30.4.16

A Bigger Splash

Italien, Frankreich 2015 Regie: Luca Guadagnino mit Tilda Swinton, Matthias Schoenaerts, Ralph Fiennes, Dakota Johnson 124 Min.

Die Leinwand bebt, wenn Tilda Superstar auf die Bühne tritt. Dann wird es sehr still um den Rockstar - Marianne (Tilda Swinton) muss nach einer Operation an den Stimmbändern schweigen. Was in den schönen und intimen Momenten mit ihren Freund Paul (Matthias Schoenaerts) während eines italienischen Insel-Sommers gar nicht schlecht aussieht. Sogar sehr gut, denn dieser sinnliche Film ist wieder von Luca Guadagnino, der in „I Am Love", auch mit Tilda Swinton, eine der erotischsten Liebesszenen mit feinem Gespür auf die Leinwand brachte.

Die Ruhe ist allerdings hin, als Harry (Ralph Fiennes) auftaucht, Mariannes Ex-Freund in Begleitung seiner Tochter Penelope (Dakota Johnson). Der Musikproduzent, auch der Stones, der Gast, der sich selbst eingeladen hat, redet ununterbrochen und ungehemmt. Hardy ist Pauls alter Freund aber vor allem Mariannes alter Liebhaber. Sechs Jahre hatte sie mit ihm, nun sechs Jahre mit Paul. Wie die jeweils sechs Songs auf den beiden Seiten alter Vinyl-LPs, wie die vorlaute Penelope es dem ihrer Meinung nach „häuslichen Rockstar" vorträgt.

Die sehr vertraute, intime Zweisamkeit ist aufgebrochen. Harry lädt sich noch seine Freunde ein, nun könnten sie nicht mehr frei und nackt sein, bedauert Paul. Eine Rücksicht, die Harry völlig fremd ist. Er hüpft herum, wie er will, und sagt auch, was er will. So kommt Pauls Selbstmordversuch und die Sucht ins Gespräch. Wobei Harry, die britische Billig-Variante eine schöpferischen und zerstörerischen Shiva, letztlich Marianne zurückholen will. Die junge Tochter ist ihm dabei behilflich, auch wenn Paul sich wenig interessiert zeigt.

Zwar ist „A Bigger Splash" ganz klar ein in den Grundzügen wenig verändertes Remake des französischen Klassikers „La Piscine" (Der Swimmingpool) aus dem Jahr 1969 mit Romy Schneider und Alain Delon. Doch man sollte sich nicht am freudlosen Vergleich abarbeiten. Regisseur Luca Guadagnino begeistert erneut mit einer Vielzahl intensiver, sinnlicher und packender Szenen. Anfangs gibt es Sex und Rock'n'Roll in dichter, rascher Folge. Im Drama um Verführung und Eifersucht verstecken sich die Protagonisten gerne hinter verspiegelten Brillen, oder hinter einer ärztlich verordneten Schweigepflicht.

So entspannt sich ein Kampf um das bessere Leben: Paul sei gut für Marianne aber angeblich langweilig, meint Harry. Der sorgt selbst beim altbackenen Dorffest mit der Tochter beim Singen von „Unforgettable" (einst im Duett von Nat King Cole mit seiner Tochter Natalie) für Gänsehaut. Und fängt sich den Verdacht ein, er würde seiner Tochter, die er erst seit wenigen Monaten kennt, zu nahe kommen. Dann geschieht ein Mord und nun wechselt die enorme Spannung zwischen den Personen zur Form des Krimis. Die Musik geht - alles andere als unauffällig - vom Rock zur kraftvollen Klassik über.

Vielschichtig fächert Luca Guadagnino die Beziehungen des Originals auf, erweitert die Verführungen und Eifersüchte des Originals um allgemeinere Themen. Und dann ist ja auch noch dieser Stachel der allgegenwärtigen Flüchtlinge, denn die italienische Insel stellt sich als Lampedusa heraus: Zuerst erschrecken sie ein wenig, dann versucht man ihnen tatsächlich die Täterschaft in die abgelaufen Schuhe zu schieben. Und letztlich ist es die Flüchtlingssituation, die verhindert dass eine Form von Gerechtigkeit obsiegt.

Ralph Fiennes gibt Harry auf überraschend faszinierende Weise als hyperaktiver Spinner und kann sogar Tilda Swinton die Show stehlen. Der belgische Shooting Star Schoenaerts erweitert mit ihr nach Kate Winslet („Die Gärtnerin von Versailles"), Marion Cotillard („Der Geschmack von Rost und Knochen") und Alicia Vikander („The Danish Girl") seine Filmaffären mit attraktiven Filmfrauen und kann im Vergleich mit Alain Delon mithalten. Die Bilder schwelgen in allem, was Lampedusa der Kamera bietet. Und genauso suhlt sich Regisseur Luca Guadagnino auf schöne und fesselnde Weise in menschlichen Regungen und Zuckungen.

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