11.3.13

Rubinrot

BRD 2012 Regie: Felix Fuchssteiner mit Maria Ehrich, Jannis Niewöhner, Veronica Ferres, Uwe Kockisch, Katharina Thalbach 122 Min. FSK ab 12

Kerstin Giers „Edelsteintrilogie" musste zwangsläufig im Kino landen. Doch weniger an die titelgebenden Edelsteine als an eine Kiesgrube denkt man beim Ergebnis, bei diesem übervollen Durcheinander aus Fantasy-Elementen und vor allem einem Aschenputtel-Kitsch aus Groschenromanen. Die 16-jährige Gwendolyn (Maria Ehrich) wird von ihrer reichen Cousine gemobbt. Zu unkonventionell ist die mit Punk-Accessoires dekorierte Schülerin eines Londoner Internats. Ihre unabhängige Haltung wird auf die Probe gestellt, als Mitglieder einer düsteren Loge in Gwendolyn den Rubin genannten, letzten Baustein einer zu Zeitreisen veranlagten Gruppe von zwölf Menschen erkennt. Nun soll das eigenwillige Mädchen, das in aufgepimpten Turnschuhen im London des letzten Jahrhunderts landet, mit snobistischen Verwandten und dem arroganten Aristokraten-Sprössling Gideon de Villiers (Jannis Niewöhner) zusammenarbeiten. Die Momente, in denen Gwendolyn plötzlich und immer mit Schwung durch Zeit und Raum in die Vergangenheit gezogen wird, weichen kontrollierten Zeitreisen vermittels einer durch Blut angetriebenen Maschine.

Bemüht inszeniert macht der Film aus dem eigentlich klaren Plot ein wirres und über zwei Stunden langweilendes Durcheinander. „Rubinrot" springt im Minutentakt zwischen Genres hin und her - für das Gelingen viel gefährlicher als die Zeitsprünge! Dabei befindet sich die Zeitmaschine übrigens circa 20 Meter von der Pforte des Aachener Doms entfernt - was mit roter Telefonzelle und Briefkasten als London verkauft wird. Zwar gestaltet die Deko diesen Hof den verschiedenen Epochen gemäß, doch auch im Setting springt der Film vom Glitter Londons zu günstigeren und wenig eindrucksvollen Kulissen in Deutschland. Der Schieflage schließt sich der zwischen Einzelszenen nicht austarierte Ton an, vor allem Veronika Ferres liefert ganz schnell eine schrille Kostprobe ihres Könnens. Das Arsenal der Darsteller spannt sich von ehemaligen Fassbinder-Recken wie Gottfried John über Frau Ferres, der Diva des Unfähigen, bis zu schlimmen TV-Schargen, die mit entsprechenden Dialogen gefüttert wurden. So entsteht eine peinliche Art Pilcher für Jugendliche, wobei die Helden auch noch gegen eine böse Weltherrschaft kämpfen müssen.

Positiv fällt allein Maria Ehrich mit eher zurückhaltendem Spiel in der Hauptrolle als Gwendolyn auf. Die höchstens in ihrer schlechten Qualität einheitlichen Elemente tun der Unterhaltung nicht gut. Langwierig und -weilig schleppt sich die Handlung zu einem finalen Schulball und den unerlässlichen Cliffhanger hin. Es wird auf jeden Fall weitergehen, vielleicht mit ausgewechseltem Team und in besserer Qualität.

Sofia‘s Last Ambulance

Bulgarien, BRD, Kroatien 2012 (Poslednata lineika na Sofia) Regie: Ilian Metev 75 Min.

Rettungsfahrer Plamen rast durch Sofia, sodass die Krankenschwester Mila sich angsterfüllt irgendwo im Cockpit festklammert. Nur der grauhaarige Rettungsarzt Krassi bleibt immer ruhig. Es geht zu Unfallopfern, Drogensüchtigen, Zusammenbrüchen und auch zu Leichen. Denn dieser Rettungswagen ist einer der nur 13 Ambulanzen, die in der bulgarischen Hauptstadt Sofia für zwei Millionen Menschen unterwegs ist und da scheint es normal zu sein, dass auf der Warteliste fast 20 dringende Notfälle abzuarbeiten sind. Obwohl sich Ilian Metev in seinem Dokumentarfilm konsequent auf seine drei Protagonisten konzentriert, entwickelt sich bei diesem Einblick langsam die Außenperspektive einer haarsträubenden Gesundheitssituation mit.

Anders als bei der Flut von sogenannten Reality-Formaten und Scripted Reality im Privaten Fernsehen, kommt die konzentrierte Beobachtung ihren Figuren ohne abgefragte Seelenbekenntnisse nahe. Nicht weil die Kameras erstaunlich dicht dran sind und die Erschöpfung von zu vielen Überstunden festhalten. Oder die Anspannung von Mila, wenn für ihren Geschmack wieder zu schnell zum Einsatzort gerast wird und sie die Jungfrau Liliana anfleht. Einnehmend ist auch der Rhythmus von ruhigen Gesprächen und Zigarettenpausen, die mit den Amaturenbrett-Kameras aufgenommen werden, sowie hektischen Einsatz-Szenen, bei denen eine Handkameras dabei ist. Das wird dann auch mal spannend, immerhin geht es um Leben und Tod.

Die drei vom Rettungswagen zeigen sich gut gelaunt und engagiert, selbst wenn sie ohne Einsatz wieder zurückfahren, weil sie die eigene Notrufzentrale nicht erreichen und in einer Warteschleife hängen. Zwischendurch pflücken sie sich frisches Obst von einem Baum und schauen erschreckt wegen der ernsten Warnung: „Und passt auf, dass ihr nicht verprügelt werdet."

Ilian Metevs Langfilm-Debüt, das bei seiner Premiere in Cannes mit dem Visionary Award der Semaine de la Critique ausgezeichnet wurde, behält konsequent seinen Blick auf die drei Protagonisten bei. Wir sehen kaum jemand anderen, ganz selten mal die Sicht des Fahrers. Wir blicken im Prinzip in eine Blase, was nur kurzzeitig irritiert, weil sich diese Innenperspektive als sehr fesselnd erweist. Der Reiz dieser außergewöhnlichen, „puren" Dokumentation liegt auch in ihrer nüchternen Betrachtung, in ihrer stilistischen Reinheit.

6.3.13

Take this Waltz

Kanada/Spanien/Japan, 2011 (Take This Waltz) Regie: Sarah Polley mit Michelle Williams, Seth Rogen, Luke Kirby, Sarah Silverman 116 Min.

Die Menschheit ist endlich von der ewig quälenden Frage „Soll ich mir einen Film mit Michelle Williams oder einen von Sarah Polley ansehen?" erlöst! Denn „Take this Waltz" ist einer von der jungen, in jedem Film noch mehr mit ihren Fähigkeiten erstaunenden Schauspielerin und Regisseurin Sarah Polley. Und einer mit der unglaublichen Michelle Williams („My Week With Marilyn", „Blue Valentine", „Synecdoche, New York", „Wendy and Lucy"): Niemand kann so wunderbar gleichzeitig lachen und weinen. Was auch auf den Film passt, der gleichzeitig eine der schönsten Liebesgeschichten überhaupt und dann auch in voll romantischer Fahrt richtig bitterhart ist. Denn die so betörend Verliebte muss sich schließlich von der rückfälligen Alkoholikerin sagen lassen: Mädel, das ist auch nur eine Droge.

