20.9.16

Snowden

USA, BRD, Frankreich 2016 Regie: Oliver Stone mit Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Nicolas Cage, Zachary Quinto 135 Min. FSK: ab 6

Der dreifach mit Oscars ausgezeichnete Regisseur Oliver Stone ist genau so berüchtigt für sein politisches Engagement wie für seinen Stil in „Nixon", „John F. Kennedy - Tatort Dallas", „Geboren am 4. Juli", „Talk Radio" und „Wall Street": Unter einer hektisch geschnittenen Flut von Bildern, einem Mix aus Inszeniertem und Dokumentarischen geht das eigentliche Thema rettungslos unter. In „Snowden" macht der us-amerikanische Regisseur das Biopic über den Whistleblower Edward Snowden zu einer menschelnden Geschichte mit etwas Thriller im Abgang: Rückblickend wird das Leben vom ehemaligen CIA-Mitarbeiters erzählt, selbstverständlich mit Freundin, Karriere und seiner Epilepsie. Der „Mensch" Snowden soll uns näher gebracht werden, auch wenn seine Aussagen über die rechtlose Spioniererei unserer aller Regierungen allein deutlich genug ist. Die Frage, ob er „Verräter oder Held" ist, kann sich nur jemand stellen, der bis zum Hals im Sumpf konservativer Propaganda steckt. Die Frage, weshalb keine unserer tollen westlichen Demokratien Snowden Exil gewährt, ist eine viel entblößendere.

In einem - für Oliver Stone - sehr betulichen Stil machen wir die Entwicklung eines glühenden Patrioten und Soldaten (auch Stone hat gedient, jawoll!) zum kritischen Bürger mit. Beim ersten Date nennt ihn seine liberale Freundin einen klugen Konservativen. Der jedoch bei drastischen digitalen Eingriffen in die Privatsphäre durch die NSA, bei Hinrichtungen durch Drohnen im Nahen Osten und einer Totalüberwachung in den USA den Glauben an die guten Absichten seiner Auftraggeber verliert. Er erkennt, dass der Kampf gegen allen möglichen Terror nur der Deckmantel für die digitale Kontrolle ist. Und entschließt sich zum historischen Datenklau und der Veröffentlichung entlarvender Fakten aus einem Hongkonger Hotel heraus.

Das Drehbuch schrieb Oliver Stone zusammen mit Kieran Fitzgerald („The Homesman"), basierend auf den Büchern „The Snowden Files: The Inside Story of the World's Most Wanted Man" von Luke Harding und „Time of the Octopus" von Snowdens russischem Anwalt Anatoly Kucherena. Auch mit Snowden selbst sprach Stone, trotzdem bleibt in der Sache selbst, in der Warnung vor der Allmacht der digitalen Überwachung, letztlich Laura Poitras' preisgekrönte Dokumentation „Citizenfour" mit Edward Snowden persönlich wesentlich erhellender und deutlicher.

Die Rahmenhandlung spielt genau in dem Hotelzimmer, das man aus „Citizenfour" kennt. Was trotz des guten Spiels des hervorragenden Schauspielers Joseph Gordon-Levitt („The Dark Night Rises", „Inception") irritiert, aber dies ist ein Film für alle anderen Zuschauer. Wichtige Details wie das Prism-Programm, die Zweifel an der Rechtstattlichkeit der ganzen digitalen Spionage oder die Diskussion über die Art der Veröffentlichung des brisanten Materials werden nur gestreift. Lange ist die chronologische Lebensgeschichte einfach langweilig, nur die letzte halbe Stunde wird spannend und dann gleich auch pathetisch. Zwar gelingt Oliver Stone kein guter Film, aber er macht den richtigen Mann zum größten Freiheits-Helden unserer Zeit. Und gibt dem echten Snowden das letzte Wort. Das ist wirkungsvoller als die ganze Inszenierung Oliver Stones.

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