USA 2015 Regie: Andrew Bujalski mit Guy Pearce, Cobie Smulders, Kevin Corrigan, Giovanni Ribisi 104 Min.
Eine nette Komödie mit klugen Gedanken und einem Stück Filmgeschichte: Der frischgebackene Millionär Danny (Kevin Corrigan) erhofft sich Lösungen für Einsamkeit und Fettleibigkeit von einem Fitnessstudio. Die Fitnesstrainerin Kate (Cobie Smulders von den „Avengers") macht Hausbesuche in seiner riesigen Wohnung, aber mehr ist nicht drin. Auch für sie nicht bei Trevor (Guy Pearce), dem Chef des Studios. Denn der hat zwar seinen Körper total ausbalanciert, aber mit den Emotionen klappt es gar nicht. Originell, glaubwürdig und gut gespielt. Diese Romantische Komödie ist sehenswert, auch weil ihr Macher Andrew Bujalski selbst mit sehr bekannten Schauspielern den Grundprinzipien des Mumblecore-Genres treu bleibt. Das er mit „Funny Ha Ha" (2002) und „Mutual Appreciation" (2005) mitbegründet hat. Mumblecore steht für kleine Budgets, nicht berühmte Schauspieler, viel cleveren Dialog in einfach zu kontrollierenden Innenräumen. „Results" hat zwar bedeutend mehr Produktionswerte nicht nur beim Schauspiel, aber auch immer noch viel unverbrauchten Charme, macht sich treffend über die körperliche wie seelische Selbstoptimierer lustig und verbreitet gute Laune.
29.2.16
El Clan
Argentinien, Spanien 2015 Regie: Pablo Trapero mit Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich 110 Min. FSK: ab 16
Wenn der Vater mit dem Sohne durch die Straße von Buenos Aires fährt und Freunde des Juniors als Geisel erst in den Kofferraum, dann in den Familien-Keller sperrt, dann ist die argentinische Diktatur nicht weit. 1983, das Militär tritt nach dem verlorenen Falkland-Krieg zurück, machte Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) einfach privat weiter, was er vorher für das Regime erledigte: Entführen, Foltern und Morden. Nur jetzt halt, wie ein junges Start Up-Unternehmen, im eigenen Keller. Tatsächlich hat nicht nur Österreich horrende Keller-Geschichten, auch die der Familie Puccio ist eine wahre.
Hinter der Fassade der angesehenen bürgerlichen Familie läuft ein florierenden Entführen und Erpressen. Mitten in diesem Zwiespalt steckt Alex (Peter Lanzani), ältester Sohn der Familie. Als erfolgreicher Rugby-Spieler ist er beliebt und kommt mit der Nationalmannschaft in der Welt herum. Er macht allerdings auch bei den Entführungen mit, ja lockt sogar Freunde als Opfer an. Alex schläft zu einem flotten Schlager mit seiner neuen Freundin, während die Schergen des Vaters die neue Geisel schlagen. Die Tochter sitzt wie ein normaler Teenager mit Kopfhörern auf ihrem Bett, im nächsten Raum wimmert die Geisel angekettet in der Badewanne.
Der übliche Vater-Sohn-Konflikt ist diesmal auch einer zwischen dem Paten einer Verbrecher-Organisation und seinem Gehilfen. Allerdings lebt Alex ganz gut vom Familien-Unternehmen und sein Widerstand hält sich in Grenzen. Die Normalität von Terrorherrschaft und Diktatur ist ein Echo der Militär-Diktatur Argentiniens. Vertraute Gespräche der Vaters mit einem „Commendatore" zeigen, dass alles weiterhin mit Wissen und Deckung von Polizei und Geheimdiensten geschah. So gewinnt die ebenso spannende wie unglaubliche Geschichte eine starke politische Dimension. Regisseur Pablo Trapero, der 2004 mit der Tragikomödie „Familia Rodante - Reisen auf argentinisch" erstmals auf sich aufmerksam machte, erhielt 2015 in Venedig den „Silbernen Löwen" für die „Beste Regie".
Wenn der Vater mit dem Sohne durch die Straße von Buenos Aires fährt und Freunde des Juniors als Geisel erst in den Kofferraum, dann in den Familien-Keller sperrt, dann ist die argentinische Diktatur nicht weit. 1983, das Militär tritt nach dem verlorenen Falkland-Krieg zurück, machte Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) einfach privat weiter, was er vorher für das Regime erledigte: Entführen, Foltern und Morden. Nur jetzt halt, wie ein junges Start Up-Unternehmen, im eigenen Keller. Tatsächlich hat nicht nur Österreich horrende Keller-Geschichten, auch die der Familie Puccio ist eine wahre.
Hinter der Fassade der angesehenen bürgerlichen Familie läuft ein florierenden Entführen und Erpressen. Mitten in diesem Zwiespalt steckt Alex (Peter Lanzani), ältester Sohn der Familie. Als erfolgreicher Rugby-Spieler ist er beliebt und kommt mit der Nationalmannschaft in der Welt herum. Er macht allerdings auch bei den Entführungen mit, ja lockt sogar Freunde als Opfer an. Alex schläft zu einem flotten Schlager mit seiner neuen Freundin, während die Schergen des Vaters die neue Geisel schlagen. Die Tochter sitzt wie ein normaler Teenager mit Kopfhörern auf ihrem Bett, im nächsten Raum wimmert die Geisel angekettet in der Badewanne.
Der übliche Vater-Sohn-Konflikt ist diesmal auch einer zwischen dem Paten einer Verbrecher-Organisation und seinem Gehilfen. Allerdings lebt Alex ganz gut vom Familien-Unternehmen und sein Widerstand hält sich in Grenzen. Die Normalität von Terrorherrschaft und Diktatur ist ein Echo der Militär-Diktatur Argentiniens. Vertraute Gespräche der Vaters mit einem „Commendatore" zeigen, dass alles weiterhin mit Wissen und Deckung von Polizei und Geheimdiensten geschah. So gewinnt die ebenso spannende wie unglaubliche Geschichte eine starke politische Dimension. Regisseur Pablo Trapero, der 2004 mit der Tragikomödie „Familia Rodante - Reisen auf argentinisch" erstmals auf sich aufmerksam machte, erhielt 2015 in Venedig den „Silbernen Löwen" für die „Beste Regie".
28.2.16
Das Tagebuch der Anne Frank (2016)
BRD 2016 Regie: Hans Steinbichler mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen 128 Min. FSK: ab 12
Nach einigen internationalen Produktionen gibt es nun „Das Tagebuch der Anne Frank" auch als deutsche Verfilmung - siebzig Jahre nach dem Tod der jungen Autorin im KZ Bergen-Belsen. Hans Steinbichlers Film ist eine vorsichtige Produktion für ein junges Publikum, die mit Drehbuch, Regie und Besetzung keinerlei Risiko eingeht. Trotzdem kann der Text zusammen mit der großartigen Hauptdarstellerin beeindrucken.
Der Weg von Schweizer Sommerfrische in Sils-Maria ins nicht mehr freie Amsterdam, dann in eine versteckte Miniwohnung, in der sich die Familie Frank nicht mehr frei bewegen kann. Und am Ende steht das KZ. Anne Franks Weg vom Licht in die Dunkelheit beginnt mit der tragischen Fehleinschätzung ihres Vaters Otto Frank (Ulrich Noethen), Holland sei genau so sicher wie die Schweiz, nur eben näher bei den Verwandten in Aachen und Frankfurt.
In Amsterdam müssen die Franks den gelben Juden-Stern tragen, aggressive junge Mitglieder des faschistischen NSB verjagen jüdische Mädchen vom Strand. Als Annes ältere Schwester Margot deportiert werden soll, zieht die Familie 1942 in ein lange vorbereitetes Versteck über der Fabrik von Freunden. Richtig mühsam, eng und menschlich unangenehm wird es in den 50 Quadratmetern, als die laute und ungehobelte Familie van Daan einzieht. Die Spannungen nehmen zu auf engem Raum mit unausweichlichen Reaktionen der anderen. Doch die Franks behalten während der zwei Jahre im Verlies ihren Humor, beschreiben ihre Unterkunft als „waldfreie Lage mit fließend Wasser an verschiedenen Wänden, fett-freie Nahrung". Als Anne 13 Jahre alt wird, beginnt sie ihr Tagebuch, das sie mit „Liebe Kitty" anspricht.
Vor allem wenn Anne ihr Tagebuch teilweise direkt in die Kamera spricht, beeindruckt die selbstbewusste Weltsicht dieses jungen Mädchens. Eines neugierigen Mädchens, das in diesen beengten Verhältnissen mit stark eingeschränktem Personenkreis ihr sexuelles Erwachen erlebt. Und das auch 70 Jahre später überhaupt nicht von gestern wirkt. Das oft selbstgerechte Mädchen nennt die Eltern Pim und Mansa, wobei der Vater Pim alle Sympathien bekommt und ein krasser Konflikt mit der Mutter (Martina Gedeck) eskaliert. Anne Frank entwickelt im Tagebuch ihre eigene Theodizee zum Leiden des jüdischen Volkes, das sie als auserwählt für die Zukunft ansieht.
Die starke Wirkung ist ein Verdienst auch der 17-jährigen Lea van Acken, die bereits 2014 in Dietrich Brüggemann „Kreuzweg" als religiöse Jugendliche Maria beeindruckte. Ihre Anne Frank ist enorm gut gespielt und gesprochen, lenkt ab von den schwachen Interpretationen der üblichen Verdächtigen Martina Gedeck und Ulrich Noethen als Annes Eltern. „Das Tagebuch der Anne Frank" wurde vom verdienstvollen Fred Breinersdorfer zum Drehbuch umgeschrieben, entfernt sich zum Glück von Breinerdorfers Schema bei „Elser - Er hätte die Welt verändert" (2014) und „Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2005). Regisseur Hans Steinbichler begann seine Karriere mit den sehr bemerkenswerten Filmen „Winterreise" (2006) und „Hierankl" (2003), hält sich jedoch hier mit einer braven und unspektakulären Inszenierung zurück. Aber selbst die sehr penetrante Musik sowie eine überzogene Filmlänge können den Eindruck nicht beschädigen, den dieses Vermächtnis des klugen jüdischen Mädchens macht.
Nach einigen internationalen Produktionen gibt es nun „Das Tagebuch der Anne Frank" auch als deutsche Verfilmung - siebzig Jahre nach dem Tod der jungen Autorin im KZ Bergen-Belsen. Hans Steinbichlers Film ist eine vorsichtige Produktion für ein junges Publikum, die mit Drehbuch, Regie und Besetzung keinerlei Risiko eingeht. Trotzdem kann der Text zusammen mit der großartigen Hauptdarstellerin beeindrucken.
Der Weg von Schweizer Sommerfrische in Sils-Maria ins nicht mehr freie Amsterdam, dann in eine versteckte Miniwohnung, in der sich die Familie Frank nicht mehr frei bewegen kann. Und am Ende steht das KZ. Anne Franks Weg vom Licht in die Dunkelheit beginnt mit der tragischen Fehleinschätzung ihres Vaters Otto Frank (Ulrich Noethen), Holland sei genau so sicher wie die Schweiz, nur eben näher bei den Verwandten in Aachen und Frankfurt.
In Amsterdam müssen die Franks den gelben Juden-Stern tragen, aggressive junge Mitglieder des faschistischen NSB verjagen jüdische Mädchen vom Strand. Als Annes ältere Schwester Margot deportiert werden soll, zieht die Familie 1942 in ein lange vorbereitetes Versteck über der Fabrik von Freunden. Richtig mühsam, eng und menschlich unangenehm wird es in den 50 Quadratmetern, als die laute und ungehobelte Familie van Daan einzieht. Die Spannungen nehmen zu auf engem Raum mit unausweichlichen Reaktionen der anderen. Doch die Franks behalten während der zwei Jahre im Verlies ihren Humor, beschreiben ihre Unterkunft als „waldfreie Lage mit fließend Wasser an verschiedenen Wänden, fett-freie Nahrung". Als Anne 13 Jahre alt wird, beginnt sie ihr Tagebuch, das sie mit „Liebe Kitty" anspricht.
Vor allem wenn Anne ihr Tagebuch teilweise direkt in die Kamera spricht, beeindruckt die selbstbewusste Weltsicht dieses jungen Mädchens. Eines neugierigen Mädchens, das in diesen beengten Verhältnissen mit stark eingeschränktem Personenkreis ihr sexuelles Erwachen erlebt. Und das auch 70 Jahre später überhaupt nicht von gestern wirkt. Das oft selbstgerechte Mädchen nennt die Eltern Pim und Mansa, wobei der Vater Pim alle Sympathien bekommt und ein krasser Konflikt mit der Mutter (Martina Gedeck) eskaliert. Anne Frank entwickelt im Tagebuch ihre eigene Theodizee zum Leiden des jüdischen Volkes, das sie als auserwählt für die Zukunft ansieht.