Witzig ist Margot, die junge Frau mit ihrer Vorliebe für orange Dinge. Bei der Besichtigung eines historischen Örtchens, wo in einer Kostüm-Aufführung Ehebrecher noch ausgepeitscht werden, wenn sie sich am Flughafen im Rollstuhl fahren lässt, weil sie panische Angst vor Übergangs-Situationen hat, und in ihrer Ehe mit dem Koch Lou (Seth Rogen), wenn Liebesbekundungen einen heftigen Splatter-Touch haben. Das Leben im Häuschen bei Toronto wäre ein Traum, gäbe es nicht hier und da Widerhaken, beim Sex etwa, der nicht mehr so richtig will. Dagegen muss Daniel (Luke Kirby), die Zufallsbekanntschaft aus dem Flieger, ausgerechnet gegenüber wohnen und geht auch sonst nicht mehr aus Margots Kopf. Daniels muskulöser Körper pulst vor ihr - als der Rikscha-Fahrer Margot und Lou zum Essen aus Anlass ihres Hochzeitstages fährt! Und die Zerrissenheit wird immer schlimmer, bis Daniel wegzieht....

Sarah Polley zaubert eine wunderbare Romanze auf die Leinwand, die voller Bild- und Szenen-Perlen ist. Jede allein erzählt eine perfekte Geschichte. Da gleitet die Kamera zum titelgebenden Walzer um ein neues Paar, der Cohen-Titelsong mit Sanges-Duett reicht, um Liebe von der ersten Leidenschaft im freien Raum bis zur voll eingerichteten Beziehung vor dem Fernseher auszumessen. Oder wenn Lou zu einem Feist-Cover von Cohens „Closing Time" den Nebenbuhler, von dem er nichts weiß, zur Party in der entscheidenden Nacht seines Lebens einlädt. Dass die Namen Margot, Lou und Daniel auch französisch sein könnten, liegt nicht nur daran, dass wir kulturell auf kanadischem Hoheitsgebiet sind (Polley, Leonard Cohen ...). Auch im Kino im Film läuft Französisches, die Dialoge sind un-amerikanisch sorgfältig und einzelne Szenen haben die Liebes- und Leidenskraft von Werken wie „Jules & Jim".

Die unfassbar gute Regisseurin und Autorin verführt mit warmen Bildern, mit Liebesszenen am Strand und unter Wasser nicht zu einem romantischen Märchen, denn bei aller Schönheit sieht man immer schon die Ahnung eines heftigen Meteoriten-Einschlages aus dem Sternensystem namens Realität. Polley findet scheinbar einfache und berauschende Szenen für Gefühle und Lebenssituationen. Sie schildert Räusche und Ängste, die man sich so witzig und leicht schräg nie hätte ausmalen können. Und doch findet man sich darin wieder, wenn der Glücks-Schwindel in dem altmodischen Karussell zu „Video killed the Radio Star" in voller Fahrt stoppt. Das ist romantisch und bitter, traurig und schön.

Nach dem Alzheimer-Drama „An ihrer Seite" erweist sich Polley mit dieser bei aller Verzauberung außergewöhnlich realistischer Romanze in konsequenter und verträumter Farbdramaturgie erneut als großartige Regisseurin. Ihr vorletzter, formal gewagterer Film „Stories We Tell" über ihre eigene oder fantasierte Familie soll später ins Kino kommen. Komiker Seth Rogen zeigt sich dabei als ernsthafter Charakterdarsteller und die geniale Komikerin Sarah Silverman trumpft als Alkoholikerin mit echtem Drama auf. Über Michelle Williams könnte man noch weiter schwärmen oder einfach staunend zusehen, wobei dieser Film bei ihrem Doppelstart in dieser Kinowoche die einzige Wahl ist, sich wirklich verzaubern zu lassen.

Shootout - Keine Gnade

USA 2012 (Bullet To The Head) Regie: Walter Hill mit Sylvester Stallone, Sung Kang, Sarah Shahi, Adewale Akinnuoye-Agbaje 92 Min. FSK ab 16

Alteisen steht hoch im Kurs - doch manchmal ist es nur rostig: „Shootout - Keine Gnade" ist ein Buddy Movie vom alten Eisen ... mit mächtig viel davon: Der 71-jährige Regisseur Walter Hill hat das Genre mit „Nur 48 Stunden" quasi neu erfunden, der 76-jährige Sylvester Stallone hat jahrzehntelang ... nun ja, Sylvester Stallone gemacht. Nun ist er der alte Killer James Bonomo, der seinen Partner rächen will und dabei mit dem jungen Polizisten Taylor Kwan (Sung Kang) zusammenarbeitet. Ihr Gegner ist einer, der für einen Briefumschlag schon mal zwanzig Leute umlegt.

Es sind diesmal also der ehrliche Cop und der noch halbwegs integere Killer, die gegen eine Bande korrupter Polizisten und Politiker, sowie gegen alle Wahrscheinlichkeit im gleichen Boot beziehungsweise Straßenkreuzer sitzen. Drumherum New Orleans-Deko, viel toughe Sprüche über den harten Job aus dem Off und auch der laut scheppernde Rock klang so schon in der Steinzeit.

Beide einfach strukturierten Figuren, basierend auf der Graphic Novel „Du plomb dans la tête" von Matz bleiben uninteressant, da kann man noch so viele Gitarren-Riffs unter den wackeligen Gang des Action-Rentners legen. Witzig soll es sein, wenn der Altmodische mit dem Smartphone-Benutzer, der Ortsansässige mit dem Besucher immer wieder streitet und Recht behält. Auch mit der Lebenseinstellung, anderen erst in den Kopf zu schießen und dann vielleicht der Polizei zu übergeben. Diese Dialoge haben die Spritzigkeit einer Dampfmaschine, was nicht nur daran liegt, dass Stallone kaum verständlich in seine reduzierte Mimik reinnuschelt. Wer aus Verehrung für den Altmeister Walter Hill über diesen Film nachdenkt, sollte auf das gute Alte vertrauen und Hills Klassiker des rauen Action-Kinos wie „Straßen in Flammen" aus dem Jahr 1983 rauskramen.

4.3.13

Nachtzug nach Lissabon

BRD, Schweiz, Portugal 2012 (Night Train To Lisbon) Regie: Bille August mit Jeremy Irons (Raimund Gregorius), Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, Tom Courtenay, August Diehl, Bruno Ganz 111 Min. FSK ab 12

Der Roman „Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier scheint ja weltweit viele Leser begeistert zu haben. Bestseller ist er sowieso. Wie jedes Buch, das verfilmt wird; und wenn man die Zahlen all der vielen Bestseller mal hochrechnet, liest die gesamte Menschheit eigentlich nur noch. Ins Kino gehen braucht sie nicht, zumindest nicht in diesen unsäglichen Film.

Das Werk des Schweizer Philosophieprofessors Mercier wurde für diesen Film stark verändert, man kürzte dabei vor allem die pseudo-philosophischen Traktate ein. Das wäre ok, jede Literaturverfilmung sollte es anders als das Buch machen, Diskussionen über Regie-Film wie beim Regie-Theater erweisen sich schon in der Wortbildung als Unsinn. Furchtbar scheitert der „Nachtzug" jedoch, weil er durchgehend damit beschäftigt ist, seine Schau-Werte auszustellen. Das sind Postkarten aus Lissabon sowie Jeremy Irons, Martina Gedeck, August Diehl, Bruno Ganz und Lena Olin. Zudem in zweiter Reihe, quasi als Geisterbahn Christopher Lee, Charlotte Rampling und Burghart Klaußner. Geschichte erzählt sich zwischen diesen Nah- und Straßenaufnahmen nur bedingt. Historie in den Rückblenden nur auf übelst verkürzte Weise.

Um die fast zweistündige Qual wieder - ganz unliterarisch - zu vertexten: Der Berner Lehrer Raimund Gregorius (Jeremy Irons), rettet auf einer Brücke eine lebensmüde junge Portugiesin. Später bleibt ihm ihre Jacke mit einem alten Buch des portugiesischen Arztes Amadeu de Prado darin. Nun verfolgt Gregorius dessen Geschichte, indem er sich in den nächsten Nachtzug nach Lissabon setzt und dort angekommen, die Figuren der Erzählung aufsucht. Es ist ein Drama vom Ende der Diktatur, eine Liebesgeschichte unter den Widerstandskämpfern und eines gebrochenen Herzens.

