USA, Hongkong 2018 Regie: Pierre Morel, mit Jennifer Garner, Method Man, John Ortiz, John Gallagher Jr., 102 Min. FSK ab 16
Der Begriff Rache-Engel ist post-biblisch ein krasser Gegensatz, denn wie engelhaft mitfühlend kann jemand sein, der gnadenlos Rache ausübt? Jennifer Garner alias Serienkillerin Riley North und Pierre Morel („96 Hours"), Regie-Spezialist fürs Knallharte, führen einen eintönigen, lauten und blutigen Film lang vor, dass Rache und Trauer schwer in eine limitierte Figur passen.
Eine Frau muss miterleben, wie Mann und Kind ermordet werden. Das könnte das unvermeidliche US-Remake von Fatih Akins spannendem NSU-Film „Aus dem Nichts" werden. Doch „Peppermint" schafft es, die gleiche Ausgangssituation mit wesentlich weniger Inhalt und vor allem - vermeintlich - ohne Politik versanden zu lassen. Dafür knallt es kräftig. Direkt zu Anfang, wenn Riley North (Jennifer Garner) als knallharte Kämpferin einen Mann im Auto-Nahkampf erschießt. Die einfallslose Rückblende macht klar warum, erklärt eher offensichtlich als Spannung erzeugend, wie Mann und Tochter von einem Drogenkartell hingerichtet wurden. Eine kurzdenkend konstruierte Fehljustiz mit sehr seltsamer Vorstellung von Gerichtsverfahren lässt die dank Gesichtstattoos lächerlich einfach zu identifizierenden Täter ungestraft. Die Bankangestellte Riley North, die nicht mal gegen Überstunden protestierte, nimmt sich nun fünf Jahre Auszeit und kehrt als Kampfmaschine zurück. Unglaublich clever, aber so doof, sich beim Waffen-Arsenal klauen filmen zu lassen. So ist nun auch das FBI hinter ihr her.
Was „Peppermint" nicht viel spannender macht, weil Riley ohne Widerstand jeden umbringt, der irgendwie mal gemein war. Selbst die spießige Oberzicken-Mutter von der Schule der Tochter bekommt die Strafe für ihre Fiesigkeit. Vielleicht etwas zu viel Strafe, im eigenen Haus lebendig zu verbrennen... Vorher wurde schon ihr Richter ohne Beweis gefoltert und in die Luft gejagt.
Das ist nicht nur eine unverschämte Glorifizierung von Selbstjustiz. „Peppermint" tut zudem auch so, als wenn ein Mensch nach zig kaltblütigen Morden unverändert ein paar Tränchen für die Tochter zerdrücken kann. Von Jennifer Garner („Alias") mäßig gespielt, aber vor allem reichlich naiv und geschmacklos. Dass der Ehemann, der doch irgendwelche Verbindungen zum organisierten Verbrechen hatte, bald vergessen ist, gehört zu den Schlampigkeiten in der Rache- und Gewalt-Orgie. Das Schlimmste ist allerdings die Schlussszene, die eine Fortsetzung geradezu androht.
26.11.18
21.11.18
Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand
Irland, Kanada 2017 (The Man Who Invented Christmas) Regie: Bharat Nalluri mit Dan Stevens, Christopher Plummer, Jonathan Pryce 104 Min. FSK ab 6
Der lange Titel „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand" klingt nach verstaubtem Bio-Pic, bietet aber einen kurzweiligen und komischen Kostümfilm über eine Schaffens- und Finanzkrise des berühmten Charles Dickens, aus der schließlich seine weltberühmte Weihnachtsgeschichte entstand.
Heute ist Charles Dickens (1812-1870) ein großer Name der Literatur-Geschichte und mit „Hits" wie „Oliver Twist" oder „A Christmas Carol" auch sicherer Lieferant für brave Verfilmungen. Doch Dickens (Dan Stevens), der einst selbst die englischen Kinder-Fabriken aus „Oliver Twist" erlebte, kämpfte zwei Jahre nach seinem Erfolg mit finanziellen Problemen. Und mit einer bösen Schreibblockade. Dann kommt auch noch der nervige Vater (Jonathan Pryce) mit seinen ewigen Geldsorgen vorbei. Dabei muss Dickens selbst bei den Kerzen sparen. Bis er vom neuen irischen Kindermädchen die Idee zur Weihnachtsgeschichte klaut.
Die Suche nach dem richtigen Namen für die Figur des Scrooge (Christopher Plummer), die dann postwendend erscheint, ist ebenso komisch inszeniert wie die anderen Alltagsprobleme im zu repräsentativen Londoner Haus mit den zu vielen Kindern. In der etwas vorhersehbaren, aber nett ausgespielten Konstruktion tauchen nach Scrooge auch noch die eigenen Geister von Dickens und seiner Vergangenheit auf. Vor allem die Erinnerung an den Weihnachtsabend, an dem sein verschuldeter Vater abgeholt wurde, quält.
Aber „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand" ist vor allem ein leicht erzählter Spaß: Schnell erkennt man im Kellner, im Totengräber und anderen Figuren des Alltags die Vorlagen für Scrooge und die Geister der Weihnacht. Tiny Tim mit seiner Krücke war eigentlich ein Neffe von Dickens, und es ist besonders komisch, wenn Christopher Plummer als Scrooge eine eigene Passage schreiben will. Dickens läutert beim Schreiben der Geschichte seine persönliche Scrooge-Haftigkeit, seine Grimmigkeit gegenüber den dauernden Störungen durch die eigene Familie und die Härte gegen den anstrengenden Vater.
Diese Nacherzählung aus der Schreibstube des Autors (nach dem gleichnamigen Roman von Les Standiford) hat nicht die Grimmigkeit der letzten Disney-Verfilmung. Sie erzählt von einer gesegneten Zeit, in der Verleger Weihnachten gerade nicht als geeignete Zeit für kommerzielle Erfolge ansahen.
Letztendlich ist der sorgfältig gemachte und prominent besetzte Film etwas überfüllt mit Referenzen um die Durchdringung von Werk und Schaffensprozess. Aber am Ende stellt sich wohl kalkuliert die dicke Dickens-Rührung ein.
Der lange Titel „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand" klingt nach verstaubtem Bio-Pic, bietet aber einen kurzweiligen und komischen Kostümfilm über eine Schaffens- und Finanzkrise des berühmten Charles Dickens, aus der schließlich seine weltberühmte Weihnachtsgeschichte entstand.
Heute ist Charles Dickens (1812-1870) ein großer Name der Literatur-Geschichte und mit „Hits" wie „Oliver Twist" oder „A Christmas Carol" auch sicherer Lieferant für brave Verfilmungen. Doch Dickens (Dan Stevens), der einst selbst die englischen Kinder-Fabriken aus „Oliver Twist" erlebte, kämpfte zwei Jahre nach seinem Erfolg mit finanziellen Problemen. Und mit einer bösen Schreibblockade. Dann kommt auch noch der nervige Vater (Jonathan Pryce) mit seinen ewigen Geldsorgen vorbei. Dabei muss Dickens selbst bei den Kerzen sparen. Bis er vom neuen irischen Kindermädchen die Idee zur Weihnachtsgeschichte klaut.
Die Suche nach dem richtigen Namen für die Figur des Scrooge (Christopher Plummer), die dann postwendend erscheint, ist ebenso komisch inszeniert wie die anderen Alltagsprobleme im zu repräsentativen Londoner Haus mit den zu vielen Kindern. In der etwas vorhersehbaren, aber nett ausgespielten Konstruktion tauchen nach Scrooge auch noch die eigenen Geister von Dickens und seiner Vergangenheit auf. Vor allem die Erinnerung an den Weihnachtsabend, an dem sein verschuldeter Vater abgeholt wurde, quält.
Aber „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand" ist vor allem ein leicht erzählter Spaß: Schnell erkennt man im Kellner, im Totengräber und anderen Figuren des Alltags die Vorlagen für Scrooge und die Geister der Weihnacht. Tiny Tim mit seiner Krücke war eigentlich ein Neffe von Dickens, und es ist besonders komisch, wenn Christopher Plummer als Scrooge eine eigene Passage schreiben will. Dickens läutert beim Schreiben der Geschichte seine persönliche Scrooge-Haftigkeit, seine Grimmigkeit gegenüber den dauernden Störungen durch die eigene Familie und die Härte gegen den anstrengenden Vater.
Diese Nacherzählung aus der Schreibstube des Autors (nach dem gleichnamigen Roman von Les Standiford) hat nicht die Grimmigkeit der letzten Disney-Verfilmung. Sie erzählt von einer gesegneten Zeit, in der Verleger Weihnachten gerade nicht als geeignete Zeit für kommerzielle Erfolge ansahen.
Letztendlich ist der sorgfältig gemachte und prominent besetzte Film etwas überfüllt mit Referenzen um die Durchdringung von Werk und Schaffensprozess. Aber am Ende stellt sich wohl kalkuliert die dicke Dickens-Rührung ein.
20.11.18
Cold War
Polen, GB, Frankreich 2018 (Zimna Wojna) Regie: Pawel Pawlikowski, mit Joanna Kulig, Tomasz Kot 88 Min. FSK ab 12
Heißer Oscar-Kandidat und Amour Fou auf Polnisch: Nach „Ida" bringt der aus Polen stammende und in England ausgebildete Pawel Pawlikowski erneut ein stilistisches Meisterwerk auf die Leinwand. „Cold War", die Geschichte seine Eltern ist eine sehr bewegte Liebe dies- und jenseits der Grenzen des Kalten Krieges.
Das Liebesdrama beginnt mit der aus „Gadjo Dilo" und vielen anderen Filmen bekannten Suche nach authentischer Musik der Landbevölkerung. Was Wiktor (Tomasz Kot) kurz nach Kriegsende beim Vorsingen schließlich findet, ist eine bewegte Liebe. Der Dirigent wählt die blonde Schönheit Zula (Joanna Kulig) ins Ensemble, obwohl sie die Noten nicht immer trifft. Aber die polnische Volkstanztruppe wird ein Erfolg und ein Propaganda-Hit zu Ehren Stalins. Man stelle sich die Charme-Truppen aus Nordkorea bei der letzten Winter-Olympiade vor, nur mit besserer Musik. Wiktor und Zula werden auf der Tournee ein Paar, aber er will bei Auftritt Ostberlin mit ihr in den Westen. Sie versetzt ihn, vom eisigen Berlin führt der Schnitt zu heißen Rhythmen in einem Pariser Jazz-Keller.
Der harte Bruch von hübsch aufpolierter Volksmusik zu Propaganda-Zwecken in Ost-Berlin zum Jazz in Paris wird nicht der einzige brüske Schnitt in dieser wahrlich wechselhaften Liebes-Geschichte bleiben. Dabei bleibt Regisseur Pawel Pawlikowski mit dem gleichen Team seiner Schwarz-Weiß-Ästhetik im 4:3-Format treu. Aber mit dem Paar ändert sich auch der Stil im klassischen Kader: Die Pariser Episoden könnten Nouvelle Vague sein, in Polen sieht man Tarkowskij-Stil und soll sich genau an diese Film-Epochen erinnern. Und man genießt erneut eine breite Palette von Musikstilen, das Titellied wird sogar durch Zeiten, Systeme und Stile konjugiert.
Dazu ist Zula dann die perfekte Femme Fatale. Wiktor kommt entspannt überall zurecht, sie ist nirgendwo glücklich. Provoziert Eifersucht auf allen Seiten, meckert und mäkelt in Bilderbuch-Umgebung. Selbst das wunderbar bittersüße Schlussbild des Films muss sie in einer ironischen Wendung kaputtmachen: Lass uns auf die andere Seite gehen, sagt sie. Und schon sind sie aus dem Bild. Diese trotzdem liebevolle Betrachtung hat ihre Wurzeln im persönlichen Ursprung der Gesichte - es die von Pawel Pawlikowskis Eltern.
Ein wenig schwebend wie Wong Kar-wais „In the Mood for Love", nur in polnisch und mit doch relativ vielen Worten. Das große Drama der Welt-Geschichte läuft im Hintergrund ab, es ist nicht der Kern wie bei „Ida". Wenn man jedoch so eine Amour Fou, so eine verrückte Liebe mag, ist es ein perfekter, großartiger Film, ein weiteres Meisterwerk.
Heißer Oscar-Kandidat und Amour Fou auf Polnisch: Nach „Ida" bringt der aus Polen stammende und in England ausgebildete Pawel Pawlikowski erneut ein stilistisches Meisterwerk auf die Leinwand. „Cold War", die Geschichte seine Eltern ist eine sehr bewegte Liebe dies- und jenseits der Grenzen des Kalten Krieges.
Das Liebesdrama beginnt mit der aus „Gadjo Dilo" und vielen anderen Filmen bekannten Suche nach authentischer Musik der Landbevölkerung. Was Wiktor (Tomasz Kot) kurz nach Kriegsende beim Vorsingen schließlich findet, ist eine bewegte Liebe. Der Dirigent wählt die blonde Schönheit Zula (Joanna Kulig) ins Ensemble, obwohl sie die Noten nicht immer trifft. Aber die polnische Volkstanztruppe wird ein Erfolg und ein Propaganda-Hit zu Ehren Stalins. Man stelle sich die Charme-Truppen aus Nordkorea bei der letzten Winter-Olympiade vor, nur mit besserer Musik. Wiktor und Zula werden auf der Tournee ein Paar, aber er will bei Auftritt Ostberlin mit ihr in den Westen. Sie versetzt ihn, vom eisigen Berlin führt der Schnitt zu heißen Rhythmen in einem Pariser Jazz-Keller.
Der harte Bruch von hübsch aufpolierter Volksmusik zu Propaganda-Zwecken in Ost-Berlin zum Jazz in Paris wird nicht der einzige brüske Schnitt in dieser wahrlich wechselhaften Liebes-Geschichte bleiben. Dabei bleibt Regisseur Pawel Pawlikowski mit dem gleichen Team seiner Schwarz-Weiß-Ästhetik im 4:3-Format treu. Aber mit dem Paar ändert sich auch der Stil im klassischen Kader: Die Pariser Episoden könnten Nouvelle Vague sein, in Polen sieht man Tarkowskij-Stil und soll sich genau an diese Film-Epochen erinnern. Und man genießt erneut eine breite Palette von Musikstilen, das Titellied wird sogar durch Zeiten, Systeme und Stile konjugiert.
Dazu ist Zula dann die perfekte Femme Fatale. Wiktor kommt entspannt überall zurecht, sie ist nirgendwo glücklich. Provoziert Eifersucht auf allen Seiten, meckert und mäkelt in Bilderbuch-Umgebung. Selbst das wunderbar bittersüße Schlussbild des Films muss sie in einer ironischen Wendung kaputtmachen: Lass uns auf die andere Seite gehen, sagt sie. Und schon sind sie aus dem Bild. Diese trotzdem liebevolle Betrachtung hat ihre Wurzeln im persönlichen Ursprung der Gesichte - es die von Pawel Pawlikowskis Eltern.
Ein wenig schwebend wie Wong Kar-wais „In the Mood for Love", nur in polnisch und mit doch relativ vielen Worten. Das große Drama der Welt-Geschichte läuft im Hintergrund ab, es ist nicht der Kern wie bei „Ida". Wenn man jedoch so eine Amour Fou, so eine verrückte Liebe mag, ist es ein perfekter, großartiger Film, ein weiteres Meisterwerk.
Jupiter's Moon
Ungarn, BRD, Frankreich 2017 (Jupiter holdja) Regie: Kornél Mundruczó, mit Merab Ninidze, Zsombor Jéger, György Cserhalmi 129 Min. FSK ab 12
Das Wunderkind des ungarischen Films sorgte in Cannes wieder für Aufregung, weil sein neuer Film völlig und fantastisch abhebt: Kornél Mundruczós „Jupiter's Moon" lässt eine Wunder- und Glaubensgeschichte durch osteuropäisches Flüchtlingsdrama schweben. Ein atemberaubendes und einzigartiges realistisches Kinomärchen.
Schon der Vorspann gibt sich bedeutungsschwanger: Unter den vielen Jupiter-Monden ist einer, auf dem könnte es Leben geben - Europa! Wie es in Europa tatsächlich aussieht, zeigen die nächsten hektischen, atemlosen Szenen. Flüchtlinge versuchen in der Nacht über einen Fluss von Serbien nach Ungarn zu kommen. Wie Hühner im Käfig werden sie rangekarrt, die ungarischen Polizisten schießen zur Begrüßung in Europa direkt auf sie. Es trifft den jungen Syrer Aryan (Zsombor Jéger) in die Brust. Doch statt zu fallen, steigen erst seine Schnürsenkel, dann Blutstropfen in die Höhe. Bald schwebt Aryan hoch über dem Chaos aus Flüchtenden und Jägern. Die fliegende Kamera wirbelt um ihn und ein abgehobener Kinorausch entsteht.
Auch im weiteren Verlauf von Aryans ungarischem Abenteuer wechseln harsche Realitäten mit atemberaubend wunderbaren, traumhaften Bilder. Der Junge wird vom Arzt Gabor Stern (Merab Ninidze) aus dem Flüchtlingslager gerettet. Nachdem einer seiner Patienten starb, verdient dieser sich mit Bestechungsgeldern auch von Flüchtlingen Bündel von Scheinen. Das Geld soll ihm bei den Verwandten des Opfers Vergebung und letztlich seinen alten Job im Krankenhaus erkaufen. Als guter Kapitalist macht sich Stern sofort an die Verwertung des Wunders Aryan, lässt sich für die vermeintlich wunderheilende Flugnummer viel zahlen. Dem Jungen verspricht er die Flucht aus Ungarn und dessen Vater zu finden.
Stern ist kein schlechter Kerl, die Verzweiflung macht ihn zum schwitzenden, korrupten Opportunisten. Ansonsten zeigt er sich als stolzer Mann mit Prinzipen. Selbst wenn er sich bestechen lässt. Arrogant sei er und unbeliebt. Glaubt an nicht viel, an Gott schon mal gar nicht. Der Ungläubige muss nun ein Wunderkind miterleben, einen Heiler. Wie schon 2005 in „Johanna" seinem ersten in einer Reihe wunderbarer Filme arbeitet der geniale Kornél Mundruczó mit diesem gelblichen, frühen Lars von Trier-Licht. Damals wurden die Wunder Johanna grausamen heimgezahlt, ebenso wie das Liebes-Glück im „Delta" (2008) der Donau von barbarischen Bauern zerstört wurde. Nach „Tender Son: Das Frankenstein Projekt" (2010) behandelte zuletzt „Underdog" (2014) das Bestialische im Menschen und war umstritten.
Genau wie „Jupiter's Moon" 2017 in Cannes. Dabei ist er ungeheuer spannend in mehrfacher Hinsicht. Der Flucht-Thriller wirft uns mitten in chaotische Zustände des Flüchtlingslagers, immer ruhelos durch die sehr agile Handkamera. Wir bekommen erschreckende Einsichten in den Umgang und die Geschäfte mit furchtbar behandelten Flüchtlingen. In Lügengeschichten der Regierungen müssen die Opfer fälschlicherweise sogar als Attentäter herhalten.
Das deutliche Statement zur aktuellen Politik in osteuropäischen Ländern (wobei der Osten schon in Österreich anfängt), erhält durch die wundersame Fähigkeit Aryans ein weitere Dimension. Es ist tricktechnisch eigentlich simpel gelöst, aber in der Wirkung gigantisch, wie er die Welt eines Faschisten samt dessen Wohnung buchstäblich auf den Kopf stellt. Nebenbei ist das Schweben ganz praktisch für eine Flucht vor der Polizei aus dem Hochhaus. Doch nicht nur weil „Jupiter's Moon" am Ende in einem Schwebezustand verharrt, liefert Mundruczó keine Antworten, keine „Aussage". Dafür einen unvergleichlichen Film, ein einzigartiges Kinoerlebnis.
Das Wunderkind des ungarischen Films sorgte in Cannes wieder für Aufregung, weil sein neuer Film völlig und fantastisch abhebt: Kornél Mundruczós „Jupiter's Moon" lässt eine Wunder- und Glaubensgeschichte durch osteuropäisches Flüchtlingsdrama schweben. Ein atemberaubendes und einzigartiges realistisches Kinomärchen.
Schon der Vorspann gibt sich bedeutungsschwanger: Unter den vielen Jupiter-Monden ist einer, auf dem könnte es Leben geben - Europa! Wie es in Europa tatsächlich aussieht, zeigen die nächsten hektischen, atemlosen Szenen. Flüchtlinge versuchen in der Nacht über einen Fluss von Serbien nach Ungarn zu kommen. Wie Hühner im Käfig werden sie rangekarrt, die ungarischen Polizisten schießen zur Begrüßung in Europa direkt auf sie. Es trifft den jungen Syrer Aryan (Zsombor Jéger) in die Brust. Doch statt zu fallen, steigen erst seine Schnürsenkel, dann Blutstropfen in die Höhe. Bald schwebt Aryan hoch über dem Chaos aus Flüchtenden und Jägern. Die fliegende Kamera wirbelt um ihn und ein abgehobener Kinorausch entsteht.
Auch im weiteren Verlauf von Aryans ungarischem Abenteuer wechseln harsche Realitäten mit atemberaubend wunderbaren, traumhaften Bilder. Der Junge wird vom Arzt Gabor Stern (Merab Ninidze) aus dem Flüchtlingslager gerettet. Nachdem einer seiner Patienten starb, verdient dieser sich mit Bestechungsgeldern auch von Flüchtlingen Bündel von Scheinen. Das Geld soll ihm bei den Verwandten des Opfers Vergebung und letztlich seinen alten Job im Krankenhaus erkaufen. Als guter Kapitalist macht sich Stern sofort an die Verwertung des Wunders Aryan, lässt sich für die vermeintlich wunderheilende Flugnummer viel zahlen. Dem Jungen verspricht er die Flucht aus Ungarn und dessen Vater zu finden.
Stern ist kein schlechter Kerl, die Verzweiflung macht ihn zum schwitzenden, korrupten Opportunisten. Ansonsten zeigt er sich als stolzer Mann mit Prinzipen. Selbst wenn er sich bestechen lässt. Arrogant sei er und unbeliebt. Glaubt an nicht viel, an Gott schon mal gar nicht. Der Ungläubige muss nun ein Wunderkind miterleben, einen Heiler. Wie schon 2005 in „Johanna" seinem ersten in einer Reihe wunderbarer Filme arbeitet der geniale Kornél Mundruczó mit diesem gelblichen, frühen Lars von Trier-Licht. Damals wurden die Wunder Johanna grausamen heimgezahlt, ebenso wie das Liebes-Glück im „Delta" (2008) der Donau von barbarischen Bauern zerstört wurde. Nach „Tender Son: Das Frankenstein Projekt" (2010) behandelte zuletzt „Underdog" (2014) das Bestialische im Menschen und war umstritten.
Genau wie „Jupiter's Moon" 2017 in Cannes. Dabei ist er ungeheuer spannend in mehrfacher Hinsicht. Der Flucht-Thriller wirft uns mitten in chaotische Zustände des Flüchtlingslagers, immer ruhelos durch die sehr agile Handkamera. Wir bekommen erschreckende Einsichten in den Umgang und die Geschäfte mit furchtbar behandelten Flüchtlingen. In Lügengeschichten der Regierungen müssen die Opfer fälschlicherweise sogar als Attentäter herhalten.
Das deutliche Statement zur aktuellen Politik in osteuropäischen Ländern (wobei der Osten schon in Österreich anfängt), erhält durch die wundersame Fähigkeit Aryans ein weitere Dimension. Es ist tricktechnisch eigentlich simpel gelöst, aber in der Wirkung gigantisch, wie er die Welt eines Faschisten samt dessen Wohnung buchstäblich auf den Kopf stellt. Nebenbei ist das Schweben ganz praktisch für eine Flucht vor der Polizei aus dem Hochhaus. Doch nicht nur weil „Jupiter's Moon" am Ende in einem Schwebezustand verharrt, liefert Mundruczó keine Antworten, keine „Aussage". Dafür einen unvergleichlichen Film, ein einzigartiges Kinoerlebnis.
19.11.18
So viel Zeit
BRD 2018 Regie: Philipp Kadelbach, mit Jan Josef Liefers, Jürgen Vogel, Matthias Bundschuh, Richy Müller, Armin Rohde, André M. Hennicke 101 Min.
Jan Josef Liefers haut wieder dürftig bekleidet aus dem Krankenhaus ab. Kurz vor dem Ende noch mal richtig was erleben, war schon 1997 der Antrieb in Thomas Jahns genialem „Knockin' on Heaven's Door". Und nun, zwanzig Jahre später, spielt Liefers im Goosen-Film „So viel Zeit" endlich mal wieder gut - einen Todkranken, der es mit seiner alten Band noch mal so richtig krachen lässt.
Schon die erste Nummer der Roman-Verfilmung nach Frank Goosen ist klasse: Als Vorgruppe sollte der Auftritt im Rockpalast für „Bochums Steine" ein Höhepunkt werden. Das übliche Egotrip-Solo des Sängers und Gitarristen führt allerdings zu dessen flammendem Absturz. Dass Bandleader Rainer (Jan Josef Liefers), nachdem er vor 20 Jahren Ole (Jürgen Vogel) von der Bühne gestoßen hat, wieder bei den Bochumer Kumpels auftaucht, stößt auf wenig Begeisterung. Die ehemaligen Bandkollegen Bulle (Armin Rohde), Konni (Matthias Bundschuh) und Thomas (Richy Müller) treffen sich seit Jahren zum gemeinsamen Saufen, das Proben ist nur Alibi. Wie vor allem der nicht besonders feinfühlige Zahnarzt Bulle angesichts von Rainer die versprochene Prügel kaum zurückhalten kann, hat großen Schauspiel-Stil. Doch die Aussicht, bei einem Rockpalast-Revival doch noch mal groß aufzuspielen sowie ein paar Notlügen Rainers überzeugen schließlich. Denn diese alten Herren sind alle nicht wirklich glücklich mit ihrem Leben.
