3.11.15

Die Schüler der Madame Anne

Frankreich 2014 (Les héritiers) Regie: Marie-Castille Mention-Schaar mit Ariane Ascaride, Ahmed Dramé, Noémie Merlant 105 Min. FSK: ab 6

Es ist der tägliche Kleinkrieg im (französischen) Klassenzimmer: Die Gangs stänkern gegeneinander, die Tussies zicken, Araber, Christen, Juden und Vegetarier fühlen sich dauernd benachteiligt. Die Lehrerin beachtet sowieso keiner. Ok, vielleicht ist es in der Pariser Vorstadt Créteil besonders ungemütlich. Vielleicht sind die Schülerinnen und Schüler besonders desinteressiert, weil sich ja auch niemand für sie interessiert. Oder interessieren wird, etwa auf dem Arbeitsmarkt, selbst wenn sie das Abi schaffen sollten.

Doch in dieser Geschichte, die auch noch eine wahre ist, geschieht ein Wunder. Beziehungsweise gibt es eine Lehrerin, die ein Wunder ist: Madame Anne Gueguen (Ariane Ascaride) unterrichtet schon 20 Jahre und steht nicht auf schlechte Laune. Nun schlägt sie ausgerechnet der Problemklasse des Léon Blum-Gymnasiums vor, an einem nationalen Schulwettbewerb teilzunehmen. Thema: „Kinder und Jugendliche im System der Konzentrationslager der Nazis". Die lahmen Reaktionen reichen von „Das schaffen wir doch sowieso nicht" bis „Das waren doch alles Juden".

Nicht nur der flotte Beginn des Films mit rascher Schnittfolge begeistert, auch die Fülle an kniffeligen Themen, sozialen, religiösen, politischen und Jugend-Problemen die hier rein- und angepackt werden. Da ist Oliver, der nun unbedingt Ibrahim sein will. Oder die herausgeputzte Mélanie (Noémie Merlant), der es anfangs peinlich ist, für das Thema zu recherchieren, weil Lesen nicht zu ihrem Image als Schlampe passt. Ein anderes Mädchen wird von einem scheinheiligen Moral-Macho böse wegen ihrer Kleidung bedroht. Sofort werden Totschlag-Argumente nachgeplappert, es sei ja auch ein Genozid, den israelische Besatzer aktuell in Palästina begehen. Da hilft auch der streng laizistische Freiraum Schule nicht, der am Tor Kopftücher und Kreuze gleichermaßen verbietet.

Aber diese echt heftige Klasse, die der Vertretung auf den Tischen herumtanzt, findet bei ihrer Recherche zum Thema und zueinander. Nicht erst durch den sehr bewegenden Besuch eines Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald erkennen sie, wo in ihrem Alltag überall Rassismus stattfindet. Das Thema „Holocaust" ist gar nicht so weit weg, es beginnt direkt vor der eigenen Nase.

Das stille Entsetzen im Gesicht der sonst so Lauten angesichts der Erzählung des Holocaust-Überlebenden Léon Zyguel, angesichts der riesigen Wände mit den Namen von Deportierten und Ermordeten, gehört zu den Momenten, die sich einbrennen in „Die Schüler der Madame Anne". Das gelingt auch ohne emotionale Verstärkung durch Piano und Streicher, die der Film ansonsten reichlich bemüht.

Dabei lösen sich einige Konflikte nebenbei in Wohlgefallen auf, persönliche Probleme aus dem Alltag der Schüler verschwinden im neuen Gemeinschaftsgefühl. Denn der Film erzählt eine echte Erfolgsgeschichte nach, und einer der Schüler hat sogar das Drehbuch zu diesem Film geschrieben. Dieser Ahmed Dramé spielt sich hier selbst als Malik. Eigentlich unglaublich bei diesem Thema, bei diesen Themen-Komplexen, aber „Die Schüler der Madame Anne" ist auch ein Wohlfühl-Film, ein hoffnungsvoller. Der zusammen mit den Schülern als Erben (der Originaltitel lautet: Les héritiers) den Schwur der Buchenwalder weiter gibt: Immer und überall gegen Rassismus aufzutreten.

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