21.11.16

Ich, Daniel Blake

Großbritannien, Frankreich, 2016 (I, Daniel Blake) Regie: Ken Loach mit Dave Johns, Hayley Squires, Micky McGregor 101 Min. FSK: ab 6

Mit dem herzzerreißenden Sozialdrama „Ich, Daniel Blake" gewann der Brite Ken Loach in Cannes 2016 zum zweiten Male die Goldene Palme. Erschreckend und gleichzeitig Mut machend ist das Schicksal des kämpferischen Arbeiters Daniel Blake, auch weil die Schikanen des Sozialsystems wohl eine weltweite Konstante des Neoliberalismus geworden sind.

Nach einem Herzinfarkt versucht der einfache und anständige Durchschnittsengländer Daniel Blake (Dave Johns), der zu seinem eigenen Leid arbeitsunfähig geworden ist, Krankengeld zu erhalten. Doch die Gesundheitsbehörde, die tatsächlich an eine amerikanische Firma „outgesourced" wurde, entschied nach Aktenlage mal dagegen. Eine notwendige Beschwerde verlangt dem Witwer viel Geduld an den stundenlang besetzen Hotlines ab, und dann gibt es eine neue Untersuchung erst in einigen Wochen. Also muss sich Daniel obwohl er gar nicht arbeiten kann, arbeitslos melden, um wenigstens etwas Geld zum Leben zu bekommen. Was ihn vom Regen in die Traufe geraten lässt: Alles geht bei Arbeitsamt nur noch online, wer keinen Computer-Zugang hat, bekommt zwar auch Hilfe. Die Nummer dafür gibt es ... online!

Arbeits- und Sozialamt funktionieren gemäß des zynischen Mottos „Fördern und fordern" mit einem System gnadenloser und absurder Regeln, die von Kafka erfunden zu sein scheinen. Will eine Mitarbeiterin helfen, wird sie brutal abgemahnt. Und wer sich von den „Kunden" angesichts dieser unhaltbaren Zustände beschwert, fliegt raus. Wenigstens beim Sicherheitsdienst gibt es neue Jobs. Nur unter den rausgeworfenen Verlierern gibt es noch Solidarität. Daniel trifft auf die junge Katie. Sie lebte mit ihren beiden Kindern für zwei Jahre in einem Obdachlosenheim und wurde nun aus London nach Newcastle „rausgesiedelt". Der herzkranke Arbeitslose setzt selbstlos sein handwerkliches Talent ein, um Katies erbärmliche Wohnung aufzumöbeln und verkauft schließlich sogar seine eigenen Sachen, damit die noch ärmeren mal wieder essen können. Das alles passiert in England, mit diesem tollen Börsenplatz, der unfassbar viel Geld umsetzt und scheffelt!

Derweil funktioniert das herzlose System der Verhinderung, dass Menschen ihre rechtlichen Ansprüche erhalten, hervorragend. Schon der Stress mit Warteschleifen und Internet-Formularen macht beim Zuschauen wütend. Die kleinen Aufstände des cleveren Daniel sind herzerfrischend. Doch das Aufregen über dieses Gesundheitswesen, ist schlecht für das Herz.

Ein himmelschreiendes Unrecht und Solidarität nur noch bei den ganz Armen - das ist der typische Stoff von Ken Loach, mit den Brüdern Dardenne aus Lüttich, die „Ich, Daniel Blake" ko-produzierten, einer der letzten linken Kämpfer im Regiestuhl. Allerdings sollte man die Beharrlichkeit, mit der Loach für die „kleinen Leute" eintritt, nicht als längst bekannt abtun. Obwohl man meint, die ganzen staatlichen Sauereien aus „Ich, Daniel Blake" zu kennen, sie in diesem Film zu erleben, erschüttert enorm und macht richtig wütend. Eine verdiente Goldene Palme und ein sehr notwendiger Film.

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