Viel herrliches Gezicke und wenige großartig verhunzte Proben später sind die vier auf einem richtigen Road-Trip zu Ole in Berlin. Mit Rock'n'Roll, Prügeleien, jugendlicher Verliebtheit und mit Rainers Sohn. Denn außer einem Gehirntumor zwackt den lustlosen Musiklehrer das Versagen als Vater. Aber - so viel ist nach wenig Zeit klar - die Band bringt wieder das Beste aus den Jungs heraus.
Filme nach Frank Goosen sollte man sich nie entgehen lassen. Nach „Liegen lernen" (2003), „Radio Heimat" (2016) und „Sommerfest" (2017) begeistert auch „So viel Zeit" mit bodenständigen Ruhrpott-Typen und ihrem einzigartigen Humor. Auch schauspielerisch ist „So viel Zeit" eine große Nummer. In Armin Rohde sieht man plötzlich Potential zu einem reifen Charakterdarsteller für prominente internationale Rollen. Liefers bekommt der Wechsel vom Arztkittel zum Patienten-Hemd mit „hinten-ohne" ausgesprochen gut. Jürgen Vogel darf sich mal zurückhalten. Nicht vergessen darf man die Frauen an ihrer Seite: Ohne Alwara Höfels als Stewardess eines Vergnügungskahns und Laura Tonke als Kneipen-Chefin kämen die Jungs nicht weit. Viel freche Schnauze die ihnen den Kopf wäscht. Dazu zeigt Regisseur Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter") viel Bochum. Die Tonspur-Songs von Cat Stevens' „Father and Son" bis zu „Brothers in Arms" überzeugen allerdings mehr als die zu recht unbekannt gebliebenen „Bochums Steine" oder die austauschbaren Kurzauftritte der aus unbekannten Gründen bekannten Scorpions.
Jan Josef Liefers haut wieder dürftig bekleidet aus dem Krankenhaus ab. Kurz vor dem Ende noch mal richtig was erleben, war schon 1997 der Antrieb in Thomas Jahns genialem „Knockin' on Heaven's Door". Und nun, zwanzig Jahre später, spielt Liefers im Goosen-Film „So viel Zeit" endlich mal wieder gut - einen Todkranken, der es mit seiner alten Band noch mal so richtig krachen lässt.
Schon die erste Nummer der Roman-Verfilmung nach Frank Goosen ist klasse: Als Vorgruppe sollte der Auftritt im Rockpalast für „Bochums Steine" ein Höhepunkt werden. Das übliche Egotrip-Solo des Sängers und Gitarristen führt allerdings zu dessen flammendem Absturz. Dass Bandleader Rainer (Jan Josef Liefers), nachdem er vor 20 Jahren Ole (Jürgen Vogel) von der Bühne gestoßen hat, wieder bei den Bochumer Kumpels auftaucht, stößt auf wenig Begeisterung. Die ehemaligen Bandkollegen Bulle (Armin Rohde), Konni (Matthias Bundschuh) und Thomas (Richy Müller) treffen sich seit Jahren zum gemeinsamen Saufen, das Proben ist nur Alibi. Wie vor allem der nicht besonders feinfühlige Zahnarzt Bulle angesichts von Rainer die versprochene Prügel kaum zurückhalten kann, hat großen Schauspiel-Stil. Doch die Aussicht, bei einem Rockpalast-Revival doch noch mal groß aufzuspielen sowie ein paar Notlügen Rainers überzeugen schließlich. Denn diese alten Herren sind alle nicht wirklich glücklich mit ihrem Leben.
Viel herrliches Gezicke und wenige großartig verhunzte Proben später sind die vier auf einem richtigen Road-Trip zu Ole in Berlin. Mit Rock'n'Roll, Prügeleien, jugendlicher Verliebtheit und mit Rainers Sohn. Denn außer einem Gehirntumor zwackt den lustlosen Musiklehrer das Versagen als Vater. Aber - so viel ist nach wenig Zeit klar - die Band bringt wieder das Beste aus den Jungs heraus.
Filme nach Frank Goosen sollte man sich nie entgehen lassen. Nach „Liegen lernen" (2003), „Radio Heimat" (2016) und „Sommerfest" (2017) begeistert auch „So viel Zeit" mit bodenständigen Ruhrpott-Typen und ihrem einzigartigen Humor. Auch schauspielerisch ist „So viel Zeit" eine große Nummer. In Armin Rohde sieht man plötzlich Potential zu einem reifen Charakterdarsteller für prominente internationale Rollen. Liefers bekommt der Wechsel vom Arztkittel zum Patienten-Hemd mit „hinten-ohne" ausgesprochen gut. Jürgen Vogel darf sich mal zurückhalten. Nicht vergessen darf man die Frauen an ihrer Seite: Ohne Alwara Höfels als Stewardess eines Vergnügungskahns und Laura Tonke als Kneipen-Chefin kämen die Jungs nicht weit. Viel freche Schnauze die ihnen den Kopf wäscht. Dazu zeigt Regisseur Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter") viel Bochum. Die Tonspur-Songs von Cat Stevens' „Father and Son" bis zu „Brothers in Arms" überzeugen allerdings mehr als die zu recht unbekannt gebliebenen „Bochums Steine" oder die austauschbaren Kurzauftritte der aus unbekannten Gründen bekannten Scorpions.
Verschwörung
USA, GB, Kanada, BRD, Schweden 2018 (The Girl in the Spider's Web) Regie: Fede Alvarez, mit Claire Foy, Sylvia Hoeks, Mikael Blomkvist 117 Min. FSK ab 16
Es geht weiter mit der coolen Hackerin Lisbeth Salander und ihrem Kampf gegen Frauen-Schläger und rechte Kräfte. Allerdings nicht mit Teil zwei und drei des US-Remakes der schwedischen Filmtrilogie („Verblendung", „Verdammnis", „Vergebung") nach Stieg Larssons Romanen. Statt Rooney Mara als Salander und Daniel Craig als Journalist Mikael Blomkvist übernimmt Claire Foy eine einsame Titelrolle mit action-reichem Trip in Salanders Vergangenheit.
Bevor Claire Foy („The Crown") als neue, nun dritte Lisbeth Salander ihre Karriere als Action-Figur startet, darf kurz noch mal die alte auftreten: Ein ekliger Unternehmer, der Prostituierte und seine Frau blutig schlägt, wird mit schnellen Hacker- und Ninja-Tricks von Salander abgestraft und ausgebremst. Der nächste Auftrag ist schon aus der Kiste „James Bond-Routine": Ausgerechnet dem geheimsten Geheimdienst NSA wird in den USA mal eben ein Programm geklaut, dass Zugang zu allen Nuklearwaffen ermöglicht. Aber mysteriöse Angreifer klauen das gerade Geklaute und jagen Salanders lässig gestylten Luxus-Loft in die Luft. Die Heldin der letzten vier sorgfältigen Filme wird nun ruckzuck direkt in die Enge getrieben und kann sich aus riesigem Action-Feuerwerk nur mit einem großartigen Stunt retten.
Verzweifelt und wirklich allein meldet sich die Kämpferin nach Jahren der Sendepause wieder bei ihrem ehemaligen Partner Mikael Blomkvist (Sverrir Gudnason). Es gilt, die Verfolger zu enttarnen, gleichzeitig aus den Griffen von schwedischem und US-Geheimdienst zu bleiben. Dabei müssen der Entwickler des MacGuffin-Programms sowie dessen autistischer Sohn geschützt werden. Die rücksichtslose Einzelgängerin Salander zeigt hier viel Herz für Kinder, was zu ihrem eigenen wunden Punkt führt.
Verflixt, es ist wirklich kompliziert! Nicht nur mit der verstörenden Verhunzung deutscher Verlags- und Verleih-Titel von schwedischen Bedeutungen wie „Männer, die Frauen hassen" bei diesem Verkaufs-Erfolg. Stieg Larsson veröffentlichte bis zu seinem Tod 2004 nur drei von zehn geplanten Millennium-Romanen. Die zerstrittenen Erben wollen das Manuskript von Teil Vier nicht zur Verwertung freigeben. Aber dass David Lagercrantz mit „Verschwörung" („Det som inte dödar oss" - dt: Was uns nicht umbringt) die Reihe fortschrieb, wurde akzeptiert. Im Jahr 2017 folgte bereits „Verfolgung".
Auch „Verschwörung" fasziniert als fünfter Larsson-Film wieder mit einem hoch stilisierten Look: Viel Coolness bei Architektur, Ausstattung und Licht soll die abgebrühte Haltung Lisbeths wiederspiegeln. Diesmal erleidet die innerlich sensible Frau im harten Leder-Dress eine Verletzung ausgerechnet unter ihren großen Drachentattoo. An der Schulter, wo auch Siegried nach dem Bad im Drachenblut seine verwundbare Stelle hatte. Eine brennende Schuld aus der Vergangenheit ist Kern der Geschichte.
Regie führte Fede Alvarez („Don't Breathe"), der raffiniere Fluchten und Auswege in die Vollgas-Action einbaute. Claire Foy legt, unterstützt durch kräftiges Orchester, eine intensive Darstellung hin. Ihre Figur ist körperlich erstaunlich unkaputtbar. Lisbeth Salander mutiert damit von faszinierend kantigem Charakter zu einer von vielen Action-Figuren. Da ist plötzlich die Schwester Camilla, als rote Hexe des Nordens gespielt von der Niederländerin Sylvia Hoeks („Whatever Happens", „Blade Runner 2049"), viel interessanter. Aber das ist ja in diesem Genre normal, dass die Schurken sterben müssen, weil sie den langweiligen Helden als erstes die Aufmerksamkeit stehlen.
Es geht weiter mit der coolen Hackerin Lisbeth Salander und ihrem Kampf gegen Frauen-Schläger und rechte Kräfte. Allerdings nicht mit Teil zwei und drei des US-Remakes der schwedischen Filmtrilogie („Verblendung", „Verdammnis", „Vergebung") nach Stieg Larssons Romanen. Statt Rooney Mara als Salander und Daniel Craig als Journalist Mikael Blomkvist übernimmt Claire Foy eine einsame Titelrolle mit action-reichem Trip in Salanders Vergangenheit.
Bevor Claire Foy („The Crown") als neue, nun dritte Lisbeth Salander ihre Karriere als Action-Figur startet, darf kurz noch mal die alte auftreten: Ein ekliger Unternehmer, der Prostituierte und seine Frau blutig schlägt, wird mit schnellen Hacker- und Ninja-Tricks von Salander abgestraft und ausgebremst. Der nächste Auftrag ist schon aus der Kiste „James Bond-Routine": Ausgerechnet dem geheimsten Geheimdienst NSA wird in den USA mal eben ein Programm geklaut, dass Zugang zu allen Nuklearwaffen ermöglicht. Aber mysteriöse Angreifer klauen das gerade Geklaute und jagen Salanders lässig gestylten Luxus-Loft in die Luft. Die Heldin der letzten vier sorgfältigen Filme wird nun ruckzuck direkt in die Enge getrieben und kann sich aus riesigem Action-Feuerwerk nur mit einem großartigen Stunt retten.
Verzweifelt und wirklich allein meldet sich die Kämpferin nach Jahren der Sendepause wieder bei ihrem ehemaligen Partner Mikael Blomkvist (Sverrir Gudnason). Es gilt, die Verfolger zu enttarnen, gleichzeitig aus den Griffen von schwedischem und US-Geheimdienst zu bleiben. Dabei müssen der Entwickler des MacGuffin-Programms sowie dessen autistischer Sohn geschützt werden. Die rücksichtslose Einzelgängerin Salander zeigt hier viel Herz für Kinder, was zu ihrem eigenen wunden Punkt führt.
Verflixt, es ist wirklich kompliziert! Nicht nur mit der verstörenden Verhunzung deutscher Verlags- und Verleih-Titel von schwedischen Bedeutungen wie „Männer, die Frauen hassen" bei diesem Verkaufs-Erfolg. Stieg Larsson veröffentlichte bis zu seinem Tod 2004 nur drei von zehn geplanten Millennium-Romanen. Die zerstrittenen Erben wollen das Manuskript von Teil Vier nicht zur Verwertung freigeben. Aber dass David Lagercrantz mit „Verschwörung" („Det som inte dödar oss" - dt: Was uns nicht umbringt) die Reihe fortschrieb, wurde akzeptiert. Im Jahr 2017 folgte bereits „Verfolgung".
Auch „Verschwörung" fasziniert als fünfter Larsson-Film wieder mit einem hoch stilisierten Look: Viel Coolness bei Architektur, Ausstattung und Licht soll die abgebrühte Haltung Lisbeths wiederspiegeln. Diesmal erleidet die innerlich sensible Frau im harten Leder-Dress eine Verletzung ausgerechnet unter ihren großen Drachentattoo. An der Schulter, wo auch Siegried nach dem Bad im Drachenblut seine verwundbare Stelle hatte. Eine brennende Schuld aus der Vergangenheit ist Kern der Geschichte.
Regie führte Fede Alvarez („Don't Breathe"), der raffiniere Fluchten und Auswege in die Vollgas-Action einbaute. Claire Foy legt, unterstützt durch kräftiges Orchester, eine intensive Darstellung hin. Ihre Figur ist körperlich erstaunlich unkaputtbar. Lisbeth Salander mutiert damit von faszinierend kantigem Charakter zu einer von vielen Action-Figuren. Da ist plötzlich die Schwester Camilla, als rote Hexe des Nordens gespielt von der Niederländerin Sylvia Hoeks („Whatever Happens", „Blade Runner 2049"), viel interessanter. Aber das ist ja in diesem Genre normal, dass die Schurken sterben müssen, weil sie den langweiligen Helden als erstes die Aufmerksamkeit stehlen.
14.11.18
Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen
USA 2018 (Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald) Regie: David Yates, mit Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Dan Fogler, Jude Law, Johnny Depp, Alison Sudol, Ezra Miller, Zoë Kravitz 134 Min. FSK ab 12
Selbst Muggel, denen das ganze Getue um Harry Potter ziemlich egal war, wurden vor zwei Jahren durch „Phantastische Tierwesen" verzaubert. Eine Randnotiz der Harry Potter-Romane J. K. Rowlings geriet zum großartig fantastischen und psychologisch spannenden Abenteuer. Jetzt kommen für den zweiten Teil auch noch Johnny Depp und Jude Law hinzu.
Das Ende des ersten Films machte sehr neugierig: Blitzte doch unter der Maske des mächtigen Dunklen Zauberers Gellert Grindelwald das Gesicht Johnny Depps auf. Der wurde zwar vom MACUSA (Magischer Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika) mit der Hilfe von Newt Scamander (Eddie Redmayne) festgenommen. Aber die zu erwartende Flucht wird in den ersten Minuten des zweiten Teils „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen" als großes Action-Kino erledigt. Es geht um den auch aus anderen Filmen wie „X-Men" bekannten Konflikt: Wie gehen Mehr- und Minderheit miteinander um. Ko-Existenz oder Unterdrückung? Sprich: Grindelwald will die Herrschaft reinblütiger Zauberer über alle nichtmagischen Wesen.
Johnny Depp verlässt hier für seinen Ober-Schurken die üblichen Pfade der bösen Standard-Figur: Nicht Gewalt, sondern Verführung macht ihn mächtig und die Figur mit einer grimmigen Nonchalance ambivalent. Eine von mehreren starken Szenen passt ins Lehrbuch demagogischer Politik: Eine Versammlung von Reinblütigen auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise mit Nazi-Uniformen im Publikum gerät zum inszenierten Massaker. Hier wird mit aktuellem Bezug auch explizit gezeigt, wie eine „Politik der Unterdrückung und Gewalt immer mehr zum populistischen Verführer treibt", mit drohenden Totalitarismus und Genozid.
Besonders reizvoll an dieser erwachsenen Erzählung ist das Verhältnis von Grindelwald zu Albus Dumbledore, hier in jungen Jahren in Hogwarts von Jude Law gespielt. Die beiden verband einst eine Jugendliebe, Dumbledore ist also schwul. Eigentlich eine Nebensächlichkeit, die allerdings einige seltsame Anhänger von „Harry Potter" zu unschönen Reaktionen brachte.
Das gegnerische Team besteht wieder aus Newt, dem witzigen Muggel Jacob, der klugen Tina und ihrer naiven Schwester Queenie. Selbstverständlich gibt es im Paris von 1927 reichlich seltsame Geschöpfe. Altbekannte und neue, wie einen chinesischen Feuerdrachen. Das passt alles locker in Newts Koffer, aber nicht unbedingt in einen Film.
Erneute inszenierte David Yates und auch für „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen" schrieb J.K. Rowling ein Original-Drehbuch. Doch der zweite Teil leidet an Überfüllung, die symptomatisch ist für größenwahnsinnige Filmreihen. Wie Marvel sein Universums-Gedöns propagiert, preist Warner Bros. nun „Phantastische Tierwesen" als fünfteilige Geldmaschine, als „Wizarding World" an. Die Bemühungen, erst mal noch EINEN guten Film zu machen, haben darunter gelitten. Außerdem ist „PT 2" ein typisches Zwischenstück mit viel zu vielen Anfängen von Handlungsfäden, die in den nächsten Film fortgeführt werden. Eine beeindruckende, aber ermüdende Fülle an raschen Entwicklungen, Familiengeschichten wie aus einer Soap, verrückten Ideen und faszinierenden Kreaturen. Bei allem Hokuspokus birgt das vor allem einen starken humanistischen Kern. Mit großem Herz für Sonderlinge. Und Newt als Vorbild - milde den Wütenden gegenüber, verständnisvoll den Bösartigen. Schließlich als Versprechen für noch mehr Aufregung, die Enthüllung, wer der extrem wütende Credence (intensiv: Ezra Miller) wirklich ist.
Selbst Muggel, denen das ganze Getue um Harry Potter ziemlich egal war, wurden vor zwei Jahren durch „Phantastische Tierwesen" verzaubert. Eine Randnotiz der Harry Potter-Romane J. K. Rowlings geriet zum großartig fantastischen und psychologisch spannenden Abenteuer. Jetzt kommen für den zweiten Teil auch noch Johnny Depp und Jude Law hinzu.
Das Ende des ersten Films machte sehr neugierig: Blitzte doch unter der Maske des mächtigen Dunklen Zauberers Gellert Grindelwald das Gesicht Johnny Depps auf. Der wurde zwar vom MACUSA (Magischer Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika) mit der Hilfe von Newt Scamander (Eddie Redmayne) festgenommen. Aber die zu erwartende Flucht wird in den ersten Minuten des zweiten Teils „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen" als großes Action-Kino erledigt. Es geht um den auch aus anderen Filmen wie „X-Men" bekannten Konflikt: Wie gehen Mehr- und Minderheit miteinander um. Ko-Existenz oder Unterdrückung? Sprich: Grindelwald will die Herrschaft reinblütiger Zauberer über alle nichtmagischen Wesen.
Johnny Depp verlässt hier für seinen Ober-Schurken die üblichen Pfade der bösen Standard-Figur: Nicht Gewalt, sondern Verführung macht ihn mächtig und die Figur mit einer grimmigen Nonchalance ambivalent. Eine von mehreren starken Szenen passt ins Lehrbuch demagogischer Politik: Eine Versammlung von Reinblütigen auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise mit Nazi-Uniformen im Publikum gerät zum inszenierten Massaker. Hier wird mit aktuellem Bezug auch explizit gezeigt, wie eine „Politik der Unterdrückung und Gewalt immer mehr zum populistischen Verführer treibt", mit drohenden Totalitarismus und Genozid.
Besonders reizvoll an dieser erwachsenen Erzählung ist das Verhältnis von Grindelwald zu Albus Dumbledore, hier in jungen Jahren in Hogwarts von Jude Law gespielt. Die beiden verband einst eine Jugendliebe, Dumbledore ist also schwul. Eigentlich eine Nebensächlichkeit, die allerdings einige seltsame Anhänger von „Harry Potter" zu unschönen Reaktionen brachte.
Das gegnerische Team besteht wieder aus Newt, dem witzigen Muggel Jacob, der klugen Tina und ihrer naiven Schwester Queenie. Selbstverständlich gibt es im Paris von 1927 reichlich seltsame Geschöpfe. Altbekannte und neue, wie einen chinesischen Feuerdrachen. Das passt alles locker in Newts Koffer, aber nicht unbedingt in einen Film.
Erneute inszenierte David Yates und auch für „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen" schrieb J.K. Rowling ein Original-Drehbuch. Doch der zweite Teil leidet an Überfüllung, die symptomatisch ist für größenwahnsinnige Filmreihen. Wie Marvel sein Universums-Gedöns propagiert, preist Warner Bros. nun „Phantastische Tierwesen" als fünfteilige Geldmaschine, als „Wizarding World" an. Die Bemühungen, erst mal noch EINEN guten Film zu machen, haben darunter gelitten. Außerdem ist „PT 2" ein typisches Zwischenstück mit viel zu vielen Anfängen von Handlungsfäden, die in den nächsten Film fortgeführt werden. Eine beeindruckende, aber ermüdende Fülle an raschen Entwicklungen, Familiengeschichten wie aus einer Soap, verrückten Ideen und faszinierenden Kreaturen. Bei allem Hokuspokus birgt das vor allem einen starken humanistischen Kern. Mit großem Herz für Sonderlinge. Und Newt als Vorbild - milde den Wütenden gegenüber, verständnisvoll den Bösartigen. Schließlich als Versprechen für noch mehr Aufregung, die Enthüllung, wer der extrem wütende Credence (intensiv: Ezra Miller) wirklich ist.
13.11.18
Assassination Nation
USA 2018 Regie: Sam Levinson, mit Suki Waterhouse, Bill Skarsgård, Bella Thorne, Maude Apatow 109 Min. FSK ab 16
Ein eindrucksvoller, gewaltiger, aber nicht stumpf gewalttätiger Film: Sam, der Sohn von Barry „Rainman" Levinson, macht sich mit grellen Bildern und einer im Finale trashigen Story Gedanken über den Umgang mit privaten Daten im digitalen Salem.
Erst hält Lily ihrem Highschool-Direktor einen Vortrag: Ein Nacktfoto mit klugem theoretischem Unterbau kann angesichts kann angesichts von Millionen unbedachter Snapchats nicht für eine Maßregelung herhalten. Derweil wurden von einem anonymen Hacker bereits die Sex-Fotos vom Smartphone des heimlich schwulen Bürgermeisters geleakt. Bald wird der harmlose SMS-Dialog des Direktors mit seiner Frau veröffentlicht und auf dem Account eines Familienvaters finden sich sehr sexy Bilder Lilys.
Als die Daten der Smartphones von 17.000 Menschen veröffentlicht wurden, bricht in Salem die Gewalt aus. Muskelbepackte Erbsenhirne starten die neue Hexenjagd, notgeile Biedermänner und auch Polizisten machen sofort mit. Völlig verständnislose Eltern werfen Lily aus dem Haus. Aber in höchster Not machen die vier Highschool-Frauen mit Säbel und Maschinengewehr auf weibliche Ermächtigung im „Kill Bill"-Stil. Nur mit roten Lackmänteln anstelle des gelben Dresses von Uma Thurman. Zu einem Song von Anohni entsteht eine neue Frauen-Bewegung und Salem steht vor dem Bürgerkrieg.
„Assassination Nation" ist im zweiten Teil blutig und wild. Aber anders als billige Gewalt-Orgien dank toller Inszenierung und guter Figurenzeichnung vor allem inhaltlich kohärent schockierend. Mit avanciertem Look samt Splitscreen und Musikvideo-Stil ist das heftig diskutierte Werk von Sam Levinson („The Wizard of Lies"; „Another Happy Day") ein sehr wichtiges Statement gegen eine pervers prüde Gesellschaft, die harmlose Nackt-Fotos von den eigenen Kindern als Verbrechen ansieht. Kluge Gedanken zur Nacktheit in den Medien, speziell den Sozialen Medien, machen „Assassination Nation" zu einem „Uhrwerk Orange" von heute, eher als zu einer Neuauflage von Arthur Millers Theaterstück „Hexenjagd" über die realen Vorfälle im Salem des Jahres 1692. Hängen bleibt letztlich ein visuell und formal eindrucksvolles Manifest gegen scheinheilige Selbstgerechtigkeit der puritanischen Gesellschaft und die Zurichtung devoter Weibchen.
Ein eindrucksvoller, gewaltiger, aber nicht stumpf gewalttätiger Film: Sam, der Sohn von Barry „Rainman" Levinson, macht sich mit grellen Bildern und einer im Finale trashigen Story Gedanken über den Umgang mit privaten Daten im digitalen Salem.
Erst hält Lily ihrem Highschool-Direktor einen Vortrag: Ein Nacktfoto mit klugem theoretischem Unterbau kann angesichts kann angesichts von Millionen unbedachter Snapchats nicht für eine Maßregelung herhalten. Derweil wurden von einem anonymen Hacker bereits die Sex-Fotos vom Smartphone des heimlich schwulen Bürgermeisters geleakt. Bald wird der harmlose SMS-Dialog des Direktors mit seiner Frau veröffentlicht und auf dem Account eines Familienvaters finden sich sehr sexy Bilder Lilys.
Als die Daten der Smartphones von 17.000 Menschen veröffentlicht wurden, bricht in Salem die Gewalt aus. Muskelbepackte Erbsenhirne starten die neue Hexenjagd, notgeile Biedermänner und auch Polizisten machen sofort mit. Völlig verständnislose Eltern werfen Lily aus dem Haus. Aber in höchster Not machen die vier Highschool-Frauen mit Säbel und Maschinengewehr auf weibliche Ermächtigung im „Kill Bill"-Stil. Nur mit roten Lackmänteln anstelle des gelben Dresses von Uma Thurman. Zu einem Song von Anohni entsteht eine neue Frauen-Bewegung und Salem steht vor dem Bürgerkrieg.
