27.12.15

Remember

Kanada, BRD 2015 Regie: Atom Egoyan mit Christopher Plummer, Martin Landau, Bruno Ganz, Jürgen Prochnow 95 Min. FSK: ab 12

„Wir dürfen nicht vergessen" - heißt es auch und vor allem zu den grausamen Verbrechen des Holocaust. Doch was, wenn gerade einer, der das KZ von Auschwitz überlebte, wegen seiner Demenz bald alles vergessen wird. Mit schriftlichen Anweisungen gegen das Vergessen zieht Zev Guttman los, um den Mörder seiner Eltern zu finden. Am Ende des ebenso spannenden wie erschütternden Thrillers „Remember" (Erinnere!) von Atom Egoyan steht eine unfassbare Entdeckung, eine bittere und geniale Pointe.

Schon vergisst Zev Guttman (Christopher Plummer) bei jedem Nickerchen, dass sein Frau Ruth vor zwei Wochen gestorben ist. Doch Max Zucker (Martin Landau), sein Freund im Altersheim, erinnert ihn. Auch an einen gemeinsamen Plan: So lange es noch geht, soll Zev den ehemaligen Auschwitz-Blockführer Otto Walisch ermorden. Der lebt unter dem Namen eines ermordeten Juden als Rudy Kurlander auch in Nord-Amerika. Nur es gibt sechs Rudy Kurlander...

Die Flucht Zevs aus dem Alten- und Pflegeheim nach dem schriftlichen Anweisungen seines Freundes Max und begleitet von dessen Buchungen und Arrangements, geht erst in ein Waffengeschäft zum Kauf einer Pistole. Danach folgen alle denkbaren Schwierigkeiten eines dementen Mannes, der sich wie in „Memento" das Wichtigste auf den Arm schreibt, neben die KZ-Nummer.

Die Schwierigkeit, sich zu erinnern, dieses gesellschaftliche Phänomen alter Nazis, befällt ganz banal neurologisch auch alte Überlebende des Holocaust. Doch Zev findet alle Rudys. Der eine (Bruno Ganz), immer noch offen Antisemit, hat in Afrika unter Rommel gekämpft. Ein anderer (Heinz Lieven), bettlägerig im Krankenhaus, war als Homosexueller selbst Gefangener. Der nächste ist schon tot, doch sein Sohn setzt als faschistoider State Trooper das Erbe fort - samt Schäferhündin namens Eva! Bis nur noch einer übrig bleibt. Doch dessen Geständnis fällt anders aus als erwartet...

Atom Egoyan beschäftigte sich seit seinen ersten Filmen („Family Viewing") in den 80er-Jahren mit Erinnerung. Vor allem an den türkischen Völkermord an den Armeniern, der Aghet („Katastrophe"), die Egoyans Vorfahren traf. Wie im genialen flämischen Demenz-Thriller „De zaak Alzheimer" mit Jan Decleir ist das Vergessen ein individuelles und ein gesellschaftliches Symptom. Bis hin zu den Enkeln der Täter, die in den USA - in „Remember" gar nichts mehr wissen. Mit großem filmischem Vermögen schickt Egoyan hier Zev auf eine Odyssee, deren Ziel er immer wieder vergisst. Mit Thriller-Musik geht es ins Waffengeschäft, die Irritationen der verwirrten Mannes vermitteln geschickt dissonante Klänge. Doch dann wieder versteckt Max sehr raffiniert seine Pistole an der Grenze zu Kanada.

Es ist ein ungewöhnlicher Ansatz, mit Holocaust, mit dem Erinnern und der Rache umzugehen. Aber nie arbeitet Egoyan spekulativ, nie nutzt er die Grauen der Geschichte für seine Handlung aus. Selbst nicht in einer Tarantino-ähnlichen Episode. Im Gegenteil, diese packende und traurige Geschichte brennt die Erinnerung durch eine neue Perspektive noch einmal ein. Ein grandioser Thriller - auch unabhängig vom Thema, doch nur mit ihm funktionierend.

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