14.11.16

Paterson

USA, Frankreich, BRD, 2016 Regie: Jim Jarmusch mit Adam Driver, Golshifteh Farahani 123 Min. FSK: ab 0

Paterson ist eine Stadt in New Jersey, die das übliche Maß an Prominenz beheimatete, mit der sich jeder Ort schmückt, der sonst nicht viel zu bieten hat: Der Beat-Poet Alan Ginsberg, der Boxer „Hurricane" Carter, von Denzel Washington im Film gespielt und von Bob Dylan besungen, die Soul-Musiker Sam & Dave, der Anarchist Gaetano Bresci und nicht zuletzt der Dichter William Carlos Williams.

Paterson ist auch ein Dichter. Und Busfahrer. In Paterson. Jeden Morgen wacht Paterson (Adam Driver) neben seiner Freundin auf, frühstückt alleine, geht zur Arbeit und lässt sich auf seinen Wegen inspirieren. In der Mittagspause an einem Wasserfall notiert er seine sehr schönen, einfachen Gedichte, die sich nicht an großen Begriffen abarbeiten, und gleichzeitig auf der Leinwand geschrieben auftauchen. In seiner Lunchbox findet er witzige Muffins oder auch mal eine Postkarte mit Dante.

Paterson ist die Buslinie Nr. 23, in der sich ein Großteil des möglicherweise auch surrealen Tagesablaufes von Paterson abspielt. Er sieht Pärchen überall und sogar Zwillinge. Man hat das Gefühl, völlig Unsinniges, Unmögliches könnte passieren, ein „Barton Fink"-Gefühl. Aber Paterson nimmt fast alles stoisch auf, beginnt im Kopf schon ein neues Gedicht.

Paterson wirkt zeitlos in seiner Uniform, ganz ohne Smartphone. Nur seine Freundin hat ein Laptop und einen iPad. Sowie haufenweise hyperkreative Ideen. Die erstaunliche Laura - begeisternd gespielt von der Iranerin Golshifteh Farahani aus „Stein der Geduld" - überrascht mit ihren wechseln Wünschen, Gitarrenspiel zu lernen oder ein Cupcake-Imperium zu gründen. Die Wohnung malt sie sowieso täglich neu an. Auch mit Bildern der eifersüchtigen Dogge Marvin, die Paterson jeden Abend ausführt, um selbst in der Bar ein Bier zu trinken. Zwischen Marvin und Paterson wird sich das einzige Drama des Films ereignen.

„Paterson" ist der neue Film von Jim Jarmusch und der war in den letzten Jahren immer ein Grund zur Freude: „Dead Man" mit Johnny Depp und der Musik von Neil Young, „Broken Flowers" (2005) mit Bill Murray, der surreale Detektiv-Film „The Limits of Control" (2009), „Ghost Dog: Der Weg des Samurai" (1999) mit Forest Whitaker, die geniale Doku „Year Of The Horse" (1997). Im Gegensatz zum letzten Jarmusch, dem sagenhaften Vampirfilm „Only Lovers left alive" (2013) mit Tilda Swinton ist diesmal der Ton ganz leise fesselnd.

„Paterson" beginnt seine sieben Tage täglich gleich. Zu den Wiederholungen gehören die Träume der Freundin, das Jammern des Kollegen. Wunderbar ist dieser neue Jarmusch in den kleinen Variationen eines nur scheinbar einförmigen Ablaufs des Tages. Das ist höchst vergnüglich, ganz ohne Oneliner oder Schenkelklopfer.

„Paterson" ist selbstverständlich auch eine Variation des lässigen Film-Gestus von Jarmusch, ebenso ein Stadtporträt wie „Mystery Train", dem Episodenfilm in Memphis, Tennessee. Aktuell taucht zwar nicht Elvis auf, aber immerhin wieder Masatoshi Nagase, der schon damals ein japanischer Tourist war. Selten kam Bekanntes so unterhaltsam, raffiniert und geistreich daher wie in diesen sieben Tagen von Paterson. Das ist einzigartig, doch nach zwei Stunden ruhigstem Filmgenuss, ja Film-Gedicht würde man sich über „Paterson 2" keineswegs beschweren.

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