Der dänische Regisseur Bille August kann weder für das Jetzt noch für die Vergangenheit interessieren. In Postkarten-Panoramen spielt Jeremy Irons einen verwirrten Jeremy Irons, dem erst seine alte Brille kaputt gehen muss, damit er besser sieht ... dass dies ein ziemlich plumpes Symbol ist. Martina Gedeck stellt als Optikerin schicke Kleider aus und kann ein glänzendes Auto zum Design und einen gefolterten Onkel zur Vergangenheitsbewältigung hinzufügen. Diese Aufarbeitung und Nacherzählung bleibt in vereinzelten Fragmenten Stückwerk wie ein Kurzfilm, wobei die Darsteller hier wenigstens mehr Raum zum Agieren haben. August Diehl als verlassener Revoluzzer Jorge hat noch eine der nicht ganz undankbaren Rollen. Wenn dann sein älteres alter Ego Bruno Ganz seinen Senf dazu gibt, will man jedoch wieder umgehend den nächsten Zug irgendwohin nehmen...

Dass August Diehl, eine der anderen Inseln anständigen Schauspiels in diesem Umfeld bemüht in die Kamera gehaltener Gesichter, völlig ohne Anknüpfungspunkte den jungen Ganz - oder Ganz den alten Diehl - spielen muss, verstärkt das Fremdschemen rund um diese Figur.

Eigentlich ist an diesem Film alles unsäglich, von dem Zurschaustellen der Poster-Stars bis zu blödsinnigen Details solcher Produkte für den Weltmarkt. Wieso beispielsweise spricht Diehl schlechtes Englisch? Als Portugiese kann seine Figur wohl recht gut Portugiesisch sprechen, oder Englisch, wenn das die Sprache des Films sein soll. Aber Englisch mit irgendeinem komischen Film-Akzent ist so bescheuert wie die meisten Entscheidungen in diesem Hochglanz-Machwerk, angefangen von den Reduzierungen des Stoffes auf eine Oberstufen-Zusammenfassung bis zum Verbrechen, talentierte Künstler vorzuführen, statt sie spielen zu lassen.

No!

Chile, Frankreich, USA 2012 (NO) Regie: Pablo Larraín mit Gael Garcia Bernal, Alfredo Castro, Luis Gnecco. Antonia Zegers 118 Min.

Die Machtverhältnisse sind zementiert, Demokratie läuft nur als Image-Kampagne und doch schafft es ein klares „Nein!", dass die Mehrheit wieder zu ihrem Recht kommt. „No!" mit dem mexikanischen Superstar Gael Garcia Bernal ist ein packendes Lehrstück in Sachen Demokratie, ein spannender Politthriller und die bewegende persönliche Entwicklungsgeschichte eines jungen Vaters.

Auf internationalen Druck lässt der chilenische Diktator Pinochet 1988 ein Referendum über die Fortführung seiner Präsidentschaft zu: Das SI bestätigt ihn weitere acht Jahre im Amt, das schon so negativ klingende NO öffnet den Weg zu freien Wahlen. Pinochet kontrolliert Staat und Medien mit eiserner Hand, so gibt sich selbst die zerstrittene Linke bei 15 Minuten TV-Sendezeit zu nächtlicher Stunde kaum eine Chance. Bis der brillante Werbefachmann René Saavedra (Gael Garcia Bernal) die weinerliche Kampagne umkrempelt. Er weiß, wie man Softdrinks poppig verkauft, also kann er auch das „No!" positiv besetzen und populär machen. Doch weiß der zurückgekehrte Exil-Chilene auch, wofür er kämpft?

René Saavedra ist mit Lederjacke und Jeans der rebellische Typ - im Besprechungszimmer der erfolgreichen Groß-Agentur. Draußen, im richtigen Leben, fährt er zwar mit dem Skateboard durch die Straßen, gehört aber ansonsten zu den Wohlhabenden auf der sicheren Seite, zu den Gewinnern des Unrechts, das wirtschaftlichen Erfolg mit Terror und Tod erkauft. Ganz im Gegensatz zu seiner ehemaligen Frau, der Mutter seines Sohnes. Verónica (Antonia Zegers) muss er - auch mit Hilfe der Beziehungen seines Chefs zum Regime - öfters aus den Fängen von Polizei und Sicherheitsdiensten befreien, gerade rechtzeitig bevor die Folterer und Mörder mit ihrer Arbeit beginnen. Doch auch Saavedra spürt den Druck des Regimes als seine Kampagne gegen alle Erwartungen erfolgreich ist: Von Drohungen seines Chefs, der auch noch die Gegenkampagne leitet, über Beobachtung der Mitarbeiter durch die Polizei bis zu direkter Gewalt reicht das Arsenal der Macht. Saavedra muss sich jetzt auch ganz real um seine Familie kümmern.

Die Politik des Nein-Sagens und des Widerstands macht Spaß in dem klugen und packenden historischen Drama „No!". Saavedras immer neue Werbe-Aktionen werden mit viel Lust und Kreativität präsentiert. Man verliert wie die Werbe-Fuzzis fast aus den Augen, dass hier alles todernst ist. Regisseur Pablo Larraín entwickelte seinen Film auf Basis des Theaterstücks „Referendum" von Antonio Skármeta („Mit brennender Geduld", „Il Postino"). Die Zeitstimmung der gar nicht so fernen Vergangenheit fing er ein, indem er
mit der analogen Umatic-Videotechnik der originalen Kampagnen-Spots drehte. Auch beim Personal gibt es ein Wiedererkennen bei vielen Cameo-Auftritten: Persönlichkeiten wie Patricio Aylwin, der erste demokratisch gewählte Präsident nach Pinochet, Patricio Bañados, der TV-Sprecher der NO- Kampagne, oder die Sängerin Isabel Parra sind im Archivmaterial und - 25 Jahre älter - auch in der Fiktion zu sehen.

Der wie in vielen anderen Projekten - „Und dann kam der Regen - También la lluvia", „Die Reise des jungen Che" - politisch aktierende Gael García Bernal spielt eine ambivalente Figur, denn mit ihm kann man lange Glauben, dass Image alles ist, dass sich jeder Inhalt wertfrei verkaufen lässt. Demokratie oder Diktatur nur eine Frage des Marketing-Konzepts. Dieser ebenso einnehmende wie glaubhafte Querschnitt durch eine Diktatur lehrt auch, dass in einer solchen nicht alles von einen Tag auf den anderen Terror ist. Es gibt Inseln, es gibt unterschiedliche Lebenswelten, man kann die Verhaftungen, Morde und scheinbar auch die Lager ausblenden und lässig herumskaten.

2.3.13

Berlinale 2013 Mein Weg nach Olympia

Regie: Niko von Glasow

BRD 2013

Er mag keinen Sport, findet dass die Paralympics zu teuer sind und außerdem sollen sie nur kaschieren, welche Probleme die Gesellschaft mit Behinderten hat! Scheinbar nicht die besten Voraussetzungen für einen Film über behinderte Sportler und ihre Paralympics 2012 in London. Doch der Kölner Niko von Glasow, der seinen dicken Bauch und Hintern ebenso betont, wie seine Contergan-Behinderung („Regisseur mit kurzen Armen"), ist ein hervorragender Filmemacher und „Mein Weg nach Olympia" deshalb ein kluger, vielschichtiger Blick hinter die Kulissen erfolgreicher Sportler.

Nein, Niko von Glasow hat keinen Sportfilm gemacht: In der Mixed Zone nach dem Wettkampf kann er bei Euphorie oder Tränen nicht die übliche „Was haben Sie empfunden?"-Frage stellen. Dafür kennt er die Athleten besser als andere, manchmal sogar besser als sie selbst sich kennen. Wir dürfen sie auf einer Weltreise mit ihm kennenlernen: In Berlin fährt er mit der einbeinigen Schwimmerin Christiane Reppe auf Spinning-Rädern und backt danach Pfannkuchen. Miss Perfect sei sie nicht: „man muss damit leben, was man hat", aber eigentlich fehle ihr nichts.

