10.2.17

Berlinale 2017 Eröffnung

„The greatest Berlinale in the world! It's true." titelte die Berliner „taz" gestern ironisch und nahm damit den erwarteten Anti-Trump-Grundton des Festivals vorweg. Die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlins (9.-19. Februar) wurden gestern mit dem nachdenklichen französischen Reinhardt-Porträt „Django" und mäßig viel internationaler Prominenz feierlich eröffnet. Selten war es leichter, das Image des politischsten der großen Filmfestivals zu erfüllen.

Jetzt ist schon klar, dass die Berlinale diesmal eine weitere Bühne der freien Welt gegen den Trump-Wahnsinn sein wird. Jahrzehnte lang gingen die Appelle der eingeschlossenen Stadt über die Mauer in den Osten. Der Aufruf von Bürgermeister Ernst Reuter „Ihr Völker der Welt ... schaut auf diese Stadt", die im Jahr 1949 noch eine geteilte war, wird unter seinem aktuellen Nachfolger Michael Müller allerdings erst einmal zu einem „schaut auf diesen Roten Teppich". Und man muss schon Trump heißen, um die Lücken im Promi-Reigen nicht festzustellen.

Es liegt weniger am Flughafen-Streik von Dienstag als am Filmprogramm, dass nicht so viele Stars bei dieser Berlinale auflaufen werden. Und während früher die Sorge bestand, dass iranische Filmemacher nicht mehr in den Iran kommen, wollen sie und andere nun nicht aus den USA raus, weil sie danach vielleicht nicht mehr rein dürfen. Doch was können in Zeiten, in denen 140 Zeichen per Twitter die Welt regieren und terrorisieren, 140-Minuten-Filme sagen?

Mahnende Eröffnung

Jury-Präsident Paul Verhoeven und Berlinale-Direktor Dieter Kosslick haben gestern die 67. Berlinale eröffnet. Als Gäste der von Anke Engelke moderierten Gala wurden neben vielen anderen die Schauspielerinnen Maggie Gyllenhaal, Julia Jentsch, Iris Berben, Senta Berger, Sandra Hüller, ihre Kollegen Mario Adorf, August Diehl, Armin Mueller-Stahl sowie die Regisseure Fatih Akin, Wim Wenders, Christian Petzold, Oskar Roehler, James Schamus, Volker Schlöndorff und Tom Tykwer erwartet.

Der zur Zeitstimmung um den drohenden Verfall der Demokratie passende Eröffnungsfilm „Django" mahnt jedenfalls auf ergreifende Weise an die furchtbaren Taten des Nazi-Terrors in Europa: Eine Episode im Leben des belgischen Gitarren-Genies Jean „Django" Reinhardt (1910-1953) ist die erfolglose Flucht vor den deutschen Besatzern von Paris in die Schweiz im Jahr 1943. Das Regie-Debüt des französischen Produzenten Etienne Comar („Von Männern und Göttern", „Mein Ein, mein Alles") zeigt den Wandel des unpolitischen Bohemiens zum Komponisten einer ergreifenden „Zigeunermesse" für die verfolgten und ermordeten Gypsies dieser Zeit. Deren Partitur ging tatsächlich verloren, der erhaltene Teil bildet trotzdem den Schlussakkord des Films. Bis dahin erlebt Django (großartig gespielt von Reda Kateb), der ersten Warnungen von Transporten nicht glaubt und von Angeboten der deutschen Militär-Führung zur Truppen-Unterhaltung lebt, wie immer mehr Menschen verhaftet werden und verschwinden. In einer schockierenden Szene werden die Wagen einer befreundeten Sippe im Flammenwerfern abgefackelt. Die absurden Forderungen der Kultur-Nazis, Django dürfte nicht improvisieren, keine „Negermusik" spielen und nicht mit dem Fuß wippen, sind noch der amüsante Teil eines schon verlorenen Kampfes um die Freiheit der Musik und damit der Kultur. Die andere belgische Beteiligung des Films, Cécile de France, verkörpert in der tragischen Figur der gefolterten und gebrochenen musikalischen „Königin von Montparnasse" dieses Ende der Freiheit.

Ein Anti-Trump war schon ganz früh in Berlin und macht passend zur Berliner Stadtregierung auf Rot(h)-Rot-Grün: Richard Gere besuchte bereits am Mittwoch die Grünen und ließ sich von Claudia Roth durch den Bundestag führen. Gestern ging es zu Merkel. Zur Premiere seines Films „The Dinner", einem Vier-Personen-Drama, das heute Abend läuft, ist der charmante Tibet-Verteidiger ebenfalls als Hauptattraktion gebucht.

Auch schon angekommen ist die Angst vor der Bombe! Tatsächlich beschäftigen sich, weil Trump jetzt am Roten Knopf sitzt, gleich drei Filme wieder mit der Atombombe und nur zwei laufen in der historischen Retrospektive „Future Imperfect. Science · Fiction · Film". Mit „Found Fotage" aus altem Dokumaterial zu Atombomben-Explosionen lässt „The Bomb" heute abend mit Live-Musikbegleitung alte Ängste wieder aufleben.

Während die härtesten Fans auch bei Minustemperaturen schon vor dem Festivalhotel Autogramme jagen, stehen nur hundert Meter weiter die anderen Schlange für Antworten, die ihnen heiß begehrte Kinokarten versprechen - auch auf nie gestellte Fragen. Der Gegensatz zwischen Glanz und Inhalt zieht sich durch das ganze Festival: Gegenüber der „Bubble", dem durchsichtigen Iglu von ProQuote, der seit zwei Jahren recht erfolgreichen Aktion für mehr Filme von Frauen, steht wieder der Glasquader von L'Oreal, in dem Frau auf schön und nicht auf gleichwertig geschminkt wird.

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