Wahl verwandelt. Doch in den Wäldern vor der skurrilen Klinik versteckt sich eine Widerstandsbewegung - mit ähnlich absurden Gesetzen. Hier ist Liebe und Paarung unter Androhung grausamer Strafen verboten. Nachdem der Single David (Colin Farrell) der Klinik entfliehen kann, verliebt er sich in die „kurzsichtige Frau" (Rachel Weisz), was von der harten Rebellen-Führerin (Léa Seydoux) bestraft wird.
Regisseur Yorgos Lanthimos („Dog Tooth", „Alpen") gehört mit Athina Rachel Tsangari („Chevalier", „Attenberg") zu den herausragenden Köpfen der neuen griechischen Welle. „The Lobster" ist eine herrlich abstruse Parabel auf das Paarungsverhalten moderner Menschen.
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