Die starke Wirkung ist ein Verdienst auch der 17-jährigen Lea van Acken, die bereits 2014 in Dietrich Brüggemann „Kreuzweg" als religiöse Jugendliche Maria beeindruckte. Ihre Anne Frank ist enorm gut gespielt und gesprochen, lenkt ab von den schwachen Interpretationen der üblichen Verdächtigen Martina Gedeck und Ulrich Noethen als Annes Eltern. „Das Tagebuch der Anne Frank" wurde vom verdienstvollen Fred Breinersdorfer zum Drehbuch umgeschrieben, entfernt sich zum Glück von Breinerdorfers Schema bei „Elser - Er hätte die Welt verändert" (2014) und „Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2005). Regisseur Hans Steinbichler begann seine Karriere mit den sehr bemerkenswerten Filmen „Winterreise" (2006) und „Hierankl" (2003), hält sich jedoch hier mit einer braven und unspektakulären Inszenierung zurück. Aber selbst die sehr penetrante Musik sowie eine überzogene Filmlänge können den Eindruck nicht beschädigen, den dieses Vermächtnis des klugen jüdischen Mädchens macht.
26.2.16
Zoomania
USA 2016 (Zootopia) Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush 109 Min. FSK: ab 0
Nein, dies ist kein verfrühter Oster-Film. Selbst wenn ein Kaninchen darin die Hauptrolle spielt. „Zoomania" ist Zeichentrick auf der technischen Höhe der Computer-Zeit, aber auch Buddy- und Cop-Movie mit Tieren, die sich wie Menschen verhalten. Ganz so wie in Disneys „Robin Hood" aus dem Jahr 1970. Allerdings ist heutzutage das Polizei-Kaninchen Judy Hopps ziemlich emanzipiert und rollen-bewußt.
Die Handlung beginnt wie aus der Disney-Serienproduktion: Das kleine Kaninchen-Mädchen Judy Hopps will schon von Kinderbeinen und der Schulbühne an die Welt verbessern. Klar, dass Judy Polizistin wird und ihren Job in der aufregend großen Stadt Zootopia antreten darf. Um Parkverbots-Tickets zu verteilen. Denn auch dieser Disney erzählt von einer Welt, die einem sagt, man sei zu klein, zu dumm, ein Mädchen. Doch zusammen mit dem schlauen Fuchs und Gauner Nick Wilde setzt sich die ehrgeizige Judy auf die Spur einer ganzen Reihe verschwundener Tiere.
Zootopia ist ein reizvoller Mikrokosmos mit verschiedenen Welten und Öko-Systemen. In Miniaturform für Mäuse, arktisch eingefroren oder direkt nebenan tropisch heiß. Sehr nett werden die tierischen Eigenschaften von Lemmingen oder verbeamteten Faultieren vorgeführt. Großartig, wie diese Schnarchnasen einen Witz in Zeitlupe verstehen, eine Folter für das wibbelige Kaninchen.
Allerdings ist diese Welt auch in Raubtiere und Beute aufgeteilt - oder in Gut und Böse – die hier erst einmal friedlich miteinander umgehen. Bis ausgerechnet ein Versprecher von Judy zu Vorurteilen gegenüber allen Raubtieren führt. Neben der ewigen Disney-Mantra „Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst" wagt sich „Zoomania" an ein ziemlich schwieriges Thema, in das sich auch die junge Heldin verrennt. Zwar wird mit „typischen Eigenschaften" wie „schlauer Fuchs" trefflich charakterisiert und unterhalten, dann sollen wir aber lernen, dass doch alle gleich sind! Ein Zwiespalt der großen Welt mit Rassismus und Profiling, den dieser kleine Film selbstverständlich nicht lösen kann.
Dafür unterhält der 55. Disney Spielfilm vortrefflich. Die Regisseure bringen Erfahrung von etwas abstruseren Animationen mit: Byron Howard hat „Rapunzel - neu verföhnt", Rich Moore machte die abgedrehte Computerspiel-Geschichte „Ralph reicht's". So gibt es ein Yoga-Retreat voller nackter – igittigitt – Tiere, einen Maulwurf mit Paten-Parodie, selbstverständlich samt Hochzeit der Tochter des Paten, und das Apple-Logo wurde durch eine angebissene Mohrrübe ersetzt.
Die auch feministische Geschichte erfreut mit erwachsenen Charakteren voller Charakter. „Zoomania" ist wieder mal ein Kinderfilm, der die großen Begleiter nicht unendlich langweilt. Dass alles doch ein durchkalkuliertes Produkt bleibt, zeigt die rasante Action im Finale und schließlich die furchtbare Animation von Shakira als Gazelle (wieso nicht Nasenbär bei ihrem nasalen Geknödel?) mit noch schlimmeren Lied im Abspann.
PS: Dass der Originaltitel „Zootopia" zu einem sehr sinnlosen „Zoomania" wird, ist der typisch deutsche Austausch von englischen Titeln mit Titeln, die weder englisch noch deutsch sind. Wieso bloß wird im internationalen Titel-Chaos („Zootropolis" in NL, DK) die Utopie so abgelehnt? Passt das Träumen (von einer Utopie) doch nicht so gut zu Disney?
Nein, dies ist kein verfrühter Oster-Film. Selbst wenn ein Kaninchen darin die Hauptrolle spielt. „Zoomania" ist Zeichentrick auf der technischen Höhe der Computer-Zeit, aber auch Buddy- und Cop-Movie mit Tieren, die sich wie Menschen verhalten. Ganz so wie in Disneys „Robin Hood" aus dem Jahr 1970. Allerdings ist heutzutage das Polizei-Kaninchen Judy Hopps ziemlich emanzipiert und rollen-bewußt.
Die Handlung beginnt wie aus der Disney-Serienproduktion: Das kleine Kaninchen-Mädchen Judy Hopps will schon von Kinderbeinen und der Schulbühne an die Welt verbessern. Klar, dass Judy Polizistin wird und ihren Job in der aufregend großen Stadt Zootopia antreten darf. Um Parkverbots-Tickets zu verteilen. Denn auch dieser Disney erzählt von einer Welt, die einem sagt, man sei zu klein, zu dumm, ein Mädchen. Doch zusammen mit dem schlauen Fuchs und Gauner Nick Wilde setzt sich die ehrgeizige Judy auf die Spur einer ganzen Reihe verschwundener Tiere.
Zootopia ist ein reizvoller Mikrokosmos mit verschiedenen Welten und Öko-Systemen. In Miniaturform für Mäuse, arktisch eingefroren oder direkt nebenan tropisch heiß. Sehr nett werden die tierischen Eigenschaften von Lemmingen oder verbeamteten Faultieren vorgeführt. Großartig, wie diese Schnarchnasen einen Witz in Zeitlupe verstehen, eine Folter für das wibbelige Kaninchen.
Allerdings ist diese Welt auch in Raubtiere und Beute aufgeteilt - oder in Gut und Böse – die hier erst einmal friedlich miteinander umgehen. Bis ausgerechnet ein Versprecher von Judy zu Vorurteilen gegenüber allen Raubtieren führt. Neben der ewigen Disney-Mantra „Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst" wagt sich „Zoomania" an ein ziemlich schwieriges Thema, in das sich auch die junge Heldin verrennt. Zwar wird mit „typischen Eigenschaften" wie „schlauer Fuchs" trefflich charakterisiert und unterhalten, dann sollen wir aber lernen, dass doch alle gleich sind! Ein Zwiespalt der großen Welt mit Rassismus und Profiling, den dieser kleine Film selbstverständlich nicht lösen kann.
Dafür unterhält der 55. Disney Spielfilm vortrefflich. Die Regisseure bringen Erfahrung von etwas abstruseren Animationen mit: Byron Howard hat „Rapunzel - neu verföhnt", Rich Moore machte die abgedrehte Computerspiel-Geschichte „Ralph reicht's". So gibt es ein Yoga-Retreat voller nackter – igittigitt – Tiere, einen Maulwurf mit Paten-Parodie, selbstverständlich samt Hochzeit der Tochter des Paten, und das Apple-Logo wurde durch eine angebissene Mohrrübe ersetzt.
Die auch feministische Geschichte erfreut mit erwachsenen Charakteren voller Charakter. „Zoomania" ist wieder mal ein Kinderfilm, der die großen Begleiter nicht unendlich langweilt. Dass alles doch ein durchkalkuliertes Produkt bleibt, zeigt die rasante Action im Finale und schließlich die furchtbare Animation von Shakira als Gazelle (wieso nicht Nasenbär bei ihrem nasalen Geknödel?) mit noch schlimmeren Lied im Abspann.
PS: Dass der Originaltitel „Zootopia" zu einem sehr sinnlosen „Zoomania" wird, ist der typisch deutsche Austausch von englischen Titeln mit Titeln, die weder englisch noch deutsch sind. Wieso bloß wird im internationalen Titel-Chaos („Zootropolis" in NL, DK) die Utopie so abgelehnt? Passt das Träumen (von einer Utopie) doch nicht so gut zu Disney?
24.2.16
13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi
USA 2016 Regie: Michael Bay mit James Badge Dale, John Krasinski, Max Martini 145 Min. FSK: ab 16
Willkommen in US-Wahlkampf, quer-finanziert durch Hollywood. Politisch Interessierte mögen sich erinnern, wie Hillary Clinton als Außenministerin im letzten Jahr nicht 13, sondern 11 Stunden lang in einem Parlaments-Ausschuss befragt wurde, weil bei einem Anschlag auf eine Außenstelle des US-Konsulats im libyschen Benghazi ausgerechnet am Jahrestag der Attentate von 9/11 vier US-Amerikaner starben. „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi", der voller Adrenalin gepumpte Action-Film vom filmischen Grob-Motoriker Michael Bay erzählt nun, was wirklich geschah ... selbstverständlich nicht!
Vor allem erzählt auch dieser Hollywood-Film viel vom üblichen Weltbild des typischen US-Amerikaners: Überall im Ausland lauern Gefahren, böse Menschen wollen gutmeinenden Diplomaten und Spionen ans Leben. Nun war Libyen schon 2012 nach dem Sturz Gaddafis kein sicherer Ausflugsort, hier hatte eigentlich jeder schwere Waffen in den Händen. Und deshalb ist ja auch die CIA da, sie will diesmal verhindern, dass Waffen verkauft werden. Ein guter Witz. Neu ist, dass die früher so coolen Geheimagenten nun als unfähige Schreibtischtäter selbst Aufpasser brauchen. Die stellt eine Sammlung von Vollbärten mit Muskeln dran. Ein paramilitärischer Trupp von Söldnern namens GRS, der wieder, wie einst „Rambo" für die unfähigen Politiker die Kohlen aus dem Feuer holen muss. In diesem Fall den angekokelten US-Botschafter, dessen so gut wie ungeschützte Residenz von einem Mob scheinbar spontan überfallen und abgefackelt wird.
Regisseur Michael Bay ist selber mit seinen Filmen wie „Transformers" und „Pearl Harbor" eine Art Söldner der US-Armee. Das fürchterliche Wort „Overkill" findet bei ihm seine extremste filmische Entsprechung: Immer ist alles zu viel zu laut, zu chaotisch, zu tödlich. Selbstverständlich haben auch in „13 Hours" Scherze oder gar Selbst-Ironie keinen Platz. Das größte Kunststück von Michael Bay ist allerdings, dass dieses fürchterliche Machwerk trotz seiner unendlich vielen Explosionen, Schießereien und Morde auch unendlich langweilig ist. Nach einer langen Exposition von fast einer Stunde mit rührenden Bildern der Liebsten zuhause und intensivem Bodybuilding ist der Rest endloses Geballer.
Trotzdem ist es beim Rumsitzen verführerisch, sich auf die beschränkte Logik des Films einzulassen. Denn die bärtigen Jungs sind ja so nett. In Berlin wären sie Hipster, woanders bringen sie Menschen um. Die man wiederum nicht versteht. Der Dolmetscher ist symptomatisch nur eine Witzfigur. Die gesichtslosen „Fremden", unter denen es nicht mal eine schurkige Nebenfigur gibt, fangen einfach grundlos an zu schießen und zu überfallen, während der Trommler beim Einpeitschmarathon auf der Tonspur Sonderzulage bekommt.
Wie in der Außenpolitik staunt man auch hier, was für ein unglaublicher Aufwand für ein erbärmliches Ergebnis getrieben wird: Ein Propaganda-Stückchen, das vier Jahre nach den Ereignissen zufällig mitten im Vorwahlkampf in die Kinos kommt. Man könnte auch sagen: Eine kriegstreiberische und rassistische Propaganda-Lüge!
Willkommen in US-Wahlkampf, quer-finanziert durch Hollywood. Politisch Interessierte mögen sich erinnern, wie Hillary Clinton als Außenministerin im letzten Jahr nicht 13, sondern 11 Stunden lang in einem Parlaments-Ausschuss befragt wurde, weil bei einem Anschlag auf eine Außenstelle des US-Konsulats im libyschen Benghazi ausgerechnet am Jahrestag der Attentate von 9/11 vier US-Amerikaner starben. „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi", der voller Adrenalin gepumpte Action-Film vom filmischen Grob-Motoriker Michael Bay erzählt nun, was wirklich geschah ... selbstverständlich nicht!
