11.8.17

Locarno 2017 - Reiche Vergangenheit, goldene Zukunft

Das 70. Filmfestival Locarnos wird morgen mit der Preisvergabe beendet

Locarno. Morgen Abend werden in Locarno die Leoparden losgelassen - die traditionellen Preise in Gold und Silber für beste Filme und Darsteller aus einem internationalen Wettbewerb mit 18 Filmen, der wieder nicht viele Nachwirkungen zeigen wird. Mehr Bedeutung für das aktuelle Kino haben die „Piazza-Filme", die um den Publikumspreis konkurrieren.

Nach stürmischen Tagen wird heute Abend alles gut und alles gold sein: Das Wetter hat sich beruhigt, man bangt nicht mehr um den Kino-Abend unter freiem Himmel und um Besucherzahlen, die parallel zu jedem Regen kräftigen fallen. Das Wetter war dann auch der große Aufreger, nicht verwunderlich beim Sommerfestival, das meist durch das Drumherum von Lago Maggiore, italienischer Schweiz und Voralpen umschrieben wird. In dieser Umgebung, irgendwo unten im Lago Maggiore, kommt Afrika als tektonische Platte in Europa an und trifft ausgerechnet direkt auf die reiche Schweiz. Ein schönes Sinnbild für das Aufeinandertreffen verschiedener Kultur im Festivalrahmen. Dass dies nicht ohne Reibung geschieht, zeigte „The Big Sick" von
Michael Showalter auf einfühlsame und sehr humorvolle Weise: Der aus Pakistan stammende Komiker Kumail Nanjiani spielt sich selbst beim wahren Kennenlernen seiner Frau Emily (Zoe Kazan, die Enkelin von Elia). Während seine traditionelle Mutter ihm in Chicago wöchentlich neue Kandidatinnen für eine arrangierte Ehe „zufällig" beim Familienessen vorstellt, fällt die Frau, in die sich Kumail tatsächlich verliebt hat, in ein Koma. Nun lernt der zwischen den Kulturen zerrissenen Komiker die „Schwiegereltern" (eine geniale Holly Hunter und Ray Romano) auf beinahe tragische und umwerfend komische Weise kennen. Plattitüden nur als Satire, auch über 9/11 und Fremdenhass, dafür einfühlsam das Problem geschildert, mit traditioneller Familie in einer modernen Gesellschaft zu leben. Das ist als gelungene Unterhaltung (aus der Aptow-Fabrik) mit Nährwert der perfekte Piazza-Film und Kandidat für den Publikumspreis. („The Big Sick" läuft im November in deutschen Kinos.)

Schon morgen ist in deutschen Previews der gestrige Piazza-Film, die Action-Routine „Atomic Blonde" zu sehen: Charlize Theron spielt die Top-Agentin Lorraine Broughton, die 1989 in Berlin Informationen höchster Brisanz zu besorgen soll. Während man Jürgen Vogel als „Der Mann im Eis" in Sachen Preise durchaus im Regen stehen lassen kann, schockte und berührte das indische Wüstendrama „The Song of Scorpions" von Anup Singh als weiterer heißer Kandidat: Als Nooran, Sängerin, Heilerin, Geburtshelferin und Medizinfrau in der Gemeinde Sindhi im Rajasthan, den Kamelhändler Aadam ablehnt, rächt dieser sich brutal. Doch sie kehrt zurück und besitzt die Fähigkeit, mit ihrem Gesang das Gift der Skorpionstiche zu kontrollieren. Die betörende Golshifteh Farahani („Stein der Geduld", „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache"), die aus dem Iran vertrieben wurde, in der Hauptrolle, eine hochdramatische Geschichte und wunderbare Bilder - da könnte der Publikumspreis einen noch nicht feststehenden Kinostart in Deutschland unterstützen.

Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, war dagegen selten karrierefördernd oder publikumsträchtig: Es begann noch ganz prominent 1946 mit René Clair und 1948 mit Roberto Rossellini. In den letzten Jahrzehnten des Festivals blinken höchstens in den 80ger-Jahren viele Namen wie Jim Jarmusch („Stranger than Paradise"), Wolfgang Becker („Schmetterlinge") oder Terence Davies („Distant Voices, Still Lives") auf. Die letzte Entdeckung Locarnos war 2014 der philippinische Regisseur Lav Diaz, nicht erst seitdem ein Festivalliebling. Und doch zeitigte die Jubiläums-Ausgabe ein tolles Festival, ein Film-Festival mit Zukunft: Am neuen Festivalkino, dem Palacinema, beeindrucken nicht Vergoldung und Kosten von 35 Millionen Schweizer Franken. Es ist die Lage mit großem Vorplatz direkt an einem alten Schloss, die zusammen einen äußerst kommunikativen Ort ergeben. Hier können sich Hardcore-Filmprofis mit kinematografischen Urlaubsgästen treffen, hier kommt der Besucher der benachbarten Festivalkirmes ebenso vorbei wie der Film-Junkie zwischen vierter und fünfter Vorstellung.

Die schönste Erfahrung zum Jubiläum lautet demnach: Das Filmfestival von Locarno lebt und man freut sich auf die weitere Entwicklung. Ein fast verwunschenes Gelände zwischen zugewucherter Kapelle, die Bar wurde, und alternativem Café bietet die aufregend designte Umgebung für neue Reihe „Locarno Talks". Im offenen Diskussionsforum sprach die Tessiner Weltbürgerin Carla Del Ponte, bis letzte Woche Mitglied der UNO-Untersuchungskommission für Syrien, über die Schwierigkeit, Heimat in kriegszerstörten Gebieten wiederzufinden. Die kanadische Elektro-Musikerin und Künstler Peaches diskutierte provokativ über Frauenkörper, über die Probleme, sich im eigenen Körper zuhause zu fühlen. So belebt das Filmfestival nicht nur den verschlafenen Ferienort, es platziert den wachen und engagierten Film auch mitten in aktuelle gesellschaftliche Diskussionen.

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