27.6.17

Sommerfest

BRD 2017 Regie: Sönke Wortmann mit Lucas Gregorowicz, Anna Bederke, Nicholas Bodeux 92 Min. FSK: ab 0

Die Nachricht vom Tod des Vaters erreicht den Schauspieler vom Münchner Residenz-Theater mitten in einer Räuber-Inszenierung. So reist Stefan Zöllner (Lucas Gregorowicz) in wilder Kostümierung und düsterer Schminke direkt mit dem Zug nach Bochum. Das ist die umgekehrte Reiserichtung wie in „Kleine Haie", mit dem 1991 flott und witzig die Karriere des mittlerweile sehr routinierten Regisseurs Sönke Wortmann („Die Päpstin", „Das Wunder von Bern", „Hera Linds Das Superweib", „Der bewegte Mann") begann.

Mit Frank Goosens Roman und Zungenschlag stürzt sich Wortmann nun mitten rein in das Ruhrpott-Leben: Stefan trägt wegen der überstürzten Abreise die Klamotten vom Vater, was hier weitab von irgendeiner modischen Stadt nicht sonderlich auffällt. Die „Omma" vom Büdchen begrüßt ihn herzlich, vom Bismarck-Turm gibt es einen Rückblick über die Geschichte Bochums. Die Bestandsaufnahme bleibt vorerst nüchtern: „Schön sieht es ja nun wirklich nicht aus hier: Keine Berge, keine Arbeit, keine Landschaft." Mit der trotzigen Grundhaltung: „Woanders isset auch Scheiße!"

Das Motto von Stefans Kumpel und von Frank Goosen lautet: „Storys gibt es hier, das glaubst du nicht. Liegen überall rum, man muss sie nur aufheben". Aber wirklich toll sie sind die Geschichten in diesem Film nicht. Sie sind an sich nicht sehr attraktiv, eher grau oder gar tragisch, wie der letzte Auftritt der großen Fußball-Hoffnung bei seinem alten Verein, dessen Karriere mit Beinbruch nach brutalem Foul endet. Bis Stefans alte Liebe, die großartige Charlie (Anna Bederke) auftaucht und so richtig sagt, was Sache ist. Sie hat sogar noch ein Plan und er soll bei dem für die Kultur in einer wiederbelebten Kneipe sorgen. Nun muss sich der träge Stefan zwischen seinem Münchener Leben, das ihn nicht besonders begeistert, und den alten wie neuen Verführungen Bochums entscheiden.

Mit B1-Poetik im Stau und melancholischer Gitarrenbegleitung geht „Sommerfest" mitten rein ins idyllische Ghetto. Alles wie aus dem Film: Die aggressive Anmache unter Freunden, während Fremde wie Stefan wirklich ruppig behandelt werden. „Sommerfest" ist teilweise eine sehr deftige Sozialstudie, dann Liebes- und immer Heimatfilm. Auch wenn Wortmann auf jeden Fall gut inszenieren kann und das mit einer langen Plansequenz im Theater im Stile des Oscar-Überfliegers „Birdman" zur Schau stellt, so richtig toll ist erst die Schlussszene, wenn Stefan und Charlie als Kinder mit den Texten der Erwachsenen gespielt werden. In diesem Sinne und Gefühl ist denn auch der Film allen Jugendlieben gewidmet.

Die nächste Verfilmung eines Romans von Frank Goosen („Liegen lernen", „Radio Heimat"), der selber als Ansager im Fußballstadion zu erkennen ist, reüssiert nach „Radio Heimat" von Matthias Kutschmann und Adolf Winkelmanns „Junges Licht" nicht als der beste Ruhrpott-Film der letzten Monate. Sehr statisch, mit der Melancholie der Ü40er und fast 50er feiert er den Bergbau symbolisch im Museum. Man lacht dumm über Geschichten, die nicht lustig sind, und so - nicht ganz Hymne, nicht ganz Spott - wirkt auch dieser Wortmann oft uninspiriert wie ein Auftragsfilm, obwohl er doch selbst das Buch geschrieben hat.

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