„Assassination Nation" ist im zweiten Teil blutig und wild. Aber anders als billige Gewalt-Orgien dank toller Inszenierung und guter Figurenzeichnung vor allem inhaltlich kohärent schockierend. Mit avanciertem Look samt Splitscreen und Musikvideo-Stil ist das heftig diskutierte Werk von Sam Levinson („The Wizard of Lies"; „Another Happy Day") ein sehr wichtiges Statement gegen eine pervers prüde Gesellschaft, die harmlose Nackt-Fotos von den eigenen Kindern als Verbrechen ansieht. Kluge Gedanken zur Nacktheit in den Medien, speziell den Sozialen Medien, machen „Assassination Nation" zu einem „Uhrwerk Orange" von heute, eher als zu einer Neuauflage von Arthur Millers Theaterstück „Hexenjagd" über die realen Vorfälle im Salem des Jahres 1692. Hängen bleibt letztlich ein visuell und formal eindrucksvolles Manifest gegen scheinheilige Selbstgerechtigkeit der puritanischen Gesellschaft und die Zurichtung devoter Weibchen.
Loro - Die Verführten
Italien, Frankreich 2018 (Loro) Regie: Paolo Sorrentino, mit Toni Servillo, Elena Sofia Ricci, Riccardo Scamarcio, Kasia Smutniak 157 Min. FSK ab 12
Das vorerst letzte Zucken von Silvio Berlusconi als Farce, als Trauerspiel. Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino („La Grande Bellezza", „Ewige Jugend", „Il Divo") nähert sich mit grellen, hart und schnell geschnittenen Party-Szenen wieder dem politischen Verfall Italiens. Sein Lieblings-Darsteller Toni Servillo gibt Berlusconi als ebenso gefährliche wie absurde Witzfigur, jedoch ohne ihn zu entmenschlichen. Als Kunststück und Meisterwerk zeigt „Loro" den moralischen Offenbarungseid der Politik und Zeitgeschichte als beklemmende Party im großartigen Stile Sorrentinos.
Es ist der kleine Gauner Serfio Morra (Riccardo Scamarcio), über den wir uns Berlusconi nähern, denn der tritt erst nach 45 Minuten Film auf. Serfio verschafft sich mit Gratis-Koks einen Stall williger, junger Frauen und verführt mit ihnen alte Politiker. Er hasst seinen Vater, weil der ehrlich und sein Leben anstrengend ist. Berlusconi hingegen verehrt er und will in Rom die Nähe von „Ihm", vom ehemaligen Ministerpräsidenten suchen. Mit einem atemberaubenden Crash eines Lasters und dem folgenden Müll-Regen in Zeitlupe geht es in einem genialen Schnitt zu einem Regen von MDMA-Pillen in der Villa Morena auf Sardinien. Gegenüber der von „Ihm" gelegen. Orgiastische Dauer-Party ist angesagt, nur um den Nachbarn Silvio zu interessieren.
Es ist atemberaubend, was Paolo Sorrentino in einzelne Sequenzen hineinlegt, riesige Party-Tableaus mit meist nackten Statisten, welche die italienische Gesellschaft aufs schärfste analysieren. Er macht sich in Bildern mit großer Symbolkraft zum Hieronymus Bosch des 21. Jahrhunderts. Dass hier tatsächlich ein politischer Skandal mit Mafia-Einfluss stattgefunden hat, wird nicht erklärt. Die sexuellen Auswirkungen von LSD dagegen in einem wissenschaftlichen Vortrag, wobei die politische Macht als das ultimative Aphrodisiakum erscheint. Sorrentino blickt unverschämt auf unverschämte Politik mit ihrer Korruption und Prostitution, auf die hemmungslose Fleischbeschau, die das italienische Fernsehen als normal betrachten lässt.
Nach einer irre surrealen Eröffnungsszene in der Berlusconis Villa, wo ein Schaf mittels Spieleshow und Klimaanlage zu Tode gefroren wird, zeigt der zweite Teil wesentlich ruhiger dann das Psychogramm des Show-Politikers. Aber Sorrentino kann auch ruhig, wie er bei „La Grande Bellezza" bewiesen hat. Trotz aller Monstrositäten bleibt der Protagonist ein Mensch, ein Charakter. So kann „Loro" mit Berlusconi all die anderen Politiker verurteilen, die nur für sich selbst und nicht für das wohl des Landes handeln.
Während Berlusconi sich mit Stimmenkauf wieder zum Ministerpräsidenten macht, als Vereinspräsident Fußball-Spieler abwirbt, die schwere Scheidung mit Veronica Lario (Elena Sofia Ricci) nicht vermeiden kann und immer wieder eine seiner berüchtigten Gesangseinlagen gibt, schafft es der großartige Toni Servillo hinter dem debilen Dauergrinsen (und dicker Maske) einen Mensch mit Gefühlen zu zeigen. Der ist immer noch der alte Immobilien-Verkäufer, der abends wahllos Menschen anruft und ihnen anonym Wohnungen verkaufen will. Es ist erschütternd, wie nah dieses Zerrbild an der Realität bleibt, und wie selbstverständlich dies alles in der Realität hingenommen und sogar gefeiert wurde. Sorrentino hingegen setzt das fruchtbare Erdbeben von L'Aquila direkt wie einen Fluch hinter die neuerlichen Vereidigung Berlusconis. Das ist eine andere, eine virilere, schärfere und sensiblere Berlusconi-Abrechnung als Nanni Morettis „Il Caimano". Und ein grandioser Film. Der mit 160 Minuten als die internationale Kino-Kurzfassung zu sehen ist. In Italien gab es zwei Teile von 100 Minuten!
Das vorerst letzte Zucken von Silvio Berlusconi als Farce, als Trauerspiel. Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino („La Grande Bellezza", „Ewige Jugend", „Il Divo") nähert sich mit grellen, hart und schnell geschnittenen Party-Szenen wieder dem politischen Verfall Italiens. Sein Lieblings-Darsteller Toni Servillo gibt Berlusconi als ebenso gefährliche wie absurde Witzfigur, jedoch ohne ihn zu entmenschlichen. Als Kunststück und Meisterwerk zeigt „Loro" den moralischen Offenbarungseid der Politik und Zeitgeschichte als beklemmende Party im großartigen Stile Sorrentinos.
Es ist der kleine Gauner Serfio Morra (Riccardo Scamarcio), über den wir uns Berlusconi nähern, denn der tritt erst nach 45 Minuten Film auf. Serfio verschafft sich mit Gratis-Koks einen Stall williger, junger Frauen und verführt mit ihnen alte Politiker. Er hasst seinen Vater, weil der ehrlich und sein Leben anstrengend ist. Berlusconi hingegen verehrt er und will in Rom die Nähe von „Ihm", vom ehemaligen Ministerpräsidenten suchen. Mit einem atemberaubenden Crash eines Lasters und dem folgenden Müll-Regen in Zeitlupe geht es in einem genialen Schnitt zu einem Regen von MDMA-Pillen in der Villa Morena auf Sardinien. Gegenüber der von „Ihm" gelegen. Orgiastische Dauer-Party ist angesagt, nur um den Nachbarn Silvio zu interessieren.
Es ist atemberaubend, was Paolo Sorrentino in einzelne Sequenzen hineinlegt, riesige Party-Tableaus mit meist nackten Statisten, welche die italienische Gesellschaft aufs schärfste analysieren. Er macht sich in Bildern mit großer Symbolkraft zum Hieronymus Bosch des 21. Jahrhunderts. Dass hier tatsächlich ein politischer Skandal mit Mafia-Einfluss stattgefunden hat, wird nicht erklärt. Die sexuellen Auswirkungen von LSD dagegen in einem wissenschaftlichen Vortrag, wobei die politische Macht als das ultimative Aphrodisiakum erscheint. Sorrentino blickt unverschämt auf unverschämte Politik mit ihrer Korruption und Prostitution, auf die hemmungslose Fleischbeschau, die das italienische Fernsehen als normal betrachten lässt.
Nach einer irre surrealen Eröffnungsszene in der Berlusconis Villa, wo ein Schaf mittels Spieleshow und Klimaanlage zu Tode gefroren wird, zeigt der zweite Teil wesentlich ruhiger dann das Psychogramm des Show-Politikers. Aber Sorrentino kann auch ruhig, wie er bei „La Grande Bellezza" bewiesen hat. Trotz aller Monstrositäten bleibt der Protagonist ein Mensch, ein Charakter. So kann „Loro" mit Berlusconi all die anderen Politiker verurteilen, die nur für sich selbst und nicht für das wohl des Landes handeln.
Während Berlusconi sich mit Stimmenkauf wieder zum Ministerpräsidenten macht, als Vereinspräsident Fußball-Spieler abwirbt, die schwere Scheidung mit Veronica Lario (Elena Sofia Ricci) nicht vermeiden kann und immer wieder eine seiner berüchtigten Gesangseinlagen gibt, schafft es der großartige Toni Servillo hinter dem debilen Dauergrinsen (und dicker Maske) einen Mensch mit Gefühlen zu zeigen. Der ist immer noch der alte Immobilien-Verkäufer, der abends wahllos Menschen anruft und ihnen anonym Wohnungen verkaufen will. Es ist erschütternd, wie nah dieses Zerrbild an der Realität bleibt, und wie selbstverständlich dies alles in der Realität hingenommen und sogar gefeiert wurde. Sorrentino hingegen setzt das fruchtbare Erdbeben von L'Aquila direkt wie einen Fluch hinter die neuerlichen Vereidigung Berlusconis. Das ist eine andere, eine virilere, schärfere und sensiblere Berlusconi-Abrechnung als Nanni Morettis „Il Caimano". Und ein grandioser Film. Der mit 160 Minuten als die internationale Kino-Kurzfassung zu sehen ist. In Italien gab es zwei Teile von 100 Minuten!
12.11.18
Juliet, Naked
USA, GB 2018 Regie: Jesse Peretz, mit Ethan Hawke, Rose Byrne, Chris O'Dowd 98 Min.
Der neue Hornby liefert in der Verfilmung wieder alle Qualitäten und allen Spaß, die wir seit High Fidelity", „About a Boy" und „Fever Pitch" lieben, dazu einen Ethan Hawke mit reizender Alter-Coolness. Romantisch, lustig, klug und verrückt - die absolute Kinoempfehlung für alle, die nicht in der Potter-Phase hängengeblieben sind.
Es geht selbstverständlich um Musik, denn die Romane von Nick Hornby sind immer „High Fidelity". Auch ist der typische, nerdige Musik-Fan wieder dabei. Allerdings nicht mehr in der Hauptrolle, die John Cusak 2000 in Frears „High Fidelity" und Hugh Grant 2002 in „About a boy" der Weitz-Brüder übernahmen. Im Zentrum des sehr einfühlsamen „Frauenfilms" „Juliet, Naked" steht jetzt die teilnahmslos vor sich hin lebende Ehefrau Annie (Rose Byrne). Verheiratet mit dem Musik-Fan Duncan (Chris O'Dowd) ist Liebe und Leidenschaft nur noch eine Erinnerung. Und auch Duncan begeistert sich vor allem für seine Fan-Website über den einst gefeierten Musiker Tucker Crowe (Ethan Hawke). 25 Jahre ist es her, dass dessen letzte Platte veröffentlicht wurde. So kritisch Duncan in seinem Dozenten-Job den US-Film analysiert, so hemmungslos feiert er alles von seinem Idol. Um ein im geheimnisvollen Umschlag zugesandtes, neues Album „Juliet, Naked" umgehend zu hören, akzeptiert er sogar ohne Irritation die Batterien aus Annies Vibrator für seinen Disc-Player.
Doch ausgerechnet aus Annies Verriss der Songs entwickelt sich ein persönliches Online-Gespräch der einsamen Frau mit der von ihrem Mann vergötterten Legende Tucker. Hier verstehen sich zwei trotz des Atlantiks zwischen ihnen. Sehr nette Musik kommentiert die transatlantische Brieffreundschaft, aus der mehr werden könnte. Und dann geht Duncan mit seiner neuen Kollegin fremd.
In „Juliet, naked" finden sich zwei wunderbar normale Menschen trotz einiger vertaner Jahre. Die durch die australische Schauspielerin Rose Byrne („Marie Antoinette", „Mit besten Absichten") wunderbar verkörperte Traurigkeit und Tristesse von Annies Ehe mit einem seltsamen Fan-Boy wird ebenso mit schönem Humor erzählt, wie das fast wundersame Auftreten Tuckers im britischen Küsten-Örtchen, dessen Hauptattraktion bislang ein eingelegtes Hai-Auge darstellt. Wenn nun Tucker im Kaff leibhaftig vor Duncan steht, ist das herrlich ausgedachter und brillant gespielter Slapstick. Der eigentlich mit seiner peinlichen zweiten Jugend beschäftigte Clown bekommt den Mund nicht mehr zu. Wie nerdige Fans ohne Respekt und Distanz ihre wahnsinnige Obsession auf den Künstler kippen, basiert sicher auf eigene Erfahrungen des erfolgreichen Autors Nick Hornby.
Ethan Hawke („Before Midnight", „Maudie", „Boyhood") legt in bester Jeff Bridges-Manier einen gescheiterten, aber eigentlich zufriedenen Rocker und Egoisten hin. Der altersweise versucht, das Chaos der vielen Kinder aus verschiedenen Beziehungen und der eher nicht freundlichen Ex-Frauen zu meistern. Er hat Nachwuchs im Überfluss, in Annie hingegen keimt ein unterdrückter Kinderwunsch auf. Die sehr realistische und bodenständige Romanze bekommt mit einer Hommage an „Waterloo Station" von „The Kings" den Leitsong und einige wunderbare Szenen dazu. Im tollen, perfekt besetzten Ensemble darf neben Chris O'Dowd („Am Sonntag bist du tot") als herrlichem Idioten auch Azhy Robertson als Tuckers jüngster Sohn Jackson gute Momente und Einsichten in ein kompliziertes Erwachsenen-Leben haben. „Juliet, Naked" ist ein Kino-Ereignis, dass gekonnt britische Film-Schrulligkeit mit der Lässigkeit von US-amerikanischer Independent-Filme vereint.
Der neue Hornby liefert in der Verfilmung wieder alle Qualitäten und allen Spaß, die wir seit High Fidelity", „About a Boy" und „Fever Pitch" lieben, dazu einen Ethan Hawke mit reizender Alter-Coolness. Romantisch, lustig, klug und verrückt - die absolute Kinoempfehlung für alle, die nicht in der Potter-Phase hängengeblieben sind.
Es geht selbstverständlich um Musik, denn die Romane von Nick Hornby sind immer „High Fidelity". Auch ist der typische, nerdige Musik-Fan wieder dabei. Allerdings nicht mehr in der Hauptrolle, die John Cusak 2000 in Frears „High Fidelity" und Hugh Grant 2002 in „About a boy" der Weitz-Brüder übernahmen. Im Zentrum des sehr einfühlsamen „Frauenfilms" „Juliet, Naked" steht jetzt die teilnahmslos vor sich hin lebende Ehefrau Annie (Rose Byrne). Verheiratet mit dem Musik-Fan Duncan (Chris O'Dowd) ist Liebe und Leidenschaft nur noch eine Erinnerung. Und auch Duncan begeistert sich vor allem für seine Fan-Website über den einst gefeierten Musiker Tucker Crowe (Ethan Hawke). 25 Jahre ist es her, dass dessen letzte Platte veröffentlicht wurde. So kritisch Duncan in seinem Dozenten-Job den US-Film analysiert, so hemmungslos feiert er alles von seinem Idol. Um ein im geheimnisvollen Umschlag zugesandtes, neues Album „Juliet, Naked" umgehend zu hören, akzeptiert er sogar ohne Irritation die Batterien aus Annies Vibrator für seinen Disc-Player.
Doch ausgerechnet aus Annies Verriss der Songs entwickelt sich ein persönliches Online-Gespräch der einsamen Frau mit der von ihrem Mann vergötterten Legende Tucker. Hier verstehen sich zwei trotz des Atlantiks zwischen ihnen. Sehr nette Musik kommentiert die transatlantische Brieffreundschaft, aus der mehr werden könnte. Und dann geht Duncan mit seiner neuen Kollegin fremd.
In „Juliet, naked" finden sich zwei wunderbar normale Menschen trotz einiger vertaner Jahre. Die durch die australische Schauspielerin Rose Byrne („Marie Antoinette", „Mit besten Absichten") wunderbar verkörperte Traurigkeit und Tristesse von Annies Ehe mit einem seltsamen Fan-Boy wird ebenso mit schönem Humor erzählt, wie das fast wundersame Auftreten Tuckers im britischen Küsten-Örtchen, dessen Hauptattraktion bislang ein eingelegtes Hai-Auge darstellt. Wenn nun Tucker im Kaff leibhaftig vor Duncan steht, ist das herrlich ausgedachter und brillant gespielter Slapstick. Der eigentlich mit seiner peinlichen zweiten Jugend beschäftigte Clown bekommt den Mund nicht mehr zu. Wie nerdige Fans ohne Respekt und Distanz ihre wahnsinnige Obsession auf den Künstler kippen, basiert sicher auf eigene Erfahrungen des erfolgreichen Autors Nick Hornby.
Ethan Hawke („Before Midnight", „Maudie", „Boyhood") legt in bester Jeff Bridges-Manier einen gescheiterten, aber eigentlich zufriedenen Rocker und Egoisten hin. Der altersweise versucht, das Chaos der vielen Kinder aus verschiedenen Beziehungen und der eher nicht freundlichen Ex-Frauen zu meistern. Er hat Nachwuchs im Überfluss, in Annie hingegen keimt ein unterdrückter Kinderwunsch auf. Die sehr realistische und bodenständige Romanze bekommt mit einer Hommage an „Waterloo Station" von „The Kings" den Leitsong und einige wunderbare Szenen dazu. Im tollen, perfekt besetzten Ensemble darf neben Chris O'Dowd („Am Sonntag bist du tot") als herrlichem Idioten auch Azhy Robertson als Tuckers jüngster Sohn Jackson gute Momente und Einsichten in ein kompliziertes Erwachsenen-Leben haben. „Juliet, Naked" ist ein Kino-Ereignis, dass gekonnt britische Film-Schrulligkeit mit der Lässigkeit von US-amerikanischer Independent-Filme vereint.
10.11.18
Was uns nicht umbringt
BRD 2018 Regie: Sandra Nettelbeck, mit August Zirner, Sophie Rois, Johanna Ter Steege, Barbara Auer, Christian Berkel 129 Min. FSK ab 6
Enttäuschender Reigen der Jämmerlichkeit mit großem Ensemble
Die hervorragende Regisseurin Sandra Nettelbeck („Belle Martha", „Mr. Morgans letzte Liebe", „Helen") enttäuschte mit dem Ensemble-Film „Was uns nicht umbringt" schon beim Festival von Locarno. Nun landet die sogenannte Tragikomödie mit unter anderem Johanna ter Steege, Barbara Auer, Bjarne Mädel, Christian Berkel und Peter Lohmeyer in den Kinos - eine unsägliche Nabelschau wohlsituierter Großstadt–Bürger.
Bereits die ersten Szenen des konstruierten Star-Reigens der Tristesse irritieren: Barbara Auer hat als geschiedene Frau allein zuhause Probleme mit dem Wasserhahn. Beim still leidenden Psychiater, der seine Ex noch liebt, gehen weitere Figuren ein und aus. Johanna Tersteeges Sounddesignerin will von ihrem Geliebten (Peter Lohmeyer) nicht dauernd vergessen werden und spielt sich im Unglück in die Schulden. Der elegante Bestatter (Berkel) bekommt beruflich Besuch von seiner Lieblings-Autorin und muss sich mit einer hoch-hypochondrischen Schwester rumschlagen. Nur Bjarne Mädel, in einer typischen Rolle als Tierpfleger Hannes, tut fröhlich und kündigt, damit seine leicht autistische Kollegin Sunny bei ihren Tieren bleiben kann. Ohne Schwung oder Reiz geht es mehr und mehr bergab mit der Befindlichkeit der Figuren - wohlgemerkt nicht Menschen - und dem Interesse der Zuschauer. Wie heißt es in einem der zahllosen Kalendersprüche, welche die eigentlich klüger Sandra Nettelbeck verbreitet? „Die Welt ist klein und die Probleme groß." Abgesehen von grammatikalischen Problemen in diesem Satz, stellt er seinen eigenen Film bloß. In dem ist alles klein. Das ist Stoff fürs ZDF am frühen Montagabend mit viel Überlänge.
Enttäuschender Reigen der Jämmerlichkeit mit großem Ensemble
Die hervorragende Regisseurin Sandra Nettelbeck („Belle Martha", „Mr. Morgans letzte Liebe", „Helen") enttäuschte mit dem Ensemble-Film „Was uns nicht umbringt" schon beim Festival von Locarno. Nun landet die sogenannte Tragikomödie mit unter anderem Johanna ter Steege, Barbara Auer, Bjarne Mädel, Christian Berkel und Peter Lohmeyer in den Kinos - eine unsägliche Nabelschau wohlsituierter Großstadt–Bürger.
Bereits die ersten Szenen des konstruierten Star-Reigens der Tristesse irritieren: Barbara Auer hat als geschiedene Frau allein zuhause Probleme mit dem Wasserhahn. Beim still leidenden Psychiater, der seine Ex noch liebt, gehen weitere Figuren ein und aus. Johanna Tersteeges Sounddesignerin will von ihrem Geliebten (Peter Lohmeyer) nicht dauernd vergessen werden und spielt sich im Unglück in die Schulden. Der elegante Bestatter (Berkel) bekommt beruflich Besuch von seiner Lieblings-Autorin und muss sich mit einer hoch-hypochondrischen Schwester rumschlagen. Nur Bjarne Mädel, in einer typischen Rolle als Tierpfleger Hannes, tut fröhlich und kündigt, damit seine leicht autistische Kollegin Sunny bei ihren Tieren bleiben kann. Ohne Schwung oder Reiz geht es mehr und mehr bergab mit der Befindlichkeit der Figuren - wohlgemerkt nicht Menschen - und dem Interesse der Zuschauer. Wie heißt es in einem der zahllosen Kalendersprüche, welche die eigentlich klüger Sandra Nettelbeck verbreitet? „Die Welt ist klein und die Probleme groß." Abgesehen von grammatikalischen Problemen in diesem Satz, stellt er seinen eigenen Film bloß. In dem ist alles klein. Das ist Stoff fürs ZDF am frühen Montagabend mit viel Überlänge.
7.11.18
In My Room
BRD, Italien 2018 Regie: Ulrich Köhler, mit Hans Löw, Elena Radonicich 120 Min. FSK ab 12
Kameramann Armin scheitert beruflich und auch privat steht es um den alternden Single nicht bestens. Als er in der ostwestfälischen Heimat die sterbende Oma besucht, wird der isolierte Mann plötzlich richtig einsam: Um ihn herum verschwanden plötzlich alle Menschen. Köhlers Drama eines vereinsamten Großstadt-Menschen wechselt zu einem postapokalyptischen Endzeit-Film in westeuropäischer Kulisse. Mit Gewehr, Pferd und Hund zieht Armin in die Natur, aber irgendwann taucht ausgerechnet eine Frau als weitere Überlebende auf. Ulrich Köhler hat sich mit „Schlafkrankheit", „Montag kommen die Fenster" und „Bungalow" den Ruf erarbeitet, tief gehende Befindlichkeiten moderner Menschen in ungewöhnlichen Situationen zu entdecken. Nun stellt er Zivilisation und „Freiheit" gegenüber, erlaubt einen utopischen Neuanfang, doch selbst für die letzten Menschen auf dieser Erde ist das Zusammenleben als Mann und Frau schwierig. Der ungewöhnliche Film reizt mit anderen Ideen und gutem Schauspiel.
Kameramann Armin scheitert beruflich und auch privat steht es um den alternden Single nicht bestens. Als er in der ostwestfälischen Heimat die sterbende Oma besucht, wird der isolierte Mann plötzlich richtig einsam: Um ihn herum verschwanden plötzlich alle Menschen. Köhlers Drama eines vereinsamten Großstadt-Menschen wechselt zu einem postapokalyptischen Endzeit-Film in westeuropäischer Kulisse. Mit Gewehr, Pferd und Hund zieht Armin in die Natur, aber irgendwann taucht ausgerechnet eine Frau als weitere Überlebende auf. Ulrich Köhler hat sich mit „Schlafkrankheit", „Montag kommen die Fenster" und „Bungalow" den Ruf erarbeitet, tief gehende Befindlichkeiten moderner Menschen in ungewöhnlichen Situationen zu entdecken. Nun stellt er Zivilisation und „Freiheit" gegenüber, erlaubt einen utopischen Neuanfang, doch selbst für die letzten Menschen auf dieser Erde ist das Zusammenleben als Mann und Frau schwierig. Der ungewöhnliche Film reizt mit anderen Ideen und gutem Schauspiel.
Leto
Russland, Frankreich 2018 Regie: Kirill Serebrennikow, mit Roma Zver, Irina Starshenbaum, Teo Yoo 129 Min. FSK ab 12
68er-Feeling, Flower Power und Freie Liebe gab es auch im Osten, wie dieses atmosphärisch und ästhetisch begeisternde Meisterwerk von Kirill Serebrennikow („Der die Zeichen liest") beweist, der in seiner Heimat noch immer unter Hausarrest steht. Der großartige Musikfilm um die russische Kultband Kino spielt in einem Sommer (russ.: Leto) der frühen Achtziger in Leningrad.
Iggy Pop, Blondie, David Bowie und Talking Heads sind die von der Obrigkeit nicht gern gesehenen Idole aus dem Osten. Natascha ist mit dem bekannten Underground-Musiker Mike zusammen, aber von dem jungen Viktor Zoi begeistert, der gerade die Rockband Kino gründet. Die leidenschaftliche und verrückte Handlung basiert auf der wahren Geschichte der legendären russischem Rockband Kino und den Memoiren dieser Natasha, die in Wirklichkeit Natalia Naumenko heißt. Ein klasse Cover von „Psycho Killer" begeistert mit einer genialen Videoclip-Bildbearbeitung. Das „The Passenger"-Cover wird von den Passagieren der Straßenbahn interpretiert. Das ist Filmkunst von heute, aus der einen Lebenslust und Energie anspringt. Die Brutalitäten der anständigen Arbeiter begeistern in solcher Darstellung ebenso wie Lebenslust und originelle Rebellion, die ein Vorahnung von Glasnost sind. Das Schwarzweiß mit seltenen, aber umso stärkeren Farbsprengseln macht als Musikfilm mit bekannten Hits aus dem Westen viel Spaß und zeigt im fortwährenden Spiel mit dem Fiktionalen ein spannendes Stück Zeitgeschichte. „Leto" lief im diesjährigen Wettbewerb von Cannes und ist im Kino einer der sehenswertesten Filme des Jahres.
