19.4.16

Die Kommune

Dänemark 2015 (Kollektivet) Regie: Thomas Vinterberg mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrøm Hansen, Lars Ranthe 111 Min.

Thomas Vinterberg ist einer der bemerkenswerten Regisseure unserer Zeit: Als Mitinitiator des Dogma-Manifestes reizte er die Möglichkeiten des Erzählens aus. Das Familiendrama „Das Fest" gewann 1997 Preise in Cannes und wurde zur europäischen Entdeckung des Jahres gewählt. 2012 sorgte „Die Jagd" mit Mads Mikkelsen in der Rolle eines fälschlich Beschuldigten erneut in Cannes für Aufregung. Nun demaskiert Vinterberg in „Die Kommune" das freie WG-Leben der späten Sechziger als erschütternd verantwortungslos. Für Hauptdarstellerin Trine Dyrholm gab es bei der Berlinale 2016 den Preis als Beste Darstellerin.

Es ist die klassische Kernfamilie, die sich in den 70er die geerbte Villa in einem Kopenhagener Nobelviertel anschaut: Erik (Ulrich Thomsen) und Anna (Trine Dyrholm) erkunden mit dem Sohn die vielen Etagen und Zimmer. Doch obwohl sie prominente Nachrichten-Sprecherin ist und er als Architektur-Professor lehrt reicht das Geld nicht. Mieter - lautet seine pragmatische Lösung. Eine WG will sie, begeistert von der Aufbruchsstimmung der Zeit. Und auch etwas gelangweilt vom Eheleben: „Du redest nur, bringst mich zum lachen, aber ich habe schon alles gehört", lautet ihre kalte Ansage, die sich rächen wird!

Nach einem witzigen Casting von allesamt komischen Mitbewohnern, deren problematische Seite direkt deutlich wird, überschreibt Erik sogar sein Erbe der Gemeinschaft. Und sucht sich bald als Gegengewicht die junge Studentin Emma als Geliebte (Helene Reingaard Neumann). Aus dem ulkigen WG-Chaos mit dem weinerlichen schwedischen Flüchtling, der nie Geld hat, mit der herrischen Linken und dem kleinen Jungen, der jederzeit sterben könnte, kristallisiert sich langsam das Drama der betrogenen Anna heraus. Denn selbst als Emma komplett einzieht, statt wie verabredet nur eine Weile zu bleiben, bleibt Anna den großen Idealen der Gemeinschaft treu und erträgt den lauten Sex des Ex im Nebenzimmer.

Thomas Vinterberg, der international gefeierte Regisseur, der selbst in einer Wohngemeinschaft aufwuchs, rechnet in diesem bitteren Drama, von Trine Dyrholms Spiel mit kaum aushaltbaren Leid ausgestattet, mit dem bunten WG-Ideal und dem Image einer uneigennützigen Hippie-Generation ab. Das Drehbuch, das er zusammen mit seinem ebenfalls exzellenten Ko-Autor Tobias Lindholm („A war") schrieb, zeichnet den Niedergang der Utopie in vielen Details feinsinnig und lebendig nach. Und auch psychologisch ist „Die Kommune" stimmig und äußerst packend. Wie sich der etwas ältere Erik unter all den Gutmenschen schnell einsam fühlt, wie Anna bis zum Zusammenbruch an der Idee der Gemeinschaft festhält und wie vor allem der kleine Sohn viel zu viel mitbekommt. In dem wunderbar reichen Film ist auch noch Platz für seine schöne Geschichte und seinen Ausweg.

In vielen Schichten und passenden Bildern umfasst „Die Kommune" das ganze Leben. Vom freizügigen und vertrauten Sex bis zum Tod - eines Kindes und einer Idee. Das ist höchste Drehbuch- und Inszenierungskunst. Lässt aber vor alle Trine Dyrholm strahlen, die das Leiden ihrer Figur mit schmerzlicher Offenheit spielt. Ein filmischer Diamant, der in vielen Facetten schillert und der dem Zeitalter der Liebe mit Elton Johns „Goodbye Yellow Brick Road" kongenial einen Abgesang bereitet.

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