„Little Trouble Girls" ist ein sommerliches Coming-of-Age-Drama, das vor allem sinnlich erfahren wird. Die slowenische Regisseurin Urška Djukić komponierte es wie ein vielstimmiges Chorstück: Jede Szene, jedes Geräusch, jeder Blick fügt sich zu einem vibrierenden Geflecht aus Sinnlichkeit, Spiritualität und jugendlicher Verwirrung.
Schon die Eröffnung – ein Ohr, das die vielen kleinen Geräusche der Messe in einer Mädchenschule aufsaugt – macht klar, dass dieser Film stark über das genaue Hören und Beobachten erzählt. Im Zentrum steht die 16-jährige Lucija (großartig gespielt von Jara Sofija Ostan), deren verträumten Blick die Kamera liebevoll einfängt. Sie verliebt sich sofort in die Neue: Ana-Marja, selbstbewusst, mit Lippenstift und orangefarbenem Pullover. Zuhause wacht eine strenge Mutter, doch im Kloster, wo der Chor probt, öffnen sich Räume, in denen Lucija erstmals ihren eigenen Körper und Sexualität wahrnimmt.
Djukić arbeitet mit einer poetischen Bildsprache, die nie plump wird. Schnitte auf Rosenknospen, auf eine stilisierte Vulva in einem Fresko. Diese Metaphern verweben sich organisch mit der Handlung, verschränken Sinnlichkeit und Religiosität. Djukić setzt den aufkeimenden körperlichen Reiz der Mädchen dem Keuschheitsgelübde der Nonnen entgegen. Gleichzeitig bleibt „Little Trouble Girls" geerdet. Der seltsame Gesangslehrer in seinen zu kurzen Hosen mobbt Lucija, während die mehrstimmigen Chorpassagen emotionale Spannungen überlagern.
Visuell ist der Film ein Ereignis. Die Nähe zu Céline Sciamma ist spürbar, ebenso der Einfluss von Lucrecia Martel, doch „Little Trouble Girls" behauptet eine eigene Handschrift. Dass der Film in der Berlinale-Sektion „Perspectives" den FIPRESCI-Preis gewann und Sloweniens Oscar-Beitrag 2026 ist, überrascht nicht – er wirkt wie das Versprechen einer neuen, aufregenden Regie-Stimme.
„Little Trouble Girls"
(Slowenien/Italien/Kroatien/Serbien 2025) Regie: Urska Djukic, mit Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, 89 Minuten, FSK: ab 12
27.1.26
22.1.26
Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren
Die Doku-Fiktion versucht, die berühmte Kinderbuchautorin anhand ihrer erst 2015 veröffentlichten Kriegstagebücher neu zu entdecken, bleibt dabei jedoch weit hinter deren Potenzial zurück. Originalpassagen vom Schrecken des Krieges aus den Tagebüchern von 1939 bis 1945 werden vorgelesen und vom meist posierenden Ensemble (Sofia Pekkari, Tom Sommerlatte) begleitet. In Dokuszenen rekapitulieren Tochter Karin Nyman, Enkelin Annika Lindgren und Großenkel Johan Palmberg Episoden aus Lindgrens Leben, wirken jedoch erstaunlich distanziert. Einzig Karin liefert mit der Entstehungsgeschichte von „Pippi Langstrumpf", erzählt an ihrem Krankenbettchen, einen lebendigen Moment. Ein unangenehmes Déjà-vu: Der intensive Film „Bereits Astrid" hatte 2018 alles eindringlicher gezeigt. Die bemühten szenischen Rekonstruktionen und blassen Impressionen an Originalschauplätzen erreichen kaum das Niveau gängiger TV-Dokus. Nur einzelne Gedanken der jungen Mutter eines unehelichen Kindes und der frühen Feministin über Humanismus, Krieg und Verfolgung lassen die Kraft von Lindgrens Stimme aufleuchten.
