17.8.15

Die Piazza stimmt ab - Publikumspreis Locarno 2015

Wir sind Piazza! So würde die Zeitung mit den großen Buchstaben titeln. Denn mit dem NRW-WDR-Film „Der Staat gegen Fritz Bauer" hat nach „Das Leben der anderen", „Das Wunder von Bern" und „Die syrische Braut" wieder eine deutsche Produktion den Publikumspreis in Locarno ergattert. Das ist immerhin hinter Cannes, Venedig und Berlin das viertwichtigste Festival. Außerdem sind 8000 Zuschauer, die jeden Abend auf der Piazza Grande abstimmen, ein ernstzunehmendes Publikum. Ein Grund zum Feiern für den Regisseur Lars Kraume, für die exzellenten Darsteller Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld sowie die Film- und Medienstiftung NRW.
Doch können „wir" jetzt stolz sein? Der zurückgekehrte Exilant, der Freiheitskämpfer Fritz Bauer meint selbst im Film: Für Goethe und Schiller, für unsere Berge und Wälder, da können wir doch nichts. Aber wir können Tag für Tag für diese Demokratie kämpfen. Deshalb ein Preis, der auch dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gefallen hätte: Als Sieg der Sache über das Gefühl. Denn auch nach der zweiten Sichtung kann der Film über den Kampf um die ersten Holocaust-Prozesse in der BRD zum Ende der 50er Jahre nicht überzeugen, zu viel bleibt behauptet. Und mindestens drei Piazza-Filme waren besser gemacht: Das lesbische Liebesdrama „La Belle Saison" mit der großartigen Cecile de France. Die humorvolle und tief berührende Demenz-Geschichte „Floride" mit einem wunderbaren Jean Rochefort. Oder die umwerfend komische kanadische Polit-Satire „Guibord s'en va-t-en guerre". Alles runder, stimmiger, bewegender und begeisternder. Aber scheinbar stimmten die Zuschauer in Locarno gegen Vergessen und Verdrängen. Die Piazza als politischer Platz. Anders als auf dem Maidan in Kiew, auf dem Taksim in Istanbul oder dem Tahrir in Kairo, friedlich. Es ist ja „nur Kultur", aber immerhin: Ein deutlicher Standpunkt.

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