26.9.16

Frantz

Frankreich, BRD 2016 Regie: François Ozon mit Paula Beer, Pierre Niney, Ernst Stötzner, Marie Gruber 114 Min. FSK: ab 12

Mit „Frantz" hat der Franzmann François Ozon die französisch-deutsche Kulturfreundschaft manifestiert, die er als Erbe Fassbinders schon immer gepflegt hat. „Frantz" ist ein ebenso raffiniertes wie rührendes Gefühlsdrama, inszenatorisch meisterhaft und im Schauspiel großartig. Es lebe die deutsch-französische Völkerverständigung per Film!

In einer deutschen Kleinstadt trauert 1919 auch die Familie Hoffmeister um einen Sohn, der im „großen Krieg" „gefallen ist", wie man das Gemetzel damals euphemistisch verpackte. Das alte Paar hat Anna (Paula Beer), die Verlobte ihres irgendwo in einem Massengrab verscharrten Frantz, bei sich aufgenommen und man stützt sich gegenseitig im Leid. Doch eines Tages findet Paula an der leeren Grabstätte von Frantz fremde Blumen und bald einen weinenden jungen Mann. Der Franzose Adrien Rivoire (Pierre Niney) erzählt, er sei in Frantzens Pariser Studienzeiten mit ihm befreundet gewesen.

Der von vielen Nationalisten angefeindete Besucher wird von der Familie Hoffmeister nach kurzem Zögern aufgenommen und spendet mit seinen Erinnerungen Trost. Vor allem Anna lebt wieder auf, tanzt beim Erntedank, genießt die Welt bei gemeinsamen Spaziergängen und interkulturellen Gesprächen. Für sie geht eine Sonne auf – der Film wechselt unmerklich von Schwarz-Weiß zu Farbe.

Ein Vexierbild ist „Frantz" auch auf der Handlungsebene. Denn er packt nicht nur mit einer intensiven Geschichte, mit sehr emotionalen Szenen und Figuren, er ist plötzlich auch ein spannendes Spiel mit Lüge und Wahrheit, bei dem man dem Film selbst nicht trauen kann. Regisseur und Autor François Ozon führt einen fast eine Stunde lang auf eine falsche Fährte und auch nach dem Film gibt es noch lange Diskussionen, was wahr und was nicht wahr war. Ebenso wie Rilke wird auch Paul Verlaine zitiert, wobei dessen schwierige schwule Beziehung zu Arthur Rimbaud Teil der Täuschungs-Strategie des Films ist.

Die einfache Geschichte basiert auf der amerikanischen Vorlage eines deutschen Regisseurs, „Broken Lullaby" von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1932. Die geniale Variante „Frantz" ist das Meisterwerk eines schon immer in vieler Hinsicht grenzüberschreitenden Mannes, dessen Filmographie den Rahmen sprengt. In „Eine neue Freundin" wurde ein Transvestit zum alleinerziehenden Vater und Liebhaber, in „Jung & schön" prostituierte sich eine gut situierte junge Frau, „Das Schmuckstück" war Catherine Deneuve als dekorative Frau eines Industriellen, im „Swimming Pool" fantasierte sich Charlotte Rampling in das Sexualleben ihrer Mitbewohnerin Ludivine Sagnier und das erotische Frühwerk „Tropfen auf heiße Steine" war Ozons Fassbinder-Homage.

Nun schenkt er uns wieder so ein Kino-Glück mit erlesen schöner Sprache, wunderbarem Spiel und einer betörenden Kamera-Führung. Da ist dann vor allem diese Schauspielerin, bei der man dauernd überlegt, welcher der französischen Superstars da gerade spielt. Die Binoche, Marion Cotillard? Aber nein, es ist die in Mainz geborene Paula Beer, die so unglaublich gut und präsent ist. Man hätte sie bisher in „4 Könige", dem Alpen-Western „Das finstere Tal" oder in dem baltischen Historiendrama „Poll" erleben können. In Venedig gab es gerade den „Marcello-Mastroianni-Preis" für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung in „Frantz", allerdings war es eine äußerst reife Leistung.

Dass die Geschichte um das Gefühl des Fremdseins, das Anna später auch in Frankreich durchlebt, von rührendem Mitgefühl und tiefem Humanismus durchdrungen ist, macht „Frantz" neben allem Genuss zu einer zeitlosen Warnung vor Krieg in jeder Form. „Wer hat die Söhne an die Front geschickt? Wer hat ihnen Bajonette und Munition geliefert? Wir die Väter!". So lautet die Anklage des Vaters Hoffmeister, der zuerst auch den Fremden abgewiesen hat.

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