Vor allem erzählt auch dieser Hollywood-Film viel vom üblichen Weltbild des typischen US-Amerikaners: Überall im Ausland lauern Gefahren, böse Menschen wollen gutmeinenden Diplomaten und Spionen ans Leben. Nun war Libyen schon 2012 nach dem Sturz Gaddafis kein sicherer Ausflugsort, hier hatte eigentlich jeder schwere Waffen in den Händen. Und deshalb ist ja auch die CIA da, sie will diesmal verhindern, dass Waffen verkauft werden. Ein guter Witz. Neu ist, dass die früher so coolen Geheimagenten nun als unfähige Schreibtischtäter selbst Aufpasser brauchen. Die stellt eine Sammlung von Vollbärten mit Muskeln dran. Ein paramilitärischer Trupp von Söldnern namens GRS, der wieder, wie einst „Rambo" für die unfähigen Politiker die Kohlen aus dem Feuer holen muss. In diesem Fall den angekokelten US-Botschafter, dessen so gut wie ungeschützte Residenz von einem Mob scheinbar spontan überfallen und abgefackelt wird.
Regisseur Michael Bay ist selber mit seinen Filmen wie „Transformers" und „Pearl Harbor" eine Art Söldner der US-Armee. Das fürchterliche Wort „Overkill" findet bei ihm seine extremste filmische Entsprechung: Immer ist alles zu viel zu laut, zu chaotisch, zu tödlich. Selbstverständlich haben auch in „13 Hours" Scherze oder gar Selbst-Ironie keinen Platz. Das größte Kunststück von Michael Bay ist allerdings, dass dieses fürchterliche Machwerk trotz seiner unendlich vielen Explosionen, Schießereien und Morde auch unendlich langweilig ist. Nach einer langen Exposition von fast einer Stunde mit rührenden Bildern der Liebsten zuhause und intensivem Bodybuilding ist der Rest endloses Geballer.
Trotzdem ist es beim Rumsitzen verführerisch, sich auf die beschränkte Logik des Films einzulassen. Denn die bärtigen Jungs sind ja so nett. In Berlin wären sie Hipster, woanders bringen sie Menschen um. Die man wiederum nicht versteht. Der Dolmetscher ist symptomatisch nur eine Witzfigur. Die gesichtslosen „Fremden", unter denen es nicht mal eine schurkige Nebenfigur gibt, fangen einfach grundlos an zu schießen und zu überfallen, während der Trommler beim Einpeitschmarathon auf der Tonspur Sonderzulage bekommt.
Wie in der Außenpolitik staunt man auch hier, was für ein unglaublicher Aufwand für ein erbärmliches Ergebnis getrieben wird: Ein Propaganda-Stückchen, das vier Jahre nach den Ereignissen zufällig mitten im Vorwahlkampf in die Kinos kommt. Man könnte auch sagen: Eine kriegstreiberische und rassistische Propaganda-Lüge!
23.2.16
Mustang (2015)
Türkei, Frankreich, Katar, BRD 2015 Regie: Deniz Gamze Ergüven mit Günes Sensoy, Doga Zeynep Doguslu, Elit Iscan, Tugba Sunguroglu, Ilayda Akdogan 94 Min. FSK ab 12
Für fünf sehr fröhliche, ausgelassene Waisen, selbstbewusste, starke Mädchen an der türkischen Schwarzmeerküste, endet mit den Sommerferien die Freiheit. Die Schwestern baden mit Klassenkameraden am Strand - in voller Schuluniform. Trotzdem sorgt dies im Dorf für Aufruhr und die Mädchen werden von Oma und Onkel fortan eingesperrt. Computer, Handys sogar Telefone verschwinden. In der ersten Aufregung bekommt der grobe Onkel noch die Schläge, die er austeilen will, von seiner Mutter selbst ins Gesicht. Erniedrigung und Hausarrest beginnen mit einer Kontrolle der Jungfernschaft im Krankenhaus. Später kommen zur Erhaltung der Heiratsfähigkeit Gitter vor die Fenster, die Mauern werden erhöht. Im Rahmen der Reduzierung aufs Hausfrauen-Sein gibt es nur noch Haushaltslehre zu Hause, die Sommerkleidung ersetzen fortan sackartige Kleider.
Viel Handkamera und vor allem die schwebende Musik weckt Erinnerungen an Sofia Coppolas „The Virgin Suicides", denn lange erhalten sich die Mädchen ihren freien Geist. Trotzdem zeigt „Mustang" das Genre des Sommer-Films unter umgekehrten Vorzeichen: Wo es sonst um Entdeckung und Entgrenzung geht, werden die Mädchen nacheinander unter im heutigen Europa eigentlich undenkbarem Zwang verheiratet.
Eine schöne Episode, in der die Mädchen ausbrechen, um als Fußball-Hooligans mit ihren Freundinnen zu einem Spiel zu reisen, wie die Tante dann einen ganzen Transformator abschießt, damit die Männer die Mädchen nicht während der Live-Übertragung im Stadion sehen, ist noch ein letzter Spaß. Nachdem die erste gegen ihren Willen verheiratet wird, muss beim Gynäkologen erneut die Jungfernhaut untersucht werden, weil sie in der Hochzeitsnacht nicht blutet.
Wie schon im iranischen Film „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" von Marzieh Meshkini machen gerade die Freiheiten der Inszenierung das unfreie Leben der Mädchen spürbar. Toll mit regionaler Leidenschaft gespielt, findet dieser ungewöhnliche Gefängnisfilm zwar neue Wege der Inszenierung. Zur Flucht bleiben aber nur allesamt tragischen Möglichkeiten. Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven erhielt den Europäischen Filmpreis 2015 für die „Europäische Entdeckung des Jahres".
Für fünf sehr fröhliche, ausgelassene Waisen, selbstbewusste, starke Mädchen an der türkischen Schwarzmeerküste, endet mit den Sommerferien die Freiheit. Die Schwestern baden mit Klassenkameraden am Strand - in voller Schuluniform. Trotzdem sorgt dies im Dorf für Aufruhr und die Mädchen werden von Oma und Onkel fortan eingesperrt. Computer, Handys sogar Telefone verschwinden. In der ersten Aufregung bekommt der grobe Onkel noch die Schläge, die er austeilen will, von seiner Mutter selbst ins Gesicht. Erniedrigung und Hausarrest beginnen mit einer Kontrolle der Jungfernschaft im Krankenhaus. Später kommen zur Erhaltung der Heiratsfähigkeit Gitter vor die Fenster, die Mauern werden erhöht. Im Rahmen der Reduzierung aufs Hausfrauen-Sein gibt es nur noch Haushaltslehre zu Hause, die Sommerkleidung ersetzen fortan sackartige Kleider.
Viel Handkamera und vor allem die schwebende Musik weckt Erinnerungen an Sofia Coppolas „The Virgin Suicides", denn lange erhalten sich die Mädchen ihren freien Geist. Trotzdem zeigt „Mustang" das Genre des Sommer-Films unter umgekehrten Vorzeichen: Wo es sonst um Entdeckung und Entgrenzung geht, werden die Mädchen nacheinander unter im heutigen Europa eigentlich undenkbarem Zwang verheiratet.
Eine schöne Episode, in der die Mädchen ausbrechen, um als Fußball-Hooligans mit ihren Freundinnen zu einem Spiel zu reisen, wie die Tante dann einen ganzen Transformator abschießt, damit die Männer die Mädchen nicht während der Live-Übertragung im Stadion sehen, ist noch ein letzter Spaß. Nachdem die erste gegen ihren Willen verheiratet wird, muss beim Gynäkologen erneut die Jungfernhaut untersucht werden, weil sie in der Hochzeitsnacht nicht blutet.
Wie schon im iranischen Film „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" von Marzieh Meshkini machen gerade die Freiheiten der Inszenierung das unfreie Leben der Mädchen spürbar. Toll mit regionaler Leidenschaft gespielt, findet dieser ungewöhnliche Gefängnisfilm zwar neue Wege der Inszenierung. Zur Flucht bleiben aber nur allesamt tragischen Möglichkeiten. Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven erhielt den Europäischen Filmpreis 2015 für die „Europäische Entdeckung des Jahres".
Der Kuaför aus der Keupstraße
BRD 2015 Regie: Andreas Maus 98 Min. FSK: ab 0
Dieser exzellente und enorm wichtige Dokumentarfilm blickt auf jene, die beim ewig langen NSU-Prozess gegen Zschäpe oft vergessen werden: Die Opfer. „Der Kuaför aus der Keupstraße" erzählt die Geschichte des Nagelbombenanschlags des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor einem türkischen Frisörsalon in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 nach und zeigt die Folgen in einer packenden Inszenierung auf.
Die ersten Bilder von in Zeitlupe auf den Boden fallenden Nägeln sind schauerlich, werden aber im Verlauf von den Originalverhören der Polizei im Entsetzlichen übertroffen. Die wollte unglaublicherweise monatelang den Opfern die Schuld zuschieben. Später kommen weitere Ungereimtheiten der Polizeiarbeit ans Licht, als die noch verletzt Verhörten später nur Fragmente stundenlanger Befragungen und Anschuldigungen im eindeutig „nachbearbeiteten" Protokoll wiederfinden. Das Ausmaß der politisch verzerrten Blicks ist schockierend: Gleich mehrere versteckte Ermittlersollten organisierte Kriminalität im türkischen „Milieu" aufdecken.
Vor allem die Opfer des Anschlages, die beiden türkischen Friseure, kommen zu Wort. Dazu gibt es in Bild und Ton exzellente Porträts von Menschen des Viertels, Geigenbauer, Schneiderin, Konditor, CD-Händler und selbstverständlich der Mann vom Kiosk. Neben den Interviews fügt der Film geschickt in stilisierter Szenerie nachgesprochene Vernehmungsprotokolle ein. Eine weitere, poetische Ebene lässt der rechtschaffenen Entrüstung mit kommentierenden Texten freien Lauf. Die Filmemacher finden durchgehend packende Formen für ihre sorgfältig mit langem Atem recherchierte Geschichte. Ein sehnsüchtig aufgesogenes Gegengift zu dem Schlagzeilen-Stakkato der meisten Medien.
Dieser exzellente und enorm wichtige Dokumentarfilm blickt auf jene, die beim ewig langen NSU-Prozess gegen Zschäpe oft vergessen werden: Die Opfer. „Der Kuaför aus der Keupstraße" erzählt die Geschichte des Nagelbombenanschlags des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor einem türkischen Frisörsalon in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 nach und zeigt die Folgen in einer packenden Inszenierung auf.
Die ersten Bilder von in Zeitlupe auf den Boden fallenden Nägeln sind schauerlich, werden aber im Verlauf von den Originalverhören der Polizei im Entsetzlichen übertroffen. Die wollte unglaublicherweise monatelang den Opfern die Schuld zuschieben. Später kommen weitere Ungereimtheiten der Polizeiarbeit ans Licht, als die noch verletzt Verhörten später nur Fragmente stundenlanger Befragungen und Anschuldigungen im eindeutig „nachbearbeiteten" Protokoll wiederfinden. Das Ausmaß der politisch verzerrten Blicks ist schockierend: Gleich mehrere versteckte Ermittlersollten organisierte Kriminalität im türkischen „Milieu" aufdecken.
Vor allem die Opfer des Anschlages, die beiden türkischen Friseure, kommen zu Wort. Dazu gibt es in Bild und Ton exzellente Porträts von Menschen des Viertels, Geigenbauer, Schneiderin, Konditor, CD-Händler und selbstverständlich der Mann vom Kiosk. Neben den Interviews fügt der Film geschickt in stilisierter Szenerie nachgesprochene Vernehmungsprotokolle ein. Eine weitere, poetische Ebene lässt der rechtschaffenen Entrüstung mit kommentierenden Texten freien Lauf. Die Filmemacher finden durchgehend packende Formen für ihre sorgfältig mit langem Atem recherchierte Geschichte. Ein sehnsüchtig aufgesogenes Gegengift zu dem Schlagzeilen-Stakkato der meisten Medien.
22.2.16
Freunde fürs Leben
Spanien, Argentinien 2015 (Truman) Regie: Cesc Gay mit Ricardo Darín, Javier Cámara, Dolores Fonzi 113 Min. FSK: ab 0
Julian (Ricardo Darín), ein Schauspieler aus Madrid, hat Lungenkrebs und will keine Chemotherapie mehr machen. Aus diesem Grund besucht ihn sein alter Freund Tomás (Javier Cámara) und kommt für vier Tage aus Kanada. Gemeinsam teilen sie dem behandelnden Arzt den Beschluss mit, versuchen Julians Begräbnis mit einem nicht sehr einfühlsamen Bestatter zu planen und erkundigen sich beim Veterinär über die Trauer von Hunden. Denn für Julian ist sein Hund Truman wie ein Kind.
Witzigerweise hält der totkranke Julian den Kanadier mit Jetlag auf Trab. Beide zeigen ihre typisch männlich raue Seite, was immer wieder komisch ist, wenn sie kurz zum Heulen weggehen. Zwar geht es auch darum, das Leben aufräumen, es gibt einen Kurztrip zu Julians entfremdetem Sohn in Amsterdam, doch auch die Inszenierung vermeidet große emotionale Momente, geht mal lieber frühstücken oder vor dem Café rauchen.