68er-Feeling, Flower Power und Freie Liebe gab es auch im Osten, wie dieses atmosphärisch und ästhetisch begeisternde Meisterwerk von Kirill Serebrennikow („Der die Zeichen liest") beweist, der in seiner Heimat noch immer unter Hausarrest steht. Der großartige Musikfilm um die russische Kultband Kino spielt in einem Sommer (russ.: Leto) der frühen Achtziger in Leningrad.
Iggy Pop, Blondie, David Bowie und Talking Heads sind die von der Obrigkeit nicht gern gesehenen Idole aus dem Osten. Natascha ist mit dem bekannten Underground-Musiker Mike zusammen, aber von dem jungen Viktor Zoi begeistert, der gerade die Rockband Kino gründet. Die leidenschaftliche und verrückte Handlung basiert auf der wahren Geschichte der legendären russischem Rockband Kino und den Memoiren dieser Natasha, die in Wirklichkeit Natalia Naumenko heißt. Ein klasse Cover von „Psycho Killer" begeistert mit einer genialen Videoclip-Bildbearbeitung. Das „The Passenger"-Cover wird von den Passagieren der Straßenbahn interpretiert. Das ist Filmkunst von heute, aus der einen Lebenslust und Energie anspringt. Die Brutalitäten der anständigen Arbeiter begeistern in solcher Darstellung ebenso wie Lebenslust und originelle Rebellion, die ein Vorahnung von Glasnost sind. Das Schwarzweiß mit seltenen, aber umso stärkeren Farbsprengseln macht als Musikfilm mit bekannten Hits aus dem Westen viel Spaß und zeigt im fortwährenden Spiel mit dem Fiktionalen ein spannendes Stück Zeitgeschichte. „Leto" lief im diesjährigen Wettbewerb von Cannes und ist im Kino einer der sehenswertesten Filme des Jahres.
6.11.18
Nur ein kleiner Gefallen
USA 2018 (A simple favor) Regie: Paul Feig, mit Anna Kendrick, Blake Lively 117 Min. FSK ab 12
Was passiert, wenn eine hyperaktive und schwer erträglich spießige Helikopter-Mutter auf eine heiße Killerin trifft? Es kommt ein Film mit viel Stil, noch mehr Überraschungen und gemischten Gefühlen heraus. Die sind auf dem Theater erwünscht, aber im Genre der spaßigen Psycho-Thriller hängen sie wie der Rest zwischen den Stühlen.
Bloggerin Stephanie (Anna Kendrick) langweilt mit ihren Haushalts-Tipps auf „Hi Moms!" nicht allzu viele Zuschauer. Bis sie vom Verschwinden ihrer ganz neuen Freundin, der extravaganten Mode-PR-Chefin Emily (Blake Lively) erzählt. Ein graues Mäuschen mit Streberin-Gen darf ins perfekt gestylte Leben einer souveränen Problemlöserin eintreten. Was die lässige Zynikerin am Naivchen findet, bleibt unklar. Doch wie Emily unterschätzen auch wir Stephanie. Die findet nämlich das Geheimnis der bald tot in einem See auftauchenden Freundin heraus. Und übernimmt nebenbei deren Ehemann, Wohnung und Kleiderschrank. Polizei und Witwer spielen nur eine Nebenrolle im folgenden Zicken-Krieg. Wie der möglich ist, obwohl Emily doch tot war, gehört zu den vielen Wendungen, die „Nur ein kleiner Gefallen" den Schwung erhalten.
Anna Kendrick („Pitch Perfect") steht eine Weile unter Verdacht von etwas mehr Tiefe unter der gähnend stillen Oberfläche, bleibt aber eine langweilige Figur. Den Twist einer unauffälligen Psychopathin gönnt uns Erfolgs-Regisseur Paul Feig („Spy: Susan Cooper Undercover", „Brautalarm") nicht, das wäre vielleicht auch zu verstörend für die Zielgruppe. Blake Lively („Für immer Adaline") spielt mehrere Gesichter mit Verve aus, doch die tödliche Blonde muss in solch einem Film am Ende wieder verlieren. Und mit ihr die Hoffnung auf mal andere Unterhaltung unter glatter Hollywood-Oberfläche. Diesen Gefallen tut uns der Film nicht. Denn an Hitchcock denkt man hier nur ebenso kurz wie an schwarzen Humor.
Was passiert, wenn eine hyperaktive und schwer erträglich spießige Helikopter-Mutter auf eine heiße Killerin trifft? Es kommt ein Film mit viel Stil, noch mehr Überraschungen und gemischten Gefühlen heraus. Die sind auf dem Theater erwünscht, aber im Genre der spaßigen Psycho-Thriller hängen sie wie der Rest zwischen den Stühlen.
Bloggerin Stephanie (Anna Kendrick) langweilt mit ihren Haushalts-Tipps auf „Hi Moms!" nicht allzu viele Zuschauer. Bis sie vom Verschwinden ihrer ganz neuen Freundin, der extravaganten Mode-PR-Chefin Emily (Blake Lively) erzählt. Ein graues Mäuschen mit Streberin-Gen darf ins perfekt gestylte Leben einer souveränen Problemlöserin eintreten. Was die lässige Zynikerin am Naivchen findet, bleibt unklar. Doch wie Emily unterschätzen auch wir Stephanie. Die findet nämlich das Geheimnis der bald tot in einem See auftauchenden Freundin heraus. Und übernimmt nebenbei deren Ehemann, Wohnung und Kleiderschrank. Polizei und Witwer spielen nur eine Nebenrolle im folgenden Zicken-Krieg. Wie der möglich ist, obwohl Emily doch tot war, gehört zu den vielen Wendungen, die „Nur ein kleiner Gefallen" den Schwung erhalten.
Anna Kendrick („Pitch Perfect") steht eine Weile unter Verdacht von etwas mehr Tiefe unter der gähnend stillen Oberfläche, bleibt aber eine langweilige Figur. Den Twist einer unauffälligen Psychopathin gönnt uns Erfolgs-Regisseur Paul Feig („Spy: Susan Cooper Undercover", „Brautalarm") nicht, das wäre vielleicht auch zu verstörend für die Zielgruppe. Blake Lively („Für immer Adaline") spielt mehrere Gesichter mit Verve aus, doch die tödliche Blonde muss in solch einem Film am Ende wieder verlieren. Und mit ihr die Hoffnung auf mal andere Unterhaltung unter glatter Hollywood-Oberfläche. Diesen Gefallen tut uns der Film nicht. Denn an Hitchcock denkt man hier nur ebenso kurz wie an schwarzen Humor.
5.11.18
Aufbruch zum Mond
USA 2018 (First man) Regie: Damien Chazelle mit Ryan Gosling, Jason Clarke, Claire Foy 142 Min. FSK ab 12
Ein kleiner Schritt für die Filmgeschichte und nichts ganz Großes fürs Kino: Nach „Whiplash" und „La La Land" schießt Damien Chazelle seinen Lieblings-Schauspieler Ryan Gosling als Neil Armstrong auf den Mond.
„Huston, wir haben ein Problem!" Nicht nur eines, sondern richtig viele hatte das amerikanische Raumfahrtprogramms zwischen 1961 und 1969, wo es mit dem ersten Menschen auf dem Mond endlich die Sowjets überholen konnte. Viele Probleme hat auch Neil Armstrong (Ryan Gosling). Nicht nur die dramatische Notlandung mit einem Flugzeug zu Anfang des Films. Da ist er nur einer der Ingenieure und Astronauten im NASA-Team. Und seine kleine Tochter stirbt bald an einem Hirntumor. „Aufbruch zum Mond" ignoriert im Titel die Doppel-Erzählung aus sehr privater und Welt-Geschichte.
Denn der legendäre Neil Armstrong ist, basierend auf der offiziellen Biografie von Historiker James R. Hansen, ein zurückhaltender, stiller Denker, dem eine kleine Tochter und viele Kollegen verstarben. Ein bis zur Ehekrise verschlossener Mann. Idealerweise besetzt durch Schweiger Ryan Gosling, den Regisseur Damien Chazelle schon in „La La Land" vortanzen ließ. Und mehr bedröppelt schauend als sprechend, vielleicht das Beste, was man aus diesem wirklich nicht sehr flexiblen Darsteller rausholen kann.
Immer wieder übernimmt die Kamera Armstrongs subjektive Perspektive, um extreme Beschleunigungen, Geschwindigkeiten und Belastungen zu vermitteln. Das metallische Quietschen beim Start könnte an einer Autopresse vom Schrottplatz aufgenommen sein. In die All-Ruhe danach schneidet Chazelle das Miterleben der Familie auf der Erde, bevor ein weiteres Problem für Spannung und Hektik sorgt. Zu viel Schub schoss Gemini 8 beim Testflug am Ziel vorbei. Armstrong berechnet in der Raumkapsel selbst auf Papier die Richtungs-Korrektur. Zum Erfolg erklingt ein Walzer als Zitat zu Kubriks „2001". Dann noch ein Problem, nicht für Huston, sondern für die Besatzung. Atemberaubend dabei nicht nur die Situation der rasend rotierenden Kapsel - auch die wahnsinnig schnellen Bildfolgen machen schwindelig und werden Filmseminaren abheben lassen.
Solche Montagen sind ungewöhnliche Ansätze und zeigen das Können des Regisseurs. Wie schon bei der Hommage des Tanzfilms in „La La Land" lässt sich auch Chazelles Raumflug wieder als Mischung aus altmodisch und avanciert sehen. Die chronologische Erzählung ohne Rückblenden wirkt einfach, die Ausführung im Detail ist große Kunst mit kleinen mutigen Details. Am Ende fragt man sich aber, an welchem Ziel der Film eigentlich vorbei gesteuert ist. „Aufbruch zum Mond" kann man nicht mal vorwerfen, die wieder bedrohliche Unsitte Patriotismus anzufeuern. Mehr als Heldengeschichte zeigt Chazelle die Geschichte des stillen Mannes.
Das eigentliche Ereignis mit dem Lande-Countdown wird in nur zwanzig heroischen Minuten abgespult, das klassische Film-Orchester darf da endlich mal in die Vollen gehen, bis zum anderen historischen Satz „The Eagle has landed". Der große Schritt für die Menschheit erfolgt dann wieder in stärker beeindruckender Stille. Nur der Atem mit Dosenklang begleitet Armstrong auf den Mond. Dann „Boxenfunk" mit praktischen Vorgängen bis „der" Satz endlich kommt: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit." Wobei die Parallel-Montage suggeriert, dass Armstrong hier und jetzt endlich mal an glückliche Tage mit seiner an einem Hirntumor verstorbenen Tochter denkt. Das menschliche Leid ist also größer, als solche aus dem Kalten Krieg geborenen, verschwenderischen Himmelfahrts-Aktionen. Fast ein Antiklimax, der an die Kritik von „Broken Circle" an anti-aufklärerischer (Gesundheits-) Politik denken lässt. Es sind solche ungewöhnlichen Perspektiven, die Chazelles neuen Film auch interessant machen.
Ein kleiner Schritt für die Filmgeschichte und nichts ganz Großes fürs Kino: Nach „Whiplash" und „La La Land" schießt Damien Chazelle seinen Lieblings-Schauspieler Ryan Gosling als Neil Armstrong auf den Mond.
„Huston, wir haben ein Problem!" Nicht nur eines, sondern richtig viele hatte das amerikanische Raumfahrtprogramms zwischen 1961 und 1969, wo es mit dem ersten Menschen auf dem Mond endlich die Sowjets überholen konnte. Viele Probleme hat auch Neil Armstrong (Ryan Gosling). Nicht nur die dramatische Notlandung mit einem Flugzeug zu Anfang des Films. Da ist er nur einer der Ingenieure und Astronauten im NASA-Team. Und seine kleine Tochter stirbt bald an einem Hirntumor. „Aufbruch zum Mond" ignoriert im Titel die Doppel-Erzählung aus sehr privater und Welt-Geschichte.
Denn der legendäre Neil Armstrong ist, basierend auf der offiziellen Biografie von Historiker James R. Hansen, ein zurückhaltender, stiller Denker, dem eine kleine Tochter und viele Kollegen verstarben. Ein bis zur Ehekrise verschlossener Mann. Idealerweise besetzt durch Schweiger Ryan Gosling, den Regisseur Damien Chazelle schon in „La La Land" vortanzen ließ. Und mehr bedröppelt schauend als sprechend, vielleicht das Beste, was man aus diesem wirklich nicht sehr flexiblen Darsteller rausholen kann.
Immer wieder übernimmt die Kamera Armstrongs subjektive Perspektive, um extreme Beschleunigungen, Geschwindigkeiten und Belastungen zu vermitteln. Das metallische Quietschen beim Start könnte an einer Autopresse vom Schrottplatz aufgenommen sein. In die All-Ruhe danach schneidet Chazelle das Miterleben der Familie auf der Erde, bevor ein weiteres Problem für Spannung und Hektik sorgt. Zu viel Schub schoss Gemini 8 beim Testflug am Ziel vorbei. Armstrong berechnet in der Raumkapsel selbst auf Papier die Richtungs-Korrektur. Zum Erfolg erklingt ein Walzer als Zitat zu Kubriks „2001". Dann noch ein Problem, nicht für Huston, sondern für die Besatzung. Atemberaubend dabei nicht nur die Situation der rasend rotierenden Kapsel - auch die wahnsinnig schnellen Bildfolgen machen schwindelig und werden Filmseminaren abheben lassen.
Solche Montagen sind ungewöhnliche Ansätze und zeigen das Können des Regisseurs. Wie schon bei der Hommage des Tanzfilms in „La La Land" lässt sich auch Chazelles Raumflug wieder als Mischung aus altmodisch und avanciert sehen. Die chronologische Erzählung ohne Rückblenden wirkt einfach, die Ausführung im Detail ist große Kunst mit kleinen mutigen Details. Am Ende fragt man sich aber, an welchem Ziel der Film eigentlich vorbei gesteuert ist. „Aufbruch zum Mond" kann man nicht mal vorwerfen, die wieder bedrohliche Unsitte Patriotismus anzufeuern. Mehr als Heldengeschichte zeigt Chazelle die Geschichte des stillen Mannes.
Das eigentliche Ereignis mit dem Lande-Countdown wird in nur zwanzig heroischen Minuten abgespult, das klassische Film-Orchester darf da endlich mal in die Vollen gehen, bis zum anderen historischen Satz „The Eagle has landed". Der große Schritt für die Menschheit erfolgt dann wieder in stärker beeindruckender Stille. Nur der Atem mit Dosenklang begleitet Armstrong auf den Mond. Dann „Boxenfunk" mit praktischen Vorgängen bis „der" Satz endlich kommt: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit." Wobei die Parallel-Montage suggeriert, dass Armstrong hier und jetzt endlich mal an glückliche Tage mit seiner an einem Hirntumor verstorbenen Tochter denkt. Das menschliche Leid ist also größer, als solche aus dem Kalten Krieg geborenen, verschwenderischen Himmelfahrts-Aktionen. Fast ein Antiklimax, der an die Kritik von „Broken Circle" an anti-aufklärerischer (Gesundheits-) Politik denken lässt. Es sind solche ungewöhnlichen Perspektiven, die Chazelles neuen Film auch interessant machen.
31.10.18
Bohemian Rhapsody
USA, Großbritannien 2018 Regie: Bryan Singer, Dexter Fletcher, mit Rami Malek, Ben Hardy, Mike Myers 135 Min. FSK ab 6
Die Geschichte der Band „Queen" ist Pop-Geschichte, die eine ganz Menge Hits wie „We will rock you"', „We are the Champions" oder „Bohemian Rhapsody" hervorbrachte. Im Rampenlicht stand bei Queen immer der Frontmann Freddie Mercury und so erzählt dieses „Biopic" auch von den frühen Jahren Freddie Mercurys und der Band Queen bis zum „Live Aid"-Konzert 1985.
Der Film beginnt und endet großartig mit Queens legendärer Live Aid-Performance. Das Benefizkonzert war ein Kulturereignis der 80er-Jahre und viele populäre Musiker auf zwei Bühnen, dem Wembley Stadion in London und dem John F. Kennedy Stadion in Philadelphia. Live Aid brachte aber auch die Band wieder zusammen, nachdem Mercury für sechs Jahre nach Deutschland umgezogen war, wo er zwei Soloalben aufgenommen hatte, dabei in Drogen- und Alkoholmissbrauch abgerutscht war.
Mercury wurde 1946 als Farrokh Bulsara auf der Insel Sansibar geboren und wuchs im britisch besetzten Indien auf. 1964 brachten Unruhen seine Familie nach London, wo er 1969 auf die Queen-Vorgängerband Smile traf. Als Roadie begleitete er sie und gründete 1970 mit Brian May und Roger Tayler Queen. „Bohemian Rhapsody" wirkt in diesem scheinbar unaufgeregten und vor allen Dingen sehr spaßig Auftakt wie Karriere im Schnelldurchlauf. Bis Mercurys Solo-Trip plötzlich ein Leben mit Reichtum, Einsamkeit und Exzessen zeigt, die nicht besonders aufregend gefilmt sind. Mit dem Auftritt von AIDS in Freddies Leben wird „Bohemian Rhapsody" endgültig ein ungemein bewegender Film, der seine vielen Hits nicht nur runterspielt. Im grandiosen Konzert-Finale kommen alle Fäden zusammen und jeder Song fließt vor emotionsgeladenen Bedeutungen über. So sieht es aus, als wenn man Freddie Mercury am besten würdigt, wenn man ihn einfach auftreten lässt.
Regisseur Bryan Singer, der nach seinem ersten Erfolg „Die üblichen Verdächtigen" selbst bei einem Action-Spektakel wie „X-Men" dem diskriminierten Individuum Raum gibt, findet im Farrokh Bulsara, der multikulturell aus dem britisch besetzten Indien stammte, seinen markanten Überbiss nie korrigieren ließ und nach einem exzessiven bisexuellen Leben 45-jährig 1991 an AIDS starb, einen passenden Protagonisten. Wenn auch die Hits nicht fehlen dürfen, der Film ist kein Queen-Musical geworden. In die Entwicklung vom diskriminierten „Paki", vom Flughafen-Hilfsarbeiter zum Weltstar, zur rockenden Pop-Diva Sehr wurde sensibel und unaufdringlich die Angst vor und das Leben mit Aids in diesen Pop-Film eingebaut. Rami Malek („Mr. Robot") schafft es, den Gefühlen des einsamen Stars Ausdruck zu geben, und schlüpft mit Zahnprothese so überzeugend in die Person Mercurys, dass man bei dessen Originalbildern im Abspann denkt, der sieht aber „nicht richtig" aus.
Dass unter den vielen Gänsehaut-Liedern „Somebody to love" eine prominente Rolle bekommt, ist bezeichnen: Dies ist ein Film über jemanden, den man Lieben muss. Mit seinen Unsicherheiten und seiner rücksichtslosen Exaltiertheit. Beschönigungen waren zu erwarten, weil mit Brian May und Roger Tayler zwei ehemalige Bandkollegen Ko-Produzenten waren. Und der Film zeigt gerade, dass auch dieses Familien-Leben in der Familie Band nicht einfach war.
Die Geschichte der Band „Queen" ist Pop-Geschichte, die eine ganz Menge Hits wie „We will rock you"', „We are the Champions" oder „Bohemian Rhapsody" hervorbrachte. Im Rampenlicht stand bei Queen immer der Frontmann Freddie Mercury und so erzählt dieses „Biopic" auch von den frühen Jahren Freddie Mercurys und der Band Queen bis zum „Live Aid"-Konzert 1985.
Der Film beginnt und endet großartig mit Queens legendärer Live Aid-Performance. Das Benefizkonzert war ein Kulturereignis der 80er-Jahre und viele populäre Musiker auf zwei Bühnen, dem Wembley Stadion in London und dem John F. Kennedy Stadion in Philadelphia. Live Aid brachte aber auch die Band wieder zusammen, nachdem Mercury für sechs Jahre nach Deutschland umgezogen war, wo er zwei Soloalben aufgenommen hatte, dabei in Drogen- und Alkoholmissbrauch abgerutscht war.
Mercury wurde 1946 als Farrokh Bulsara auf der Insel Sansibar geboren und wuchs im britisch besetzten Indien auf. 1964 brachten Unruhen seine Familie nach London, wo er 1969 auf die Queen-Vorgängerband Smile traf. Als Roadie begleitete er sie und gründete 1970 mit Brian May und Roger Tayler Queen. „Bohemian Rhapsody" wirkt in diesem scheinbar unaufgeregten und vor allen Dingen sehr spaßig Auftakt wie Karriere im Schnelldurchlauf. Bis Mercurys Solo-Trip plötzlich ein Leben mit Reichtum, Einsamkeit und Exzessen zeigt, die nicht besonders aufregend gefilmt sind. Mit dem Auftritt von AIDS in Freddies Leben wird „Bohemian Rhapsody" endgültig ein ungemein bewegender Film, der seine vielen Hits nicht nur runterspielt. Im grandiosen Konzert-Finale kommen alle Fäden zusammen und jeder Song fließt vor emotionsgeladenen Bedeutungen über. So sieht es aus, als wenn man Freddie Mercury am besten würdigt, wenn man ihn einfach auftreten lässt.
Regisseur Bryan Singer, der nach seinem ersten Erfolg „Die üblichen Verdächtigen" selbst bei einem Action-Spektakel wie „X-Men" dem diskriminierten Individuum Raum gibt, findet im Farrokh Bulsara, der multikulturell aus dem britisch besetzten Indien stammte, seinen markanten Überbiss nie korrigieren ließ und nach einem exzessiven bisexuellen Leben 45-jährig 1991 an AIDS starb, einen passenden Protagonisten. Wenn auch die Hits nicht fehlen dürfen, der Film ist kein Queen-Musical geworden. In die Entwicklung vom diskriminierten „Paki", vom Flughafen-Hilfsarbeiter zum Weltstar, zur rockenden Pop-Diva Sehr wurde sensibel und unaufdringlich die Angst vor und das Leben mit Aids in diesen Pop-Film eingebaut. Rami Malek („Mr. Robot") schafft es, den Gefühlen des einsamen Stars Ausdruck zu geben, und schlüpft mit Zahnprothese so überzeugend in die Person Mercurys, dass man bei dessen Originalbildern im Abspann denkt, der sieht aber „nicht richtig" aus.
Dass unter den vielen Gänsehaut-Liedern „Somebody to love" eine prominente Rolle bekommt, ist bezeichnen: Dies ist ein Film über jemanden, den man Lieben muss. Mit seinen Unsicherheiten und seiner rücksichtslosen Exaltiertheit. Beschönigungen waren zu erwarten, weil mit Brian May und Roger Tayler zwei ehemalige Bandkollegen Ko-Produzenten waren. Und der Film zeigt gerade, dass auch dieses Familien-Leben in der Familie Band nicht einfach war.
29.10.18
Touch Me Not
Rumänien, BRD, Tschechische Republik, Bulgarien, Frankreich 2018 Regie: Adina Pintilie, mit Laura Benson, Tómas Lemarquis, Christian Bayerlein 125 Min. FSK ab 16
Der heftig diskutierte „Goldene Bär" der diesjährigen Berlinale ist ein scheinbar dokumentarisches und experimentelles filmisches Abtasten von Sexualität. Als Handlungsfaden begleitet die rumänische Regisseurin ein paar fragmentarische Figuren bei deren Suchen nach körperlicher Nähe. Ein Strang verfolgt eine ältere Frau mit Berührungsängsten, die sich zur Überwindung dieser unter anderem mit einem transsexuellen Callboy trifft. Andere lädt sie zur Selbstbefriedigung ein, beobachtet die Berührungstherapie einer Gruppe behinderter Menschen. Stroboskopisch blitzen dunkle Szenen aus einem Swinger-Club auf. Dies jedoch keineswegs pornografisch, dazu verweigert sich „Touch Me Not" zu sehr den „schönen" Bildern.
Und letztlich tritt auch die Regisseurin Adina Pintilie selbst auf, die erst nur in der Spiegelung des Kameramonitors zu sehen ist und andere über ihre Sexualität befragt. Aber irgendwann wechselt sie sehr bewegt mit der älteren Frau die Position, gibt mit einem persönlichen Statement den Rahmen des Films. Denn im Epilog kommt die Liebe ins Spiel, eine vergangene.
Zwischendurch tönen experimentelle Klänge und auch ein Song der „Einstürzende Neubauten". Man erfährt über akustische Interview-Aufnahmen etwas über die Protagonisten. Oder Porträtierten? Schon bei der Benennung der Subjekte versagt die übliche Beschreibung. Zwei professionelle Schauspieler sind dabei, Laura Benson spielte einst in „Gefährliche Liebschaften". Der Isländer Tómas Lemarquis, markant glatzköpfig zu sehen in „Snowpiercer" und „Blade Runner 2049", bringt die persönliche Geschichte seines kompletten Haarverlustes ein. Doch der Mechanismus der Identifikation tut sich schwer, bei diesem fast experimentellen und dann doch wieder sehr persönlichen Erstlings-Film. Ein Film, so weit weg vom Mainstream, dass der Hauptpreis der Berlinale sicherlich auch einen Überdruss an konventionellen Erzählstrategien ausdrückt.
