20.12.16

Nocturnal Animals

USA, 2016 Regie: Tom Ford mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson 117 Min. FSK: ab 16

Die kühl gestylte Kunsthändlerin Susan Morrow (Amy Adams) lebt in Los Angeles wohl situiert mit ihrem untreuen zweiten Ehemann Hutton Morrow (Armie Hammer). Eines Tages erhält sie von ihrem Ex Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) dessen Roman-Manuskript mit dem Titel „Nocturnal Animals". Es ist ihr gewidmet, „nachtaktiv" nannte er sie früher wegen ihrer Schlaflosigkeit. Der Roman erzählt von einem furchtbaren Verbrechen: Tony Hastings (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal), fährt in einem alten Mercedes mit seiner Familie durch Texas und wird in der Nacht von Ray Marcus (Aaron Taylor-Johnson) und dessen White Trash-Gang von der Straße abgedrängt. Die brutalen Gewaltmenschen entführen, vergewaltigen und töten Frau (Amy Adams) und Tochter.

Das hat anfangs viel von David Lynchs „Lost Highway". Ein Gewalteinbruch, dem der normale Familienvater nichts entgegensetzen kann. Diese Ebene könnte fast in eine der modernen, voyeuristischen und sadistischen Gewaltorgien abgleiten. Doch immer wieder wird der Film im Film gebrochen von den entsetzen Reaktionen der Leserin Susan, die sich im Opfer wiedererkennt. Und schließlich auch von Susans Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit dem Autoren Edward, den sie wohl ebenfalls im Roman sieht.

Diese raffinierte Konstruktion führt zu einem Gegeneinander von einem Arrangement der Gefühllosigkeit und einem Überschuss an vor allem furchtbaren Emotionen. Die Binnenhandlung spielt brutal langsam mit Ängsten und lässt sie dann wahr werden.

Wie Gyllenhaal seine beiden Charaktere anlegt, ist genial und zeigt das Vermögen des Darstellers aus „Donnie Darko", „Prisoners" und „Enemy" abseits der Kassenschlager wie „Nightcrawler" oder „Everest". Amy Adams kann man nach „Arrival" gar nicht mehr loben. Diese herausragenden Leistungen sind jedoch nur Bestandteile eines ganz großen und mutigen Werkes, das 2016 in Venedig einen „Silbernen Löwen" als Großen Preis der Jury erhielt. „Nocturnal Animals" sieht selbstverständlich sehr gut aus (Kamera: Seamus McGarvey von „Anna Karenina" und „Abbitte"), ist mit der Musik von Abel Korzeniowski klassisch spannend, lässt aber vor allem die Verknüpfungen der Ebene zur Interpretation frei. Irgendwann hängt der Begriff „Rache" groß an einer Galerie-Wand. Die (für uns bebilderte) Lektüre und die Unsicherheit über deren Absichten verändern eventuell das Leben von Susan.

Es ist sieben Jahre her, seit der Modemacher Tom Ford sein sensationelles, sehr intimes und intensive Regiedebüt mit „A Single Man" (und Colin Firth) hinlegte. Obwohl es kein Vergnügen ist, bei „Nocturnal Animals" die Ereignisse des Film im Film (mit dem großartigen Michael Shannon als Detective) zu verfolgen, fragt man sich anlässlich des faszinierenden Gesamtkonstrukts, wieso Ford nicht öfter Filme macht. Wie bei „A Single Man" schrieb Tom Ford auch das Drehbuch, diesmal auf der Basis von Austin Wrights Roman „Tony and Susan".

Stil ist dabei für den ehemaligen Designdirektor von Gucci keine Marke. Er ist Thema, sperrt in Mode, Architektur und Kadrierung Susan ein. Inwiefern die staubige Gegenwelt von Texas (von wo Ford stammt) mit Shannon als Cowboy auch als Kunstwelt verstanden werden soll, gehört wieder in das weite Feld der Interpretation dieses außergewöhnlichen Kunstwerks.

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