24.10.16

Girl on the Train

USA 2016 (The Girl on the Train) Regie: Tate Taylor mit Emily Blunt, Haley Bennett, Rebecca Ferguson, Justin Theroux, Luke Evans 113 Min. FSK: ab 16

Rachel (Emily Blunt) pendelt täglich aus einem Vorort nach New York. Genau vor der Villen-Reihe am Ufer, dort wo sie einst lebte hält, der Zug. Und noch mehr als vom kurzen Blick in fremde Leben ist Rachel fasziniert von einer ehemaligen Nachbarin und ihrem anscheinend sehr aktiven Liebesleben. Bis die blonde Frau auf dem Balkon einen Fremden umarmt und küsst. Rachel steigt am Abend aufgeregt in der alten Nachbarschaft aus und am Tag danach ist das Objekt ihrer Neugierde verschwunden.

Ist Rachel die Mörderin von Megan (Haley Bennett als Jennifer Lawrence-Double)? Nun sind die Eindrücke aus der Perspektive der verlassenen Ehefrau Rachel mit Vorsicht zu genießen. Sie ist Alkoholikerin und zumindest auf der Rückfahrt immer betrunken. Nach der Trennung von ihrem Ehemann Tom (Justin Theroux) hat sie sich nie wieder gefangen und steht zu oft vor dem ehemaligen Heim, in dem Tom nun mit Anna (Rebecca Ferguson) und dem gemeinsamen Kind lebt. Zudem war Megan auch Kindermädchen bei Tom und Anna...

Von einer verspielten Fantasie zum das Leben in fremden Wohnungen entwickelt sich der komplexe und raffinierte Thriller „The Girl on the Train" über das Psychogramm einer verlassenen Frau zur gefährlichen Suche nach einer Verschwundenen. Denn als Rachel mit Hilfe einer ihrer vielen Lügen Scott (Luke Evans), den Freund von Megan, kennenlernt, kann sie mit dieser detektivischen Beschäftigungs-Therapie zeitweise das Trinken aufgeben. Leider ist Rachel für alle Beteiligten und auch für die Polizei höchst unglaubwürdig und sehr verdächtig. Sie selbst erinnert sich nur schemenhaft daran, was sie betrunken am Abend des Verschwindens erlebt hat.

Diese im eigenen Leben heftig entgleiste Rachel ist keine schöne Rolle für Emily Blunt. Die Schauspielerin war bekannt aus „The Huntsman & The Ice Queen", „Edge Of Tomorrow", als leicht durchgedrehte Frau des Bäckers aus der Märchen-Komödie „Into the Woods" und vor allem als zukünftige Herrscherin im Historiendrama „Young Victoria". Nun berührt sie direkt mit ihren Monologen. erschreckt mit den Anzeichen des Verfalls und ist vor allem nie „schön". Auf eingeschränkte Anteilnahme setzt der Film nach Paula Hawkins' gleichnamigen Roman: Gesichter in Großaufnahme sprechen in die Kamera, doch Zweifel untergraben die subjektive Perspektive.

Das Besondere an diesem Film, der erst zum Ende hin ganz Thriller wird, zeigt sich in der zwar verwirrenden, aber stark anziehenden Komplexität der Porträts dreier Frauen: Der Kampf mit sich und der Vergangenheit bei Rachel, die schamlose Verzweiflung einer Verlassenen bis hin zu Gewaltfantasien. Die Zerrissenheit im bürgerlichen Setting an der Seite eines rauen Machos bei der Verführerin Megan, deren Sitzungen bei einem Psychologen wir miterleben. Und irgendwie auch die zickige Ehefrau und Mutter Anne, der man durchaus auch einen Mord aus Eifersucht zutrauen könnte.

Man könnte fast Hitchcock mit einem „Fenster zum Bahnhof" herbeizitieren, denn ganz klassisch führt die Suche nach einem Mörder die gebrochene Heldin letztlich zu sich selbst. Und dass sie sich selbst nicht trauen kann, war schon immer ein starkes Moment der besseren Exemplare in diesem Genre. Aber vor allem das Drumherum von Zeichnung der Figuren bis zum exzellenten Spiel vor allem bei Emily Blunt machen „The Girl on the Train" von Tate Taylor („Get On Up", „The Help") so sehenswert.

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