28.6.17

Die Verführten

USA 2017 (The Beguiled) Regie: Sofia Coppola mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning 93 Min. FSK: ab 12

Im Nebel eines ruhigen Morgens klingt der Kanonendonner nur aus der Ferne. Trotz der Kriegsgeräusche scheint man in die zeitlos schwebende Stimmung aus Sofia Coppolas „The Virgin Suicides" einzutauchen, doch zwischen den Pilzen findet das Mädchen Amy einen verwundeten Soldaten. Es ist das Jahr 1864 und Bürgerkrieg im Süden der Vereinigten Staaten. John McBurney (Colin Farrell) wird zum abgelegenen Mädchenpensionat geschleppt, in dem sich neben der Leiterin Martha Farnsworth (Nicole Kidman) und der Lehrerin Edwina Dabney (Kirsten Dunst) fünf Mädchen aus gutem Hause verstecken. Nun pflegen sie nicht nur einen Feind, vor allem ist John ein Mann, und mit so etwas hatten die Frauen seit einer Weile nichts näher zu tun. Die Frage, ob man ihn den eigenen Truppen ausliefern soll, ist fast eine rhetorische. Was mit ihm anzufangen sei, nun er einmal da ist und seine Wunde auch gut verheilt, lässt sich schwerer beantworten.

Mädchen und Frauen machen sich umgehend hübscher, kleine Aufmerksamkeiten konkurrieren eifersüchtig um die Gunst des Hahns im Korb. John selbst nutzt seine Menschenkenntnis zu subtiler Verführung, spielt mit der Situation und die Mädchen gegeneinander aus. Das altmodische Normalformat der Kamera zusammen mit unaufdringlichen Aufnahmen wie unter Naturlicht passen zu einer unspektakulären Inszenierung. Gepflegte Sprache in Wort und Bild. Das makellos gestaltete Offensichtliche verhüllt jedoch kaum das Komische dieser kleinen Abhandlung weiblichen und männlichen Rollenspiels, dieses Ringens eines Übermaß hochgeschlossener Schlichtheit puritanischer Erziehung um Fassung angesichts des knackigen Lustobjekts, das sich auch noch als geschickter Gärtner erweist. Bis die Masken am Wendepunkt fallen und sich eine hässliche Fratze von Macht, Verlangen und Zwang zeigt. Das männliche Prinzip von Gewalt und Krieg hält Einzug in das Südstaaten-Herrenhaus, allerdings tritt ihm eine ebenso klassische weibliche Selbstverteidigung entgegen.

Der Film ist eine Adaption des Romans „The Beguiled" von Thomas Cullinan und Remake eines Don Siegel-Films aus dem Jahr 1970 mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Dieser strotzt schon bei den Beteiligten vor purem Machismo. Sofia Coppola („Lost in Translation", 2003) realisierte nun keine radikale Neuinterpretation oder Modernisierung. Was man erwarten könnte, hat doch die 1971 geborene Tochter der Legende Francis Ford Coppola mit „Marie Antoinette" bereits das Genre des Kostümfilms auf den Kopf gestellt. Trotzdem macht das auf ruhige Weise packende Schauspiel den Blick klarer auf Mechanismen von Anziehung und Gewalt. Diese Sicht ist weder als Parabel zum Leben im Krieg - siehe „InnenLeben" - noch in der Gender-Thematik platt oder banal.

Einerseits sorgen immer wieder fein komponierte Aufnahmen aus der Distanz für einen kritischen Abstand. Andererseits zieht die exzellente Besetzung mit einer manierismen-freien Nicole Kidman („The Hours"), Coppolas Dauer-Darstellerin Kirsten Dunst („Melancholia", „Marie Antoinette", „The Virgin Suicides "), der unfassbaren Elle Fanning („The Neon Demon") und Colin Farrell („Phantastische Tierwesen") derart in den Zwiespalt aus Anstand und Leidenschaft, dass der in Cannes mit dem Regie-Preis ausgezeichnete „The Beguiled" sowohl zum Miterleben als auch zum Überdenken verführt.

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