Der heftig diskutierte „Goldene Bär" der diesjährigen Berlinale ist ein scheinbar dokumentarisches und experimentelles filmisches Abtasten von Sexualität. Als Handlungsfaden begleitet die rumänische Regisseurin ein paar fragmentarische Figuren bei deren Suchen nach körperlicher Nähe. Ein Strang verfolgt eine ältere Frau mit Berührungsängsten, die sich zur Überwindung dieser unter anderem mit einem transsexuellen Callboy trifft. Andere lädt sie zur Selbstbefriedigung ein, beobachtet die Berührungstherapie einer Gruppe behinderter Menschen. Stroboskopisch blitzen dunkle Szenen aus einem Swinger-Club auf. Dies jedoch keineswegs pornografisch, dazu verweigert sich „Touch Me Not" zu sehr den „schönen" Bildern.
Und letztlich tritt auch die Regisseurin Adina Pintilie selbst auf, die erst nur in der Spiegelung des Kameramonitors zu sehen ist und andere über ihre Sexualität befragt. Aber irgendwann wechselt sie sehr bewegt mit der älteren Frau die Position, gibt mit einem persönlichen Statement den Rahmen des Films. Denn im Epilog kommt die Liebe ins Spiel, eine vergangene.
Zwischendurch tönen experimentelle Klänge und auch ein Song der „Einstürzende Neubauten". Man erfährt über akustische Interview-Aufnahmen etwas über die Protagonisten. Oder Porträtierten? Schon bei der Benennung der Subjekte versagt die übliche Beschreibung. Zwei professionelle Schauspieler sind dabei, Laura Benson spielte einst in „Gefährliche Liebschaften". Der Isländer Tómas Lemarquis, markant glatzköpfig zu sehen in „Snowpiercer" und „Blade Runner 2049", bringt die persönliche Geschichte seines kompletten Haarverlustes ein. Doch der Mechanismus der Identifikation tut sich schwer, bei diesem fast experimentellen und dann doch wieder sehr persönlichen Erstlings-Film. Ein Film, so weit weg vom Mainstream, dass der Hauptpreis der Berlinale sicherlich auch einen Überdruss an konventionellen Erzählstrategien ausdrückt.
25 km/h
BRD 2018 Regie: Markus Goller, mit Lars Eidinger, Bjarne Mädel, Franka Potente, Alexandra Maria Lara, Sandra Hüller 116 Min. FSK ab 6
Mit zwei alten Mofas und Vollgas ins verrückte Vergnügen! Schauspiel-Gott Lars Eidinger und Komödianten-König Bjarne Mädel fahren als entfremdete Brüder auf einen genialen Road-Trip, finden sich selbst und viel Spaß.
Der eine lebt in Singapur, aber sieht nur sein Geschäft und nichts von der Welt. Der andere immer noch im Schwarzwald, wo er den Vater pflegte. Zu dessen Begräbnis kommt der überaus geschäftige Jetsetter Christian (Lars Eidinger) selbstverständlich zu spät. Mit Bruder Georg (Bjarne Mädel) prügelt man sich deshalb noch auf dem Friedhof. Abends im alten Haus der Familie dauert es eine Weile und ein paar Bier, bis der frustrierte Georg überhaupt den Mund aufmacht. Ein paar Flaschen später spielen sie wieder wie in Jugendtagen Tischtennis. Unter den Tisch geschmettert und gesoffen, entdecken sie schließlich die detaillierte Karte ihres gemeinsamen Jugendtraums: Mit dem Mofa quer durch Deutschland bis an die Ostsee. Mit genügend Alkohol im Tank und den Mofas aus der Scheune geht es noch in der Nacht los. Erst am nächsten Morgen, verkatert im schicken Wellness-Hotel, denken der Gestresste und der Frustrierte über ihren Plan nach. Zu dem gehört unter anderem viel saufen (check!), Sex haben, mit Arschbombe in den See und die ganze Karte vom Griechen aufessen!
„25 km/h", das genialste Road-Movie seit „Easy Rider", ist auch für das Publikum ein 70er-Flash mit The Cure, T-Rex und Bonanza-Rad, eine deutsche „Blues Brother"-Verbeugung, ein sensationeller Spaß und feinster Schauspiel-Genuss. Die schöne Geschichte zweier unterschiedlicher Brüder, die nach 30 Jahren in einem verrückten Abenteuer wieder zueinander finden, reicht schon für einen guten Film. Exzellent wird „25 km/h" durch die Besetzung.
Bühnen-Star Lars Eidinger (zwischen „Babylon Berlin" und Mackie Messer) muss sich im Haus der Kindheit („alles wirkt so klein") nur die Krawatte um den Kopf binden, um wieder wildes Kind zu sein. Die Rampensau darf er beim Stepptanz auf dem Weinfest rauslassen, dabei deutsche Spießigkeit anschreien und nackten Hintern zeigen. Eidinger hat selbst auf dem Moped mit Chopper-Lenker und Rückenlehne a la Bonanza-Rad noch was von einem Shakespeare-Prinzen. Bjarne Mädel, der zu sehr auf Bert aus „Stromberg" und den genialen „Tatortreiniger" (auch dort schon mal mit Eidinger) reduziert wird, hält nicht nur beim Steppen mit dem Super-Star mit. Beide grandiosen Vollblutschauspieler spielen so, dass man es sich nicht anders vorstellen kann, als dass sie selbst extremen Spaß beim Dreh gehabt haben. Beim Mofa-Rasen am Geschwindigkeits-Blitzer, beim Tischtennis-Spielen, beim Baden im einsamen See. So sehr die beiden als Christian und Georg in ihre Rollen-Klischee passen, sie übererfüllen diese Rollen enorm.
Die eigentliche Überraschung ist jedoch Regisseur, Ko-Produzent und Cutter Markus Goller: Dass der Macher von „Simpel" (2017) oder „Eine ganz heiße Nummer" (2011) so eine perfekte menschliche Komödie hinlegt, hätte man nicht erwartet. Hier ist der Dialog große Klasse (Buch Oliver Ziegenbalg ), das Timing des entschleunigten Road-Movie stimmt, die Kamera von Frank Griebe gut wie immer. Warum wird nicht mal so was zum Oscar eingereicht? Aber bis dahin gilt das Motto „Denk einfach nicht nach und lass uns fahren", ins nächste Kino!
Mit zwei alten Mofas und Vollgas ins verrückte Vergnügen! Schauspiel-Gott Lars Eidinger und Komödianten-König Bjarne Mädel fahren als entfremdete Brüder auf einen genialen Road-Trip, finden sich selbst und viel Spaß.
Der eine lebt in Singapur, aber sieht nur sein Geschäft und nichts von der Welt. Der andere immer noch im Schwarzwald, wo er den Vater pflegte. Zu dessen Begräbnis kommt der überaus geschäftige Jetsetter Christian (Lars Eidinger) selbstverständlich zu spät. Mit Bruder Georg (Bjarne Mädel) prügelt man sich deshalb noch auf dem Friedhof. Abends im alten Haus der Familie dauert es eine Weile und ein paar Bier, bis der frustrierte Georg überhaupt den Mund aufmacht. Ein paar Flaschen später spielen sie wieder wie in Jugendtagen Tischtennis. Unter den Tisch geschmettert und gesoffen, entdecken sie schließlich die detaillierte Karte ihres gemeinsamen Jugendtraums: Mit dem Mofa quer durch Deutschland bis an die Ostsee. Mit genügend Alkohol im Tank und den Mofas aus der Scheune geht es noch in der Nacht los. Erst am nächsten Morgen, verkatert im schicken Wellness-Hotel, denken der Gestresste und der Frustrierte über ihren Plan nach. Zu dem gehört unter anderem viel saufen (check!), Sex haben, mit Arschbombe in den See und die ganze Karte vom Griechen aufessen!
„25 km/h", das genialste Road-Movie seit „Easy Rider", ist auch für das Publikum ein 70er-Flash mit The Cure, T-Rex und Bonanza-Rad, eine deutsche „Blues Brother"-Verbeugung, ein sensationeller Spaß und feinster Schauspiel-Genuss. Die schöne Geschichte zweier unterschiedlicher Brüder, die nach 30 Jahren in einem verrückten Abenteuer wieder zueinander finden, reicht schon für einen guten Film. Exzellent wird „25 km/h" durch die Besetzung.
Bühnen-Star Lars Eidinger (zwischen „Babylon Berlin" und Mackie Messer) muss sich im Haus der Kindheit („alles wirkt so klein") nur die Krawatte um den Kopf binden, um wieder wildes Kind zu sein. Die Rampensau darf er beim Stepptanz auf dem Weinfest rauslassen, dabei deutsche Spießigkeit anschreien und nackten Hintern zeigen. Eidinger hat selbst auf dem Moped mit Chopper-Lenker und Rückenlehne a la Bonanza-Rad noch was von einem Shakespeare-Prinzen. Bjarne Mädel, der zu sehr auf Bert aus „Stromberg" und den genialen „Tatortreiniger" (auch dort schon mal mit Eidinger) reduziert wird, hält nicht nur beim Steppen mit dem Super-Star mit. Beide grandiosen Vollblutschauspieler spielen so, dass man es sich nicht anders vorstellen kann, als dass sie selbst extremen Spaß beim Dreh gehabt haben. Beim Mofa-Rasen am Geschwindigkeits-Blitzer, beim Tischtennis-Spielen, beim Baden im einsamen See. So sehr die beiden als Christian und Georg in ihre Rollen-Klischee passen, sie übererfüllen diese Rollen enorm.
Die eigentliche Überraschung ist jedoch Regisseur, Ko-Produzent und Cutter Markus Goller: Dass der Macher von „Simpel" (2017) oder „Eine ganz heiße Nummer" (2011) so eine perfekte menschliche Komödie hinlegt, hätte man nicht erwartet. Hier ist der Dialog große Klasse (Buch Oliver Ziegenbalg ), das Timing des entschleunigten Road-Movie stimmt, die Kamera von Frank Griebe gut wie immer. Warum wird nicht mal so was zum Oscar eingereicht? Aber bis dahin gilt das Motto „Denk einfach nicht nach und lass uns fahren", ins nächste Kino!
Der Trafikant
Österreich, BRD 2018 Regie: Nikolaus Leytner, mit Simon Morzé, Bruno Ganz, Johannes Krisch 114 Min. FSK ab 12
„Bis vor kurzem war ich noch ein Kind, jetzt bin ich noch kein Mann..." Und mitten hinein geworfen in das unruhige Wien des Jahres 1938, sind Beobachtungsgabe und Urteilsvermögen des 17-jährigen Franz Huchel (Simon Morzé) aufs schärfste gefordert. Nachdem daheim auf dem Land der generöse Liebhaber der Mutter vom Blitz getroffen wurde, beginnt Franz als Lehrling beim Wiener Trafikanten Otto Trsnjek (Johannes Krisch). Dessen Tabak- und Zeitschriften-Laden liegt in der etwas zu übersichtlich positionierten Wiener Filmstraße links vom rechten Nazi-Fleischer.
Es sind sehr bewegte Zeiten, denn Nazi-Gewalt übernimmt die Stadt, auch die Mutter schreibt im Briefwechsel vom Land: „Überall hängt jetzt der Hitler, direkt neben dem Jesus". Bald wird sich dieser Hitler seine Heimat wie ein Stück Fleisch einverleiben. Im Vorfeld zerstören Rechte immer wieder den Laden des Trafikanten, nur weil der beim-amputierte Kriegs-Veteran Otto jüdische und internationale Zeitungen anbietet. Und ganz mutig nicht das Nazi-Blatt.
Einer seiner Kunden ist der „Deppendoktor für Leute, die es sich leisten können" Sigmund Freud. Franz versorgt den alten Mann bevorzugt mit Zigarren und erhofft sich Rat in Liebesdingen. Der unerfahrene Provinzler verliebte sich nämlich schlagartig in die böhmische Varietétänzerin Anezka (Emma Drogunova). Mit den üblichen Folgen Euphorie und Schmerz.
Die Verfilmung von Robert Seethalers Roman „Der Trafikant" macht aus dem üblichen Narren als Beobachter einen sehr sensiblen jungen Mann, der in seinen Tagträumen immer das Richtige macht, sich in der Realität aber nicht traut. Sowohl gegenüber seiner großen Liebe Anezka als auch gegenüber den brutalen, rechtlosen und gemeinen Nazis. In seinen echten Träumen, wo die sehr ansprechende Bildgestaltung des Films surreal ihren Höhepunkt findet (Kamera: Hermann Dunzendorfer), zeigt sich die manifeste Bedrohung in bildgewaltigen Metaphern. Wie die vom Eisberg, der den Kahn Franzens zu zerquetschen droht. Eigentlich bestes Material für den Traumdeuter Freud, doch der erweist sich bei dem jungen Mann, den er freudig interessiert unter seine Fittiche nimmt, eher als praktischer Ratgeber. Der selbst den Rat, schleunigst nach London zu fliehen, nicht hören will.
Mit solchen dramatischen Details der Zeitgeschichte, an der bald dichtende Franz ein wenig Anteil hat, ist „Der Trafikant" in aktueller Sichtweise eine Ergänzung zum Berlin des Jahres 1929 der TV-Serie „Babylon Berlin". Nur halt für Wien und wesentlich weniger spektakulär. Ein gutes, schön anzusehendes Bildungsbürger-Programm mit interessant gezeichneten und auch gespielten Figuren. Zur rechten Zeit, weil es wieder an der Zeit ist, die Rechten zurückzuweisen. Leider geht der Schweizer Bruno Ganz nie ganz in der Rolle des Österreichers Prof. Freud auf. Er spielt wie gewohnt einen jovialen Onkel, deutet Altersstarrsinn und Gebrechen an, kann aber nie eine selbständige Figur aufleben lassen. Insgesamt reiht er sich in die anständige Verfilmung eines sicherlich packenden Romans ein.
„Bis vor kurzem war ich noch ein Kind, jetzt bin ich noch kein Mann..." Und mitten hinein geworfen in das unruhige Wien des Jahres 1938, sind Beobachtungsgabe und Urteilsvermögen des 17-jährigen Franz Huchel (Simon Morzé) aufs schärfste gefordert. Nachdem daheim auf dem Land der generöse Liebhaber der Mutter vom Blitz getroffen wurde, beginnt Franz als Lehrling beim Wiener Trafikanten Otto Trsnjek (Johannes Krisch). Dessen Tabak- und Zeitschriften-Laden liegt in der etwas zu übersichtlich positionierten Wiener Filmstraße links vom rechten Nazi-Fleischer.
Es sind sehr bewegte Zeiten, denn Nazi-Gewalt übernimmt die Stadt, auch die Mutter schreibt im Briefwechsel vom Land: „Überall hängt jetzt der Hitler, direkt neben dem Jesus". Bald wird sich dieser Hitler seine Heimat wie ein Stück Fleisch einverleiben. Im Vorfeld zerstören Rechte immer wieder den Laden des Trafikanten, nur weil der beim-amputierte Kriegs-Veteran Otto jüdische und internationale Zeitungen anbietet. Und ganz mutig nicht das Nazi-Blatt.
Einer seiner Kunden ist der „Deppendoktor für Leute, die es sich leisten können" Sigmund Freud. Franz versorgt den alten Mann bevorzugt mit Zigarren und erhofft sich Rat in Liebesdingen. Der unerfahrene Provinzler verliebte sich nämlich schlagartig in die böhmische Varietétänzerin Anezka (Emma Drogunova). Mit den üblichen Folgen Euphorie und Schmerz.
Die Verfilmung von Robert Seethalers Roman „Der Trafikant" macht aus dem üblichen Narren als Beobachter einen sehr sensiblen jungen Mann, der in seinen Tagträumen immer das Richtige macht, sich in der Realität aber nicht traut. Sowohl gegenüber seiner großen Liebe Anezka als auch gegenüber den brutalen, rechtlosen und gemeinen Nazis. In seinen echten Träumen, wo die sehr ansprechende Bildgestaltung des Films surreal ihren Höhepunkt findet (Kamera: Hermann Dunzendorfer), zeigt sich die manifeste Bedrohung in bildgewaltigen Metaphern. Wie die vom Eisberg, der den Kahn Franzens zu zerquetschen droht. Eigentlich bestes Material für den Traumdeuter Freud, doch der erweist sich bei dem jungen Mann, den er freudig interessiert unter seine Fittiche nimmt, eher als praktischer Ratgeber. Der selbst den Rat, schleunigst nach London zu fliehen, nicht hören will.
Mit solchen dramatischen Details der Zeitgeschichte, an der bald dichtende Franz ein wenig Anteil hat, ist „Der Trafikant" in aktueller Sichtweise eine Ergänzung zum Berlin des Jahres 1929 der TV-Serie „Babylon Berlin". Nur halt für Wien und wesentlich weniger spektakulär. Ein gutes, schön anzusehendes Bildungsbürger-Programm mit interessant gezeichneten und auch gespielten Figuren. Zur rechten Zeit, weil es wieder an der Zeit ist, die Rechten zurückzuweisen. Leider geht der Schweizer Bruno Ganz nie ganz in der Rolle des Österreichers Prof. Freud auf. Er spielt wie gewohnt einen jovialen Onkel, deutet Altersstarrsinn und Gebrechen an, kann aber nie eine selbständige Figur aufleben lassen. Insgesamt reiht er sich in die anständige Verfilmung eines sicherlich packenden Romans ein.
23.10.18
Wildhexe
Dänemark 2017 (Vildheks) Regie: Kaspar Munk, mit Gerda Lie Kaas 96 Min. FSK ab 6
Clara erlebt irritierende Veränderungen nach ihrem 12. Geburtstag: Sie riecht von weitem, dass der Tunfischsalat der Mitschülerin verdorben ist und Tiere reden mit ihr. Auf dem Hof einer Tante, von dem sie noch nie was gehört hat, landet sie im einem Paradies für Tiere. Sie ist nämlich eine Wildhexe und die neue „Wächterin der Wilden Welt". Zusammen mit ihrer Tante Isa, ihren Freunden Oscar und Kahla soll sie die Natur und sich selbst retten – und dafür muss sie gegen die mysteriöse Chimära kämpfen.
Der Jugend-Fantasyfilm, der in einigen Szenen ästhetisch stark von „Game of Thrones" beeinflusst ist, basiert auf der gleichnamigen dänischen Kinderbuchreihe von Lene Kaaberbøl. Nicht nur für die fantastischen Welten wurde einiger Aufwand betrieben. Die diesseitige Geschichte Claras, ihre Ausbildung zur Wildhexe im geschützten Hag ihrer Tante, deutet im idyllischen und gemächlichen Fortschreiten erst nur die Bedrohungen durch die mysteriöse Chimära an. Bis Clara aus der grünen Welt entführt in einem dunklen Reich landet. Die Kombination der typisch irritierenden Teenager-Welt mit einer starken Fantasy-Geschichte und eindrucksvollen großen Landschaftsaufnahmen hebt sich von den vielen ähnlichen Ansätzen ab, indem hier nicht das Leben und Empfinden der 12-Jährigen den Effekten geopfert wird. Bereits die besonders gelungene Verfilmung „Hüterin der Wahrheit" zeigte diese Qualitäten der dänischen Autorin Lene Kaaberbøl.
Clara erlebt irritierende Veränderungen nach ihrem 12. Geburtstag: Sie riecht von weitem, dass der Tunfischsalat der Mitschülerin verdorben ist und Tiere reden mit ihr. Auf dem Hof einer Tante, von dem sie noch nie was gehört hat, landet sie im einem Paradies für Tiere. Sie ist nämlich eine Wildhexe und die neue „Wächterin der Wilden Welt". Zusammen mit ihrer Tante Isa, ihren Freunden Oscar und Kahla soll sie die Natur und sich selbst retten – und dafür muss sie gegen die mysteriöse Chimära kämpfen.
Der Jugend-Fantasyfilm, der in einigen Szenen ästhetisch stark von „Game of Thrones" beeinflusst ist, basiert auf der gleichnamigen dänischen Kinderbuchreihe von Lene Kaaberbøl. Nicht nur für die fantastischen Welten wurde einiger Aufwand betrieben. Die diesseitige Geschichte Claras, ihre Ausbildung zur Wildhexe im geschützten Hag ihrer Tante, deutet im idyllischen und gemächlichen Fortschreiten erst nur die Bedrohungen durch die mysteriöse Chimära an. Bis Clara aus der grünen Welt entführt in einem dunklen Reich landet. Die Kombination der typisch irritierenden Teenager-Welt mit einer starken Fantasy-Geschichte und eindrucksvollen großen Landschaftsaufnahmen hebt sich von den vielen ähnlichen Ansätzen ab, indem hier nicht das Leben und Empfinden der 12-Jährigen den Effekten geopfert wird. Bereits die besonders gelungene Verfilmung „Hüterin der Wahrheit" zeigte diese Qualitäten der dänischen Autorin Lene Kaaberbøl.
Wuff
BRD 2018 Regie: Detlev Buck, mit Emily Cox, Johanna Wokalek, Marie Burchard, Kostja Ullmann 114 Min. FSK ab 6
Hundefilme sind eigentlich so unangenehm wie sabbernde Bernhardiner oder vollgeschissene Gehwege. Doch jetzt kommt Buck! Das ist keiner der Hunde vom „Wuff"-Plakat, das ist der Regisseur und Ko-Autor Detlev Buck, der wieder beweist, einer der besten in Deutschland zu sein. Diesmal zaubert er eine belanglose Beziehungskomödie um vier frustrierte Frauchen derart leicht auf die Leinwand, dass man glatt „Hollywood!" denkt.
Ellas Oscar nimmt sich immer alles und glotzt dich dann unverschämt unschuldig an. Nein, Oscar ist kein schlecht erzogener Köter. Oscar (Holger Stockhaus) ist Partner der Journalistin Ella (Emily Cox). Privat und in der Redaktion. Als Oscar ihr den Job der Redaktionsleitung wegschnappt und gleich seine Geliebte auf das Cover des Heftes bringt, ist er raus aus Wohnung und Beziehung. Dafür zieht der Hund Bozer bei Ella ein, der allerdings immer wegläuft.
Die Erklärung liefert Ellas Freundinnen-Quartett, genauer die Wahrsagerin und Katzenfreundin unter ihnen: Die Tarot-Karten empfehlen eindeutig „Folge dem Hund". Der rennt in den Wald, wo sich der junge Förster (Kostja Ullmann) kopfschüttelnd in die naturfremde Frau verliebt.
So leicht kann es gehen und geht es eigentlich immer in Bucks unproblematischer Beziehungs-Komödie „Wuff". Johanna Wokalek gibt zwar die Problem-beladene Mutter Cecile, die dauernd ihren kleinen Sohn mit Down-Syndrom verteidigen muss, aber selbst als sich die Attacken ihres Hundes gegenüber ihrem Mann als Gesundheitswarnung herausstellen, ist das kleine Drama eher Hintergrund für eine kuschelige Musikmontage. Zu freundlich nimmt die Standard-Dramaturgie mit den unerlässlichen kleinen Katastrophen im vierten Akt die Zuschauer mit.
Dass Buck, selbst als Mitarbeiter im Tierheim zu sehen, bei aller Leichtigkeit im Ensemble der Hundehalter nicht verärgert, ist schon ein Kunststück. Das vor allem durch die Konzentration auf die interessanten Figuren bei Vermeidung von „Oh wie süß"-Momenten gelingt. Frederick Lau hält als gescheiterter Hertha-Fußballer Oli Simon die Handlungsfäden und als kläglicher Hundeflüsterer die Hunde-Leinen zusammen. Der verschuldete Zocker schnappt nämlich Ellas und Ceciles rauer Freundin Silke (Marie Burchard) die Kunden ihrer Hundepension weg. So sammeln sich um ihn ein paar schräge Vier- und Zweibeiner, es gibt ein Hundefußball-Spiel, das eigentlich ziemlich egal für die Handlung ist.
Hier ist Buck richtig Buck, mit ganzem Herz bei den Außenseitern und den seltsamen Vögeln. So kennen wir den Regisseur seit seinen ersten kleinen Erfolgen mit „Karniggels" und „Wir können auch anders". Bereits beim netten Pferdefilm „Hände weg von Mississippi" war er auf das Tier gekommen. Die damalige alte Dame Katharina Thalbach hat hier wieder eine klasse Rolle als lüsterne Hunde-Oma. Einer der vielen Cameo-Auftritte, mit denen Buck seine Film anreichert: Milan Peschel und Judy Winter tauchen ebenso auf wie Ferdinand von Schirach oder der Rapper Romano. Harald Martenstein gibt den verpeilten Chefredakteur Harald. Kida Khodr Ramadan ist mit seinem Hund Gangster voll im Rollen-Klischee aus „4 Blocks" drin.
Das wäre jedoch alles nur Geplänkel, wenn der Film mit seinen Menschen nicht funktionieren würde. „Wuff" ist vor allem Menschen- und erst später Hunde-Film. Zum locker flockig unterhalten werden. Und zum Bewundern von Bucks Können in auch diesem Genre.
Hundefilme sind eigentlich so unangenehm wie sabbernde Bernhardiner oder vollgeschissene Gehwege. Doch jetzt kommt Buck! Das ist keiner der Hunde vom „Wuff"-Plakat, das ist der Regisseur und Ko-Autor Detlev Buck, der wieder beweist, einer der besten in Deutschland zu sein. Diesmal zaubert er eine belanglose Beziehungskomödie um vier frustrierte Frauchen derart leicht auf die Leinwand, dass man glatt „Hollywood!" denkt.
Ellas Oscar nimmt sich immer alles und glotzt dich dann unverschämt unschuldig an. Nein, Oscar ist kein schlecht erzogener Köter. Oscar (Holger Stockhaus) ist Partner der Journalistin Ella (Emily Cox). Privat und in der Redaktion. Als Oscar ihr den Job der Redaktionsleitung wegschnappt und gleich seine Geliebte auf das Cover des Heftes bringt, ist er raus aus Wohnung und Beziehung. Dafür zieht der Hund Bozer bei Ella ein, der allerdings immer wegläuft.
Die Erklärung liefert Ellas Freundinnen-Quartett, genauer die Wahrsagerin und Katzenfreundin unter ihnen: Die Tarot-Karten empfehlen eindeutig „Folge dem Hund". Der rennt in den Wald, wo sich der junge Förster (Kostja Ullmann) kopfschüttelnd in die naturfremde Frau verliebt.
