8.11.16

Die Mitte der Welt (2016)

BRD, Österreich 2016 Regie: Jakob M. Erwa mit Louis Hofmann, Sabine Timoteo, Jannik Schümann, Ada Philine Stappenbeck 115 Min. FSK: ab 12

Andreas Steinhöfels hochgelobten Roman „Die Mitte der Welt" muss man gar nicht als Empfehlung gelesen haben: Reinen Cineasten sei gesagt, das ist der Autor der tollen „Rico & Oskar"-Kinderfilme. Und der sorgt zusammen mit guter Regie und sagenhaftem Schauspiel für einen richtig schönen, einfühlsamen Familien-, Liebes-, Freundschafts- und Überhaupt-Film.

Der siebzehnjährige Phil (Louis Hofmann) kehrt nach Hause zurück. Wobei es hier schon anfängt, anders zu werden. Das Zuhause ist einerseits eine traumhafte kleine Villa im Grünen. Dann aber auch die sehr unkonventionelle und chaotische Mutter Glass (Sabine Timoteo), die gerade nicht mehr mit seiner Zwillingsschwester Dianne (Ada Philine Stappenbeck) redet. Etwas ist geschehen, was unübersehbar die Wald-Brachen vom letzten schweren Sturm andeuten. Bevor sich die dramatischen Gründe für den Streit erklären, verliebt sich Phil heftigst in den Mitschüler Nicholas (Jannik Schümann). Rat bekommt er bei der besten Freundin der Mutter und ihrer Lebenspartnerin. Sowie bei der eigenen Freundin Kat (Svenja Jung), die so verrückt ist, wie ihre Haare pink sind.

Also eigentlich alles wunderbar in dieser kunterbunten Patchwork-Familie mit Anhang. Aber die wechselnden Männer der Mutter, die meist nur Glass genannt wird, haben auch Einfluss auf die Zwillinge. Nicht nur das Rätsel um den Namen ihres Erzeugers quält, auch die eigenen Beziehungen leiden unter dem Vorbild der Mutter. Diese ist sehr schillernd und nur scheinbar nicht zerbrechlich. Ihr Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert". Das wunderbar offene Verhältnis zu ihr stößt auf Grenzen, sodass die Kinder bald unabhängig voneinander abhauen.

Man ahnt in der Vielfalt der Figuren, Themen und Dramen den Reichtum der Vorlage, die gar mit John Irvings Romanen verglichen wird. Die Verfilmung Figuren konzentriert sich auf Phil und seine erste Liebe, das Verhältnis zur Mutter, zur distanzierten Zwillings-Schwester und zur herrlich verrückten Freundin Kat. Dass Phil „ohne Vaterfigur aufgewachsen und umgeben von dominanten Frauen" ist, tut der Film selbst als Küchenpsychologie ab. Er liefert Besseres, auch in einigen klugen Off-Kommentaren Phils, die wiederum auf das Buch neugierig machen.

Die Leichtigkeit der Inszenierung erlaubt sich mal eine scherzhafte, nette Aufzählung, wer alles ohne Vater aufgewachsen ist, von Clinton bis Luke Skywalker. Dazu werden sehr elegant die unterschiedlichen Zeiten von Erinnerung und Gegenwart des Familienlebens miteinander verbunden. Das größte Pfund neben der Vorlage stellt jedoch das exzellente Schauspiel dar: Sabine Timoteo („Der freie Wille", 2006) macht in der Rolle der äußerst unkonventionellen amerikanischen Mutter die bittere Zerrissenheit dieses Lebensstils in feiner und kräftiger Mimik deutlich. Man sieht Timoteo eindeutig zu selten. Der junge Louis Hofmann gewinnt mit der sympathischen Hauptfigur Herzen, ohne in Schweighöfer-Schmalzigkeit zu verfallen. Eine Überraschung auch Svenja Jung, die im YouTube-Hit „Darth Maul: Apprentice" von Shawn Bu noch eine eher schwache Jedi-Kämpferin hinlegte. Als Phils Freundin Kat spielt sie sich nachhaltig ins Gedächtnis für größere Rollen.

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