16.8.16

Captain Fantastic

USA 2016 Regie: Matt Ross mit Viggo Mortensen, Frank Langella, George MacKay 118 Min. FSK: ab 12

Der wahre Superheld dieser Kinowoche ist Viggo Mortensen („Der Herr der Ringe"). Als Spezialist für Road-Movies („On the Road", „The Road") reist er mit seinen Kindern zum Begräbnis seiner Frau. Welten werden aufeinander treffen, wenn die Aussteiger mit exzellenter Survival-Ausbildung auf den reaktionären, militaristischen Schwiegervater treffen. „Captain Fantastic" ist ein großartiger Film für die ganze Familie, das Herz und den Verstand.

Augen im Laub verfolgen das Reh, bis es von einem Jungen nur mit dem Messer niedergestreckt wird. Der ältere Anführer schneidet das Herz heraus und lässt den Jungen davon trinken. Das archaische Initiations-Ritual der Naturvölker betreibt hier eine ansonsten ganz heutige Familie. Der hochintelligente Ben (Viggo Mortensen) lebt mit seinen sechs Kindern in der Wildnis der Berge im Nordwesten Amerikas. Seine exzellente Ausbildung für ihren Körper und Geist verläuft unkonventionell. Knallhartes Survivaltraining und eifrige Lektüre altmodischer Bücher haben eine glückliche Gemeinschaft abseits von Konsum und Internet zum Ergebnis. Und Bo (George MacKay), der Älteste, bekommt sogar Einladungen von allen Elite-Universitäten des Landes. Was er sich allerdings nicht traut, seinem Vater zu sagen...

Die Nachricht vom Tod von Frau und Mutter der Familie trifft ebenso hart wie die Drohung des Schwiegervaters Jack (Frank Langella), Ben solle sich auf keinen Fall beim Begräbnis sehen lassen. Die Kinder überreden ihn doch und mit dem alten Camping-Bus aus der Hippie-Zeit beginnt ein Road-Trip durch feindliches Gelände. Man staunt über die verfetteten Menschen und bleibt den eigenen Ernährungsregeln treu, nur Fleisch zu essen, dass man selbst gejagt und geschlachtet hat. Was zwischen Autobahnen und Beton nicht einfach ist. Aus ideologischen Gründen wird auch mal mit einem vorgetäuschten Herzanfall auf geniale Weise ein Supermarkt ausgeraubt. Bens Schwägerin kritisiert die Erziehung seiner Kinder, die über alles, also auch den Selbstmord der Mutter, offen reden und Alkohol trinken dürfen. Ihre durch Smartphones und Computer-Spiele verseuchten kleinen Idioten werden allerdings dauernd durch die gebildeten und einfühlsamen Kinder Bens bloßgestellt. Sie können die Verfassung interpretieren und feiern raffiniert ihren eigenen „Noam Chomsky-Day". Beim Zusammentreffen mit einem flirtenden Mädchen legt der Waldbewohner Bo allerdings seine mangelnde Erfahrung an den Tag.

Trotz der weisen Überlegenheit von Ben kommt es beim Begräbnis zum Eklat und zu einem tragischen Unfall. Nicht weil er im Sinne der Verstorbenen mit der Albernheit von Religionen abrechnet, sondern weil Schwiegervater Jack die Kinder in seiner Riesen-Villa behalten und mit materiellem Wohlstand beglücken will. Vor der Drohung von Polizei und Anwälten zieht Ben sich zurück, doch die Kinder zeigen, was sie gelernt haben.

„Captain Fantastic" zeigt viel mehr als das Aufeinandertreffen alternativer Ideale mit einer geistlosen, überfressenen Konsumgesellschaft. Trotz der nie versteckten Trauer in dieser Familie erlebt sie die Reise mit viel Spaß, sehr schönen, verrückten und poetischen Ideen. Die freie Erziehung führt im Film zu eigenständigen Charakteren, die alle interessant ihre Rolle spielen. Wobei die für die USA konfrontative Idee, Kinder und Erwachsene nicht dumm zu halten, ebenso gute Laune macht, wie die Lebensfreude dieser großartigen Menschen. Das feinsinnige Vergnügen wird perfekt begleitet mit der Musik von Sigur Ros. Viggo Mortensen glänzt als starker und zweifelnder Vater, der das Scheitern einer großen Liebe verarbeiten muss. Regisseur und Schauspieler Matt Ross wurde für seinen zweiten Spielfilm bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis für die Beste Regie in der Reihe „Un certain regard" ausgezeichnet.

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