27.12.16

Die Überglücklichen

Italien, Frankreich, 2016 Regie: Paolo Virzì mit Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Valentina Carnelutti , Tommaso Ragno 116 Min. FSK: ab 12

Was für eine Rolle für die grandiose Schauspielerin und Regisseurin Valeria Bruni Tedeschi! Sie gehabt sich als Maria Beatrice Morandini Valdirana wie die Leiterin einer psychiatrischen Anstalt für Frauen, schreitet mondän und herrlich herrisch über den Hof der Landkommune, erinnert an Anstand und treibt die anderen wortreich bei der Arbeit an. Selbstverständlich ist Maria Beatrice selbst nur eine Patientin, auch wenn vielleicht ihre Familie tatsächlich einst das Landgut stiftete. Obwohl es eine dieser typisch italienischen freien Anstalten ist, darf Maria nicht raus. Sie wurde zweifach verurteilt und steht unter Aufsicht. Maria ist nicht nur geschwätzig, sie ist auch neugierig. So neugierig, dass sie sich als Ärztin ausgibt, um bei dem schroffen Neuzugang Donatella (Micaela Ramazzotti) alle Details und Hintergründe zu erfahren. Maria hat George Clooney und Armani in ihrer Kontaktliste, redet ununterbrochen von ihren Treffen mit Berlusconi und den Clintons sowie von ihren guten Beziehungen zu guten Anwälten. Die sie mit nächtlichen Anrufen belästigt, bis es eine gerichtliche Verfügung gibt.

Tatsächlich entwickelt sich zwischen der chicen Frau, die Dior-Kleider trägt, und der trashigen Donatella mit den vielen Tattoos auf dem ausgezehrten Körper eine Zusammenarbeit. Die neurotische Expertin in der Haltung und Stilfragen organisiert schon mal eine eigene unheilige Messe mit gesammelten Medikamenten und geklautem Rotwein. Nach der gemeinsamen Flucht mit dem Linienbus helfen sich Maria und Donatella, dem Grund ihrer Leiden näher zu kommen: Die Dame aus besserer Familie lässt sich wieder von ihrer asozialen großen Liebe erniedrigen und die sensible jüngere Frau versucht, ihren Sohn zu treffen, der seit Donatellas Selbstmordversuch bei Adoptiveltern lebt.

Diese wunderbare Geschichte von Autorin Francesca Archibugi und Regisseur Paolo Virzì („Die süße Gier - Il Capitale Umano") ist eine Mischung aus „Eine floh aus dem Kuckucksnest" und „Thelma & Louise", bei der sich die beiden Ausflüglerinnen regelmäßig gegenseitig fragen, ob sie verrückt seien! Wobei „Die Überglücklichen" in der Tragikomödie selbstverständlich nicht wirklich glücklich sind, aber mit ihrem Ausflug das Unglück ein Stück hinter sich lassen können.

Valeria Bruni Tedeschi, die ehemalige Schwägerin von Nicolas Sarkozy, zaubert mit ihrem sagenhaften Spiel haufenweise extreme Zustände auf die Leinwand. Sie hat eine Rolle, so einfühlsam persönlich und gleichzeitig politisch wie bei ihren eigenen Regie-Arbeiten. Bruni Tedeschi stammt wie die Halb-Schwester Carla Bruni aus einer italienischen Industriellen-Familie. Sie scherzt als Maria über Verhältnisse zu wesentlich jüngeren Männern und war mit dem 19 Jahre jüngeren Schauspieler Louis Garrel zusammen. Ihre reale Mutter Marisa Borini spielt (wie schon in den drei eigenen Filmen der Tochter) erneut ihre Film-Mutter. Und beschwert sich, dass sie durch das Verhalten der Tochter so verarmt sind, dass sie ihre Villa für Dreharbeiten italienischer Filme zur Verfügung stellen müssen - furchtbar! Das ist auf der stimmigen psychologischen Ebene nur eines von mehreren schwierigen Mutter-Tochter-Verhältnissen. Ein substantielles Thema, bei dem jede Schwermut weggeweht wird, wenn Maria und Donatella als vermeintliche Komparsen in Kostüm einen Film-Oldtimer entführen.

Es gibt eine großartige Szene bei einer Wahrsagerin, viele Straßenszenen aus dem echten Leben zwischen Party- und Urlaubs-Menschen und einen Einblick in die spezielle italienische Psychiatrie. Vor allem gibt es, auch wenn sich immer die Frage stellt, was ist Wahnsinn, was Wahrheit, viele echte Gefühle. „Die Überglücklichen" zeigen keinen einseitigen Kampf einer Heldin gegen die Institutionen. In dieser großartigen, sehr berührenden Tragikomödie kann man beide Seiten bestens verstehen.

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