So leicht kann es gehen und geht es eigentlich immer in Bucks unproblematischer Beziehungs-Komödie „Wuff". Johanna Wokalek gibt zwar die Problem-beladene Mutter Cecile, die dauernd ihren kleinen Sohn mit Down-Syndrom verteidigen muss, aber selbst als sich die Attacken ihres Hundes gegenüber ihrem Mann als Gesundheitswarnung herausstellen, ist das kleine Drama eher Hintergrund für eine kuschelige Musikmontage. Zu freundlich nimmt die Standard-Dramaturgie mit den unerlässlichen kleinen Katastrophen im vierten Akt die Zuschauer mit.
Dass Buck, selbst als Mitarbeiter im Tierheim zu sehen, bei aller Leichtigkeit im Ensemble der Hundehalter nicht verärgert, ist schon ein Kunststück. Das vor allem durch die Konzentration auf die interessanten Figuren bei Vermeidung von „Oh wie süß"-Momenten gelingt. Frederick Lau hält als gescheiterter Hertha-Fußballer Oli Simon die Handlungsfäden und als kläglicher Hundeflüsterer die Hunde-Leinen zusammen. Der verschuldete Zocker schnappt nämlich Ellas und Ceciles rauer Freundin Silke (Marie Burchard) die Kunden ihrer Hundepension weg. So sammeln sich um ihn ein paar schräge Vier- und Zweibeiner, es gibt ein Hundefußball-Spiel, das eigentlich ziemlich egal für die Handlung ist.
Hier ist Buck richtig Buck, mit ganzem Herz bei den Außenseitern und den seltsamen Vögeln. So kennen wir den Regisseur seit seinen ersten kleinen Erfolgen mit „Karniggels" und „Wir können auch anders". Bereits beim netten Pferdefilm „Hände weg von Mississippi" war er auf das Tier gekommen. Die damalige alte Dame Katharina Thalbach hat hier wieder eine klasse Rolle als lüsterne Hunde-Oma. Einer der vielen Cameo-Auftritte, mit denen Buck seine Film anreichert: Milan Peschel und Judy Winter tauchen ebenso auf wie Ferdinand von Schirach oder der Rapper Romano. Harald Martenstein gibt den verpeilten Chefredakteur Harald. Kida Khodr Ramadan ist mit seinem Hund Gangster voll im Rollen-Klischee aus „4 Blocks" drin.
Das wäre jedoch alles nur Geplänkel, wenn der Film mit seinen Menschen nicht funktionieren würde. „Wuff" ist vor allem Menschen- und erst später Hunde-Film. Zum locker flockig unterhalten werden. Und zum Bewundern von Bucks Können in auch diesem Genre.
22.10.18
Gänsehaut 2
USA 2018 (Goosebumps 2: Haunted Halloween) Regie: Ari Sandel, mit Wendi McLendon-Covey, Madison Iseman, Ken Jeong 90 Min.
Während die großen Kinder seit 40 Jahren „Halloween" mit den immer gleichen Figuren sehen müssen, wird mit „Gänsehaut 2" sehr ungeschickt versucht, eine neue, literarische Horror-Reihe aufzumachen. Man muss nachdrücklich darauf hinweisen, dass auch dieser Film, wie der erste aus dem Jahr 2015, auf Stoffen des weitgehend unbekannten Jugendbuchautors R.L. Stine basiert. Jack Black spielt ihn diesmal nur lieblos und beiläufig in den letzten Szenen. Die Idee, dass haufenweise fantastische und meist schreckliche Figuren seinen Büchern entschlüpfen, blieb gleich. Das Personal ist komplett neu und wenig(er) beeindruckend: Die große Schwester will Halloween feiern, der kleine Bruder hat derweil beim Ausräumen eines alten Horror-Hauses ein Buch und eine dämonische Bauchredner-Puppe gefunden. Dieser Slappy erweckt bald mit Hilfe alter Tesla-Techniken den ganzen Kommerz-Kitsch rund um Halloween zum Leben. Ein Overkill an Horror-Figuren überschwemmt das Städtchen und den Film. Zum Glück ist die große Schwester eine noch unentdeckte Autorin, die das Manuskript von R.L. Stine zu einem guten Ende schreiben kann.
Die Routine dieses Zweiten Teils fühlt sich an wie Strafarbeit für Produzenten und Regisseure. Die Geschichte der Figuren ist sehr lahm, bis Slappy einen ganzen Kostümladen belebt. Danach läuft ein Beschäftigungsprogramm für die Trickabteilung ab, während die Drehbuchautoren auf Betriebsausflug waren. Oder hat das Skript der 16-jährige Babysitter vom Gärtner des Produzenten geschrieben? Nach dem Motto: Hauptsache was mit Halloween! Jack Black alias R.L. Stine gesteht in seinem Kurzauftritt auch, dies sei eine Amateur-Arbeit, als Jugendlicher geschrieben. So sieht diese Fantasy mit beschränkter Fantasie denn auch aus.
Während die großen Kinder seit 40 Jahren „Halloween" mit den immer gleichen Figuren sehen müssen, wird mit „Gänsehaut 2" sehr ungeschickt versucht, eine neue, literarische Horror-Reihe aufzumachen. Man muss nachdrücklich darauf hinweisen, dass auch dieser Film, wie der erste aus dem Jahr 2015, auf Stoffen des weitgehend unbekannten Jugendbuchautors R.L. Stine basiert. Jack Black spielt ihn diesmal nur lieblos und beiläufig in den letzten Szenen. Die Idee, dass haufenweise fantastische und meist schreckliche Figuren seinen Büchern entschlüpfen, blieb gleich. Das Personal ist komplett neu und wenig(er) beeindruckend: Die große Schwester will Halloween feiern, der kleine Bruder hat derweil beim Ausräumen eines alten Horror-Hauses ein Buch und eine dämonische Bauchredner-Puppe gefunden. Dieser Slappy erweckt bald mit Hilfe alter Tesla-Techniken den ganzen Kommerz-Kitsch rund um Halloween zum Leben. Ein Overkill an Horror-Figuren überschwemmt das Städtchen und den Film. Zum Glück ist die große Schwester eine noch unentdeckte Autorin, die das Manuskript von R.L. Stine zu einem guten Ende schreiben kann.
Die Routine dieses Zweiten Teils fühlt sich an wie Strafarbeit für Produzenten und Regisseure. Die Geschichte der Figuren ist sehr lahm, bis Slappy einen ganzen Kostümladen belebt. Danach läuft ein Beschäftigungsprogramm für die Trickabteilung ab, während die Drehbuchautoren auf Betriebsausflug waren. Oder hat das Skript der 16-jährige Babysitter vom Gärtner des Produzenten geschrieben? Nach dem Motto: Hauptsache was mit Halloween! Jack Black alias R.L. Stine gesteht in seinem Kurzauftritt auch, dies sei eine Amateur-Arbeit, als Jugendlicher geschrieben. So sieht diese Fantasy mit beschränkter Fantasie denn auch aus.
Halloween (2018)
USA 2018 Regie: David Gordon Green mit Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak, Will Patton 109 Min. FSK ab 16
Nachdem er vierzig Jahre mit Maske und Messer in der Filmgeschichte rumstocherte, hätte Michael Myers eigentlich eine gnädige Frührente verdient. Ebenso das Publikum. Doch Carpenters „Halloween", diese grausame Art, Kasse zu machen, wird sicher auch nach diesem Tod von Michael Myers weiter ausgeschlachtet. Auch noch immer dabei ist Jamie Lee Curtis als blutrüstige Oma Laurie. Zusammen mit Tochter und Enkelin (#meetoo) machen sie dem armen Kerl, der doch nur massen-morden will, das x-te Leben schwer. Das ist weder lustig noch gut.
Vierzig Jahre nachdem sich ein Babysitter gegen den Psychopathen Michael Myers wehren musste, John Carpenter mit dem kleinen, simplen Horrorfilmchen „Halloween" berühmt wurde und gleichzeitig seine Synthesizer-Attacken auf die Ohren startete, geht es wieder los. Das Re-Re-Remake tut so, als hätte es die zahllosen anderen Fortsetzungen nicht gegeben. Michael Myers ist mit nur fünf Morden auf dem Kerbholz wieder in der Psychiatrie und hat seit vierzig Jahren nicht mehr gesprochen. Ein Podcast-Journalist meint, es sei eine gute Idee, kurz vor Halloween die alte Maske von Michael wieder zu seinem mörderischen Besitzer zu bringen. Solche Ideen - aber auch alle anderen - werden hier direkt mit dem Tode bestraft.
Laurie (Jamie Lee Curtis) hat derweil vierzig Jahre lang ihr Haus in eine Festung umgebaut, weil Michael ja zurückkehren wird. Dieser Wahn wurde so extrem, dass die eigene Tochter im Alter von 12 Jahren vom Jugendamt abgeholt wurde. Auch mit der Enkelin hatte Laurin keinen Kontakt. Eine gute Gelegenheit für Michael, nach einer schon blutigen Flucht, bei ihr die Mordserie an Teenagern, die ein wenig Sex haben wollen, fortzusetzen.
Wer im Innenhof der psychiatrischen Institution anfangs ein Schachbrett angedeutet sah, ist im falschen Film: Hier gibt es keine Kniffe, keine weitere oder tiefere Bedeutung. Die Handlung verläuft so zuverlässig wie das Abstechen von Schweinen in der Fleischfabrik: Zuerst erwischt es die Wachmannschaft des Gefangenentransportes, dann die Blog-Journalisten (ahnte da jemand die schlechten Kritiken?), danach findet Michael endlich ein Messer und wahllos geht es in die Halloween-Nacht. Immer wieder die gleichen schrecklichen Szenen. Also weniger wegen der Brutalität oder wegen des Sadismus des Films, die wurden von modernen Horror-Filmen längst überboten. Es ist das alte Synthesizer-Thema von Carpenter, das durch Mark und Bein fährt.
Schließlich jagt Oma den unverbesserlichen Stecher und dann prügeln sich zwei Senioren - total einschläfernd. Ohne Witz oder Twist ist auch dieser „Halloween"-Abklatsch ein banales Ausschlachten einer alten Schlachtplatte. Die Moral der endlosen Sticheleien des ziemlich unkaputtbaren Bösewichtes bleibt ebenso messerscharf reaktionär wie sein Abstrafen jugendlicher Sexualität: Das Böse ist immer und überall. Also eifrig Waffen kaufen und den Keller zum Bunker ausbauen.
Nachdem er vierzig Jahre mit Maske und Messer in der Filmgeschichte rumstocherte, hätte Michael Myers eigentlich eine gnädige Frührente verdient. Ebenso das Publikum. Doch Carpenters „Halloween", diese grausame Art, Kasse zu machen, wird sicher auch nach diesem Tod von Michael Myers weiter ausgeschlachtet. Auch noch immer dabei ist Jamie Lee Curtis als blutrüstige Oma Laurie. Zusammen mit Tochter und Enkelin (#meetoo) machen sie dem armen Kerl, der doch nur massen-morden will, das x-te Leben schwer. Das ist weder lustig noch gut.
Vierzig Jahre nachdem sich ein Babysitter gegen den Psychopathen Michael Myers wehren musste, John Carpenter mit dem kleinen, simplen Horrorfilmchen „Halloween" berühmt wurde und gleichzeitig seine Synthesizer-Attacken auf die Ohren startete, geht es wieder los. Das Re-Re-Remake tut so, als hätte es die zahllosen anderen Fortsetzungen nicht gegeben. Michael Myers ist mit nur fünf Morden auf dem Kerbholz wieder in der Psychiatrie und hat seit vierzig Jahren nicht mehr gesprochen. Ein Podcast-Journalist meint, es sei eine gute Idee, kurz vor Halloween die alte Maske von Michael wieder zu seinem mörderischen Besitzer zu bringen. Solche Ideen - aber auch alle anderen - werden hier direkt mit dem Tode bestraft.
Laurie (Jamie Lee Curtis) hat derweil vierzig Jahre lang ihr Haus in eine Festung umgebaut, weil Michael ja zurückkehren wird. Dieser Wahn wurde so extrem, dass die eigene Tochter im Alter von 12 Jahren vom Jugendamt abgeholt wurde. Auch mit der Enkelin hatte Laurin keinen Kontakt. Eine gute Gelegenheit für Michael, nach einer schon blutigen Flucht, bei ihr die Mordserie an Teenagern, die ein wenig Sex haben wollen, fortzusetzen.
Wer im Innenhof der psychiatrischen Institution anfangs ein Schachbrett angedeutet sah, ist im falschen Film: Hier gibt es keine Kniffe, keine weitere oder tiefere Bedeutung. Die Handlung verläuft so zuverlässig wie das Abstechen von Schweinen in der Fleischfabrik: Zuerst erwischt es die Wachmannschaft des Gefangenentransportes, dann die Blog-Journalisten (ahnte da jemand die schlechten Kritiken?), danach findet Michael endlich ein Messer und wahllos geht es in die Halloween-Nacht. Immer wieder die gleichen schrecklichen Szenen. Also weniger wegen der Brutalität oder wegen des Sadismus des Films, die wurden von modernen Horror-Filmen längst überboten. Es ist das alte Synthesizer-Thema von Carpenter, das durch Mark und Bein fährt.
Schließlich jagt Oma den unverbesserlichen Stecher und dann prügeln sich zwei Senioren - total einschläfernd. Ohne Witz oder Twist ist auch dieser „Halloween"-Abklatsch ein banales Ausschlachten einer alten Schlachtplatte. Die Moral der endlosen Sticheleien des ziemlich unkaputtbaren Bösewichtes bleibt ebenso messerscharf reaktionär wie sein Abstrafen jugendlicher Sexualität: Das Böse ist immer und überall. Also eifrig Waffen kaufen und den Keller zum Bunker ausbauen.
17.10.18
The Guilty (2018)
Dänemark 2018 (Den Skyldige) Regie: Gustav Möller, mit Jakob Cedergren, Jessica Dinnage 88 Min. FSK ab 12
Ein Kammerspiel kann mit der Konzentration unterschiedlicher Figuren und extremer Situationen viel Druck in nur einem Raum aufbauen. Aber auch das Gegenteil, die einsame Machtlosigkeit in der Kammer einer Polizei-Notrufzentrale, kann für Hochspannung sorgen. „The Guilty" ist Thriller, Psychodrama und Psychogramm in bemerkenswerter Qualität als Gegenstück zu Hollywood-Routinen. Großartiges Kopfkino und Hochspannung mit ungewöhnlichen Mitteln.
Der Polizist Asger Holm (Jakob Cedergren) macht Telefondienst in der Notrufzentrale. Nicht freiwillig, wie er betont, und auch nicht dafür ausgebildet, wie man schnell merkt. Oft ungehalten, aufbrausend und genervt, lässt er einen Freier, den eine Prostituierte ausgeraubt hat, am Telefon warten. Eine Frau, die mit dem Fahrrad gestürzt ist, raunzt er an, sie solle sich ein Taxi zum Krankenhaus bestellen. Da ist „The Guilty" aber schon unheimlich spannend, denn zuvor hörten wir den Notruf einer zitternd ängstlichen Stimme. Eine Frau wählte die Nummer der Polizei, tut aber so, als redet sie mit ihrem Kind, weil sie im Auto ihres Entführers sitzt. Asger erfasst die Situation sofort, fragt nach Standort und Farbe des Wagens. Iben (Jessica Dinnage) kann die Fragen des Polizisten nur mit Ja und Nein beantworten, dann bricht die Verbindung ab.
Ein Anruf noch zu den Kollegen von der Streife im Vorort von Kopenhagen und dann muss Asger Holm warten. Dabei ist er viel zu unruhig für diesen Job. Später wird er auf atemberaubende Weise telefonisch Action-Einlagen einleiten, deren Ausgang erst mal undeutlich bleibt. Auch wir sind mit ihm zum Warten und zur Untätigkeit verdammt. Nicht ganz - in der konzentrierten Situation beobachten wir gespannt und genau. „The Guilty" ist nicht nur geniales Kopfkino, weil die weiteren dramatischen Ereignisse nur als „Hörspiel" bei Asger ankommen. Es ist auch der Kopf vom bislang unbekannten Jakob Cedergren, der einen großen Teil des Films trägt. Die Verachtung gegenüber einem Junkie mit Panikattacke lässt sich dort ebenso ablesen wie der Schweiß im Kampf um gleich mehrere Leben. Denn bei seiner telefonischen Recherche von Ibens Familienverhältnissen verspricht er einer Sechsjährigen, dass ihre Mutter wieder nach Hause kommen wird....
Asger ist kein Held. Eher ein gestresster Unsympath, der einen Läuterungsprozess durchlebt. Im Gegensatz zu Halle Berrys Part in „The Call - Leg nicht auf" aus 2013 auch kein Spezialist für solche Situationen. Es fasziniert, wie genau auch die emotionale Situation dieses Mannes, der selbst an einer Schuld trägt, gezeichnet ist. „The Guilty" ist mit mehreren heftigen Überraschungen ganz hervorragend konstruiert, selbst wenn Versatzstücke aus dem Genre mit den typischen kaputten Polizisten auftauchen. Auch wenn hier nicht Lars von Trier draufsteht, wirkt auch dieser dänische Film wieder hammerhart. Das packende und erschütternde Drama ist im richtigen Leben verwurzelt und deswegen noch spannender als die mit viel Marketing-Aufwand beworbenen Hollywood-Kopien.
Ein Kammerspiel kann mit der Konzentration unterschiedlicher Figuren und extremer Situationen viel Druck in nur einem Raum aufbauen. Aber auch das Gegenteil, die einsame Machtlosigkeit in der Kammer einer Polizei-Notrufzentrale, kann für Hochspannung sorgen. „The Guilty" ist Thriller, Psychodrama und Psychogramm in bemerkenswerter Qualität als Gegenstück zu Hollywood-Routinen. Großartiges Kopfkino und Hochspannung mit ungewöhnlichen Mitteln.
Der Polizist Asger Holm (Jakob Cedergren) macht Telefondienst in der Notrufzentrale. Nicht freiwillig, wie er betont, und auch nicht dafür ausgebildet, wie man schnell merkt. Oft ungehalten, aufbrausend und genervt, lässt er einen Freier, den eine Prostituierte ausgeraubt hat, am Telefon warten. Eine Frau, die mit dem Fahrrad gestürzt ist, raunzt er an, sie solle sich ein Taxi zum Krankenhaus bestellen. Da ist „The Guilty" aber schon unheimlich spannend, denn zuvor hörten wir den Notruf einer zitternd ängstlichen Stimme. Eine Frau wählte die Nummer der Polizei, tut aber so, als redet sie mit ihrem Kind, weil sie im Auto ihres Entführers sitzt. Asger erfasst die Situation sofort, fragt nach Standort und Farbe des Wagens. Iben (Jessica Dinnage) kann die Fragen des Polizisten nur mit Ja und Nein beantworten, dann bricht die Verbindung ab.
Ein Anruf noch zu den Kollegen von der Streife im Vorort von Kopenhagen und dann muss Asger Holm warten. Dabei ist er viel zu unruhig für diesen Job. Später wird er auf atemberaubende Weise telefonisch Action-Einlagen einleiten, deren Ausgang erst mal undeutlich bleibt. Auch wir sind mit ihm zum Warten und zur Untätigkeit verdammt. Nicht ganz - in der konzentrierten Situation beobachten wir gespannt und genau. „The Guilty" ist nicht nur geniales Kopfkino, weil die weiteren dramatischen Ereignisse nur als „Hörspiel" bei Asger ankommen. Es ist auch der Kopf vom bislang unbekannten Jakob Cedergren, der einen großen Teil des Films trägt. Die Verachtung gegenüber einem Junkie mit Panikattacke lässt sich dort ebenso ablesen wie der Schweiß im Kampf um gleich mehrere Leben. Denn bei seiner telefonischen Recherche von Ibens Familienverhältnissen verspricht er einer Sechsjährigen, dass ihre Mutter wieder nach Hause kommen wird....
Asger ist kein Held. Eher ein gestresster Unsympath, der einen Läuterungsprozess durchlebt. Im Gegensatz zu Halle Berrys Part in „The Call - Leg nicht auf" aus 2013 auch kein Spezialist für solche Situationen. Es fasziniert, wie genau auch die emotionale Situation dieses Mannes, der selbst an einer Schuld trägt, gezeichnet ist. „The Guilty" ist mit mehreren heftigen Überraschungen ganz hervorragend konstruiert, selbst wenn Versatzstücke aus dem Genre mit den typischen kaputten Polizisten auftauchen. Auch wenn hier nicht Lars von Trier draufsteht, wirkt auch dieser dänische Film wieder hammerhart. Das packende und erschütternde Drama ist im richtigen Leben verwurzelt und deswegen noch spannender als die mit viel Marketing-Aufwand beworbenen Hollywood-Kopien.
Der Vorname (2018)
BRD 2018 Regie: Sönke Wortmann, mit Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi, Janina Uhse 91 Min. FSK ab 6
Sönke Wortmann hat einen guten Namen bei Publikum und den Produzenten. Die Zuschauer mögen ihn wegen seiner frühen Komödien wie „Kleine Haie" und „Der bewegte Mann" (1994), danach kamen Renommierprojekte wie „Das Wunder von Bern" (2003). Die Industrie schätzt seine zuverlässige Arbeitsweise. Dass Effektivität ohne Inspiration auch den besten Ruf versauen kann, beweist dieses verunglückte Remake eines französischen Gesellschaftsabends. Wortmann findet für die wortreichen Dialoge keine Filmsprache. Nur die Grundidee des Originals und einige Darsteller, namentlich Christoph Maria Herbst und Caroline Peters, machen den Abend unter Freunden erträglich.
Dass die Adilette mit dem Dritten Reich zu tun hat und jenseits aller Stilfragen hochpolitisch ist, das wussten bislang die wenigsten. So was kommt raus, wenn man den tatsächlich heiklen Vornamen Adolf im Freundeskreis aufregt durchdekliniert. Der Grund ist die Ankündigung vom werdenden Vater Thomas (Florian David Fitz), sein Kind Adolf nennen zu wollen. Schon beim Aperitif kocht so der Abend bei Schwester Elisabeth (Caroline Peters) und Schwager Stephan (Christoph Maria Herbst) hoch: Letzterer, Germanistik-Dozent und prinzipien-steifer Bildungsbürger, verweist auf diesen Hitler und dass gerade in rechtslastigen Zeiten dieser Name tabu, wenn nicht gar verboten sei.
Es geht Stefan (immer) wortreich ums Prinzip. Und dann unter der Oberfläche und in der zweiten Hälfte des Films um nicht besonders tief verborgene Ressentiments. So lässt der Literaturprofessor im Cordanzug dauernd seine Bildung raushängen und führt den jüngeren Thomas grob vor, der ja noch nicht mal Abitur habe. Dafür hat der erfolgreiche und recht ignorante Makler eine teure Drecksschleuder auf vier Rändern und auch sonst überflüssig viel Geld. Was Stephan neidisch macht. Zwischen den Fronten sitzt lächelnd Kindheitsfreund René (Justus von Dohnányi), ein herzensguter Kulturmensch, der keiner Fliege was zuleide tun kann. Hausherrin Elisabeth rennt von beschwichtigend zwischen Esszimmer und Küche herum. Thomas' schwangere Freundin Anna (Janina Uhse) darf später ein paar Stichworte geben.
Es ist nur zeitweise ein aufbrausend spritziger und geistreicher Abend, den uns Sönke Wortmann nach der deutschen Fassung des gleichnamigen Bühnenstücks präsentiert. Da hilft der gute Name vom französischen Theater- und Kino-Erfolg „Der Vorname" ebenso wenig wie dessen Fortsetzung auf deutschen Bühnen. Während einige Dialoge und Themen noch schlagfertig interessieren können, ist erschreckend, wie verloren die Regie agiert: Die Kamera wischt am Esstisch sinnlos an Hinterköpfen vorbei, gelangweilt fragt man sich, wie viele Bissen die Schauspieler wohl tatsächlich in den Mund nehmen mussten. Der Raum bleibt trotz auffälliger Handkamera ein Filmset, auch die Figuren kommen nie zu einem Miteinander. Selbst wenn bei dem vielen Gerede - es war schließlich ein französischer Film - einzelne Momente überzeugen, es sind Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters und Justus von Dohnányi, die hier punkten, nicht ihre Filmpersonagen. Symptomatisch ist der Schlusspunkt, eine Generalabrechnung von Ehe und Rollenverteilung durch die verhinderte Literaturwissenschaftlerin und Hausfrau Elisabeth. Eine großartige Solonummer der Theaterschauspielerin des Jahres Peters, ein Solitär sowohl in Handlung als auch im Personengefüge.
Dieses Misslingen von „Der Vorname" ist vor allem schade, weil einige interessante Themen aufblitzen: Befördern die Intellektuellen mit der Tabuisierung des Namens Adolf und ihrer Erinnerungs-Kultur eigentlich einen Hitler-Kult? Macht Bildung bessere Menschen? Und - ganz banal - wieso übernehmen die Frauen den Großteil der Elternzeit? Könnte man drüber nachdenken. Doch nicht nach diesem Film, da muss man erst mal ausführlich ablästern.
Sönke Wortmann hat einen guten Namen bei Publikum und den Produzenten. Die Zuschauer mögen ihn wegen seiner frühen Komödien wie „Kleine Haie" und „Der bewegte Mann" (1994), danach kamen Renommierprojekte wie „Das Wunder von Bern" (2003). Die Industrie schätzt seine zuverlässige Arbeitsweise. Dass Effektivität ohne Inspiration auch den besten Ruf versauen kann, beweist dieses verunglückte Remake eines französischen Gesellschaftsabends. Wortmann findet für die wortreichen Dialoge keine Filmsprache. Nur die Grundidee des Originals und einige Darsteller, namentlich Christoph Maria Herbst und Caroline Peters, machen den Abend unter Freunden erträglich.