Bei einigen Geständnissen und Entschuldigungen gegenüber betrogenen Kollegen ist die Kunst von Regisseur Cesc Gay („En la Ciudad", „Ein Freitag in Barcelona"), bei dem sich wieder alles um Freundschaft dreht, kleine Momente sicher und frei von großem Pathos zu inszenieren. Der Film kann auf das gekonnt zurückhaltende Spiel von Ricardo Darín („Wild Tales", „In ihren Augen") vertrauen, um nachhaltig und glaubwürdig zu berühren.
Julian (Ricardo Darín), ein Schauspieler aus Madrid, hat Lungenkrebs und will keine Chemotherapie mehr machen. Aus diesem Grund besucht ihn sein alter Freund Tomás (Javier Cámara) und kommt für vier Tage aus Kanada. Gemeinsam teilen sie dem behandelnden Arzt den Beschluss mit, versuchen Julians Begräbnis mit einem nicht sehr einfühlsamen Bestatter zu planen und erkundigen sich beim Veterinär über die Trauer von Hunden. Denn für Julian ist sein Hund Truman wie ein Kind.
Witzigerweise hält der totkranke Julian den Kanadier mit Jetlag auf Trab. Beide zeigen ihre typisch männlich raue Seite, was immer wieder komisch ist, wenn sie kurz zum Heulen weggehen. Zwar geht es auch darum, das Leben aufräumen, es gibt einen Kurztrip zu Julians entfremdetem Sohn in Amsterdam, doch auch die Inszenierung vermeidet große emotionale Momente, geht mal lieber frühstücken oder vor dem Café rauchen.
Bei einigen Geständnissen und Entschuldigungen gegenüber betrogenen Kollegen ist die Kunst von Regisseur Cesc Gay („En la Ciudad", „Ein Freitag in Barcelona"), bei dem sich wieder alles um Freundschaft dreht, kleine Momente sicher und frei von großem Pathos zu inszenieren. Der Film kann auf das gekonnt zurückhaltende Spiel von Ricardo Darín („Wild Tales", „In ihren Augen") vertrauen, um nachhaltig und glaubwürdig zu berühren.
21.2.16
Spotlight
USA 2015 Regie: Tom McCarthy mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber 128 Min.
„Spotlight" ist ein erstaunlicher Film in vielerlei Hinsicht: Da wird die Vergewaltigung von Kindern durch katholische Priester in der Erzdiözese Boston ganz ohne spekulative Bilder, ganz ohne überdramatisierte Szenen aufgedeckt. Da gibt es investigativen Journalismus ohne geheimnisvolle Informanten in Tiefgaragen oder aufpeitschende Action-Szenen. Und vor allem haben diese Journalisten sagenhafte zwölf Monate Zeit, an einer Geschichte zu arbeiten. Das Erstaunlichste bei all dem: „Spotlight" ist mit Mark Ruffalo, Michael Keaton und Rachel McAdams in den Hauptrollen ein packender und bewegender Film!
Die wahre Geschichte setzt 2001 ein, beginnt aber mindestens 15 Jahre, wenn nicht viele Jahrzehnte früher: Ein Priester wird in Boston kurzzeitig festgenommen, weil er einen seiner Zöglinge vergewaltigt haben soll. Die Sache ist schnell erledigt, auch wenn sie in einer Kolumne der Tageszeitung „The Boston Globe" Niederschlag findet. Doch zufällig gibt es mit Marty Baron (Liev Schreiber) gerade einem neuen Chefredakteur, der das Reporterteam der Spotlight-Sektion drauf ansetzt. Nun kommt eine jahrzehntelange, systematische Vertuschung ans Licht, bei dem hunderte Priester für ihre Sexual-Verbrechen nicht bestraft, sondern nur versetzt wurde. Und oft in den neuen Gemeinden ungestört weiter machten.
Selbstverständlich erfährt das Team um Walter „Robby" Robinson (Michael Keaton) dies alles nicht ohne Widerstand. Schnell zeigt sich die Macht der Kirche, die in allen Fällen außergerichtliche Einigungen mit den Opfern erzielte. Gerichtsakten verschwinden. Der Kardinal lädt den jüdischen Chefredakteur Baron vor. Die Journalistin Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) hat Angst, ihrer Familie von der Recherche zu erzählen. Und Walter Robinson riskiert Freundschaften im Golfclub. Auch an die Mehrzahl katholischer Abonnenten sei zu denken...
Auf der anderen Seite sieht man einige der Opfer, hört – ganz ohne Rückblenden! - wie sie schutzlos misshandelt wurden und wie schwer ihr Leben danach verlief. Sie hängen an der Nadel, an der Flasche, einige haben sich bereits umgebracht.
Dabei ist die noch gar nicht so alte Geschichte über einen Saustall, der bis heute immer noch nicht wirklich ausgemistet wurde, in anderer Hinsicht schon prähistorisch. Nicht nur wegen nerdigem Handy-Halter am Gürtel und weil das Internet erst gerade richtig durchstartet. Die Recherche in Papier-Archiven und per Telefon wird vielen Zuschauern und vielleicht auch vielen Journalisten bereits völlig unbekannt sein. Ganz ohne pathetischen Zeigefinger oder Geigen-beschwerte Szenen erfährt man etwas über journalistisches Ethos, über die Notwendigkeit, Informationen zu kontrollieren, sie aber auch immer wieder ernst zu nehmen.
Denn so scheinbar einfach dieser feine, exzellente Film daher kommt, weil er nirgendwo zu dick aufträgt - vor allem Walter Robinson macht die Frage quälend, weshalb niemand dies alles früher gesehen hat. Weshalb niemand früher etwas gesagt hat. Denn es passierte nicht nur auch an der Schule direkt gegenüber dem Redaktionsgebäude, es passierte in der Parallelklasse Robinsons. Ja, „Spotlight" erzählt mit langem, ruhigem Atem, ohne laute Schockmomente, doch danach kann ein Kinderspielplatz in der Nähe einer Kirche sehr wohl ein mulmiges Gefühl verursachen.
„Spotlight" ist ein erstaunlicher Film in vielerlei Hinsicht: Da wird die Vergewaltigung von Kindern durch katholische Priester in der Erzdiözese Boston ganz ohne spekulative Bilder, ganz ohne überdramatisierte Szenen aufgedeckt. Da gibt es investigativen Journalismus ohne geheimnisvolle Informanten in Tiefgaragen oder aufpeitschende Action-Szenen. Und vor allem haben diese Journalisten sagenhafte zwölf Monate Zeit, an einer Geschichte zu arbeiten. Das Erstaunlichste bei all dem: „Spotlight" ist mit Mark Ruffalo, Michael Keaton und Rachel McAdams in den Hauptrollen ein packender und bewegender Film!
Die wahre Geschichte setzt 2001 ein, beginnt aber mindestens 15 Jahre, wenn nicht viele Jahrzehnte früher: Ein Priester wird in Boston kurzzeitig festgenommen, weil er einen seiner Zöglinge vergewaltigt haben soll. Die Sache ist schnell erledigt, auch wenn sie in einer Kolumne der Tageszeitung „The Boston Globe" Niederschlag findet. Doch zufällig gibt es mit Marty Baron (Liev Schreiber) gerade einem neuen Chefredakteur, der das Reporterteam der Spotlight-Sektion drauf ansetzt. Nun kommt eine jahrzehntelange, systematische Vertuschung ans Licht, bei dem hunderte Priester für ihre Sexual-Verbrechen nicht bestraft, sondern nur versetzt wurde. Und oft in den neuen Gemeinden ungestört weiter machten.
Selbstverständlich erfährt das Team um Walter „Robby" Robinson (Michael Keaton) dies alles nicht ohne Widerstand. Schnell zeigt sich die Macht der Kirche, die in allen Fällen außergerichtliche Einigungen mit den Opfern erzielte. Gerichtsakten verschwinden. Der Kardinal lädt den jüdischen Chefredakteur Baron vor. Die Journalistin Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) hat Angst, ihrer Familie von der Recherche zu erzählen. Und Walter Robinson riskiert Freundschaften im Golfclub. Auch an die Mehrzahl katholischer Abonnenten sei zu denken...
Auf der anderen Seite sieht man einige der Opfer, hört – ganz ohne Rückblenden! - wie sie schutzlos misshandelt wurden und wie schwer ihr Leben danach verlief. Sie hängen an der Nadel, an der Flasche, einige haben sich bereits umgebracht.
Dabei ist die noch gar nicht so alte Geschichte über einen Saustall, der bis heute immer noch nicht wirklich ausgemistet wurde, in anderer Hinsicht schon prähistorisch. Nicht nur wegen nerdigem Handy-Halter am Gürtel und weil das Internet erst gerade richtig durchstartet. Die Recherche in Papier-Archiven und per Telefon wird vielen Zuschauern und vielleicht auch vielen Journalisten bereits völlig unbekannt sein. Ganz ohne pathetischen Zeigefinger oder Geigen-beschwerte Szenen erfährt man etwas über journalistisches Ethos, über die Notwendigkeit, Informationen zu kontrollieren, sie aber auch immer wieder ernst zu nehmen.
Denn so scheinbar einfach dieser feine, exzellente Film daher kommt, weil er nirgendwo zu dick aufträgt - vor allem Walter Robinson macht die Frage quälend, weshalb niemand dies alles früher gesehen hat. Weshalb niemand früher etwas gesagt hat. Denn es passierte nicht nur auch an der Schule direkt gegenüber dem Redaktionsgebäude, es passierte in der Parallelklasse Robinsons. Ja, „Spotlight" erzählt mit langem, ruhigem Atem, ohne laute Schockmomente, doch danach kann ein Kinderspielplatz in der Nähe einer Kirche sehr wohl ein mulmiges Gefühl verursachen.
Where to invade next
USA 2015 Regie: Michael Moore 110 Min.
Die Lage ist verzweifelt: Seit Korea hat die USA keinen ihrer Kriege mehr gewinnen können. So rufen die Chefs von Army, Luftwaffe und Marine den bekannten Dokumentarfilmer und Regime-Kritiker Michael Moore zu Hilfe. Und der liefert: Eine Liste mit Ländern, die demnächst erobert werden sollen, samt der Sachen, die man in traditioneller Weise dort jeweils mitgehen lässt. Äußerst humorvoll hält Moore seiner „großen Nation" einen Spiegel vor und zeigt bei einer manchmal übereilten Weltreise, was in Sachen Arbeiter- und Bürgerrechte der Standard sein sollte. Ein auch für Deutschland lehrreicher Spaß, selbst wenn ein Bleistift-Hersteller hier als mustergültig durchgehen soll.
Wie immer beim großen Polit-Clown Michael Moore („Fahrenheit 9/11", „Bowling for Columbine", „Roger & Me") sind Idee und Lösung verblüffend einfach: Da reist er mit der us-amerikanischen Nationalflagge durch Europa, okkupiert mit flapsigem Pathos ganze Nationen und eignet sich für die USA Dinge wie bezahlten Urlaub, Arbeiternehmermitbestimmung, Sexualkunde-Unterricht, besseres Bildungs-, Gesundheits- und Strafsystem an. Und richtig komisch ist es zudem, wie Moore mit seinen naiven Fragen, den persönlichen Reaktionen und einer flotten Montage beispielsweise herausfindet, weshalb italienische Paare immer so aussähen, „als ob sie gerade Sex gehabt hätten". Es sind die für US-Amerikaner unglaubliche Anzahl von Urlaubstagen sowie die selbst von Deutschen kritisch beäugten langen Mittagspausen. Naheliegende Zweifel beantworten die Chefs einer Näherei für Armani und der von Ducati abschlägig: Die Angestellten seien glücklich, weniger krank und dadurch produktiver.
Auch Frankreich bleibt Michael Moore den Klischees treu: Im Land der Liebe besucht er den Sexualkunde-Unterricht und lässt alle mal herzlich über das us-konservative Konzept und Kontrazeptivum der Enthaltsamkeit lachen. Nein, das würden sie hier nicht lehren, die Zahlen schwangerer Teenager (sechs mal mehr in den USA als in der BRD) wären nicht überzeugend. Weiter in Deutschland will man sich zuerst über die typischen Nazi-Bilder beschweren, doch eine Hymne auf die Erinnerungskultur macht vor allem wieder im Vergleich zu den USA nachdenklich: Dort, „in einer großen Nation, die auf einem Genozid und auf Sklavenarbeit aufgebaut wurde", gab es erst 2015 ein Museum über die Sklaverei!
Auch die kurze und weiterhin witzige Inspektion finnischer Schulen mit extrem wenigen Schulstunden und keinen Hausaufgaben, oder die verblüffende Besichtigung norwegischer Mustergefängnisse lassen nachhaltig nachdenken. Wobei Moore bei seinem eigentlich nationalen US-Film immer wieder betont, dass etwa auch das Verbot unnötig grausamer Strafen eigentlich eine US-Erfindung sei. Man habe es nur vergessen, beziehungsweise auch die Gefängnisse dem Kapitalismus verkauft.
Wie immer sind Moores Argumente sehr pointiert und in ihrer Verkürzung leicht angreifbar. Die Ideen dahinter bleiben trotzdem eindrucksvoll. Mit weniger Filmzitaten oder Animationen als früher, ist er immer noch witzig. Auch den Wechsel zur Betroffenheit bekommt er sicher hin. Das ist lehrreich und macht viel Spaß. Dabei vergisst man glatt, dass man sich hier von einem der letzten linken Filmemacher überhaupt unterhalten lässt.