Nun ist von Glasow, der unter anderem den Deutschen Filmpreis 2009 erhielt, witzig, oft zynisch und nicht nett im Sinne von harmlos. Er lässt es nicht bei der Behauptung „ich bin glücklich, weil ich einer der besten in irgendwas bin", wie der gelähmte griechische Softball-Bocciaspieler Greg Polychronidis meint. Von Glasow fragt den amerikanischen Waffennarren und Bogenschützen Matt Stutzman, weswegen er dauernd Bestätigung braucht. Später kommt dann die junge, fröhliche Christiane Reppe mit dem Geständnis, dass doch nicht alles gut sei und sie eine Mauer um sich herum aufbaue. Aber da bricht ihr Trainer das Gespräch ab...

Egal ob Sitz-Volleyballer aus Ruanda, die mit ihren durch Bürgerkriegs-Minen amputierten Beinen über des Deutschen Contergan-Arme staunen, ob die adoptierte norwegische Tischtennis-Hoffnung Aida Dahlen, die nie Filme über den Bürgerkrieg aus ihrer ursprünglichen Heimat Bosnien sah - mit der ihm eigenen, hinter viel Selbstironie versteckten Wut trifft von Glasow diese Menschen bei ihrem Schmerz, den sie mit Sport überspielen wollen. Trotzdem ist „Mein Weg nach Olympia" ein witziger Film, nicht nur wenn Niko mit dem zum Freund gewordenen Greg im antiken Olympia Boccia spielen will und seinen Film „Triumph des Willens - Teil 2" nennt.

Kinostart: 16. Mai 2013

27.2.13

Sightseers

Großbritannien 2012 Regie: Ben Wheatley mit Alice Lowe, Steve Oram 92 Min. FSK ab 16

Britischen Humor von seiner schwärzesten Seite zeigt Regisseur Ben Wheatley mit seinen beiden Koautoren und Hauptdarstellern im blutigen Road-Movie „Sightseers": Er beginnt herrlich bitter mit einem Hundespießchen, als sich der liebe - und dämliche - Schoßhund Poppy freudig springend in ein Paar Stricknadeln stürzt. Da kann Frauchen Tina (Alice Lowe) der folgenden Depression und ihrer herrischen Mutter, bei der man die Stricknadel-Idee umdrehen möchte, nur entfliehen, indem sie mit ihrem Freund Chris (Steve Oram) per Camper eine Sightseeing-Tour durch England startet. Nun ist Chris ebenso reizvoll wie seine Reiseziele: Vom Straßenbahn- zum Bleistift-Museum und zwischendurch eine saftig grüne Wiese nach der anderen. Doch es gibt ja reichlich Mitmenschen, über die man sich aufregen, und dann ermorden kann. Der nerdige Chris erweist sich als Serien-Mörder und Tina greift seine tödliche Cholerik mit Begeisterung auf. Für kurze Zeit bringt es das Paar zusammen, dass sie als Gipfel der Spießigkeit durchaus verständliche Aufreger wie im Naturschutzgebiet weggeworfenen Papierchen, nervige Brautjungfern und eklig besserwisserische Reiseautoren brutalst abstrafen. Die makaber-komische Mordserie des Pärchens begibt sich von der Heftigkeit her auf die Spuren der „Natural Born Killers" Mallory und Mickey. Einige bösartig kleine Rachen der beiden debilen Typen sind im Ansatz sogar verständlich, in der Ausführung dann heftiger Splatter. Wie die Taten gerieten auch die Figuren schrill und überzeichnet, was eine Weile lang unterhält, bis sich der Mordsspaß totläuft. Dabei bleiben lohnt sich aber auch wenn die verrückten Ideen überdrehen, denn das fast romantische Ende ist noch mal ein Knaller.

Gold - Du kannst mehr als du denkst

BRD 2012 Regie: Michael Hammon 106 Min. FSK ab 12; f

Der Dokumentarfilm „Gold - Du kannst mehr als du denkst" von Michael Hammon begleitet über ein Jahr lang drei Spitzensportler auf ihrem Weg zu den Paralympics 2012 in London: Henry Wanyoike, ein blinder Marathonläufer aus Kenia, Kirsten Bruhn, die querschnittgelähmte Schwimmerin aus Deutschland, und Kurt Fearnley, ein australischer Rennrollstuhlfahrer.

Von aufwändigen und euphorischen Aufnahmen der drei Menschen bei ihrem Sport geht der Film zurück zu immer noch schwer zu äußernden Erinnerungen an den Anfang der Behinderung. Besonders hier gelingt es Michael Hammon, nicht die Behinderung, sondern den individuellen Menschen faszinierend zu schildern. Kirsten Bruhn meint, es hilft beim Weg zurück ins Leben, Leistungsschwimmerin gewesen zu sein, weil man da schon masochistisch veranlagt ist. Der betont unabhängige Einzelkämpfer Kurt Fearnley will alles machen können und überall durch - ein Spaziergang (sic!) des am Oberkörper mit Muskeln bepackten Mannes über Wiesen, Stacheldraht und durch einen Bach, zeigt seine Besessenheit am stärksten. In einem gleichen sie sich die drei jedoch wieder, im extremen Leistungswillen, der auch Sportler wie Lance Armstrong kennzeichnet. Während das Leben nach dem Sport hoffnungsvoll weitergeht, indem alle drei mittlerweile jüngeren Behinderten helfen, konzentriert sich der Film auf die eigentlich nicht so spannenden Sport-Finales in London.

26.2.13

The Crime

Scope. Großbritannien, 2012 (The Sweeney) Regie: Nick Love mit Ray Winstone, Ben Drew, Hayley Atwell, Steven Mackintosh, Paul Anderson 113 Min. FSK ab 16

Ein Stier, ein Tier, ein Bulle - womit mal nicht nur eine Berufsbezeichnung gemeint ist: Ray Winstone (Jack Regan) ist urzeitliche Gewalt im öffentlichen Dienst. Grob, ordinär, direkt. Der Leiter der Polizisten-Spezialtruppe „The Sweeney" hat sich nie unter Kontrolle und genau so tritt sein Team auf und zu, wenn es Räuber brutal mit Baseball-Schlägern aufmischt. „The Sweeney" jagen die Bösen, sind aber keine der Guten. Jack, das Tier in Job und Bett, vögelt seine junge, verheiratete Kollegin Nancy Lewis (Hayley Atwell), deren Mann Ivan Lewis (Steven Mackintosh) ausgerechnet diese Truppe wegen sehr begründetem Korruptionsverdacht untersucht. Doch der Bulle mit dem kantigen Schädel und einen deutlichen Bauchansatz droht nicht nur, er geht dem Konkurrenten direkt an die Kehle.

Dabei sollte die eigentliche Tätigkeit von „The Sweeney" nicht vergessen werden, im Kampf gegen das Verbrechen sind sie äußerst effektiv. Der Film startet so intensiv wie seine Hauptfigur und lässt eine britische TV-Serie aus den 70ern aufleben. Mit sehr intensivem Spiel von Ray Winstone („Sexy Beast", 2000) und Styling vom Besten in der blau-kalten Skyline von Londons City packt der harte Thriller auch das Publikum. Dabei wird das Duell der beiden Konkurrenten nach dem Tod der Geliebten, wenn der Witwer „den Dinosaurier ausrotten" will, leider nicht ausgespielt. Der Film dreht weiter die cholerische Schraube Jacks durch, zu konventionell verlaufen sein Rausschmiss und Comeback aus dem Knast. Bescheuertes Geballer mitten am Trafalgar Square und Ralleyfahren ohne Airbag im Camper-Park machen die sorgfältig aufgebaute Charakter-Spannung kaputt. Basierend auf dem Serien-Charakter der Vorlage findet der Film zudem kein richtiges Ende.

