27.12.16

Einfach das Ende der Welt

Kanada, Frankreich, 2016 (Juste la fin du monde) Regie: Xavier Dolan mit Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Marion Cotillard, Vincent Cassel, Léa Seydoux 99 Min. FSK: ab 12

Mit seinem sechsten Film „Einfach das Ende der Welt" gewann der Kanadier Xavier Dolan in Cannes 2016 den Großen Preis des Festivals und den Preis der ökumenischen Jury. Nach aufsehenerregenden, wilden und berauschenden Filmen wie „Mommy", „Laurence Anyway" oder „I killed my mother" begeistert dieser erste erwachsene Film des 27-Jährigen mit einer sensationellen Darstellerriege und berührt mit schmerzlich einsamer Familiengeschichte.

Der verlorene Sohn, mittlerweile berühmter Schriftsteller, kehrt heim und möchte seinen baldigen Tod ankündigen. Über zwölf Jahre kamen von Louis (Gaspard Ulliel) nur Postkarten mit elliptischen Sätzen, sie kamen zu Geburtstagen und anderen wichtigen Daten, jeder hat eine Sammlung davon. Jetzt steht sich die Familie im dunklen Haus lange verloren gegenüber. Später wird geredet, viel geredet, gestritten und geschrien. Nur kurz unterbrechen Szenen der Erinnerung den verbalen Familienreigen mit groben und sensibleren Menschen: Die empfindsame Schwägerin Catherine (Marion Cotillard) trifft ihn zum ersten Mal und erkennt als Einzige den Grund des Besuchs. Die aufgedonnerte Mutter Martine (Nathalie Baye) zieht gnadenlos ihr Programm durch, die jüngere Schwester Suzanne (Léa Seydoux) weiß nicht, ob sie Ärger oder Bewunderung zeigen soll. Und der cholerisch, extrem missmutige ältere Bruder Antoine (Vincent Cassel) ist einer dieser brutalen Gewaltmenschen, die immer wieder für Katastrophen in Dolans Filmen sorgen. Der berühmte Schriftsteller hat dabei selbst kaum Worte. Der schöne Eingangs-Song von Camille sagt es: Zu Hause ist kein Hafen, zu Hause ist der Schmerz.

Wunderkind Xavier Dolan zeigt auf Basis eines Theaterstücks des Franzosen Jean-Luc Lagarce, dass diese Familie viel weiter als nur einen Flug voneinander entfernt ist. Die einzigen Momente der Nähe im familiären Chaos sind die, in denen die ruhige Filmmusik von Gabriel Yared alles sanft überdeckt. Mit Marion Cotillard („Assassin's Creed"), Vincent Cassel („Der Pakt der Wölfe", „Die purpurnen Flüsse"), Léa Seydoux („Spectre", „The Lobster"), Gaspard Ulliel („Saint Laurent") und Nathalie Baye („Eine pornografische Beziehung") zeigt eine absolut exquisite Auswahl der frankophonen Schauspielkunst, wie angesehen der junge Franco-Kanadier Dolan mittlerweile ist. Und erwachsen, wie er selbst meint. Der Thematik geschuldet, fällt die Inszenierung weniger schrill, mit weniger Trash und Camp als bei seinen vorherigen, tollen Werken aus. Die Menschen schreien immer noch. Und reden viel. Näher kommen sie sich nicht, allein das von Dolan streng komponierte und in Produktion, Regie, Buch und Schnitt überwachte Kunstwerk gewährt mit seinen Bildern und Töne einen gnädigen Blick.

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