18.10.16

Das kalte Herz (2016)

BRD 2016 Regie: Johannes Naber mit Frederick Lau, Henriette Confurius, Moritz Bleibtreu, Milan Peschel 119 Min. FSK: ab 12

Wenn ein Heimatfilm zur Fantasy-Geschichte wird, wenn ein deutsches Märchen aussieht wie eine Reise zu anderen Kontinenten, dann ist ein Film schon mal sehr interessant. Johannes Naber („Zeit der Kannibalen") macht aus Wilhelm Hauffs oft verfilmtem Märchen „Das kalte Herz" eine hoch spannende Sache - in der Handlung, in der Ästhetik und im mehrfach großartigen Schauspiel.

Wir erleben den armen Köhler-Sohn Peter Munk (Frederick Lau) zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur wegen seines Berufs aus der feinen Dorfgesellschaft des Schwarzwaldes ausgegrenzt. Die Köhler als Bewahrer einer natürlichen Kreislaufwirtschaft sehen sich auch einem brutalen Kahlschlag gegenüber, mit dem die Holzfäller dank internationalen Handels reich werden. Peters Liebe zu Lisbeth (Henriette Confurius), der Tochter des Glasmachers, überhaupt Peters Wunsch selbst Glas machen zu können, bringen ihm zu einem Pakt mit dem teuflischen Holländer-Michel (Moritz Bleibtreu). So wie dieser einst sein Herz für den Handel opferte, so raubt er Peter nun das Herz. Der reist darauf durch Europa und kehrt als reicher Mann zurück. Die Rache an der verlogenen, korrupten Gesellschaft gelingt, aber Lisbeth zerbricht am kalten Herz ihrer einstigen Liebe.

Frauen mit abstrakten Tattoos im Gesicht. Schuhplattler beim Volksfest, die in ihrer aggressiven Rhythmik eher bei den Maori als im Schwarzwald angesiedelt scheinen. Diese historische deutsche Provinz ist in „Das kalte Herz" ein großer, eigener Wurf, der völlig fremdartig vor einem steht und doch in den Inhalten und Aussagen verblüffend klar und aktuell ist. Gefangen in seiner schaurigen Höhle unter reihenweise geraubten Herzen, könnte der von Moritz Bleibtreu bedrohlich gespielte Holländer-Michel auch eine Figur aus „Game of Thrones" sein. „Glasmännchen" Milan Peschel hingegen ist im flimmernden Licht ganz romantische Märchengestalt, die sich tragisch für das Gute im Menschen opfert.

Wie „Das finstere Tal" ein exzellenter Alpen-Western war, macht „Das kalte Herz" aus Märchen einen Schwarzwald- Fantasyfilm. Das mag albern klingen und zugegeben manchmal bei den Glasmännchen auch so aussehen. Doch die ganze Geschichte bietet mit der sozialen Anklage, mit den historischen Einsichten, mit der stimmig respektlosen Interpretation vom Volkstümlichen so viel Packendes, das sich Nabers Verfilmung alter Literatur als einer der innovativsten Werke des Jahres einbrennt.

Frederick Lau, der Haupt-Jugendliche aus „Victoria", legt wieder eine klasse Facette seines Talents vor. Die 25-jährige Henriette Confurius („Die geliebten Schwestern"), die schon seit zehn Jahren vor der Kamera steht, macht mit ihrem Auftritt als ungebrochene Liebe Peters neugierig auf weitere Filme mit ihr. Aber vor allem muss man Regisseur und Autor Johannes Naber bewundern, der sowohl für das sterile Hotel-Kammerspiel „Zeit der Kannibalen" als auch für diesen eigentlich durchgehend festgelegten Märchenstoff eine ganz eigene, eindrucksvolle Filmsprache fand. Dass dabei aktuelle soziale, politische oder ökologische Themen deutlich aber nicht plakativ angesprochen werden, macht dieses sehr sehenswerte Kunststück komplett.

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