25.10.16

Die Wildente (2015)

Australien 2015 (The Daughter) Regie: Simon Stone mit Sam Neill, Miranda Otto, Geoffrey Rush, Paul Schneider, Odessa Young und Ewen Leslie 96 Min.

Eine neue Verfilmung von Henrik Ibsens Theaterstück „Die Wildente" führt den Stoff in die Gegenwart und in eine packende Erzählung, unterstützt von einigen der besten australischen Schauspieler: Zur Hochzeit seines Vaters Henry (Geoffrey Rush) mit der sehr viel jüngeren Anna (Anna Tory), seiner ehemaligen Haushälterin, kehrt Christian (Paul Schneider) in seine Heimatstadt zurück. Gerade hat der wohlhabende Henry sein Sägewerk geschlossen, unter den vielen Arbeitslosen ist auch Oliver (Ewen Leslie), ein alter Freund Christians. Während Olivers Leben mit Frau Charlotte (Miranda Otto) und der aufgeweckten Teenager-Tochter Hedvig (Odessa Young) trotz drohender Finanzprobleme herzlich und harmonisch erscheint, leidet Christian. Seine Frau hat ihn verlassen, auch wegen seines Alkoholismus. Jetzt ist er seit ein paar Wochen trocken und hofft auf eine Rückkehr.

Der kleine Ort ist durchzogen von einem Netz intensiver persönlicher Beziehungen. Christian gibt dem Vater und sich immer Schuld am Tod seiner Mutter. Hedvig möchte das erste Mal mit ihrem Freund schlafen. Ihr Großvater Walter (Sam Neill) schweigt auch über eine alte Schuld von Henry, für die er ins Gefängnis ging. Nur Christian will nicht mehr schweigen, als er erfährt, dass sein Vater schon mal mit einer Haushälterin ein Verhältnis hatte, nämlich mit der Frau seines Freundes Oliver. Seine eigene Frustration und Verzweiflung glorifiziert der heimgekehrte und bei der Generalprobe zur Hochzeit wieder betrunkene Sohn als Wahrheit. Eine Wahrheit, die das Netz der Beziehungen brutal zerreißt.

„Die Wildente" weist als Film keine Spuren von Theater oder Bühne mehr auf, erlaubt sich Auslassungen auch im Text, die das Drama verstärken. Die furchtbaren Wahrheiten müssen so exakt inszeniert gar nicht mehr ausgesprochen werden. Überhaupt ist das Spielfilmdebüt von Simon Stone, der das Stück auch auf der Bühne aufführte, tatsächlich nur „nach Motiven von Henrik Ibsens Theaterstück „Die Wildente". Im sozialen Umfeld einer durch Entlassungen verlassenen Stadt ist das Werk von 1885 ganz gegenwärtig und aktuell. Besonders frei und offen fällt das tragische Ende aus.

Der Dachboden mit den zahmen Tieren, auf dem die alten Freunde im Theater „auf Jagd gehen", also das Motiv einer negativen Illusion, wandelt sich im Film zum paradiesischen Schutzraum für bedrohte Tiere. Ganz wunderbar die Szene, in der Aussprache zwischen Tochter Hedvig und Mutter Charlotte ausgerechnet in der Vertretungs-Klasse Geschichte stattfindet, welche die Lehrerin Charlotte übernommen hat. Großartig gespielt von Miranda Otto als Olivers Frau Charlotte und Odessa Young als seine Tochter Hedvig. Auch die australischen Schauspiel-Größen Sam Neill, Geoffrey Rush, Paul Schneider und Ewen Leslie nutzen die Gelegenheit des guten Stoffes und der großartigen Inszenierung, um zu zeigen, wie gut sie tatsächlich sind.

Nicht nur losgelöst von der Akt-Dramaturgie, ganz eigenständig begeistert „Die Wildente" im Filmischen: Kamera (Andrew Commis), Montage (Veronika Jenet) und Soundtrack (Mark Bradshaw) ergeben eine starke Präsenz der sozialen und persönlichen Dramen. So frei und genial erschüttert, berührt und begeistert Theater auch im Kino.

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