Die Lage ist verzweifelt: Seit Korea hat die USA keinen ihrer Kriege mehr gewinnen können. So rufen die Chefs von Army, Luftwaffe und Marine den bekannten Dokumentarfilmer und Regime-Kritiker Michael Moore zu Hilfe. Und der liefert: Eine Liste mit Ländern, die demnächst erobert werden sollen, samt der Sachen, die man in traditioneller Weise dort jeweils mitgehen lässt. Äußerst humorvoll hält Moore seiner „großen Nation" einen Spiegel vor und zeigt bei einer manchmal übereilten Weltreise, was in Sachen Arbeiter- und Bürgerrechte der Standard sein sollte. Ein auch für Deutschland lehrreicher Spaß, selbst wenn ein Bleistift-Hersteller hier als mustergültig durchgehen soll.
Wie immer beim großen Polit-Clown Michael Moore („Fahrenheit 9/11", „Bowling for Columbine", „Roger & Me") sind Idee und Lösung verblüffend einfach: Da reist er mit der us-amerikanischen Nationalflagge durch Europa, okkupiert mit flapsigem Pathos ganze Nationen und eignet sich für die USA Dinge wie bezahlten Urlaub, Arbeiternehmermitbestimmung, Sexualkunde-Unterricht, besseres Bildungs-, Gesundheits- und Strafsystem an. Und richtig komisch ist es zudem, wie Moore mit seinen naiven Fragen, den persönlichen Reaktionen und einer flotten Montage beispielsweise herausfindet, weshalb italienische Paare immer so aussähen, „als ob sie gerade Sex gehabt hätten". Es sind die für US-Amerikaner unglaubliche Anzahl von Urlaubstagen sowie die selbst von Deutschen kritisch beäugten langen Mittagspausen. Naheliegende Zweifel beantworten die Chefs einer Näherei für Armani und der von Ducati abschlägig: Die Angestellten seien glücklich, weniger krank und dadurch produktiver.
Auch Frankreich bleibt Michael Moore den Klischees treu: Im Land der Liebe besucht er den Sexualkunde-Unterricht und lässt alle mal herzlich über das us-konservative Konzept und Kontrazeptivum der Enthaltsamkeit lachen. Nein, das würden sie hier nicht lehren, die Zahlen schwangerer Teenager (sechs mal mehr in den USA als in der BRD) wären nicht überzeugend. Weiter in Deutschland will man sich zuerst über die typischen Nazi-Bilder beschweren, doch eine Hymne auf die Erinnerungskultur macht vor allem wieder im Vergleich zu den USA nachdenklich: Dort, „in einer großen Nation, die auf einem Genozid und auf Sklavenarbeit aufgebaut wurde", gab es erst 2015 ein Museum über die Sklaverei!
Auch die kurze und weiterhin witzige Inspektion finnischer Schulen mit extrem wenigen Schulstunden und keinen Hausaufgaben, oder die verblüffende Besichtigung norwegischer Mustergefängnisse lassen nachhaltig nachdenken. Wobei Moore bei seinem eigentlich nationalen US-Film immer wieder betont, dass etwa auch das Verbot unnötig grausamer Strafen eigentlich eine US-Erfindung sei. Man habe es nur vergessen, beziehungsweise auch die Gefängnisse dem Kapitalismus verkauft.
Wie immer sind Moores Argumente sehr pointiert und in ihrer Verkürzung leicht angreifbar. Die Ideen dahinter bleiben trotzdem eindrucksvoll. Mit weniger Filmzitaten oder Animationen als früher, ist er immer noch witzig. Auch den Wechsel zur Betroffenheit bekommt er sicher hin. Das ist lehrreich und macht viel Spaß. Dabei vergisst man glatt, dass man sich hier von einem der letzten linken Filmemacher überhaupt unterhalten lässt.
20.2.16
Berlinale 2016 Glück gehabt?
„Die Suche nach dem Glück" wurde als Motto der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlins ausgegeben. Bevor das Festival am Samstag mit der Verleihung der Goldenen und Silbernen Bären nach zehn Tagen zu Ende geht, ist der Anspruch bescheidener geworden: War die Suche nach guten Filmen glücklich? Tatsächlich dachte man mit fortgeschrittenem Verlauf des Wettbewerbs eher verzweifelt an Clint Eastwoods grimmigen Dirty Harry-Spruch mit Pistole an schwitziger Stirn „Ist heute dein Glückstag, Punk?"
Die Sache mit dem großen Glück, beziehungsweise „Die Suche nach dem Glück oder das Recht auf Glück" wie das Festival zurechtrückte, wurde schon zu Beginn von George Clooney geerdet. Eine der üblich bescheuerten Presse-Fragen zu seinem ganz persönlichen Engagement für Flüchtlinge gab er einfach zurück: Was täte denn die Journalistin ganz persönlich für Flüchtlinge? Spenden konnte jeder Festivalgast für ein Behandlungszentrum für Folteropfer, die Aufrufe dazu vor den Galavorstellungen klangen zum Schluss allerdings eher verzweifelt.
Man müsste vielleicht mal erklären, dass Kinofilm immer noch nicht mit Polaroid-Material gemacht wird, es liefert keine Instant-Lösung für aktuelle Probleme, selbst wenn der Kaffee-Kapsel-Mann der Menschenrechts-Anwältin Clooney mitspielt. Trotzdem blieb auch die 66. Berlinale ihrem Image treu: Cannes hat die besten Filme, Venedig hat Kanäle, Locarno Open Air und Berlin ist politisch. Mehr Regierungsvertreter gingen selten ins Kino: Der portugiesische Premierminister und der angolanische Staatschef schauten sich den poetischen „Cartas de guerra" zur gemeinsamen Kolonialvergangenheit an. Der Provinzchef von Sarajevo sah die blutarme Polit-Parabel „Smrt u Sarajevu" (Tod in Sarajevo) vom ehemaligen Festival-Sieger Danis Tanović. Der dänische Botschafter war dabei, als einer der hervorragenden Botschafter für den dänischen Film, Thomas Vinterberg in „Die Kommune" das freie WG-Leben der späten Sechziger als erschütternd verantwortungslos demaskierte. Und der Chef der US-Botschaft gleich neben der Festivalmeile gab bei „Zero Days" von Alex Gibney den offiziellen Buhmann: Die Dokumentation im Wettbewerb machte verständlich und ausführlich anhand des von NSA und Mossad produzierten Stuxnet-Virus klar, dass die Bedrohung durch Cyber-Krieg ebenso ernst zu nehmen sei, wie die durch Atomwaffen.
Ein anderer Gast aus den USA schmeichelte Europa: Michael Moore eroberte in seiner komischen und erschreckenden Dokumentation „Where to invade next" stellvertretend für das US-Militär (die hätten ja seit Korea nur noch Kriege verloren!) vor allem europäische Länder und entführte deren besten Eigenschaften. Aus Italien die vielen Urlaubstage, aus dem „Land der Liebe" Frankreich die Sexualerziehung und aus Deutschland Arbeitermitbestimmung und die Beschäftigung mit unserer Nazi-Vergangenheit.
Die Aussichten in dieser weiten Themen-Spanne von Vergangenheit bis Zukunft beim Wettbewerb sind für Kino-Gänger nicht berauschend: Zwar ist, wer unter mehr als 400 Filmen der Berlinale nichts Gutes findet, selbst schuld. Oder irgendwie dem seltsamen Irr-Glauben verpflichtet, im Wettbewerb würden die besten Filme laufen. Die Favoriten-Frage bringt einen Tag vor dem Ende zudem das bekannte Apfel und Birnen-Problem ans Licht. Oder: Kraut und Rüben. die Härtesten erholen sich noch vom philippinischen Acht Stunden-Opus „Hele Sa Hiwagang Hapis" des hochverehrten Langfilmers Lav Diazvom. Filme wie „Genius", der Biografie des Lektors von Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe, sind immer nur wegen der Stars dabei, diesmal waren Colin Firth, Jude Law, Laura Linney und Guy Pearce anwesend. Die Vergangenheit des analogen Filmmaterials tauchte noch einmal wie eine Meerjungfrau aus dem Märchen im chinesischen Beitrag „Chang Jiang Tu" auf, einem langen Bilderfluss entlang des Jangtse, der wohl nicht nur deshalb die schönsten Bilder im Wettbewerb zeigte. Ganz große Emotionen löste das extrem private und doch politische „Kleine Fernsehspiel" „24 Wochen" von Anne Zohra Berrached aus. Hauptdarstellerin Julia Jentsch könnte für ihre Rolle als Schwangere mit mehrfach behindertem Kind ihren zweiten Schauspiel-Bären erhalten.
Die noch nicht ausgeformte Zukunft des Filmvertriebs von Pay TV-Produzenten wie Netflix oder Amazon zeigte sich mit dem Festival-Hit „Chi-Raq" vom alten Aktivisten und Komödianten Spike Lee – leider außerhalb des Wettbewerbs. Wie auch Doris Dörries ausgeschlossene „Grüße aus Fukushima" mit der großartigen Rosalie Thomass („Taxi") Preise verdient hätten. Und dann die ganzen TV-Serien der Sektion „Berlinale Special Series"! Susanne Biers Geheimdienst-Geschichte „The Night Manager" etwa, von der zwei Folgen liefen. Das ist mittlerweile auch „besser" als vieles im Wettbewerb. Deshalb sollte man sich, egal wie Meryl Streep, Lars Eichinger und Kollegen die Festival-Preise verteilen, keinen Bären aufbinden lassen: Gute Filme gibt es reichlich, es stellt sich nur vermehrt die Frage, wo man suchen muss, und wem man die Suche nach dem filmischen Glück anvertraut.
Die Sache mit dem großen Glück, beziehungsweise „Die Suche nach dem Glück oder das Recht auf Glück" wie das Festival zurechtrückte, wurde schon zu Beginn von George Clooney geerdet. Eine der üblich bescheuerten Presse-Fragen zu seinem ganz persönlichen Engagement für Flüchtlinge gab er einfach zurück: Was täte denn die Journalistin ganz persönlich für Flüchtlinge? Spenden konnte jeder Festivalgast für ein Behandlungszentrum für Folteropfer, die Aufrufe dazu vor den Galavorstellungen klangen zum Schluss allerdings eher verzweifelt.
Man müsste vielleicht mal erklären, dass Kinofilm immer noch nicht mit Polaroid-Material gemacht wird, es liefert keine Instant-Lösung für aktuelle Probleme, selbst wenn der Kaffee-Kapsel-Mann der Menschenrechts-Anwältin Clooney mitspielt. Trotzdem blieb auch die 66. Berlinale ihrem Image treu: Cannes hat die besten Filme, Venedig hat Kanäle, Locarno Open Air und Berlin ist politisch. Mehr Regierungsvertreter gingen selten ins Kino: Der portugiesische Premierminister und der angolanische Staatschef schauten sich den poetischen „Cartas de guerra" zur gemeinsamen Kolonialvergangenheit an. Der Provinzchef von Sarajevo sah die blutarme Polit-Parabel „Smrt u Sarajevu" (Tod in Sarajevo) vom ehemaligen Festival-Sieger Danis Tanović. Der dänische Botschafter war dabei, als einer der hervorragenden Botschafter für den dänischen Film, Thomas Vinterberg in „Die Kommune" das freie WG-Leben der späten Sechziger als erschütternd verantwortungslos demaskierte. Und der Chef der US-Botschaft gleich neben der Festivalmeile gab bei „Zero Days" von Alex Gibney den offiziellen Buhmann: Die Dokumentation im Wettbewerb machte verständlich und ausführlich anhand des von NSA und Mossad produzierten Stuxnet-Virus klar, dass die Bedrohung durch Cyber-Krieg ebenso ernst zu nehmen sei, wie die durch Atomwaffen.
Ein anderer Gast aus den USA schmeichelte Europa: Michael Moore eroberte in seiner komischen und erschreckenden Dokumentation „Where to invade next" stellvertretend für das US-Militär (die hätten ja seit Korea nur noch Kriege verloren!) vor allem europäische Länder und entführte deren besten Eigenschaften. Aus Italien die vielen Urlaubstage, aus dem „Land der Liebe" Frankreich die Sexualerziehung und aus Deutschland Arbeitermitbestimmung und die Beschäftigung mit unserer Nazi-Vergangenheit.
