15.3.16

Son of Saul

Ungarn 2015 (Saul fia) Regie: László Nemes mit Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn 107 Min. FSK: ab 16

Mittlerweile wird in den Feuilletons nur noch über den Stil diskutiert: Darf man das unfassbare Grauen des Holocaust mit einer äußerst strengen Form scheinbar von Innen aufnehmen? Aus der Perspektive eines Häftlings, der mitgewirkt hat. Dies und die bisherige Preisflut (Grand Prix in Cannes, Golden Globe) belegen nur die ungeheure Wirkung dieses erschütternden und großartigen Films. Der Versuch, den eigenen Sohn mitten in der Vernichtungsmaschinerie eines Konzentrationslagers nach religiösen Riten zu beerdigen, ist ein verzweifeltes Klammern an Reste von Humanität.

Mit angestrengtem, schnellem Atem markiert die Tonspur direkt am Anfang ihre Wirkungsmacht: Saul Ausländer (Géza Röhrig) ist Teil eines Sonderkommandos im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Männer wissen, dass sie ein paar Monate länger leben dürfen, wenn sie die furchtbarsten Arbeiten dieser Todes-Maschinerie erledigen. Sie ziehen die Häftlinge vor der Gaskammer aus und beruhigen sie. Noch während die Schreie der Sterbenden von nebenan erklingen, werden die Kleidungsstücke nach Verwertbarem durchsucht und sortiert. Dann die Leichen aus der Gaskammer transportieren und den Raum im Akkord reinigen. Im Oktober 1944 wollten die Nazis angesichts der sicheren Niederlage Deutschlands in ihrer besonderen Logik besonders viele Menschen umbringen.

Der Film „Son of Saul" (Der Sohn von Saul) nähert sich dem Unfassbaren mit einem ganz engen Blickwinkel. Wie bei den Filmen der Dardennes folgt die Handkamera von Mátyás Erdély dem Protagonisten Saul hautnah, zeigt sein verschlossenes Gesicht, den gesenkten Blick, das eifrige Handeln. Wie er selbst sehen auch wir kaum etwas drumherum, was das Unerträgliche aushaltbar macht. Bis wundersam ein Junge die Gaskammer überlebt. Zwar beendet ein SS-Arzt dann doch das Leben des röchelnden Körpers, aber Saul meint in dem Jungen seinen Sohn erkannt zu haben. Nun versucht der ungarische Jude in dem extrem restriktiven System mit polnischen Kapos, Oberkapos und überall deutschen Soldaten einen Rabbi zu finden, um dem Toten ein Kaddisch-Gebet zu sprechen. Was in den internen Widerstands-Strukturen des Lagers nur äußerst ungern geduldet wird, plant man doch eine Flucht. Denn die Männer der Sonderkommandos wissen, dass sie als Zeugen des Massenmordens auf jeden Fall sterben müssen.

Wie Saul ist auch die Kamera immer in Bewegung, nimmt aber das Grauen nie in den Fokus. Doch auch wenn sie wie Saul wegblickt, es lässt sich nicht ausblenden. Die Unruhe der Tonspur überträgt sich auf die fassungslosen Zuschauer. Und doch zeichnen die hektisch entschlossenen, eigentlich unmöglichen Wege Sauls erstaunlich genau die Funktionsweise im Lager nach. Ein Säckchen Sprengstoff holt er im Frauenlager - gegen Schmuck aus den Gaskammern ließen die Wachen Männer für vermeintliche Prostitution durch. Eine Fotokamera des Widerstands versucht, die horrenden Taten festzuhalten. Dies Detail basiert auf historische Ereignisse, die wichtig für die Dokumentation des Grauens waren. Einen vermeintlichen Rabbi rettet Saul sogar von den Todesgruben, an denen die Juden direkt erschossen wurden, weil die Verbrennungs-Öfen nicht mehr mit dem Morden mitkamen.

Doch dies sind nur Details einer ungeheuren Wirkung, die „Son of Saul" erzielt. Nicht trotz, sondern wegen seiner anscheinend zurückhaltenden Kameraführung und der extrem nüchternen Inszenierung ohne jeglichen melodramatischen Effekt. So ist das Mäkeln an Form und Stil wohl hauptsächlich eine Folge der notwendigen aber ungemein heftigen Konfrontation mit etwas Unvorstellbarem.

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