Dass die Adilette mit dem Dritten Reich zu tun hat und jenseits aller Stilfragen hochpolitisch ist, das wussten bislang die wenigsten. So was kommt raus, wenn man den tatsächlich heiklen Vornamen Adolf im Freundeskreis aufregt durchdekliniert. Der Grund ist die Ankündigung vom werdenden Vater Thomas (Florian David Fitz), sein Kind Adolf nennen zu wollen. Schon beim Aperitif kocht so der Abend bei Schwester Elisabeth (Caroline Peters) und Schwager Stephan (Christoph Maria Herbst) hoch: Letzterer, Germanistik-Dozent und prinzipien-steifer Bildungsbürger, verweist auf diesen Hitler und dass gerade in rechtslastigen Zeiten dieser Name tabu, wenn nicht gar verboten sei.
Es geht Stefan (immer) wortreich ums Prinzip. Und dann unter der Oberfläche und in der zweiten Hälfte des Films um nicht besonders tief verborgene Ressentiments. So lässt der Literaturprofessor im Cordanzug dauernd seine Bildung raushängen und führt den jüngeren Thomas grob vor, der ja noch nicht mal Abitur habe. Dafür hat der erfolgreiche und recht ignorante Makler eine teure Drecksschleuder auf vier Rändern und auch sonst überflüssig viel Geld. Was Stephan neidisch macht. Zwischen den Fronten sitzt lächelnd Kindheitsfreund René (Justus von Dohnányi), ein herzensguter Kulturmensch, der keiner Fliege was zuleide tun kann. Hausherrin Elisabeth rennt von beschwichtigend zwischen Esszimmer und Küche herum. Thomas' schwangere Freundin Anna (Janina Uhse) darf später ein paar Stichworte geben.
Es ist nur zeitweise ein aufbrausend spritziger und geistreicher Abend, den uns Sönke Wortmann nach der deutschen Fassung des gleichnamigen Bühnenstücks präsentiert. Da hilft der gute Name vom französischen Theater- und Kino-Erfolg „Der Vorname" ebenso wenig wie dessen Fortsetzung auf deutschen Bühnen. Während einige Dialoge und Themen noch schlagfertig interessieren können, ist erschreckend, wie verloren die Regie agiert: Die Kamera wischt am Esstisch sinnlos an Hinterköpfen vorbei, gelangweilt fragt man sich, wie viele Bissen die Schauspieler wohl tatsächlich in den Mund nehmen mussten. Der Raum bleibt trotz auffälliger Handkamera ein Filmset, auch die Figuren kommen nie zu einem Miteinander. Selbst wenn bei dem vielen Gerede - es war schließlich ein französischer Film - einzelne Momente überzeugen, es sind Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters und Justus von Dohnányi, die hier punkten, nicht ihre Filmpersonagen. Symptomatisch ist der Schlusspunkt, eine Generalabrechnung von Ehe und Rollenverteilung durch die verhinderte Literaturwissenschaftlerin und Hausfrau Elisabeth. Eine großartige Solonummer der Theaterschauspielerin des Jahres Peters, ein Solitär sowohl in Handlung als auch im Personengefüge.
Dieses Misslingen von „Der Vorname" ist vor allem schade, weil einige interessante Themen aufblitzen: Befördern die Intellektuellen mit der Tabuisierung des Namens Adolf und ihrer Erinnerungs-Kultur eigentlich einen Hitler-Kult? Macht Bildung bessere Menschen? Und - ganz banal - wieso übernehmen die Frauen den Großteil der Elternzeit? Könnte man drüber nachdenken. Doch nicht nach diesem Film, da muss man erst mal ausführlich ablästern.
16.10.18
Johnny English - Man lebt nur dreimal
Großbritannien, Frankreich, USA 2018 (Johnny English strikes again) Regie: David Kerr, mit Rowan Atkinson, Ben Miller, Emma Thompson 89 Min. FSK ab 6
Wird die Vergnügungssteuer für britische Filme nach dem Brexit eigentlich steigen? Und ist eine weitere Agentenparodie von Rowan „Mr Bean" Atkinson alias Johnny English überhaupt noch ein Vergnügen? Die nette Idee, Atkinson als Agent 000 in alle Fettnäpfchen schießen zu lassen, hätte man tatsächlich filmisch nicht verlängern müssen. Selbst wenn man Mr. Bean vermisst hat.
Nachdem eine Cyberattacke alle aktiven MI6-Agenten enttarnte, herrscht die zickige und besoffene Premierministerin (Emma Thompson) ihren Stab an: Bringt mir einen Alten! Die besonders tödlichen Chaos-Qualitäten des nun regenerierten Johnny English (Rowan Atkinson) sorgen dafür, dass es die anderen alten Darsteller von Geheimagenten direkt vor dem ersten Briefing in die Luft jagt. So zieht das Komödien-Relikt völlig unmodern und vor allem analog gegen die digitale Bedrohung durch die üblichen mondänen Schauplätze der Geheimdienst-Welt. Zum Retro-Touch gehören ein altes Auto, ein Mixtape und die Pistole statt des Smartphones. Wirkt Johnny English anfangs noch sehr souverän, brechen die Standards der Agenten-Parodie diesem Film bald das Genick. Ist es einfach nur eine bereits doppelt und dreifach abgenudelte Handlung oder schon Hommage an „Pink Panther" Peter Sellers beziehungsweise den „Gendarmen von Saint Tropez", Louis de Funes, wenn Atkinson als französischer Kellner nach einem Duell mit dem Hummer das ganze Etablissement flambiert?
Der Parodien sind mittlerweile genug gedreht! So uninspiriert wie Regisseur David Kerr und Drehbuchautor William Davies in „Johnny English 3" vorgehen, kann nur noch das unvergleichliche Aktieren Atkinsons die Welt retten. In besten Momenten erreicht er tatsächlich die humorige Nonchalance von Sellers als „Partyschreck". Mit Superpille wird er als hyperaktiver Disco-Tänzer zum untreffbaren Ziel für die Attentäterin. Und die erste Erfahrung von English mit der virtuellen Realität, bei der er tatsächlich ganz real London demoliert, geriet umwerfend komisch zur besten Szene. So ist das ganze Filmchen: Hirnrissig, ohne Verständnis für moderne (Humor-) Techniken aber stellenweise witzig. Den Flirt mit der russischen Spionin (Olga Kurylenko aus „James Bond 007: Ein Quantum Trost") nimmt man Atkinson nicht ab. Der smarte Silicon Valley-Spinner (Jake Lacy) hat kein Superschurken-Potential. Emma Thompson als heftig trinkende Premierministerin rettet schauspielerisch noch Einiges, doch so lächerlich rückständig und altmodisch wie Großbritannien hier darstellt wird, ist auch der unnötige dritte „Johnny English".
Wird die Vergnügungssteuer für britische Filme nach dem Brexit eigentlich steigen? Und ist eine weitere Agentenparodie von Rowan „Mr Bean" Atkinson alias Johnny English überhaupt noch ein Vergnügen? Die nette Idee, Atkinson als Agent 000 in alle Fettnäpfchen schießen zu lassen, hätte man tatsächlich filmisch nicht verlängern müssen. Selbst wenn man Mr. Bean vermisst hat.
Nachdem eine Cyberattacke alle aktiven MI6-Agenten enttarnte, herrscht die zickige und besoffene Premierministerin (Emma Thompson) ihren Stab an: Bringt mir einen Alten! Die besonders tödlichen Chaos-Qualitäten des nun regenerierten Johnny English (Rowan Atkinson) sorgen dafür, dass es die anderen alten Darsteller von Geheimagenten direkt vor dem ersten Briefing in die Luft jagt. So zieht das Komödien-Relikt völlig unmodern und vor allem analog gegen die digitale Bedrohung durch die üblichen mondänen Schauplätze der Geheimdienst-Welt. Zum Retro-Touch gehören ein altes Auto, ein Mixtape und die Pistole statt des Smartphones. Wirkt Johnny English anfangs noch sehr souverän, brechen die Standards der Agenten-Parodie diesem Film bald das Genick. Ist es einfach nur eine bereits doppelt und dreifach abgenudelte Handlung oder schon Hommage an „Pink Panther" Peter Sellers beziehungsweise den „Gendarmen von Saint Tropez", Louis de Funes, wenn Atkinson als französischer Kellner nach einem Duell mit dem Hummer das ganze Etablissement flambiert?
Der Parodien sind mittlerweile genug gedreht! So uninspiriert wie Regisseur David Kerr und Drehbuchautor William Davies in „Johnny English 3" vorgehen, kann nur noch das unvergleichliche Aktieren Atkinsons die Welt retten. In besten Momenten erreicht er tatsächlich die humorige Nonchalance von Sellers als „Partyschreck". Mit Superpille wird er als hyperaktiver Disco-Tänzer zum untreffbaren Ziel für die Attentäterin. Und die erste Erfahrung von English mit der virtuellen Realität, bei der er tatsächlich ganz real London demoliert, geriet umwerfend komisch zur besten Szene. So ist das ganze Filmchen: Hirnrissig, ohne Verständnis für moderne (Humor-) Techniken aber stellenweise witzig. Den Flirt mit der russischen Spionin (Olga Kurylenko aus „James Bond 007: Ein Quantum Trost") nimmt man Atkinson nicht ab. Der smarte Silicon Valley-Spinner (Jake Lacy) hat kein Superschurken-Potential. Emma Thompson als heftig trinkende Premierministerin rettet schauspielerisch noch Einiges, doch so lächerlich rückständig und altmodisch wie Großbritannien hier darstellt wird, ist auch der unnötige dritte „Johnny English".
10.10.18
Bad Times at the El Royale
USA 2018 Regie: Drew Goddard mit Jeff Bridges, Dakota Johnson, Cynthia Erivo, Chris Hemsworth, Jon Hamm, Cailee Spainey 143 Min.
Der neue Goddard erfüllt alle Erwartungen in den brillanten Kopf hinter „The Cabin in the Woods" (Regie), „Der Marsianer" und „Lost" (Drehbuch): Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Drew Goddard legt eine Mischung aus „Pulp Fiction" und „Hateful 8" hin. „Bad Times at the El Royale" ist dabei aber weniger gewaltsam und geschwätzig als Tarantino. Zudem begeistert der ungemein spannende und reizvolle Thriller mit der exzellenten Besetzung durch Jeff Bridges, Dakota Johnson, Chris Hemsworth und Jon Hamm.
Bereits die Raumwahl der vier neuen - und einzigen - Gäste im ehemaligen Casino-Hotel „El Royal" gerät spannend: Der smarte Staubsauger-Vertreter (Jon Hamm) will mit seinem riesigen Koffer unbedingt in die Honeymoon Suite. Father Flynn (Jeff Bridges), ein alter Priester, weiß nicht, ob er Zimmer 4 oder 5 bevorzugt. Die schwarze Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) will Ruhe vor den anderen. Nur die Hippie-Frau (Dakota Johnson) trägt sich rasch mit einem „Fuck you" in die Gästeliste ein.
Der fahrende Klinkenputzer erweist sich allerdings schnell als FBI-Agent und findet in seinem völlig verwanzten Zimmer haufenweise Abhörmikrofone. Der Priester beginnt den Boden seines Zimmers aufzureißen und Hippie Emily schleift ein gefesseltes Mädchen aus dem Kofferraum. Nur Darlene singt wunderbare Motown-Songs einfach und gut. Derweil träumt der junge Rezeptionist Miles (Lewis Pullman) mit Nadel im Arm auf seinem Zimmer. Er ist in Personalunion auch noch Putzfrau, Kellner, Spion und heroinabhängig.
Im Stil der 60er Jahre gibt das mitten auf der Landesgrenze zwischen Nevada und Kalifornien gelegene, ehemalige Casino „El Royal" ein großartige Kulisse im Deko- und Retro-Rausch. Noch bevor die Bewohner der vier Zimmer („Four Rooms", um noch einen Tarantino zu zitieren) vorgestellt sind, passiert schon heftig viel. „Bad Times" kann im weiteren Verlauf noch mehr überraschen, fesseln und begeistern.
Autor Drew Goddard stellt zwar seine Menschen im Hotel mit teilweise drastischen Geschichten brav nach der Nummer ihrer Zimmer vor, doch chronologisch verlaufen die Ereignisse nicht: Es gibt Dopplungen und Sprünge in der Zeit wie bei „Pulp Fiction" und bevor wir auch nur annähernd alle Geheimnisse verstehen, schon die erste Leiche. Dabei - eine Horrorvorstellung für jeden Hotelgast - beobachtet hinter den Spiegeln ein Peeping Tom hoch vier alles, was passiert!
Da ballt sich eine Menge Verbrechen und kriminelle Energie in diesem fast verlassenen Hotel. Doch mit vielen raffinierte Inszenierungs-Ideen, einer ungemein sicheren Regie und ausnahmslos großartigen Figuren, ist „Bad Times at the El Royale" durchgehend gelungen. Neben all den düsteren Geheimnissen versammeln sich auch die großen Themen der späten Sechziger Jahre der USA in einer Lobby, die zum Fegefeuer für alle wird: Nixon, Watergate, ein mörderischer Sekten-Führer (ein dämonischer Chris Hemsworth tritt mit Donnerknall auf), Hippies auf Abwegen, eine Satans-Tochter, die unmoralischen Genüsse eines bereits toten Politikers (Kennedy?) auf Film, der tief gläubige Scharfschütze, der bereits 123 Morde im Vietnamkrieg hinter sich hat und ein falscher Priester.
Das ist ein ungewöhnlicher Querschnitt durch die späten Sechziger und ungewöhnlich viel Substanz, auch für einen exzellenten Genrefilm. Wo man bei „Pulp Fiction" lange über das nicht chronologische Konstrukt diskutierte, bleibt es bei Drew Goddard interessant, was die faszinierenden Einzelgeschichten als Gesamtbild sagen wollen. Aber einstweilen lässt sich mit dem zeitlos guten „Bad Times" bestens die Zeit vertreiben.
Der neue Goddard erfüllt alle Erwartungen in den brillanten Kopf hinter „The Cabin in the Woods" (Regie), „Der Marsianer" und „Lost" (Drehbuch): Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Drew Goddard legt eine Mischung aus „Pulp Fiction" und „Hateful 8" hin. „Bad Times at the El Royale" ist dabei aber weniger gewaltsam und geschwätzig als Tarantino. Zudem begeistert der ungemein spannende und reizvolle Thriller mit der exzellenten Besetzung durch Jeff Bridges, Dakota Johnson, Chris Hemsworth und Jon Hamm.
Bereits die Raumwahl der vier neuen - und einzigen - Gäste im ehemaligen Casino-Hotel „El Royal" gerät spannend: Der smarte Staubsauger-Vertreter (Jon Hamm) will mit seinem riesigen Koffer unbedingt in die Honeymoon Suite. Father Flynn (Jeff Bridges), ein alter Priester, weiß nicht, ob er Zimmer 4 oder 5 bevorzugt. Die schwarze Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) will Ruhe vor den anderen. Nur die Hippie-Frau (Dakota Johnson) trägt sich rasch mit einem „Fuck you" in die Gästeliste ein.
Der fahrende Klinkenputzer erweist sich allerdings schnell als FBI-Agent und findet in seinem völlig verwanzten Zimmer haufenweise Abhörmikrofone. Der Priester beginnt den Boden seines Zimmers aufzureißen und Hippie Emily schleift ein gefesseltes Mädchen aus dem Kofferraum. Nur Darlene singt wunderbare Motown-Songs einfach und gut. Derweil träumt der junge Rezeptionist Miles (Lewis Pullman) mit Nadel im Arm auf seinem Zimmer. Er ist in Personalunion auch noch Putzfrau, Kellner, Spion und heroinabhängig.
Im Stil der 60er Jahre gibt das mitten auf der Landesgrenze zwischen Nevada und Kalifornien gelegene, ehemalige Casino „El Royal" ein großartige Kulisse im Deko- und Retro-Rausch. Noch bevor die Bewohner der vier Zimmer („Four Rooms", um noch einen Tarantino zu zitieren) vorgestellt sind, passiert schon heftig viel. „Bad Times" kann im weiteren Verlauf noch mehr überraschen, fesseln und begeistern.
Autor Drew Goddard stellt zwar seine Menschen im Hotel mit teilweise drastischen Geschichten brav nach der Nummer ihrer Zimmer vor, doch chronologisch verlaufen die Ereignisse nicht: Es gibt Dopplungen und Sprünge in der Zeit wie bei „Pulp Fiction" und bevor wir auch nur annähernd alle Geheimnisse verstehen, schon die erste Leiche. Dabei - eine Horrorvorstellung für jeden Hotelgast - beobachtet hinter den Spiegeln ein Peeping Tom hoch vier alles, was passiert!
Da ballt sich eine Menge Verbrechen und kriminelle Energie in diesem fast verlassenen Hotel. Doch mit vielen raffinierte Inszenierungs-Ideen, einer ungemein sicheren Regie und ausnahmslos großartigen Figuren, ist „Bad Times at the El Royale" durchgehend gelungen. Neben all den düsteren Geheimnissen versammeln sich auch die großen Themen der späten Sechziger Jahre der USA in einer Lobby, die zum Fegefeuer für alle wird: Nixon, Watergate, ein mörderischer Sekten-Führer (ein dämonischer Chris Hemsworth tritt mit Donnerknall auf), Hippies auf Abwegen, eine Satans-Tochter, die unmoralischen Genüsse eines bereits toten Politikers (Kennedy?) auf Film, der tief gläubige Scharfschütze, der bereits 123 Morde im Vietnamkrieg hinter sich hat und ein falscher Priester.
Das ist ein ungewöhnlicher Querschnitt durch die späten Sechziger und ungewöhnlich viel Substanz, auch für einen exzellenten Genrefilm. Wo man bei „Pulp Fiction" lange über das nicht chronologische Konstrukt diskutierte, bleibt es bei Drew Goddard interessant, was die faszinierenden Einzelgeschichten als Gesamtbild sagen wollen. Aber einstweilen lässt sich mit dem zeitlos guten „Bad Times" bestens die Zeit vertreiben.
9.10.18
Smallfoot
USA 2018 Regie: Karey Kirkpatrick, Jason Reisig 96 Min.
Unter den vielen bunten Flecken, die Zeichentrick ins Kinos bringt, findet sich öfters Gutes, aber leider auch zu einfach Schlechtes. „Smallfoot" ist eine tolle Ausnahme - jeden Moment witzig und am Ende geht einem sogar das Herz etwas auf.
„Smallfoot", soviel Englisch-Unterricht muss sein, ist der „kleine Fuß", im Gegensatz zum großen „Bigfoot", dem legendären Yeti-Wesen. Oft gesehen von Reinhold Messner und anderen Bergsteigern, die zu lang an der Sauerstoffflasche geschnüffelt haben. Der Gegensatz wird noch sehr wichtig in dieser kleinen und großen Geschichte, aber erst einmal ist alles gut im Yeti-Dorf über den Wolken: Der neugierige junge Yeti Migo hat das Zeug zu einer anständigen Karriere. Fliegen kann er auch, unterstützt durch das Katapult seines Vaters. Ob Migo beim Anblick des schönen Yeti-Mädchens Meechee abgehoben wäre, kann man nicht sagen, denn er fliegt gerade sowieso über sie hinweg. Und deswegen zu weit. Um irgendwo in der weiten Schneewelt nach seiner Landung den Crash eines Flugzeuges mitzuerleben. Es kommt zur kurzen, aber folgenschweren Begegnung mit einem Smallfoot. Jenem Wesen, von dem nur die Legenden der Yeti erzählen. Eine Sensation bei Migos Rückkehr ins Dorf.
Doch der weise Hüter der Steine ist ein Religionsführer, wie es ... wie es auf den Steinen steht: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Es gibt keine Smallfoot und Migos fliegt aus der Dorfgemeinschaft. Um direkt in der neugierigen Gemeinschaft junger Yeti-Wissenschaftler zu landen. Sie handeln aufgeklärt und schicken Migo auf gefährliche Mission unter die Wolken. Dort trifft der Yeti tatsächlich einen Menschen. Ausgerechnet einen verzweifelten jungen Naturfilmer mit Karriere-Knick, der schon ein Yeti-Kostüm bestellt hatte, um seine Zuschauerzahlen wieder zu beleben. Dementsprechend ist die erste Begegnung so umwerfend komisch wie ein Hieb mit der Yeti-Pranke. Und der Rest des sehr witzigen Zeichentrickfilms bleibt ein Hammer - in Bild und Wort komisch im Minutentakt.
Die Ausgangsidee von „Smallfoot", die Situation einfach umzudrehen und den Menschen zum sagenhaften Fabelwesen zu machen, funktioniert vortrefflich. Vor allem, weil wir immer wieder entsprechend der Perspektive das eine Wesen verstehen können, während das andere nur grunzt. Oder quiekt, im Falle des Menschen. So albern der Zeichentrick mit den vielen durchgedreht komischen Slapstick-Momenten im Stile der legendären Looney Tunes (siehe Road Runner und Wile E. Coyote) daherkommt - dass sich der ausgegliederte Migo wie ein Jugendlicher fühlt, der seine eigene Ansichten von der Welt hat und sich nicht verstanden fühlt, auch das wird beim Publikum ankommen.
Da stört zwar immer wieder mal Gesang, doch die andauernden Missverständnisse, die Synchron-Übersetzung einer wütend vom Winterschlaf geweckten Bärin bleiben als grandiose Lachnummern hängen. Eine schreiende Ziege mit herrlich dämlichen Blick spielt erfolgreich die Rolle des Eishörnchens Scat aus „Ice Age". Trotz aller Missverständnisse wird schließlich die Nebelwand zwischen den Smallfoots und den Yeti überwunden und wir sehen plötzlich gerührt, wie man auch mit Xenophobie umgehen kann.
Regie bei „Smallfoot" führt Karey Kirkpatrick, der für „Ab durch die Hecke" einen Annie Award gewann und für die Drehbücher zu „Chicken Run – Hennen rennen" und „James und der Riesenpfirsich" Annie-Nominierungen erhielt.
Unter den vielen bunten Flecken, die Zeichentrick ins Kinos bringt, findet sich öfters Gutes, aber leider auch zu einfach Schlechtes. „Smallfoot" ist eine tolle Ausnahme - jeden Moment witzig und am Ende geht einem sogar das Herz etwas auf.
„Smallfoot", soviel Englisch-Unterricht muss sein, ist der „kleine Fuß", im Gegensatz zum großen „Bigfoot", dem legendären Yeti-Wesen. Oft gesehen von Reinhold Messner und anderen Bergsteigern, die zu lang an der Sauerstoffflasche geschnüffelt haben. Der Gegensatz wird noch sehr wichtig in dieser kleinen und großen Geschichte, aber erst einmal ist alles gut im Yeti-Dorf über den Wolken: Der neugierige junge Yeti Migo hat das Zeug zu einer anständigen Karriere. Fliegen kann er auch, unterstützt durch das Katapult seines Vaters. Ob Migo beim Anblick des schönen Yeti-Mädchens Meechee abgehoben wäre, kann man nicht sagen, denn er fliegt gerade sowieso über sie hinweg. Und deswegen zu weit. Um irgendwo in der weiten Schneewelt nach seiner Landung den Crash eines Flugzeuges mitzuerleben. Es kommt zur kurzen, aber folgenschweren Begegnung mit einem Smallfoot. Jenem Wesen, von dem nur die Legenden der Yeti erzählen. Eine Sensation bei Migos Rückkehr ins Dorf.
Doch der weise Hüter der Steine ist ein Religionsführer, wie es ... wie es auf den Steinen steht: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Es gibt keine Smallfoot und Migos fliegt aus der Dorfgemeinschaft. Um direkt in der neugierigen Gemeinschaft junger Yeti-Wissenschaftler zu landen. Sie handeln aufgeklärt und schicken Migo auf gefährliche Mission unter die Wolken. Dort trifft der Yeti tatsächlich einen Menschen. Ausgerechnet einen verzweifelten jungen Naturfilmer mit Karriere-Knick, der schon ein Yeti-Kostüm bestellt hatte, um seine Zuschauerzahlen wieder zu beleben. Dementsprechend ist die erste Begegnung so umwerfend komisch wie ein Hieb mit der Yeti-Pranke. Und der Rest des sehr witzigen Zeichentrickfilms bleibt ein Hammer - in Bild und Wort komisch im Minutentakt.
Die Ausgangsidee von „Smallfoot", die Situation einfach umzudrehen und den Menschen zum sagenhaften Fabelwesen zu machen, funktioniert vortrefflich. Vor allem, weil wir immer wieder entsprechend der Perspektive das eine Wesen verstehen können, während das andere nur grunzt. Oder quiekt, im Falle des Menschen. So albern der Zeichentrick mit den vielen durchgedreht komischen Slapstick-Momenten im Stile der legendären Looney Tunes (siehe Road Runner und Wile E. Coyote) daherkommt - dass sich der ausgegliederte Migo wie ein Jugendlicher fühlt, der seine eigene Ansichten von der Welt hat und sich nicht verstanden fühlt, auch das wird beim Publikum ankommen.
Da stört zwar immer wieder mal Gesang, doch die andauernden Missverständnisse, die Synchron-Übersetzung einer wütend vom Winterschlaf geweckten Bärin bleiben als grandiose Lachnummern hängen. Eine schreiende Ziege mit herrlich dämlichen Blick spielt erfolgreich die Rolle des Eishörnchens Scat aus „Ice Age". Trotz aller Missverständnisse wird schließlich die Nebelwand zwischen den Smallfoots und den Yeti überwunden und wir sehen plötzlich gerührt, wie man auch mit Xenophobie umgehen kann.
Regie bei „Smallfoot" führt Karey Kirkpatrick, der für „Ab durch die Hecke" einen Annie Award gewann und für die Drehbücher zu „Chicken Run – Hennen rennen" und „James und der Riesenpfirsich" Annie-Nominierungen erhielt.
The Happytime Murders
USA 2018 Regie: Brian Henson mit Melissa McCarthy, Elizabeth Banks, Maya Rudolph 91 Min. FSK ab 12
Muppets auf Drogen im Pornofilm? Nein - „The Happytime Murders" ist kein Kinderkram, auch wenn die Zugehörigkeit zur Hanson- und Muppet-Familie unübersehbar ist. Brian, Sohn des „Muppet Show"-Gründers Jim, Hanson lässt mit schmutzigen Puppen und der populären Ulknudel Melissa McCarthy eine Menge kriminellen Stoff aufwirbeln - auch den von zerfetzten Puppen!