Die Aussichten in dieser weiten Themen-Spanne von Vergangenheit bis Zukunft beim Wettbewerb sind für Kino-Gänger nicht berauschend: Zwar ist, wer unter mehr als 400 Filmen der Berlinale nichts Gutes findet, selbst schuld. Oder irgendwie dem seltsamen Irr-Glauben verpflichtet, im Wettbewerb würden die besten Filme laufen. Die Favoriten-Frage bringt einen Tag vor dem Ende zudem das bekannte Apfel und Birnen-Problem ans Licht. Oder: Kraut und Rüben. die Härtesten erholen sich noch vom philippinischen Acht Stunden-Opus „Hele Sa Hiwagang Hapis" des hochverehrten Langfilmers Lav Diazvom. Filme wie „Genius", der Biografie des Lektors von Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe, sind immer nur wegen der Stars dabei, diesmal waren Colin Firth, Jude Law, Laura Linney und Guy Pearce anwesend. Die Vergangenheit des analogen Filmmaterials tauchte noch einmal wie eine Meerjungfrau aus dem Märchen im chinesischen Beitrag „Chang Jiang Tu" auf, einem langen Bilderfluss entlang des Jangtse, der wohl nicht nur deshalb die schönsten Bilder im Wettbewerb zeigte. Ganz große Emotionen löste das extrem private und doch politische „Kleine Fernsehspiel" „24 Wochen" von Anne Zohra Berrached aus. Hauptdarstellerin Julia Jentsch könnte für ihre Rolle als Schwangere mit mehrfach behindertem Kind ihren zweiten Schauspiel-Bären erhalten.
Die noch nicht ausgeformte Zukunft des Filmvertriebs von Pay TV-Produzenten wie Netflix oder Amazon zeigte sich mit dem Festival-Hit „Chi-Raq" vom alten Aktivisten und Komödianten Spike Lee – leider außerhalb des Wettbewerbs. Wie auch Doris Dörries ausgeschlossene „Grüße aus Fukushima" mit der großartigen Rosalie Thomass („Taxi") Preise verdient hätten. Und dann die ganzen TV-Serien der Sektion „Berlinale Special Series"! Susanne Biers Geheimdienst-Geschichte „The Night Manager" etwa, von der zwei Folgen liefen. Das ist mittlerweile auch „besser" als vieles im Wettbewerb. Deshalb sollte man sich, egal wie Meryl Streep, Lars Eichinger und Kollegen die Festival-Preise verteilen, keinen Bären aufbinden lassen: Gute Filme gibt es reichlich, es stellt sich nur vermehrt die Frage, wo man suchen muss, und wem man die Suche nach dem filmischen Glück anvertraut.
19.2.16
Berlinale 2016 Mysteriöser Aachen-Tag
Ist es eine unbekannte Form von Heimweh oder einfach unheimlich: Dass in der etwas langen, aber sehr eindringlich gespielten Neuverfilmung von „Das Tagebuch der Anne Frank" Aachen auftaucht, war zu erwarten. Schließlich hatte die Familie Frank Verwandte in Aachen und – so sagt es der Vater im Film – ist deshalb in Amsterdam geblieben und nicht schon früh in die Schweiz geflohen. Doch dann in der Spätvorstellung nach einer Woche Festival dieser rätselhafte iranische Film „Ejhdeha Vared Mishavad!" (Ein Drache taucht auf) von Mani Haghighi. Drei junge Männer untersuchen 1964 einen gespenstigen Friedhof mit einem großen, alten Schiff eindrucksvoll mitten in der Wüstenlandschaft. Die Ereignisse mit Geheimdienst und blutigen Ritualen überschlagen sich und einer der Freunde, so wird in diesem komplett in Farsi gesprochenem Film erzählt, flieht nach ... Aachen! Damit ist der Film zumindest für einen Kritiker extrem rätselhaft und wirklich unheimlich. Ein Zufall? (Es gibt 149 Menschen mit Namen Haghighi in Deutschland.) Oder ein Zeichen, dass dieses Festival jetzt zu Ende gehen kann?
Drehbuch-Preis für Katinka Kulens-Feistl
Die aus Übach-Palenberg stammende Regisseurin Katinka Kulens-Feistl hat am Mittwoch in einer feierlichen Gala im Rahmen der Berlinale zum zweiten Male in ihrer Karriere den mit 20.000 Euro dotierten „Thomas Strittmatter Preis" für ihr Drehbuch „Irmas wildes Herz" erhalten. Das Coming-Of-Age-Roadmovie, das in Heidelberg und Irland spielt, erzählt von der scheuen Irma, die mit 62 Jahren mit dem raubeinigen, sexbesessenen LKW-Fahrer Dillon eine Fahrt nach Irland antritt, die mitten ins Herz ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit führt. Katinka Kulens-Feistl dreht seit ihrem Studium in Aachen und Berlin regelmäßig Fernsehfilme mit starken Frauenrollen („Siehst Du mich?", „Bin ich sexy?").
Auch ihr Engagement im Vorstand von „ProQuote Regie", der Gleichstellungsinitiative in der Film- und Fernsehbranche, zeigt Ergebnisse: Die ARD gab am Mittwoch bekannt, dass sie die Anzahl der Regisseurinnen deutlich erhöhen will. Wie es aktuell aussieht, belegt die Nominierung von Kulens-Feistl letztem Film „Nele in Berlin" für den Jupiter-Preis der Zeitschrift Cinema: Sie war die einzige Frau unter den über zehn nominierten Filmemachern! (ghj)
Auch ihr Engagement im Vorstand von „ProQuote Regie", der Gleichstellungsinitiative in der Film- und Fernsehbranche, zeigt Ergebnisse: Die ARD gab am Mittwoch bekannt, dass sie die Anzahl der Regisseurinnen deutlich erhöhen will. Wie es aktuell aussieht, belegt die Nominierung von Kulens-Feistl letztem Film „Nele in Berlin" für den Jupiter-Preis der Zeitschrift Cinema: Sie war die einzige Frau unter den über zehn nominierten Filmemachern! (ghj)
16.2.16
Berlinale 2016 Les premiers, les derniers (Panorama)
Max von Sydow singt! Im neuen Film des aus Kelmis stammenden Schaupielers und Regisseurs Bouli Lanners hat dieser seine persönlichen Filmhelden versammelt: Michael Lonsdale und Max von Sydow spielen in „Les premiers, les derniers" zwei kauzige alte Herren. Der Film sieht aus wie ein Western, spielt aber in eine post-industrielle Brache Nordfrankreich im Heute. Zwei hartgesottene Gangster (Lanners, Albert Dupontel) auf der Suche nach einem Handy, ein geistig behindertes Pärchen auf der Suche nach einer verlorenen Tochter und der übliche Abschaum mit vielen Knarren sowie Pferdestärken unter der Motorhaube. In dem apokalyptischen Szenario, das laut dem belgischen Filmemacher Bouli Lanners „Hoffnung machen soll", spielt der Bahnhof von Montzen eine Nebenrolle. Vor allem begeisterten beim Hit in der Panorama-Nebenschiene der trockene Humor auch von Lanners selbst und die tollen Szenerien, die anstelle vom Grand Canyon Eindruck machen. „Ein Western, für den ich nicht ins Flugzeug steigen musste." (Lanners)
15.2.16
Hail, Caesar!
USA, Großbritannien 2016 Regie: Joel Coen, Ethan Coen mit Josh Brolin, George Clooney, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson, Frances McDormand, Tilda Swinton, Channing Tatum, Christopher Lambert 106 Min.
Aber hallo! Die Komödie „Hail Caesar" ist eine wunderbare Sammlung filmischer Kabinettstückchen, eine Huldigung des nicht für alle Goldenen Zeitalter Hollywoods, etwas Skandalgeschichte der Traumfabrik und dann noch eine Glaubensfrage. Wieder einmal amüsieren Joel Coen und Ethan Coen sich und ihr Publikum. Oberclown Clooney ist auch mit dabei und zieht sich kein einziges Mal um!
George Clooney ist mit herrlich dämlichem Grinsen der Filmstar Baird Whitlock, gerade wieder mal auf Sandalen unterwegs, um einen Film dieser speziellen, in den 50er Jahren beliebten Sandalen-Gattung zu drehen. Doch am Set von „Tale of the Christ" schauen diesmal nicht die judäischen Verschwörer verschlagen aus der Umhang-Wäsche, es sind die Statisten an Leier und Kelch. Letzterer macht auch voll mit Schlafmittel voll mit und bald findet sich der Star – noch immer in römischer Rüstung mit unpraktischem Schwert – in den Händen kommunistischer Drehbuchautoren. Dies, in echt bald von McCarthy sogar bis in den Tod verfolgte Völkchen, wird von den Coens in ein Strandhaus nach Malibu versetzt und damit veralbert.
Denn obwohl hier die ungerechten Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln klar herausgestellt werden, nimmt „Hail, Caesar" die Haltung seines eigentlichen Helden, des Studio-Einpeitschers Eddie Mannix (Josh Brolin) ein. Für den, der in den wenigen Stunden des Films gleich mehrere komplexe Probleme jongliert, ist das Studio-System wie Religion. Dafür gibt es zwar nicht beste Haltungs-Noten, aber stilistisch bekommen die Coens wieder Bestmarken, wenn sie klassische Film-Genres dieser Zeit in herrlichen Szenen wiederauferstehen lassen. Das macht viel Spaß und nähert sich erst ganz am Ende, wenn Baird Whitlock ergriffen vor dem noch nicht Wiederauferstandenen steht, dem Transzendenten, das Coen-Filme auch immer gerne enthalten.
Der tief gläubige Produzent Mannix verhandelt nicht nur mit Vertretern der großen Kirchen über Details von „Tale of the Christ", er beichtet nicht nur täglich jede heimlich gerauchte Zigarette, er glaubt tatsächlich an das Studiosystem, in dem sich jeder der Fließband-Produktion stereotyper Genre-Filme unterzuordnen hat. Der größte Witz dabei ist letztlich, dass die Coens heutzutage als Autoren genau entgegengesetzt arbeiten können. Aber wir wollen nicht so genau sein und uns daran erfreuen, wie Tilda Swinton die Zwillings-Schwestern für Klatsch und Kultur spielen, die so miteinander verfeindet sind, wie sich nur E- und U-Presse hassen. Mannix macht es da wie die Coens: Er bedient einfach beide mit Leichtigkeit und Spaß.
Aber hallo! Die Komödie „Hail Caesar" ist eine wunderbare Sammlung filmischer Kabinettstückchen, eine Huldigung des nicht für alle Goldenen Zeitalter Hollywoods, etwas Skandalgeschichte der Traumfabrik und dann noch eine Glaubensfrage. Wieder einmal amüsieren Joel Coen und Ethan Coen sich und ihr Publikum. Oberclown Clooney ist auch mit dabei und zieht sich kein einziges Mal um!
George Clooney ist mit herrlich dämlichem Grinsen der Filmstar Baird Whitlock, gerade wieder mal auf Sandalen unterwegs, um einen Film dieser speziellen, in den 50er Jahren beliebten Sandalen-Gattung zu drehen. Doch am Set von „Tale of the Christ" schauen diesmal nicht die judäischen Verschwörer verschlagen aus der Umhang-Wäsche, es sind die Statisten an Leier und Kelch. Letzterer macht auch voll mit Schlafmittel voll mit und bald findet sich der Star – noch immer in römischer Rüstung mit unpraktischem Schwert – in den Händen kommunistischer Drehbuchautoren. Dies, in echt bald von McCarthy sogar bis in den Tod verfolgte Völkchen, wird von den Coens in ein Strandhaus nach Malibu versetzt und damit veralbert.
Denn obwohl hier die ungerechten Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln klar herausgestellt werden, nimmt „Hail, Caesar" die Haltung seines eigentlichen Helden, des Studio-Einpeitschers Eddie Mannix (Josh Brolin) ein. Für den, der in den wenigen Stunden des Films gleich mehrere komplexe Probleme jongliert, ist das Studio-System wie Religion. Dafür gibt es zwar nicht beste Haltungs-Noten, aber stilistisch bekommen die Coens wieder Bestmarken, wenn sie klassische Film-Genres dieser Zeit in herrlichen Szenen wiederauferstehen lassen. Das macht viel Spaß und nähert sich erst ganz am Ende, wenn Baird Whitlock ergriffen vor dem noch nicht Wiederauferstandenen steht, dem Transzendenten, das Coen-Filme auch immer gerne enthalten.
Der tief gläubige Produzent Mannix verhandelt nicht nur mit Vertretern der großen Kirchen über Details von „Tale of the Christ", er beichtet nicht nur täglich jede heimlich gerauchte Zigarette, er glaubt tatsächlich an das Studiosystem, in dem sich jeder der Fließband-Produktion stereotyper Genre-Filme unterzuordnen hat. Der größte Witz dabei ist letztlich, dass die Coens heutzutage als Autoren genau entgegengesetzt arbeiten können. Aber wir wollen nicht so genau sein und uns daran erfreuen, wie Tilda Swinton die Zwillings-Schwestern für Klatsch und Kultur spielen, die so miteinander verfeindet sind, wie sich nur E- und U-Presse hassen. Mannix macht es da wie die Coens: Er bedient einfach beide mit Leichtigkeit und Spaß.
Berlinale 2016 Jeder stirbt für sich allein (Wettbewerb) / NRW-Empfang
Berlin. Das ist er dann doch: Der im Berlinale-Wettbewerb „obligatorische wohlgemeinte Nazi-Film" (OWNF). Erst staunte man, dass „Das Tagebuch der Anne Frank" im Jugendprogramm „Generation 14plus" läuft. Aber die gute, alte Europudding-Produktion „Jeder stirbt für sich allein" (GB, FR, BRD) sorgt erwartungsgemäß für verdiente Buh-Rufe nach der Pressevorführung.
Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein" wurde von Primo Levi als „das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde", bezeichnet. Es erzählt, wie im Juni 1940 in Berlin Anna und Otto Quangel zu „Widerstands-Schreibern" werden, nachdem ihr Sohn als Soldat getötet wurde. Otto schreibt Postkarten mit Parolen gegen Hitler und legt sie überall im Stadtzentrum ab. Ein halbwegs rechtschaffener Polizist (Daniel Brühl) verfolgt sie, muss aber auf Druck der SS zu brutalen Maßnahmen greifen. Letztlich wird das Paar erwischt und erhängt.
Hans Fallada (1893–1947) schrieb den Roman im Herbst 1946 kurz vor seinem Tod und setzte damit dem realen Ehepaar Otto und Elise Hampel ein Denkmal. Die mittlerweile fünfte Verfilmung kommt nach internationalen Neuauflagen und einer neuen Begeisterung für das Buch mit internationalen Stars daher: Neben Brendan Gleeson beweist vor allem Emma Thompson in der Hauptrolle, dass man ihr alles abnimmt. Kulisse, Kostüme und Konzept hingegen nicht. In den wohlgemeinten Versuch, die Verantwortung des Einzelnen unter der Diktatur an Fallbeispielen zu differenzieren, laufen haufenweise abgegriffene Nazi-Klischees herum. Vom schmierigen Verräter über den verschwitzten, dicken Blockwart bis zu den strammen SS-Sadisten. Das ist mäßig spannende Unterhaltung mit etwas historischer Sättigungsbeilage. Alle Jahre wieder notwendige Vergangenheits-Bewältigung, die so nicht ausfallen darf. Wuchtiger, wichtiger und unerlässlich wird es in zwei Wochen der Cannes-Preisträger „Son of Saul" im Kino zeigen. Nicht dass man jetzt die Berlinale mit Cannes vergleichen könnte...
*****
„Jeder stirbt für sich allein" wurde im Mai 2015 für 15 Tage im Ruhrgebiet als auch in Köln und Remscheid gedreht und von der Filmstiftung NRW gefördert. Doch vom mageren Ergebnis ließ sich die Filmstiftung das Feiern nicht vermiesen und empfing auf der größten Party des Festivals Sonntag mehr als 1.000 internationale Gäste aus Film, Medien und Politik. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung, Petra Müller, freuten sich über 26 Filme bei der Berlinale 2016.
Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein" wurde von Primo Levi als „das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde", bezeichnet. Es erzählt, wie im Juni 1940 in Berlin Anna und Otto Quangel zu „Widerstands-Schreibern" werden, nachdem ihr Sohn als Soldat getötet wurde. Otto schreibt Postkarten mit Parolen gegen Hitler und legt sie überall im Stadtzentrum ab. Ein halbwegs rechtschaffener Polizist (Daniel Brühl) verfolgt sie, muss aber auf Druck der SS zu brutalen Maßnahmen greifen. Letztlich wird das Paar erwischt und erhängt.
Hans Fallada (1893–1947) schrieb den Roman im Herbst 1946 kurz vor seinem Tod und setzte damit dem realen Ehepaar Otto und Elise Hampel ein Denkmal. Die mittlerweile fünfte Verfilmung kommt nach internationalen Neuauflagen und einer neuen Begeisterung für das Buch mit internationalen Stars daher: Neben Brendan Gleeson beweist vor allem Emma Thompson in der Hauptrolle, dass man ihr alles abnimmt. Kulisse, Kostüme und Konzept hingegen nicht. In den wohlgemeinten Versuch, die Verantwortung des Einzelnen unter der Diktatur an Fallbeispielen zu differenzieren, laufen haufenweise abgegriffene Nazi-Klischees herum. Vom schmierigen Verräter über den verschwitzten, dicken Blockwart bis zu den strammen SS-Sadisten. Das ist mäßig spannende Unterhaltung mit etwas historischer Sättigungsbeilage. Alle Jahre wieder notwendige Vergangenheits-Bewältigung, die so nicht ausfallen darf. Wuchtiger, wichtiger und unerlässlich wird es in zwei Wochen der Cannes-Preisträger „Son of Saul" im Kino zeigen. Nicht dass man jetzt die Berlinale mit Cannes vergleichen könnte...
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„Jeder stirbt für sich allein" wurde im Mai 2015 für 15 Tage im Ruhrgebiet als auch in Köln und Remscheid gedreht und von der Filmstiftung NRW gefördert. Doch vom mageren Ergebnis ließ sich die Filmstiftung das Feiern nicht vermiesen und empfing auf der größten Party des Festivals Sonntag mehr als 1.000 internationale Gäste aus Film, Medien und Politik. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung, Petra Müller, freuten sich über 26 Filme bei der Berlinale 2016.
Midnight Special
USA 2016 Regie: Jeff Nichols mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Jaeden Lieberher, Sam Shepard 111 Min.
Der neue Film der Regie-Hoffnung Jeff Nichols („Take Shelter") mit den Stars Michael Shannon und Kirsten Dunst ist „E.T. 2.0" sowie religiöser Science Fiction für das Zeitalter der Totalüberwachung. Und vor allem hoch spannend! FBI, NSA, eine christliche Sekte und auch der eigene Vater Roy (Michael Shannon), der ihn einst zur Adoption freigab – alle wollen den achtjährigen Jungen Alton (Jaeden Lieberher). Kein Wunder, oder doch gerade eines, wenn man sieht, was Alton mit seinen Augen macht, wenn gleißendes Licht eine bessere Welt verkündet. Nebenbei lesen seine Gedanken noch extrem geheime Regierungs-Informationen aus verschlüsselter Satelliten-Kommunikation aus, wie in Trance spricht er spanische Radiosender mit, die gar nicht eingeschaltet sind. Und irgendwann auf der Flucht rast wie ein Meteoritenhagel ein aus der Bahn geratener Spionage-Satellit genau auf die Tankstelle nieder, an der Roy und Alton Pause machen.
Doch Alton ist keine Waffe, kein Messias, er will nur nach Hause, in ein zumindest architektonisch futuristisches Tomorrow-Land, das im Finale versprochen wird. Erst mysteriös, dann spannend, familien-mäßig rührend und schließlich reichlich Zukunfts-Kitsch. „Midnight Special" ist großartig, aber für alle, die im Hier und Jetzt zurückbleiben, letztlich enttäuschend.
Schon in „Take Shelter" – und auch mit einem eindrucksvollen Michael Shannon - beschwor Regisseur Jeff Nichols eine drohende Apokalypse herauf. Diesmal jedoch verrät er relativ schnell, wohin die Reise geht, sortiert die Figuren in gut und böse ein. Das nimmt der immer noch spannenden Handlung eine Dimension. Trotzdem bleibt des Können von Nichols eine sehr reizvolle Hoffnung für die Zukunft!
Der neue Film der Regie-Hoffnung Jeff Nichols („Take Shelter") mit den Stars Michael Shannon und Kirsten Dunst ist „E.T. 2.0" sowie religiöser Science Fiction für das Zeitalter der Totalüberwachung. Und vor allem hoch spannend! FBI, NSA, eine christliche Sekte und auch der eigene Vater Roy (Michael Shannon), der ihn einst zur Adoption freigab – alle wollen den achtjährigen Jungen Alton (Jaeden Lieberher). Kein Wunder, oder doch gerade eines, wenn man sieht, was Alton mit seinen Augen macht, wenn gleißendes Licht eine bessere Welt verkündet. Nebenbei lesen seine Gedanken noch extrem geheime Regierungs-Informationen aus verschlüsselter Satelliten-Kommunikation aus, wie in Trance spricht er spanische Radiosender mit, die gar nicht eingeschaltet sind. Und irgendwann auf der Flucht rast wie ein Meteoritenhagel ein aus der Bahn geratener Spionage-Satellit genau auf die Tankstelle nieder, an der Roy und Alton Pause machen.
Doch Alton ist keine Waffe, kein Messias, er will nur nach Hause, in ein zumindest architektonisch futuristisches Tomorrow-Land, das im Finale versprochen wird. Erst mysteriös, dann spannend, familien-mäßig rührend und schließlich reichlich Zukunfts-Kitsch. „Midnight Special" ist großartig, aber für alle, die im Hier und Jetzt zurückbleiben, letztlich enttäuschend.
Schon in „Take Shelter" – und auch mit einem eindrucksvollen Michael Shannon - beschwor Regisseur Jeff Nichols eine drohende Apokalypse herauf. Diesmal jedoch verrät er relativ schnell, wohin die Reise geht, sortiert die Figuren in gut und böse ein. Das nimmt der immer noch spannenden Handlung eine Dimension. Trotzdem bleibt des Können von Nichols eine sehr reizvolle Hoffnung für die Zukunft!
The Boy
USA 2016 Regie: William Brent Bell mit Lauren Cohan, Rupert Evans, James Russell 98 Min.
Da knirscht es mächtig im Gebälk dieser Horrorfilm-Konstruktion: „The Boy" versucht von der ersten Minute an mit einem dunklen, alten Haus unheimlich zu wirken. Und strapaziert dann die Glaubwürdigkeit, weil die amerikanische Nanny Greta (Lauren Cohan, „The Walking Dead") im verschrobenen England eine Puppe sitten soll.
Das ist zu Beginn extrem abstrus, aber zur Entschuldigung kann man sagen, dass Greta zuhause von ihrem brutalen Freund geschlagen wurde und dabei ein Kind verlor. Außerdem macht sie das seltsame Spiel für Geld mit. Als die seltsamen, alten „Eltern" der Puppe namens Brahms sich für eine längere Weile verabschieden, wird es richtig komisch. Nicht, weil im Gewitter ein Kind schreit, obwohl außer ihr niemand mehr im Haus ist. Greta akzeptiert plötzlich, dass die Puppe ein eigenes Leben hat, akzeptiert es sogar freudig. Und auch der Botenjunge Malcolm wird überzeugt. Da steht nur noch die Eifersucht von Brahms dem trauten Glück im Wege. Als Greta mit Malcolm ausgehen will, sperrt das Haus sie auf dem Dachboden ein.
Eine Bauchredner-Puppe führte gerade schon in „Gänsehaut" Kommando und „Chucky - Die Mörderpuppe" hat man ja auch über mehrere völlig abstruse Filme irgendwie hingenommen. Zwar sind Schockmomente und der Rest in „The Boy" nicht gerade subtil eingesetzt, doch bis zum ärgerlichen, an den Haaren herbeigezogenen Action-Finale war diese Kinderstunde noch ganz nett. Die Moral der Geschichte: Frauen, wehrt euch gegen gestörte Jungs, die nicht loslassen können ... und mit euch in solche Filme gehen wollen.
Da knirscht es mächtig im Gebälk dieser Horrorfilm-Konstruktion: „The Boy" versucht von der ersten Minute an mit einem dunklen, alten Haus unheimlich zu wirken. Und strapaziert dann die Glaubwürdigkeit, weil die amerikanische Nanny Greta (Lauren Cohan, „The Walking Dead") im verschrobenen England eine Puppe sitten soll.
Das ist zu Beginn extrem abstrus, aber zur Entschuldigung kann man sagen, dass Greta zuhause von ihrem brutalen Freund geschlagen wurde und dabei ein Kind verlor. Außerdem macht sie das seltsame Spiel für Geld mit. Als die seltsamen, alten „Eltern" der Puppe namens Brahms sich für eine längere Weile verabschieden, wird es richtig komisch. Nicht, weil im Gewitter ein Kind schreit, obwohl außer ihr niemand mehr im Haus ist. Greta akzeptiert plötzlich, dass die Puppe ein eigenes Leben hat, akzeptiert es sogar freudig. Und auch der Botenjunge Malcolm wird überzeugt. Da steht nur noch die Eifersucht von Brahms dem trauten Glück im Wege. Als Greta mit Malcolm ausgehen will, sperrt das Haus sie auf dem Dachboden ein.
Eine Bauchredner-Puppe führte gerade schon in „Gänsehaut" Kommando und „Chucky - Die Mörderpuppe" hat man ja auch über mehrere völlig abstruse Filme irgendwie hingenommen. Zwar sind Schockmomente und der Rest in „The Boy" nicht gerade subtil eingesetzt, doch bis zum ärgerlichen, an den Haaren herbeigezogenen Action-Finale war diese Kinderstunde noch ganz nett. Die Moral der Geschichte: Frauen, wehrt euch gegen gestörte Jungs, die nicht loslassen können ... und mit euch in solche Filme gehen wollen.
Die Hüterin der Wahrheit - Dinas Bestimmung
Dänemark, Norwegen, Tschechien, Island 2015 (Skammerens Datter) mit Rebecca Emilie Sattrup, Peter Plaugborg, Søren Malling, Maria Bonnevie 96 Min.
Die Märchen- und Mystery-Geschichte „Hüterin der Wahrheit" unterhält als Kinder- und Jugendfilm auf dem hohen Niveau der dänischen Film- und Schauspielkunst. Als Vorlage dient Lene Kaaberbøls sehr beliebter Roman „Die Hüterin der Wahrheit", aber vor allem ist das Drehbuch von Anders Thomas Jensen, der sich mit unter anderem „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit", „Adams Äpfel" oder „Dänische Delikatessen" als einer der besten Film-Autoren in unsere Zeit eingeschrieben hat.