25.2.13

Hyde Park am Hudson

Großbritannien 2012 (Hyde Park on Hudson) Regie: Roger Michell mit Bill Murray, Laura Linney, Samuel West, Olivia Colman 96 Min.

Dass King George VI., der Stotterer aus „The King's Speech", beim ersten US-Besuch eines englischen Königs sensationell in einen Hot Dog beißt, ist eine Geschichte. Die Affäre des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, während 1939 über eine Kriegsbeteiligung der USA in Europa nachgedacht wird, eine ganz andere. Wie beides und mehr mit feinem Humor und sehr menschlich in ein paar Sommertagen auf dem Landsitz des Präsidenten zusammenfließt, ist das große Kunststück des sympathischen „Hyde Park am Hudson" mit ebenso unauffällig sensationellen Bill Murray und Laura Linney in den Hauptrollen.

Es ist noch die Zeit der Großen Depression, als Daisy (Laura Linney) zum Präsidenten Franklin D.Roosevelt (Bill Murray) gerufen wird. Der noch nicht mächtigste Mann der Erde braucht Entspannung und so zeigt er der Cousine fünften Grades seine Briefmarkensammlung. Tatsächlich wird aus den Ausflügen und Gesprächen erst später mehr, was inmitten lieblich blühender Wiesen Daisy genauso überrascht wie das Kinopublikum. Dieser durch eine Polio-Erkrankung schwer gehbehinderte Präsident, wirkt auf den ersten Blick wie ein harmloser, humorvoller und vor allem netter Onkel. Zwar gibt er mit seinem Wagen, eine Spezialanfertigung, kräftig Gas, doch vor allem will er Ruhe haben auf seinem Landsitz bei Hyde Park im Staate New York, wo er im Haus seiner Mutter lebt.

Für mächtig Unruhe sorgt der Besuch von King George VI., der erste offizielle Auftritt eines englischen Königs in den USA überhaupt. Der unsichere König „Bertie" wird als Clown eingeführt, wenn er auf der Fahrt durch die Felder anhält, um einen Bauer zu grüßen - der sich dafür überhaupt nicht interessiert. Das Protokoll unter dem Regime von Roosevelts herrischer Mutter holpert furchtbar, so hängen im Zimmer der Königin alte Schlachten-Bilder, die Engländer kräftig karikieren. Richtig durcheinander gerät es aber, als die scheinbar hochnäsigen Aristokraten die Verhältnisse der Roosevelts mitbekommen: Der Präsident wohnt in einem Zimmer bei seiner Mutter, des Präsidenten Frau im eigenen Haus, wo sie mit andere Frauen Möbel baut. In einer Nacht, die vielleicht über das Schicksal einer vor dem Krieg stehenden Welt entschied, ereignen sich noch eine Reihe anderer Dramen...

Aus den Briefen und Aufzeichnungen Margaret "Daisy" Suckleys, die man unter ihrem Bett fand als sie hundertjährig starb, entsteht ein sehr intimer Blick auf Menschen, die man nur als Figuren der Weltgeschichte kennt. Da fahren Präsident und König allein im Badeanzug zum Schwimmen - die Presse läuft hinterher und knipst nur, was sie soll. Was mit den arroganten Aristokraten und den ziemlich bodenständigen Amerikanern, mit einer Mutter, die dem US-Präsidenten den Alkohol verbietet, und einer ganzen Reihe von Geliebten, die miteinander umgehen müssen, eine Komödie der Peinlichkeiten sein könnte, zeigt sich in jeder Faser sehr menschlich. Der Stotterer und der Polio-Versehrte erzählen sich witzige Geschichten, klagen über ihre Frauen, vor allem aber verstehen sie sich ganz offen. Daisy bewegt sich verliebt und leicht naiv im Kreis von persönlicher Assistentin und burschikoser Ehefrau. Nicht Dienerschaft, nicht Beraterstab, nicht offiziell Familie. Weltpolitik und gebrochene Herzen haben in dieser Vollmondnacht ganz selbstverständlich den gleichen Rang. Derweil stehen Königs komödiantisch großartig am Fenster und beobachten stauend, wie Schürzenjäger Roosevelt seine vielen Liebschaften befriedet.

Roger Michells, der bereits in „Notting Hill" ganz köstlich britisch-amerikanische Verhältnisse auslotete, gelingt in „Hyde Park am Hudson" eine ganz eigene Balance aus Romantik, Komödie und - etwas naiv - durchs Schlüsselloch beobachtete Weltpolitik. Bill Murray ist als nur vordergründig harmlos wirkender Franklin D. Roosevelt kaum wieder zu erkennen. Die Mätzchen seiner anderen komödiantischen Rollen treten zurück für ein Spiel mit ganz feinen Nuancen und Tönen. Laura Linney gibt ebenso faszinierend die spröde, unauffällige Schönheit in diesem unbedingt sehenswerten Film.

Get the Gringo

USA 2012 (How I Spent My Summer Vacation) Regie: Adrian Grünberg mit Mel Gibson, Daniel Giménez Cacho, Jesús Ochoa, Roberto Sosa 96 Min.

Wie gut Mel Gibson ohne religiösen Ballast sein kann, zeigt diese äußerst positive Überraschung im übervollen Kinoprogramm: Ein gradliniger Gangsterfilm, der mit originellem Setting und klarer Geschichte überzeugt. Einen Rassismus-Verdacht könnte man Gibson allerdings doch wieder draus drehen...

Es ist der grandios lakonische Kommentar der Hauptfigur, der dieser Geschichte ihre lässig komische Note verleiht. Klar, wenn ein Clown mit Vollgas in den Film rein rast, verfolgt von der texanischen Polizei das Auto im nur halben Looping durch die Grenzanlagen nach Mexiko crasht und dann recht frohgemut in eines der übelsten Gefängnisse weltweit stapft. Aus seinem Clowns-Kostüm geschlüpft, erweist sich der nur „Fahrer" Genannte (Mel Gibson) als guter Beobachter, der erst mal in Kauf nimmt, dass korrupte Cops die Zwei-Millionen-Beute einkassieren. Denn er hat selbst in diesem Gefängnis, das auch „das beschissenste Einkaufszentrum der Welt" sein könnte, einen Plan. Die „Location" ist gleichzeitig der Trumpf des Films: In der Knast-Kleinstadt leben Familien und Kinder mit den Inhaftierten, die es sich leisten können. Kleine und große Geschäfte werden vom Boss Javi kontrolliert, der nicht nur das Casino und die Drogen sondern auch den Gefängnisdirektor im Griff hat. Diese Haftanstalt ist ein Riesengeschäft, hinzu kommt ein ganz privater Organhandel. Für seine Leber, die er aktiv ruiniert, hält sich Javi einen kleinen Jungen als Spender mit der gleichen, äußerst seltenen Blutgruppe...

Wie der Gringo diesen Laden durchschaut und mit Hilfe des Jungen aufmischt, ist gute alte Action-Schule. Kein Übermaß an Verfolgungsjagden oder Schieß- und Prügelszenen. Selbst wenn Auftragskiller sich den Weg in das mexikanische Gefängnis kaufen, verläuft das Geballere genau so effizient, wie der Gringo immer handelt. Dass dieser so viel cleverer als all die Mexikaner ist, wirkt etwas überheblich - doch genauso führt er auch die weißen Gangster vor. Gibson, der auch Ko-Autor war, konzentriert sich gekonnt aufs Schauspiel und überlässt dem Debütanten Adrian Grünberg, der bei „Apocalypto" noch Regie-Assistent war, die Leitung. Da stimmt dann die Dosierung kleiner Scherzchen und eine herrliche Eastwood-Parodie hat auch noch Platz.

