10.2.16

Berlinale 2016: Chi-raq (Wettbewerb außer Konkurrenz)

Chi-raq

USA 2016 Regie: Spike Lee mit Nick Cannon, Teyonah Parris, Wesley Snipes, Angela Bassett, Samuel L. Jackson, Jennifer Hudson, John Cusack 127 Min.

„No Peace, no Pussy" – so klingt das griechische Drama „Lysistrata" von Aristophanes in Chicagos Ghetto-Viertel South Side. Regisseur und Produzent Spike Lee („She's Gotta Have It", „Do The Right Thing", „Inside Man") war eine der Stimmen, die gegen eine angeblich rassistische Auswahl bei den Oscar-Nominierungen protestierten. In seiner ersten Regie seit „Old Boy" in 2013 gelingt ihm ein umwerfend komisches und gleichzeitig erschütterndes Plädoyer gegen die Gewalt, mit denen sich junge schwarze Männer in den Städten gegenseitig umbringen.

Nachdem wieder Opfer der Straßenkämpfe zwischen den rivalisierenden Gangs der Trojaner und Spartaner in ihrem Blut liegen, beschließt eine Gruppe von Frauen, angeführt von der schönen Lysistrata, der immer mehr ausufernden Gewalt mit weiblicher List und Kraft entgegenzutreten. Mit einem Sex-Streik wollen sie die jungen schwarzen Männer, darunter auch Lysistratas Freund, den Rapper Demetrius Dupree, dazu zwingen, die Waffen niederzulegen.

Nicht nur die in Orange und Lila gekleideten Gangs klingen griechisch, Spike Lee begeistert mit kraftvollem, modernem Kino in Versform. Luck reimt sich auf Fuck, deftigster Slang hüllt sich in züchtigem Versmaß, dazu wütende Songs und politische Graffitis. Diese Sprache funktioniert in den verschiedensten Milieus humoristisch und anklagend: Vom leeren Stripper-Club bis zum empörten Muslim-Rat, vom heißen HipHop-Konzert bis ins lustvolle Schlafzimmer. Vom blockierten Muster-Macho bis zum wütenden Priester. Es ist tatsächlich „herrlich" wie die verzweifelten Männlein ihre naturgegebene Überlegenheit total überzeugt mit nur einem begründen: Sie haben einen Penis!

Lee zeigt bei der ungemein starken Geschichte all sein inszenatorisches Können und seinen ganz besonderen Stil. Bei einer besonders heißen Musical-Einlage in Army-Unterwäsche gibt es einen Split Screen, der die Geschlechter trennt. Nicht nur die Worte, auch die Körper sprechen sehr eindeutig und sexy.

Das ist umwerfend komisch, aber auch schockend, wenn ein schleimig-smarter Versicherungsvertreter der Mutter eines schwarzen Jungen eine Lebensversicherung verkaufen will – weil er ja hier sicher nicht lange überleben wird. Chicago trägt in der US-amerikanischen Hip-Hop-Szene den Namen „Chi-Raq". Ein Begriff, der darauf anspielt, dass die berüchtigte South Side als Mord-Hauptstadt der USA gilt. Zwischen 2001 und 2015 starben hier 7356 Menschen durch Waffengewalt, mehr us-amerikanische Soldaten in Afghanistan und Irak. Eine „nationale Notlage", wie Regisseur Spike Lee mit fetten roten Lettern mitteilt. Selten traf der Begriff Tragikomödie mehr zu, hier folgen Lachen und Weinen ganz dicht aufeinander

Dieser grandiose Film ist exzellent gemacht und hochkarätig besetzt: Neben Wesley Snipes als Cyclops, der schon 1986 bei „She's Gotta Have It" dabei war, sind Angela Bassett und Samuel L. Jackson in elegantem ockergelben Anzug mit Hut und Stock als Erzähler Dolmedes zu erleben. John Cusack als Priester des Viertel eine lange, flammende Rede gegen die Waffenhändler, die Arbeitslosigkeit, das mangelhafte soziale Netz, eine umwerfende Szene.

Also genügend KandidatInnen für einen Schauspiel-Oscar. Nur ist „Chi-raq" nicht in den US-Kinos sondern bei Amazon als „Pay per View" gestartet. Er darf deshalb nicht mitmachen. Leider auch nicht bei der Berlinale – hier läuft er außer Konkurrenz. Sonst wäre neben einem Schauspiel-Bären auf jeden Fall ein Preis für das Drehbuch drin gewesen, das Spike Lee zusammen mit Kevin Willmott nach „Lysistrata" von Aristophanes schrieb. Zudem gefällt die sehr zurückhaltende Musik von Terence Blanchard.

Dass dieser großartige und so enorm wichtige, weil für den Frieden in den Ghettos kämpfende Film bisher nur im Fernsehen stattfand, macht tatsächlich noch einmal den Wert auch dieses Filmfestivals deutlich. In einer sehr diversifizierten und verflachenden Medienlandschaft braucht es Festival-Scheinwerfer, die nicht nur am Roten Teppich leuchten, damit solche Werke ihre höchst verdiente Aufmerksamkeit bekommen.

Keine Kommentare: