14.11.16

Radio Heimat

BRD 2016 Regie: Matthias Kutschmann mit David Hugo Schmitz, Jan Bülow, Hauke Petersen, Maximilian Mundt 85 Min. FSK: ab 12

Heimat ist ... auf einem Hügel aus verseuchtem Dreck der Steinkohle-Historie zu stehen und zu sagen „watt ne geile Gegend". „Radio Heimat" sendet auf Basis von Frank Goosens Erzählungen solche und ähnliche kuriose Verhaltensweisen mit verstaubter Ruhrpott-Komik in den Rest der Republik. Aber was bei allen Insider-Scherzchen für Dortmund, Bochum oder Schalke-Fans übersehen wird: Auch Ruhrpott ist längst Hollywood. Deshalb folgt die Handlung Frank (David Hugo Schmitz), Pommes (Jan Bülow), Spüli (Hauke Petersen) und Mücke (Maximilian Mundt), vier Freunden mitten im Pott, mitten in der Pubertät und mitten in den 80er Jahren, die gemäß einer vermeintlichen Kulturkonstanten nichts anderes als Mädchen im Kopf haben. (Im modernen LSBTI-Geiste darf einer schwul sein.) Über die Bagger-Stationen Bergmanns-Gesangsverein, Tanzschule und 80er-Partykeller der Eltern ziehen sich die Annäherungsversuche hin. Wie die Tanzschul-Geschichten von Vater (1964) und Sohn (1983) leidet auch der Film unter häufigen Richtungswechseln ohne Rhythmusgefühl. Das Kapitel „Liebe ohne Raum" über die schwierige Eheanbahnung vom „Vadder" ist eine der wenigen ununterbrochen witzigen Geschichten. Bis beim großen Happy End auf der besoffenen Klassenfahrt alles drunter und drüber geht, sowohl inhaltlich als auch im Stil des Films.

Frank Goosen ist ein begnadeter und moderner Heimatdichter des Ruhrpotts, dessen Spannweite vom kabarettistischen Prix Pantheon (1997) mit dem Duo Tresenleser bis zu Beiträgen im Kicker und einem Sitz Aufsichtsrat des VfL Bochum reicht. Bislang wurde von seinen Romanen und Erzählungen „Liegen lernen" verfilmt. Aber, im Sonnenaufgang zu Geigen ins Meer rennen - das kann Goosen vielleicht erzählen, der Film darf es so banal kitschig nicht zeigen. Es jault und knarzt durchgehend bei dieser Radiosendung aus der Abstellkammer. Viel NRW-Prominenz wie Elke Heidenreich als Tante vom Büdchen, Peter Lohmeyer oder Hans-Werner Olm sondern Ruhrpott-Slang ab: „Woanders ist auch scheiße" oder „Wir sind Strukturwandel". Im Off kommentiert ein halbwegs komischer Erzähler die Episoden, die Dialoge sind schon weniger prickelnd.

Für den Zeitgeist werden Urzeitkrebse getrunken, Yps-Hefte, Rubiks Cube und eine gelbe Plastiktüten von Elpi mit einer LP drin ins Bild gehalten. Dabei wirkt das Ergebnis der eifrigen Requisite meist künstlich. Ein Ford Capri steht auf der Straße rum, ein verfallenes Stahlwerk („das wird mal ne Kulturhauptstadt") ist Treffpunkt der Freunde, Falkos „Junge Römer" und „Goldene Reiter" plärren um die Wette. Um es im knappen Stil der Protagonisten zu sagen: „Radio Heimat"? Kann man machen, muss man aber nich. Wer statt dieser bebilderten Scherzsammlung einen richtigen Film mit Kohlenstaub will, findet „Junges Licht" jetzt ganz aktuell fürs Heimkino.

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