24.2.13

Invasion

Österreich, BRD 2012 Regie: Dito Tsintsadze mit Burghart Klaußner, Merab Ninidze, Heike Trinker 103 Min. FSK ab 16

Der in Berlin lebende und aus Georgien stammende Dito Tsintsadze macht sehr interessante Filme wie Schussangst (2003) und zuletzt 2006 „Der Mann von der Botschaft". Diese „Invasion" misslang jedoch als mühsame Wiederbelebung von zu offensichtlichen Politparabeln aus Sechzigern und Siebzigern.

Am Grab seiner Frau trifft der geknickte Rentner Joseph (Burghart Klaußner) eine andere, die vorgibt, eine Cousine der Verstorbenen zu sein. Übermäßig herzlich rennt Nina (Heike Trinker) bei dem zurückgezogen auf seinem wiedererlangten Familienbesitz im Osten hausenden Mann geschlossene Türen ein. Bald übernachtet nicht nur sie in dem verlassenen Riesenschuppen. Auch ihr Kampfsport ausübender und auch sonst seltsamer Sohn Simon zieht mit seiner rumänischen Frau und dem Kind aus einer anderen Beziehung ein. Richtig skurril wird es, als Ninas Partner Konstantin (Merab Ninidze) direkt das Büro von Joseph übernimmt und sehr zwielichtige Typen empfängt.

Es geriet manchmal nachvollziehbar, manchmal nur absurd, wie der in sich selbst versunkene, linkische Joseph immer wieder überredet und von neuen Gästen überrannt wird. Dass auch noch Verführung durch junges Fleisch und mörderische Eifersucht hinzukommt, bringt den Film vollends aus dem Gleichgewicht. Der anständige Langeweiler Joseph findet sich irgendwann mitten in einer wilden Party wieder. Und Konstantin spricht ihm die Moral des Films ins Gesicht: Ihr Westler müsst von den alten Kulturen lernen, ihr habt selbst keine eigene mehr. Und wehren könnt ihr euch gegen den Ansturm aus Osteuropa auch nicht!

Das klingt im Zusammenblick noch besser, als es als Film abläuft. Irgendwann wird aus der unkomischen Gesellschaftssatire Mord. Nächtens zieht man aus, die Opfer zu begraben und zuletzt bleibt ein Happy End übrig. Jedoch nicht für die Zuschauer. Burghart Klaußner spielt den Joseph annehmbar, bleibt aber weit hinter seinen Leistungen als „Der Mann von der Botschaft" oder als terrorisierender Pfarrer in „Das weiße Band" zurück. Diese „Invasion" ist nicht nur unglaubwürdig - oder als Parabel zu realistisch. Sie fällt vor allem atmosphärisch schwach aus, da wo Tsintsadzes Vorgänger „... von der Botschaft" gerade so wirkungsstark war.

Hänsel und Gretel: Hexenjäger

USA, BRD 2013 (Hansel & Gretel: Witch Hunters) Regie: Tommy Wirkola mit Jeremy Renner, Gemma Arterton, Famke Janssen 88 Min. FSK ab 16

Der Vorspann stimmt auf Schreckliches ein: Eine Hexefratze wie aus dem modernen Vampir-Film, das Knusperhaus bunt wie im Disney-Land. Bevor wir überhaupt an den beiden im dunklen Wald ausgesetzten Kindern Anteil nehmen können, brennt die abgestochene Hexe lichterloh. Auch die folgende Szene steuert wie ein alkoholisierter, arbeitsloser und frustrierter Hooligan im britischen Pub direkt auf erstbeste Prügelei zu. „Hänsel & Gretel: Hexenjäger" vom norwegischen Regisseur Tommy Wirkola spielt irgendwie in mittelalterlichen Augsburg, doch für die Ordnung sorgt ein Sheriff mit Hightech-Knarren und es könnte mit anderer Deko auch ein altbekannter Schwarzenegger- oder Stallone-Film sein. Nicht nur wegen der üblichen, lässigen Sprüche zum Mordgemetzel.

Die Hexen-Opfer der mittlerweile erwachsenen und in knackig schwarzem Leder ausgerüsteten Action-Helden, der zuckerkranke Hänsel (Jeremy Renner) und die gar nicht süße Gretel (Gemma Arterton), sind Fantasie-Monster und in fast jeder Szene spritzen Blut und Körperteile durch die Gegend. Abgesehen von einer überbordenden Ödnis im endlosen Metzeln und Abschlachten zeigt dieses absurd mit halbwegs bekannten Schauspielern (Famke Janssen als Ober-Hexe) und Ausstattungs-Millionen überfrachtete Schrottfilmchen eine unerträgliche Selbstjustiz-Mentalität: Gute und Böse sind klar abgegrenzt, erstere kommen direkt vom Photoshoppen beim Schönheits-Chirurgen, die Hässlichen darf man ausmerzen. Im Vergleich zu den beiden Schneewittchen-Filmen aus dem letzten Jahr ist dieser Hanswurst-Grimm eine absolute Nullnummer, selbst Terry Gilliams nicht sonderlich gelungener „Brothers Grimm" wirkt wie ein Meisterwerk gegen diesen Hexen-Dreck.

Da die minimale Handlung einer Kindesentführung hinterher schleicht, kommt zudem eine bedenkliche Realitäts-Ebene ins Spiel: Es wird sich wahrscheinlich wieder irgendein Idiot finden, der in Hänsel & Gretel-Kostüm demnächst einen Angeklagten hinrichten will.

20.2.13

Der Hypnotiseur

Schweden 2012 (Hypnotisören) Regie: Lasse Hallström mit Tobias Zilliacus, Mikael Persbrandt, Lena Olin 122 Min. FSK ab 16

„Das ist krank!!" Die typische Düsternis skandinavischer Krimis und grausame Verbrechen begrüßen ihr Publikum auch in diesem schwedischen Krimi. „Der Hypnotiseur" Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt) kommt sofort zur Sache, auch wenn die Titelfigur sich sträubt, als es gilt, die verschwundene Tochter einer fast komplett ermordeten Familie zu finden. Ihrem Bruder kann man schließlich doch selbst im Koma wichtige Hinweise entlocken. Kommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus), ein Workaholic ohne Familie, drängt auf eine weitere Befragung des Patienten, als der Sohn des Hypnotiseurs entführt wird.

Die persönlichen Dramen bei allen Beteiligten und die dramatischen Ereignisse um den Fall wechseln sich nahtlos ab. Keine subtile Entwicklung bremst die Spannung aus, hinzu kommt eine durchgehend düstere Atmosphäre im Stockholm der Vorweihnachtszeit: Nirgendwo sieht es schön aus. Vielleicht mal eindrucksvoll, aber einladend nie. Selbst die Figuren tragen eine bedrohliche Aura mit sich herum. So zum Beispiel Bark, wenn er versteckt unter seiner schweren Kapuzenjacke auftritt.

Das fasziniert so sehr, dass man die Suche nach dem Mörder glatt vergisst. Und letztlich wollte man auch gar so genau wissen, was passiert ist, denn dabei zeigt sich der ganze Horror der bislang in mangelndem Licht, in Styling und Kleidung nur angedeutet wurde. Spätestens die letzte halbe Stunde ist „Der Hypnotiseur" keiner der üblichen TV-Krimis mehr, selbst nicht einer der schon sehr heftigen skandinavischen.

„Gilbert Grape"-Regisseur Lasse Hallström, dem man für konventionellere Literaturverfilmungen wie „Lachsfischen im Jemen" (2011) oder „Das Leuchten der Stille" (2010) schon mal „Lass es, Lasse" nachrufen wollte, gelingt hier ein hochwertiger und eindrucksvoller Thriller mit sehr guten Schauspielern. Vor allem Mikael Persbrandt als Bark und Lena Olin als seine Frau spielen besonders eindringlich bei einer Befragung, kurz nachdem ihr Sohn Benjamin entführt wurde: Die Spannung in der Ehe und die der äußeren Bedrohung schaukeln sich gegenseitig auf ein kaum erträgliches Maß hoch. Unauffälliger bleibt Kommissar Joona Linna. Doch gibt es bereits weitere Romane mit dieser Figur, also hat Darsteller Tobias Zilliacus wohl noch Zeit, sie zu entwickeln.

