5.10.15

The Program

Großbritannien, Frankreich 2015 Regie: Stephen Frears mit Ben Foster, Lee Pace, Chris O'Dowd, Guillaume Canet, Dustin Hoffman 103 Min. FSK: ab 0

Wenn Sie bei Armstrong nicht an Mond oder Trompete denken, dann könnte der neue Film von Stephen Frears was für Sie sein. Wenn Sie allerdings auch Stephen Frears kennen, werden Sie enttäuscht sein. Denn der exzellente Regisseur, der seit „Mein wunderbarer Waschsalon" im Jahr 1985 mehr als sieben großartige Erfolge landete, filmt dem großen Tour de France-Gewinner Lance Armstrong eher unmotivert hinterher.

„The Program" will den Aufstieg und Fall eines Helden zeigen: Der junge Weltmeister Lance Armstrong (Ben Foster) aus den USA, der in Europa von seinem späterem Trainer Johan Bruyneel (Denis Menochet) und dem Arzt Michele Ferrari (Guillaume Canet) als zu muskulös für einen Tour-Sieger eingeschätzt wird. Der Patient mit Hodenkrebs und Metastasen im Hirn, die operativ entfernt werden. Der Weg vom Todeskandidaten zum Toursieger. Der ganz andere Erfolg seiner Livestrong-Stiftung gegen den Krebs, zu der sich Millionen mit gelben Armbändern solidarisch zeigten.

Der unbedingte Wille zum Sieg und auch zum geschäftlichen Erfolg mit geschickten Sponsoren-Verträgen verändert und verbittert Armstrong im Laufe des Films sichtlich. Enttäuschte Wegbegleiter gibt es bei sensationellen und unvergleichlichen sieben Tour-Siegen viele: Der Teamkollege und spätere Toursieger Floyd Landis, der erwischt wurde. Oder Betsy Andreu, die Frau des Kapitäns von Armstrongs Team US-Postal. Und dann ist da der persönliche Hexenjäger Armstrongs, der britische Sport-Journalist David Walsh, auf dessen Buch „Seven Deadly Sins: My Pursuit of Lance Armstrong" der Film basiert. Letztlich wird der einzigartig erfolgreiche Radsportler, der nie des Dopings überführt wurde, in einer weinerlichen TV-Show bei Ophra Winfrey gestehen und mit einigen Millionen büßen.

Im Film erfahren wir viele Details vom Doping-„Program", etwa wie die Spritzen ein Jahr nach dem skandalösen Festina-Ausschluss aus der Tour heimlich herbeigeschafft und in Getränkedosen entsorgt wurden. Das alles mit Hunderten nachgestellter Team-Räder wunderbar retro inszeniert und durchaus geschickt mit den originalen TV-Aufnahmen verschnitten. Doch hier hat selbst eine millionenschwere Filmproduktion keine Chance gegen die uneinholbar brillanten, atemberaubenden und mit Motorrad- wie Helikopterkameras aufwändigen TV-Aufnahmen von Radrennen. Die Dramatisierung des Teamsports Radrennen mit den Helden-Schemata von Hollywood gelingt ebenfalls nicht: Kaum sind die Epo-Spritzen gesetzt, dröhnt ein Punk-Song auf der Tonspur und Armstrong fährt auf einer Bergetappe mühelos allen davon. Dass er vorher jahrelang bei jedem Wetter unvorstellbar hart trainiert hat, dass so eine Etappe gerne mal sechs Stunden dauert, dass fast alle anderen auch auf Epo fahren, passt nicht in die Logik des Films.

Statt des Dramas eines gestürzten Helden wird hier eher eine Fachdiskussion simplifiziert übersetzt, was letztlich den Journalisten Walsh zum Verantwortlichen dieser - für nicht fachlich interessierte - langweiligen Sport-Biografie macht. Aber mag Ben Foster auch als Imitator von Armstrongs Gestik und Mimik durchgehen, die Hauptrolle eines Psychodramas trägt er nicht. Das Drehbuch gibt ihm kein Leben neben dem Sport. Vielleicht realistisch, aber tödlich für eine Filmfigur. Das kann man beobachten, aber nicht nach- oder mitfühlen. So haben die Darsteller von Johan Bruyneel, Denis Menochet, und Michele Ferrari, Guillaume Canet, mehr Charisma. Unter diesen Bedingungen bleibt dem Können eines Stephen Frears wenig Spielraum.

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