18.2.17

Berlinale 2017 Abschluss

Heute Abend werden die Preise der 67. Berlinale verliehen (live bei 3Sat), nachdem der wohltemperierte Wettbewerb keine Sensationen, keinen Skandal und auch keine großen Favoriten auf die Goldenen Bären hervorbrachte. Ausgerechnet aus den politisch bedrohlich nach rechts abgewanderten Polen und Ungarn kamen zwei der Publikumslieblinge und die besten Regisseure waren Regisseurinnen.

Das Ende des Wettbewerbs hatte exakt das gleiche Finalmotiv wie der Eröffnungsfilm „Django": Eine dramatische Flucht vor den faschistischen Häschern durch den Wald zur rettenden Grenze. Statt der Nazis in der Biografie von Django Reinhardt sind es im „X-Men"-Ableger „Logan" (außer Konkurrenz) in naher Zukunft die Cyborg-Schergen eines militärisch-pharmazeutischen Komplexes, die Kinder nicht nach Kanada fliehen lassen wollen. Der erstaunlich zeitgemäß düstere Ausblick für die USA gestaltete den Übergang von meist anderen, manchmal besonderen, öfters bereichernden und selten begeisternden Festival-Filmen in den Kino-Alltag gelungen. Hugh Jackman gibt erneut „Wolverine", den populärste Superhelden aus der Spielekiste der X-Men, und verleiht ihm in dem ebenso bewegenden wie eindrucksvollen Spektakel eine enorme Charaktertiefe.

Bevor gestern noch der chinesische Zeichentrick „Hao ji le" (Einen schönen Tag noch) und der rumänische Festivalliebling Călin Peter Netzer (Goldener Bär 2013 für „Mutter & Sohn") mit dem Beziehungsdrama „Ana, mon amour" den Wettbewerb abschossen, wurden die Filme der Ungarin Ildikó Enyedi, der Polin Agnieszka Holland und der Engländerin Sally Potter, allesamt bereits sehr erfolgreiche Ü60-Filmemacherinnen, am höchsten gehandelt. Tatsächlich scheint eine vom deutschen Interessenverband ProQuote weiterhin geforderte, in Realität nicht vorhandene Frauenquote den Wettbewerb gerettet zu haben. Die gleichermaßen poetische wie realistische Liebesgeschichte zwischen traumhaft flirtenden Hirschen im Winterwald und Tierverwertung im Schlachthof bei „Testről és lélekről" (On Body and Soul) von Enyedi („Magic Hunter", „Mein 20. Jahrhundert") ähnelt sogar motivisch Agnieszka Hollands „Pokot". Die Rückkehr von Holland („Der Priestermord", „Hitlerjunge Salomon") auf die große Leinwand nach einem Ausflug in die Welt der Serien, spielt in einer Landschaft mit wechselnden Jahreszeiten, deren wilde Schönheit jedoch nicht über Korruption, Grausamkeit und Dummheit ihrer Bewohner hinwegtäuscht. Ein waghalsiger Genremix aus komischer Detektivstory, spannendem Ökothriller und feministischem Märchen. Ganz in der Geschlechter- und Politik-Kultur drehte Sally Potter, die schon vor einem Vierteljahrhundert mit „Orlando" und Tilda Swinton das Transsexuellen-Manifest gedreht hat, an dem die Gesellschaften noch ranarbeiten, wie im Wettbewerb der chilenische „Una mujer fantástica" mit Daniela Vega eindrucksvoll in der männlich/weiblichen Hauptrolle zeigte. Potter hingegen ist mit „The Party" schon beim Post-Post-Feminismus und sezierte auch diesen so geistreich und komisch, dass sie oder ihr großartiges Ensemble (Patricia Clarkson, Kristin Scott Thomas, Timothy Spall, Bruno Ganz, Cillian Murphy) einen Preis bekommen müssen.

Womit sich im Ausklang der großen Berlinale-Party, bei der über Trump fast so viel geredet wurde, wie über Film, die Frage nach dem Sinn der Sache stellt. Man kann von Spielfilmen, die meist Jahre an Vorlauf brauchen, keinen aktuellen Kommentar zum letzten Twitter-Hirnriss erwarten. Dass „The Party" und „The Dinner" mit Richard Gere zufällig gerade Moral und Politik trotzdem klug verknüpften, liegt an Qualität und Gespür der Filmemacher. Aber ist tagelang im Kino sitzen und dann auf der Pressekonferenz eine Protestnote dranhängen nicht ebenso wirkungslos wie seine Meinung auf Facebook kund zu tun? Lessings alte Theater-Idee von der Katharsis, der Reinigung durch Furcht und Mitleid, übertragen auf die Bildung eines besseren Menschen durch anspruchsvollen Film erweist sich als hinfällig, wenn man nur einmal in das unzivilisierte Gedränge vor den Festivalkinos eintaucht.

Ganz weit weg von großen Fragen waren die zwei extrem schwachen deutschen Spielfilme im Wettbewerb, denen Volker Schlöndorffs Altherren Sentimentalität „Return to Montauk" den Rest gab: Darin taucht der international sehr angesehene deutsche Regisseur („Die Blechtrommel") wieder in das Universum seines Freundes Max Frisch ein. Zu Lebzeiten des Schweizer Dichters verwarfen beide allerdings eine Verfilmung der „zu autobiografischen" Geschichte eines Wiedersehens des älteren und verheirateten Dichters mit der Geliebten von damals. Vorlage ist nun ein Original-Drehbuch, das Schlöndorff gemeinsam mit Colm Tóibín („Brooklyn") schrieb. Doch das Ergebnis ist eine Senioren-Romanze von und für Kreative, die sich großartig und von ihren Frauen verlassen fühlen. Aber sonst nicht mehr viel vom Leben der anderen mitbekommen. „Return to Montauk" quälte den Wettbewerb als beschauliches, träges Kino von gestern. Damit zeigten sich die drei deutschen Starter im Wettbewerb bis auf „Beuys", der als einzige Dokumentation ganz aus der Reihe fällt, komplett deplatziert und enttäuschend. Chancen für Preise gibt ihnen keiner.

Der obligatorische Berlin-Film der Berlinale war diesmal voll bitterer Ostalgie. „In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Regie: Matti Geschonneck) lief in der „Special"-Sektion voller Filme, die sicher im deutschen Kino landen. Bruno Ganz hatte darin seinem zweiten Berlinale-Auftritt. Der größte Führer-Darsteller aller Zeiten zeigt nun einen herrischen SED-Parteigenossen aus dem Osten, der 1989 noch seinen 90. Geburtstag feiert und dann pünktlich zum Ende der DDR den Löffel abgibt. Der renommierte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase verdichtet den Erfolgsroman von Eugen Ruge zu einem filmischen Gesellschaftsbild, in dem 100 Jahre Partei- und deutsche Geschichte am Beispiel einer deutsch-russischen Familie aufgezeigt werden. Am Ende geht es wieder zurück ins sibirische Lager und scheinbar, auch nach dem Eindruck dieser Berlinale, lohnt sich der cineastische Blick nach Osten gerade wieder besonders.

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