Hinter dem Pseudonym Lars Kepler stecken Alexander Ahndoril, geborener Gustafsson, und seine Frau, die Schriftstellerin Alexandra Coelho Ahndoril. Alexander Ahndoril, der nur mit seinen Buchtiteln ein wenig einfallslos erscheint, veröffentlichte 2006 bereits „Regissören" über den Regisseur Ingmar Bergman und 2009 „Diplomaten" über den Diplomaten Hans Blix. „Der Hypnotiseur" wurde mittlerweile in Deutschland von „Paganinis Fluch" (2011) und „Flammenkinder" (2012) fortgesetzt.

19.2.13

Ghost Movie

USA 2013 (A Haunted House) Regie: Michael Tiddes mit Marlon Wayans, Marlene Forte, Essence Atkins 86 Min.

Die Freundin Kisha zieht ein und überfährt zuerst den Haushund. Dann hat Malcolm (Marlon Wayans) ausführlich Sex mit „Ted", ansonsten zeichnet die Kamera in ihrem Schlafzimmer als „Paranormal Activity" nur ihre Fürze auf. Allerdings braucht der Film eine halbe Stunde, bis er sich wirklich an die Parodie der Geist-im-Haus-Filme ranarbeitet. Zuvor bekam der Swinger-Freund ebenso viel Raum wie der perverse Kamera-Installateur. Zwischen diesen mühsam vorbereitete Scherzen wird sitzt Kisha dann mal bei offener Tür auf der Klo-Schüssel und das Drehbuch führt weiße Rassisten vor.

Es gab Zeiten, in denen das Zucker/Abrahams-Team ihre Parodien wie „Kentucky Fried Movie", „Airplane!", „Nackte Kanone" oder „Scary Movie" mit einer sehr hohen Schlagzahl von Gags über die Runden rettete - irgendein Treffer war immer dabei, zudem genaue Kenntnis der verulkten Film-Genres. Marlon Wayans hingegen scheint sich multifunktional als Filmkünstler zu verstehen und spielt seine Scherzchen einschläfernd ausführlich aus. Das ist vor allem - ganz unabhängig vom häufigen Fäkal-Niveau - langweilig und völlig geistlos.

Warm Bodies

USA 2012 (Warm Bodies) Regie: Jonathan Levine mit Nicholas Hoult, Teresa Palmer, John Malkovich 97 Min.

Ein Zombie-Film aus der Perspektive der „anderen". Doch waren die Untoten nicht immer ziemlich dämlich? Vorsichtig ausgedrückt. Nun hören wir vom jungen Zombie R (den Rest seines Namens hat er vergessen), wie öde das Leben in der entfärbten Welt der Zombies ist. Als er mit einem Freund essen geht, ist der übliche Satz junger, gutaussehender Amerikaner auf dem Speiseplan. Jedoch erwischt R ausgerechnet den Freund der Blondine, in die er von nun an verliebt ist und sie direkt mal rettet. Diese Verliebtheit und die staunende Angst von Julie (Teresa Palmer) sind recht komisch. Auch wenn sie, um sich in der Zombie-Welt zu tarnen, mit viel Over-Acting auf lebendige Leiche macht, ist das ein Treffer, Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der beiden Lebensformen amüsieren ein paar mal.

R (Nicholas Hoult), mit dem Gesicht eines traurigen Jokers oder eines Goth-Fans, der unter die Brotschneidemaschine gekommen ist, lebt auf einem Flughafen, sammelt in seinem Flieger Schallplatten, Stereoskopie-Bilder und DVDs. Über das Gehirn von Julies Freund, das er zwischendurch immer wieder als Snack knabbert, zieht er sich Erinnerungen des Paares rein und hält dann in höchster Gefahr Julies Hand. Etwas, was ihr warmblütiger Freund nicht gemacht hat. Und jetzt erweisen sich die Zombies als echte Romantiker. Recht schematisch muss sich das neue R und Julie-Paar erst in seiner, dann in ihrer Welt beweisen, wo ausgerechnet ihr Papa (John Malkovich) den Anführer gibt.

„Warm Bodies" ist noch eine Variation des längst toten Zombie-Genres und gleichzeitig mit seiner Liebe über die Grenzen der Spezies hinweg Kopie von „Twilight". Dass die Zombies die besseren Menschen sind, wusste man schon länger. Dabei hat in Sachen Figurenzeichnung hat der Tote viel mehr Blut in den Adern als die meist Dümmliches brabbelnde Teenager-Frau. Am Ende stellt sich heraus, dass es schon hilft, den anderen zu akzeptieren. Und dass trotz ein paar gelungener Scherzchen sowie netten Figuren die Handlung wie ein Zombie auf vorhersehbaren Bahnen daher trottet.

Berlinale 2013 Die Preise Ein Kommentar

Sieg für Netzer! War da was? Genau: Nach unauffälligen, bewegungsarmen 90 Minuten kurz eine kaum wahrnehmbare Bewegung und die Entscheidung ist gefallen. Doch anders als beim Fußball-Netzer kam aus der entspannten Tiefe des Kino-Raums dieses Wettbewerbs nichts Geniales. Um im Fußball-Bild zu bleiben, entsprach die Jury-Entscheidung des Berlinale-Wettbewerbs einem mittelmäßigen Gestochere im Strafraum, bei dem der Einäugige unter den Lahmen die Entscheidung für sich herbeiführte. Dass der Laiendarsteller Nazif Mujić aus „An Episode in the Life of an Iron Picker" von Danis Tanović als bester Schauspieler ausgezeichnet wird, sagt eigentlich alles. Der rumänischen Regisseur Călin Peter Netzer zeigte im Sieger-Film „Child's Pose", wie die übermäßig fürsorgliche, ekelhaft reiche und korrupte Mutter eines automobilen Kinds-Mörders letztendlich ihr Ziel erreicht und der verwöhnte Raser der Gerechtigkeit entkommt. Diese nüchterne Beobachtung war genauso gut oder schlecht wie viele andere Filme im Wettbewerb. Wenngleich die besseren Sachen wie Bruno Dumonts „Camille Claudel 1915" unter den Jury-Tisch fielen, war nicht alles schlecht, was prämiert wurde. Der Silberne Bär für „Vic+Flo haben einen Bären gesehen" von Denis Côté, der Preis für die Beste Regie an David Gordon Green („Prince Avalanche") und ein Silberner Bär für die Kamera in „Harmony Lessons" des Kasachen von Emir Baigazin gehen in Ordnung. Die beste Entscheidung traf diesmal jedoch die Schwarm-Intelligenz des Publikums: „The Broken Circle Breakdown" war ihr plebiszitärer Favorit und auch die Jury internationaler Kinobesitzer entschied sich für dieses großartige Werk aus der stärkeren Nebensektion Panorama. Im Gegensatz zu den Bären-Siegern, mit denen sich die Berlinale einen Bären-Dienst erwiesen hat und die durchgehend in Vergessenheit geraten werden, läuft diese Sensation bald im Kino.

18.2.13

Les Misérables (2012)

Großbritannien 2012 (Les Misérables) Regie: Tom Hooper mit Hugh Jackman, Russell Crowe, Anne Hathaway, Amanda Seyfried, Sacha Baron Cohen, Helena Bonham Carter 158 Min. FSK ab 12

Miserabel ist auf jeden Fall der Gesang dieses Musicals. Dass mit gutem Schauspiel und aufwändiger, aber auch stimmiger „Bühnen"-Kulisse ein krasser Gegensatz zu den peinlichen Musik-Einlagen entsteht, macht „Les Misérables" fast zu einem reizvollen Trash-Film ... für zig Millionen produziert und kühl auf die breite Kino-Masse kalkuliert.

