2.11.15

Spectre

USA, Großbritannien 2015 Regie: Sam Mendes mit Daniel Craig, Ralph Fiennes, Christoph Waltz, Léa Seydoux 142 Min.

Bond, Mrs. Bond? Mit zwei Kindern und Altersvorsorge? Ja, es geht gut aus im 24. James Bond-Film. Familiär und menschlich gesehen. Dass es auch gut aussieht, garantiert Regisseur Sam Mendes. Er holt wenigstens stellenweise noch etwas aus dem völlig überkommenen und längst verblichenen Format „Bond-Film" raus.

Den Untertitel „The dead are alive" (Die Toten leben) bebildert Sam Mendes direkt zu Beginn mit der sehr reizvollen Szenerie des „Dia de los Muertos" in Mexico City: Der karnevaleske Umzug von Totenmasken und Gerippen als Kulisse für den üblichen Action-Teaser endet in einem völlig bescheuerten Hubschrauber-Stunt direkt über den Köpfen tausender Menschen. Doch nicht dieser hirnrissige Einsatz ist der Grund für die Entlassung von James Bond (Daniel Craig) in London. Man will die ganze 00-Abteilung null und nichtig machen. Umorganisation halt. Dass der kleine Bürokrat Max Denbigh (Andrew Scott) stattdessen mit einer neuen, globalen Totalüberwachung alle Geheimdienste ersetzen will, ist ein Thema. Dass sich darüber auch der Oberschurke Oberhauser (Christoph Waltz) freut, der die Technik liefert und selbst eifrig nutzt, noch nicht das zweite. Der kleine Alpenländler übernahm nicht nur die weiße Katze vom großen Bond-Gegner Ernst Stavro Blofeld, sondern auch dessen Welteroberungs-Wahnsinn. Als zusätzliche Pointe hasst er seinen Antagonisten Bond auch noch als Ziehbruder, als Kuckucks-Ei in seinem Nest.

Eine ganze Menge Psychodrama für einen Bond. Das geht alles von der Action- und Verführer-Zeit ab. Monica Bellucci muss für die einzige typische Bond-Girl-Nummer herhalten. Danach hat „Spectre" nicht mal Zeit, sie stilgemäß umzubringen. Léa Seydoux ist als Madeleine Swann, als Tochter des Killers Mr. White (Jesper Christensen) eine andere Nummer. Ihr Charme scheint Bond von seiner tödlichen Berufsbahn wegzubringen.

Man kann es kaum ernsthaft beschreiben, denn trotz Daniel Craig, trotz des exzellenten Regisseurs Sam Mendes ist Bond weiter lächerlich, der Oktopus-Vorspann nicht von einer Parodie zu unterscheiden. Selbst dass der Held degradiert wird, von Q kein Auto und wie zum Abschied nur eine Uhr erhält, um dann im Untergrund zu wirken, ist längst Routine, längst Klischee. Die Handlung setzt wenigstens etwas fortschrittlich „Skyfall" und andere Vorgänger fort, weil sich Spectre als eine übergeordnete Verbrecher-Organisation hinter all den Schurken der letzten Folgen herausstellt.

Doch alles, was im Ansatz gut klingt, was durch die Kamera von Hoyte van Hoytema sehr gut aussieht, leidet darunter, ein Bond-Film zu sein. Beziehungsweise die Bond-Routine mit der Action, den zwanghaft erlesenen Schauplätzen und der festen Figurenkonstellation leidet unter dem Vorhaben, einen ernsthaften Film mit dieser Figur zu erschaffen. Da passt es, dass Daniel Craig bei aller rauen Körperlichkeit alt und müde wirkt. Auch Christoph Waltz sah unter Tarantino wesentlich besser aus. Ralph Fiennes kann Judi Dench als M nicht ersetzen. Nur Léa Seydoux belebt mit ihrer unbeherrschbaren Präsenz den Film.

Aber auch, dass ein und das gleiche Überwachsystem vom Oberschurken und dem Staat benutzt wird, ist seit Snowden kein Staatsgeheimnis mehr. Zu oft zündeln Geheimdienste selber wie pyromanische Feuerwehrleute. So sind Franz (Oberhauser) und James nicht nur zwei Brüder, sondern Seiten einer Medaille. Was Mendes mit einer schönen Spiegelszene im Stile von Trottas „Bleierne Zeit" sinnlich macht. Terror und Staat brauchen einander. Die Aufsichtsratssitzung von Spectre unterscheidet sich in nichts von einem internationalen Wirtschaftskonzern. Da kann Bond sich nur noch ernüchtert ins Privatleben zurückziehen. Der romantischste aller Bond-Filme wählt diesen Weg. So wäre die Bond-Episode mit Daniel Craig auserzählt. Warum jetzt nicht gleich das ganze überkommene Sub-Genre lange pausieren lassen? Doch die Produzentin Frau Broccoli wird sich nicht das Gemüse vom Brot nehmen lassen.

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