Heldin der Mittelalter-Geschichte ist das Mädchen Dina (Rebecca Emilie Sattrup). Sie hat als „Beschämerin" die unheimliche Fähigkeit, dass Menschen unter ihrem Blick alles preisgeben, wovor sie sich schämen - quasi Selbsterkenntnis in Sekunden, filmisch mit tiefen Blicken in die Augen einfach aber reizvoll umgesetzt. Dinas glückliches Leben mit der ebenfalls hellseherischen Mutter Melussina (Maria Bonnevie aus „Zweite Chance") endet, als beide in die Fänge von Drakan (Peter Plaugborg) geraten, einem gnadenlosen, unrechtmäßigen Herrscher, der durch Drachenblut enorme Kräfte erhält. Drakan lässt fast das komplette Königshaus ermorden und legt dem friedlichen Thronerben Nicodemus (Jakob Oftebro) das blutige Messer in die Hand. Kurz bevor auch sie gemeuchelt werden, flieht Nico mit Dina...
„Die Hüterin der Wahrheit" ist mit Drachen und adligen Intrigen eine Art „Game of Thrones" für Kinder. Dabei wird eine erstaunliche Menge Menschenkenntnis kindgerecht vermittelt, wenn Dina aggressive Männer bloßstellt und ihnen zeigt, dass sie eigentlich sehr ängstlich sind und sich minderwertig fühlen. Auch wenn sich das sehr sorgfältig inszenierte Abenteuer im zweiten Teil routiniert und wenig überraschend auf die Restitution des gerechten Herrschers und die Befreiung von Dinas Mutter zubewegt, die besondere Gabe Dinas und dieses Films, die radikale Selbsterkenntnis, ersetzt oft übliche Action. Dinas Blick gemahnt die Menschen unausweichlich, nachzudenken und nachzufühlen, was wirklich richtig ist. So lässt sich selbst der Pöbel, der den Tod der „Hexe" Melussina fordert, zur Besinnung bringen. Da sollte es mehr von geben - von solchen menschlichen Spiegeln der Seele und von solchen guten, ungewöhnlichen Kinderfilmen. Eine Verfilmung der drei weiteren Bände der Saga ist allerdings noch nicht angekündigt.
Die Märchen- und Mystery-Geschichte „Hüterin der Wahrheit" unterhält als Kinder- und Jugendfilm auf dem hohen Niveau der dänischen Film- und Schauspielkunst. Als Vorlage dient Lene Kaaberbøls sehr beliebter Roman „Die Hüterin der Wahrheit", aber vor allem ist das Drehbuch von Anders Thomas Jensen, der sich mit unter anderem „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit", „Adams Äpfel" oder „Dänische Delikatessen" als einer der besten Film-Autoren in unsere Zeit eingeschrieben hat.
Heldin der Mittelalter-Geschichte ist das Mädchen Dina (Rebecca Emilie Sattrup). Sie hat als „Beschämerin" die unheimliche Fähigkeit, dass Menschen unter ihrem Blick alles preisgeben, wovor sie sich schämen - quasi Selbsterkenntnis in Sekunden, filmisch mit tiefen Blicken in die Augen einfach aber reizvoll umgesetzt. Dinas glückliches Leben mit der ebenfalls hellseherischen Mutter Melussina (Maria Bonnevie aus „Zweite Chance") endet, als beide in die Fänge von Drakan (Peter Plaugborg) geraten, einem gnadenlosen, unrechtmäßigen Herrscher, der durch Drachenblut enorme Kräfte erhält. Drakan lässt fast das komplette Königshaus ermorden und legt dem friedlichen Thronerben Nicodemus (Jakob Oftebro) das blutige Messer in die Hand. Kurz bevor auch sie gemeuchelt werden, flieht Nico mit Dina...
„Die Hüterin der Wahrheit" ist mit Drachen und adligen Intrigen eine Art „Game of Thrones" für Kinder. Dabei wird eine erstaunliche Menge Menschenkenntnis kindgerecht vermittelt, wenn Dina aggressive Männer bloßstellt und ihnen zeigt, dass sie eigentlich sehr ängstlich sind und sich minderwertig fühlen. Auch wenn sich das sehr sorgfältig inszenierte Abenteuer im zweiten Teil routiniert und wenig überraschend auf die Restitution des gerechten Herrschers und die Befreiung von Dinas Mutter zubewegt, die besondere Gabe Dinas und dieses Films, die radikale Selbsterkenntnis, ersetzt oft übliche Action. Dinas Blick gemahnt die Menschen unausweichlich, nachzudenken und nachzufühlen, was wirklich richtig ist. So lässt sich selbst der Pöbel, der den Tod der „Hexe" Melussina fordert, zur Besinnung bringen. Da sollte es mehr von geben - von solchen menschlichen Spiegeln der Seele und von solchen guten, ungewöhnlichen Kinderfilmen. Eine Verfilmung der drei weiteren Bände der Saga ist allerdings noch nicht angekündigt.
Erschütternde Wahrheit
USA, Großbritannien, Australien 2015 (Concussion) Regie: Peter Landesman mit Will Smith, Alec Baldwin, Albert Brooks, Gugu Mbatha-Raw, David Morse 123 Min. FSK: ab 12
Leider erst ein paar Tage nach dem US-Event namens Super Bowl kommt eine wahre Geschichte zum Football ins Kino: In der Stahlarbeiter-Stadt Pittsburgh, auch gesegnet und steuerlich belastet mit einem öffentlich co-finanzierten „Profi-Team", stirbt ein Sport-Held der Stadt, den man vor die Hunde gehen ließ, elend in der Obdachlosigkeit. Nur eine Rand-Notiz, käme der Leichnam nicht in die Hände des außergewöhnlichen Pathologen Dr. Bennet Omalu (Will Smith). Der ist nicht nur im Gerichtssaal ein kurioser, aber genialer Fall, auch bei der Leichenbeschau räumen die Assistenten alles andere Geschirr weg, denn Dr. Bennet arbeitet anders. Er sieht die Toten als seine Patienten, behandelt sie mit Respekt und redet sogar mit ihnen: „Verrate mir dein Geheimnis..."
Das offene Geheimnis dieses und vieler anderer Football-Spieler ist, dass die heftigen Stöße in Wettkampf und Training ihre Gehirne enorm beschädigt haben. Beschleunigungen vom hundertfachen der Erdbeschleunigung sind auf dem Football-Feld nichts ungewöhnliches, schon beim 60-fachen wird das Gehirn geschädigt. 70.000 von diesen Schlägen steckt ein Spieler in seiner Karriere weg, schon Kinder werden so gedrillt. Einmal auf diese Spur gebracht, finanziert der Immigrant Dr. Omalu selbst weitere Untersuchungen bei Profis, deren Kopf sie in den Wahnsinn oder den Selbstmord trieb. Das Ergebnis wird von der Liga so brutal bekämpft, wie ihr Sport ist.
Alec Baldwin schlägt sich als sehr reicher Sportarzt Dr. Julian Bailes hilfreich auf die Seite von Dr. Omalu. Bailes ist ein Arzt, der „seine Jungs" früher fit gespritzt und mit Medikamenten vollgepumpte hat. Trotzdem muss ausgerechnet dieser Paulus eine Fan-Rede für „das Spiel" (hier irgendeine aktuell populäre passive betriebene Sportart einsetzen) halten – dies ist immer noch ein Hollywood-Film und Los Angeles bemüht sich gerade wieder, ein bis zwei Profi-Teams mit Millionen-Geschenken anzulocken.
Furchtbare Aufnahmen aus Sportsendungen, in denen minderbemittelte Reporter viel Spaß an den Verletzungen haben, schildern so deutlich, was hier passiert, dass sogar der Sound dazu richtig weh tut. Die Gesundheits-Diskussion, die immer noch im Boxen und neuerdings wegen der Kopfbälle auch beim Fußball geführt wird, ist die erste Ebene.
Vor allem geht es um die sozioökonomische Macht der Sport-Verbände: Die Städte schmeißen den Fußballern Amerikas Millionen an öffentlichem Geld hinterher, das sie bei den Sozialausgaben einsparen. Dies sei wie die Kirche früher, meint Omalus unerschrockener Chef, „denen gehört die Stadt"! Solche ironischen Kommentare geben der Geschichte eine kritische Würze.
Will Smith spielt den engagierten und kämpferischen Pathologen sicher und trotzdem ungewohnt, weil er als nigerianischer Einwanderer Englisch mit starkem Dialekt spricht. Trotzdem ist das sehr energische Plädoyer des ansonsten so zurückhaltenden und sachlichen Arztes eine große Nummer des Schauspiel-Stars. Geschickt wird dem Wissenschaftler durch eine kenianische Untermieterin etwas Romantik an die Seite gestellt.
Beide Immigranten leiden unter einem Rassismus, der sie noch geringer als Afro-Amerikaner ansieht. Dr. Omaluk kämpft auch darum, als Amerikaner anerkannt zu werden. Was im nachdenklichen Happy End nur nachgereicht werden kann, denn der wahre Omalu wurde erst im Februar 2015 US-Bürger und lehnte allerdings vorher auch einen Job in Washington als oberster Leichenbeschauer des Landes ab.
Leider erst ein paar Tage nach dem US-Event namens Super Bowl kommt eine wahre Geschichte zum Football ins Kino: In der Stahlarbeiter-Stadt Pittsburgh, auch gesegnet und steuerlich belastet mit einem öffentlich co-finanzierten „Profi-Team", stirbt ein Sport-Held der Stadt, den man vor die Hunde gehen ließ, elend in der Obdachlosigkeit. Nur eine Rand-Notiz, käme der Leichnam nicht in die Hände des außergewöhnlichen Pathologen Dr. Bennet Omalu (Will Smith). Der ist nicht nur im Gerichtssaal ein kurioser, aber genialer Fall, auch bei der Leichenbeschau räumen die Assistenten alles andere Geschirr weg, denn Dr. Bennet arbeitet anders. Er sieht die Toten als seine Patienten, behandelt sie mit Respekt und redet sogar mit ihnen: „Verrate mir dein Geheimnis..."
Das offene Geheimnis dieses und vieler anderer Football-Spieler ist, dass die heftigen Stöße in Wettkampf und Training ihre Gehirne enorm beschädigt haben. Beschleunigungen vom hundertfachen der Erdbeschleunigung sind auf dem Football-Feld nichts ungewöhnliches, schon beim 60-fachen wird das Gehirn geschädigt. 70.000 von diesen Schlägen steckt ein Spieler in seiner Karriere weg, schon Kinder werden so gedrillt. Einmal auf diese Spur gebracht, finanziert der Immigrant Dr. Omalu selbst weitere Untersuchungen bei Profis, deren Kopf sie in den Wahnsinn oder den Selbstmord trieb. Das Ergebnis wird von der Liga so brutal bekämpft, wie ihr Sport ist.
Alec Baldwin schlägt sich als sehr reicher Sportarzt Dr. Julian Bailes hilfreich auf die Seite von Dr. Omalu. Bailes ist ein Arzt, der „seine Jungs" früher fit gespritzt und mit Medikamenten vollgepumpte hat. Trotzdem muss ausgerechnet dieser Paulus eine Fan-Rede für „das Spiel" (hier irgendeine aktuell populäre passive betriebene Sportart einsetzen) halten – dies ist immer noch ein Hollywood-Film und Los Angeles bemüht sich gerade wieder, ein bis zwei Profi-Teams mit Millionen-Geschenken anzulocken.
Furchtbare Aufnahmen aus Sportsendungen, in denen minderbemittelte Reporter viel Spaß an den Verletzungen haben, schildern so deutlich, was hier passiert, dass sogar der Sound dazu richtig weh tut. Die Gesundheits-Diskussion, die immer noch im Boxen und neuerdings wegen der Kopfbälle auch beim Fußball geführt wird, ist die erste Ebene.
Vor allem geht es um die sozioökonomische Macht der Sport-Verbände: Die Städte schmeißen den Fußballern Amerikas Millionen an öffentlichem Geld hinterher, das sie bei den Sozialausgaben einsparen. Dies sei wie die Kirche früher, meint Omalus unerschrockener Chef, „denen gehört die Stadt"! Solche ironischen Kommentare geben der Geschichte eine kritische Würze.
Will Smith spielt den engagierten und kämpferischen Pathologen sicher und trotzdem ungewohnt, weil er als nigerianischer Einwanderer Englisch mit starkem Dialekt spricht. Trotzdem ist das sehr energische Plädoyer des ansonsten so zurückhaltenden und sachlichen Arztes eine große Nummer des Schauspiel-Stars. Geschickt wird dem Wissenschaftler durch eine kenianische Untermieterin etwas Romantik an die Seite gestellt.
Beide Immigranten leiden unter einem Rassismus, der sie noch geringer als Afro-Amerikaner ansieht. Dr. Omaluk kämpft auch darum, als Amerikaner anerkannt zu werden. Was im nachdenklichen Happy End nur nachgereicht werden kann, denn der wahre Omalu wurde erst im Februar 2015 US-Bürger und lehnte allerdings vorher auch einen Job in Washington als oberster Leichenbeschauer des Landes ab.
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