Es ist eine großartige Trivialgeschichte, die dieses Musical aus Victor Hugos „Die Elenden" gemacht hat: Die Französische Revolution hat ihre Fans schon vor vielen Jahren verschlungen. Es herrscht wieder soziales Unrecht, Jean Valjean (Hugh Jackman) schuftet Jahre im Arbeitslager, weil er ein Brot geklaut hat. Aufseher Javert (Russell Crowe) verkörpert die grausame Macht, die von oben herab unschuldige Menschen verdammt. Auch nach seiner Entlassung bleibt Valjean vogelfrei, will wieder stehlen, doch ein guter Priester bekehrt ihn. Unter neuem Namen arbeitet sich der Ex-Sträfling zum Fabrikbesitzer hoch, doch - nicht zum letzten Male - stöbert Javert ihn auf. Parallel wird Fantine (Anne Hathaway), eine von Valjeans Arbeiterinnen, entlassen und landet innerhalb eines Liedchens geschoren und vergewaltigt im Bordell. Nur eine Melodie weiter haucht sie - singend! - den letzten Atemzug ihrem ehemaligen Arbeitgeber ins Gesicht, der von nun an aus lauter schlechtem Gewissen Fantines Tochter Cosette (Amanda Seyfried) wie ein eigenes Kind behütet. Was nicht einfach ist, mit Javert auf den Fersen und der Revolution von 1830 in den Straßen von Paris. Dazu hat sich Cosette ausgerechnet in einen der hitzköpfigen Barrikadenkämpfer verliebt. Doch ein paar Tote weiter geht alles gut aus.

In einem Liedchen zur Prostituierten, beim Geträller auch noch Haare geschoren und die Zähne für ein paar Münzen gezogen. Wie Fantine dann noch schnell abkratzt, ist eigentlich unfassbar krass. Wenn man übersieht, dass diese völlig unrealistische Realitäts-Reduzierung zur Gefühls-Optimierung im Wesen solcher Musicals liegt. Trotzdem schmeckt ein derartig obszönes Gefühls-Extrakt auf Augen, Ohren und auch in der Magengrube unangenehm nach Nescafé.

Besser erträglich sind da die lustigen Szenen mit „Borat" Sacha Baron Cohen und der schon durch Bartons „Sweeney Todd" musical-erfahrenen Helena Bonham Carter als Monsieur und Madame Thénardier, die verlogenen, heuchlerischen und grell gestylten Betreiber eines schäbigen Bordells. Überhaupt konstrastieren sehr gute Schauspieler die absurde Versuchsanordnung Film-Musical, auch wenn Hugh Jackman nie wie Wolverine mal seine Klauen zeigt, um dieses rührseelige, aber blutarme Spektakel aufzumischen.

Auch die Ausstattung und Inszenierung von Tom Hooper („The King's Speech") haben ein Niveau, das viel zu gut für den kläglichen Singsang und die Groschenroman-Handlung ist. Da fliegen wir mit der Kamera direkt in eine Anfangsszene hinein, die ein havariertes Schiff vor der Werft gewaltig wie ein Weltraum-Wrack erscheinen lässt. Die Barrikaden im Film-Paris hätten die ganze Occupy-Bewegung weltweit mit Material für Straßen-Blockaden versorgen können. Alles ganz eindrucksvoll - wenn sie doch nicht singen wurden, immer. Vor allem der Sprechgesang von Leuten mit dazu nicht ausgebildeter Stimme ist schwer erträglich und macht das kalkulierte Spektakel zur fast dreistündigen Qual.

The Master (2012)

USA 2012 (The Master) Regie: Paul Thomas Anderson mit Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Laura Dern 173 Min.

Die Rezeption eines Film ist im großen Maße auch immer davon abhängig, was in Kino an Wissen und Erwartung mitgebracht wird. „The Master" macht dies besonders deutlich: Wer die Biographie von L. Ron Hubbard und die Demontage seiner Scientology-Gruppierung erwartet, ist über weite Strecken im falschen Film, denn das war nicht beabsichtigt. Wer sich fünf Jahre nach „There Will Be Blood" auf einen neuen Film von „Magnolia"-Regisseur Paul Thomas Anderson freut, liegt richtig. In Venedig gab es für diesen herausragenden Film einen Silbernen Löwe für die Regie von Paul Thomas Anderson und einen weiteren Hauptpreis für die Darsteller Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix.

Joaquin Phoenix spielt den rastlosen Freddie Quell, der 1950 mit nervösen Störungen aus der Navy entlassen wird. Liegt es an den „Japsen", die er umgebracht hat? Oder an den Drinks, die er sich immer und aus allem Möglichen, sogar aus Torpedo-Brennstoff, zusammen mixt? Egal, denn Freddie gehört zu den Menschen, die sich darüber keine Gedanken machen. Rasch rafft der Film ein paar Stationen des lüsternen Säufers zusammen, bis er eher aus Versehen auf dem Schiff von Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) landet. Der Autor und Sekten-Führer nimmt den wilden Streuner wie einen Sohn auf, denn Freddie ist „der mutigste Junge, den er je gesehen hat". Dodd interessieren nicht nur die Drinks des immer Betrunkenen, es geht dem freigiebigen, freundlichen und sympathischen Mann auch um die Zähmung seines neuen, ihn stimulierenden Protegés. Freddie wird in psychoanalytischen Sitzungen und Rückführungen zu vergangenen Leben das Versuchskaninchen Dodds, bleibt aber ein Schoßhündchen mit Tollwut. Bei Frau, Tochter, Sohn und Schwiegersohn vom „Master", ist der ungebildete Neue nicht gut gelitten. Vor allem weil er, immer wenn die Methode des Meisters angefeindet wird, einfach mal losprügelt. Dabei will die Gemeinschaft mit dem Namen „Cause" (Ursache) doch gerade durch Überwindung der Traumata aus früheren Leben solche „Millionen Jahre alten" Verhaltenweisen hinter sich lassen. Aber Dodd hält zu seinem Quell und in seinem bald veröffentlichten zweiten Buch kommt der Begriff „Quelle" auffällig häufig vor - ein sinnreiches Wortspiel, das im amerikanischen Original nicht ganz so offensichtlich ist...

Der lang erwartete neue Film von P.T. Anderson, dem Regie-Meister von „Punch-Drunk Love" (2002), „Magnolia" (1999) und „Boogie Nights" (1997), ist erneut großes, intensives Kino mit faszinierenden Bildern, Szenen und Stimmungen. Gedreht im königlichen 70mm-Format, für das sich wohl kaum noch ideale Abspielkinos finden lassen. „The Master" ist außerdem keine Abrechnung mit den Scientologen oder die Demontage eines Sekten-Führers. Dodds Ideen, etwa dass Nackenschmerzen von Verletzungen aus früheren Leben stammen können, haben mehr Gewicht als die engstirnigen Vorwürfe seiner Gegner. Philip Seymour Hoffmans Figur ist vor allem in der Beziehung zu Freddie tragisch (und wie immer ein Schauspiel-Leckerbissen). Freddie hingegen wird von Joaquin Phoenix mit Hasenscharte, schiefem Mund und krummen Rücken so kraftvoll deformiert gegeben, dass diese Nummer ein weiterer Grund ist, „The Master" noch mal zu sehen. Neben dem durchgehend unterliegenden, mal irritierenden, mal in Schwebezustände versetzenden Score von Jonny Greenwood und den Bildern von Mihai Malaimare Jr.

Wieso bei Dodds Methode aus dem „recall" (erinnern) ein kreatives „imagine" (sich vorstellen) wird, kann man sich dann in Ruhe überlegen. Auch, ob an der herrlichen Geschichte des beleidigten Masters, er und Freddie hätten einst in einem von den Preußen belagerten Paris erfolgreich Postballon verschickt, etwas dran ist. Pur genießen kann man Dodds Abschiedslied für seinen Seemann, „I'd love to get you on a slow boat to China, All to myself alone"...