15.2.16

Colonia Dignidad

BRD, Frankreich, Luxemburg 2015 Regie: Florian Gallenberger mit Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist 110 Min. FSK: ab 16

Colonia Dignidad stellt ein besonders düsteres Kapitel deutscher und chilenischer Geschichte da: Die Siedlung einer Sekte von deutschen Auswanderern in Chile unterstützte nicht nur Pinochets Diktatur sogar mit Folterkammern, und half, deutsche Waffen verbotenerweise zu importieren. Die eigenen Mitglieder der Kolonie, auch Kinder und Jugendliche, waren Psychoterror und Vergewaltigungen ausgesetzt. Ahnungslos freut sich die deutsche Stewardess Lena (Emma Watson) im September 1973 bei der Landung in Chile, ihren Geliebten Daniel (Daniel Brühl) wiederzusehen. Und tatsächlich findet sich der importierte Revoluzzer direkt bei einer Protestkundgebung auf den Straßen Santiagos.

Das kurze, romantische Wiedersehen wird brutal unterbrochen, als General Pinochet am 11. September mit Hilfe der CIA putscht und den Präsidenten Salvador Allende umbringen lässt. Daniel wird wie tausend andere „Linke" auf der Straße zusammengeschlagen, verhaftet und von Pinochet-Geheimdienstes Dirección Nacional de Inteligencia (DINA) in ein Folterlager der Armee verschleppt. Lena erfährt, dass Daniel zur Colonia Dignidad gebracht worden ist und verkleidet sich als gottesfürchtige graue Maus, um im obskuren Lager der religiösen Extremisten aus Deutschland aufgenommen zu werden. So gewinnt sie einen Einblick in das brutale Regime des berüchtigten Leiters Paul Schäfer (Michael Nyqvist), der mit Gewalt, Sadismus und Psycho-Terror Menschen erniedrigt, Familien auseinanderreißt und nebenbei der Diktatur dient.

Die Colonia Dignidad, die entgegen ihrem Namen so überhaupt nichts mit „Würde" zu tun hatte, gab es wirklich und trotz andauernder Proteste viel zu lang. Sie wurde aus Deutschland vor allem von CSU-Kreisen unterstützt, diente dem Waffengeschäft mit Mördern und Folterern. Der Film „Colonia Dignidad" von Florian Gallenberger, der 2001 für den engagierten Kurzfilm „Quiero ser - Gestohlene Träume" einen Oscar erhielt, hält sich mit drastischen Darstellungen zurück, ist aber auch so erschreckend genug. Unheimlich, der still weinende Junge, der anfangs aus Schäfers Raum kommt. Brutal, wie junge, kaum bekleidete Frauen von Männer-Horden in einem perversen Akt der Triebabfuhr im Rahmen der strengen Geschlechtertrennung zusammengeschlagen werden - weil sie angeblich „unrein" seien.

Nach eindrucksvollem Start, bei dem sowohl Zauberlehrling Emma Watson als auch der Halb-Spanier Daniel Brühl sehr glaubhaft spielen, gibt es einiges Bedrückendes, aber vor allem Spannung in vorhersehbaren Dramaturgien. Das beginnt damit, dass man direkt weiß, ob Daniel überlebt hat. Gallenberger kümmert sich nicht tiefergehend um die Mechanismen von Politik und Unterdrückung. Das Wesen der Beteiligten, etwa des brutalen Schlägers und Wahnsinnigen Paul Schäfer bleibt Funktion der Spannung, die tatsächlich bis zur letzten Minute packt. Bei vielen Innen-Aufnahmen wird das Innere der Figuren vernachlässigt. Anders als in Marc Brummunds exzellentem „Freistatt" über jugendliche Straftäter in katholischen Besserungsanstalten, der weniger Schwarz-Weiß, aber über das menschliche Wesen wesentlich aufschlussreicher war.

Auch logisch holpert die Handlung öfters. Trotzdem bemerkenswert, wie Michael Nyqvist, Paul Schäfer genial zwischen sanft und gnadenlos, albern und sadistisch spielt. Auch Vicky Krieps zeigt als in der Colonia geborenes Mädchen, das aus der Umzäunung raus kam, ein paar besonders beklemmende Momente. Tragischerweise macht aber erst der Abspann das ganze Ausmaß der Grausamkeiten klar. Man muss dabei erwähnen, dass Kurzfilm-Oscar-Gewinner Gallenberger schon zuletzt mit dem ebenfalls realen „John Rabe" einen historisch höchst interessanten, aber unausgewogenen Film ablieferte. Nun soll er an einem noch unbenannten Milli Vanilli-Project arbeiten.

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