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Schweden 2025), Regie: Wilfried Hauke, mit Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, 100 Minuten, FSK: ab 12
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Schweden 2025), Regie: Wilfried Hauke, mit Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, 100 Minuten, FSK: ab 12
18.1.26
Smalltown Girl
Nore reißt in den Bars immer andere Männer für eine Nacht oder weniger auf. Dieses Mal geht sie mit der schüchtern-naiven Jonna nach Hause, die gleich bei ihr einzieht. Neugierig kratzt die neue Freundin am scheinbar lustvoll hedonistischen Leben Nores, das sich jedoch als Flucht vor etwas entpuppt. Als es Nore richtig schlecht geht, nimmt das keiner ihrer One-Night-Stands ernst. Nur der Freund von Jonna ahnt, dass etwas nicht in Ordnung ist.
Regisseurin Hille Norden gelingt die radikale Aufarbeitung einer traumatischen Vergangenheit ohne Voyeurismus. Im Gegenteil: Die Sexszenen werden zunehmend unerträglich. In ihrem autobiografischen Film inszeniert sie mit starken Effekten den Moment, in dem Nores Fassade zusammenbricht und die Erinnerung an frühen Missbrauch zurückkehrt. Vor allem in der Zwiesprache mit der jüngeren Nore packt der Film durch eine ganze Reihe großartiger und berührender Bilder sowie mit einer ästhetisch äußerst gekonnten Verbindung der Zeitebenen. Hauptdarstellerin Dana Herfurth beeindruckt mit enormer emotionaler Bandbreite ihrer Figur.
„Smalltown Girl" (Deutschland 2025) Regie: Hille Norden, mit Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, 110 Minuten, FSK: ab 16
Regisseurin Hille Norden gelingt die radikale Aufarbeitung einer traumatischen Vergangenheit ohne Voyeurismus. Im Gegenteil: Die Sexszenen werden zunehmend unerträglich. In ihrem autobiografischen Film inszeniert sie mit starken Effekten den Moment, in dem Nores Fassade zusammenbricht und die Erinnerung an frühen Missbrauch zurückkehrt. Vor allem in der Zwiesprache mit der jüngeren Nore packt der Film durch eine ganze Reihe großartiger und berührender Bilder sowie mit einer ästhetisch äußerst gekonnten Verbindung der Zeitebenen. Hauptdarstellerin Dana Herfurth beeindruckt mit enormer emotionaler Bandbreite ihrer Figur.
„Smalltown Girl" (Deutschland 2025) Regie: Hille Norden, mit Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, 110 Minuten, FSK: ab 16
3.1.26
Ein einfacher Unfall
Sein neustes Drama brachte dem gefeierten, verfolgten und inhaftierten iranischen Regisseur Jafar Panahi 2025 nach Erfolgen in Berlin und in Venedig die Goldene Palme in Cannes. „Ein einfacher Unfall" ist sein bislang politischster Film: In reduziertem Stil und heimlich mit versteckter Kamera aufgenommen, erzählt er ein Drama unter religiöser Diktatur, das zwischen Thriller und Komödie wechselt, dabei oft dokumentarisch wirkt. Lange bleibt offen, warum Vahid einen Familienvater verfolgt, bis er diesen plötzlich entführt. Das quietschende Holzbein des im Van Gefesselten gehört wahrscheinlich Eghbal, einem Folterer des Systems. Um Zweifel auszuräumen, kontaktiert Vahid auf einer ebenso spannenden wie komischen Odyssee weitere Folteropfer. Im engen Transporter schwankt bald eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Selbstjustiz und moralischen Fragen. Raffiniert inszeniert verbindet Panahi politische Brisanz mit fesselnden Beobachtungen menschlichen Verhaltens. Ein klug geschriebener, kompromissloser Film, der das Publikum mit bohrenden Fragen zurücklässt.
„Ein einfacher Unfall" (Frankreich/Luxemburg 2025), Regie: Jafar Panahi, mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 104 Minuten, FSK: ab 16
„Ein einfacher Unfall" (Frankreich/Luxemburg 2025), Regie: Jafar Panahi, mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 104 Minuten, FSK: ab 16
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