13.12.16

Das unbekannte Mädchen

Belgien, Frankreich, 2016 (La fille inconnue) Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne mit Adèle Haenel, Olivier Gourmet, Jérémie Renier 106 Min. FSK: ab 6

Die zweifachen Cannes-Sieger, die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, drehten einen Krimi! Das ist fast sensationell für ihren 10. Spielfilm „Das unbekannte Mädchen", waren die Belgier doch berühmt für ihre Sozialdramen, die ganz nahe dran blieben an ihren Protagonisten in extremen Lebenslagen.

Der jungen Ärztin Jenny (Adèle Haenel) steht eine erfolgreiche Karriere in einer gut situierten Praxisgemeinschaft bevor. Doch einstweilen setzt sie ihre Vertretungsarbeit bei für einen alten Arzt in eher prekären Verhältnissen des Lütticher Vorortes Seraing fort. Kümmert sich dabei engagiert um viele Patienten und den zurückhaltenden Praktikanten, den sie auch mal zusammenstauchen muss. Am Abend nach Ende der Sprechstunde klärt sie gerade die Situation mit dem Praktikanten und lässt ein Klingeln an der Tür unbeantwortet. Am nächsten Tag erfährt sie von der Polizei, dass eine unbekannte junge Frau, die vorher in der Praxis Schutz suchen wollte, tot aufgefunden wurde. Ein Schock für Jenny! Wie in Trance versucht sie mehr zu erfahren und im Viertel mit einem Foto der Toten herauszubekommen, wer die Frau war.

„Ein guter Arzt muss seine Gefühle im Griff haben!" Das prägt „Dr. Jenny" anfangs noch dem Assistenten ein. Die beliebte und außergewöhnlich gute Ärztin gibt sich allerdings nur äußerlich rau. Ein Dankeslied eines jungen Krebspatienten rührt sie später zu Tränen. Getrieben von ihrer inneren Notwendigkeit, etwas mehr über die Tote heraus zu finden, tritt sie mit großen Augen energisch bis rücksichtslos vielen Menschen des Viertels gegenüber. Was durchaus gefährlich sein kann, denn die detektivischen „Hausbesuche" führen Jenny auch zum Besitzer einer illegalen Autowerkstatt (dem das eigene Auto kaputt geht!) und ein paar Typen, die direkt ein Brecheisen herausholen.

Wie schon im letzten Dardenne-Film „Zwei Tage, eine Nacht" ist auch diese Reise und Suche wieder ein Querschnitt durch die Gesellschaft, den nicht wohlhabenden Teil der Gesellschaft. Jenny sorgt sich um illegale Ausländer, bügelt ein krankes System aus, wo der Gaszähler auf Vorkasse umgestellt wird, bei jemandem, der mit von der Diabetes geschwollenen Füßen nicht zum Aufladen der Prepaid-Karte gehen kann. Aber die Menschen kommen auch zu ihr und beichten ihren Zusammenhang mit dem Mord, weil sie mit reinem Gewissen weniger Magenschmerzen haben.

„Das unbekannte Mädchen", eine Geschichten zum Erbarmen, ist auch wegen dem unschuldigen Gesicht der Hauptdarstellerin Adèle Haenel („Liebe auf den ersten Schlag" 2015, „Water Lilies" 2007) berührend, unaufhaltsam und packend. Weil der Film für die Dardennes enorm ereignisreich ist, war doch die Hauptfigur in früheren Entwürfen als Polizistin angelegt.

Mit dem instinktiven humanistischen Akt, einer Toten einen Namen zu geben, ändert Dr. Jenny nicht nur ihr eigenes Leben. Sie wird sich entscheiden, die Praxis im Problemviertel zu übernehmen, in die nur Kassenpatienten kommen. Die scheinbar sinn- und aussichtslose Suche wird fast zur Tat einer Heiligen, wären die Geschichten der Dardennes nicht so wohltuend bodenständig und nahe dran am echten Leben.

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