22.3.16

Silent Heart

Dänemark 2014 (Stille Hjerte) Regie: Bille August mit Ghita Nørby, Morten Grunwald, Paprika Steen, Danica Curcic, Pilou Asbæk 95 Min. FSK: ab 12

Zum Wochenende bei den Eltern bringen die beiden Töchter Vorbehalte und Ressentiments mit. Doch „Silent Heart" - der super sinnlos aus dem Dänischen ins Englische übersetzte Titel meint „Stilles Herz" - erzählt nicht von dem üblichen (Film-) Familienwochenende. Es ist die Chronik eines angekündigten Todes. Esther (Ghita Nørby), die circa 70jährige Mutter von Heidi (Paprika Steen) und Sanne (Danica Curcic) leidet unter der Nervenkrankheit ALS und will sterben. An diesem Wochenende.

Die Familie hatte schon monatelang darüber diskutiert, die Wut der Töchter ist vorüber. Nur nicht bei der labilen jüngeren Tochter Sanne, deren Depressionen schon zu einem Selbstmordversuch führten. Sie will im letzten Moment einen Krankenwagen rufen - das erzählt sie ihrem Freund Dennis (Pilou Asbæk). Der wird als lockerer Kiffer nicht nur von der allseits biestigen Schwägerin Heidi als Außenseiter angesehen. Damit er diesmal nicht wegläuft, schweißt Sanne zur Sicherheit die Autoschlüssel in einen See.

So feiert man einen vorgezogenen Weihnachtsabend, spaziert noch einmal am Strand, dort wo Sanne gezeugt wurde, und schwelgt fotografisch in Erinnerungen. Erst ein Riesen-Joint von Dennis lockert die Spannungen. Doch dass Esthers Mann Poul (Morten Grunwald) als zu beteiligter Arzt die tödlichen Tabletten verschreibt und verabreicht, ist eine schwierige Hilfskonstruktion, weil Sterbehilfe in Dänemark nicht erlaubt ist. Und auch deshalb muss es jetzt passieren, denn niemand weiß, wie lange die bereits an einem Arm gelähmte Esther noch selbst die Pillen nehmen kann - wenigstens pro forma.

Das selbstbestimmte Lebensende ist ein schwieriges Thema, dass auch filmisch immer mehr diskutiert wird: Im deutschen Film „Hin und weg" fuhr auch ein ALS-Kranker noch selbst mit dem Rad und Freunden zum legalen Ende ins belgische Ostende. In der israelischen Komödie „Am Ende ein Fest" musste eine Maschine der Behäbigkeit der Gesetzgebung in diesem Punkt nachhelfen. Auch die sehr junge und lebenslustige Frau in „Und morgen Mittag bin ich tot", die zum Sterben in die Schweiz fährt, musste sich von anderen sehr oft anhören, ihr ginge es doch noch so gut. „Silent Heart" hält sich weitestgehend aus dieser Diskussion raus, macht in kurzen, zurückhaltenden Momenten klar, wie schwer es Esther hat und wie schwer ihr der Abschied fällt. In einem Gespräch mit dem ungemein liebevollen Ehemann Poul wird klar, dass sich Esther nur noch sorgt, wie es ihren Lieben nach Esthers Tod geht.

Der 67-jährige Bille August, der Oscar- und Palmen-Gewinner, der nach der ersten internationalen Erfolg mit „Pelle, der Eroberer" (1987) viel Gutes gedreht und viel Literatur verhunzt hat („Nachtzug nach Lissabon", „Fräulein Smillas Gespür für Schnee", „Das Geisterhaus"), macht in „Silent Heart" mit Handkamera und übersichtlichem Setting teilweise auf Dogma-Stil. Mit bekannten und exzellenten Darstellern spielt er den Egoismus der Töchter aus, die wegen der eigenen Schwäche die Mutter nicht selbstbestimmt sterben lassen wollen. Doch es gibt auch viel Verständnis, zum Beispiel im schönen Verhältnis zum Enkel, der nur scheinbar hinter seinem iPad nichts mitbekommt. Das ist ungeheuer bewegend und rührend, ohne dass Bille August routiniert den emotionalen Hammer rausholen muss. Allerdings wird man - gerade angesichts der hohen Erwartungen an einen dänischen Film - das Gefühl nicht los, dass bessere Autoren wie Susanne Bier oder Thomas Vinterberg die paar losen Fäden (Buch: Christian Torpe) noch zu einem ganz runden Film verknüpft hätten.

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