12.4.16

The Lady in the van

Großbritannien 2015 Regie: Nicholas Hytner mit Maggie Smith, Alex Jennings, Jim Broadbent 105 Min. FSK: ab 6

Ganz anders als der Trailer vorlügt, handelt es sich bei „The Lady in the van" keineswegs um eine nette Komödie über eine schrullige, obdachlose alte Dame. Maggie Smith („Downton Abbey") spielt zwar auf grandios mutige und kauzige Weise diese stinkende und zickige Plage eines schnieken Stadtteils in London. Doch die postmoderne Selbst-Bespiegelung von Autor und Hauptfigur Alan Bennett (doppelt: Alex Jennings) und die spöttische Analyse der intellektuellen Snobs des Viertels machen das schöne, stille Werk zu einer reizvollen und berührenden Kino-Besonderheit im Stile von Spike Jonze „Adaptation" aus der Feder von Charlie Kaufman.

Alan Bennett (Alex Jennings) ist ein melancholischer, einsamer und schwuler Theaterautor, der auf der Londoner Westend-Bühne recht erfolgreich einen Monolog über seine Mutter hält. Sein neues Häuschen steht im Stadtteil Camden Town inmitten von Künstlern und Kreativen, die sich links und tolerant geben. Doch eine außergewöhnliche Nachbarin wird Anfang der 70er diese Toleranz auf die Probe stellen: Die wohnungslose Miss Mary Shepherd (Maggie Smith) zieht mit ihrem Van von Haus zu Haus im Viertel, parkt mal vor der Nr. 48, dann fällt das stinkende Los auf die 57. Nur mit Musik kann man das zeternde und keifende Bordstein-Belagern verhindern, die kann Miss Shepherd überhaupt nicht ausstehen. Auch Bennett kann die „Dame", die selbst auf Geschenke und Essensgaben nur frech reagiert, nicht leiden. Doch als neue Parkregeln eingeführt werden, nistet Mary ihren Van in seiner Einfahrt ein. Und der einsame Mann fühlt sich besonders verantwortlich - auch wenn er seine Toilette nach einem Besuch der alten Dame immer stundenlang reinigen muss. Mary interessiert auch den Schriftsteller Bennett, weil sie unter all dem Müll im Van auch eine sehr tragische Geschichte mit sich herumschleppt.

Maggie Smith spielt mit dem faltigen Gesicht einer Schildkröte und mit viel Mut zu ordinärer Mimik. Hinter einer Fassade aus Hilflosigkeit versteckt sie die Gerissenheit der verzweifelten Schmarotzerin. Das war schon 1999 ihre Rolle, als Bennett die Geschichte auf die Bühne brachte. Diesen Brettern, die hier eine Innen-Welt bedeuten, sind auch die wunderbar spitzen Kommentare geschuldet, die wichtiger als Handlung sind. Zur schillernd geschilderten Vielfalt übler Gerüche gesellen sich Bemerkungen der pikiert scherzenden Nachbarn, dass die Flecken der Inkontinenz wohl „kein Fashion Statement seien".

Selbst wenn diese ungewöhnliche, witzige und rührende Nachbarschaft so geschehen sein soll, die künstlerische Bearbeitung des realen Autors Alan Bennett bietet viel mehr als äußerlich originelle 15 gemeinsame Jahre. Ganz selbst verständlich tritt der Autor Bennett im Film mit seiner nasal quengelnden Stimme immer doppelt auf. Nicht nur weil „Schreiben mit sich selbst reden ist". Der eine Bennett schreibt, der andere, der eher klägliche lebt. Mehr schlecht als recht, was ihm der Schreiber unverhüllt vorwirft. Dass sich die beiden im Laufe der Entwicklung um Miss Shepherd besser verstehen, weil der eine dem anderen endlich etwas verwertbares Leben liefert, gehört zu den anderen schönen Geschichten hinter dem Van der Pennerin.

Regisseur Nicholas Hytner hatte schon 2006 Alan Bennetts Bühnenstück „The History Boys" verfilmt. Sein filmischer Paukenschlag war allerdings bisher „The madness of King George" („King George - Ein Königreich für mehr Verstand", 1994). Nun vollendet er Bennetts Geschichte, indem der Film in der Straße und dem Haus gefilmt wurde, in denen Bennett und Miss Shepherd jahrelang lebten. Der echte Autor rollt sogar selbst - immer noch auf dem Fahrrad - am Set auf, wo Komponist George Fenton sich selbst dirigiert. Ein perfektes Kunststück.

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