Es ist ein Klassiker: Die blonde (ok, hier: rothaarige) Schönheit bittet den heruntergekommenen Privatdetektiv in dessen dunklem Büro um Hilfe in einem Erpressungsfall. Nur ist diesmal in Los Angeles der Bogart-Typ vom Detektivbüro eine Puppe. Phil war einst die erste Puppe im ansonsten menschlichen Polizei-Dienst. Aber nach einem bösen Fehlschuss wurde das Gesetz, dass Puppen keine Polizisten mehr sein dürfen, nach Phil benannt. Mehr als er selbst hasst ihn seine ehemalige Menschen-Partnerin Detective Connie Edwards (Melissa McCarthy). Aber als nacheinander die Puppen-Stars der alten TV Show „Happytime Gang" böse gemeuchelt werden, müssen die Ex-Partner zusammenarbeiten.
Die Ermittlungen führen Phil direkt in einen Porno-Filmverleih, wo eine gefesselte Kuh, die mehrfach von einem Octopus gemolken wird, mit besonders schmutzigem Sex amüsiert und irritiert. Ja, „The Happytime Murders" ist trotz der optischen Nähe zur Sesamstraße eher mit Erwachsenen-Comics wie „Fritz the Cat" verwandt. Vor allem mit der (im Original) sehr deftigen Sprache, die Melissa McCarthys in allen Farben koksender, schlagfertiger und raubeiniger Detective Connie Edwards an den Tag legt, können Kinder nichts anfangen. Eine Freigabe ab 12 Jahren ist daher vor allem für den Geldbeutel schädlich.
Wer sich vorher informiert, bekommt im Genre-Mäntelchen des rauen Detektiv-Films viel deftigen und schrägen Spaß serviert: Hier werden direkt reihenweise Puppenköpfe weggeschossen. Elizabeth Banks spielt eine abgehalfterte Stripperin. Alles ist sexuell sehr eindeutig, geradezu wild wie einst bei „Fritz the Cat". Nicht nur nebenbei sind die blauhäutigen Puppen zwar befreit, aber immer noch unterdrückt. Sie müssen nicht mehr für „the man" singen und tanzen, aber der Rassismus bleibt brutal.
Brutal, wie die auf Polizei- und Agentenrollen spezialisierte McCarthy („Spy: Susan Cooper Undercover"), die diesmal besonders durchgeknallt spielt: Ordinär, schlagfertig und schusswütig. Mit typischer Off-Stimme des erzählenden Detektivs ist „The Happytime Murders" ein kleiner, richtiger und vor allem dreckiger Cop-Film.
Muppets auf Drogen im Pornofilm? Nein - „The Happytime Murders" ist kein Kinderkram, auch wenn die Zugehörigkeit zur Hanson- und Muppet-Familie unübersehbar ist. Brian, Sohn des „Muppet Show"-Gründers Jim, Hanson lässt mit schmutzigen Puppen und der populären Ulknudel Melissa McCarthy eine Menge kriminellen Stoff aufwirbeln - auch den von zerfetzten Puppen!
Es ist ein Klassiker: Die blonde (ok, hier: rothaarige) Schönheit bittet den heruntergekommenen Privatdetektiv in dessen dunklem Büro um Hilfe in einem Erpressungsfall. Nur ist diesmal in Los Angeles der Bogart-Typ vom Detektivbüro eine Puppe. Phil war einst die erste Puppe im ansonsten menschlichen Polizei-Dienst. Aber nach einem bösen Fehlschuss wurde das Gesetz, dass Puppen keine Polizisten mehr sein dürfen, nach Phil benannt. Mehr als er selbst hasst ihn seine ehemalige Menschen-Partnerin Detective Connie Edwards (Melissa McCarthy). Aber als nacheinander die Puppen-Stars der alten TV Show „Happytime Gang" böse gemeuchelt werden, müssen die Ex-Partner zusammenarbeiten.
Die Ermittlungen führen Phil direkt in einen Porno-Filmverleih, wo eine gefesselte Kuh, die mehrfach von einem Octopus gemolken wird, mit besonders schmutzigem Sex amüsiert und irritiert. Ja, „The Happytime Murders" ist trotz der optischen Nähe zur Sesamstraße eher mit Erwachsenen-Comics wie „Fritz the Cat" verwandt. Vor allem mit der (im Original) sehr deftigen Sprache, die Melissa McCarthys in allen Farben koksender, schlagfertiger und raubeiniger Detective Connie Edwards an den Tag legt, können Kinder nichts anfangen. Eine Freigabe ab 12 Jahren ist daher vor allem für den Geldbeutel schädlich.
Wer sich vorher informiert, bekommt im Genre-Mäntelchen des rauen Detektiv-Films viel deftigen und schrägen Spaß serviert: Hier werden direkt reihenweise Puppenköpfe weggeschossen. Elizabeth Banks spielt eine abgehalfterte Stripperin. Alles ist sexuell sehr eindeutig, geradezu wild wie einst bei „Fritz the Cat". Nicht nur nebenbei sind die blauhäutigen Puppen zwar befreit, aber immer noch unterdrückt. Sie müssen nicht mehr für „the man" singen und tanzen, aber der Rassismus bleibt brutal.
Brutal, wie die auf Polizei- und Agentenrollen spezialisierte McCarthy („Spy: Susan Cooper Undercover"), die diesmal besonders durchgeknallt spielt: Ordinär, schlagfertig und schusswütig. Mit typischer Off-Stimme des erzählenden Detektivs ist „The Happytime Murders" ein kleiner, richtiger und vor allem dreckiger Cop-Film.
Verliebt in meine Frau
Frankreich 2018 (Amoureux de ma Femme) Regie: Daniel Auteuil mit Daniel Auteuil, Sandrine Kiberlain, Adriana Ugarte, Gérard Depardieu 86 Min. FSK ab 0
Träume sind Treibstoff des Films. Sie können aber auch mächtig auf die Nerven gehen. Vor allem, wenn ein alter Pariser Bourgeois beim Essen den jungen Gast mit den Augen auszieht und in Gedanken mehrfach vernascht. Daniel ist dieser unangenehme Typ in dieser unangenehmen Komödie, die der Hauptdarsteller Daniel Auteuil auch noch selbst inszenierte. Das reiche Männlein druckst in seinem Leben rum und traut sich nicht. Weder dem alten Freund Patrick (Gérard Depardieu) abzusagen, der seine neue junge Freundin Emma (Adriana Ugarte) beim Abendessen vorstellen will. Noch seiner Frau Sandrine (Sandrine Kiberlain) die Einladung zu gestehen, obwohl Sandrine Patrick wegen des Abservierens seiner Frau, einer gemeinsamen Freundin, verachtet.
Peinlich grob dann Daniels Reaktion auf die junge Spanierin: Er stammelt nur noch, wenn er sich nicht gerade geistesabwesend in Tagträume verliert, in dem Emma erst mal ihr rotes Kleid auszieht. Das ist plattestes Boulevard-Theater und war ein Bühnenstück mit Daniel Auteuil in der Hauptrolle. Dementsprechend originell soll sein, dass die komplette Handlung während eines Abendessens stattfindet. Auch wenn Daniels Fantasie Emma zwischendurch nach Ibiza oder Venedig entführt. Diese sehr realitätsfernen Wunschträume sind auf Dauer nervig und ermüdend. Die Überraschung bei der Rückkehr in die Realität nutzt sich schnell ab.
Warum Emma an Daniel interessiert sein soll, spielt keine Rolle. Das Drehbuch interessiert sich nicht dafür. Frau ist hier nur ein Fähnchen im Wind des männlichen Begehrens. So konstruiert man eine flache Femme fatale.
„Verliebt in meine Frau" ist eine multiple Enttäuschung: Nicht nur als unsäglich peinliche Komödie um die jämmerlichen unterdrückten Wünsche eines alten Spießers. Das filmische Altherren-Gesabbere sollte nur mit Riesendosis Desinfektionsspray angeboten werden. Dazu geriet es langatmig, redundant sowie inhaltsleer. Regisseur Daniel Auteuil ist ansonsten sehr engagiert dabei, eine Marcel Pagnol-Trilogie zu verfilmen. Und lässt sich unter fremder Regie als wesentlich nuancierterer Darsteller erleben. Nur Enfant terrible Depardieu legt hier ausnahmsweise eine fast langweilig normale Rolle hin. Auch irgendwie enttäuschend.
Träume sind Treibstoff des Films. Sie können aber auch mächtig auf die Nerven gehen. Vor allem, wenn ein alter Pariser Bourgeois beim Essen den jungen Gast mit den Augen auszieht und in Gedanken mehrfach vernascht. Daniel ist dieser unangenehme Typ in dieser unangenehmen Komödie, die der Hauptdarsteller Daniel Auteuil auch noch selbst inszenierte. Das reiche Männlein druckst in seinem Leben rum und traut sich nicht. Weder dem alten Freund Patrick (Gérard Depardieu) abzusagen, der seine neue junge Freundin Emma (Adriana Ugarte) beim Abendessen vorstellen will. Noch seiner Frau Sandrine (Sandrine Kiberlain) die Einladung zu gestehen, obwohl Sandrine Patrick wegen des Abservierens seiner Frau, einer gemeinsamen Freundin, verachtet.
Peinlich grob dann Daniels Reaktion auf die junge Spanierin: Er stammelt nur noch, wenn er sich nicht gerade geistesabwesend in Tagträume verliert, in dem Emma erst mal ihr rotes Kleid auszieht. Das ist plattestes Boulevard-Theater und war ein Bühnenstück mit Daniel Auteuil in der Hauptrolle. Dementsprechend originell soll sein, dass die komplette Handlung während eines Abendessens stattfindet. Auch wenn Daniels Fantasie Emma zwischendurch nach Ibiza oder Venedig entführt. Diese sehr realitätsfernen Wunschträume sind auf Dauer nervig und ermüdend. Die Überraschung bei der Rückkehr in die Realität nutzt sich schnell ab.
Warum Emma an Daniel interessiert sein soll, spielt keine Rolle. Das Drehbuch interessiert sich nicht dafür. Frau ist hier nur ein Fähnchen im Wind des männlichen Begehrens. So konstruiert man eine flache Femme fatale.
„Verliebt in meine Frau" ist eine multiple Enttäuschung: Nicht nur als unsäglich peinliche Komödie um die jämmerlichen unterdrückten Wünsche eines alten Spießers. Das filmische Altherren-Gesabbere sollte nur mit Riesendosis Desinfektionsspray angeboten werden. Dazu geriet es langatmig, redundant sowie inhaltsleer. Regisseur Daniel Auteuil ist ansonsten sehr engagiert dabei, eine Marcel Pagnol-Trilogie zu verfilmen. Und lässt sich unter fremder Regie als wesentlich nuancierterer Darsteller erleben. Nur Enfant terrible Depardieu legt hier ausnahmsweise eine fast langweilig normale Rolle hin. Auch irgendwie enttäuschend.
4.10.18
Venom
USA 2018 Regie: Ruben Fleischer mit Tom Hardy, Michelle Williams 113 Min. FSK ab 12
Der nächste Comic-Superheld wird ins Kino gekarrt und passend zum Überdruss an diesen eindimensionalen Figürchen ist es erneut ein Antiheld: Der aus „Spider-Man"-Comics „bekannte" Venom bekommt einen eigenständigen Film und mit Tom Hardy einen respektablen Darsteller.
Wieder führen die Experimente eines wahnsinnigen Wissenschaftlers zu einer spektakulären Kreatur. Diesmal mischt der Chef eines obskuren Medizin-Konzerns (Riz Ahmed) einen Organismus außerirdischen Ursprungs entführten Obdachlosen unter, wovon der Reporter Eddie Brock (Tom Hardy) erfährt, aber bei seiner forschen Forscher-Recherche auch infiziert wird. Dass Eddie vorher wegen kritischer Fragen an diesen smarten aber hochgradig unethischen Konzern-Chef von seinem Chefredakteur gefeuert wurde, dass ihn seine Freundin Anne (Michelle Williams) deswegen verlassen hat, alles spielt keine Rolle mehr, wenn das Alien die Regie übernimmt und Eddie endlich im neuen Körperpanzer seine Wut rauslassen kann. Der symbiotische Gast, Venom genannt, hat aber vor allem ein Ziel: Alle Menschen auffressen, wobei die Köpfe am leckersten sind.
Tom Hardy („Dunkirk", „Mad Max: Fury Road") reizte die Doppelrolle in diesem Film, denn Brock und Venom sind zwei ganz verschiedene Typen. Und „Venom" ist immer wieder auch ein Buddy-Movie über zwei Verlierer, die zusammen raufen und sich zusammenraufen müssen. Dem Einsatz der Superkräfte, die Spiderman hoch zehn sind, geht immer ein ruppiger Dialog voraus - wie beim alten Ehepaar. Nebenbei macht die Stimme in Eddies Kopf auch noch etwas Paar-Therapie für seine alte Beziehung zu Anne, die auch Venom mag. Doch wieder gilt, der witzigen Worte sind bald genug gewechselt, die folgende Action ist gutes Mittelmaß. Eine Moped-Raserei unter Drohnen-Attacken verblüfft mit den vielfältigen Möglichkeiten eines multimorphen Wesens.
Witzig sind auch die Wechsel der Wirte Venoms, wenn ein Handtaschen-Hund an „Men in Black" erinnert. Tom Hardy gelingt tatsächlich auch diese etwas flache Comic-Figur eines gescheiterten Journalisten. Michelle Williams ist anfangs bessere Stichwortgeberin, darf dann aber im Stile von Catwoman mal richtig mitmischen. Und Venom? Scheinbar ist jede Spannung und auch Mystery raus, wenn das Alien sein mit großen Augen gar nicht so unfreundliches Gesicht zeigt. Doch ausgerechnet der Gast von Eddie erweist sich als besonderer und besonders interessanter Charakter. Das neueste Marvel-Tierchen, diesmal von Sony produziert, soll selbstverständlich wieder eine ganze Filmreihe bekommen. Was nach dem ersten Eindruck ganz unterhaltsam werden könnte.
Der nächste Comic-Superheld wird ins Kino gekarrt und passend zum Überdruss an diesen eindimensionalen Figürchen ist es erneut ein Antiheld: Der aus „Spider-Man"-Comics „bekannte" Venom bekommt einen eigenständigen Film und mit Tom Hardy einen respektablen Darsteller.
Wieder führen die Experimente eines wahnsinnigen Wissenschaftlers zu einer spektakulären Kreatur. Diesmal mischt der Chef eines obskuren Medizin-Konzerns (Riz Ahmed) einen Organismus außerirdischen Ursprungs entführten Obdachlosen unter, wovon der Reporter Eddie Brock (Tom Hardy) erfährt, aber bei seiner forschen Forscher-Recherche auch infiziert wird. Dass Eddie vorher wegen kritischer Fragen an diesen smarten aber hochgradig unethischen Konzern-Chef von seinem Chefredakteur gefeuert wurde, dass ihn seine Freundin Anne (Michelle Williams) deswegen verlassen hat, alles spielt keine Rolle mehr, wenn das Alien die Regie übernimmt und Eddie endlich im neuen Körperpanzer seine Wut rauslassen kann. Der symbiotische Gast, Venom genannt, hat aber vor allem ein Ziel: Alle Menschen auffressen, wobei die Köpfe am leckersten sind.
Tom Hardy („Dunkirk", „Mad Max: Fury Road") reizte die Doppelrolle in diesem Film, denn Brock und Venom sind zwei ganz verschiedene Typen. Und „Venom" ist immer wieder auch ein Buddy-Movie über zwei Verlierer, die zusammen raufen und sich zusammenraufen müssen. Dem Einsatz der Superkräfte, die Spiderman hoch zehn sind, geht immer ein ruppiger Dialog voraus - wie beim alten Ehepaar. Nebenbei macht die Stimme in Eddies Kopf auch noch etwas Paar-Therapie für seine alte Beziehung zu Anne, die auch Venom mag. Doch wieder gilt, der witzigen Worte sind bald genug gewechselt, die folgende Action ist gutes Mittelmaß. Eine Moped-Raserei unter Drohnen-Attacken verblüfft mit den vielfältigen Möglichkeiten eines multimorphen Wesens.
Witzig sind auch die Wechsel der Wirte Venoms, wenn ein Handtaschen-Hund an „Men in Black" erinnert. Tom Hardy gelingt tatsächlich auch diese etwas flache Comic-Figur eines gescheiterten Journalisten. Michelle Williams ist anfangs bessere Stichwortgeberin, darf dann aber im Stile von Catwoman mal richtig mitmischen. Und Venom? Scheinbar ist jede Spannung und auch Mystery raus, wenn das Alien sein mit großen Augen gar nicht so unfreundliches Gesicht zeigt. Doch ausgerechnet der Gast von Eddie erweist sich als besonderer und besonders interessanter Charakter. Das neueste Marvel-Tierchen, diesmal von Sony produziert, soll selbstverständlich wieder eine ganze Filmreihe bekommen. Was nach dem ersten Eindruck ganz unterhaltsam werden könnte.
1.10.18
A Star is born
Regie: Bradley Cooper mit Bradley Cooper, Lady Gaga, Andrew Dice Clay, David Chapelle, Sam Elliott 136 Min.
„A Star is born" ist mittlerweile die vierte Verfilmung der gleichen Geschichte einer schwierigen Liebe in Zeiten des Star-Ruhms. Wobei 1976 Barbara Streisand voll auf Selbstdarstellerin machte, Sehnsucht nach Judy Garlands glänzender Interpretation („Ein neuer Stern am Himmel" 1954, Regie: George Cukor) weckte und Kris Kristofferson neben sich schauspielerisch verdursten ließ. Schon 1937 realisierte William A. Wellman das Musical, das in Deutschland „Ein Stern geht auf" hieß.
Der berühmte und erfolgreiche Jackson Maine (Bradley Cooper) spielt einen - auch im Publikum - schon angegrauten County-Rock. Beim nächsten seiner dramatischen Absacker lernt er in einer Drag Bar die exaltiere Kellnerin Ally (Lady Gaga) kennen und nähert sich ihr auf eine süße Art. Nur bei ihrem unüberhörbaren Talent als Sängerin und Songschreiberin ist er gnadenlos und macht sie auf einen Schlag berühmt, als er sie bei einem großen Auftritt auf die Bühne zerrt und ihr eigenes Lied mitsingen lässt.
Dem gemeinsamen Glück als kreativem Paar steht nur Jacksons Alkoholismus im Wege. Früh offenbarte er den kleinen, ungeliebten Jungen in sich, der vom ebenfalls trinkenden Vater verlassen wurde. Der große Bruder (Sam Elliott) kümmert sich heute als Road-Manager um Karriere und die Folgen der Exzesse. Aber spätestens als Ally mit einer eigenen Karriere abhebt, stürzt die fragile Persönlichkeit Jacksons wieder ab.
Das mit Gaga-Songs musikalische runderneuerte „A Star ist born" liefert zum Glück kein aus der Zeit gefallenes Star-Vehikel: Lady Gaga und Cooper können richtig gut spielen, ihr schauspielerisches Zusammenspiel ist sogar das Beste am Film. Die Lady lässt die andere Supernase, Streisand, vergessen. Man glaubt ihr die ganze Zeit die einfache Kellnerin, das geerdete, aber auch schlagfertige Mädchen. Bradley Cooper ist nach „American Sniper", „American Hustle", oder „Silver Linings" sowieso eine Bank auf der Leinwand.
Lady Gaga erhielt bereits für den Song „Til It Happens to You" aus „The Hunting Ground" eine Oscar-Nominierung und nun sind auch einige weich genug gespülte Kandidaten in den Originalsongs, die sie selbst zusammen mit Cooper und einer Handvoll weiterer Künstler schrieb.
Das ergibt beim Duett kurzfristig Gänsehaut-Gefühl, doch irgendwann setzt in diesem Liebesfilm die Routine ein. Nicht beim musikalisch agilen Pärchen, das sich gegenseitig inspiriert, sondern beim Film. Er wirkt, als müsse er pflichtschuldig die Stationen der Vorlagen abarbeiten. Allys Ruhm, der Plattenvertrag mit einem fies smarten Manager und Jacksons Zerbrechen daran. Wieder zu zweit auf der Bühne ist ihr Grammy-Preis der nächste Wendepunkt, weil er sich völlig besoffen im Scheinwerferlicht in die Hosen pinkelt. Dass es auch nach seiner Entziehungskur in diesem Film nicht gut ausgeht, hat man in den letzten Jahrzehnten gerne der Leinwandpräsenz von Barbara Streisand zugeschrieben - das hält niemand nüchtern lange aus.
Filmisch schöne Szenen wie die erste Nacht in der verwehten Einsamkeit eines Konsumtempel-Parkplatzes ergeben sich nicht mehr. Die Thematik um Aufrichtigkeit und Wahrheit in der künstlerischen Aussage blitzt vernachlässigt hie und dort auf. Auch in den eigentlich passenden Songs der Lady Gaga tauchen zwar immer wieder Lebens-Weisheiten auf. Doch es fügt sich nichts zu einem Ganzen. Die Pop-Balladen kommen an den richtigen Stellen - richtig bewegen können sie nicht. Was vor allem beim herzzerreißend gedachten Finale böse als Ausfall auffällt. Wenn dann noch kurze Rückblenden zu schönen Momenten auf Tränendrüsen drücken, erklingt im filmischen Gedächtnis „Grace of my Heart", der bessere Rückblick einer Singer-Songwriterin auf eine gescheiterte Liebe.
„A Star is born" ist mittlerweile die vierte Verfilmung der gleichen Geschichte einer schwierigen Liebe in Zeiten des Star-Ruhms. Wobei 1976 Barbara Streisand voll auf Selbstdarstellerin machte, Sehnsucht nach Judy Garlands glänzender Interpretation („Ein neuer Stern am Himmel" 1954, Regie: George Cukor) weckte und Kris Kristofferson neben sich schauspielerisch verdursten ließ. Schon 1937 realisierte William A. Wellman das Musical, das in Deutschland „Ein Stern geht auf" hieß.
Der berühmte und erfolgreiche Jackson Maine (Bradley Cooper) spielt einen - auch im Publikum - schon angegrauten County-Rock. Beim nächsten seiner dramatischen Absacker lernt er in einer Drag Bar die exaltiere Kellnerin Ally (Lady Gaga) kennen und nähert sich ihr auf eine süße Art. Nur bei ihrem unüberhörbaren Talent als Sängerin und Songschreiberin ist er gnadenlos und macht sie auf einen Schlag berühmt, als er sie bei einem großen Auftritt auf die Bühne zerrt und ihr eigenes Lied mitsingen lässt.
Dem gemeinsamen Glück als kreativem Paar steht nur Jacksons Alkoholismus im Wege. Früh offenbarte er den kleinen, ungeliebten Jungen in sich, der vom ebenfalls trinkenden Vater verlassen wurde. Der große Bruder (Sam Elliott) kümmert sich heute als Road-Manager um Karriere und die Folgen der Exzesse. Aber spätestens als Ally mit einer eigenen Karriere abhebt, stürzt die fragile Persönlichkeit Jacksons wieder ab.
Das mit Gaga-Songs musikalische runderneuerte „A Star ist born" liefert zum Glück kein aus der Zeit gefallenes Star-Vehikel: Lady Gaga und Cooper können richtig gut spielen, ihr schauspielerisches Zusammenspiel ist sogar das Beste am Film. Die Lady lässt die andere Supernase, Streisand, vergessen. Man glaubt ihr die ganze Zeit die einfache Kellnerin, das geerdete, aber auch schlagfertige Mädchen. Bradley Cooper ist nach „American Sniper", „American Hustle", oder „Silver Linings" sowieso eine Bank auf der Leinwand.
Lady Gaga erhielt bereits für den Song „Til It Happens to You" aus „The Hunting Ground" eine Oscar-Nominierung und nun sind auch einige weich genug gespülte Kandidaten in den Originalsongs, die sie selbst zusammen mit Cooper und einer Handvoll weiterer Künstler schrieb.
Das ergibt beim Duett kurzfristig Gänsehaut-Gefühl, doch irgendwann setzt in diesem Liebesfilm die Routine ein. Nicht beim musikalisch agilen Pärchen, das sich gegenseitig inspiriert, sondern beim Film. Er wirkt, als müsse er pflichtschuldig die Stationen der Vorlagen abarbeiten. Allys Ruhm, der Plattenvertrag mit einem fies smarten Manager und Jacksons Zerbrechen daran. Wieder zu zweit auf der Bühne ist ihr Grammy-Preis der nächste Wendepunkt, weil er sich völlig besoffen im Scheinwerferlicht in die Hosen pinkelt. Dass es auch nach seiner Entziehungskur in diesem Film nicht gut ausgeht, hat man in den letzten Jahrzehnten gerne der Leinwandpräsenz von Barbara Streisand zugeschrieben - das hält niemand nüchtern lange aus.
Filmisch schöne Szenen wie die erste Nacht in der verwehten Einsamkeit eines Konsumtempel-Parkplatzes ergeben sich nicht mehr. Die Thematik um Aufrichtigkeit und Wahrheit in der künstlerischen Aussage blitzt vernachlässigt hie und dort auf. Auch in den eigentlich passenden Songs der Lady Gaga tauchen zwar immer wieder Lebens-Weisheiten auf. Doch es fügt sich nichts zu einem Ganzen. Die Pop-Balladen kommen an den richtigen Stellen - richtig bewegen können sie nicht. Was vor allem beim herzzerreißend gedachten Finale böse als Ausfall auffällt. Wenn dann noch kurze Rückblenden zu schönen Momenten auf Tränendrüsen drücken, erklingt im filmischen Gedächtnis „Grace of my Heart", der bessere Rückblick einer Singer-Songwriterin auf eine gescheiterte Liebe.
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