9.11.15

Eisenstein in Guanajuato

Niederlande, Mexiko, Finnland, Belgien 2014 Regie: Peter Greenaway mit Elmer Bäck, Luis Alberti, Rasmus Slatis 105 Min.

Genau wie der letzte Bond-Film „Spectre" weidet sich Peter Greenaway mit „Eisenstein in Guanajuato" am mexikanischen Totenkult. In die freie Nacherzählung der Filmgeschichte um den nie vollendeten „Que viva México" mischt der äußerst kreative Regisseur Liebes- und Kulturgeschichten.

1931, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, reist der sowjetische Filmemacher Sergej Eisenstein (1898-1948) nach Mexiko, um dort einen neuen Film zu drehen: „Que viva México". Dass die Dokumentation Fragment blieb, ist bei Greenaway nur Hintergrund des Comings Outs von Eisenstein. Anfangs in - einem der vielen Topshots - von oben im Bett als Embrio gezeigt, wird ihn sein mexikanischer Fremdenführer Palomino Cañedo entjungfern und nach exzessiven Flitterwochen im zentralen Hotelzimmer auf staatlichen Druck verlassen. Was den legendären Regisseur mehr erschüttert als die Absagen berühmter us-amerikanischer Finanziers und der Befehl zur Rückkehr aus Moskau.

In Anlehnung an Eisensteins Revolutionsfilm „Oktober. Zehn Tage, die die Welt erschütterten" nennt Greenaway sein Werk „Zehn Tage, die Eisenstein erschütterten". Für Greenaway, der schon mal den Tod des Kinos verkündete, ist dies ein grandioses, lustvolles Comeback. Seit den 80ern war er mit „Prosperos Bücher", „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" oder „Verschwörung der Frauen" ein Revolutionär des filmischen Erzählens. Er zeigt nun diese zehn Tage in Mexiko detailreich und humorvoll als Eisensteins Begegnung mit einer anderen Kultur, deren Umgang mit dem Tod, und als Revolution des eigenen Körpers. Eisenstein gilt gemäß Greenaway als „Vaterfigur des Weltkinos, die unsere Sprache des Kinos entwickelte". Eine Sprache, die er selbst auch in diesem Film mit vielen Ideen weiter treibt. Trotzdem ist „Eisenstein in Guanajuato" nicht nur ein intellektuelles Vergnügen vom wandelnden Lexikon unter den Filmregisseuren.

„Eisenstein in Guanajuato" zeigt sich mit digital komponierten Bildern, die wie Fliegen herumsurren, als Film auf der Höhe der Zeit: Farbe wechselt mit Schwarzweiß, geteilte Rahmen zeigen neben den Darstellern die echten Gesichter von Frida Kahlo und Diego Rivera, Ausschnitte aus Eisensteins Meisterwerken „Panzerkreuzer Potemkin" und „Oktober" schauen kurz rein, ebenso Berühmtheiten der Zeit. Das ist der Stil, den Greenaway schon bei seinen letzten Filmen „Nightwatching", „The Tulse Luper Suitcases" präsentierte. Dass von der blutenden Jungfrau der Bezug zur Bluter- und Zaren-Familie der Romanovs gelegt wird, ist eines von hunderten Wissensteilchen, auf denen der Intellektuelle Greenaway seinen Filmspaß fundiert. Hinzu kommt nun ein pralles, im wahrsten Sinne lustvolles Erzählen. Die Ekstase des frisch verliebten und in intensiver Körperlichkeit schwelgenden Russen überträgt sich auf den Film selbst. So ist „Eisenstein in Guanajuato" nicht nur prall und elektrisiert mit Farben, Ideen, Wissen und Augenreizen, sondern auch mit einer schamlosen Körperlichkeit. Die gab es bei Greenaway schon immer, sie fällt jetzt nur wieder auf, weil sich die Zeiten geändert haben, das Kino in vieler Hinsicht verklemmter geworden ist.

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